»TV Total« beweist: Stefan Raab versteht keinen Spaß

Es ist, zuge­ge­ben, ein biss­chen absurd, sich als Watch­blog von »TV Total« gerie­ren und der Show sach­li­che Feh­ler vor­hal­ten zu wol­len. Ande­rer­seits: Wenn man etwas von einer Come­dy­sen­dung erwar­ten darf, dann doch viel­leicht, dass sie einen Witz als sol­chen erkennt.

Am ver­gan­ge­nen Don­ners­tag kün­digte Ste­fan Raab den Zuschau­ern einen »Klas­si­ker« an:

»Der Repor­ter denkt, er ist noch nicht zu sehen mit sei­nem Mikro­fon. Und sagt sich, okay, da erle­dige ich noch mal was. Man kann ihn aber lei­der schon sehen. Schauen Sie mal hier, das ist pas­siert beim NDR, in der Sen­dung ›Hallo Niedersachsen‹.«

Es folgte ein Aus­schnitt, in dem tat­säch­lich ein Repor­ter zu sehen ist, wie er sich groß­räu­mig in der Nase bohrt und schein­bar erschro­cken »lau­fen wir?« fragt, bevor er abrupt mit erns­ter Stimme mit sei­nem Auf­sa­ger beginnt: »Ber­lin hat sei­nen ers­ten hand­fes­ten Skan­dal im Jahr 2011…«


Gro­ßes Geläch­ter im »TV Total«-Publikum und beim Mode­ra­tor. »Er ist sehr bekannt für seine boh­ren­den Fra­gen«, kichert Raab. »Spit­zen­szene, oder?«

Wie man’s nimmt.

Es hätte gehol­fen, noch einen Satz wei­ter zu hören. Der »hand­feste Skan­dal«, den NDR-Reporter Olaf Kret­sch­mer aus­machte, ist näm­lich dieser:

»Obwohl der Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter nicht genug auf die Waage brachte, um Olden­bur­ger Kohl­kö­nig zu wer­den, wurde er genau als sol­cher pro­kla­miert. Ob der FDP das in die­sem Wahl­jahr hilft, bleibt abzuwarten.«

Der Bericht han­delt vom tra­di­tio­nel­len Koh­les­sen in der Nie­der­säch­si­schen Lan­des­ver­tre­tung. Kret­sch­mer war mit einer Waage dort auf­ge­kreuzt und hatte vor dem Essen und danach das Gewicht der anwe­sen­den Spit­zen­po­li­ti­ker mit­ein­an­der ver­gli­chen. Weil Phil­ipp Rös­ler wäh­rend der Ver­an­stal­tung nur 1,1 Kilo zuge­nom­men hatte, sagte er vor­wurfs­voll zu dem Gesund­heits­mi­nis­ter: »Wir haben Sie gewo­gen und für zu leicht befun­den.« Die Tat­sa­che, dass Rös­ler den­noch, wie aus­ge­kun­gelt, zum Kohl­kö­nig aus­ge­ru­fen wurde, pran­gerte der NDR-Mann in sei­nem vier­mi­nü­ti­gen Stück an.

Im Scherz. Es han­delt sich um einen Witz. Der ganze »Hallo Niedersachsen«-Beitrag ist eine Glosse; ein Ver­such, sich dem merk­wür­di­gen Ter­min ori­gi­nell und unter­halt­sam zu wid­men. Das Beim-in-der-Nase-Popeln-erwischt-Werden war Teil der Komödie.

Und wenn die Redak­tion von »TV Total« das schon nicht erkannt hat, hätte sie es wenigs­tens daran mer­ken kön­nen, dass die ver­meint­li­che Live-Schalte, von der der Repor­ter über­rascht wurde, gar nicht live sein konnte: Das Grün­koh­les­sen hatte, wie in der Anmo­de­ra­tion erwähnt, schon am Abend vor­her stattgefunden.

War das lus­tig? Meh. War es lus­tig gemeint? Ohne Frage.

Es gibt immer dösige Zuschauer, die sowas trotz diver­ser Hin­weise im Film nicht ver­ste­hen. Dass sie auch bei »TV Total« arbei­ten und sich über die ver­meint­li­chen ande­ren Dep­pen im Fern­se­hen lus­tig machen, ist aber ein biss­chen beunruhigend.

Schlag den Raab

Irgend­wann, spä­tes­tens nach dem Grand-Prix-Erfolg in die­sem Jahr, ist aus Ste­fan Raab, dem Schmud­del­kind, in den Medien Ste­fan Raab, der geniale Enter­tai­ner gewor­den. Der Pro-Sieben-Moderator wird mit Lob und Preis über­schüt­tet, und da ist es ein nor­ma­ler und gesun­der jour­na­lis­ti­scher Reflex, wenn eine Zeit­schrift beschließt, gegen den Gleich­klang anzuschreiben.

