Perpetuum Mobile

Am ver­gan­ge­nen Mon­tag, 2. Januar, berich­tete »Spie­gel Online« exklu­siv:

Nach Infor­ma­tio­nen von SPIEGEL ONLINE tele­fo­nierte Wulff auch mit dem Vor­stands­vor­sit­zen­den der Sprin­ger AG, Mathias Döpf­ner, um die­sen zu bit­ten, bei Diek­mann Ein­fluss zu neh­men. Doch der Kon­zern­chef, in des­sen Haus die »Bild« erscheint, soll ihm in knap­per Form beschie­den haben, sich nicht in die Belange der Redak­tion ein­mi­schen zu wollen.

Der Springer-Verlag ant­wor­tete zunächst nicht auf eine Anfrage von SPIEGEL ONLINE, ob es ein Tele­fo­nat mit Döpf­ner gab. Am Nach­mit­tag bestä­tigte dann der Ver­lag den Gesprächs­ver­such Wulffs mit dem Vorstandschef.

Was danach geschah:

dapd, 2. Januar, 16:14:

Wulff inter­ve­nierte auch bei Springer-Chef Döpf­ner wegen Artikel

(…) Wulff habe neben dem Chef­re­dak­teur der »Bild«-Zeitung, Kai Diek­mann, auch beim Vor­stands­vor­sit­zen­den der Axel Sprin­ger AG, Mathias Döpf­ner, inter­ve­niert, sagte ein Spre­cher des Kon­zerns am Mon­tag der Nach­rich­ten­agen­tur dapd.

Er bestä­tigte damit einen Bericht von »Spie­gel Online«. (…)

epd, 2. Januar, 16:16:

»Süd­deut­sche Zei­tung«: Wulff rief auch bei Springer-Chef Döpf­ner an

Mün­chen (epd). Bun­des­prä­si­dent Chris­tian Wulff hat nach Infor­ma­tio­nen der »Süd­deut­schen Zei­tung« auch mit einem Anruf beim Vor­stands­vor­sit­zen­den des Springer-Verlages, Mathias Döpf­ner, ver­sucht, die Bericht­er­stat­tung der »Bild«-Zeitung über die Finan­zie­rung sei­nes Pri­vat­hau­ses zu ver­hin­dern. »Es ist kor­rekt, dass der Bun­des­prä­si­dent auch Mathias Döpf­ner in die­ser Ange­le­gen­heit ange­ru­fen hat und es ist auch kor­rekt, dass Herr Döpf­ner auf die Unab­hän­gig­keit der Redak­tion hin­ge­wie­sen hat«, heiße es in einer schrift­li­chen Stel­lung­nahme des Ver­la­ges, aus der die »Süd­deut­sche Zei­tung« in ihrer Diens­tags­aus­gabe zitiert. (…)

dpa, 2. Januar, 17:39:

Wulff wollte »Bild«-Bericht ver­hin­dern — Kri­tik und Protest

(…) Wie die »Bild«-Zeitung am Mon­tag bestä­tigte, ver­suchte Wulff per­sön­lich, die erste Ver­öf­fent­li­chung von Recher­chen zur Finan­zie­rung sei­nes Pri­vat­hau­ses zu ver­hin­dern. Bei »Bild«- Chef­re­dak­teur Kai Diek­mann habe er mit straf­recht­li­chen Kon­se­quen­zen für den ver­ant­wort­li­chen Redak­teur gedroht. Auch bei Springer-Chef Mathias Döpf­ner inter­ve­nierte Wulff erfolg­los. Das bestä­tigte der Verlag. (…)

dpa, 3. Januar, 15:37:

Der öffent­li­che Druck auf Wulff wird stärker

Ber­lin (dpa) — Wegen eines umstrit­te­nen Kre­dits und sei­nes Umgangs mit den Medien gerät Bun­des­prä­si­dent Chris­tian Wulff immer mehr unter Druck. Ein Rückblick:

12. Dezem­ber 2011: Bun­des­prä­si­dent Wulff besucht die Golf­re­gion und ver­sucht, »Bild«-Chefredakteur Kai Diek­mann zu errei­chen, um die Ver­öf­fent­li­chung von Recher­chen zur Finan­zie­rung sei­nes Pri­vat­hau­ses zu ver­hin­dern. Bei Springer-Chef Mathias Döpf­ner ruft er eben­falls an — und laut einem Bericht auch bei Springer-Mehrheitsaktionärin Friede Springer. (…)

epd, 4. Januar, 8:47:

(…) Seit­dem nach dem Jah­res­wech­sel öffent­lich wurde, dass der Bun­des­prä­si­dent »Bild«-Chefredakteur Kai Diek­mann sowie Springer-Vorstandschef Mathias Döpf­ner ange­ru­fen hatte, um Bericht­er­stat­tung über den Kre­dit zu ver­hin­dern, ver­schärfte sich der öffent­li­che Druck auf Wulff noch ein­mal deutlich. (…)

dpa, 4. Januar, 18:56:

Bun­des­prä­si­dent Chris­tian Wulff hat ARD und ZDF am Mitt­woch ein Inter­view gegeben. (…)

Ulrich Dep­pen­dorf: »Jetzt kom­men wir mal zu den Kri­tik­punk­ten, die Ihnen vor­ge­wor­fen wer­den. Sie sind in den letz­ten Tagen beson­ders in die Kri­tik gera­ten wegen der Anrufe bei dem Chef­re­dak­teur der »Bild«-Zeitung, Kai Diek­mann, und bei dem Vor­stands­vor­sit­zen­den des Springer-Konzerns, Herrn Döpf­ner. Ihnen wird Ver­let­zung des Grund­rechts der Pres­se­frei­heit vor­ge­wor­fen. Sie sol­len auf dem Band beide Her­ren bedroht haben. Sie spre­chen von Krieg füh­ren, vom end­gül­ti­gen Bruch. (…)«

epd, 5. Januar, 8:57:

