Lichtgestalten, die uns mit Prothesen wärmen: Der »Stern« malt sich den Fall Pistorius aus

Mein vor­läu­fi­ger Lieb­lings­satz des Jah­res stand ver­gan­gene Woche im »Stern« und lau­tet so:

Eine über­ra­schende Wen­dung scheint bis­lang nicht in Sicht.

Der Satz hat nicht nur die­ses irre innere Flir­ren — denn wenn es über­haupt etwas gibt, das man mit Sicher­heit von über­ra­schen­den Wen­dun­gen sagen kann, dann doch, dass sie sich nicht vor­her ankündigen.

Der Satz schil­lert noch schö­ner, wenn man sei­nen Kon­text kennt. Er steht näm­lich am Ende eines Arti­kels über den südamerafri­ka­ni­schen Sport­star Oscar Pis­to­rius, der seine Freun­din Reeva Steen­kamp erschos­sen hat. Am Don­ners­tag, als der »Stern« erschien, gab es die über­ra­schende Wen­dung, dass der Haupter­mitt­ler vom Fall abge­zo­gen wurde, weil gegen ihn wegen ver­such­ten Mor­des ermit­telt wurde. Schon am Tag zuvor, als der »Stern« in Druck war, musste die Poli­zei über­ra­schend ein­räu­men, dass sie keine Beweise habe, die die Pis­to­rius‹ Aus­sage wider­le­gen, er habe Steen­kamp ver­se­hent­lich erschos­sen. Und am Frei­tag kam Pis­to­rius über­ra­schend gegen Kau­tion frei.

Das lässt den »Stern« nicht nur alt aus­se­hen. Es lässt ihn schlecht aussehen.

Denn die ganze große Geschichte beruht auf der Annahme, dass Pis­to­rius seine Freun­din absicht­lich umge­bracht hat. Natür­lich weiß auch der »Stern«, dass er das gar nicht weiß und benutzt des­halb immer wie­der Wör­ter wie »mut­maß­lich«. Aber das hin­dert ihn nicht, all die Schluss­fol­ge­run­gen zu zie­hen und Inter­pre­ta­tio­nen zu wagen, die man zie­hen und wagen würde, wenn man wüsste, dass Pis­to­rius der Typ Mann ist, der aus Eifer­sucht seine Freun­din umbringt.

Und die man nur zie­hen und wagen kann, wenn man als jour­na­lis­ti­sches Medium der Mei­nung ist, dass man spä­tes­tens fünf Tage nach einer Tat alles weiß, was man wis­sen muss, um zu einem abschlie­ßen­den Urteil zu kom­men, denn was soll danach noch Über­ra­schen­des herauskommen?

Das Elend beginnt schon im Edi­to­rial, in dem »Stern«-Chefredakteur Tho­mas Oster­korn die Frage stellt:

Wie kann ein gefei­er­tes Idol sich zu einer sol­chen Tat hin­rei­ßen lassen?

Gegen­frage: Was für eine Tat genau?

Ein paar Stun­den klam­mer­ten sich seine süd­afri­ka­ni­schen Lands­leute an die Hoff­nung, es könne ein tra­gi­sches Ver­se­hen gewe­sen sein.

Doch mitt­ler­weile deu­tet nur noch wenig auf einen Unfall hin.

»Mitt­ler­weile« hier im Sinne von »zwi­schen­zeit­lich am ver­gan­ge­nen Dienstag«.

stern-Reporter Marc Goer­gen, ehe­mals stern-Korrespondent in Süd­afrika, machte sich mit dem Foto­gra­fen Per-Anders Pet­ters­son sofort auf den Weg nach Pre­to­ria, um Ant­wor­ten zu fin­den. Sie spra­chen mit Freun­den von Täter und Opfer, mit den Ermitt­lern und recher­chier­ten im Umfeld von Pis­to­rius‹ Haus.

Die Art von gro­ßer Recher­che also, die sich kaum noch jemand leis­ten kann. Qualitätsjournalismus.

Auf dem Cover ist die Geschichte mit der Zeile »Oscar Pis­to­rius unter Mord­ver­dacht: Exklu­sive Fotos« ange­kün­digt. Das fand man offen­bar nicht obszön.

Goer­gen fängt sein Stück an wie ein Krimi:

Ein Mann, so muss man es sich nach durch­ge­si­cker­ten Polizei-Informationen vor­stel­len, trägt seine schwer ver­letzte Freun­din die Treppe her­un­ter. Er hält sie in bei­den Armen. Sie trägt nur ein Nacht­hemd. Sie röchelt.

