Tag Archive for: Spiegel Online

Eine besonders irreführende Art, die Opfer des Gaza-Krieges darzustellen

06 Aug 14
6. August 2014

Auf „Spiegel Online“ steht ein Diagramm, das illustrieren soll, wie sich die Zahl der Todesopfer im gegenwärtigen Gaza-Krieg entwickelt hat. Die Redaktion hat die vermutlich abwegigste Art gewählt, diese Entwicklung darzustellen.

Wenn Sie mal schauen mögen:

Darauf muss man erst einmal kommen. „Spiegel Online“ zeigt nicht die wachsende Gesamtzahl der Opfer. „Spiegel Online“ zeigt auch nicht den täglichen Zuwachs an Opfern in absoluten Zahlen. „Spiegel Online“ zeigt, um wie viel Prozent die Zahl der Opfer an diesem Tag im Vergleich zur bisherigen Gesamtzahl angestiegen ist.

Das ist aus mehreren Gründen eine sehr schlechte Idee. Es reduziert einzelne Opfer auf eine Prozentzahl, auf einen bloßen Anteil an einer Gesamtzahl. Es ist weder intuitiv verständlich noch anschaulich. Vor allem aber vermittelt es einen völlig falschen Eindruck vom Verlauf dieses Krieges.

Auf den ersten Blick (und ich würde wetten, für die meisten Betrachter auch auf den zweiten oder dritten) sieht es so aus, als ob der Krieg mit fortschreitender Dauer weniger tödlich wurde. Denn die Balken werden, grob gesagt, nach unten immer kürzer.

Das liegt aber daran, dass die Bezugsgröße jedes Balkens immer größer wird. Ein Zuwachs entspricht einem immer kleineren Prozentsatz, weil die Gesamtzahl der Opfer immer weiter ansteigt. Der relativ kurze Balken ganz unten steht für 193 Tote. Der lange Balken ganz oben steht für 34 Tote.

Würde man nicht den prozentualen Zuwachs zeigen, sondern den absoluten Zuwachs, also schlicht: wie viele Menschenleben der Krieg an jedem Tag gekostet hat, ergäbe sich ein ganz anderes Bild:

Der blutigste Tag war der letzte in der Grafik. Aufgrund der „Spiegel Online“-Darstellung würde man das nicht erahnen.

[mit Dank an BILDblog-Leser Johann H.]

Nachtrag, 7. August. „Spiegel Online“ hat mit einem Eintrag im „Datenlese“-Blog reagiert, der einräumt, dass sich „der Informationsgehalt der Grafik nicht ganz intuitiv erfassen“ lasse. Eine nachvollziehbare Erklärung für die bizarre Darstellung enthält er nicht.

„Spiegel Online“ und ein angeblicher erster Erfolg der Sanktionen

31 Jul 14
31. Juli 2014

Und dann war da noch der „Spiegel Online“-Artikel, der vermeldete, dass die verschärften Sanktionen gegen Russland, die der „Spiegel“ so vehement gefordert hat, womöglich schon erste Wirkung zeigen. Unter der Überschrift „Wie Russland auf die Sanktionen reagiert“ heißt es:

Was passiert, wenn Putin stur bleibt?

Die 28 EU-Mitgliedstaaten sind bereit, die Sanktionen nach der Dreimonatsfrist noch einmal zu verschärfen. Putin hat jetzt signalisiert, OSZE-Beobachter an der russisch-ukrainischen Grenze zuzulassen — möglicherweise ein Signal ersten Entgegenkommens. Oberstes Ziel bleibt, Moskau zu Respekt gegenüber den Grenzen und Souveränitätsrechten seiner Nachbarn anzuhalten.

Das kann nicht stimmen. Putin hat nicht jetzt erst signalisiert, OSZE-Beobachter an der Grenze zuzulassen. Russland hat sie bereits vor gut zwei Wochen eingeladen. Am 14. Juli 2014 meldete die Nachrichtenagentur AFP:

Im Streit um die Kontrolle der russisch-ukrainischen Grenze sandte Moskau derweil ein Signal der Entspannung. Russland lade „als Geste des guten Willens“ Beobachter der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) ein, sich zu den Kontrollposten Donezk und Gukowo zu begeben, teilte das Außenministerium mit. Zuvor war in einem russischen Grenzort ein Mann durch ein Geschoss getötet worden. Moskau machte die Ukraine dafür verantwortlich und drohte mit „irreversiblen Konsequenzen“.

Nach einigem Hin und Her beschloss die OSZE vor einer Woche einmütig (inklusive der Stimmen der Ukraine und Russlands) eine entsprechende Mission: 16 OSZE-Vertreter sollten „so schnell wie möglich“ an die Grenze geschickt werden und über die Situation an zwei russischen Grenzposten berichten.

Wir kommt also „Spiegel Online“ darauf, dass Putin jetzt einlenkte?