Aus jedem Absatz des Arti­kels, den der »Focus« vor drei Wochen ver­öf­fent­lichte, spricht der Wille, etwas Nega­ti­ves über Ste­fan Raab zu schrei­ben und die Nai­vi­tät und Dumm­heit all der Stefan-Raab-Gutfinder zu ent­lar­ven. Der Mann ist offen­bar gefähr­lich, denn er ver­flucht im eigent­li­chen Sinne des Wor­tes sein Publi­kum. Von der Ver­lei­hung des Deut­schen Fern­seh­prei­ses berich­ten die »Focus«-Autoren:

»Ihr kommt alle in die Hölle«, sagt Raab in sei­ner Dankesrede (…).

Wer weiß, wie sehr er im katho­li­schen Glau­ben erzo­gen ist und wie tief diese Wur­zel sei­nes Lebens bis heute greift, hält diese Bemer­kung für allen­falls halb komisch.

Raab sagt den Fern­seh­schaf­fen­den hal­bernst vor­aus, dass ihnen die ewige Ver­damm­nis droht? Das ist tat­säch­lich, was ja nicht das Schlech­teste ist, das man über einen Arti­kel sagen kann: originell.

Es ist eigent­lich ziem­lich leicht, Ste­fan Raab blöd zu fin­den, aber im »Focus« liest es sich sehr ange­strengt. Sein Lachen nen­nen die Auto­ren »jene prak­ti­zierte Satire am eige­nen Kör­per«. Die Pro­duk­ti­ons­firma Brain­pool nen­nen sie »diese Gehirn-Badeanstalt, in der Ste­fan Raab als Anteils­eig­ner und Krea­ti­ver der ganz große Bade­meis­ter ist«. Den Mode­ra­tor nen­nen sie immer wie­der »Metz­gers­sohn« und schöp­fen dar­aus die Poin­ten wie die, er betreibe »Humor wie eine Flei­sche­rei« (»Grund­satz: Es darf immer noch ein biss­chen mehr sein«) und sei »unersättlich«.

Fas­sungs­los schil­dern sie detail­liert, wie sich Lena, die ihm den Fern­seh­preis über­reichte, dabei vor ihm nie­der­ge­kniet hat — was offen­bar nicht als Scherz oder Geschenk für die Foto­gra­fen zu deu­ten ist, son­dern als »voll­kom­mene Demuts­geste«, die vom Publi­kum dann auch noch durch ste­hen­den Applaus »zur Unter­wer­fung voll­en­det« wor­den sei.

Der »Focus« weist auf die Brü­che in Raabs Leben und Kar­riere hin; dar­auf zum Bei­spiel, dass er Die­ter Boh­len übel nehme, pri­vate Fotos von sich an die »Bild«-Zeitung zu schi­cken, obwohl er selbst doch vor sie­ben Jah­ren noch eine Kolumne für das Blatt geschrie­ben habe. Ja, der Ver­gleich ist schief, aber das hat er mit unge­fähr allen Ver­glei­chen in die­ser Geschichte gemein. Es sei bei Raab schwer, »die Grenze zu zie­hen zwi­schen dem Gebrauch und dem Miss­brauch des Pri­va­ten«, stel­len die »Focus«-Leute fest und machen dann fol­gen­den Wider­spruch auf:

Einer­seits ist er der Mann, der alles ris­kiert für die Quote. Der sich von der Box-Weltmeisterin Regina Hal­mich für eine gute Show das Nasen­bein ein­schla­gen lässt. (…)

Ande­rer­seits ist Ste­fan Raab der Mann, der Euro­pas Fern­se­hen ver­än­dern wird.

Kann mir jemand erklä­ren, inwie­weit das etwas über ein gespal­te­nes Ver­hält­nis zur Pri­vat­heit aus­sagt oder über­haupt ein Wider­spruch ist?

Der »Focus« stellt fest, dass Details über Raabs Pri­vat­le­ben »pri­vat« seien und »nie­mand wis­sen muss«, um dann in gro­ßer Akri­bie Details über Raabs Pri­vat­le­ben zusam­men­zu­tra­gen. So rich­tig auf­re­gende Sachen haben die drei Redak­teure nicht her­aus­ge­fun­den, aber wie zum Aus­gleich dafür doku­men­tie­ren sie auch noch das unauf­re­gendste Detail. Wir erfah­ren, aus das Gara­gen­tor am Haus sei­ner Eltern aus »schwe­rem Holz« sei und sich »per Elek­tro­mo­tor und Fern­be­die­nung öff­nen« lasse. Dass der Belag in der Straße, in der er wohne, »extraglatt« sei. Dass er im Abi-Heft 1986 keine Berufs­ziele ange­ge­ben habe.

