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Was die RTL-Chefin bei Klaus Boldt hervorwölben lässt

11 Mrz 11
11. März 2011

Der verlogenste Artikel zum Weltfrauentag stand dann aber doch nicht in „Bild“, sondern im Online-Auftritt des „Manager Magazins“. Der Medienredakteur Klaus Boldt, dessen Artikel berühmt dafür sind, dass man mit den in ihnen geflochtenen Girlanden eineinhalb mal sämtliche Karnevalsfeiern des südlichen Rheinlandes ausstatten könnte, hat Anke Schäferkordt getroffen, die erfolgreiche Geschäftsführerin von RTL, eine Frau.

Boldt hat sich in Schäferkordt verliebt. Ich weiß nicht, ob es etwas Erotisches ist, ihre Ausstrahlung, ihre Bilanzen oder auch nur ein gemeinsames Desinteresse am Medium Fernsehen. Ich fürchte, mit einmal kalt Duschen wird es nicht getan sein, aber ein Eimer Wasser über den Kopf könnte sicher nicht schaden.

Boldt ist ganz entrückt angesichts der Tatsache, dass diese Frau so erfolgreich ist und dieser erfolgreiche Manager eine Frau. Er lässt sich nicht davon beeindrucken, dass Schäferkordt die schöne Formulierung benutzt, sie sei „durchgängig gelangweilt“ von dem Thema, dass sie als Frau ein Milliardenunternehmen leite. Er versucht manchmal, seine Ungläubigkeit hinter Uneigentlichkeit zu verstecken, so als seien es nur die anderen, die staunten über diese Kombination von Geschlecht und Gewinn. Es gelingt ihm nicht.

Er schreibt, sie gelte als „Wonder Woman der deutschen Wirtschaft“, aber das hat er sich sicher nur ausgedacht. Sie ist seine Wonder Woman. Sie bringt ihn dazu, den üppigen Platz, den ihm die Zeitschrift eingeräumt hat, nicht nur mit verwegenen Ortsbeschreibungen zu füllen, sondern auch mit etwas, das er selbst „Weibergeschwätz“ nennt:

Wonder Woman kehrt vom Fenster an den Besprechungstisch zurück. Sie trägt einen Hosenanzug, der, wenn nicht alles täuscht, von der Farbe dunkler Alpenveilchen ist. Die Sekretärin liefert einen Cappuccino, Wonder Woman bleibt lieber beim Wasser: Sie ist erkältet und hustet, wofür sie sich höflicherweise jedes Mal entschuldigt.

Schäferkordt wurde, was womöglich Anlass seiner Liebeserklärung ist, in den Aufsichtsrat von BASF berufen, was laut Boldt einerseits eine Versammlung ist, in der sich „Wirtschaft und Weisheit so verdichten“ wie in wenigen anderen, andererseits womöglich übertrieben. Über den BASF-Aufsichtsratschef Eggert Voscherau schreibt er:

Dass Schäferkordt eine Frau sei, habe bei ihrer Berufung überhaupt keine Rolle gespielt. Geschadet hat es aber auch nicht: Man müsse ja „nicht gegen den Trend laufen, wenn man jemanden findet, der passt“, sagt Diplomat Voscherau.

Und so fragt Boldt:

Wer ist diese Frau, deren Aufstieg sich im Reich der Bertelsmann AG vollzog, die zu den Hochburgen des Machismo in diesem Lande gezählt werden darf?

Das „Manager Magazin“, muss man wissen, gehört auch zum Reich der Bertelsmann AG, weshalb man diesen Satz natürlich auch als eine Art augenzwinkernde Entschuldigung für den Chauvinismus des Artikels, in dem er steht, lesen kann, was ungefähr so gut gelingt wie der Versuch, eine Dauererektion unter einer Papierserviette zu verstecken.

Jedenfalls, also, wer ist nun diese Frau?

Wonder Woman ist eine gewandte, mittelgroße Frau; sie hat ein angenehmes Äußeres, ein nicht minder angenehmes Wesen und die sanfte Altstimme einer Schnulzensängerin. Sie ist kinderlos und unverheiratet, aber seit 20 Jahren mit dem Dr. Abteilungsdirektor Biermann vom Haus der Geschichte zu Bonn aufs Glücklichste liiert. Sie ist 48 und sieht aus wie 35.

Sie sah aus wie 35, und er war wieder 16. (War allerdings Winter.)