Ihre Arme und ihr Kopf bau­meln leb­los am Kör­per. Blut rinnt aus Wun­den am Kopf, an der Hand, an der Hüfte. Es tropft auf den schwar­zen Mar­mor der Treppe.

Wir lesen noch ein­mal, was uns Oster­korn schon erzählt hat:

Ein paar Stun­den lang hält sich zunächst noch die Erklä­rung, Pis­to­rius habe die Frau für einen Ein­bre­cher gehal­ten, doch mit jeder wei­te­ren Zeu­gen­aus­sage, jeder wei­te­ren Spur erscheint diese Ver­sion unwahr­schein­li­cher. Reeva Steen­kamp, so die Ermitt­ler, wurde mit vier Kugeln aus einer halb­au­to­ma­ti­schen Tau­rus, Kali­ber neun Mil­li­me­ter, getö­tet. Der Waffe von Oscar Pistorius.

Es ist ein Drama, das einen genauso erschüt­tert wie rat­los zurück­lässt: Wie kann ein bewun­der­tes Idol sich zu einer sol­chen Tat hin­rei­ßen lassen?

Es folgt eine wei­tere Frage, die womög­lich mein zweit­liebs­ter Satz des Jah­res ist:

Hat uns die Licht­ge­stalt mit den Kar­bon­pro­the­sen nicht nur gewärmt, son­dern auch geblendet?

Beim drit­ten Lesen habe ich zwar gemerkt, dass die Kar­bon­pro­the­sen gar nicht das Dativ-Objekt instru­men­tale Adver­bial des Sat­zes sein sol­len und uns inso­fern auch weder gewärmt noch geblen­det haben, aber der schö­nen Schiefe des Bil­des nahm das nur wenig.

Der »Stern«-Reporter erklärt dann, dass viele Sport­stars das Gefühl hät­ten, sich alles erlau­ben zu kön­nen, und zählt die »ziem­lich lange Liste gefal­le­ner Sport­stars« auf: Mike Tyson (Ver­ge­wal­ti­gung) O. J. Sim­pson (Ver­dacht des Mor­des an sei­ner Frau), Tiger Woods (»bil­li­ger Rin­gel­piez mit gleich Dut­zen­den Bar­da­men und Grou­pies«), Magic John­son (HIV-positiv mit über 1000 Frauen geschla­fen), Kobe Bryant (Vor­wurf der Vergewaltigung).

Und Oscar Pistorius?

Auch Oscar Pis­to­rius muss es ken­nen, die­ses Gefühl, dass einem die Welt zu Füßen liegt.

(sic!)

Nun ist der »Stern« aber natür­lich nicht auf eine psy­cho­lo­gi­sche Fern­dia­gnose ange­wie­sen, son­dern selbst nach Süd­afrika geflo­gen, um zu recher­chie­ren. Das hier sind die Ergebnisse:

Wen immer man nach Tref­fen mit Oscar Pis­to­rius befragt, jeder betont des­sen Höf­lich­keit. Er halte Frauen die Tür auf. Er wisse zuzu­hö­ren. Er setze sich nicht zu Tisch, bevor sein Gast Platz genom­men habe. (…)

Auch Freun­din­nen von Reeva Steen­kamp kön­nen sich nicht erin­nern, dass die Erschos­sene jemals Andeu­tun­gen über Gewalt gemacht habe.

Der »Stern«-Reporter hat vor Ort sogar eine Freun­din von Steen­kamp auf­ge­tan, die sie rich­tig lange kannte und sich zitie­ren ließ: Mir­riam Ngo­mani. Das kleine Foto von ihr, wie sie mit irgend­wem anders vor dem Fern­se­her sitzt und eine Sen­dung mit ihrer erschos­se­nen Freun­din sieht, muss auch eines der »exklu­si­ven Fotos« sein, die der »Stern« auf dem Titel ankün­digte, zusam­men mit zwei nichts­sa­gen­den brief­mar­ken­gro­ßen Auf­nah­men von Pis­to­rius‹ Geschwis­tern vor dem Polizeirevier.

Jeden­falls:

Mir­riam Ngo­mani kannte Steen­kamp seit mehr als zehn Jah­ren. Sie arbei­te­ten für die­selbe Model-Agentur und wur­den Freun­din­nen. Am Wochen­ende vor den töd­li­chen Schüs­sen waren sie noch gemein­sam auf einer Party. »Reeva hat nie­mals Pro­bleme mit Oscar erwähnt. Über­haupt hat sie nicht viel über ihn gespro­chen«, sagt die Freundin.