(…) Seit­dem nach dem Jah­res­wech­sel Wulffs Anrufe bei Diek­mann sowie Springer-Vorstandschef Mathias Döpf­ner bekannt­ge­wor­den waren, hatte sich der öffent­li­che Druck auf den Prä­si­den­ten noch ein­mal deut­lich erhöht. (…)

dpa, 6. Januar, 15:20

»Bild« con­tra Wulff — ein Rückblick

Ber­lin (dpa) — Es war ein Bericht der »Bild«-Zeitung, der Bun­des­prä­si­dent Chris­tian Wulff Mitte Dezem­ber in Erklä­rungs­not brachte. Jetzt strei­ten beide über einen omi­nö­sen Tele­fon­an­ruf. Ein Rückblick:

12. Dezem­ber 2011: Bun­des­prä­si­dent Wulff besucht die Golf­re­gion und ver­sucht, »Bild«-Chefredakteur Kai Diek­mann zu errei­chen, um die Ver­öf­fent­li­chung von Recher­chen zur Finan­zie­rung sei­nes Pri­vat­hau­ses zu ver­hin­dern. Bei Springer-Chef Mathias Döpf­ner ruft er ebenso an. (…)

Reu­ters, 7. Januar, 17:58:

Spie­gel — Wulff soll auch Springer-Chef Döpf­ner gedroht haben

Ber­lin, 07. Jan (Reu­ters) — Bun­des­prä­si­dent Chris­tian Wulff soll einem Medi­en­be­richt zufolge neben dem »Bild«-Chefredakteur auch Springer-Verlagschef Mathias Döpf­ner mit schar­fen Wor­ten gedroht haben, um die Ver­öf­fent­li­chung eines Berichts über seine Kre­ditaf­färe zu verhindern. (…)

dapd, 7. Januar, 18:08:

Spie­gel: Wulff soll auch Springer-Chef Döpf­ner gedroht haben

Ber­lin (dapd). Bun­des­prä­si­dent Chris­tian Wulff soll auch Springer-Vorstandschef Mathias Döpf­ner gedroht haben. (…)

dpa, 7. Januar, 18:34:

»Spie­gel«: Wulff soll auch Döpf­ner gedroht haben

Ber­lin (dpa) — In der Affäre um einen Anruf von Bun­des­prä­si­dent Chris­tian Wulff beim Chef­re­dak­teur der »Bild«-Zeitung, Kai Diek­mann, kom­men wei­tere Details ans Licht. Nach Infor­ma­tio­nen des Nachrichten-Magazins »Der Spie­gel« soll Wulff dem Vor­stands­vor­sit­zen­den des Springer-Verlags, Mathias Döpf­ner, mit ähn­li­chen Wor­ten gedroht haben wie dem »Bild«-Chef. Eine Stel­lung­nahme des Prä­si­di­al­am­tes war am Sams­tag­abend zunächst nicht zu erhal­ten, ebenso wenig vom Springer-Verlag. (…)

dpa, 7. Januar, 19:22

Sprin­ger bestä­tigt Bericht über Wulff-Drohung bei Döpfner

Ber­lin (dpa) — Der Springer-Verlag hat einen Medi­en­be­richt bestä­tigt, dem­zu­folge Bun­des­prä­si­dent Chris­tian Wulff in der Kre­ditaf­färe auch Ver­lags­chef Mathias Döpf­ner gedroht haben soll. »Wir kön­nen die Dar­stel­lung des »Spie­gels« bestä­ti­gen, wol­len das aber nicht wei­ter kom­men­tie­ren«, sagte der für die »Bild«-Zeitung zustän­dige Spre­cher Tobias Fröh­lich am Sams­tag­abend auf Anfrage. (…)

dapd, 7. Januar, 19:36:

Wulff soll auch Springer-Chef Döpf­ner gedroht haben
(Neu: Bestä­ti­gung Verlagssprecher) (…)

»Spie­gel Online«, aktuell:

Vorsprung durch Technik

Keine Sorge, ich habe nicht vor, mich jetzt regel­mä­ßig auch noch an der Fach­wer­bung der Medien abzu­ar­bei­ten. Ich hatte heute mor­gen nur lachen müs­sen, als ich auf turi2 diese nicht nur in die­ser Woche unge­wollt komi­sche Wer­bung des »Spie­gel« sah:

(Bitte beach­ten Sie auch den sym­bo­li­schen Tie­fen­ab­stand zwi­schen dem »SPIEGEL«-Logo und der »DER REST«-Tapete.)

Jeden­falls stutzte ich, als die Anzeige umblät­terte auf die­ses Bild:

Ich fand den Vor­sprung von 718.000 Lesern gegen­über 632.000 Lesern jetzt gar nicht so ein­drucks­voll ange­sichts der dra­ma­tisch nied­ri­ge­ren Auf­lage (und, zuge­ge­ben: Rele­vanz) des »Focus«. In Säu­len­form hin­ge­gen macht das schon was her.

Kein Wun­der: Der »Spiegel«-Verlag hat getrickst. Er hat die »Focus«-Säule ein­fach klei­ner dar­ge­stellt, als es den Zah­len ent­sprä­che — und zwar um immer­hin zehn Pro­zent. (Oder, je nach Per­spek­tive, den eige­nen Penis die eigene Säule künst­lich verlängert.)