Das Gestelzte einer Business-School-Amazone geht ihr völlig ab, ihr Blick ist scharf und klar mit etwas Ehrlichem und Unschuldigem und Unverdorbenem darin, was man in dieser Branche nicht allzu oft zu sehen bekommt. Sie ist freundlich, aber auch nicht so vertraulich, als wollte sie einem einen Tipp fürs nächste Pferderennen geben.

Das ist ein Fluch. Wenn andere davon träumen, Pferde zu stehlen, wollen Wirtschaftsmagazinredakteure nur Tipps, wie man mit ihnen Geld verdienen kann.

Vielleicht liegt es nur an mir, aber in diesem Kontext lesen sich selbst Boldts gespreizte Verben fast pornographisch:

Im ersten Halbjahr 2010 wölbte sich der Umsatz (2009: 1,7 Milliarden Euro) um 5 Prozent auf 864 Millionen Euro vor, das Ebita dehnte sich um knapp 63 Prozent auf 257 Millionen Euro aus.

Jedenfalls:

Die Herren des Hauses Bertelsmann, dessen Betriebskapital von RTL in wünschenswertester Weise gestärkt wird, nicken einander zu und lassen die angenehmsten Scherze einfließen, der Art, dass man von außen nicht sagen könne, ob RTL nun von einem Weibe oder einem Manne geführt würde oder nicht.

Mein Draht zu Frau Schäferkordt ist nicht gut genug, um das herauskriegen zu können, aber ich wüsste gerne, ob es ihr beim Lesen dieser Stelle so ging wie mir und die Langeweile kurz von dem Geruch von Erbrochenen überlagert wurde. Aufs angenehmste, natürlich.

Tatsächlich ist bei Schäferkordt schon an dieser Stelle unbedingt die Intuition anzuführen, die den Damen bekanntlich im Übermaß zur Verfügung steht: Ihre Fähigkeit, den Publikumsgeschmack zu erraten, prägte sich bereits aus, als sie noch bei Vox die Sendeleitung innegehabt hatte.

Doch, Bauchgefühl, das haben sie, die Frauen.

In ihrer Amtszeit hat sie dem Senderrepertoire strategische Konturen verliehen und ein loses Ensemble zum soliden Ganzen zusammengeführt. Das Angebot leistet sich kaum Blößen: „Deutschland sucht den Superstar“, „Wer wird Millionär“, „Das Supertalent“, „Bauer sucht Frau“, dazu Boxen und die Rennen der Formel 1 — die Marktanteile der Konkurrenz lösen sich auf wie Brausetabletten.

Was immer „strategische Konturen“ sein mögen: Vier der sechs genannten Sendungen waren lange vor dem Amtsantritt von Schäferkordt tragende Säulen des RTL-Programms und Boxen ist es heute vermutlich weniger denn je. Aber Boldt ist längst zum englischen Patienten geworden:

Es kommt selten vor, dass jemand, nach seiner Arbeit gefragt, so freundlich, ja geradezu hingebungsvoll von seinem „Team“ spricht wie die RTL-Intendantin. Sie hat so eine gewisse Art, die einen an Lazarettschwestern denken lässt, die Verwundeten Erste Hilfe leisten.

„Fernsehen — und das ist wirklich schön und macht mir deswegen so viel Spaß — ist Teamarbeit. Den Programmerfolg würde ich nie für mich persönlich in Anspruch nehmen. Ich muss letztendlich nur alles zusammenhalten und ein wenig die Richtung weisen.“ Sie bringt diese Sätze mit Frische und Aufrichtigkeit vor, aber auch nicht so, als würde sie sie extra in ihr Tagebuch eintragen wollen.

Neinnein, ins Tagebuch nicht. Nur ins „Manager Magazin“.

Schäferkordt ist zwar ideologiefeste Bertelsfrau, und ihre unbeschwerte Arbeitsweise hat einiges damit zu tun, dass sie ihr gesamtes Berufsleben in diesem Unternehmen verbracht hat. Aber nicht nur BASF betrachtet sie mit Augen, in denen sowohl Neid liegt als auch Verlangen.

Verlangen! Sicherheitshalber hat Boldt hinzugefügt:

So eine wie die Schäferkordt hätten auch andere Unternehmen gern.

(Hervorhebung von mir.)

