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Das „Stern“-Interview als wohldefinierte Methode zur genussreichen Onanie

05 Dez 13
5. Dezember 2013

Dass Leute etwas schaffen, das finden Sie toll, oder?

Ja. Das finde ich toll. Leistung finde ich toll.

Sie sind Kapitalismus pur.

Es ist mir nicht ganz leicht gefallen, mich zu entscheiden, aber ich glaube, das ist dann doch meine Lieblingsstelle. Die Moderatorin Sylvie Meis, bekannt geworden als Sylvie van der Vaart, erzählt dem „Stern“, was sie an ihrer RTL-Show „Let’s Dance“ mag. Dass das „richtiges Entertainment“ sei, „kein Trash“, sondern „tolle Shows, bei denen sich die Leute fragen: ‚Wow, wie schaffen die das?‘“ Und die „Stern“-Interviewer halten ihr dann vor: „Sie sind Kapitalismus pur.“

Darauf muss man erst einmal kommen. Aber die „Stern“-Leute sind noch auf ganz viel anderes gekommen. Man erfährt in diesem Interview nicht so wahnsinnig viel über Sylvie Meis. Aber darüber, wie toll die „Stern“-Interviewer Nora Gantenbrink und Stephan Maus sich und ihre Einfälle finden. Sie sind offenkundig ganz besoffen davon.

Frau Meis, Ihre letzte Chance: Steigen Sie aus. Nie wieder Werbung für Zahnzwischenraumreiniger, nie wieder Tanzshows, nie wieder Paparazzi. Züchten Sie Schafe in Neuseeland.

Nein.

Bienen in Südfrankreich.

Nein.

Ein norwegischer Bauer. Echte Liebe. Ein Fjord. Natur gucken, knarrende Holzkojen.

Nein.

Das wahre Leben, das echte.

Nein.

Oder weiter vorne die Frage:

Es gibt drei ungelöste Rätsel in der Bundesrepublik Deutschland: Wer hat Kohl die Spenden überreicht? Wer saß neben Margot Käßmann, als sie angetrunken Auto fuhr? Und was geschah Silvester 2012 bei den van der Vaarts?

Nun könnte man da natürlich mit viel Wohlwollen annehmen, dass es sich um einen Witz oder gar etwas Ironieähnliches handeln könnte. Dagegen spricht allerdings, dass die „Stern“-Leute die Frage, was Silvester 2012 bei den van der Vaarts passierte, ja damit Sylvie van der Vaart tatsächlich stellen. Deren Antwort lautet übrigens:

Das ist etwas, das wir niemals sagen werden. Das braucht kein Mensch zu fragen. Das ist privat.

Diese Antwort könnte nun Leute überraschen, die die Titelseite des „Stern“ gesehen haben und das dortige Versprechen: „SYLVIE VAN DER VAART — So offen hat sie noch nie gesprochen“. Tatsächlich sollte man als Leser immer stutzig werden, wenn Journalisten nicht mit etwas werben, was jemand gesagt hat, sondern bloß damit, dass jemand etwas gesagt hat. (Andererseits ist es natürlich passend, weil die ganze Berichterstattung über die Van-der-Vaart-Sache im Wesentlichen aus „Bild“-Schlagzeilen wie „Jetzt spricht die Mutter!“ zu bestehen schien.)

Jedenfalls hört sich das Offen-Sprechen von Sylvie Meis im „Stern“ konkret so an:

Ich habe nichts Schlechtes über Rafael und Sabia zu sagen. (…)

Bestimmte private Sachen sollen auch privat bleiben. (…)

Ich habe alles dazu gesagt und werde mich nicht mehr wiederholen.

Und so:

Wie viele Berater schrauben am Image von Sylvie Meis?

Ich habe keinen PR-Berater und auch keine PR-Strategie.

In Ihrem Kopf auch nicht? Da ist doch ein PR-Berater? Zwei?

Jetzt schon zwei?

Mindestens. Sie haben eine ganze PR-Firma im Kopf.

Nein.

Sie sind wirklich so?

Ich habe keine PR-Firma im Kopf.

Und so:

Mattel hat eine Barbie nach Ihnen gestaltet. (…) Ist es nicht peinlich, wenn man Barbie-Vorbild ist?

Selbst Angela Merkel hat eine eigene Barbie. Liz Mohn hat eine eigene Barbie. Ganz viele Powerfrauen haben eine Barbie.

Manche Eltern verbieten ihren Töchtern, mit Barbies zu spielen.

Muss jeder selbst wissen.

Verstehen Sie, warum?

Ich werde nicht eingehen auf Barbie-Diskussionen.

(…) Was ist so schlimm an einer Barbie-Diskussion?

Ich stehe nicht für Barbie.

Sind Sie verletzt, wenn man Sie eine Barbie nennt?

Ob Barbie oder eine andere Marke: Ich bin keine Puppe. Ich bin ein Mensch.

