Archiv zum Stichwort: Spiegel Online

Journalismus 2014

12 Mrz 14
12. März 2014

Wörtliche Zitate aus der Berichterstattung von „Spiegel Online“ über den Prozess gegen Uli Hoeneß, der, soviel immerhin darf als gesichert gelten, am Montag begonnen hat.

10. März, 9:42
Wenn nichts dazwischenkommt, soll es am Donnerstag ein Urteil geben.

10. März, 14:47
Wenn nichts dazwischenkommt, soll es am Donnerstag ein Urteil geben.

10. März, 18:39
Wenn nichts dazwischenkommt, soll es am Donnerstag ein Urteil geben.

11. März, 9:17
Im Gerichtssaal unterhalten sich Polizisten. Sie mutmaßen, dass es nach der heutigen Zeugenaussage zur Vertagung des Prozesses kommen könnte, weil das Gericht Zeit zur Prüfung der neuen Zahlen brauche.

11. März, 9:34
[U]rsprünglich wollte der Vorsitzende Richter Rupert Heindl bereits am Donnerstag das Urteil verkünden. Nun muss sich zeigen, ob Hoeneß überraschend umfassendes Geständnis den Zeitplan ändert.

11. März, 10:23
Gerhard Wipijewski von der Bayerischen Finanzgewerkschaft glaubt, dass sich der Prozess angesichts des spektakulären Geständnisses zu Beginn länger hinziehen könnte.

11. März, 10:53
Die Vernehmung der Finanzbeamtin habe erst angefangen, sagt eine Gerichtssprecherin. Doch schon jetzt seien dadurch „etliche Fragen“ aufgeworfen worden. Deshalb sei auch „nicht sicher, ob die Vernehmung der Zeugin heute abgeschlossen werden kann.“

11. März, 11:34
Alles sieht nach einer Verlängerung des Prozesses aus. Es sei „durchaus davon auszugehen, dass weitere Termine erforderlich sein werden“, sagte eine Gerichtssprecherin.

11. März, 12:01
Ob die Prozessdauer verlängert wird, hängt nach Ansicht der Staatsanwaltschaft von den weiteren Aussagen der heute vernommenen Finanzbeamtin ab.

11. März, 12:07
Es wird vermutlich nicht zu einer Urteilsverkündung am Donnerstag kommen. „Es ist nicht mehr sehr wahrscheinlich, dass es so sein wird“, sagt Gerichtssprecherin Andrea Titz. Es sei durchaus davon auszugehen, dass weitere Termine erforderlich sein werden.

11. März, 13:35
Wegen der neuen Enthüllungen und möglicher weiterer Zeugenaussagen ist es unwahrscheinlich, dass das Urteil wie ursprünglich geplant an diesem Donnerstag verkündet wird. „Es ist durchaus davon auszugehen, dass weitere Termine erforderlich sein werden“, sagte Titz.

11. März, 15:14
Ein schnelles Ende des Prozesses ist nach dem Hoeneß-Geständnis nicht in Sicht.

11. März, 15:50
Wird der Prozess verlängert? Diese Entscheidung soll laut einer Gerichtssprecherin erst am Mittwoch fallen. Zuvor hatte sie es jedoch bereits als „nicht mehr sehr wahrscheinlich“ bezeichnet, dass das Urteil wie ursprünglich geplant schon am Donnerstag fällt.

11. März, 18:47
Der Zeitplan mit einer raschen Urteilsverkündung am Donnerstag ist (…) trotz der neuen Entwicklungen weiterhin möglich — allerdings keineswegs sicher. Das Gericht will erst noch den Mittwoch abwarten.

12. März, 9:39
Verspätung: Eigentlich hätte der dritte Prozesstag vor einigen Minuten beginnen sollen. Bislang sind aber weder das Gericht noch Anklage, noch Verteidigung im Saal. Warum, ist derzeit unklar.