Schön, dass man das ein­mal doku­men­tiert sieht.

»Aber das war wohl, weil er so bekannt war und sie keine Gerüchte über ihn streuen wollte.« Ngo­mani traf die bei­den ein paar­mal gemein­sam, aber auch sie hat keine düs­te­ren Vor­zei­chen bemerkt. »Oscar war nett und höf­lich. Das war’s.«

Oder eben nicht.

Oder eben nicht. Da sind diese Mosa­ik­stein­chen. Jedes für sich unschein­bar, doch im Licht des mut­maß­li­chen Mor­des betrachtet …

Dies wäre ver­mut­lich der win­zige Moment gewe­sen, in dem der »Stern« die Rea­li­tät, die wild win­kend und ges­ti­ku­lie­rend vor sei­nem Redak­ti­ons­ge­bäude stand, hätte wahr­neh­men kön­nen: Wir wis­sen nicht, ob Pis­to­rius wirk­lich einen Mord began­gen hat. Wir wis­sen viele unschein­bare Details, denen wir eigent­lich keine große Bedeu­tung bei­mes­sen wür­den. Wir schrei­ben ihnen nur eine Bedeu­tung zu, weil wir wis­sen, dass der Mann ein Mör­der ist, was an sich schon zwei­fel­haft genug wäre, in die­sem Fall aber noch dadurch ver­schärft wird, dass wir genau das nicht wissen.

Aber der »Stern« merkte nichts und hielt nicht inne.

… doch im Licht des mut­maß­li­chen Mor­des betrach­tet, erge­ben sie das Bild eines ande­ren Oscar Pis­to­rius: eines Adre­na­lin– Jun­kies, der das Leben bis zum Letz­ten aus­reizt. Pis­to­rius besitzt meh­rere Sport­wa­gen, mit denen er gern mit 250 Stun­den­ki­lo­me­tern über die High­ways bret­terte. 2009 raste er mit einem Speed­boat in einen Pier hin­ein und knallte mit dem Kopf aufs Steuer. (…)

Manch­mal wirkte es, als ob ein wil­des Kind im 26-Jährigen steckte.

Die Frauen an sei­ner Seite wech­sel­ten häu­fig; er sei der ulti­ma­tive Play­boy, gab eine Ex der Klatsch­presse zu Pro­to­koll. Eines sei­ner Tat­toos, den Bibel­vers »Ich laufe nicht wie einer, der ziel­los läuft«, ließ er sich nachts um zwei spon­tan in einer puerto-ricanischen Kaschemme in New York in die Schul­ter ste­chen. Dann wie­der schaffte er sich zwei weiße Tiger an, bis die ihm zu groß wur­den und er sie abge­ben musste.

Klar, dass so einer ein Mör­der wird, wenn er zum Mör­der wird. Auch wenn er total höf­lich den Frauen die Tür aufhält.

Erstaun­li­cher­weise blei­ben auch für den »Stern«-Reporter ein paar Fra­gen offen:

Was also ist in Pis­to­rius gefahren?

War es Eifer­sucht? Waren es Dro­gen, Alko­hol, Ste­ro­ide, die bei ihm offen­bar gefun­den wurden?

Ah, höm. Kleine »über­ra­schende Wen­dung«: Es wur­den keine Ste­ro­ide bei Pis­to­rius gefun­den. Das Mit­tel, das ursprüng­lich für ein Tes­to­ste­ron­prä­pa­rat gehal­ten wurde, ent­puppte sich inzwi­schen als Potenz­mit­tel auf der Basis von Tier­her­zen und –hoden sowie Heil­pflan­zen und Vitaminen.

Wei­ter im »Stern«:

Was war da los im Haus in der Bushwil­low­straat? Infor­ma­tio­nen aus Ermitt­ler­krei­sen legen nahe:

(…) Gegen 1.30 Uhr in der Nacht hör­ten Nach­barn Lärm und beschwer­ten sich beim Sicher­heits­dienst der Anlage. Um 3.20 Uhr dann die Schüsse. Offen­bar, so eine Ver­sion aus Poli­zei­krei­sen, schoss Pis­to­rius im Schlaf­zim­mer das erste Mal auf Reeva Steenkamp.