Zum Ver­gleich die »Spiegel«-Version der Sta­tis­tik und die kor­rekte Darstellung:

»Meist gibt es Kaffee und Kuchen«

Heute spie­len wir: »Rate das Maga­zin!« Die Regeln sind ein­fach: Ich zeige Ihnen eine Hand­voll Stel­len aus Zeit­schrif­ten­ar­ti­keln, und Sie müs­sen sagen, ob sie aus der »Bun­ten« oder aus dem »Spie­gel« sind. Heute dreht sich alles um das Fami­li­en­le­ben von Hel­mut Kohl. Und los:

A.

Drin­nen spie­len die Musi­ker der rheinland-pfälzischen Staats­phil­har­mo­nie Bach. Durch die Kir­chen­fens­ter bricht gol­de­nes Licht. Dann betritt Wal­ter Kohl die Kan­zel; er erin­nert an den Tod der Mut­ter, ihr lan­ges Lei­den. Er lobt die Arbeit ihrer Stif­tung, die Bedeu­tung des ehren­amt­li­chen Ein­sat­zes für Hirn­ver­letzte. Seine Stimme klingt kup­fern wie die Kir­chen­glo­cken.

B.

Die Bedin­gun­gen, die ihm seine Söhne für eine Aus­söh­nung stel­len, sind kaum zu erfül­len. Sie ver­lan­gen, dass er die neue Frau an sei­ner Seite in die Schran­ken weist, aber das ist eine For­de­rung, der er nur um den Preis einer Tren­nung nach­kom­men könnte. Seine Frau wie­derum ist empört über die stän­di­gen Anfein­dun­gen durch die Söhne, die sie nie als zweite Lebens­ge­fähr­tin akzep­tie­ren konn­ten. Sie erwar­tet, dass ihr Mann im Fami­li­en­streit auch öffent­lich für sie Posi­tion bezieht und den Angrif­fen ent­ge­gen­tritt. Es ist eine völ­lig ver­fah­rene Situation.

C.

Vor drei Wochen sah es kurz­zei­tig so aus, als ob zumin­dest eine vor­sich­tige Annä­he­rung gelin­gen könnte. Erst kam Sohn Peter in Oggers­heim vor­bei, dann mel­dete sich Wal­ter am Tele­fon. Jahre hat­ten die bei­den nicht mehr mit­ein­an­der gesprochen.

»Hallo Papa, hier ist Wal­ter«, waren die ers­ten Worte nach der Zeit der Stille. Es sei eine spon­tane Geste gewe­sen, so berich­tete der Sohn spä­ter, er habe in sei­nem Arbeits­zim­mer geses­sen und auf das Bild sei­nes Vaters gese­hen. Man habe län­ger mit­ein­an­der gere­det. Der Vater sei »allein zu Hause« gewe­sen, er habe sich über den Anruf auf­rich­tig gefreut.

D.

Aus dem Umfeld des Alt­kanz­lers hieß es spä­ter immer, [Kohl und Maike Rich­ter] seien sich erst nach dem Selbst­mord näher­ge­kom­men. Aber auch die Söhne ken­nen natür­lich die Gerüchte, dass die Affäre vor dem Tod der Mut­ter begon­nen habe. 1994 hatte Maike Rich­ter im Kanz­ler­amt als Refe­ren­tin ange­fan­gen. Mit­ar­bei­ter erin­nern sich, dass die junge Frau schon bald erstaun­lich oft in der Reise-Entourage des Kanz­lers auftauchte.

E.

Auf einem Foto, das kurz nach der offi­zi­el­len Ein­füh­rung als Lebens­ge­fähr­tin die Runde machte, trug sie einen Hosen­an­zug aus dem Klei­der­schrank der ver­stor­be­nen Ehe­frau Hannelore.

F.

Es gibt viele Geschich­ten, wie Maike Rich­ter sich des Hof­staats ent­le­digte. Es sind sehr häss­li­che dabei. In einer Geschichte ist davon die Rede, dass der ver­läss­li­che Ecki See­ber, der den Kanz­ler fünf Mil­lio­nen Kilo­me­ter durchs Land kut­schierte, eines Tages die Schlüs­sel zu Haus und Wagen abge­ben musste, ein­fach so, als wäre er ein ganz nor­ma­ler Bediens­te­ter gewesen.

Es ist schwer zu sagen, was an sol­chen Geschich­ten stimmt und was nicht, aber es fällt auf, dass sie immer von Leu­ten erzählt wer­den, die bis heute nicht ver­win­den konn­ten, dass sie kei­nen Zugang mehr zu dem Mann haben, der so lange Zen­trum ihres Lebens war.

Natür­lich sei es für viele schmerz­haft, dass sie nicht mehr vor­ge­las­sen wür­den, sagt ein guter Bekann­ter der Kohls, aber irgend­wann komme ein Punkt, wo eine Ehe­frau ihren Platz behaup­ten müsse, wenn sie nicht unter­ge­hen wolle. Aus einem ver­trau­ten Umgang erwach­sen Ansprü­che. Wenn See­ber den Alt­kanz­ler zu einer Aus­fahrt abholte, musste Maike Rich­ter wie selbst­ver­ständ­lich auf dem Rück­sitz Platz neh­men. Am Ende habe sie sogar mit den dienst­ba­ren Geis­tern darum rin­gen müs­sen, wer dem Kanz­ler den Nacht­man­tel her­aus­le­gen dürfe, berich­tet der Bekannte.

G.

