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Der Unterschied zwischen Schwulen-Gegnern und Schwulen-Gegner-Gegnern

12 Feb 14
12. Februar 2014

Gegen Ende ihrer Talkshow wollte Sandra Maischberger demonstrieren, wie hoch die Emotionen auf beiden Seiten der Debatte gehen.

Sie zitierte aus Kritik, die das Publikum gegenüber dem Deutschlandfunk einerseits und ihrer Redaktion andererseits äußerte. „Dem Deutschlandfunk wurde im Prinzip vorgeworfen, zu schwulenfreundlich zu sein“, sagte sie. „Uns wurde im Vorfeld der Sendung vorgeworfen, zu schwulenfeindlich zu sein. Und das Interessante ist dabei“ — sie zögerte und schaute betroffen in die Kamera — „die Wahl der Worte.“

Dann zeigte sie Beispiele. Einerseits:

„Homosexualität ist und bleibt pervers. In vielen Ländern ist sie bei Strafe verboten. Sie war es bei uns auch, als es noch keine falsch verstandene Liberalität gab.“

„Homosex ist nicht die Norm der Schöpfung.“

„Mich würde interessieren, wie eine Gesellschaft, die einheitlich auf die gleichgeschlechtliche Ehe setzt, die späteren Renten finanzieren will.“

Andererseits:

„Keine Plattform für Homo– und Transhasser.“

„Von Lesben und Schwulen geht keine Gefahr aus! Hier wird keiner umerzogen! Es droht auch nicht der Niedergang des Abendlandes, nur weil man über sexuelle Vielfalt informiert.“

„Beim Thema Homosexualität darf jeder zu Wort kommen, egal welchen Hass er predigt.“

Sie las hinterher noch weitere Beispiele vor, von der „einen Seite“ und von der „anderen Seite“, und suggerierte, dass die Extreme auf beiden Seiten natürlich gleichermaßen zu verurteilen seien.

Und löschte damit die Resthoffnung aus, dass sie wenigstens im Ansatz verstanden haben könnte, was so kritikwürdig an der Konstellation der Sendung und ihrer Ankündigung war.

Die Deutschlandfunk-Kritiker verurteilen Menschen für das, was sie sind: homosexuell.

Die „Maischberger“-Kritiker verurteilen Menschen für das, was sie tun: Homosexuelle diskriminieren.

Das ist nicht dasselbe. Das hat nicht dieselbe Qualität. Objektiv nicht.

Wir können darüber streiten, was der richtige Umgang mit Menschen wie Birgit Kelle und Hartmut Steeb ist. Ob ihre Positionen richtig sind oder wenigstens satisfaktionsfähig oder nicht. Wir können darüber streiten, ob die Schmähungen, denen sie ausgesetzt waren, angemessen oder übertrieben waren. Aber Gegenstand der Diskussion ist, welche Positionen sie vertreten.

Wir können auch über darüber streiten, ob die Kritik an Maischberger berechtigt war. Sie entzündete sich vor allem an der Art, wie sich ihre Redaktion im Vorfeld die Thesen der Verfechter einer vermeintlich traditionellen Moral zu eigen machte.

Es sind Angriffe darauf, wie Menschen handeln und welche Positionen sie vertreten. Das ist die eine Seite.

Und die andere Seite sagt: Ihr seid weniger wert, weil ihr lesbisch oder schwul seid. Ihr seid krank. Eure Liebe müsste man verbieten (wie es in vielen Ländern geschieht). Es sind Angriffe auf die Identität von Menschen.

Das ist nicht dasselbe. Das sind nicht zwei gleichartige Extreme, hier die übertriebenen Schwulenhasser, da die übertriebenen Schwulenfreunde. Es sind zwei völlig unterschiedliche Arten von Angriffen.

Nicht für Sandra Maischberger. Sie präsentierte vermeintlich schlimme Zitate von beiden Seiten und war schockiert über die Wahl der Worte, auf beiden Seiten.

(Ich wüsste gern, was an dem zweiten Zitat der Maischberger-Kritiker überhaupt problematisch ist, aber um das zu verstehen, muss man vielleicht in einer Redaktion arbeiten, die es tatsächlich zunächst unproblematisch fand, der Sendung den Titel zu geben: „Homosexualität auf dem Lehrplan: Droht die moralische Umerziehung?“ Es gab da in der Sendung selbst nicht den Hauch einer Andeutung von Einsicht, warum das heikel sein könnte, oder gar Selbstkritik.)