Das Dschungelcamp und das Sich-Ekel-Fernsehen von „Spiegel-TV“

31 Jan 11
31. Januar 2011

Es ist immer wieder ein Kulturschock, wenn im RTL-Programm „Ich bin ein Star — holt mich hier raus“ an das Magazin von Spiegel-TV stößt. Auf der einen Seite diese läppische Sendung mit ihren albernen Witzen und schlechten Kalauern, die fast nur von Häme lebt. Und auf der anderen Seite das Dschungelcamp.

Dabei haben sich die Spiegel-TV-Leute viel Mühe gegeben in den vergangenen beiden Wochen, von der Aufmerksamkeit für die Dschungelshow zu profitieren. Sie haben einen Bericht gemacht über Rainer Langhans und einen über „Promis in der Schuldenfalle“. Sie haben berichtet über den „Dschungel unter deutschen Dächern“, über „Neues aus der Ekel-Forschung“ und, natürlich, über Hitler. Hitler war nämlich, genau wie Sarah Dingens im Camp, Vegetarier! „Die vegetarische Fangemeinde lässt es gern unter den Tisch fallen, doch es ist wahr: Adolf Hitler aß zu Lebzeiten kaum Fleisch.“

Und nun das Finale. Keine Werbepause, kein Sponsor, unmittelbar nach der letzten Szene aus dem australischen Dschungel wird die Temperatur auf Frösteln heruntergedreht:

Maria Gresz steht da und sagt:

„Jetzt ist es also soweit: Des Deutschen liebstes Hassobjekt ist am Ende und seine Hauptdarsteller irgendwie auch. Ab morgen können wir nur hoffen, dass im Kanzlercamp wieder die Post abgeht. Dass Angela mit Guido rumknutscht. Dass Claudia rot sieht und ausplaudert, dass die Regierungsarbeit nur Show ist und dass die Abgeordneten nur mitspielen, weil sie dafür Geld vom Privaternsehen bekommne. Ich weiß, das wird nicht passieren. Wär aber lustig. Derartige Unterhaltung gibt es eben nur im Dschungel. Dort wo die Zivilisation freiwillig ihre Hüllen fallen ließ und damit Millionen Zuschauer zu glücklichen Voyeuren machte.“

In zwei Wochen im Dschungel wird den Kandidaten, den Tieren und der Menschenwürde nicht so viel Gewalt angetan wie der deutschen Sprache in einer einzigen Spiegel-TV-Anmoderation. Wer danach nicht sofort abschaltet, steckt sofort knietief in einem Metaphernschlammbad, gefüllt mit gammeligen Teekesselchen. „Die vermeintliche Machtausübung“ der abstimmenden Zuschauer, sagt der Sprecher, „sorgt für besonderes Kribbeln — auch am Körper des Altkommunarden Rainer Langhans.“ Das Bild dazu:

Später heißt es: „Ehemalige Camp-Bewohner können ein Lied davon singen“ — bitte schön: Werner Böhm tut es.

Spiegel-TV-Leute leiden unter einer schlimmen Synonymzwangsstörung. Über Rainer Langhans darf nicht berichtet werden, ohne ihn mindestens einmal den „Apo-Opa“ zu nennen. Mit der Alternative „Gleichmut-Guru“ gibt es später noch Alliterations-Bonuspunkte. Und überhaupt, was ist der Dschungel? „Das Guantanamo der Z-Prominenz.“

Auf den ersten Blick ungewöhnlich ist es, dass Spiegel-TV ausgerechnet das Berliner Rumpelblatt „B.Z.“ als Beleg dafür zeigt, dass „das deutsche Feuilleton — ganz im Geiste Brechts — eine reflektorische Metaebene beim Miteinander von Mensch und Made“ entdeckt habe. Vermutlich bringt aber der Autor des entsprechenden Beitrags selbst die fehlende behauptete Fallhöhe mit:

Ross Antony, der die Show vor drei Jahren gewann und dabei auf sympathisch-schockierend-lustige Weise seine eigenen Phobien überwand, wird im Spiegel-TV-Deutsch zum „bekennenden Homosexuellen“, der „etwas Gutes für seine Community tun wollte“.