12. März, 9:57
Laut eines Sprechers der Staatsanwaltschaft ist mit einem Abschluss des Verfahrens am Donnerstag zu rechnen, falls die Zeugenanhörung heute abgeschlossen werden kann. Ob es wirklich dabei bleibt?

12. März, 10:13
Bislang ist noch nichts aus dem Gerichtssaal durchgesickert. Auch wir warten auf neue Informationen.

12. März, 10:58
Ob wie geplant am Donnerstag auch das Urteil gegen den 62-jährigen Hoeneß gesprochen wird, steht im Augenblick nicht fest.

12. März, 11:02
(…) es könnte also tatsächlich beim ursprünglichen Zeitplan bleiben.

12. März, 11:18
Die Gerichtssprecherin hält ein Ende des spektakulären Steuerprozesses gegen Uli Hoeneß bereits am Donnerstag für „höchstwahrscheinlich“ (…) Wenn es keine weiteren Beweisanträge gibt, können am Donnerstag die Plädoyers folgen und dann die Urteilsverkündung, sagte Gerichtssprecherin Andrea Titz.

Aufmacher auf „Spiegel Online“:

Super-Symbolfoto (102)

11 Mrz 14
11. März 2014

Teile des deutschen Journalismus sind ja seit gestern damit beschäftigt, das Gesicht von Uli Hoeneß zu beschreiben und zu interpretieren. „Spiegel Online“ hat freundlicherweise sogar eine Bildergalerie gemacht, mit vier Fotos und vier Stellen aus dem Geständnis des FC-Bayern-Präsidenten.

Und wenn man sich da so durchklickt …

… ich glaube, beim vierten, da wirkt er echt ein bisschen angefasst.

Noch Fragen?

09 Jan 14
9. Januar 2014

Kann jemand den Leuten von „Spiegel Online“ die Drogen wegnehmen?

Oder wiedergeben?

Kann da wenigstens mal jemand in der Redaktion vorbeifahren und die Latten am Zaun zählen?

Wie verzweifelt muss man sein, eine Artikelattrappe mit Fragen zum Coming-Out von Thomas Hitzlsperger zu veröffentlichen, ohne über die Antworten nachgedacht zu haben oder wenigstens über die Fragen?

War gestern Abend die vorgegebene Mindestzahl an zu veröffentlichenden Artikeln noch nicht erfüllt? War die Klickzahl noch nicht voll, aber der Kopf schon leer?

Warum ziert die Sportredaktion von „Spiegel Online“ sich, „schwul“ zu schreiben?

Wenn die Sportredaktion von „Spiegel Online“ fragt, warum sie sich ziert, „schwul“ zu schreiben, fragt sie das uns?

Wie kommt „Spiegel Online“ darauf, dass Hitzlsperger über sein „Sexualleben“ gesprochen hat?

Wenn die Redakteure von „Spiegel Online“ fragen, ob ein Interview mit Hitzlsperger allein nicht ausgereicht hätte und ob es unbedingt auch noch ein Videostream dazu sein musste, haben sie dann mal auf die Seite geguckt, für die sie schreiben? Oder ihren Arbeitgeber gefragt?

Wäre es falsch, diesen Text einen journalistischen Offenbarungseid zu nennen? Oder wenigstens eine öffentliche Kapitulation?

Handelt es sich womöglich um einen stillen Hilfeschrei der Redaktion, einen halb verklausulierten Protest gegen das Leben und Arbeiten in diesem Hamsterrad, in dem ununterbrochen neue Artikel, Klickstrecken, Eilmeldungen produziert werden müssen, ganz egal ob etwas passiert ist oder jemand schon zum Nachdenken gekommen ist?

Wer ist eigentlich gerade Chef da? Rüdiger Ditz? Wolfgang Büchner? Weiß die Redaktion die Antwort auf die Frage?

Reichen diese Fragen oder müssten es noch ein paar mehr werden?

Hallo?