Bis heute sorgt sie rund um die Uhr für ihren Mann, unter­stützt von Ordens­schwes­tern, die dis­kret bei der Kran­ken­pflege hel­fen. Kohl sel­ber hat spä­ter gesagt, er ver­danke sei­ner zwei­ten Frau das Leben. Aber nun führt auch kein Weg mehr an ihr vor­bei. Wenn sie im Haus ist, und das ist meist der Fall, geht sie ans Tele­fon. Briefe und Anfra­gen wan­dern zunächst über Maike Rich­ters Schreib­tisch, im Ber­li­ner Büro sitzt jetzt eine Bekannte aus gemein­sa­men Bon­ner Tagen.

H.

Der Alt­kanz­ler hat nach wie vor regel­mä­ßig Besuch, so ist es nicht. Der baye­ri­sche Minis­ter­prä­si­dent Horst See­ho­fer war neu­lich für eine Stunde da, auch Jür­gen Rütt­gers und Ste­fan Map­pus haben sich in den ver­gan­ge­nen Mona­ten beim Alt­kanz­ler ein­ge­stellt. Meist gibt es Kaf­fee und Kuchen, wenn es spä­ter wird auch def­tige Haus­manns­kost, wie Kohl sie immer geliebt hat, dazu ein Glas Wein für den Hausherrn.

 
Und hier die rich­tige Lösung:

 
Nun wäre es falsch, den Ein­druck zu erwe­cken, der »Spie­gel« würde sich in sei­ner aktu­el­len Titel­ge­schichte »Die Fami­lie Kohl — Ein deut­sches Drama« (aus der sämt­li­che Zitate oben stam­men) auf einer Länge von fast 34.000 Zei­chen nur damit befas­sen, wer dem Alt­kanz­ler den Nacht­man­tel raus­legt und was für Leute ihn »dis­kret« pfle­gen. Der Arti­kel erzählt auch nach, was schon in der ARD-Dokumentation »Liebe an der Macht« vor ein­ein­halb Jah­ren zu sehen war, die der WDR vor­ver­gan­ge­nen Diens­tag noch ein­mal wie­der­holt hat, bringt noch ein­mal einen teils wort­glei­chen Remix von Jan Fleischau­ers Bespre­chung der neuen Hannelore-Kohl-Biographie im »Spie­gel« vor vier Wochen, reka­pi­tu­liert, was über­all sonst in den ver­gan­ge­nen Mona­ten über das zer­rüt­tete Ver­hält­nis des Alt­kanz­lers zu sei­nen Söh­nen zu lesen war, und ver­sucht sich als Apho­ris­ti­ker: »Die Poli­tik ist ein gefrä­ßi­ges Tier, es ver­schlingt die Zeit eines Men­schen, der sein Glück in ihr sucht.«

Vie­les davon könnte man natür­lich als tri­vial bezeich­nen, muss es aber nicht tun, weil der »Spie­gel« das selbst über­nimmt, wenn er schreibt:

Die Pri­vat­fehde mit den eige­nen Kin­dern setzt [Hel­mut Kohls] Lebens­werk jetzt einer Tri­via­li­sie­rung aus, gegen die er nicht mehr anre­den oder anschrei­ben kann.

Ob der Wort­teil »Privat-« vor »-fehde« an die­ser Stelle iro­nisch oder gar selbst­iro­nisch gemeint ist, kann ich nicht sagen. Schon im Vor­spann aber schreibt der »Spiegel«:

Das Bild des Staats­manns Hel­mut Kohl droht vom pri­va­ten Drama über­la­gert zu werden.

Man muss sich das Wort »dro­hen« hier in dem Sinne vor­stel­len, dass ein Jugend­li­cher auf einer mor­schen Brü­cke wild auf– und abspringt und dabei ruft: »Die droht einzustürzen!«

Das zumin­dest unter­schwel­lig noch vor­han­dene Unwohl­sein des »Spie­gels«, wenn er wie­der ein­mal zur »Bun­ten« wird, kann man auch hier wie­der aus den Wich­tig­keits­be­teue­rungs­über­trei­bun­gen ablesen:

So einem Fami­li­en­drama hat die Repu­blik noch nicht beige­wohnt. Es ist ein zu Her­zen gehen­der Stoff, der in die­sen Wochen öffent­lich auf­ge­führt wird, geeig­net für einen gro­ßen Film, nur dass sich die­ses Drama nicht auf der Lein­wand ent­fal­tet, son­dern in einer der pro­mi­nen­tes­ten Fami­lien des Lan­des. Es geht um uner­füllte Liebe, das Ver­sa­gen als Vater, die ganz nor­male Schlud­rig­keit und Schuf­tig­keit in einer Ehe, die am Ende in die Kata­stro­phe mün­den. Diese Tra­gö­die spielt im wirk­li­chen Leben, wo nor­ma­ler­weise die Vor­hänge fest ver­schlos­sen sind, und trotz­dem kön­nen alle zuse­hen, als säßen sie im Kino.

Die fest ver­schlos­se­nen Vor­hänge müsste mir mal jemand zei­gen, aber gut. Der »Spiegel«-Artikel endet so:

So lange Hel­mut Kohl noch am Leben ist, geht es nur um ver­letzte Gefühle, nach sei­nem Tod wird der Kampf um das Ver­mächt­nis beginnen.

Der mate­ri­elle Nach­lass ist eher beschei­den. (…) Wirk­lich bedeu­tend ist das intel­lek­tu­elle Erbe, die Noti­zen, Tage­bü­cher, Briefe und Pro­to­kolle, die im Kel­ler sei­nes Hau­ses in Oggers­heim lie­gen. Wer über die­ses Mate­rial ver­fügt, der hat auch die Deu­tungs­macht über die Jahre im Amt und damit das Ver­mächt­nis des Man­nes, der wie nur wenige Nach­kriegs­deutsch­land geprägt hat. Wenn es so weit ist, berührt der Streit nicht mehr nur die Geschichte der Fami­lie Kohl, son­dern auch end­gül­tig die der Republik.