Ich halte den „Waldschlösschen-Appell gegen die Verharmlosung homosexualitätsfeindlicher Diffamierungen“, wie gesagt, für problematisch. Weil man ihn so verstehen kann, als sollten bestimmte, missliebige Positionen aus der öffentlichen Debatte ausgeschlossen werden. Aber er hat das Ziel, genau das zu verhindern, was bei Maischberger nicht nur passierte, sondern von der Moderatorin auch noch aktiv gefördert wurde: Dass der Eindruck entsteht, Diskriminierung von Minderheiten und Nicht-Diskriminierung von Minderheiten seien zwei gleichwertige Positionen oder „Meinungen“, die man in einem Duell gegeneinander antreten lassen kann. Als sei „zu schwulenfreundlich“ ein natürlicher und sinnvoller Gegensatz zu „zu schwulenfeindlich“ und das gesunde Maß irgendwas in der Mitte. Und als sei nicht „schwulenfeindlich“ an sich schon eine Haltung, die im öffentlichen Diskurs so inakzeptabel sein sollte wie „ausländerfeindlich“, „frauenfeindlich“ oder „schwarzenfeindlich“, ohne dass man sie überhaupt steigern müsste.

Und so bleibt von dieser ARD-Talkshow dank Sandra Maischberger die Botschaft, dass wir es nicht übertreiben sollten: Nicht mit der Akzeptanz von Schwulen und Lesben und nicht mit ihrer Ablehnung.

Und wenn Sie diesen letzten Satz für sinnlos halten, dann haben Sie es schwer in der Redaktion von Sandra Maischberger, die jeden Dienstag im öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Deutschland eine Talkshow moderiert.

Maischberger sorgt sich um „traditionelle Werte“ und „Umerziehung“ der Kinder

10 Feb 14
10. Februar 2014

Sandra Maischberger ist, um daran noch einmal zu erinnern, eine Moderatorin, die vom WDR jahrelang abhängig von der Einschaltquote ihrer Talkshow bezahlt wurde. Das war ein Skandal, der viel zu wenig Beachtung fand, obwohl er die Irrwege des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Deutschland in besonderer Weise illustrierte.

Morgen möchte Sandra Maischberger bei „Menschen bei Maischberger“ folgendes Thema diskutieren:

Homosexualität auf dem Lehrplan: Droht die moralische Umerziehung?

Interessante Frage.

Ich hätte ein paar Gegenfragen: Was ist „moralische Umerziehung“? Ist damit eine Art Gehirnwäsche gemeint, die Kindern ihre natürliche Abneigung gegen Homosexualität abgewöhnt? Oder wenn damit nur eine Erziehung hin zu mehr Toleranz und Akzeptanz gemeint sein sollte: Warum würde sie dann „drohen“?

Auf Twitter antwortete die Redaktion auf die Frage, was „moralische Umerziehung“ ist:

Meine Reaktion:

Aber die Frage hätte ich mir natürlich selbst beantworten können. Der Redaktion sind die Anführungszeichen nicht ausgegangen. Sie finden sich in der Themenankündigung auf der „Menschen bei Maischberger“-Seite gleich unter der Überschrift:

Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transsexuelle, Transgender und Intersexuelle: Sollen Kinder und Jugendliche über die „sexuelle Vielfalt“ im Unterricht aufgeklärt werden?

Sexuelle Vielfalt, das ist für die Maischberger-Leute also ein Begriff, den sie nur in Anführungszeichen verwenden, als sei das ein Kampfbegriff irgendeiner Homo-Lobby oder der „Ideologie des Regenbogens“, die die rechte Petition in Baden-Württemberg herbeiparanoisiert. Nein, mit dem Gedanken, dass es sexuelle Vielfalt gibt und dass diese Vielfalt etwas ganz normales ist, damit macht sich die „Maischberger“-Redaktion lieber nicht gemein. Aber die vage, perfide, radikale Unterstellung einer „moralischen Umerziehung“ von Kindern, die man in Verbindung mit der Formulierung von „Homosexualität auf dem Lehrplan“ sogar als Pflicht zum Schwulwerden lesen kann, die übernehmen die Maischbergers ganz ohne die Distanz auch nur eines Anführungszeichens.

Weiter fragt die Redaktion:

Und sind traditionelle Werte unserer Gesellschaft in Gefahr?

„Traditionelle Werte“ wie die Ablehnung von Homosexualität? Da waren jedenfalls anscheinend wieder keine Anführungszeichen nötig.

„Droht Aufklärung?“, wäre vielleicht noch eine schöne Zusatzfrage gewesen.

Die Gästeauswahl lässt das Schlimmste befürchten. Ich würde gar nicht so weit gehen wie der „Waldschlösschen-Appell gegen die Verharmlosung homosexualitätsfeindlicher Diffamierungen“, der die Medien auffordert, Menschen, die gegen die Gleichberechtigung von Schwulen und Lesben kämpfen, keine Plattform zu geben. Ich glaube, dass es nicht hilft, wenn man Leute wie Hartmut Steeb, der froh ist, dass keines seiner zehn Kinder homosexuell ist, oder Birgit Kelle aus dem Diskurs verbannt. Man muss sich mit ihnen und ihrer Forderung nach fortdauernder Diskriminierung von Homosexuellen auseinandersetzen.