Und fast jeder Satz trieft von Herablassung. Es ist Sich-Ekel-Fernsehen bis hin zur Anmaßung, den Teilnehmern pauschal „verunglückte Lebensentwürfe“ zu unterstellen. Dann ist der Dschungelbeitrag vorbei (oder wie Spiegel-TV sagen würde: am Ende), und die Moderatorin leitet wie folgt zum nächsten Thema über:

„Es soll in dieser Welt noch Menschen geben, die weniger scharf auf Kameras sind. Waffenhändler zum Beispiel.“

Den Beitrag auf spiegel.de ansehen

Die schlechten Menschen von „Deutschland sucht den Superstar“

09 Jan 11
9. Januar 2011

Bei „Deutschland sucht den Superstar“ gibt es drei Gruppen von Menschen, deren Verhalten ich nicht verstehe.

Die erste sind die Leute, die das gucken. Siebeneinhalb Millionen haben die erste Folge der neuen Staffel gesehen — obwohl die Sendung so berechenbar, formelhaft und ausgewalzt ist wie kaum eine andere.

Das zweite sind die Leute, die da hingehen. Zigtausend Kandidaten hatten sich wieder beworben — obwohl sie wissen könnten, dass sie nur Rohmaterial für eine Maschinerie sind, die bestenfalls verspricht, nach einem absurden Aufwand und vielen Demütigungen, eine einzige erfolgreiche Single zu produzieren.

Das dritte sind die Leute, die das produzieren.

Über die ersten beiden Gruppen ist ausdauernd diskutiert worden. Über die Anziehungskraft der Show auf das Publikum und noch viel mehr über die Frage, ob man die Menschen, die dort mitmachen, vor sich selbst schützen müsste. Einige der Kandidaten, über die sich RTL ausführlich lustig macht, wirken geistig behindert. Aber erstens ist das kein klares Kriterium und zweitens keine Antwort auf die Frage, wie man mit ihnen umgehen müsste. Diese Leute dürfen, mutmaßlich, wählen, Geld ausgeben, heiraten, ihr Leben selbst bestimmen. Womöglich haben sie auch das Recht, sich vor der Nation zu Deppen zu machen.

Es ist wie beim alten Dilemma vom Zwergenweitwurf: Verstößt eine solche Veranstaltung gegen die Menschenwürde oder gehört zu dieser Menschenwürde, im Gegenteil, auch das Recht eines Zwergen, sich aus freien Stücken zum Objekt eines solchen Spektakels zu machen?

Mindestens so interessant finde ich aber eine andere Frage: Was sind das für Menschen, die mit Zwergen werfen wollen?

Auf „Deutschland sucht den Superstar“ bezogen, ist das natürlich diejenige der eingangs genannten Gruppen, deren Verhalten oberflächlich am einfachsten zu erklären ist: Leute arbeiten für „Deutschland sucht den Superstar“, weil sie damit Geld verdienen. Sie tun nur ihren Job.

Und doch verstehe ich diese Gruppe am wenigsten. Ich kann die Schadenfreude beim Gucken nachvollziehen, ich kann die Selbsttäuschung der Kandidaten erahnen, aber ich weiß nicht, wie verkommen man sein muss, um die Liebe einer todkranken Frau zu ihrem Sohn, der sie rund um die Uhr pflegt, als Mittel zu benutzen, um seine öffentliche Demütigung zu maximieren.

Der dreißigjährige Stefan hat nichts von einem Superstar, er hat nicht einmal etwas von einem RTL-„Superstar“. Er kann nicht singen; er ist, wenn er es vor der Jury versucht, eine lächerliche Figur. Andererseits bringt er eine ungewöhnlich tragische Lebensgeschichte mit sich.

Das ist eine ungewöhnliche Kombination von zwei Eigenschaften, die RTL für seine Show braucht, sonst aber streng trennt: Eigentlich sind es die Gewinner, die die persönlichen Schicksale mitbringen und dadurch noch bewundernswerter wirken.

Stefan erzählt Dieter Bohlen und den zwei Jurystatisten von seiner Liebe zur Musik und von seinem harten Leben. Nachdem er gesungen hat, bemühen sich die drei, ihm ungewöhnlich schonend beizubringen, dass er nicht in die nächste Runde kommt. Jedem Zuschauer ist klar, dass das milde Urteil nicht die wahre Leistung widerspiegelt, sonden rausschließlich Zeichen des Respekts ist vor dem persönlichen Schicksal des Kandidaten. Selbst Dieter Bohlen schafft es, eine menschliche Seite von sich zu zeigen.

Kurz.