Wäre das nicht eine gute Gele­gen­heit, in den Kon­junk­tiv zu wech­seln? Nein:

Die Kugel traf sie in die Hüfte. Sie schleppte sich ins angren­zende Bad und ver­rie­gelte die Tür. Pis­to­rius feu­erte drei­mal durchs Holz und traf Steen­kamp in Kopf, Arm und Hand. Dann rief er sei­nen Vater an. Der erreichte gemein­sam mit Pis­to­rius‹ Schwes­ter gegen halb vier das Haus — als sein Sohn gerade die ster­bende Reeva Steen­kamp die Treppe her­un­ter­trug. Einer ande­ren Ver­sion zufolge fie­len alle Schüsse durch die Badezimmertür.

Der »Stern«-Artikel endet so:

Das Bett war auf bei­den Sei­ten benutzt. Sowohl Pis­to­rius wie auch Steen­kamp hat­ten offen­bar vor der Tat darin geschla­fen. Es ist der Moment, in dem der Krimi beginnt — und das Mär­chen des Oscar Pis­to­rius wohl endet. Eine über­ra­schende Wen­dung scheint bis­lang nicht in Sicht. Man kann sich die­sen Moment in all sei­ner Grau­sam­keit aus­ma­len. Die Schreie und Schüsse, das split­ternde Holz der Tür, das Blut, die Sze­nen im Schlaf­zim­mer, im Bade­zim­mer, auf der Treppe.

Wirk­lich begrei­fen kann man ihn beim bes­ten Wil­len nicht.

Jaha, »aus­ma­len« kann man sich echt viel. Man bräuchte dafür sogar ver­mut­lich kei­nen »Stern«-Reporter, der eigens samt Foto­graf nach Süd­afrika fliegt, um es für einen zu tun.

PS: Die Kon­kur­renz von der »Bun­ten« fand schon ein Fra­ge­zei­chen hin­ter ihrer Schlag­zeile zuviel der Serio­si­tät. Da weiß man wenigs­tens, was man hat. Und vor allem: was nicht.

Der »Stern« glaubt, ein Monopol auf Fakten zu haben

Der »Stern« glaubt, er besitze das »Urhe­ber­recht« an den Ergeb­nis­sen sei­ner Recher­che. Er irrt.

Die Ham­bur­ger Illus­trierte hat eine einst­wei­lige Ver­fü­gung gegen die FDP erwirkt. Die Par­tei hatte einen Fra­gen­ka­ta­log, den ihr der »Stern« über zwei­fel­hafte Geschäfte von FDP-Tochterfirmen zuge­schickt hatte, samt Ant­wor­ten online veröffentlicht.

Der »Stern« sieht sich dadurch in sei­ner Exis­tenz bedroht. Sein Recher­cheur Hans-Martin Til­lack schreibt:

Wenn wir Jour­na­lis­ten nicht mehr dar­auf rech­nen kön­nen, dass wir selbst ent­schei­den, wann wir unsere Erkennt­nisse ver­öf­fent­li­chen, kön­nen wir uns auf­wän­dige Recher­chen kaum noch leis­ten — weil dann andere vor­ge­warnt sind, bis hin zu den Kon­kur­renz­blät­tern. Wir leben — über­wie­gend  — vom Geld unse­rer Leser. Nur wenn wir ihnen neue Infor­ma­tio­nen bie­ten kön­nen, wer­den sie für unsere Inhalte bezahlen.

Das mag alles sein. Das gibt dem »Stern« aber nicht das Recht, ande­ren zu unter­sa­gen, ihnen bekannte Tat­sa­chen der Öffent­lich­keit mitzuteilen.

Der »Stern« hat ein Urhe­ber­recht an sei­nen Fra­gen. Er kann der FDP ver­mut­lich unter­sa­gen, sie wört­lich zu ver­öf­fent­li­chen. Aber auf wel­cher Grund­lage sollte er die Rede­frei­heit in Deutsch­land soweit ein­schrän­ken kön­nen, dass die­je­ni­gen, die er etwas fragt, nicht dar­über reden dür­fen, was er sie gefragt hat?

Neh­men wir an, Herr Til­lack hat durch Recher­che her­aus­ge­fun­den, dass in mei­nem Kel­ler eine Lei­che sein soll. Wenn er mich, jour­na­lis­tisch kor­rekt, mit die­sem Vor­wurf kon­fron­tiert, habe ich natür­lich die Mög­lich­keit, schnell noch in die Offen­sive zu gehen und selbst der Öffent­lich­keit in mei­nen eige­nen Wor­ten mit­zu­tei­len, dass da eine Lei­che in mei­nem Kel­ler ist, um der Ent­hül­lung die Wucht zu neh­men und als ers­tes die Deu­tungs­ho­heit zu haben.

