Tag Archive for: Stefan Raab

Der neue „‚Netflix‘-Journalismus“ des „Stern“

19 Jun 15
19. Juni 2015

Die neue Gestaltung des Angebots und die neue Technik stärken das redaktionelle Profil von stern online. Wir wählen weiterhin aus der gesamten Themenbreite der stern-Welt aus, konzentrieren uns jedoch auf das Thema des Tages und beleuchten dieses in mehreren Artikeln von allen Seiten; eine Art „Netflix“-Journalismus, bei dem Sie seriell informiert werden.

(„Alles neu bei stern online“)

Tatsache:

Der Ehrgeiz des Stefan Raab

18 Jun 15
18. Juni 2015


Foto: ProSieben

Erstaunlich: Innerhalb von Minuten, nachdem die Nachricht kam, dass Stefan Raab Ende des Jahrs mit dem Fernsehen aufhören will, macht sich Wehmut breit, Sentimentalität, ein Was-soll-denn-jetzt-werden-Gefühl.

Dabei ist es erst ein paar Wochen her, dass ich zuletzt versehentlich „TV Total“ eingeschaltet habe, und verblüfft feststellte, dass Raab das Unmögliche geschafft hatte und noch lustloser, fahriger, desinteressierter war, als ich ihn Erinnerung hatte.

Ich habe ihm in der Zeitung vorgeworfen, dass er sein Versprechen, sich vom Fernsehen zu verabschieden und die Welt zu umsegeln, auf unbestimmte Zeit verschoben hätte, und ihm gehässig vorgehalten, er könne, „anders als beteuert, wohl doch nicht genug bekommen von der täglichen Präsenz in seiner erstarrten Show ‚TV Total‘“. Das war 2003. Das ist zwölf Jahre her.

Ganz so erstarrt kann sie nicht gewesen oder geblieben sein. Jedenfalls funktionierte sie immer wieder als Keimzelle für neue Ideen Raabs, als Rahmen für sportliche oder musikalische Wettbewerbe, als Promotion– oder Nachbereitungsshow für andere Sendungen. Und wenn es gerade nichts Interessantes gab, war ihre Funktion tatsächlich einfach, zu existieren, als Platzhalter, um zu verhindern, dass ProSieben auch diese Fläche mit Serienwiederholungen zupflastert, als Ritual natürlich, bei dem Raab immer noch auf Knöpfe mit Schnipseln drückte und mit seiner Sitzgarnitur hin– und herfuhr und die Begrüßung von einem Menschen aus dem Publikum vorlesen ließ. Selbst die geniale Stefan-Raab-Parodie von Max Giermann, in der peinliche Huster die Stille nach den mühsamen Pointenversuchen Raabs unterbrachen und betonten, ist inzwischen acht Jahre alt, und seitdem hat sich scheinbar nichts verändert.

Seit „Circus HalliGalli“ mit Joko und Klaas auf Sendung ging, gab es am Montagabend immer wieder diesen Übergang zu „TV Total“, der auf besonders schmerzhafte Weise zeigte, wie sehr Raabs Sendung in die Jahre gekommen war. Auf zwei überambitionierte, leidenschaftliche Rumalberer voller Energie folgte ein müder Routinier, der machte, was er immer schon gemacht hatte. Vom Shiny Floor der modernen Bühne ging es in das olle „TV Total“-Studio, von dem es hieß, dass es teilweise nur noch mit Klebestreifen zusammengehalten wurde.

Wenn Raab keine besondere Lust hatte, war es eine Qual, ihm zuzusehen. Wobei man ihm zugute halten muss, dass er dafür, dass er offenkundig so oft keine Lust hatte, ganz gut durchgehalten hat. Sicher, oft hätte man sich gewünscht, er würde dann den Platz räumen für jemanden, der noch Lust hätte, aber andererseits ist das eben auch ein Wesen des Fernsehens und insbesondere des Genres der täglichen „Late Night Talkshow“, dessen letzter Vertreter Raab erstaunlicherweise war: Dass es darum geht, das jeden Tag zu machen, als Routine, zur Not eben lustlos, gemeinsam mit dem Publikum alle endlosen Tiefebenen der Uninspiriertheit durchschreitend, bis der nächste Einfall, das nächste Highlight, die nächste große Idee kommt.