Dann ist der Kandidat gegangen und Bohlen sagt zu der Frau neben sich: „Hätte er die kranke Mutter nicht, hätte ich ihn fertig gemacht.“

Das war den Zuschauern schon klar. Aber dass Bohlen es ausspricht und dass RTL es ausstrahlt, gibt dem ganzen eine andere Dimension. Bohlen schafft es, gleichzeitig zu betonen, dass er zu Mitleid fähig ist, und seine Mitleidslosigkeit zu demonstrieren, indem er dem Kandidaten und der Welt auf diesem Weg trotzdem noch mitteilt, dass er richtig scheiße war — nur damit da keine Missverständnisse bleiben.

Während des Auftrittes des Kandidaten hatte die Produktion ihre eigene Skrupellosigkeit bewiesen. Während er die letzten Zweifel, ob er wirklich so schlecht ist, wegsang, schnitt sie noch einmal die Aussagen seiner Mutter dazwischen, die sich wünschte, dass DSDS für ihn ein „Sprungbrett“ sein könnte, „weg von seiner kranken Mutter“. Mit billigstem Geigenkitsch und verdunkelten Zeitlupenaufnahmen hatten RTL und die Produktionsfirma Grundy die Geschichte der todkranken Frau, die im Rollstuhl sitzt und einen Sauerstoffschlauch trägt, vorher in Szene gesetzt — reiner Zynismus, wie sich herausstellte.

Während Stefan seine Talentlosigkeit zeigte, zeigte RTL noch einmal, wie seine Mutter schwärmte: „Stefan ist der neue Superstar. Und er hat das Talent.“

Diese Diskrepanz zwischen der Liebe und Hoffnung einer Mutter und der Realität wäre dem Zuschauer auch so schmerzhaft bewusst geworden, aber die Produzenten von „Deutschland sucht den Superstar“ gingen auf Nummer sicher und schnitten das direkt ineinander. Sie benutzten Stefan und seinen missratenen Auftritt, um seine kranke Mutter zu verhöhnen. Und sie nutzten die kranke Mutter und ihren verklärten Blick auf ihren Sohn, um Stefan zu verhöhnen.

Ganz unabhängig davon, wie der Kandidat das fand, der anscheinend dankbar war, dass er überhaupt teilnehmen durfte: Das muss man erst einmal tun wollen.

Das ist die Frage, die ich mehr als jede andere stelle, wenn ich „Deutschland sucht den Superstar“ gucke: Was sind das für Menschen, die an einer solch verkommenen Inszenierung mitwirken? Tom Sänger, der Unterhaltungschef von RTL, hat einmal gesagt: „Wir sind sehr darauf bedacht, die Akteure nicht zu beschädigen.“ Ich weiß nicht, ob das Zynismus ist. Oder ob man, wenn man lange genug in diesem Umfeld gearbeitet hat, abstumpft. Oder ob es doch einfach schlechte Menschen sind, die dort arbeiten.

(Den Auftritt kann man sich bei Clipfish ansehen.)

Die verspätete Fernsehkritik: Thilo Sarrazin bei Günther Jauch

01 Nov 10
1. November 2010

Vergangene Woche war Thilo Sarrazin bei Günther Jauch, und keiner hat’s gemerkt.

Das stimmt natürlich nicht; die Sendung hatte fast vier Millionen Zuschauer, fast genau so viele wie „Anne Will“ am Sonntag zuvor. Aber während keine Ausgabe von „Anne Will“ unrezensiert bleibt, hat Sarrazins Auftritt bei „Stern TV“ fast keine mediale Resonanz gefunden. Sein Magazin werde „publizistisch kaum mehr wahrgenommen“, stellte Jauch vor einem halben Jahr fest. In diesem Fall war das vielleicht besser so.

Der Besuch von Sarrazin war ein guter Anlass, sich einmal anzusehen, wie Jauch mit einem solchen Gast und einem solchen Thema umgeht, bevor er demnächst den traditionsreichen Polit-Talk am Sonntagabend im Ersten übernimmt. Er machte keinen guten Eindruck.

