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Neues von Werther: Suizid-Häufung nach breiter Suizid-Berichterstattung

20 Aug 14
20. August 2014

Selbstmord ist ansteckend. Berichterstattung über Suizide erhöht die Zahl der Suizide. Eine neue Studie aus den Vereinigten Staaten liefert weitere Indizien dafür, dass dieser sogenannte „Werther-Effekt“ tatsächlich existiert.

Die Forscher, unter anderem von der Columbia Universität in New York, untersuchten Selbsttötungen von Jugendlichen in den Vereinigten Staaten zwischen 1988 und 1996. Einerseits Fälle, bei denen sich mehrere Jugendliche innerhalb einer begrenzten Zeit an einem Ort das Leben nahmen. Und andererseits Fälle, bei denen es bei einem einzelnen Suizid blieb. Dann verglichen sie die Berichterstattung in den Zeitungen jeweils nach dem ersten Suizid. Sie stellten fest, dass es signifikante Unterschiede gab.

In den Fällen, in denen es zu weiteren Suiziden kam, hatten die Zeitungen im Durchschnitt häufiger und ausführlicher über Suizide berichtet, mehr Details wie den Namen des Opfers, Zeit, Ort und Methode genannt und häufiger Abschiedsbriefe erwähnt. Die Berichterstattung hatte im Durchschnitt häufiger auf der Titelseite stattgefunden oder war durch ein Foto illustriert; die Beschreibung war expliziter und die Überschriften waren sensationalistischer gewesen.

Die Studie kann keinen ursächlichen Zusammenhang zwischen der Berichterstattung und den Folge-Suiziden herstellen, sondern nur eine Korrelation. Die Ursachen für Suizide und ihre Häufung sind komplex, und die mediale Berichterstattung macht sicher nur einen Faktor unter mehreren aus. Die Studie stützt aber die Annahme, dass eine bestimmte Form der Berichterstattung über Suizide die Wahrscheinlichkeit weiterer Suizide erhöht.

48 Cluster von Suiziden von 13- bis 20-Jährigen zwischen 1988 und 1996 bilden die Grundlage der Untersuchung: Keine gemeinsamen, abgesprochenen Suizide, sondern Häufungen an einem Ort mit drei bis elf Suiziden innerhalb eines Zeitraums von bis zu einem halben Jahr. Jedes dieser Cluster verglichen die Forscher mit zwei Suizid-Fällen in ähnlichen Städten, in denen es nicht zu weiteren Suiziden gekommen war.

Sie betrachteten dabei auch Ort und Art des jeweils ersten Suizids, um auszuschließen, dass es besonders auffällige, dramatische oder öffentliche Fälle waren, die für eine größere Berichterstattung sorgten und dadurch zu mehr Nachahmern führten. Todes-Ort und -Art unterschieden sich aber bei den Fällen mit einer anschließenden Häufung nicht signifikant von den Fällen ohne eine anschließende Häufung. Was sich unterschied, war die Berichterstattung.

Einen Zusammenhang mit der Entstehung von Suizid-Häufungen gab es nicht bei allgemeinen Zeitungs-Artikeln über das Thema, sondern nur bei Berichten über konkrete Selbsttötungen von Individuen. Die stärksten Effekte gab es bei Berichten über Suizide von Teenagern — wenn die Leser also mit dem Betroffenen identifizieren können — und von Prominenten — wenn die Leser den Betroffenen verehrten.

Die untersuchten Fälle lagen zwar alle vor dem Aufkommen von Social Media. Sie sind aber nach Ansicht der Autoren immer noch relevant. In einer Untersuchung von 2011, bei der 14- bis 24-Jährigen gefragt wurden, woher sie von einem Suizid erfuhren, hätten zwei Drittel Zeitungsberichte als Quelle genannt, noch vor Freunden und Verwandten (55 Prozent) und Online-Medien (44 Prozent).