Stefan Raab ist (war, hätte ich fast geschrieben) angetrieben von einem beunruhigenden Ehrgeiz. Ich saß einmal in der Garderobe bei „TV Total“ und hörte, wie Mitarbeiterinnen stöhnten, dass der alljährliche Betriebsausflug anstünde, sie würden wieder Kartfahren, und eigentlich hätten sie gar keine Lust, weil der blöde Raab die anderen immer ohne Rücksicht auf Verluste aus der Bahn schubsen würde, und das sei echt. kein. Spaß.

Wenn es in seiner täglichen Show mal wieder nichts gab, was seinen Ehrgeiz weckte, dann passierte da nichts. Aber immer, wenn man ihn gerade abgeschrieben hatte, fand sich da plötzlich etwas, was seinen Ehrgeiz weckte, wo er sich und allen etwas beweisen wollte, und fast immer war das Ergebnis große Unterhaltung.

Auch dabei nahm er regelmäßig keine Rücksicht darauf, ob jemand Blessuren davontrug (und sei es, wie zum Beispiel beim Kampf gegen Boxerin Regina Hallmich, er selbst). Ich war 1998 dabei, als er beweisen wollte, dass der Eurovision Song Contest gar nicht so eine lahme schwule Schlagersache sein muss. Das war, beim Vorentscheid in Bremen, als er mit Guildo Horn ins Rennen ging, eine feindliche Übernahme. Sie stürmten die Veranstaltung, schafften es, die gesamte mediale Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, und aus dem traditionsreichen, trostlosen Event ihre Veranstaltung zu machen.

Es war der letzte Grand-Prix, in dem es noch ein Live-Orchester gab, weshalb Raab sich sogar noch unverschämt stolz mit breitem Grinsen als Dirigent inszenieren konnte.

Zwei Jahre später bewies er dann nochmal, dass er auch selbst da auf der Bühne stehen kann, und danach zeigte er noch einmal allen, dass sich das sogar mit echtem musikalischen Ehrgeiz verbinden lässt, mit der Lust (und dem Talent), gute Talente zu finden und zu fördern.

Seine Sendung „Schlag den Raab“ funktioniert nur wegen seines Ehrgeizes, weil es in keiner Sekunde der vielen, vielen Stunden auch nur den Hauch eines Zweifels gibt, dass er unbedingt gewinnen will, und es ihm ganz egal ist, ob das peinlich wirken könnte, wie er um jeden Punkt feilscht und gegen jede Schiedsrichterauslegung zu seinen Lasten und wie er sich über jeden Fehler ärgert und über jeden Erfolg freut. Ganz bestimmt weiß Raab auch theoretisch, wie sehr die Sendung von diesem Ehrgeiz lebt, weil er eine Voraussetzung für die Spannung ist (ebenso wie die scheinbar übertriebene Gewinnsumme von 500.000 Euro, die er und die Produktionsfirma gegenüber dem Sender durchgesetzt haben). Aber praktisch, in der Sekunde, ist da kein Raum für einen theoretischen Gedanken, sondern eben nur dieses unbedingte Gewinnenwollen — und deshalb ist es so gutes Entertainment.

Und wenn Wolfgang Link, der Geschäftsführer von ProSiebenSat.1, in der Pressemitteilung zum Abschied mit den Worten zitiert wird, „‚Schlag den Raab‘ hat die Samstagabend-Unterhaltung verändert“, ist das sogar eine Untertreibung. „Schlag den Raab“ hat gezeigt, dass sich das totgeglaubte Genre der Samstagabendshow wiederbeleben lässt. Er hat ein Gemeinschaftserlebnis geschaffen, wie man es dem Medium Fernsehen sonst kaum noch zugetraut hätte, wenn viele Menschen gemeinsam nachts um 1 zusehen, wie zwei Leute vermeintlich unspektakuläre, theoretisch unendlich dröge Geschicklichkeitsspiele gegeneinander spielen, bei denen nichts passiert außer alles.