Auf meine Nachfrage erklärt die stellvertretende Chefredakteurin Barbara Hans:

An dieser Stelle war unser Text missverständlich formuliert. Unsere Autoren halten es aber — bei aller Vorsicht — für möglich, dass Putin die Einreiseerlaubnis vom Dienstag durchaus auch als versöhnliches Signal in Richtung Westen verstanden wissen will.

Wir werden den Satz folgendermaßen ändern und eine Anmerkung unter dem Text einfügen:

Putin hatte schon seit einigen Wochen signalisiert, OSZE-Beobachter an der russisch-ukrainischen Grenze zuzulassen. Dass russische Behörden sie am Dienstag einreisen und ihre Arbeit beginnen ließen, kann möglicherweise als ein Signal ersten Entgegenkommens verstanden werden.

Ja, möglicherweise.

Möglicherweise ist es auch nur die Umsetzung des von Russland vor einer Woche mitgetragenen Beschlusses der OSZE.

Und möglicherweise ist es ein Problem, dass der „Spiegel“ und „Spiegel Online“ so sehr von der Notwendigkeit und Wirksamkeit schärferer Sanktionen überzeugt sind, dass sie deren Erfolge schon herbeizuschreiben versuchen.

[via Mopperkopp]

Das „britische Erdbeben“, der „Durchmarsch“ der UKIP — und die Realität

24 Mai 14
24. Mai 2014

Bei „Spiegel Online“ sind sie ganz aufgeregt. Gut, das sind sie immer, aber sie sind es auch wegen der Ergebnisse der Kommunalwahlen in England. Ein „Erdbeben“ habe sich in Großbritannien ereignet, schnappatmet der Bericht; die britische Unabhängigkeitspartei Ukip feiere einen „Durchmarsch“ und „Sieg“.

Und tatsächlich sind das ja spektakuläre Ergebnisse:

Quasi aus dem Nichts hat die United Kingdom Independence Party weit über 100 Sitze geholt. Kein Wunder, dass die anderen Parteien schockiert sind.

Winziges Detail: Die BBC-Grafik da oben ist von 2013. Es waren die englischen Kommunalwahlen vor einem Jahr, bei denen die UKIP mit ihrem Erfolg die politische Landschaft in Großbritannien erschütterte. Bei den Wahlen in dieser Woche hat sie diesen Erfolg nur in Wahlkreisen, in denen damals nicht gewählt wurde, wiederholt.

Hochgerechnet auf ganz Großbritannien hätte UKIP nach BBC-Schätzungen bei den Wahlen in diesem Jahr 17 Prozent der Stimmen bekommen. Im vergangenen Jahr waren es 23 Prozent.

Das heißt, die Zustimmung für die Partei ist gegenüber dem Vorjahr sogar ein bisschen gesunken. Das Bemerkenswerte an den Ergebnissen dieser Woche ist nicht, dass die UKIP spektakulär Stimmen gewonnen hätte. Das Bemerkenswerte ist, dass sie diesen Erfolg beinahe wiederholt hat. Es ist keine Geschichte eines Durchbruchs, sondern der Beständigkeit.

Das macht sich in einer Google-Suche, als klickträchtige Überschrift und überhaupt: für ein Medium wie „Spiegel Online“, das seinen Lesen jeden Tag die aufregendsten Nachrichten verspricht, natürlich nicht so gut wie die Zeile: „Das britische Erdbeben“.

Und um die Sache noch spektakulärer zu machen, spricht „Spiegel Online“ sogar von einem „Durchmarsch“ der UKIP. Ein „Durchmarsch“, an dessen Ende die UKIP nach Sitzen in den Bezirken, in denen gewählt wurde, viertstärkste Partei ist, hinter Labour, Konservativen und Liberaldemokraten. Ein „Durchmarsch“, an dessen Ende die UKIP keine einzige Ratsmehrheit erobern konnte.

Wenn das Wort „Durchmarsch“ nicht bloß die Bedeutung hat: „Oh mein Gott, hier ist etwas passiert, das nach einem wahnsinnigen Erfolg aussieht“, dann war das in dieser Woche kein Durchmarsch der UKIP. Aber wenn die UKIP tatsächlich irgendwann einen „Durchmarsch“ schafft, dann wird „Spiegel Online“ schon einen entsprechenden neuen Begriff finden, der dann noch größer und durchmarschiger klingt.

Es ist ein Journalismus, dem es im Zweifel darum geht, das Adrenalin zu maximieren, nicht das Verständnis.

Die Seelen-Verkäufer von „Spiegel Online“ (3)

27 Apr 14
27. April 2014

Angenommen, ein seriöses Nachrichtenmagazin bringt einen großen Bericht über neue Werbeformen, zeigt, wie heikel die sind, und betont dabei, dass man selbst eine weiße Weste hat: „Werbung, die aussieht wie ein Text der Redaktion, wird es nicht geben.“

Und angenommen, dann kommt raus, dass das gar nicht stimmt.