Seine Redaktion auch nicht. Bevor Sarrazin im „Stern TV“-Studio sprach, sprach er, wie in dieser Sendung üblich, in einem „Stern TV“-Filmbericht und erklärte, wie Deutschland zu retten sei. Zum Beispiel: „Wer seine Kinder nicht vernünftig beschult, dem wird die Sozialhilfe teilweise gestrichen. Wenn Kinder die Schule schwänzen, gibt es Geldstafe für die Eltern.“ Sarrazin erwähnte nicht, dass Schulschwänzen bereits jetzt eine Ordnungswidrigkeit darstellt und Eltern von Schulverweigerern ein Bußgeld droht. „Stern TV“ erwähnte es auch nicht.

Jauch rollte Sarrazin einen kuscheligen roten Teppich aus. Seine erste Frage lautete: „War ihnen klar, dass Sie über eine Million Bücher verkaufen würden und dass sie im Grunde so einen Integrationsdebattentsunami über Deutschland auslösen würden?“ Kritische Fragen verpackte er in dickste Watte: „Viele sagen: ‚Der hat ja nicht ganz unrecht, aber er bringt uns nicht weiter. Durch sein Buch werden die Dinge nicht besser, der Graben zwischen Deutschen und Menschen mit Migrationshintergrund, der wird dadurch vertieft anstatt dass er zugeschüttet wird.‘ Sie würden die Probleme nicht lösen, sondern nur vertiefen. Ist da nicht was dran?“ Oder: „Wenn Sie mit Ihrem Buch gar nicht provozieren wollten, wenn man das alles, was sie schreiben, ja wohl auch noch wird sagen dürfen in diesem Land, warum haben Sie denn dann den Dienst quittiert?“ Ob der Halbsatz mit dem, was man ja wohl nach sagen dürfen wird in diesem Land, ein Zitat der entsprechenden „Bild“-Schlagzeile oder Jauchs Meinung, blieb offen.

Jauch sagte: „Es gibt Umfragen, die besagen, dass Sie mit ihren Thesen durchaus eine neue politische Partei gründen könnten, die auf Anhieb erfolgreich wäre. Die einen sagen 18 Prozent, andere sagen 20 Prozent, andere sind in ihren Schätzungen noch optimistischer.“ Die Zahlen, die Jauch nennt, sind tatsächlich durch die Medien gegangen, aber ihre Interpretation ist falsch. 18 ist — laut einer Emnid-Umfrage — nicht der Prozentsatz, den eine Sarrazin-Partei bei Wahlen erringen würde, sondern die Zahl der Menschen, die es sich „vorstellen“ können, eine solche Partei zu wählen. Ein gewaltiger Unterschied.

Jauch zitierte den Satz von Bundespräsident Christian Wulff, der Islam gehöre zu Deutschland, und fragte Sarrazin: „Sehen Sie das auch so?“ Sarrazin antwortete unter anderem:

„Was er meint und hätte sagen sollen: Wer islamischen Glaubens ist und bei uns die Gesetze einhält und sich einfügt, kann und soll bei uns leben, wenn er denn sein Brot selber verdient. Das wäre eine vernünftige Aussage.“

Was für eine bemerkenswerte Formulierung, die deutlich macht, wie Sarrazin Moslems diskriminiert. Sie müssen aufgrund ihrer Religion offenkundig Anforderungen erfüllen, die Christen, Atheisten und Agnostiker nicht erfüllen müssen. Was soll, seiner Meinung nach, mit muslimischen Deutschen passieren, die nicht ihr Brot selber verdienen? Oder meint Sarrazin hier nur muslimische Einwanderer? Das wäre aber eine erstaunliche Ungenauigkeit, wo er unmittelbar zuvor dem Bundespräsidenten, stotternd und sich verhaspelnd, vorgeworfen hat, unsauber zu formulieren.

Und was machte Jauch? Er hakte nicht nach, er sprach Sarrazin nicht darauf an, er las die nächste Frage von seiner Karte ab.

Sarrazin sagte noch mehr erstaunliche Sätze. Zum Beispiel:

„Die Wahrheit bringt immer weiter. Und die Wahrheit kann auch nie schädlich sein. Ich habe immer darauf gewartet, dass irgendwer mal kommt und sagt: ‚Das und das in dem Buch ist falsch. Das und das ist logisch falsch, hier sind falsche Zahlen.‘ Das hat es nicht gegeben. Von den Argumentationslinien meines Buches ist bis heute eigentlich keine widerlegt oder auch nur hinterfragt worden.“

Später sagte er, die „Tatsachen und Zusammenhänge“ aus seinem Buch seien „bis heute unbestritten“. Man kann sich womöglich darüber streiten, ob Aussagen und Argumentationen aus Sarrazins Buch widerlegt wurden. Aber zu behaupten, niemand hätte ihm faktisch widersprochen oder seine Argumente hinterfragt oder bestritten, ist offensichtlich unwahr. Jauch ließ es ihm durchgehen.