Oder seine Teilnahme an der nur alle vier Jahre stattfindenden Show des Kanzlerduells. Die absurde Aufregung im Vorfeld, ob man damit nicht eine ernstzunehmende Veranstaltung lächerlich machen würde — als handele es sich um eine ernstzunehmende Veranstaltung und als würde Raab es nicht auch bei dieser Gelegenheit allen beweisen wollen. Er brachte Witz in die Routine dieser Sendung, Leben und Direktheit, und ich erinnere mich noch an Zweierlei: Wieviel Spaß Anne Will hatte, ihm beim Fragen zuzusehen, die das Glück hatte, nicht ins Team eines steifen blassen Mannes namens Peter Kloeppel zugelost worden zu sein, und wie Raab seinen Übergang von der Vorberichterstattung auf ProSieben, wo er als Gast war, in die Gemeinschaftssendung, wo er hinter dem Fragepult stand, inszenierte. Die Vor-Show war offensichtlich aufgezeichnet, so dass er es sich leisten konnte, scheinbar ganz entspannt in der allerletzten Sekunde das Studio zu verlassen, um dann schon unmittelbar darauf hinter dem Pult gegenüber von Angela Merkel und einem SPD-Mann aufzutauchen. Und ich bin mir fast sicher, dass er beim Abschied aus dem Studio dasselbe Grinsen hatte wie als Dirigent in Birmingham 1998.

Als Jan Böhmermann ihn im vergangenen Jahr grandios verlud, fiel Raab dazu nichts ein. Es gab keine Retourkutsche, kein zerknirschtes Irgendwieumgehen mit der lustigen Blamage, nur Schweigen, und das war traurig, denn dass Stefan Raab sehr ungern verliert, heißt ja nicht, dass er ein schlechter Verlierer sein muss. Aber auch als Matthias Opdenhövel ankündigte, zur ARD zu gehen, um die „Sportschau“ zu moderieren, reagierte Raab unsouverän und trennte sich sofort von ihm als Moderator von „Schlag den Raab“. Dieser Ehrgeiz, er hat auch Schattenseiten.

Aber er wird dem Fernsehen fehlen. Sein Ehrgeiz, sein Talent — und natürlich auch: seine außergewöhnliche Machtposition gegenüber dem Sender, die es ihm erlaubte, seine Ideen auch durchzusetzen (Das muss aber live sein! Da müssen aber 500.000 Euro ausgespielt werden! Zur Not bis zwei Uhr früh!). Andererseits: Eigentlich hätte er sich eh schon vor vielen Jahren verabschieden wollen.

Dafür hat er dann doch lange durchgehalten, und heute würde ich sagen: zum Glück.

Archiv:

„TV Total“ beweist: Stefan Raab versteht keinen Spaß

14 Feb 11
14. Februar 2011

Es ist, zugegeben, ein bisschen absurd, sich als Watchblog von „TV Total“ gerieren und der Show sachliche Fehler vorhalten zu wollen. Andererseits: Wenn man etwas von einer Comedysendung erwarten darf, dann doch vielleicht, dass sie einen Witz als solchen erkennt.

Am vergangenen Donnerstag kündigte Stefan Raab den Zuschauern einen „Klassiker“ an:

„Der Reporter denkt, er ist noch nicht zu sehen mit seinem Mikrofon. Und sagt sich, okay, da erledige ich noch mal was. Man kann ihn aber leider schon sehen. Schauen Sie mal hier, das ist passiert beim NDR, in der Sendung ‚Hallo Niedersachsen‘.“

Es folgte ein Ausschnitt, in dem tatsächlich ein Reporter zu sehen ist, wie er sich großräumig in der Nase bohrt und scheinbar erschrocken „laufen wir?“ fragt, bevor er abrupt mit ernster Stimme mit seinem Aufsager beginnt: „Berlin hat seinen ersten handfesten Skandal im Jahr 2011…“


Großes Gelächter im „TV Total“-Publikum und beim Moderator. „Er ist sehr bekannt für seine bohrenden Fragen“, kichert Raab. „Spitzenszene, oder?“

Wie man’s nimmt.