Dann doch eine erhel­lende Ent­hül­lung: Schon als Kind soll sich Raab in der Schule über einen klein­ge­wach­se­nen Leh­rer lus­tig gemacht haben!

Keine Frage: Es gibt einen gro­ßen Wider­spruch in der Per­son Ste­fan Raabs, sogar in der öffent­li­chen Per­son. Er ist heute zu einem Sym­bol für Qua­li­täts­un­ter­hal­tung gewor­den und sogar für einen men­schen­wür­di­gen Umgang mit Kan­di­da­ten im Fern­se­hen, obwohl seine Kar­riere nicht zuletzt auf der Bloß­stel­lung von Nicht­pro­mi­nen­ten beruht. Der Wider­spruch lässt sich teil­weise dadurch erklä­ren, dass Raab sich ver­än­dert hat — auch die Bei­spiele, die der »Focus« nennt (Lisa Loch, Bimmel-Bingo, die Frau vom Maschen­draht­zaun) sind Jahre alt. Doch auch wenn Raabs Gren­zen heute viel­leicht woan­ders lie­gen — Scha­den­freude und puber­tä­rer Humor machen immer noch einen gro­ßen Anteil sei­nes Schaf­fens aus.

Doch das war dem »Focus« in sei­nem unter dem Chef­re­dak­teur Wolf­ram Wei­mer neu erweck­ten Drang, wich­tig und anders zu sein, offen­bar nicht bri­sant genug. Und gerade die Tat­sa­che, dass Raab sein Pri­vat­le­ben äußerst kon­se­quent vor den Bli­cken der Öffent­lich­keit schützt, nah­men die Auto­ren als Ansporn, mög­lichst tief darin zu wüh­len. Und prah­len damit, wie mutig und revo­lu­tio­när das ist:

Wer über den Mann spricht, der auf dem Bild­schirm so kon­se­quent das Bild voll­en­de­ter Öffent­lich­keit ver­mit­telt, ris­kiert Strafe.

Die Gefahr ist glaubhaft.

Schon am ers­ten Tag der FOCUS-Recherche trifft die Dro­hung ein, Ste­fan Raab werde von die­ser Minute an nie wie­der für ein Inter­view zur Ver­fü­gung stehen.

Nun mag es legi­tim sein, im pri­va­ten Umfeld von Raab zu recher­chie­ren. Es ist aber auch für jeman­den wie Raab, der sein Pri­vat­le­ben nie in die Öffent­lich­keit getra­gen hat, legi­tim, aus die­ser Recher­che die Kon­se­quenz zu zie­hen und jede Mit­ar­beit an dem Werk abzulehnen …

… und hin­ter­her jedes Wort auf die Waage zu legen (machen Sie sich Ihr eige­nes »Focus«-artiges Wort­spiel hier bitte selbst). Zwan­zig Punkte umfasst die Gegen­dar­stel­lung von Raab, die der »Focus« heute ver­öf­fent­licht. Die Illus­trierte dru­cke sie »sehr gern«, schreibt sie dazu, »mit Blick auf den Infor­ma­ti­ons­ge­halt«. Raab hatte offen­sicht­lich Spaß daran, nicht nur gra­vie­rende Feh­ler, son­dern auch die kleins­ten Details zu korrigieren:

6. Wei­ter heißt es: »Der Metz­gers­sohn, der heute noch das Mett­bröt­chen mit Zwie­beln, Gur­ken­scheibe dazu, ganz hin­ten in sei­ner Stamm­kneipe schätzt (…).»
Hierzu stelle ich fest, dass ich nie Mett­bröt­chen mit Gur­ken­schei­ben dazu esse und auch keine Stamm­kneipe habe. (…)

20. In der Bild­un­ter­zeile des Fotos auf S. 166, das ein Mett­bröt­chen zeigt, heißt es: »Sein Bröt­chen – in der Kölsch­kneipe«.
Hierzu stelle ich fest, dass es sich nicht um mein Mett­bröt­chen handelt.

Der »Focus« emp­fiehlt unter ande­rem diese Punkte sei­nen Lesern, »die sich ein eige­nes Bild [mut­maß­lich über den Wahr­heits­ge­halt der Gegen­dar­stel­lung] machen möch­ten«. Wie heuchlerisch.

