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24 Sep 12
24. September 2012

Am 8. November 1947 erschien im „Spiegel“ ein toller Verriss. In Hannover war ein Theaterstück namens „Die Zeit ist nahe“ uraufgeführt worden. Der Rezensent schrieb:

Die Zuhörer hatten zum andern Male Anlaß, sich an Goethe erinnert zu fühlen: Das Unzulängliche, hier wird’s Ereignis.

Das Gleichnis dauerte fast drei Stunden, dem Publikum kam es länger vor. Es saß, als sich zum Schluß auf der Bühne alle Figuren verlaufen hatten (was ihnen nicht zu verdenken war), ziemlich ratlos da. Es dauerte etwas, bis man sich dem traditionellen Genuß des Beifallspendens einigermaßen hingab. Ein vorsorglich bestellter Photograph trat in Aktion und hielt den Applaus bei Blitzlicht im Bilde fest. Es wurde eine ausgesprochene Momentaufnahme.

Auf der Bühne verneigte sich inmitten der von ihm heraufbeschworenen Renaissance der Autor, ein nicht sehr großer Herr, der älter als seine 24 Jahre aussieht: Rudolf Augstein, Lizenzträger und Chefredakteur der viel besseren Zeitschrift „DER SPIEGEL“.

Der ungenannte Autor des Artikels war Hans J. Toll, damals Feuilletonchef und zweiter Mann des Nachrichtenmagazins hinter Augstein. Er soll Augstein vorgeschlagen haben, sein Stück nicht zu rezensieren und „das unangenehme Ereignis einfach zu übergehen“. Augstein aber habe abgelehnt, weil er sich mit der Duldung solch harscher Kritik als „ebenso souveräner wie toleranter Chef und Zeitgenosse“ darstellen konnte. So schilderte es Leo Brawand, einer der Mitbegründer des „Spiegel“, gegenüber Augstein-Biograph Peter Merseburger. weiter lesen →