Die Redaktion hatte für einen weiteren Filmbericht verschiedenen Familien ausgesucht, die gelungene und misslungene Integration repräsentieren sollten. Auf der einen Seite: Arabische Großfamilien mit Menschen, die auch nach vielen Jahren in Deutschland kein deutsch sprechen. Auf der anderen Seite: Einwanderer aus Kasachstan, deren Kinder schon kein russisch mehr sprechen, dafür aber jeder ein Musik-Instrument gelernt haben. Der Kontrast zwischen dem abgeschotteten Ghetto im Hochhausviertel und der heilen Welt im Einfamilienhaus in der Kleinstadt war fast schon lächerlich maximal — und hätte zu der fruchtbaren Frage führen können, in welchem Maß der soziale Status (im Gegensatz zur Fixierung auf Herkunft und Religion) eine Rolle bei der „Integration“ spielt.

Fakten, Statistiken, Studien darüber, wie typisch die gezeigten Fälle sind, erwähnte „Stern TV“ nicht. Jauch sagte bloß, die Nicht-Integrierten, die zu sehen waren, seien ja wohl keine Einzelfälle. Es hätte dann noch eine Diskussion geben sollen, aber die scheiterte schon an der Auswahl der Gäste. Houaida Taraji, die Familien– und Frauenbeauftragte im Zentralrat der Muslime, hatte zu der Diskussion nichts beizutragen. Und der Stadtteilmanager von Bremen-Tenever, Joachim Barloschky, hätte zwar von seinen persönlichen Erfahrungen im täglichen Umgang mit vielen Nationen in einem Problemviertel berichten können — dazu hätte man ihn aber dazu befragen müssen.

Nach insgesamt über einer halben Stunde zu dem Thema bedankte sich Jauch bei den Diskussionsteilnehmern herzlich dafür, dass es „richtig Hin– und Hergegangen“ sei, denn das sei auch „Sinn der Sache“ gewesen.

Dem „Zeit“-Magazin hat Günther Jauch im vergangenen Jahr erzählt, welches Gefühl er manchmal hat, wenn er eine politische Talkshow sieht:

„Ich sitze oft vor dem Fernseher und denke: So, jetzt hat sie oder er den Politiker! Der Ball liegt vor dem leeren Tor, man muss ihn nur noch reinschieben. Aber was passiert? Die Kollegen stoppen den Ball und laufen mit ihm in die andere Richtung.“

Am vergangenen Mittwoch hatte er selbst nicht einmal Ballkontakt.

Ein Teenie-Puff als Heim für ungeliebte Kinder: Wie RTL für Lolita-Prostitution wirbt (2)

14 Okt 10
14. Oktober 2010

Sprecherin: Dass der achtzigjährige Rentner [Rolf Eden] immer noch so rüstig unterwegs ist, verdankt er ganz klar seinem Lebensstil.

Eden: Man sieht’s ja an meiner Person. Ich bin ja nicht mehr der Allerjüngste. Und trotzdem hab ich ein Lebenselixier von 18-, 20-, 30-Jährigen. Und das machen die jungen Damen natürlich. Sex mit jungen Frauen ist das Gesündeste, was man haben kann für den Mann.

Das ist das Fazit der RTL-Reportage „Und ewig lockt Lolita“ über „Deutschlands erstes Teeny-Bordell“ (sic!), von der gestern an dieser Stelle schon die Rede war. Die Produktion der Firma Filet Film für AZ Media zeigt nicht nur, wie sich Männer gegen Geld dieses „Lebenselixier“ beschaffen können, sondern stellt die Arbeit als Lolita-Prostituierte auch als ganz normalen und lukrativen Berufsweg für Achtzehnjährige dar, die sich mit Schule oder anderen Berufsausbildungen schwer tun.

Doch das Schulmädchen-Bordell, für das die Sendung ausführlich wirbt und das „in eine Welt der Kniestrümpfe, Zöpfchen, und der Freude an freier Sexualität“ einlädt, ist laut RTL nicht nur finanziell attraktiv, sondern bietet sich anscheinend auch als emotionale Alternative für Mädchen an, die in ihrer eigenen Familie auf Ablehnung stoßen.