Wirk­lich? Wer die Noti­zen erbt, aus denen der Alt­kanz­ler selbst eine bis­lang schon zwei­ein­halb­tau­send Sei­ten umfas­sende Auto­bio­gra­phie gemacht hat, bekommt damit die »Deu­tungs­macht« über Kohls Zeit als Bun­des­kanz­ler und kann die Gechichte [sic] der Bun­des­re­pu­blik (um)schreiben? Das scheint mir eine steile These. Oder, natür­lich, schon die pro­phy­lak­ti­sche Legi­ti­ma­tion der nächs­ten »Spiegel«-Titelgeschichte über Nacht­män­tel und Hausmannskost.

DSK: »Spiegel« beklagt Vorverurteilung

Ull­rich Ficht­ner und Mathieu von Rohr schrei­ben im neuen »Spie­gel« über die neuen Ent­wick­lun­gen im Fall Domi­ni­que Strauss-Kahn:

Der Mann, der wochen­lang zum Sex­ver­bre­cher gemacht wurde, ohne dass er schul­dig gespro­chen war, erschien am Frei­tag schon fast wie­der rehabilitiert. (…)

Die Frage ist nun, was für die Öffent­lich­keit schwe­rer wiegt: die unap­pe­tit­li­chen Details aus dem Leben des poten­ti­el­len Prä­si­dent­schafts­kan­di­da­ten oder die Eupho­rie über die wie­der­ge­fun­dene Unschuld und das schlechte Gewis­sen über die mas­sive Vorverurteilung.

Zum Sex­ver­bre­cher gemacht ohne Schuld­spruch? Mas­siv vor­ver­ur­teilt? Wer macht denn sowas?

Ull­rich Ficht­ner und Dirk Kurb­ju­weit, »Spie­gel«, 23. Mai 2011:

Strauss-Kahn ist nur der vor­erst letzte in einer lan­gen Kette gleich­ge­strick­ter Brü­der, die an ihrer her­aus­ra­gen­den gesell­schaft­li­chen Stel­lung irre wur­den, die alles Maß ver­lo­ren und die macht­trun­ken glaub­ten, die unge­schrie­be­nen und auch die geschrie­be­nen Gesetze gäl­ten nicht für sie.

Dies trifft auf Strauss-Kahn ganz unab­hän­gig davon zu, ob ihm im Sofitel-Fall die Schuld nach­ge­wie­sen und er als Ver­ge­wal­ti­ger wirk­lich ver­ur­teilt wird. Man muss die­sen Ange­klag­ten, der am Ende mut­maß­lich zum Ver­bre­cher wurde, aber bis zu einem Urteil natür­lich als unschul­dig zu gel­ten hat, tren­nen von dem Mann, der mit dem frag­wür­di­gen Ruhm eines Schür­zen­jä­gers durch die Welt lief, eines gei­len Bocks, dem Frauen immer wie­der vor­war­fen, sie bis an den Rand der Nöti­gung und dar­über hin­aus zu bedrän­gen, ohne damit wei­ter anzu­ecken, ohne aufzufliegen. (…)

Der letzte Halb­satz sei­ner Rück­tritts­er­klä­rung an den IWF lau­tet, »ich möchte nun vor allem — vor allem — all meine Kraft, all meine Zeit, alle meine Ener­gie dem Ziel wid­men, meine Unschuld zu bewei­sen«. Es ist nur ein Gefühl, aber beim Lesen der Erklä­rung, die nicht sehr lang ist, stellt sich der Ein­druck ein, dass sie nicht so klingt wie die eines Man­nes, der zu Unrecht einer unge­heu­er­li­chen Straf­tat ange­klagt ist und seine Ehre wie­der­her­stel­len will.

Von einem »schlech­ten Gewis­sen« des Nach­rich­ten­ma­ga­zins kann natür­lich keine Rede sein. Ich finde es nach wie vor erstaun­lich, wie viele Leute mei­nen, es gäbe zuviel Selbst­be­züg­lich­keit in der deut­schen Medi­en­welt, wo sie doch in Wahr­heit — gerade in den gro­ßen, renom­mier­ten Blät­tern — mit soviel Selbst­blind­heit geschla­gen ist.

Übri­gens hatte der­selbe »Spie­gel«, der in die­ser Woche über ein »Come­back Strauss-Kahns« spe­ku­liert, vor sechs Wochen noch behauptet:

Domi­ni­que Strauss-Kahn (…) war zu die­sem Zeit­punkt längst erle­digt. Die Bil­der von ihm in Hand­schel­len und die ande­ren, die ihn unra­siert, hilf­los vor der Haft­rich­te­rin zeig­ten, lösch­ten ihn aus als Figur der Macht, sie dis­qua­li­zier­ten [sic] ihn für jedes denk­bare Amt (…).

Wann ist aus Jour­na­lis­mus eigent­lich der Ver­such gewor­den, die Zukunft vor­her­zu­sa­gen, und die Pra­xis, die eigene Wahr­sa­ge­rei als Tat­sa­che auszugeben?

Spiegel. Sex. Power. Bullshit.