Aber Voraussetzung dafür wäre, eine öffentlich-rechtliche Talkshow nicht nur als billige Boxbude zu betrachten. Und Voraussetzung wäre vor allem, sich die ideologischen Begriffe und Narrative der Gegner von Aufklärung und Gleichberechtigung nicht im Vorfeld schon zu eigen zu machen.

Ich kann nicht glauben, dass man darüber überhaupt diskutieren muss.

Die Pressestelle der ARD hat heute vormittag das idiotische „Maischberger“-Thema gleich weitergetwittert mit dem Satz: „Das dürfte für Diskussionsstoff sorgen.“ Jaha, „Diskussionsstoff“, super. Auf Facebook hat die Redaktion auf den schon seit dem Wochenende herrschenden Proteststurm heute mittag endlich reagiert, allerdings ohne jede Einsicht in das Problem. Stattdessen formuliert sie die „Bitte“: „schaut euch die Sendung an und urteilt dann.“ Ja, das würde euch so passen. Wenn das genügend Leute tun, ist das Kalkül der Leute, die kein anderes Kriterium kennen als die Quote, wieder aufgegangen.

René Martens bringt das ganze Elend im „Altpapier“ auf den Punkt:

Dass Maischberger irgendwann mal Nazis einlädt, um mit ihnen über Antisemitismus zu plaudern, kann man mittlerweile nicht mehr ausschließen.

Allein was das für „Diskussionsstoff“ brächte!

Nachtrag, 15:27 Uhr. Die Redaktion hat gerade überraschend noch ein paar Anführungszeichen für die „moralische Umerziehung“ auf der Sendungs-Homepage gefunden.

Bildergalerien-Bingo

04 Sep 07
4. September 2007

Heute spielen wir Bildergalerienbingo mit der „Süddeutschen Zeitung“. Die hat ein Interview mit Sandra Maischberger geführt, und auf ihren Internetseiten präsentiert sie es in der schönsten journalistischen Form, die sie kennt: als zehnteilige Bildergalerie.

Das kann man an sich schon, nun ja: unfreundlich finden. Aber die Leute von sueddeutsche​.de haben sich noch etwas besonderes ausgedacht: Es stehen nicht Frage und Antwort zusammen, sondern jede Seite endet mit einer Frage. Die Antwort folgt, wie bei einem Cliffhanger, erst nach dem Klick.

Bestückt ist die Bildergalerie, logisch: mit Bildern von Sandra Maischberger. Und als kleine Übung in Qualitätsonlinejournalismus versuchen Sie jetzt mal, die Fotos denjenigen Themenblöcken im Interview zuzuordnen, die sie bebildern:
 

Abbildung: Maischberger mit… Interview-Thema
(A) Anke Engelke, Michel Friedman, Peter Scholl-Latour, Dt. Fernsehpreis (1) Nicht-Experten in Talkshows, Christiansen und Plasberg
(B) Georg Kofler (2) Helmut Schmidt
(C) Goldenem Panther, Bayerischer Fernsehpreis (3) Gästeakquise bei 4 ARD-Talkshows
(D) Stefan Aust (4) Maybrit Illner
(E) Dirk Bach, Moderation Dt. Fernsehpreis (5) Talk als Genre, Formatierung durch Plasberg

So, Konzentration: Welcher Buchstabe gehört zu welcher Zahl?

.….….

Na, wenn es leicht wäre, könnte es ja jeder.

.….….

Nicht spicken!

.….….

Hm? Sie sagen, da muss was schiefgelaufen sein? Da passt gar kein Foto zu keinem Thema? Aber von wegen!

Die Lösung lautet:

A5, B3, C4, D2, E1.

Und bestimmt ist das für die Verantwortlichen von sueddeutsche​.de irgendwie zwingend.

Im Ernst: Was wir da sehen, sind nicht mehr die unsicher umherirrenden Versuche einer großen seriösen Tageszeitung, ihren Platz im Internet zu finden, das sie mehr als jede andere Zeitung, die ich kenne, fast ausschließlich als einen verkommenen, unwirtlichen und gefährlichen Ort beschreibt. Dieses Angebot scheint nur noch ein Ziel zu haben: Möglichst viele Leute anzulocken, die dumm genug sind, auf alles zu klicken, was sich anklicken lässt, und mit allem zufrieden zu sein, was sie dahinter finden, und sei es nichts.