Die Ergebnisse sind konsistent mit vielen anderen Studien über den „Werther-Effekt“. Sie bestätigen, welche Bedeutung Empfehlungen wie die der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention haben, nach denen in der Berichterstattung u.a. vermieden werden sollte:

  • einen Suizid auf der Titelseite oder als „TOP-News“ erscheinen zu lassen
  • ein Foto der betreffenden Person (besonders auf der Titelseite) zu präsentieren und Abschiedsbriefe zu veröffentlichen.
  • den Suizid als nachvollziehbare, konsequente oder unausweichliche Reaktion oder gar positiv oder billigend darzustellen bzw. den Eindruck zu erwecken, etwas oder jemand habe „in den Suizid getrieben“. („Für ihn gab es keinen Ausweg“).
  • die Suizidmethode und den Ort detailliert zu beschreiben oder abzubilden

Mir fehlt jetzt noch eine Studie, ob die vielen Journalisten, die diese Empfehlungen ignorieren, nicht an die beschriebenen Folgen ihrer Berichterstattung glauben — oder sie sie bewusst in Kauf nehmen.

 
Die Studie:

 
Aus dem Archiv:

Über Enke und Werther

16 Nov 09
16. November 2009

Die Medien arbeiten seit einer Woche daran, die Zahl der Selbstmorde in Deutschland in die Höhe zu treiben.

Selbstmord ist ansteckend. Berichterstattung über Suizide erhöht die Zahl der Suizide. Das ist der sogenannte „Werther“-Effekt, benannt nach Goethes Roman. Nachdem er erschienen war, soll sich eine Reihe von Lesern in ähnlicher Form das Leben genommen haben wie die liebeskranke Titelfigur.

Der amerikanische Soziologe David Philipps wies vor 35 Jahren nach, dass immer, wenn die „New York Times“ prominent über einen Selbstmord berichtet hatte, die Zahl der Selbstmorde signifikant anstieg. In vielen weiteren Untersuchungen wurde der beunruhigende Effekt seitdem immer wieder bestätigt: Je länger und prominenter über den Suizid berichtet wurde, umso größer war der folgende Anstieg der Selbstmordrate. Wenn ein Selbstmord nur in New York groß auf der Titelseite behandelt wurde, nicht aber in Chicago, stieg die Zahl der Selbstmorde in New York stärker als in Chicago. Während eines neunmonatigen Zeitungsstreiks in Detroit 1967/68 sank die Zahl der Selbstmorde hier signifikant.

1981 zeigte das ZDF in bester Absicht Robert Strombergers realistisches Drama „Tod eines Schülers“ über einen Jugendlichen, der sich vom Zug überrollen lässt. Hinterher nahm die Zahl der Eisenbahnsuizide bei jungen Männern um 175 Prozent zu. Auch bei der Wiederholung der Serie eineinhalb Jahre später stellten Wissenschaftler noch einen erheblichen Nachahmungseffekt fest.

Der australische Psychiater Robert D. Goldney‌ fasste die Ergebnisse der Forschung 1989 so zusammen, dass sich auch Journalisten verstehen könnten:

„Es besteht kein begründeter Zweifel mehr, dass die Medien zu Selbstmorden beitragen. Eine unreflektierte Berichterstattung wird zwangsläufig zu weiteren Selbstmorden führen.“

Wäre es also am besten, wenn Medien gar nicht über Selbstmorde berichten? In den meisten Fällen, wenn es zum Beispiel nicht darum geht, etwa die Missstände in einer Schule aufzudecken, wo sich plötzlich viele Jugendliche das Leben nehmen, lautet die Antwort: Ja. Es wäre am besten, wenn Medien gar nicht über Selbstmorde berichten.

Das ist für Journalisten eine unerträgliche Antwort. Journalisten gehen davon aus, dass es gut ist, wenn etwas an die Öffentlichkeit kommt. Dass es erlaubt sein muss, über etwas zu berichten, das sich unzweifelhaft ereignet hat.