Und damit herz­lich will­kom­men zu einer wei­te­ren Aus­gabe unse­res Journalisten-Seminars »Ler­nen von den Pro­fis«. Als Gast­re­fe­ren­ten für das heu­tige Modul »Locken­dre­hen auf Glatze XXVI« konn­ten wir die »Spiegel«-Redakteure Ull­rich Ficht­ner und Dirk Kurb­ju­weit gewinnen.

Stel­len wir uns vor: Kata­stro­phe in einem gro­ßen Nach­rich­ten­ma­ga­zin. Kurz vor Redak­ti­ons­schluss ist die Titel­ge­schichte weg­ge­bro­chen. Es bleibt nur eine halbe Stunde, um aus dem Nichts zehn­ein­halb Sei­ten zu fül­len. Als Ersatz­ti­tel­thema erwür­felt wird: der Absturz des Domi­ni­que Strauss-Kahn.

Und los! Die Zeit läuft.

1. Begin­nen Sie mit Fak­ten. Irgend­wel­chen wahl­lo­sen Fak­ten. Das macht den Ein­druck akri­bi­scher Recherche.

Rikers Island liegt im East River direkt in den Flug­schnei­sen des New Yor­ker Air­ports La Guar­dia, die Tage auf der Gefäng­nis­in­sel begin­nen und enden im Lärm sehr nahen Flug­ver­kehrs, um 5 Uhr gehen die Lich­ter an in den Zel­len und Bara­cken von 14 000 Häftlingen (…).

2. Ver­lie­ren Sie sich in Details. Die Men­schen wer­den beein­druckt sein und stau­nen, woher Sie das alles wis­sen, selbst wenn die Ant­wort dar­auf ebenso banal ist wie der Inhalt.

Strauss-Kahns Früh­stück bestand aus einer Mini­box Corn­fla­kes, Milch, zwei Schei­ben Toast, Obst, Kaf­fee oder Tee. Mit­tags gab es auf Rikers Island Gemüse­chili mit Reis und Boh­nen, zum Abend­es­sen um 17 Uhr wur­den Trut­hahn­bur­ger mit Kar­tof­fel­stampf gebracht. Um 23 Uhr ging in der Anlage, wie an allen Tagen, das Licht aus, aber nicht in Strauss-Kahns 3,40 mal 4 Meter gro­ßer Einzelzelle (…).

3. Ergoog­len Sie ein paar Details, die den Ein­druck erwe­cken, Sie kenn­ten die Gegend wie Ihre Westentasche.

Immer­hin ent­stieg die­ser Häft­ling der First Class eines Air-France-Flugzeugs, einer Luxus­suite des Sofi­tel Man­hat­tan an der 44. Straße, wo im Nach­bar­haus der ver­rückte Koch des »db Bis­tro Moderne« schwarze Trüf­feln über Ham­bur­ger hobelt, die mit Enten­stopf­le­ber gefüllt sind.

4. Machen Sie deut­lich, dass dies hier nicht irgend­ein Titel­thema ist, ein Ersatz-Titelthema gar, son­dern die größte Geschichte, die je auf­ge­schrie­ben wurde. Las­sen Sie die Apo­ka­lypse im Ver­gleich wie einen lächer­li­chen Kurz­schluss wirken.

Die Bil­der von [Domi­ni­que Strauss-Kahn] in Hand­schel­len und die ande­ren, die ihn unra­siert, hilf­los vor der Haft­rich­te­rin zeig­ten, lösch­ten ihn aus als Figur der Macht, sie dis­qua­li­zier­ten [sic] ihn für jedes denk­bare Amt, es waren Bil­der, die Frank­reich ins Herz tra­fen und Schock­wel­len in die ganze Welt sandten.

5. Bla­sen Sie ein­zelne Sätze auf wie ihre ganze Geschichte. Lei­hen Sie sich zur Not von einer Kol­le­gin oder Matus­sek einen Fön.

Kein Thema der ver­gan­ge­nen Woche — nicht die Kern­schmelze von Fukus­hima, nicht die Toten in Syrien, nicht Oba­mas neue Nahost-Rede, noch nicht ein­mal der Beginn der Schluss­plä­do­yers im Kachelmann-Prozess, bei dem es auch um den Vor­wurf der Ver­ge­wal­ti­gung geht und die mög­li­chen Irr­wege eines Pro­mi­nen­ten, um einen wei­te­ren Mann, der den Ver­su­chun­gen eines Dop­pel­le­bens nicht wider­ste­hen konnte — hätte grö­ßere Wucht ent­fal­ten können.

6. Zäh­len Sie: »Eins, zwei, auf­fäl­lig zahlreich«.

Er dreht sich um die Rät­sel der mensch­li­chen Psy­che, darum, was Ruhm und Ein­fluss mit den Ruhm– und Ein­fluss­rei­chen machen, die sich gerade auf­fäl­lig zahl­reich in bestür­zen­den Ver­fah­ren wie­der­fin­den. Im März wurde Isra­els ehe­ma­li­ger Staats­prä­si­dent Mosche Katsav wegen Ver­ge­wal­ti­gung in zwei Fäl­len und sexu­el­ler Nöti­gung von Unter­ge­be­nen zu sie­ben Jah­ren Gefäng­nis verurteilt (…).

In Ita­lien steht Pre­mier­mi­nis­ter Sil­vio Ber­lus­coni Ende Mai in Mai­land vor Gericht, um sich gegen den Vor­wurf zu ver­tei­di­gen, er habe Sex mit einer Min­der­jäh­ri­gen gehabt.