Natür­lich ist es lächer­lich, ein sol­ches Quat­sch­de­tail zu kor­ri­gie­ren. Aber noch lächer­li­cher ist es doch, ein sol­ches Quat­sch­de­tail über­haupt erst für berich­tens­wert zu hal­ten. Und am aller­lä­cher­lichs­ten, das erste für lächer­lich zu hal­ten und das zweite nicht und sich über den man­geln­den »Infor­ma­ti­ons­ge­halt« der Gegen­dar­stel­lung lus­tig zu machen.

»Den Wahr­heits­ge­halt der Gegen­dar­stel­lung wol­len wir nicht kom­men­tie­ren«, schreibt »Focus«. Schade, denn bei eini­gen durch­aus rele­van­ten Punk­ten liegt die Illus­trierte falsch. Zum Bei­spiel, wenn sie den Ein­druck erweckt, Raab ver­diene auch noch an Oli­ver Pocher und Mario Barth mit — die beide längst bei ande­ren Unter­neh­men unter Ver­trag sind. Auch von regel­mä­ßi­gen Stra­fen, die Pro Sie­ben laut »Focus« für Schleich­wer­bung in Raab-Sendungen zah­len musste, ist nichts bekannt.

»Focus« hat die Gegen­dar­stel­lung ein­fach gedruckt, nach­dem das Maga­zin von Raabs Anwalt dazu auf­ge­for­dert wurde — die Redak­tion ver­zich­tete auf die übli­che juris­ti­sche Gegen­wehr. Natür­lich ist es einer­seits ganz schön, dass es, wie es aus­sieht, keine juris­ti­sche Aus­ein­an­der­set­zung um den Arti­kel geben wird, bei der dann womög­lich auch Fra­gen zu klä­ren wären wie die, ob Raabs Haus von einer Hecke oder von Bäu­men umge­ben ist und womög­lich der Gärt­ner als Zeuge gela­den würde. Ande­rer­seits ist es auch sen­sa­tio­nell bil­lig, sich als Medium ein­fach ach­sel­zu­ckend hin­zu­stel­len und zu sug­ge­rie­ren, dass es ja auch nicht dar­auf ankommt, was nun die Wahr­heit ist.

Lena und die Nööööööte von RTL

Von Lena Meyer-Landrut weiß man, dass sie keine pri­va­ten Fra­gen beant­wor­tet. RTL aber ist ein Pri­vat­sen­der. Bei der ers­ten Pres­se­kon­fe­renz der deut­schen Dele­ga­tion in Oslo kam es zu einer Art Showdown.

RTL-Reporterin: Wer aus Ihrer Fami­lie ist dabei, wer unter­stützt Sie? Und wie wich­tig ist es tat­säch­lich, auch jeman­den aus der Family dann hier zu haben?
Lena: Nööööööt.
Ste­fan Raab: Man muss auch nicht jede Scheiße beant­wor­ten, Lena.
Lena: Nein, nein. Das beant­worte ich nicht.
RTL-Reporterin: Fami­lie zur Unter­stüt­zung dabei zu haben, fin­det Ihr scheiße?
Lena: Nein, die Frage. Also die Fami­li­en­frage an sich.
RTL-Reporterin: Okay. Also Fami­lie ist immer Tabu?
Lena: M-h!
Ste­fan Raab: Joa, muss Frauke Ludo­wig halt mal ohne so’n Käse aus­kom­men. Müsst ihr euch was ande­res aus der Nase zie­hen. Irgend­wie Häuser-Versteigerungssendungen oder sowas.

Die Szene und vie­les mehr — in der drit­ten Folge von Oslog.tv: »Sha-La-Lena«

Sterne, die nicht gleich verglühen

Ab Diens­tag sucht Ste­fan Raab den deut­schen Ver­tre­ter beim Euro­vi­sion Song Con­test. Aber will über­haupt noch jemand eine Cas­ting­show sehen, der es ernst­haft darum geht, Talente zu entdecken?

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So stan­den sie im Nobel­re­stau­rant oben im Ber­li­ner Reichs­tag, die Chefs von Pro Sie­ben und der ARD und der eigent­li­che Gast­ge­ber, Ste­fan Raab, und spra­chen rela­tiv uniro­nisch davon, dass es eine »natio­nale Auf­gabe« sei, den rich­ti­gen Ver­tre­ter Deutsch­lands beim Euro­vi­sion Song Con­test zu fin­den. Raab hatte dar­auf bestan­den, dass die Pres­se­kon­fe­renz hier statt­fin­det, selbst als sich her­aus­stellte, dass der frü­heste freie Ter­min eigent­lich viel zu knapp vor dem Sen­de­start lag und die Pro­gramm­zeit­schrif­ten dar­über gar nicht mehr berich­ten könn­ten. Aber auf die­ses Sym­bol wollte er nicht verzichten.