Corinna Schumachers Bitte um Ruhe und die grenzenlose Ungemeintheit der Medien

08 Jan 14
8. Januar 2014

Der „Spiegeltest“ ist bekanntlich ein psychologisches Experiment, mit dem die Selbstwahrnehmung von Menschen oder Tieren untersucht wird. Man konfrontiert ein Lebewesen mit seinem Spiegelbild und sucht nach Anzeichen, dass es sich selbst erkennt. Orang-Utans, Schimpansen und zweijährige Kleinkinder bestehen den Test in der Regel; Katzen, Hunde und Journalisten scheitern an ihm.

Am Dienstagvormittag hat die Frau des schwer verunglückten Michael Schumacher die Journalisten in einer Erklärung aufgefordert, die Klinik zu verlassen, damit die Ärzte dort in Ruhe arbeiten können. Corinna Schumacher appellierte an die Medien: „Bitte lassen Sie auch unsere Familie in Ruhe.“

(Die Nachrichtenagentur AFP hielt das für so brisant und dringlich, dass sie gleich eine Eilmeldung daraus machte: „Corinna Schumacher fordert Journalisten zum Verlassen der Klinik auf.“ Es ist die neunte Eilmeldung von AFP über Schumacher seit dessen Sturz vor zehn Tagen:

  • Schumacher erlitt schweres Schädel-Hirn-Trauma (Ski-Station)
  • Krankenhaus: Schumacher bei Einlieferung in Grenoble im Koma
  • Schumacher schwebt weiter in Lebensgefahr
  • Ärzte: Michael Schumacher nochmals operiert
  • Managerin: Schumachers Zustand über Nacht „stabil“ geblieben
  • Ermittlerkreise: Polizei beschlagnahmt Schumachers Helm-Kamera
  • SID: Schumacher zeigt leichte Zeichen der Besserung
  • Corinna Schumacher fordert Journalisten zum Verlassen der Klinik auf
  • Schumachers Helmkamera lief zum Unglückszeitpunkt

Vermutlich läuft AFP in diesen Tagen ein bizarres Agenturen-Wettrennen um die größte Zahl an Schumacher-„Eilmeldungen“.)

Jedenfalls beklagt sich Corinna Schumacher also öffentlich darüber, dass Journalisten das Krankenhaus belagern und ihre Familie belästigen. Wäre das nicht ein Moment für Medien, die diese Nachricht erhalten, sich kurz verwirrt umzuschauen und dann zu fragen: „Hö? Meint die uns?“

Aber nein. Weiß der Himmel, was das für Medien sind, die Frau Schumacher meint, schlimme, böse Medien, die ihre Familie nicht in Ruhe lassen, komm, wir machen schnell einen Artikel daraus und bebildern ihn mit einer Auswahl der vielen, vielen Fotos, die die Familie Schumacher beim Betreten des Krankenhauses heute, gestern, vorgestern zeigen und auf irgendeine Weise in unser Redaktionssystem gekommen sind. Ach guck mal, die Fotogalerie war schon vorbereitet? Und: veröffentlichen!

Nun verstehe ich grundsätzlich nicht, warum vermeintlich seriöse Agenturen Fotos davon machen, die die Angehörigen von Michael Schumacher beim Betreten oder Verlassen des Krankenhauses zeigen. Und ich verstehe nicht, warum vermeintlich seriöse Medien diese Fotos veröffentlichen.

Dass die Hyänen von „Bild“ das machen, klar. Aber haben wir als Öffentlichkeit wirklich einen Anspruch darauf, den Familienmitgliedern ins Gesicht zu sehen, wenn sie sich auf den Weg machen, ihren im Koma liegenden Angehörigen zu besuchen? Die Frage ist gar nicht so sehr, ob wir das dürfen. Wollen wir das? Wollen wir, dass die Frau und der Bruder und der Vater von Michael Schumacher jeden Tag durch einen dichten Pulk von Fotografen müssen, die sie bei diesem Gang ablichten?

Es scheint einen breiten Konsens in den Medien zu geben, dass wir das wollen und dürfen und dass Familie Schumacher das eben gefälligst aushalten muss.