Es hätte geholfen, noch einen Satz weiter zu hören. Der „handfeste Skandal“, den NDR-Reporter Olaf Kretschmer ausmachte, ist nämlich dieser:

„Obwohl der Bundesgesundheitsminister nicht genug auf die Waage brachte, um Oldenburger Kohlkönig zu werden, wurde er genau als solcher proklamiert. Ob der FDP das in diesem Wahljahr hilft, bleibt abzuwarten.“

Der Bericht handelt vom traditionellen Kohlessen in der Niedersächsischen Landesvertretung. Kretschmer war mit einer Waage dort aufgekreuzt und hatte vor dem Essen und danach das Gewicht der anwesenden Spitzenpolitiker miteinander verglichen. Weil Philipp Rösler während der Veranstaltung nur 1,1 Kilo zugenommen hatte, sagte er vorwurfsvoll zu dem Gesundheitsminister: „Wir haben Sie gewogen und für zu leicht befunden.“ Die Tatsache, dass Rösler dennoch, wie ausgekungelt, zum Kohlkönig ausgerufen wurde, prangerte der NDR-Mann in seinem vierminütigen Stück an.

Im Scherz. Es handelt sich um einen Witz. Der ganze „Hallo Niedersachsen“-Beitrag ist eine Glosse; ein Versuch, sich dem merkwürdigen Termin originell und unterhaltsam zu widmen. Das Beim-in-der-Nase-Popeln-erwischt-Werden war Teil der Komödie.

Und wenn die Redaktion von „TV Total“ das schon nicht erkannt hat, hätte sie es wenigstens daran merken können, dass die vermeintliche Live-Schalte, von der der Reporter überrascht wurde, gar nicht live sein konnte: Das Grünkohlessen hatte, wie in der Anmoderation erwähnt, schon am Abend vorher stattgefunden.

War das lustig? Meh. War es lustig gemeint? Ohne Frage.

Es gibt immer dösige Zuschauer, die sowas trotz diverser Hinweise im Film nicht verstehen. Dass sie auch bei „TV Total“ arbeiten und sich über die vermeintlichen anderen Deppen im Fernsehen lustig machen, ist aber ein bisschen beunruhigend.

Schlag den Raab

15 Nov 10
15. November 2010

Irgendwann, spätestens nach dem Grand-Prix-Erfolg in diesem Jahr, ist aus Stefan Raab, dem Schmuddelkind, in den Medien Stefan Raab, der geniale Entertainer geworden. Der Pro-Sieben-Moderator wird mit Lob und Preis überschüttet, und da ist es ein normaler und gesunder journalistischer Reflex, wenn eine Zeitschrift beschließt, gegen den Gleichklang anzuschreiben.

Aus jedem Absatz des Artikels, den der „Focus“ vor drei Wochen veröffentlichte, spricht der Wille, etwas Negatives über Stefan Raab zu schreiben und die Naivität und Dummheit all der Stefan-Raab-Gutfinder zu entlarven. Der Mann ist offenbar gefährlich, denn er verflucht im eigentlichen Sinne des Wortes sein Publikum. Von der Verleihung des Deutschen Fernsehpreises berichten die „Focus“-Autoren:

„Ihr kommt alle in die Hölle“, sagt Raab in seiner Dankesrede (…).

Wer weiß, wie sehr er im katholischen Glauben erzogen ist und wie tief diese Wurzel seines Lebens bis heute greift, hält diese Bemerkung für allenfalls halb komisch.

Raab sagt den Fernsehschaffenden halbernst voraus, dass ihnen die ewige Verdammnis droht? Das ist tatsächlich, was ja nicht das Schlechteste ist, das man über einen Artikel sagen kann: originell.

Es ist eigentlich ziemlich leicht, Stefan Raab blöd zu finden, aber im „Focus“ liest es sich sehr angestrengt. Sein Lachen nennen die Autoren „jene praktizierte Satire am eigenen Körper“. Die Produktionsfirma Brainpool nennen sie „diese Gehirn-Badeanstalt, in der Stefan Raab als Anteilseigner und Kreativer der ganz große Bademeister ist“. Den Moderator nennen sie immer wieder „Metzgerssohn“ und schöpfen daraus die Pointen wie die, er betreibe „Humor wie eine Fleischerei“ („Grundsatz: Es darf immer noch ein bisschen mehr sein“) und sei „unersättlich“.

Fassungslos schildern sie detailliert, wie sich Lena, die ihm den Fernsehpreis überreichte, dabei vor ihm niedergekniet hat — was offenbar nicht als Scherz oder Geschenk für die Fotografen zu deuten ist, sondern als „vollkommene Demutsgeste“, die vom Publikum dann auch noch durch stehenden Applaus „zur Unterwerfung vollendet“ worden sei.