Natür­lich hätte Raab sol­che Pres­se­kon­fe­ren­zen auch vor zehn Jah­ren schon vor ähn­lich his­to­ri­scher Kulisse ver­an­stal­ten kön­nen. Damals hätte der Reiz im Kon­trast zwi­schen der Bedeu­tung des Ortes und der Albern­heit des Mode­ra­tors bestan­den. Heute liegt der Witz darin, dass Raab tat­säch­lich zu einem unwahr­schein­li­chen Sym­bol für Ernst­haf­tig­keit, Serio­si­tät und Nach­hal­tig­keit gewor­den ist — jeden­falls was Musik angeht.

»Nach­hal­tig­keit« ist das Wort, das Tho­mas Schrei­ber, der Unter­hal­tungs­ko­or­di­na­tor der ARD und deut­sche Grand-Prix-Chef, benutzt, um den zen­tra­len Wert des dies­jäh­ri­gen Vor­ent­scheids und einen Grund für die Zusam­men­ar­beit mit Raab zu beschrei­ben. Natür­lich hofft die ARD dar­auf, dank Raab und Pro Sie­ben auch ein paar junge Zuschauer zu gewin­nen, aber die hat der Song Con­test aus nicht immer leicht zu erklä­ren­den Grün­den meist eh. Raab hat sich Ver­trauen erar­bei­tet. Aus sei­nem eher als Quatsch ent­stan­de­nen »Bun­des­vi­sion Song Con­test« ist etwas gewor­den, das Raab ganz unbe­schei­den die »Leis­tungs­schau der deut­schen Musik­bran­che« nennt. Es ist eine Platt­form, auf der sich Stars, New­co­mer und Möchtegern-Newcomer prä­sen­tie­ren, und die Teil­nahme ist attrak­tiv auch für die, die nicht gewinnen.

Bereits zwei­mal hat er in sei­ner Sen­dung »TV Total« Sän­ger gecas­tet. Es war der pro­gram­ma­ti­sche Gegen­ent­wurf zu »Deutsch­land sucht den Super­star«: Es ging darum, dass junge Musi­ker zei­gen, was sie kön­nen. Nicht darum, zuzu­se­hen, wie sie zu dem gemacht wer­den, was von einem Super­star ver­meint­lich erwar­tet wird. Max Mutzke, der 2004 gewann, musste sich nicht die Brauen rasie­ren und konnte die Augen beim Sin­gen zulas­sen. Und Ste­fa­nie Heinz­mann, die Sie­ge­rin von 2008, sieht auch heute noch nicht aus wie ein Pop­star, son­dern wie sie selbst (und schon das Pier­cing im Gesicht hätte ihr Die­ter Boh­len sicher nicht durch­ge­hen lassen).

Wenn am Diens­tag der Show-Marathon beginnt, in dem in sechs Wochen und nicht weni­ger als acht Shows aus zwan­zig Kan­di­da­ten der deut­sche Ver­tre­ter beim Grand-Prix in Oslo her­aus­ge­men­delt wird, soll es in einem erstaun­li­chen Maße um Musik gehen. Die lus­ti­gen oder »lus­ti­gen« Aus­schnitte, in denen sich erfolg­lose Bewer­ber für die Show bla­miert haben, wur­den voll­stän­dig nach »TV Total« aus­ge­la­gert. Es gibt keine Home­sto­rys über tra­gi­sche Kind­heits­er­leb­nisse oder ver­armte Fami­li­en­an­ge­hö­rige, nur Kan­di­da­ten, die vor­ge­stellt wer­den, live auf­tre­ten und von einer pro­mi­nen­ten Jury aus Raab und wech­seln­den Musik– und Show-Kollegen halb­wegs seriös bewer­tet werden.

Nun ist ange­sichts der Prot­ago­nis­ten nicht damit zu rech­nen, dass »Unser Star für Oslo« ein Hoch­amt gedie­ge­ner Hoch­kul­tur wird. Aber der Puris­mus ist den­noch erstaun­lich — und mutig: Denn es ist kei­nes­wegs sicher, dass es über­haupt eine große Zahl von Fern­seh­zu­schau­ern gibt, die gerade das sehen will: eine Musik­sen­dung, in der es um Musik geht. Einen Wett­be­werb, in dem sich die Teil­neh­mer nur in der Dis­zi­plin bewei­sen müs­sen, in der sie bei einem Erfolg auch glän­zen sollen.