Das mag für einen Jour­na­lis­ten ärger­lich und frus­trie­rend sein, aber das ist so.

Es ist selbst dann so, wenn ich von der Lei­che in mei­nem Kel­ler selbst gar nichts wusste und sie erst ent­deckte, nach­dem der »Stern«-Reporter mich dar­auf hin­ge­wie­sen hatte. Was sollte mich daran hin­dern, mein neues Wis­sen über die Lei­chen­hal­tig­keit mei­nes Kel­lers mit ande­ren zu tei­len? Womög­lich die Sorge, dass der »Stern«, wenn ich ihm so in die Parade fahre, erst recht eine große Lei­chen­su­che in mei­nen Kel­lern ver­an­stal­tet, ja. Viel­leicht auch ein Gefühl von Fair­ness. Aber ein Recht?

Til­lack schreibt:

Jour­na­lis­ten haben das Urhe­ber­recht an ihren Fra­gen­ka­ta­lo­gen und an den Recher­che­er­geb­nis­sen, die sich in diese Fra­gen wie­der­spie­geln [sic].

Man muss gar nicht, wie Til­lack es tut, das Fass der Urhe­ber­rechts­de­batte auf­ma­chen, um dem klar zu wider­spre­chen. Es gibt kein Urhe­ber­recht auf Fak­ten, und das ist auch gut so. Wenn der »Stern« auf sei­nem Urhe­ber­recht an der For­mu­lie­rung der Fra­gen besteht: Gut, dann muss die FDP die Fra­gen weg­las­sen oder umfor­mu­lie­ren. Aber selbst­ver­ständ­lich hat die FDP das Recht, selbst zu ent­schei­den, wann und wie sie ihre Ant­wor­ten auf diese Fra­gen veröffentlicht.

Und wenn sie damit die Auf­merk­sam­keits– und Verkaufs-Maximierungsstrategie des »Stern« durch­kreuzt, dann ist das bit­ter für den »Stern« und womög­lich ein Pro­blem für den inves­ti­ga­ti­ven Jour­na­lis­mus ins­ge­samt. Aber es ist nach mei­nem Rechts­ver­ständ­nis nichts, das einen Ein­griff in die Mei­nungs­frei­heit rechtfertigt.

»Stern«-Chefredakteur Tho­mas Oster­korn lässt sich mit den Sät­zen zitie­ren: »Das Kon­fron­tie­ren gehört zur jour­na­lis­ti­schen Sorg­falts­pflicht und dient vor allem den Betrof­fe­nen, ihre Sicht­weise eben­falls dar­zu­stel­len. Wenn diese das Ver­fah­ren unter­lau­fen, indem sie Fra­gen und Ant­wor­ten ver­öf­fent­li­chen, wird diese Pra­xis ausgehebelt.«

Die Betrof­fe­nen sol­len »ihre Sicht­weise« dar­stel­len dür­fen, aber aus­schließ­lich unter den Bedin­gun­gen, die das recher­chie­rende Medium dik­tiert. Davon träu­men sie noch beim »Stern«, dass sich die­ses Mono­pol und das damit ver­bun­dene Geschäfts­mo­dell auf Dauer auf­recht erhal­ten lässt.

Nach­trag, 14. Novem­ber. Hans-Martin Til­lack ant­wor­tet: Mein Vor­wurf, der »Stern« hätte ein Mono­pol auf Fak­ten ver­langt, sei falsch. Gleich­zei­tig wie­der­holt er aber, dass es not­wen­dig sei, den »Recher­che­pro­zess« schüt­zen zu können.

Armselig

Man ver­zwei­felt ja häu­fig am Publi­kum. Weil es einem so qua­li­täts­ver­ach­tend erscheint, so rät­sel­haft und unver­ständ­lich in sei­nen Konsumentscheidungen.

Aber nicht immer.

In den ver­gan­ge­nen ein­ein­halb Jah­ren haben sich nur zwei Hefte des »Stern« am Kiosk so schlecht ver­kauft wie die Aus­gabe 46/2011. Das erleich­tert mich sehr. Ich weiß noch, wie ich im Super­markt vor dem Heft stand, es fas­sungs­los anstarrte und der Impuls, es als Monu­ment der Schreck­lich­keit kau­fen zu müs­sen, schnell nie­der­ge­run­gen wurde von der Angst, dass mich jemand dabei sehen könnte.

