Tag Archive for: Schleichwerbung

Zeitung verkauft Leser für Strumpf

16 Jul 10
16. Juli 2010

Korrektur, 11:58 Uhr. Ich Depp habe „Neue Westfälische“ und „Westfälische Nachrichten“ miteinander verwechselt. Die folgenden Bemerkungen stimmen natürlich trotzdem — beziehen sich aber auf zwei verschiedene Zeitungen. Entschuldigung!

Am Dienstag war ich Teilnehmer einer Diskussion der Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn zum Thema „Blog gegen Print“. Mit mir auf dem Podium saß unter anderem Thomas Seim, der Chefredakteur der „Neuen Westfälischen“. Der sagte viele vernünftig klingende Sachen darüber, dass klassische Medien selbstverständlich Blogs als Quellen nutzen und selbst den Umgang mit solchen Formen üben sollten, und dass eine Funktion von Tageszeitungen in der Zukunft auch sein werde, ihren Lesern durch Auswahl, Gewichtung und Überprüfung einen Überblick über die verwirrend vielen und teils zweifelhaften Inhalte im Netz zu verschaffen.

Seim benutzt aber den alten Trick, so zu tun, als hätten sich Tageszeitungen als Garanten all dessen erwiesen, was nun im Internet verloren zu gehen drohe: Eine klare Trennung von redaktionellen und werblichen Inhalten, zum Beispiel. Dazu seien Zeitungen nämlich schon durch den Pressekodex verpflichtet, sagte Seim. Im Internet gebe es solche Regeln nicht.

Und damit zu einem ganz anderen Thema.

Am Mittwoch besuchte „Miss Germany“ Anne Julia Hagen die Firma Jentschura in Roxel bei Münster. Die „Neue Westfälische“ „Westfälischen Nachrichten“ berichten ausführlich über dieses Ereignis. „Miss Germany schläft mit Strümpfen“ titelt sie und schreibt:

(…) Die amtierende „Miss Germany“, die keine Currywurst mag, dafür aber Kartoffelsalat, kam nicht aufgemotzt und schon gar nicht in Nylons daher.

Natürlich schön, dezent gebräunt und mit dem richtigen Mix aus geschmeidigen Bewegungen und einer Portion Selbstbewusstsein setzte sich die 20-Jährige für die Fotografen und Kameraleute in Szene – inklusive langer Mähne, einem bezaubernden Lächeln und sexy Augenaufschlag. Die Berlinerin schwört auf „Basische Strümpfe“, von denen die Firma Jentschura in Roxel täglich 250 Stück an die Beine bringt.

Und was bringt das? Miss Germany: „Meine Beine fühlen sich danach toll an, irgendwie leicht. Und die Haut ist streichelzart und sieht einfach gut aus“, strahlt Anne Julia Hagen, die im Februar dieses Jahres mit Krönchen und Schärpe ausstaffiert wurde und die Strümpfe bereits seit drei Jahren überstreift. „Meine Mutter hat mich auf den Geschmack gebracht“, erzählt die Beauty-Queen von der gesunden Lebensart ihrer 43-jährigen Frau Mama auf basische Art.

Am Mittwoch lernte Anne Julia Hagen die Textilmanufaktur in Roxel kennen, die diese Produkte weltweit auf den Markt bringt. Und demonstrierte die Handhabung der Strümpfe. In einer Schüssel mit Wasser verrührte die schöne Miss mit den Maßen 90 – 66 – 93 bei einer Größe von 1,74 Metern einen vollen Teelöffel einer basischen Mineralienmischung. Darin tauchte sie die Baumwollstrümpfe kurz ein, um sie danach gut auszuwringen und ihre Beine in die feuchten Strümpfe zu stecken. Darüber streifte sie sich galant trockene Strümpfe aus reiner Schurwolle über – und fertig war die bestrumpfte Miss Germany, die am liebsten nachts die Strümpfe trägt. Auch bei warmen Temperaturen.

„Am Morgen fühle ich mich einfach wohl, die Beine wirken schlanker“, so die Erfahrung von Deutschlands schönster Frau, die an der Universität Potsdam Kulturwissenschaften, Anglistik und Amerikanistik studiert. (…)

In einer neunteiligen Bildergalerie kommen die „Westfälischen Nachrichten“ ihrer Chronistenpflicht nach und demonstriert mit Fotos, die der Laie leicht mit Werbeaufnahmen verwechseln könnte, wie sehr solche Wollstulpen eine junge Frau entstellen schmücken.