Der „Focus“ weist auf die Brüche in Raabs Leben und Karriere hin; darauf zum Beispiel, dass er Dieter Bohlen übel nehme, private Fotos von sich an die „Bild“-Zeitung zu schicken, obwohl er selbst doch vor sieben Jahren noch eine Kolumne für das Blatt geschrieben habe. Ja, der Vergleich ist schief, aber das hat er mit ungefähr allen Vergleichen in dieser Geschichte gemein. Es sei bei Raab schwer, „die Grenze zu ziehen zwischen dem Gebrauch und dem Missbrauch des Privaten“, stellen die „Focus“-Leute fest und machen dann folgenden Widerspruch auf:

Einerseits ist er der Mann, der alles riskiert für die Quote. Der sich von der Box-Weltmeisterin Regina Halmich für eine gute Show das Nasenbein einschlagen lässt. (…)

Andererseits ist Stefan Raab der Mann, der Europas Fernsehen verändern wird.

Kann mir jemand erklären, inwieweit das etwas über ein gespaltenes Verhältnis zur Privatheit aussagt oder überhaupt ein Widerspruch ist?

Der „Focus“ stellt fest, dass Details über Raabs Privatleben „privat“ seien und „niemand wissen muss“, um dann in großer Akribie Details über Raabs Privatleben zusammenzutragen. So richtig aufregende Sachen haben die drei Redakteure nicht herausgefunden, aber wie zum Ausgleich dafür dokumentieren sie auch noch das unaufregendste Detail. Wir erfahren, aus das Garagentor am Haus seiner Eltern aus „schwerem Holz“ sei und sich „per Elektromotor und Fernbedienung öffnen“ lasse. Dass der Belag in der Straße, in der er wohne, „extraglatt“ sei. Dass er im Abi-Heft 1986 keine Berufsziele angegeben habe.

Dann doch eine erhellende Enthüllung: Schon als Kind soll sich Raab in der Schule über einen kleingewachsenen Lehrer lustig gemacht haben!

Keine Frage: Es gibt einen großen Widerspruch in der Person Stefan Raabs, sogar in der öffentlichen Person. Er ist heute zu einem Symbol für Qualitätsunterhaltung geworden und sogar für einen menschenwürdigen Umgang mit Kandidaten im Fernsehen, obwohl seine Karriere nicht zuletzt auf der Bloßstellung von Nichtprominenten beruht. Der Widerspruch lässt sich teilweise dadurch erklären, dass Raab sich verändert hat — auch die Beispiele, die der „Focus“ nennt (Lisa Loch, Bimmel-Bingo, die Frau vom Maschendrahtzaun) sind Jahre alt. Doch auch wenn Raabs Grenzen heute vielleicht woanders liegen — Schadenfreude und pubertärer Humor machen immer noch einen großen Anteil seines Schaffens aus.

Doch das war dem „Focus“ in seinem unter dem Chefredakteur Wolfram Weimer neu erweckten Drang, wichtig und anders zu sein, offenbar nicht brisant genug. Und gerade die Tatsache, dass Raab sein Privatleben äußerst konsequent vor den Blicken der Öffentlichkeit schützt, nahmen die Autoren als Ansporn, möglichst tief darin zu wühlen. Und prahlen damit, wie mutig und revolutionär das ist:

Wer über den Mann spricht, der auf dem Bildschirm so konsequent das Bild vollendeter Öffentlichkeit vermittelt, riskiert Strafe.

Die Gefahr ist glaubhaft.

Schon am ersten Tag der FOCUS-Recherche trifft die Drohung ein, Stefan Raab werde von dieser Minute an nie wieder für ein Interview zur Verfügung stehen.