Der Erfolg der Cas­ting­shows beruht zu einem Groß­teil auf dem gegen­tei­li­gen Effekt. Die erfolg­reichs­ten Sen­dun­gen von »Deutsch­land sucht den Super­star« sind die Pan­nen­shows mit den unfä­hi­gen Kan­di­da­ten als Kano­nen­fut­ter und Witz­vor­lage. Auch die spä­te­ren Sen­dun­gen hat RTL immer mehr zu einer Art Soap mit Reality-Elementen aus­ge­baut; im ver­gan­ge­nen Jahr muss­ten die Mäd­chen im soge­nann­ten »Recall« mit einer Schlange um den Hals sin­gen, die Jungs kopf­über an einem Seil hängend.

Um Talent und gute Musik geht es auch beim Pro-Sieben-Produkt »Pop­stars« nur noch am Rande: Es ist eher eine »Big Brother«-Variante mit ver­schärf­ter Psy­chofol­ter in Form von Det­lef D. Soost.

Diese Unei­gent­lich­keit der Cas­ting­shows ist nicht ver­werf­lich: Das wich­tigste Ziel der Sen­der ist es nicht, echte Super­stars, Pop­stars oder Top­mo­dels zu kre­ie­ren, son­dern mög­lichst hohe Ein­schalt­quo­ten zu gene­rie­ren. Und wenn das Zweite nur auf Kos­ten des Ers­ten geht, fällt die Ent­schei­dung leicht. Bemer­kens­wert ist aller­dings, dass auch das Publi­kum offen­bar längst nicht mehr auf die Illu­sion, die die­sen Shows eigent­lich zugrunde liegt, her­ein­fällt. Sie gucken diese Sen­dun­gen offen­kun­dig allein für den flüch­ti­gen Unter­hal­tungs­wert, nicht aus einem Glau­ben, dass hier echte, gar dau­er­hafte Stars gemacht werden.

Das zeigt sich schon daran, wie erfolg­los die jewei­li­gen Gewin­ner inzwi­schen sind. Daniel Schuh­ma­cher, des­sen Sieg bei »DSDS« gerade ein­mal acht Monate zurück­liegt, muss heute um jedes biss­chen Auf­merk­sam­keit kämp­fen; der Ter­min­ka­len­der auf sei­ner Home­page ist wochen­lang leer. Vanessa Mei­sin­ger und Leo Ritz­mann, die vor weni­gen Wochen das Finale von »Pop­stars« gewan­nen und nun unter dem unfrei­wil­lig tref­fen­den Namen »Some & Any« auf­tre­ten müs­sen, hat­ten sogar nicht ein­mal einen kur­zen glei­ßen­den Moment an der Spitze, bevor ihr Stern ver­glühte. Schon ihre erste Sin­gle kam nicht in die Top Ten; ihr Album erreichte einen mise­ra­blen 47. Platz.

Viel­leicht ist es auch bezeich­nend, dass das Publi­kum bei RTL zuletzt einen sym­pa­thi­schen jun­gen Mann zum »Super­ta­lent« wählte, der mit sei­nem Hund lus­tige Tricks vor­machte. Das war net­tes Enter­tain­ment für einen Abend oder zwei, ohne die Aus­sicht, dass der Mann nun gleich sei­nen Tages­job auf­ge­ben musste. Auf das Ver­spre­chen einer gro­ßen Kar­riere konn­ten die Leute offen­bar ver­zich­ten. Sie woll­ten ein »Super­ta­lent« für einen Tag.

Umso erstaun­li­cher ist es, dass die ARD und Pro Sie­ben sich anschei­nend trauen, die Sen­dung als Talent­su­che ernst zu neh­men. Raab hat in sei­nen bei­den grö­ße­ren Casting-Aktionen bei »TV Total« gezeigt, dass er einen Rah­men bie­tet, in dem das gelin­gen kann: Ste­fa­nie Heinz­mann schaffte mit ihren Soul-Pop-Stücken zwar kei­nen boh­les­ken Nummer-Eins-Hit. Aber ihre erste Platte erreichte Pla­tin, sie gewann Preise, sang live Duette mit Lio­nel Richie und ihrem Idol Joss Stone — und es spricht viel dafür, dass ihr Erfolg viel­leicht unspek­ta­ku­lär, aber nach­hal­tig ist. Es ist ein Erfolg als Sän­ge­rin, nicht als Fern­seh­star. Der Wett­be­werb bei Raab, den sie gewann, war ein sel­te­nes Bei­spiel dafür, dass sich das Fern­se­hen auch für etwas ande­res inter­es­sie­ren kann als sich selbst. Aber das Finale begann um 23.20 Uhr und endete gegen kurz vor zwei — und hatte am Schluss keine halbe Mil­lion Zuschauer mehr.

Um 20.15 Uhr wird ein Viel­fa­ches davon ein­schal­ten müs­sen. Tho­mas Schrei­ber hofft, dass sich die Quote über die Wochen auf­baut, und setzt dar­auf, dass »die Ernst­haf­tig­keit als Ernst­haf­tig­keit erkannt wird«. Das wäre als Erfolgs­re­zept im Fern­se­hen ganz was Neues.