Am 22. September, zwei Tage nach der spätabendlichen Ausstrahlung von „Und ewig lockt Lolita“, griff RTL in seinem Mittagsmagazin „Punkt 12″ auf die offensichtlich guten Kontakte zu dem Lolita-Bordell-Betreiber zurück. Tags zuvor hatte nämlich die „Bild“-Zeitung negativ über das von dem Sender beworbene Etablissement berichtet. Eltern eines 18-jährigen Mädchens, das dort als Prostituierte arbeitet, hätten versucht, ihre Tochter aus dem „Teenie-Puff“ zu befreien. Die Mutter behauptete in „Bild“, ihre Tochter sei labil und werde systematisch unter Drogen gesetzt. Vor Ort sei es zu einem Handgemenge gekommen, die Polizei sei mit einem Großaufgebot angerückt — aber die Tochter habe nicht mit ihrer Familie mitfahren wollen. („Bild“ titelte dennoch: „Eltern befreien Tochter (18) aus Teenie-Puff!“)


Katja Burkard, betroffen.

„Punkt 12″ sendet am nächsten Tag eine Art Gegendarstellung. Katja Burkard fragt die Zuschauer in ihrer Anmoderation zunächst rhetorsch: „Was geht in Eltern vor, wenn sie erfahren, dass ihre 18-jährige Tochter in einem Bordell arbeitet?“ Doch die „ganze Geschichte“, die sie dann ankündigt, ist eine andere als erwartet. Der Beitrag schildert das Handgemenge und den Polizeieinsatz, und dann:

Sprecher: Zu diesem Zeitpunkt denken die Beamten vermutlich noch, sie müssten eine junge Frau aus einem Bordell befreien. Aber dann trauen Sie ihren Ohren kaum. Chrissi will gar nicht weg.

Chrissi: Ich bin alt genug, um zu wissen, was gut für mich ist und was nicht gut für mich ist. Ich bin hier, weil: Mich hat das interessiert, dieses Milieu, sag ich einfach mal. Und natürlich spielt das Geld auch eine Nebenrolle.

Sprecher: Auch wenn es schwer nachzuvollziehen ist: Chrissi sagt, hier in dem Bordell, habe sie tatsächlich so eine Art Familie gefunden. Denn zuhause, das war für sie die Hölle. (…) Chrissis Job ist also auch eine Art Flucht. Aber Drogen, versichert sie, die seien hier nie im Spiel gewesen. (…) Die 18-Jährige macht eigentlich einen Job als Altenpflegerin. Und jobbt doch lieber als Hure.


Der Bordell-Betreiber und seine „Hure“.

Der RTL-Bericht schildert nicht die Position der Gegenseite, der Eltern und des Ex-Freundes. Das „Punkt 12″-Team hat die Aussagen des Mädchens aber einer Fernsehpsychologin gezeigt, die nun als eine Art lebender Lügendetektor attestiert:

Katharina Ohana: Auf mich macht sie überhaupt keinen unsicheren Eindruck, also sie scheint sich ihrer Sache ganz sicher zu sein. Sie weiß genau, was sie will. Sie wirkt weder, als würde sie unter Drogen gesetzt, noch als hätte sie irgendeinen Zweifel an dem, was sie tut. Sie hasst regelrecht ihren Stiefvater, sie erfährt von der Mutter überhaupt keine Unterstützung. Dass sie dort in dem Bordell eine Art Familie findet.

Ist das nicht schön? Dass es solche Orte in Deutschland gibt, an denen Kinder die Wärme erfahren, die ihnen ihre Familien nicht geben können? Orte, an denen diese Kinder diese Wärme dann weitergeben können an alte Männer, die dafür bezahlen, dass sie ihnen als „Lebenselixier“ dienen?


Das Bordell wirbt bei Twitter für den Fernsehauftritt.

Immerhin hat sich „Punkt 12″, anders als die im selben Programm vor zwei Tagen gelaufene Werbe-Reportage über dasselbe Bordell, als Fazit für ein bisschen Distanz entschieden. Der Sprecher knarzt moralisch:

Sprecher: Eine Art Familie im Bordell. Allein das sollte Chrissis Mutter und ihrem Stiefvater zu denken geben. Die Flucht ins Milieu, sie ist damit womöglich doch nicht so ganz freiwillig.