»Es sei denn, es kommt noch etwas hoch«

Was ges­tern mit Domi­ni­que Strauss-Kahn pas­siert ist, hätte eigent­lich gar nicht pas­sie­ren dür­fen. Der »Stern« hatte es in sei­ner erst einen Tag zuvor erschie­ne­nen Aus­gabe quasi aus­drück­lich aus­ge­schlos­sen, dass das pas­sie­ren könnte: dass die Glaub­wür­dig­keit des Zim­mer­mäd­chens, die den ehe­ma­li­gen IWF-Chef der Ver­ge­wal­ti­gung beschul­digt, erschüt­tert würde.

Nafis­sa­tou Diallo, das Zim­mer­mäd­chen, sei eine Frau, »die kleine und große Geheim­nisse hat«, heißt es am Anfang des Arti­kels. Um dann nach vie­len Zei­len die­sen Gedan­ken wie­der auf­zu­neh­men und zu dem Schluss zu kom­men: »Anschei­nend ist kei­nes ihrer Geheim­nisse groß genug, um aus Nafis­sa­tou Diallo eine Lüg­ne­rin zu machen.«

Heute weiß die ganze Welt, dass Nafis­sa­tou Diallo eine Lüg­ne­rin ist. Sie hat zuge­ge­ben, fal­sche Anga­ben gemacht zu haben über das, was sie nach der angeb­li­chen Tat getan hat. Sie hat laut Staats­an­walt­schaft im Zusam­men­hang mit ihrem Asyl­an­trag gelo­gen und dabei sys­te­ma­tisch geübt, über­zeu­gend die Unwahr­heit zu sagen. Und es soll laut »New York Times« einige dubiose Ver­bin­dun­gen, Tele­fo­nate und Geld­zah­lun­gen geben.

Das bedeu­tet nicht, dass sie nicht mög­li­cher­weise tat­säch­lich von Domi­ni­que Strauss-Kahn ver­ge­wal­tigt wurde. Aber es erschüt­tert ihre Glaub­wür­dig­keit, und wenigs­tens die­ser Satz in dem »Stern«-Artikel stimmt: »Ent­schei­dend ist (…) die Glaub­wür­dig­keit der Betei­lig­ten, falls irgend­wann eine Jury über das Schick­sal Strauss-Kahns urtei­len muss.«

Der »Stern« tut so, als sei er die­ser Frau ganz nah gekom­men, eigent­lich bis in ihren Kopf hin­ein. Der Arti­kel beginnt mit den Sätzen:

Hin­ter­her war ihr klar, dass es einen Vor­bo­ten des Unheils gab.

An die­sem Mor­gen, der für Nafis­sa­tou Diallo begann wie so viele in ihrem neuen Leben.

Nicht weit von ihrer Woh­nung in der New Yor­ker Bronx bestieg die Frau aus Gui­nea die U-Bahnlinie 4, die über Hoch­tras­sen und Tun­nel zu ihrem Arbeits­platz nahe der Fifth Ave­nue ruckelte. Der Rhyth­mus des Zuges über­trug sich auf sie. Eine Unruhe, die an die­sem Sams­tag zu ihrer eige­nen passte, wird sie spä­ter einem Ver­trau­ten am Tele­fon erzählen.

Der »Stern« behaup­tet, die Geschichte der Frau zu erzäh­len. Es ist ein Stück vol­ler Mut­ma­ßun­gen und Neben­säch­lich­kei­ten. Zum Bei­spiel über das Restau­rant von Blake Diallo in Har­lem, in dem sich die Frau zuhause fühlte:

Sie aß hier gern Lamm­ra­gout oder frit­tierte Bana­nen. Es gibt viele, die erzäh­len, Blake Diallo sei sehr eng mit Nafis­sa­tou Diallo, einige mei­nen, er sei sogar ihr heim­li­cher Partner. (…)

Der Spei­se­raum mit den fünf Tischen ist gerade mal so groß wie die Küche, in der frit­tier­ter Fisch mit Reis, pikan­tes Hühn­chen und Cous­cous zube­rei­tet wer­den, kein Gericht kos­tet mehr als sie­ben Dol­lar. Es ist Mit­tags­zeit, aber kein Gast sitzt im Lokal. Bahareh Jab­bie schaut einen miss­trau­isch an, seine beleibte Frau Fatima schlurft aus der Küche her­bei, mur­melt etwas, man ver­steht es nicht. (…)

Im Januar zog sie in eine Zwei­zim­mer­woh­nung in einem roten Back­stein­ge­bäude, wenige Blocks vom Base­ball­sta­dion der Yan­kees ent­fernt. Das Wohn­zim­mer stellte sie mit afri­ka­ni­schen Sta­tuen, Web­wa­ren und Pfau­en­fe­dern voll. Dazu Fotos aus ihrer Hei­mat, die sie manch­mal ver­misste, wie eine Nach­ba­rin erzählt, die bei ihr zu Gast war.