Nun mag es legitim sein, im privaten Umfeld von Raab zu recherchieren. Es ist aber auch für jemanden wie Raab, der sein Privatleben nie in die Öffentlichkeit getragen hat, legitim, aus dieser Recherche die Konsequenz zu ziehen und jede Mitarbeit an dem Werk abzulehnen …

… und hinterher jedes Wort auf die Waage zu legen (machen Sie sich Ihr eigenes „Focus“-artiges Wortspiel hier bitte selbst). Zwanzig Punkte umfasst die Gegendarstellung von Raab, die der „Focus“ heute veröffentlicht. Die Illustrierte drucke sie „sehr gern“, schreibt sie dazu, „mit Blick auf den Informationsgehalt“. Raab hatte offensichtlich Spaß daran, nicht nur gravierende Fehler, sondern auch die kleinsten Details zu korrigieren:

6. Weiter heißt es: „Der Metzgerssohn, der heute noch das Mettbrötchen mit Zwiebeln, Gurkenscheibe dazu, ganz hinten in seiner Stammkneipe schätzt (…).„
Hierzu stelle ich fest, dass ich nie Mettbrötchen mit Gurkenscheiben dazu esse und auch keine Stammkneipe habe. (…)

20. In der Bildunterzeile des Fotos auf S. 166, das ein Mettbrötchen zeigt, heißt es: „Sein Brötchen – in der Kölschkneipe“.
Hierzu stelle ich fest, dass es sich nicht um mein Mettbrötchen handelt.

Der „Focus“ empfiehlt unter anderem diese Punkte seinen Lesern, „die sich ein eigenes Bild [mutmaßlich über den Wahrheitsgehalt der Gegendarstellung] machen möchten“. Wie heuchlerisch.

Natürlich ist es lächerlich, ein solches Quatschdetail zu korrigieren. Aber noch lächerlicher ist es doch, ein solches Quatschdetail überhaupt erst für berichtenswert zu halten. Und am allerlächerlichsten, das erste für lächerlich zu halten und das zweite nicht und sich über den mangelnden „Informationsgehalt“ der Gegendarstellung lustig zu machen.

„Den Wahrheitsgehalt der Gegendarstellung wollen wir nicht kommentieren“, schreibt „Focus“. Schade, denn bei einigen durchaus relevanten Punkten liegt die Illustrierte falsch. Zum Beispiel, wenn sie den Eindruck erweckt, Raab verdiene auch noch an Oliver Pocher und Mario Barth mit — die beide längst bei anderen Unternehmen unter Vertrag sind. Auch von regelmäßigen Strafen, die Pro Sieben laut „Focus“ für Schleichwerbung in Raab-Sendungen zahlen musste, ist nichts bekannt.

„Focus“ hat die Gegendarstellung einfach gedruckt, nachdem das Magazin von Raabs Anwalt dazu aufgefordert wurde — die Redaktion verzichtete auf die übliche juristische Gegenwehr. Natürlich ist es einerseits ganz schön, dass es, wie es aussieht, keine juristische Auseinandersetzung um den Artikel geben wird, bei der dann womöglich auch Fragen zu klären wären wie die, ob Raabs Haus von einer Hecke oder von Bäumen umgeben ist und womöglich der Gärtner als Zeuge geladen würde. Andererseits ist es auch sensationell billig, sich als Medium einfach achselzuckend hinzustellen und zu suggerieren, dass es ja auch nicht darauf ankommt, was nun die Wahrheit ist.

Lena und die Nööööööte von RTL

23 Mai 10
23. Mai 2010

Von Lena Meyer-Landrut weiß man, dass sie keine privaten Fragen beantwortet. RTL aber ist ein Privatsender. Bei der ersten Pressekonferenz der deutschen Delegation in Oslo kam es zu einer Art Showdown.

RTL-Reporterin: Wer aus Ihrer Familie ist dabei, wer unterstützt Sie? Und wie wichtig ist es tatsächlich, auch jemanden aus der Family dann hier zu haben?
Lena: Nööööööt.
Stefan Raab: Man muss auch nicht jede Scheiße beantworten, Lena.
Lena: Nein, nein. Das beantworte ich nicht.
RTL-Reporterin: Familie zur Unterstützung dabei zu haben, findet Ihr scheiße?
Lena: Nein, die Frage. Also die Familienfrage an sich.
RTL-Reporterin: Okay. Also Familie ist immer Tabu?
Lena: M-h!
Stefan Raab: Joa, muss Frauke Ludowig halt mal ohne so’n Käse auskommen. Müsst ihr euch was anderes aus der Nase ziehen. Irgendwie Häuser-Versteigerungssendungen oder sowas.

Die Szene und vieles mehr — in der dritten Folge von Oslog.tv: „Sha-La-Lena“