Würde man dann nicht, als seriöses Nachrichtenmagazin, in der nächsten Ausgabe seine Leser kurz informieren, dass man sie falsch informiert hatte? Gut, natürlich nicht gleich am Anfang, in der „Hausmitteilung“, da steht nur, wie toll das eigene Heft ist. Und natürlich auch nicht ganz am Ende, in der Rubrik „Rückspiegel“, da steht nur, wie toll andere das eigene Heft finden.

Aber vielleicht irgendwo dazwischen, nur eine Notiz, zum Beispiel in dem kleinen „Korrekturen“-Kasten oder auf der Meldungsseite im Medienteil?

Natürlich würde man dadurch Leser, die gar nichts mitgekriegt hatten von dem peinlichen falschen Versprechen — und das wäre womöglich die Mehrheit — überhaupt erst darauf aufmerksam machen. Andererseits würde man denen, die es mitgekriegt haben, zeigen, dass man ein Nachrichtenmagazin ist, dem man trauen kann, sogar wenn es in eigener Sache berichtet.

Wäre das nicht, wenn man es schon nicht hingekriegt hat, in seinem Online-Auftritt Werbung und Redaktion so sauber zu trennen, wie man vorgegeben hat, ein schönes Zeichen, dass man es wenigstens hinkriegt, zu seinen Fehlern zu stehen? Aufrichtig und transparent mit ihnen umzugehen?

Der „Spiegel“ hat diese Fragen offenbar mit Nein beantwortet und so steht im neuen Heft darüber, dass man mindestens ein Jahr lang genau das betrieben hat, was man bei anderen kritisierte und für sich ausschloss: kein Wort.

Aber gut, was sollte die Redaktion auch machen, um über solche Themen mit ihren Lesern ins Gespräch zu kommen? Bloggen?

Die Seelen-Verkäufer von „Spiegel Online“ (2)

22 Apr 14
22. April 2014

Abruptes Ende einer Partnerschaft: „Spiegel Online“ hat die Unterdomain eurojackpot.spiegel.de abgeklemmt, auf der, als „Service von WestLotto“, im redaktionellen Gewand für die Lotterie geworben wurde. Geschäftsführung und Chefredaktion von „Spiegel Online“ erklärten, die Werbung hätte in dieser Form „nicht live gehen dürfen“. Dass dies dennoch geschehen sei, sei ein „Fehler“.

Es war ein erstaunlicher hartnäckiger Fehler. Denn auf diesen Seiten erschienen nicht nur ein paar einzelne Werbe-Kolumnen. Im Laufe eines Jahres wurden hier auch hundert vermeintliche Nachrichtenartikel publiziert, die im Auftrag der staatlichen Lotteriegesellschaft des Landes Nordrhein-Westfalen für das Glücksspiel warben.

Zum Beispiel:

  • Riesige Spannung – Größter Jackpot in Deutschland steigt weiter
  • Überragend: Rekordjackpot von 47 Mio. Euro wartet kommenden Freitag
  • YouTube-Star beschenkt Obdachlosen mit Lotterie-Gewinnerlos
  • Eurojackpot-Reporter beim Eurovision Song Contest
  • Ungarischer Obdachloser gewinnt Lotterie-Jackpot von zwei Millionen Euro
  • Passend zum Valentinstag: Großgewinne über ganz Europa verteilt
  • Britische Lotterie-Millionärin teilt Gewinn mit ihrem Ex-Mann
  • Weihnachtliche Bescherung für drei Eurojackpot-Tipper aus Deutschland
  • Ein Dorf wird Millionär
  • Der große Glücksatlas
  • Wenn halb Europa Lotto spielt
 und am Ende Deutschland gewinnt
  • Kellnerin in den USA erhält Lotterie-Lose als Trinkgeld und gewinnt

„In loser Reihenfolge“ wurden andere Länder vorgestellt, die auch an der Lotterie teilnehmen („Spanien: Beliebtes Reiseziel im sonnigen Süden“); der Unternehmens-Sprecher erklärte, was ein glückliches Leben ausmache und welche Rolle das Glücksspiel dabei spiele („Es ist vor allem der Traum vom Glück, der viele Lotteriespieler antreibt“), neue Forschungsergebnisse wurden mitgeteilt („Glückliche Menschen werden seltener krank“).

All diese vielen Dutzend Artikel, die plump bis halbsubtil für die Lotterie warben, erschienen im redaktionellen Design von „Spiegel Online“, gekennzeichnet bloß als „Service von WestLotto“. Von jeder „Spiegel Online“-Seite führte ein Link am Fuß zur Themenseite mit den jeweils aktuellen Beiträgen.

Und bei „Spiegel Online“ hatte bis eben niemand diesen „Fehler“ bemerkt.

[via Jan in den Kommentaren]