Sie betete in einer Moschee in Har­lem, sie kaufte wenige Schritte wei­ter im Futa Mar­ket afri­ka­ni­sche Pro­dukte ein — Blake Dial­los Café liegt gleich auf der ande­ren Stra­ßen­seite. Sie erschien schüch­tern und legte viel Wert auf Diskretion.

Es sind viele bunte Infor­ma­ti­ons­kie­sel, die ver­mut­lich ein Mosaik erge­ben sol­len, aber doch nur Geröll sind, sobald der Kitt weg­fällt, mit dem der »Stern« sie anein­an­der­ge­klebt hat. Er erzählt die Geschichte einer schwer ergründ­li­chen Frau, der trotz­dem kei­nes­falls zuzu­trauen ist, dass sie die Unwahr­heit erzählt. Er beschwört den Kon­trast zwi­schen dem armen macht­lo­sen Opfer und dem rei­chen berühm­ten Täter Mann, erwähnt nur pro forma, dass nie­mand weiß, was tat­säch­lich pas­siert ist, und beschreibt, wie Strauss-Kahn ent­schei­den müsse,

ob er in der zu befürch­ten­den Schlamm­schlacht tat­säch­lich den Ver­such machen soll, das Anse­hen des mut­maß­li­chen Opfers zu zertrümmern.

Die Ant­wort scheint schon in der Frage zu ste­cken, und der »Stern« zitiert am Ende noch einen Straf­ver­tei­di­ger, der davon abrät, »dass die­ser rei­che Mann seine Mil­lio­nen dazu ver­wen­det, diese mit­tel­lose Frau zu diskreditieren«.

Es war dann aber die Staats­an­walt­schaft, die die Wider­sprü­che in den Aus­sa­gen der Frau ent­deckt hat.

Der Arti­kel im »Stern« endet mit der Pro­gnose des angeb­li­chen Exper­ten, dass Strauss-Kahn sich »irgend­wann schul­dig beken­nen und mit der Staats­an­walt­schaft eine Strafe aus­han­deln« werde: »Die Fak­ten­lage ist über­wäl­ti­gend«, sagt er. Strauss-Kahn werde sich »mit dem Gedan­ken abfin­den müs­sen, ein paar Jahre im Gefäng­nis zu ver­brin­gen. Es sei denn, es kommt noch etwas hoch, womit nie­mand rechnet.«

Und der »Stern« fügt hinzu:

Danach sieht es der­zeit nicht aus.

Tja, da ist dann wohl doch noch etwas hoch­ge­kom­men, wonach es sei­ner­zeit nicht aussah.

Ich will gar nicht den Ein­druck erwe­cken, als ob ich es bes­ser gewusst hätte. Aber viel­leicht wäre es, gerade weil man es eben nicht weiß, eine gute Idee, wenn Medien nicht so täten, als wüss­ten sie im vor­aus, wes­sen Glaub­wür­dig­keit fast uner­schüt­ter­lich ist; wer schul­dig ist und wer nicht; wer ver­ur­teilt wird und wer nicht.

Das ist eine so banale Erkennt­nis, nicht erst nach dem Frei­spruch Kachel­manns. Und den­noch scheint es uto­pisch, dass ein Medium wie der »Stern« (oder der »Spie­gel« oder die »Bild«) ihr je gerecht wer­den könnte.

 

siehe auch:

stern.de: Anatomie einer Attrappe (2)

»Ein Stadt­plan auf dem Rücken« beti­telt stern.de den Bericht, dass sich Xavier Nai­doo kei­nen Stadt­plan auf sei­nen Rücken täto­wie­ren las­sen will, aber das ist nicht das Merk­wür­digste daran. Über dem Arti­kel steht das Datum »17. Mai 2011″, aber im Text heißt es:

Wenn [Nai­doo] am 7. Dezem­ber mit sei­ner neuen Sin­gle »Was wir alleine nicht schaf­fen« bei der Ver­lei­hung der Aus­zeich­nung Eins Live Krone 2006 auf­tritt, könnte er bereits die ers­ten Umrisse der Täto­wie­rung präsentieren.