Unter jedem einzelnen Interviewfragment mit Sandra Maischberger steht bei sueddeutsche​.de dies:

Und das Ressort Kultur macht aktuell, von oben nach unten, mit folgenden Geschichten auf:

Darunter folgt dann tatsächlich, unfassbarerweise, ein aktueller Artikel über das Filmfestival von Venedig. Es muss sich um ein Versehen handeln.

Sandra Maischberger

29 Aug 04
29. August 2004

Ich sehe was, was ihr nicht seht. Sandra Maischberger glaubt fest daran, daß ihre bislang eher erfolglose ARD-Talkshow noch in vielen Jahren läuft

Am einfachsten beschreibt man „Menschen bei Maischberger“ als eine endlose Serie von Niederlagen. Es sollte eine Talkshow werden, in der nicht die ewiggleichen Fernsehnasen sitzen, sondern immer mindestens ein Nicht-Prominenter mit einer spannenden Lebensgeschichte. Sandra Maischberger versprach vor einem Jahr einen „gewaltigen Anteil von nicht bekannten Gesichtern“ — am Ende verirrte sich höchstens einmal im Monat so jemand in die Sendung (die Mutter von Uwe Ochsenknecht mal nicht mitgerechnet).

Es sollte eine Talkshow werden, die all dem Abgesprochenen, dem Erwartbaren und Glatten anderer Sendungen die Möglichkeit des Unerwarteten entgegensetzt — heute muß Sandra Maischberger einräumen, daß alles, was dann tatsächlich ungeplant passierte, Kleinigkeiten waren, wie das eine Mal, als Fredi Bobic so sehr schwitzte und sie ihm den Schweiß von der Stirn tupfte.

Es sollte eine Talkshow mitten aus dem Leben werden, nicht aus einem sterilen Studio in einem Vorort von Köln oder Hamburg, weil „man in der künstlichen Atmosphäre Gespräche nicht lebendig machen kann“, wie Maischberger sagte, sondern aus dem Tränenpalast in Berlin-Mitte, einem Ort mit Geschichte, wo sich vor der Tür die Punks mit ihren Hunden treffen — doch was warm und lebendig wirken sollte, kam kalt und angestrengt herüber. Das Publikum saß unbeteiligt in der Gegend herum, und nachdem man es ganz aus dem Gebäude verdammt hatte, wurde die Atmosphäre zwar besser, der Ort aber machte gar keinen Sinn mehr — die neue Staffel wird aus einem WDR-Studio in Köln kommen.

Es sollte eine Talkshow werden, in der jeder Gast einzeln befragt wird, damit der Politiker nicht noch blöd herumsitzt, wenn der Volksmusiker kommt — dann merkte man, daß das Kommen und Gehen nicht funktioniert, und nun bildete sich auch hier im Lauf der Sendung eine aberwitzige Runde aus Menschen, die sich nichts zu sagen haben.

Ach, und überhaupt: Es sollte eine andere Talkshow werden, eine kluge, journalistische, unterhaltsame — und irgendwann saßen da die Sabine Wussows und Nino de Angelos und Sascha Hehns und Verona Feldbuschs dieser Welt und eben Uwe Ochsenknecht mit seiner Mutter, und man wußte nicht, warum die nun auch noch bei Frau Maischberger saßen, und Frau Maischberger wußte es allem Anschein nach auch nicht immer. Man mußte das nicht sehen, und die meisten Leute taten es auch nicht.

Andererseits: Es gibt sie noch, die Sendung. Die Quoten-Mindestvorgabe hieß zehn Prozent, und was hatte sie im Schnitt? „Zehn plus x“, sagt Maischberger und lacht. Übernächste Woche kommt „Menschen bei Maischberger“ aus der Sommerpause, vieles wird anders werden und alles gut. Sagt Sandra Maischberger.

Sie verbreitet bei diesem Gespräch vergangene Woche einen merkwürdigen Optimismus, der alles durchdringt und auf einem ebenso entspannten wie ausgeprägten Selbstbewußtsein zu beruhen scheint. Sie formuliert Sätze wie: „Ich glaube nicht, daß irgendein anderes Programm auf dem Sendeplatz mehr Zuschauer geholt hätte.“ Oder: „Es gibt jenseits des Erfolges wenig Loyalität im Fernsehen, dazu ist es eine zu teure Angelegenheit. Ich finde aber, daß ich gut zur ARD passe, und habe das Gefühl, daß die ARD das auch so sieht.“

Die Zuversicht sickert aus Nebensätzen, in denen sie fast beiläufig wie selbstverständlich davon ausgeht, daß ihre Sendung „ja ein Dauerbrenner wird“. Nicht, weil sie jetzt endlich den Stein der Weisen gefunden hat, sondern aus dem Glauben an eine schlichte Fernseh-Logik: Jede Sendung, die lange genug Zeit hat, sich zu finden, werde sich irgendwann finden und dann durchsetzen. Und dann habe der Zuschauer ein Grundvertrauen und schalte auch bei gewagte Sachen nicht gleich ab. Bei unbekannten Gästen zum Beispiel. „Nicht-Promis sind zunächst ein ‚Quotenrisiko‘“, sagt Maischberger. „Der Zuschauer bleibt beim Zappen dort hängen, wo er ein Gesicht erkennt. Noch ist die Sendung kein Klassiker wie meine Sendung bei n-tv. Irgendwann wird sie das sein, dann können Sie alles machen.“