Kleiner kommunikationswissenschaftlicher Exkurs: Nach Max Weber lässt sich zwischen Gesinnungsethik und Verantwortungsethik unterscheiden. Verantwortungsethik bewertet Handlungen nicht danach, ob sie in bester Absicht geschehen, sondern nach den Folgen, die sie haben („zweckrationales Handeln“). Gesinnungsethik bewertet Handlungen dagegen vor allem aufgrund von Überzeugungen und Werten wie dem der Wahrhaftigheit. Ein Journalist, der sich gesinnungsethisch richtig verhält, muss allein dafür Sorge tragen, dass das, was er berichtet, wahr ist. Man spricht dabei vom wertrationalen Handeln, das Weber so definiert:

„[Wertrational handelt], wer ohne Rücksicht auf die vorauszusehenden Folgen handelt im Dienst seiner Überzeugung von dem, was Pflicht, Würde, Schönheit, religiöse Weisung, Pietät oder die Wichtigkeit einer ‚Sache‘ gleichviel welcher Art, ihm zu gebieten scheinen. Stets ist […] wertrationales Handeln ein Handeln nach ‚Geboten‘ oder oder gemäß ‚Forderungen‘, die der Handelnde an sich gestellt glaubt.“

Journalisten (nicht nur) in Deutschland fühlen sich, wie unschwer zu erraten ist, ganz überwiegend einer Gesinnungsethik verpflichtet und lehnen Verantwortung für die Folgen ihres Handelns ab. So glaube sie, die Pflicht zu haben, über Suizide zu berichten — unabhängig davon, ob diese Berichterstattung zu weiteren Suiziden führt.

Die Erkenntnis, dass es am besten wäre, wenn Medien über die meisten Suizide gar nicht berichten würden, widerspricht also nicht nur dem Wettlauf um Auflage und Quote, sondern auch ganz fundamental dem journalistischen Selbstverständnis eines ganzen Berufsstandes.

Aber dem besinnungslosen Kampf um Aufmerksamkeit, Auflage und Quote widerspricht es natürlich auch, und vermutlich lässt sich nur so die flächendeckend grotesk verantwortungslose Berichterstattung der vergangenen Tage erklären. Man könnte den Eindruck haben, eine ganze Branche hätte sich zu einem großen Feldversuch entschlossen, einmal zu testen, wie weit sich die Zahl der Selbstmörder in die Höhe treiben lässt, wenn man jeden einzelnen Ratschlag zur Suizidprävention ignoriert.

Studien haben gezeigt, dass die Suizidrate nach Berichten über Suizide unter anderem ansteigt,

  • wenn das Opfer besonders prominent ist
  • wenn die Berichterstattung prominent auf den Titelseiten stattfindet
  • wenn sich die Berichterstattung über Tage hinzieht
  • wenn der Ort und die Methode des Suizids genau beschrieben wird
  • wenn sich gefährdete Menschen mit dem Opfer identifizieren können.

Der „Spiegelfechter“ Jens Berger ist schon am vergangenen Mittwoch die Medien-Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft zur Suizidprävention durchgegangen:

Ein Suizid sollte nicht als Aufmacher auf der Titelseite erscheinen. Geschenkt, bis auf die FTD erschien heute kein einziges Publikumsmedium mit einem anderen Thema als Aufmacher.

Es sollten weder Fotos noch Dokumente wie der Abschiedsbrief publiziert werden. Natürlich wäre es naiv, anzunehmen, dass eine Berichterstattung über den Freitod eines Sportstars ohne Foto auskäme. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Abschiedsbrief nicht in den nächsten Tagen 1:1 von der BILD-Zeitung abgedruckt wird, geht derweil allerdings gegen Null.

Der Suizid sollte nicht als nachvollziehbare, konsequente oder unausweichliche Reaktion dargestellt werden oder als alternativlos dargestellt werden. Im Falle Enke hatten die lieben Kollegen der schreibenden Zunft bereits am gestrigen Abend nichts Besseres zu tun, als den Freitod als nachvollziehbare Reaktion auf den Tod seiner Tochter darzustellen.

Die Suizidmethode und der Ort des Suizids sollten weder detailliert beschrieben, noch abgebildet werden. „Natürlich“ weiß heute ganz Deutschland ganz genau, an welchem Ort sich Robert Enke wie umgebracht hat. Selbst komplett irrelevante Details werden in den Rang einer Sondernachricht gehoben.