7. Keine Angst vor abge­grif­fe­nen, schnell wech­seln­den und schie­fen Metaphern!

Das Karus­sell der zuge­hö­ri­gen Fra­gen, Satz­fet­zen und Ver­mu­tun­gen kreist in irrem Tempo, seit Strauss-Kahn vor zehn Tagen im Ter­mi­nal 1 des John-F.-Kennedy-Flughafens abge­führt wurde, aus dem Flug­zeug her­aus fest­ge­nom­men, in dem schon die Vor­be­rei­tun­gen für den Abflug im Gange waren. Der Zir­kus der Gerüchte, der Zitate und wil­den Theo­rien füllt jetzt die glo­bale Manege (…)

8. Schauen Sie, ob auf Twit­ter nicht irgend­je­mand irgend­was zum Thema gesagt hat.

(…) viel­leicht hat »PrincessiAm_920« in der Nacht zum Mitt­woch den har­ten Kern der Affäre bis­lang am grif­figs­ten zusam­men­get­wit­tert: »Money. Sex. Power. Respect.« ((»PrincessiAm_920«, die auch in die­ser Woche auf Twit­ter wie­der Furore macht mit ihrer bestürzend-markanten For­mu­lie­rung: »I want pizza«.))

9. Fin­den Sie irgend­eine vage Par­al­lele zu frü­her, bes­ser: ganz früher.

Strauss-Kahns Absturz aus den Höhen der Welt­po­li­tik in eine Ein­zel­zelle ist das harte Mate­rial, aus dem auch schon die grie­chi­schen Tra­gö­dien gemacht waren.

10. Machen Sie sich nichts draus, wenn Sie auf die Schnelle keine pas­sen­den wis­sen­schaft­li­chen Erkennt­nisse fin­den. Zitie­ren Sie ein­fach irgend­was aus irgend­ei­nem Film, den Sie kennen.

Es geht um Sex, um Sex und Macht, um die Quel­len her­ri­scher Männ­lich­keit, um die geheim­nis­vol­len Mus­ter von Attrak­ti­vi­tät, die, trotz aller For­schung, immer im Unge­fäh­ren und Dun­keln lie­gen wer­den. Wer eine Krü­cke sucht, wird am ehes­ten noch in der Kunst fün­dig, die ein paar gute For­meln zur Auf­hel­lung bereit­hält. Im Film »Scar­face« sagt Al Pacino als Tony Mon­tana: »In die­sem Land«, gemeint ist natür­lich Ame­rika, »musst du zuerst Geld machen. Wenn du das Geld dann hast, bekommst du die Macht. Und wenn du die Macht hast, kriegst du die Frauen.« Ist das die For­mel? Die Lösung des Rät­sels Strauss-Kahn?

11. For­mu­lie­ren Sie auch Gedan­ken, die spon­tan ein­leuch­ten, mit erschöp­fen­der Redundanz.

Es ist eine Welt, in der man leich­ter dem Wahn ver­fal­len kann, im eige­nen Spie­gel­bild einen Über­men­schen zu erken­nen. Spit­zen­po­li­ti­ker vom Schlage Strauss-Kahns leben unter ähn­li­chen Bedin­gun­gen wie Musik­stars oder Schau­spie­ler. Sie sind Beob­ach­tete, und alles, was sie sagen oder tun, wird von den Medien gie­rig auf­ge­saugt und aus­ge­stellt. So wer­den sie zu Dar­stel­lern ihres eige­nen Lebens, Kame­ras sind immer dabei, die alles auf­zeich­nen, jede Regung festhalten,so als hätte alles eine beson­dere Bedeu­tung. Immer­fort wird das Ego genährt. Limou­si­nen fah­ren vor, Leib­wäch­ter sprin­gen her­bei, Gas­sen wer­den geschla­gen: Wo der Mäch­tige ist, ist der Mittelpunkt.

12. Wo es ein Wort tut, tun es auch vier. Oder acht.

Diese sind die direk­ten, sofort erreich­ba­ren Unter­ta­nen, die Refe­ren­ten, Pres­se­spre­cher, Sekre­tä­rin­nen, Prak­ti­kan­tin­nen. Sie müs­sen fol­gen, müs­sen zur Ver­fü­gung ste­hen, loyal sein, gehor­sam, immer auf Empfang.

13. Kom­men Sie von Höcks­ken auf Stöcks­ken. Eine Ver­ge­wal­ti­gung hat zwar mit einem Sei­ten­sprung nichts zu tun, aber bei­des hängt irgend­wie mit Sex zusam­men, und wenn es Mäch­tige tun, auch mit Macht, und wenn man »Sex und Macht« aufs Cover schreibt, las­sen sich leicht wie­der meh­rere Absätze füllen.

Dass Macht und Libido ungut Hand in Hand gehen kön­nen, ist jeden­falls keine fran­zö­si­sche Erfin­dung, son­dern ein uni­ver­sel­les Phä­no­men. Ver­gan­gene Woche, als Strauss-Kahn gerade in Rikers Island ein­ge­fah­ren war, sah sich Kali­for­ni­ens Ex-Gouverneur Arnold Schwar­ze­negger dazu gezwun­gen, ein mit einer Haus­an­ge­stell­ten — außer­ehe­lich, ver­steht sich — gezeug­tes Kind bekannt zu machen.

14. Stö­ren Sie sich — wenn es der Länge dient — nicht an läs­ti­gen logi­schen Wider­sprü­chen wie dem, dass Sie gerade noch die ein­zig­ar­tige Größe des The­mas Strauss-Kahn beschrie­ben haben.

Die Nach­richt über den »Sper­mi­na­tor« schlug in den USA so laut ein wie die Affäre um die­sen alten Euro­päer mit dem kom­pli­zier­ten Namen (…).