Und in einem vorbildlichen multimedialen Einsatz produzierte die Journalistin der „Westfälischen Nachrichten“ gemeinsam mit dem Fotografen gleich auch noch einen gut halbminütigen Nachrichtenfilm:

Deutschlands aktuell schönste Frau, Anne Julia Hagen, war gestern in Roxel. Die Berlinerin schaute sich in der Firma Jentschura um – weil hier Basische Strümpfe produziert werden. Und auf diese schwört die seit Februar amtierende Miss Germany bereits seit drei Jahren. (…)

Und das ist natürlich — anders als die schnöde Tatsache, dass Frau Hagen einfach einen Werbevertrag mit der Strumpffirma hat — eine Nachricht für die Journalisten von den „Westfälischen Nachrichten“. Die Zitate der Miss Germany stammen übrigens teilweise aus der Pressemitteilung des Unternehmens selbst.

Ich weiß nicht, ob der Artikel auch in der gedruckten Ausgabe der „Westfälischen Nachrichten“ erschienen ist. Andererseits: Kann ja nicht. In Print ist Schleichwerbung ja verboten.

[via Jörg-Olaf Schäfers]

Ausverkauf bei der „Hörzu“

31 Jan 10
31. Januar 2010

Dass die „Leitlinien zur Sicherung der journalistischen Unabhängigkeit bei Axel Springer“ einzig dem Zweck dienen, Menschen glauben zu machen, bei Axel Springer gälten Leitlinien zur Sicherung der journalistischen Unabhängigkeit, ist nicht neu. Ihren rein alibihaften Charakter haben wir bei BILDblog schon vor Jahren ausführlich dokumentiert.

Aber der Unterschied zwischen Soll und Ist beeindruckt immer wieder.

In den Leitlinien heißt es:

Anzeigen dürfen durch ihre Gestaltung — insgesamt oder durch beherrschende Komponenten — nicht den Eindruck erwecken, sie seien redaktioneller Bestandteil des Titels. Insbesondere auf eine klare Unterscheidbarkeit der Typografie ist zu achten. Im Zweifelsfall muss die Anzeige klar und in ausreichender Größe entsprechend gekennzeichnet werden.

Und so sieht die Titelseite von Springers Programmzeitschrift „Hörzu“ in dieser Woche aus:

Genau genommen ist das nicht die Titelseite, sondern die Rückseite — die ist aber so geheftet, dass sie aussieht wie eine Titelseite. Die andere, richtige Titelseite sieht so aus:

Und ist es nicht toll, dass die Werbeleute oder Journalisten von „Hörzu“ nicht nur Platz für das Wort „Anzeige“ in der Anzeige gefunden (rechts oben neben dem großen U), sondern tatsächlich auf eine andere Typographie geachtet haben? Schlagzeilen und Teaser, sogar die Zeilen „Deutschlands erstes TV-Magazin“ und „Ihr Premium TV-Programm“ sind in einer anderen Schrift gesetzt als im redaktionellen Original.

Nur der große „Hörzu“-Schriftzug mit Logo, der in der Anzeige prangt und ihr durch die Verwechselbarkeit teure Aufmerksamkeit verschafft, der ist original. Aber, hey, das ist ja nur die Marke.

[eingesandt von Fabian Uebele]

„TV Spielfilm“ und die 50-Autos-Lotterie

22 Okt 09
22. Oktober 2009

Das Titelbild der aktuellen „TV Today“ ist nicht nur wegen des angekündigten, aber nicht enthaltenen Interviews mit „Stromberg“ bemerkenswert. Es lockt zum Kauf des Fernsehzeitschriftenüberbleibsels mit der Möglichkeit, 50 VW-Polos zu gewinnen:

Weil es sich bei „TV Today“ seit einiger Zeit im Wesentlichen nur noch um eine umverpackte „TV Spielfilm“ handelt, findet sich der Hinweis auch dort auf dem Cover, diesmal praktischerweise sogar mit Seitenangabe:

Auf Seite 31 findet sich aber kein Gewinnspiel von „TV Spielfilm“ oder „TV Today“, sondern eine Anzeige:

Die Firma imobic wirbt für die kostenpflichtige Teilnahme an einer Art Quiz, bei dem unter den richtigen Antworten auf wechselnde Fragen (heute: „Was scheint meistens nachts? A) Sonne B) Mond?“) angeblich täglich ein Auto verlost wird (50autos.de). Die Anmeldung ist gratis, aber jede Teilnahme-SMS kostet 50 Cent; wer während der gesamten Dauer mitmacht, zahlt also 25 Euro für den Spaß.

In Blogs und Foren beklagen sich Handybesitzer, unaufgefordert eine SMS mit der Gewinnspieleinladung bekommen zu haben („Gewinnen Sie in Kooperation mit T-Mobile 50 Tage je 1 von 50 VW Polo! Mitspielen? Einfach Gratis-SMS mit POLO an 2009 senden. Teiln. ab 18 Jahre.“), sprechen von „Spam“ und haben insgesamt nicht das Gefühl, es mit einem seriösen Angebot zu tun zu haben.