Nun ja, bis dahin ist es noch ein weiter Weg, und gelegentlich speist sich Maischbergers Optimismus auch nur aus einem tröstlichen Fatalismus: „Jetzt haben wir alle Fehler, die man so machen kann, gemacht.“ Daß „Menschen bei Maischberger“ sich noch nicht gefunden hat, steht auch für die Moderatorin außer Frage: „Im ersten Jahr haben wir natürlich sehr nach einer Linie gesucht.“ Vierzig Ausgaben gab es in dieser Zeit von „Menschen bei Maischberger“, nach vierzig Ausgaben ihrer täglichen Sendung auf n-tv waren gerade mal drei Monate rum, was im Vergleich die Evolution bei einer wöchentlichen Sendung natürlich sehr zäh wirken läßt. Viele Unstimmigkeiten hätten den Findungsprozeß außerdem verlangsamt und verhindert, daß die Sendung ein für den Zuschauer erkennbares Profil bekommen konnte, räumt Maischberger ein.

Zu den Unstimmigkeiten gehörten wohl nicht zuletzt Differenzen in der Redaktion. Michael Spreng, der frühere „Bild am Sonntag“-Chef und Stoiber-Trainer, verließ das Team bereits nach wenigen Monaten. Jetzt kommt schon der dritte Chef, aber der Neue ist ein Alter: Theo Lange, der bislang Redaktionsleiter von Maischbergers n-tv-Sendung war und den ARD-Sendeplatz am Dienstagabend von zwei Seiten kennt: Als Redakteur von „Friedman“ und von „Boulevard Bio“ — keine schlechte Voraussetzung eigentlich für den Spagat, den Maischberger immer noch machen will.

„Ich hatte schon bessere Jahre“, resümiert Sandra Maischberger und korrigiert sich: „Nein, das ist Jammern auf hohem Niveau. Ich dachte vielleicht, es würde leichter und vor allem schneller gehen, eine neue Marke zu setzen und zu etablieren. Das war manchmal ein bißchen mühsam, aber es gab auch Sendungen, die mir richtig gut gefallen haben.“

Natürlich habe das, womit Biolek über Jahre den Sendeplatz geprägt hat, bei den Zuschauern am besten funktioniert: der „gepflegte Boulevard“. „Aber auch Sendungen wie die mit Helmut Schmidt oder Gesine Schwan waren erfolgreich, vielleicht, weil diese Gespräche eben mit mir am besten funktionieren. Mein Ehrgeiz besteht schon darin, eine Sendung zu machen, die sowohl gut ist, als auch eine gute Quote hat. Anders geht es ohnehin nicht.“

Wo ihr Platz ist neben und zwischen Beckmann und Kerner mit ihren Sendungen und was ihre eigene Haltung sein kann, ist immer noch nicht ganz klar. Klar ist, daß es wenig Sinn hat, sich jemandem wie Verona Pooth, geborene Feldbusch, in der typischen Maischberger-Haltung gegenüberzusetzen: aufmerksam, lauernd, weit über den Tisch gebeugt. Für das neue Studio in Köln werden in der kommenden Woche deshalb zwei Sitzanordnungen ausprobiert: Neben dem jetzigen Riesen-Küchentisch-Ensemble eine Variante mit drei Sofas im Karree, eine Art helle Variante des legendären „Club 2“ im ORF. Zum Zurücklehnen. „Um 23 Uhr abends ist man allein schon der Tageszeit geschuldet viel mehr laid back. Penetrantes Insistieren ist da zu anstrengend.“

Überhaupt Verona Feldbusch: Maischberger betont, daß sie sich mit ihr nicht über das Brautkleid unterhalten habe, was vielleicht die Kollegen getan hätten, sondern darüber, wie das ist, wenn man einen etablierten Markennamen wie „Feldbusch“ aufgibt. Aber reicht das als Profil gegenüber Kollegen, deren Talks verläßlich zwischen locker-leichtem Boulevard und intensivem Seelenstriptease changieren? „Das Profil wird im Zweifelsfall meine Nase sein und meine Art, Menschen zu fragen“, sagt Maischberger. Sie beharrt darauf, daß sie für das ARD-Publikum ein unbeschriebenes Blatt gewesen sei. „Es ist in dieser Manege ja mein erster Auftritt. Man geht da hinein, zieht den Hut und sagt: Das bin ich, und stellt sich neu vor. Und das unter einem unglaublich starken Konkurrenzdruck, gegen den derzeitigen Marktführer.“ Sie meint Johannes B. Kerner. „Der sendet jeden Tag, fängt eine Viertelstunde früher an und ist ja einfach nett.“