Und nun kommt die Meldung, dass Frau Schumacher darum bittet, ihre Familie in Ruhe zu lassen. Wäre das nicht ein guter Moment zu sagen: Lass uns das nicht auch mit einer Klickstrecke mit Fotos von der nichtinruhegelassenen Familie bestücken, wenigstens diesen einen Artikel nicht?

Aber nein.

„Andere nahe Verwandte neben Schumachers Frau sind nach Grenoble gereist“, steht unter einem entsprechenden, nun ja: Schnappschuss in der entsprechenden eingebauten Bildergalerie bei „Spiegel Online“: „Sein Vater Rolf vor der Klinik, in der sein Sohn um sein Leben ringt.“ Davor in der Klickstrecke: Der Bruder, die Ehefrau. Darüber die Überschrift: „Michael Schumacher: Ehefrau bittet um Ruhe.“

Kein Objekt in dem Satz. „Uns“ hätte gepasst.

Natürlich kann man die Berichterstattung und ihre Grenzen nicht komplett von den Befindlichkeiten der Betroffenen abhängig machen. Womöglich kann man diskutieren, ob es ein berechtigtes öffentliches Interesse daran gibt, die Gesichter der im Krankenhaus ankommenden Familienangehörigen zu dokumentieren. Aber müsste man als Medium, bei dem jeder außer einem selbst merkt, dass man kein Unbeteiligter ist, diese Diskussion dann nicht auch führen? Und mindestens erklären, warum man der Meinung ist, dass Frau Schumachers Bitte leider nicht erfüllt werden kann? Oder warum man selbst und die eigene Berichterstattung mit der Bitte nicht gemeint sein kann, weil man sich keiner unzulässigen Belästigung bewusst ist?

Ja gut, dazu müsste man kommunizieren, das ist natürlich schwierig, so als Medium und als Journalist. Und vor allem müsste man sich angesprochen fühlen: Aber, Gott, was wissen wir denn schon, wer das da ist im Spiegel?

Wie Google-Optimierung den Journalismus verändert

27 Okt 13
27. Oktober 2013

Die Axel Springer AG, die die „Berliner Morgenpost“ herausgibt, ist zwar eigentlich dagegen, journalistische Inhalte zu verschenken. Aber wenn sie schon journalistische Inhalte verschenkt, dann tut sie das wenigstens mit der Zurückhaltung einer siebzehnköpfigen Autofensterputzerbande am Kottbusser Tor.

Die Axel Springer AG, die die „Berliner Morgenpost“ herausgibt, findet es zwar eigentlich unzulässig, dass die Firma Google einfach ungefragt und ohne dafür zu bezahlen mit kurzen Anrissen auf Medien wie die „Berliner Morgenpost“ verlinkt. Aber wenn sie das schon tut, soll sie es wenigstens mit niemandem so oft und so gründlich tun wie mit der „Berliner Morgenpost“.

Immerhin hat es sich offenbar gelohnt, dass sich irgendein armer Tropf immer neue Überschriftenvarianten für das Stück über Bewertungsportale im Netz ausgedacht hat: Der Text ist aktuell auf Platz fünf der meistgelesenen Artikel auf der Online-Seite der „Berliner Morgenpost“.

Was bemerkenswert ist, denn der Artikel stammt von der Nachrichtenagentur dpa und steht überall: auf den Online-Seiten der „Wirtschaftswoche“, des „Tagesspiegel“ (mit der steilsten Überschrift: „Touristen zieht’s lieber zur Dönerbude als zum Dom“) und der „Berliner Zeitung“, bei „Spiegel Online“, „Focus Online“ etc.

Und keiner von all denen störte sich daran, dass die halbgare Geschichte überall steht. Und dass sie sich ohnehin liest, als hätte sie ihren Ursprung in der PR-Agentur des Bewertungsportals Yelp genommen, das auf diesem Weg noch einmal auf die Übernahme von Qype und die Maßnahmen gegen Missbrauch hinweisen kann.

[mit Dank an Leonard Quack]