Und es ist nicht nur die „Bild“-Zeitung, die seit einer Woche alles dafür tut, Auflage, Leid der Angehörigen und Zahl der Suizide zu steigern — und sich im Zweifelsfall wie immer auf ihre „Informationspflicht“ berufen würde. Und nicht nur die genauso skrupellose Fernsehversion namens RTL.

Bei kaum einem Medium (die „FAZ“ vielleicht ausgenommen, bei der ich allerdings natürlich befangen bin) habe ich in den vergangenen Tagen so etwas wie Zurückhaltung aus Sorge um den „Werther-Effekt“ feststellen können. Schon am Dienstagabend enthielten die Meldungen der Nachrichtenagentur dpa jedes verdammte Detail über den Ort und den Ablauf des Geschehens.

Dabei lässt sich sogar zeigen, dass eine veränderte, zurückhaltende Berichterstattung Leben rettet. In Wien gelang es, die Zahl der Suizide und Suizidversuche in der U-Bahn um 60 Prozent zu senken, nachdem die Redaktionen Empfehlungen des österreichischen Vereins für Suizidverhütung umgesetzt hatten, über Selbstmorde nicht emotional, auf keinen Fall mit Foto, nicht auf der Titelseite und möglichst kurz zu berichten.

Noch einmal die Empfehlungen, was Medien tun können, um den „Werther-Effekt“ möglichst gering zu halten:

  • Sie sollten jede Bewertung von Suiziden als heroisch, romantisch oder tragisch vermeiden, um möglichen Nachahmern keine post-mortalen Gratifikationen in Form von Anerkennung, Verehrung oder Mitleid in Aussicht zu stellen.
  • Sie sollten weder den Namen der Suizidenten noch sein Alter und sein Geschlecht angeben, um eine Zielgruppen-Identifizierung auszuschließen.
  • Sie sollten die Suizidmethode und — besonders bei spektakulären Fällen — den Ort des Suizides nicht erwähnen, um die konkrete Imitation unmöglich zu machen.
  • Sie sollten vor allem keine Informationen über die Motivation, die äußeren und inneren Ursachen des Suizides andeuten, um so jede Identifikations-Möglichkeit und Motivations-Brücke mit den entsprechenden Lebensumständen und Problemen des Suizidenten vermeiden.

Oder in konkreter Empfehlung:

  • Beschreibe den Suizidenten, die Methode, den Ort, die Lebensverhältnisse und die Gründe so abstrakt, dass sie kein Anschauungsmaterial mehr enthalten, das einer möglichen Identifikation und Enthemmung Vorschub leisten könnte (nach W. Ziegler und U. Hegerl, 2002).

Nun kann man natürlich sagen, dass es unrealistisch ist, diese Empfehlungen im Fall eines so prominenten und beliebten Menschen wie Robert Enke umzusetzen. Allerdings sind es gerade die Suizide von solchen Menschen, die besonders viele Nachahmungstäter herausfordern. Und bei aller Trauer um den Nationaltorwart, bei aller Anerkennung, was für ein besonderer Sportler und Mensch er gewesen sein mag, muss man die Frage auch stellen, inweit die grenzenlose Heroisierung, die in den vergangenen Tagen passiert ist, gefährlich ist.

Und natürlich hilft es wenig, wenn sich nur zwei, drei Medien an die Empfehlungen halten und sich alle anderen mit spektakulären Bildern, knalligen Titelseiten, detaillierten Grafiken und exklusiven Abschiedsbriefen überbieten. Natürlich müsste es eine Absprache, eine Vereinbarung der Medien geben, sich gemeinsam an bestimmte Vorgaben bei der Suizid-Berichterstattung zu halten. Ich kann aber auch sechs Tage nach dem Tod von Robert Enke keinen Beteiligten, kein Medium erkennen, das überhaupt eine Diskussion über einen solchen Kodex in Gang setzt.

Mag sein, dass es unrealistisch ist, davon auszugehen, dass die Medien anders über einen Fall wie den des Robert Enke berichten könnten. Dann seien wir aber auch ehrlich genug zu sagen, was der Preis für diese vermeintliche Informationspflicht und diesen Verkaufswettkampf ist. Er lässt sich in Menschenleben zählen.