Es ist leicht zu erklären, warum der neue Bundespräsident Kerner für seine Fernsehvorstellung gewählt hat. Aber das ändert nichts daran, daß es ein Problem für Maischberger ist, wenn er nicht zu ihr kommt. „Alle wollen die besten Gäste zuerst haben. Mal wird der gewinnen, mal der.“ Und wenn immer nur mal Beckmann gewinnt und mal Kerner? „Das ändert sich, keine Sorge. Wir sind die letzten, die in den Ring gestiegen sind, den Vorsprung der anderen mußten wir erst aufholen.“

Es wird also erst einmal noch weitergeschraubt an der Sendung. „Fernsehen ist nicht Konzept. Es ist learning by doing“, hat Maischberger gelernt. In Köln sind die Produktionskosten viel niedriger, das nimmt ein wenig den Druck. Jetzt wollen sie es vielleicht mit Sendungen probieren, in denen unterschiedliche Gäste — ähnlich wie bei „Bio“ — zu einem Thema ins Gespräch kommen, und sei das Thema noch so vage. Für die erste Sendung sind Hitler-Darsteller Bruno Ganz und Guido Westerwelle eingeladen.

An einer Stelle im Gespräch hat Sandra Maischberger den Satz gesagt: „Nicht jedes Experiment endet glücklich.“ Aber das ist nicht der Eindruck, der bleibt von dem Treffen mit ihr. Was bleibt, ist eine andere Stelle: „Ich habe keine Angst. Ich habe ein Bauchgefühl, und das sagt: venceremos.“ Venceremos heißt: Wir werden siegen.

Manchmal ist das Selbstbewußtsein von Sandra Maischberger ein bißchen beunruhigend.

(c) Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Das nenne ich Weltverbessern

25 Mai 03
25. Mai 2003
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Sandra Maischberger über ihre neue Sendung und das Ding mit Schröder.

Frau Maischberger, angenommen, Sie haben Sandra Maischberger zu Gast in Ihrer Sendung. Wie bereiten Sie sich vor?

Zunächst würde ich die Frage stellen: Ist das der richtige Gast?

Sie wird demnächst Nachfolgerin von Alfred Biolek.

Für manche Sendungen wäre es dann wohl unvermeidlich, obwohl ich immer noch fragen würde: Ist das Grund genug, jemanden zu interviewen?

Sie ist kürzlich groß in den Schlagzeilen gewesen.

Klatsch macht mich für meine Sendungen noch nicht relevant. Wenn doch, wäre ich sehr schnell fertig mit der Vorbereitung. Ich werde zwar 37, aber habe noch nicht das Alter, wo man ein langes, abwechslungsreiches Leben hinter sich hat.

Genug für eine halbe Stunde Talk.

Ich habe letztens über Hildegard Hamm-Brücher gelesen, der Unterschied zwischen ihr und anderen Politikern sei, daß sie eine Biographie und nicht nur eine Karriere habe. Das fand ich extrem klug. Darum unterhalte ich mich auch lieber mit älteren Menschen als mit jüngeren, die nur berühmt sind, weil sie gerade im Fernsehen sind.

Was müßten Sie sich als Talkgast fragen? Würden Sie Ihre angebliche Affäre mit Bundeskanzler Gerhard Schröder ansprechen?

Ich wußte sofort, worauf Sie hinauswollen… Das wäre eine Sache auf der Kippe. Es könnte sein, daß wir sagen: Ihr Feld ist politischer Journalismus, deshalb wäre es interessant, wie man damit umgeht, daß man eine relativ sachorientierte Arbeit macht und plötzlich mit einem relativ unsachlichen Eimer Schmutz konfrontiert wird. Ich würde nicht fragen: „Haben Sie?“, und ich bin das damals oft gefragt worden. Ich möchte, daß jemand, der Fragen stellt, vorher abwägt und versucht, mit eigenem Verstand und Augenmaß eine Frage in einen Kontext zu betten. Dann würde sich die Frage „Haben Sie?“ verbieten, weil sie irgendwas zwischen indiskret und dumm ist: Es geht niemanden etwas an, und man ist einer Lüge aufgesessen.

Was also würden Sie fragen?

Vielleicht wie ist es, unter diesen Voraussetzungen den Job weiterzumachen.

Das wäre vermutlich trotzdem keine Einstiegsfrage.