15. Neues Thema, neue Gele­gen­heit, mit irgend­wel­chen Fak­ten zu beein­dru­cken. Machen Sie sich von dem Gedan­ken frei, dass sie zu irgend­was füh­ren müssen.

(…) Schwar­ze­negger ließ es sich schon seit Januar, seit er aus dem Amt aus­ge­schie­den war, auf diver­sen Aus­flü­gen gut­ge­hen. Regis­seur James Came­ron beglei­tete er auf Fluss­tou­ren nach Bra­si­lien, er ver­gnügte sich beim Ski­fah­ren in Val d’Isère. Ganz das alte Alphatier.

16. Gehen Sie beim freien Themen-Assoziieren vom nun erreich­ten Punkt in der Geschichte aus, nicht vom Aus­gangs­punkt, und erfreuen sich der erzäh­le­ri­schen Möglichkeiten.

Das »oral office« des Prä­si­den­ten Bill Clin­ton ist Legende wie die Affä­ren des weit­ver­zweig­ten Kennedy-Clans mit dem all­zeit berei­ten John F. vor­ne­weg. Die­ser Tage zieht der katho­li­sche Repu­bli­ka­ner Newt Ging­rich als bibel­fes­ter Kon­ser­va­ti­ver über die Dör­fer, um sich als mög­li­cher Prä­si­dent­schafts­be­wer­ber vor­zu­stel­len, und nie­mand scheint sich daran zu stö­ren, dass auch er schon in drit­ter Ehe ver­hei­ra­tet ist und seine aktu­elle Gat­tin nur des­halb erobern konnte, weil sie für ihn fort­lau­fend das hei­lige Sakra­ment der Ehe brach.

17. Wenn Ihnen die Lust aus­geht, die Welt oder die Geschichte nach wei­te­ren irgend­wie pas­sen­den Fäl­len abzu­klap­pern, schrei­ben Sie zumin­dest auf, dass Sie es könnten.

So ließe sich die Welt abklap­pern nach loka­len und regio­na­len Gepflo­gen­hei­ten im Umgang mit Sex und Macht, und wer die Geschichte stu­diert, kann sich für den Rest sei­nes Lebens Gedan­ken machen über die mora­li­sche Inte­gri­tät frü­he­rer ame­ri­ka­ni­scher Prä­si­den­ten und deut­scher Bun­des­kanz­ler, über die Gast­freund­schaft chi­ne­si­scher Fir­men, die ihren Geschäfts­part­nern gern Mäd­chen aufs Hotel­zim­mer schi­cken, über die Affä­ren eng­li­scher Pre­mier­mi­nis­ter und nica­ra­gua­ni­scher Prä­si­den­ten und natür­lich über die Bunga-Bunga-Partys des Super­buffo Sil­vio Ber­lus­coni und sei­ner Gäste aus Tsche­chien und sonst woher.

18. Geben Sie den Lesern das Gefühl, sich trotz der über­wäl­ti­gen­den Text­menge auf das Wesent­li­che beschränkt zu haben, indem sie erwäh­nen, wel­che Asso­zia­ti­ons­ket­ten Sie (aus Zeit­man­gel) nicht bis zum Ende ver­fol­gen konnten:

Macht ist in der mensch­li­chen Gesell­schaft ein ganz rela­ti­ves Ding. In fast jeder Bezie­hung, und selbst wenn sie nur zwei Men­schen betrifft, bil­den sich Hier­ar­chien, und der eine hat folg­lich Macht über den anderen.

19. Ver­mei­den Sie den Ein­druck, geschwa­felt zu haben, indem Sie kurz vor Schluss noch ein paar Infor­ma­ti­ons­streu­sel über ihren Text bröseln:

Das Paar Strauss-Kahn-Sinclair ver­fügt über eine Sechs­zim­mer­woh­nung im 16. Arron­dis­se­ment von Paris und unter­hält ein 240-Quadratmeter-Appartement an der Place des Vos­ges. Es gibt eine 380-Quadratmeter-Villa in Washing­ton und eine Resi­denz in Mar­ra­kesch, deren Küche allein 160 000 Euro gekos­tet haben soll.

20. Ver­su­chen Sie sich als Psy­cho­loge und Exeget, auch wenn Sie nur ein Gefühls­ha­ber sind.

Der letzte Halb­satz sei­ner Rück­tritts­er­klä­rung an den IWF lau­tet, »ich möchte nun vor allem — vor allem — all meine Kraft, all meine Zeit, alle meine Ener­gie dem Ziel wid­men, meine Unschuld zu bewei­sen«. Es ist nur ein Gefühl, aber beim Lesen der Erklä­rung, die nicht sehr lang ist, stellt sich der Ein­druck ein, dass sie nicht so klingt wie die eines Man­nes, der zu Unrecht einer unge­heu­er­li­chen Straf­tat ange­klagt ist und seine Ehre wie­der­her­stel­len will.

Geschafft: 37.500 Anschläge (hier steht natür­lich nur ein Bruch­teil davon). Ein »Spiegel«-Not-Aufmacher in drei­ßig Minu­ten. Es gibt Leute, die kön­nen nicht ein­mal so schnell tippen.

(Sicherheits-Hinweis: Ich weiß nichts dar­über, unter wel­chen Bedin­gun­gen der hier behan­delte Arti­kel »Des Men­schen Wolf« aus dem aktu­el­len »Spie­gel« wirk­lich ent­stan­den ist. Womög­lich ist er die stark gekürzte Ver­sion eines dop­pelt so lan­gen Essays, an dem die Auto­ren viele Tage und Nächte gear­bei­tet haben. Ich möchte mir das nicht vorstellen.)

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