Der Arti­kel ist vier­ein­halb Jahre alt. Am 14. Novem­ber 2006 hatte ihn stern.de erst­mals ver­öf­fent­licht. Pas­send zu einem aktu­el­len Video­in­ter­view mit Xavier Nai­doo holte man ihn aus dem Archiv, gab ihm eine neue Inter­net­adresse und das aktu­elle Datum.

Das hat Methode.

Ein Reuters-Video über die Ver­ur­tei­lung des Haupt­an­ge­klag­ten in einem gro­ßen Missbrauchs-Prozess hat stern.de schon min­des­tens drei­mal ver­öf­fent­licht — jeweils ver­knüpft mit einem aktu­el­len Arti­kel und ver­se­hen mit einem neuen Datum (was in die­sem Fall beson­ders ver­wir­rend ist, weil im Vor­spann die Rede davon ist, dass das Gericht »am Diens­tag« ent­schie­den habe, was jeman­den, der sich auf stern.de dar­über infor­mie­ren wollte, wann das tat­säch­lich war, vor grö­ßere Pro­bleme stel­len würde):



Wenn auf stern.de bei einem Video mit heu­ti­gem Datum steht, dass die Nato »in der ver­gan­ge­nen Nacht« Luft­an­griffe auf Tri­po­lis geflo­gen hat, muss das nicht hei­ßen, dass die Nato in der ver­gan­ge­nen Nacht Luft­an­griffe auf Tri­po­lis geflo­gen hat. Es kann auch sein, dass ein (min­des­tens) zwei Tage altes Video ein­fach umda­tiert und unter neuer Adresse noch ein­mal ver­öf­fent­licht wurde. Wie hier:

stern.de setzt kon­se­quent dar­auf, Text-Beiträge, Videos, Foto-Galerien und Extras zu einem Thema mit­ein­an­der zu ver­knüp­fen. Das ist theo­re­tisch sinn­voll und prak­tisch. In der Form, wie stern.de es tut, ist es grotesk.

Irgend­wann ges­tern muss stern.de eine Foto­ga­le­rie zum Kachelmann-Prozess ver­öf­fent­licht haben. Sie trägt den Namen »Staats­an­walt zitiert ver­trau­li­che SMS« und beginnt mit Fotos vom gest­ri­gen Pro­zess­tag. Spä­ter fol­gen auch Auf­nah­men und Noti­zen von frü­he­ren Pro­zess­ta­gen. Ins­ge­samt sind es aktu­ell 58 Fotos.

Offen­bar wird diese Gale­rie seit dem ers­ten Pro­zess­tag immer wie­der ergänzt. Vor allem aber: Sie wird jedes­mal, wenn stern.de einen neuen Arti­kel ver­öf­fent­licht, zu dem sie inhalt­lich passt, neu ver­öf­fent­licht, mit einer eige­nen Internet-Adresse und dem jewei­li­gen Datum. Ich ver­mute, die fol­gende Auf­lis­tung ist nicht komplett:










Es ergibt sich auch der ver­blüf­fende Effekt, dass stern.de schein­bar schon im März Fotos ver­öf­fent­licht hat, die erst im Mai ent­stan­den. (Mög­li­che Schä­den im Raum-Zeit-Kontinuum glei­chen aber die Videos aus, die sich — wie oben beschrie­ben — auf einen Vor­tag bezie­hen, der bereits Wochen zurück liegt.)

Immer­hin kann ich jetzt die Behaup­tung des Gruner+Jahr-Vermarkters halb­wegs nach­voll­zie­hen, stern.de sei das »bild­stärkste publi­zis­ti­sche Ange­bot im deutsch­spra­chi­gen Inter­net« und ver­öf­fent­li­che »täg­lich rund 600 neue Fotos«. Die zäh­len ein­fach bei jeder Wie­der­ver­öf­fent­li­chung neu.

So simu­liert der »Stern« also ein rich­ti­ges Internet-Angebot, ohne das Geld für ein rich­ti­ges Internet-Angebot aus­ge­ben zu müs­sen. Er kon­zen­triert seine Ener­gien auf das Impor­tie­ren und Umschrei­ben güns­ti­ger Agen­tur­texte. Und er recy­clet seine Inhalte so, dass sie — für den flüch­ti­gen Leser, aber sicher auch für Such­ma­schi­nen — immer wie­der neu erscheinen.

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