© Frank­fur­ter All­ge­meine Sonntagszeitung

Schlag den Raab: Wie man eine halbe Million er– und alle Sympathien verspielt

Sel­ten hat das Publi­kum einem Kan­di­da­ten sei­nen Gewinn so sehr miss­gönnt wie die­sem. Hans-Martin Schulze, ein 24-jähriger Pharmazie-Praktikant aus Olden­burg, ist seit die­ser Nacht um eine halbe Mil­lion Euro rei­cher. Er musste dafür nicht nur den Raab, son­dern auch das Publi­kum schla­gen. Am Ende, als er mit ver­zerr­tem Gesicht und einem Tri­umph­schrei den Geld­kof­fer in die Höhe streckte, buh­ten sie ihn hem­mungs­los aus.

Das ist nicht die übli­che Rol­len­ver­tei­lung bei »Schlag den Raab«, und es war nicht so, dass die­ser Hans-Martin in irgend­ei­ner Weise gefoult hätte. Er hat nur alles getan, um die Sym­pa­thien zu verspielen.

Es begann schon, als er und eine Kan­di­da­tin auf das Ergeb­nis war­te­ten, wer von ihnen bei­den die meis­ten Zuschau­er­stim­men erhal­ten hat­ten und über­haupt gegen Raab um die 500.000 Euro spie­len durfte. Das ist so ein Moment, in dem man schon ein­mal ange­spannt sein darf, aber die Art, wie Hans-Martin sich ver­krampfte und wirkte, als wollte er mit sei­nem gan­zen Kör­per seine Teil­nahme erpres­sen, wirkte merk­wür­dig absto­ßend und brachte den Mode­ra­tor Mat­thias Opden­hö­vel zum ers­ten höh­ni­schen Witz, fürs Beten sei es nun zu spät.

Der psy­cho­lo­gisch ver­mut­lich ent­schei­dende Moment war aber ein ande­rer: Als er beim Dis­kus­wer­fen gegen einen sich ziem­lich unge­schickt anstel­len­den Raab weit vorne lag, bot er gönnerhaft-ironisch an, die letz­ten Würfe gar nicht mehr zu machen. Das ist schon grund­sätz­lich keine so gute Idee, aber bei einem Geg­ner wie Raab erst recht nicht, bei dem genau eine sol­che Situa­tion die Aus­schüt­tung irgend­ei­nes Ehrgeiz-Hormones aus­löst, das ihn dann im letz­ten Wurf das Spiel doch noch uner­war­tet gewin­nen lässt. Und der, noch wich­ti­ger, damit sofort alle Sym­pa­thien des Publi­kums auf sei­ner Seite hat (das es ihm in ande­ren Fäl­len, bei ande­ren Geg­nern, auch gerne gönnt, wenn seine Ver­bis­sen­heit keine Früchte trägt). Aber spä­tes­tens von die­sem Moment beim Dis­kus­wurf im Sta­dion an war das Saal­pu­bli­kum fast geschlos­sen auf Sei­ten Raabs und machte kei­nen Hehl daraus.

Man weiß ja nicht, was man selbst für eine Figur abge­ben würde unter den Bedin­gun­gen einer sol­chen Show, aber man kann zukünf­ti­gen Kan­di­da­ten den Auf­tritt von Hans-Martin als reich­hal­ti­ges Anschau­ungs­ma­te­rial geben für all das, was sie ver­mei­den soll­ten. Er freute sich immer viel zu sehr und oft zu früh über die Feh­ler sei­nes Geg­ners, duschte sich in Scha­den­freude. Als läp­pisch ver­lachte er die Frage, ob es stimmt, dass die Insel Lum­mer­land drei Berge hat. »Klar, das Lied: ›Eine Insel mit drei Ber­gen‹«, eine Kin­der­gar­ten­auf­gabe. Blöd nur, dass das Lied geht: »Eine Insel mit zwei Ber­gen…« Seine aggres­si­ven Sie­ges­ges­ten kamen so wenig an wie sein beun­ru­hi­gen­der Hang, sich im Selbst­ge­spräch anzu­feu­ern: »Komm schon« / »Du schaffst das« / »Geht doch«.