Es wäre eine Super-Einstiegsfrage, wenn ich jemanden gleich zum Anfang des Gespräches komplett zum Verstummen bringen wollte. Es gibt allerdings Gäste, die besser sind, wenn man sie ein bißchen provoziert, Daniel Cohn-Bendit zum Beispiel. Bei so einem könnte man damit auch anfangen. Aber in meinem Fall würde ich es weit hinten im zweiten Teil tun.

Ah. Andererseits werden Sie von der Presse ja so geliebt…

Toll, ne?

…da müßten Sie sich doch knallhart interviewen, nicht kuschelig.

Wenn die gängige Meinung über mich ist, daß ich wenig falsch mache, würde ich versuchen, Fehler zu finden. Und ich würde einen Wissenstest machen, Trivial Pursuit. Um herauszufinden, daß ich wirklich nicht mehr weiß, als das, was ich frage.

Wissen Sie genug, um aus dem Stegreif etwa über die Gesundheitsreform diskutieren zu können?

Ich könnte die öffentlich diskutierten Knackpunkte referieren. Bei „Live aus dem Schlachthof“ bin ich in die Sendung gegangen: Ich weiß nichts, deswegen frage ich andere, damit ich etwas erfahre. Das war eine gute Methode. Bei „Talk im Turm“ klappte die überhaupt nicht mehr, weil alle, außer mir, schon wußten, was die anderen antworten würden. Ich habe mich ein Jahr lang angestrengt, in jedem Thema auf das Wissen meiner Gäste zu kommen, was völlig unmöglich war. Ich habe gelernt, daß ich als Journalistin mitnichten die Antworten geben können muß. Ich weiß heute genau so viel, um die richtigen Fragen zu stellen.

Zur Rolle als Fragende gehört eine gewisse Unscheinbarkeit. Sie aber werden immer mehr zum Star.

Ist das so?

Ja.

Sie glauben, daß es das natürliche Ende der Sendung sein wird, wenn ich berühmt bin?

Nein, aber mit jedem Society-Auftritt oder „Bunte“-Titel verschwinden die Interviewten mehr hinter dem Glanz der Interviewerin.

Die Gefahr, sich in sich selbst zu verlieben, ist in dem Job extrem hoch. Eine gute Strategie dagegen ist, sich nicht mit sich selbst zu beschäftigen. In dem Moment, wo Sie mir tausend Fragen über mich stellen, tue ich das aber. Das ist nicht so gut, ernsthaft! Sich selber in der Zeitung zu sehen, das Lob über sich zu lesen, das verleitet einen dazu, sich selbst nicht nur zu wichtig zu nehmen, sondern auch toll zu finden.

Sabine Christiansen ist für den Zuschauer nie nur Moderatorin, sondern auch Udo-Walz-Kundin, Wowereit-Freundin, Ex-Ehefrau…

Ich war lange Zeit sehr vorsichtig und habe kaum über mein Privatleben gesprochen. Jetzt bin ich an einen Punkt gelangt, wo ich feststelle, daß das Interesse ohnehin da ist, und wenn ich nichts erzähle, kommen erfundene Geschichten wie die mit Schröder. Da stehe ich fassungslos vor. Es gab bei der Entstehung mehrere Kolleginnen, die immer genannt wurden als potentielle Geliebte, aber es blieb an mir hängen. Viele, die sich auskennen, sagten mir, daß es daran liegt, daß man so wenig über mich weiß und so viel hineingeheimnissen kann. Also hat man mir den Rat gegeben: Mach dich etwas öffentlicher! Ich probiere jetzt, wie weit ich damit komme.

Andererseits genießen Sie ja auch die Öffentlichkeit, waren in Ihrer Dokumentation über die „Tagesschau“ dauernd selbst im Bild.

Weil es eine Mischung aus Dokumentation und Interview und auch so gewünscht war. Man kann mir den Generalvorwurf machen, ich sei eitel. Das ist völlig in Ordnung. Ich kann Ihnen auch jetzt schon sagen, was mit der neuen Sendung in der ARD passieren wird. Die Leute werden schreiben: Jetzt ist sie nicht mehr so puristisch, jetzt hat sie sich boulevardisiert. Aber ich möchte eine Sendung machen, die dicht am Leben ist. Wo man das Gefühl hat, da könnte noch was passieren, was nicht so im Drehbuch stand.

Wie entwickelt man so was?

Das Tolle an so einer Sendung ist, daß Konzeptpapiere nicht taugen. Sie müssen’s probieren. Es ist wie ein neuer Schuh: Sie kaufen ihn, schlüpfen rein, er drückt, und Sie müssen laufen. Jetzt bin ich zweimal testweise drin gelaufen, und es hat sich unglaublich selbstverständlich angefühlt.

Wie hat die ARD Sie gekriegt? Mit Geld?