Die gerade erst gegründete imobic GmbH selbst bietet keine direkte Kontaktmöglichkeit an; die Support-Telefonnummer führt zur Firma Digame Mobile. Deren Mitarbeiter erklärt, dass T-Mobile, Vodafone, O2 und e-Plus Partner bei diesem Gewinnspiel seien, die Daten aber nicht an imobic weitergegeben, sondern die SMS-Nachrichten selbst verschickt hätten — angeblich nur an Kunden, die einer werblichen Nutzung ihrer Nummer ausdrücklich zugestimmt hätten. Erst nach der Anmeldung beim Gewinnspiel habe imobic Zugriff auf die jeweilige Nummer, sichere aber zu, die so gesammelten Daten nicht für andere Zwecke zu verwenden. Das sei vergleichsweise seriös.

Auf eine E-Mail-Anfrage von mir hat die Firma imobic bislang nicht reagiert. Ich hatte darin auch gefragt, ob das von Roman Tietze gegründete Unternehmen Verbindungen zur Firma „Bob Mobile“ hat, die an derselben Adresse wie imobic sitzt und seit einiger Zeit durch besonders hinterhältige Abo-Fallen auffällt.

Aber zurück zu „TV Today“ und „TV Spielfilm“, die für die (möglicherweise ganz und gar seriöse, aber kostenpflichtige) Auto-Lotterie der Firma imobic auf ihren Titelbildern werben, als handle es sich um eigene (redaktionelle) Inhalte. Ich habe Chefredakteur Lutz Carstens per Mail gefragt, ob es sich bei der imobic-Werbung im Heft nicht um eine Anzeige handelt und auch die Hinweise auf dem Cover entsprechend gekennzeichnet werden müssten. Er schrieb:

Da TV SPIELFILM Kooperationspartner des Gewinnspiels und in dieses integriert ist, darf dieses unserer Meinung nach auch auf der Titelseite angekündigt werden.

Die Fragen, in welcher Form „TV Spielfilm“ und ihre Umverpackung „TV Today“ „Kooperationspartner“ sind und ob die Redaktion oder der Burda-Verlag an den Einnahmen, die sie für imobic generieren, beteiligt werden, ließ Carstens unbeantwortet.

Hademar Bankhofer und die Arschlöcher

30 Jun 09
30. Juni 2009

Vor zwei Wochen hat Marcus Anhäuser in zwei Artikeln in der „Süddeutschen Zeitung“ noch einmal zusammengetragen, wie untrennbar der ehemals beliebte „Experte“ Hademar Bankhofer Werbung und scheinbar unabhängige Gesundheitstips miteinander verbunden hat. Man müsste seine Bereitschaft, Werbebotschaften unters Volk zu bringen, bizarr nennen — wäre nicht „geschäftstüchtig“ das viel treffendere Wort.

Allerdings gehen ihm langsam die Medien aus, die ihm eine Bühne bieten. Nachdem sich der WDR endgültig von ihm getrennt hat, kommt Bankhofer nun auch sein Magazin „Spektrum Gesundheit“ abhanden, das die Produktionsfirma CAMP-TV in ihren Schleichwerbeprogrammen auf Sat.1 und RTL in Bayern ausstrahlt. Auch der österreichische Sender TW1 hat Bankhofers Pharma-PR-Sendung „Die gesunde halbe Stunde“ eingestellt.

Aber der Werbeexperte hat noch Freunde. Zum Beispiel den Morgenshowmoderator Hary Raithofer vom Wiener Hörfunksender 88.6 („Wir spielen was wir wollen“), der anscheinend auch Förderer von Hademar Bankhofers Sohn Hademar Bankhofer ist. (Letzterer wird, kein Witz, „Hadschi“ gerufen.) Bei Raithofer durfte Bankhofer Senior dieser Tage für sein neues Buch werben und sich als Opfer einer von langer Hand geplanten Piefke-Intrige darstellen.

Auf Bankhofers eigener Homepage „Gesundheitswelten“ wird der Inhalt des Gesprächs [mp3] mit den Worten zusammengefasst: „Über das neue Buch ‚Ihre Gesundheit liegt mir am Herzen‘, über die besten und wichtigsten Tipps für Sie darin, über die Rufschädigung Bankhofers durch Arschlöcher in Deutschland und deren laufende Vermehrung.“

Konkret klingt der Teil mit der Rufschädigung so:

[audio:http://www.stefan-niggemeier.de/blog/wp-content/bankhofer.mp3]

Das Schöne an Leuten wie Bankhofer ist, dass sie den letzten Rest der Demontage nie anderen überlassen.

[via Mastermind in den Kommentaren]

Werbung nach Gusto

25 Mrz 09
25. März 2009

Und fragen Sie doch, wenn Sie das nächste Mal mit der Anzeigenabteilung des Burda-Verlages zu tun haben, auch nach den attraktiven Angeboten, redaktionelle Inhalte und Werbung in der Zeitschrift „Bunte“ zu mischen trennen.

[via jepblog]