Er hatte sie bald alle gegen sich: das Publi­kum, die Mode­ra­to­ren, den Kom­men­ta­tor. Auch Raab selbst sagte ein­mal bös­ar­tig (und für Hans-Martin ver­mut­lich uner­klär­lich), er ver­liere ja immer ungern, in die­sem Fall aber beson­ders. Es tat der Span­nung der Sen­dung kei­nen Abbruch, gegen den Kan­di­da­ten zu fie­bern statt mit ihm, aber je deut­li­cher und ein­mü­ti­ger die Able­hung wurde, desto grau­sa­mer wurde die Situa­tion. Opden­hö­vel sagte zu einer Beglei­te­rin Hans-Martins, dass es ja bes­ser sei, viel Geld zu gewin­nen als viele Freunde, und als sie freund­lich in die Falle tappte und wider­sprach, viele Freunde seien ja auch ganz schön, for­derte er das Publi­kum auf, per Applaus zu demons­trie­ren, für wen sie sind. Sie waren für Raab.

Auf dem Kurz­nach­rich­ten­dienst Twit­ter for­mierte sich unter­des­sen eine wach­sende Horde von Leu­ten, die sich in immer grö­be­rem Spott über den jun­gen Mann über­bo­ten, für den sie früh und kon­se­quent den Spitz– und Erken­nungs­na­men #hass­mar­tin erfun­den hat­ten. (Unklar blieb dabei aller­dings, wel­chen Grund nun aus­ge­rech­net diese Leute haben soll­ten, sich mit ihrer begeis­tert zur Schau gestell­ten Aso­zia­li­tät dem sozial unge­schick­ten Kan­di­da­ten über­le­gen zu fühlen.)

Doch dem Urteil, dass hier jemand sen­sa­tio­nell unsym­pha­tisch auf­trat, kann man nur schwer wider­spre­chen. Der Abend war eine fas­zi­nie­rende und etwas beun­ru­hi­gende Lek­tion, wie schnell und voll­stän­dig man sich ins Aus kata­pul­tie­ren kann. Dabei wird die Pose des über­trie­ben selbst­be­wuss­ten Her­aus­for­de­rers eigent­lich schon vom For­mat und dem Cas­ting vor­ge­ge­ben. Und viele der Eigen­schaf­ten, die bei Hans-Martin so absto­ßend wirk­ten, gehö­ren auch zum Reper­toire Raabs, der aber als lang­jäh­ri­ger Profi natür­lich viel geschick­ter darin ist, sie in den Spit­zen auf ein Maß her­un­ter­zu­re­geln, das im Fern­se­hen nicht zu pein­lich aussieht.

Das war der Haupt­feh­ler des Kan­di­da­ten an die­sem Abend: Dass er nicht erkannt hat, was seine Rolle ist in die­sem Spiel. Rela­tiv früh, bevor sie beim 2000-Meter-Bahnradfahren gegen­ein­an­der antra­ten und nicht nur die Kon­di­tion gegen Raab sprach, sagte er, da würde er sich aber sehr schä­men, wenn er das nicht gewin­nen würde, und tät­schelte dabei tat­säch­lich Raabs Bäuch­lein. Es war einer die­ser Fremdschäm-Augenblicke, die man schwer mit anse­hen kann, und Raab hat danach fast instink­tiv die Arme vor die­ser ver­meint­li­chen Schwach­stelle ver­schränkt. Aber inter­es­san­ter­weise hätte die Szene umge­kehrt funk­tio­niert: Raab hätte sich über eine Schwä­che des Geg­ners auf diese Weise lus­tig machen kön­nen, ohne dass es so pein­lich gewe­sen wäre: Er hätte es pro­fes­sio­nell augen­zwin­kernd abfe­dern kön­nen, und wenn er durch so eine Form von Arro­ganz das Publi­kum gegen sich auf­bringt, ver­schafft er dem Kan­di­da­ten nur zusätz­li­che Sym­pa­thien, was sehr in Ord­nung geht.

Trotz­dem war das Maß, in dem Raabs Erfolge von den Zuschau­ern im Stu­dio gefei­ert wur­den, und Punkte von Hans-Martin Schulze fast schwei­gend quit­tiert wur­den, fast scho­ckie­rend, und bei den Buh­ru­fen ganz am Ende musste sogar Raab selbst ein­grei­fen. Wie geht man als Mensch eigent­lich mit der Erfah­rung um, dass die eigene Art auf andere anschei­nend der­art absto­ßend wirkt?

Inso­fern erin­nerte der Abend ein wenig an die erste Staf­fel von »Big Bro­ther«: Als die Bewoh­ne­rin Kers­tin Manuela irgend­wann scho­ckiert fest­stel­len musste, dass dass sie im Laufe der Wochen im Con­tai­ner für die Zuschauer zuhause zu einer Hass­fi­gur gewor­den war, und viele ihr das auch zeig­ten. Hans-Martin ver­spielte die Sym­pa­thien in nur einem Abend. Das hätte er auch nicht geahnt: Dass der Preis für die 500.000 Euro so hoch sein könnte.

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