Ich bin mit Geld nicht zu locken, das ist fast schon unprofessionell von mir. Ich möchte gutes Geld verdienen, aber Geld ist nicht das Wichtigste, sonst hätte ich längst eine Quizshow.

Wie viele Quiz-Angebote gab es?

Eins. Immerhin. Nein, das erste, was mich gelockt hat, war Alfred Biolek, der zu mir sagte: Ich möchte gerne aufhören, und ich hätte gerne, daß Sie das machen. Das ist eine Erbschaft, die man nicht ablehnen kann. Das zweite, was mich gereizt hat, war, daß montags Beckmann einen Unterhaltungstalk macht und mittwochs Bauer und Friedman politische Talks. Es hat mich gereizt zu sehen, ob man es schafft, am Dienstag beides zu machen, „U“ und „E“.

Ich habe gar keine Aussage von Ihnen gefunden, ob Sie „maischberger“ auf n-tv weitermachen.

Ich habe, glaube ich, immer gesagt, das ist noch nicht entschieden.

Und?

Das ist noch nicht entschieden.

Mit „maischberger“ sind Sie bei Publikum und Kritik höchst beliebt, mit früheren Sendungen aber oft gnadenlos durchgefallen. Stehen Sie gerade an einer Gabelung, wo es auf neue Höhen gehen kann, aber auch ganz runter?

Das könnte passieren. Aber wenn Sie sich diesen Zickzacklauf meiner Karriere angucken — ich habe einfach keine Angst mehr davor.

Vielleicht ist das intime Interview wie in „0137“ und „maischberger“ das einzige, was Sie gut können.

Nein. „Live aus dem Schlachthof“ war alles andere als intim, und in „0137“ war ich nicht wirklich gut.

Sie fürchten nicht, daß Sie vielleicht einmal sagen, hätten Sie nur „maischberger“ weitergemacht, Sie wären ewig erfolgreich geblieben?

Wenn ich ewig erfolgreich bleiben wollte, hätte ich schon in den letzten Jahren andere Dinge gemacht. Ich weiß gar nicht, ob das so unbedingt erstrebenswert ist. Nein, das ist nicht mein Kriterium. Ich bin unvorsichtig neugierig, muß immer wieder Sachen probieren. Warum würde man sonst „Greenpeace-TV“ machen, eine Kombination aus Umweltschutzgruppe und kommerziellem Sender? Absurd! Ich hätte natürlich auch „Talk im Turm“ nicht machen dürfen. Es würde mich sehr schmerzen, wenn die neue Sendung nicht funktionierte, und ich würde eine mittelschwere Krise bekommen. Aber es würde mich nicht umbringen.

Kann es sein, daß die vielen Leute, die Sie in der Presse hochjubeln, Sie auch deswegen toll finden, weil sie Ihre Sendung nie sehen?

Keine Ahnung. Vielleicht wird sich das mit dem Loben eh ändern, wenn die neue Sendung beginnt. Jeder Kritiker, der mich jetzt lobt, denkt vielleicht noch, er lobt einen Geheimtip, und das läßt ja auch den Lobenden gut aussehen. Das wird in dem Moment vorbei sein, wo ich in der „ersten Reihe“ sitze.

Glauben Sie, daß der Wechsel ins Erste einen ganz anderen Grad an Popularität bedeuten wird?

Natürlich. Aber ich werde damit besser umgehen können, als die, die privat mit mir sind. Und die Art von Popularität, die Olli Kahn, Boris Becker oder Günther Jauch das Leben schwermacht, das bin ich sowieso nicht.

Warum nicht?

Becker und Kahn sind Idole, Jauch ist wie Gottschalk ein Ausnahmetalent der Unterhaltung. Das bin ich einfach nicht.

Sie haben gesagt, mit Florian Illies‘ „Generation Golf“ können Sie wenig anfangen, weil Sie zu den engagierten Friedenslatschenträgerinnen gehörten, über die er sich da lustig macht. Wo ist heute Ihr Engagement?

Ich begreife meinen Job schon als Engagement. Aber das Jäger-Gefühl, diese „Spiegel“-Haltung: den jagen wir aus dem Amt, das habe ich tatsächlich nicht.

Kein Weltverbessern mehr?

Doch, das tue ich ja. Im besten Fall gebe ich jemandem eine Information, die er vorher nicht hatte. Ich sortiere ihm den Irak-Krieg, indem ich verschiedene Arten aufzeige, ihn zu sehen, so daß er sich selber eine Meinung bilden kann. Das nenne ich Weltverbessern: Bildung, Information, Wissen verbessert die Welt. Aber ich habe nicht den Ehrgeiz und meistens auch nicht die nötige Kenntnis, aktiv zu werden.

Jetzt wäre wohl der Zeitpunkt, die Schröder-Frage zu stellen…

Machen Sie bloß keinen Fehler!