Diese beiden letzten Sätze, ihres Kontextes entkleidet, fand der „Stern“ dann spektakulär genug, um damit die ganze Geschichte zu überschreiben.

Nein, Sylvie Meis sagt nicht viel. Muss sie aber auch nicht. Tun ja ihre Interviewer.

Kann es sein, dass sich die Welt in Ihnen täuscht: Man hält Sie für eine nette, hübsche, etwas einfältige Blondine. Dabei sind Sie eine gerissene Spielerin, die im Krieg um Aufmerksamkeit jede Woche eine Schlacht gewinnt und auf diese Weise Millionen verdient.

Und was muss ich darauf antworten?

Ob das zutrifft?

Nein.

Schön, dass wir drüber geredet haben, wobei mich schon interessieren würde, was die Interviewer dachten, was Frau Meis darauf antworten könnte.

Würden Sie manchmal lieber für Frieden und Freiheit kämpfen, statt zu moderieren?

Nein. Möchten Sie lieber für Frieden und Freiheit kämpfen, statt Artikel zu schreiben?

Würden Sie lieber für Arte arbeiten als für RTL?

Nein.

Hier war ich ein bisschen enttäuscht, dass Frau Meis nicht zurückgefragt hat: „Würden Sie lieber für eine richtige Trash-Zeitschrift arbeiten statt bloß für den ‚Stern‘“, obwohl die Interviewer darauf vermutlich, wenn sie offen gesprochen hätten wie noch nie, geantwortet hätten: „Nein, wir können uns keinen anderen Arbeitsplatz vorstellen, wo man sich auf seine eigenen Interviews so gut einen runterholen kann.“

In diesem Sinne konfrontieren sie die RTL-Moderatorin dann noch mit einem 25 Jahre alten Enzensberger-Zitat:

Der Dichter Hans Magnus Enzensberger schreibt: „Das Fernsehen wird primär als eine wohldefinierte Methode zur genussreichen Gehirnwäsche eingesetzt; es dient der individuellen Hygiene, der Selbstmeditation. Das Nullmedium ist die einzige universelle und massenhaft verbreitete Form der Psychotherapie.“ Hat er recht?

Und fragen schließlich bündig:

Ist Fernsehen böse?

Sie hat darauf leider nicht geantwortet: „Nicht im Vergleich zum ‚Stern‘“, aber immerhin gesagt:

(…) Ich finde es schade, dass man andere Menschen so fertigmacht, nur weil man sich selbst so intelligent findet.

Ich bin mir nicht sicher, ob die Interviewer gemerkt haben, dass das gegen sie ging.

Die Realität lässt sich die Zukunft nicht vom „Stern“ vorschreiben

22 Sep 13
22. September 2013

Beim „Stern“ hatten sie diese Woche eine originelle Idee. Die Titelgeschichte beschreibt, was in den 48 Stunden vor der Schließung der Wahllokale passieren wird.

Wobei, das trifft’s nicht. Genau genommen beschreibt die Titelgeschichte, was in den 48 Stunden vor der Schließung der Wahllokale passiert ist. Der am Donnerstag erschienene Text ist nämlich nicht als Vorschau formuliert, sondern als Reportage. Er schildert nicht Pläne, Absichten und Möglichkeiten, sondern Tatsachen. „Vorabprotokoll“ nennt die Redaktion das.

Die Methode eröffnet dem Journalismus ganz neue Möglichkeiten. Lesen Sie schon am Donnerstag, was am folgenden Freitag passiert ist!

Im Fall der aktuellen „Stern“-Ausgabe liest sich das so:

FREITAG.
18.00 Uhr, München, Odeonsplatz.
Der Anfang vom Ende beginnt mit ohrenbetäubenden Beats, die wie Faustschläge in der Magengrube landen. Mit Taataa, das von ihrer Ankunft kündet. Die Kanzlerin erscheint. Heute an ihrer Seite: Franz Josef II., Horst Seehofer, der Triumphator der Bayernwahl. Es ist Merkels 52. Großkundgebung. 5000 und mehr Leute hören zu. Sie schreitet durch eine Gasse von Menschen, die mit „Angie“-Schildern winken. Die Kanzlerin lächelt, nickt und schüttelt Hände.

(„Beats, die wie Faustschläge in der Magengrube landen“ — auch „Stern“-Reportagen aus der Zukunft beginnen mit den abgegriffensten Sprachbildern aus der Vergangenheit.)

Das kann man natürlich so machen. Allerdings nur um den Preis der Seriösität. Denn es ist ja nicht mangelnder Ehrgeiz, der sonst dazu führt, dass Reportagen von Dingen handeln, die tatsächlich schon passiert sind, sondern der Gedanke, dass es einen Unterschied gibt zwischen Journalismus und Fiktion. Und dass es vielleicht keine gute Idee ist, beide zu mischen, wenn man in Zukunft noch darauf angewiesen sein könnte, dass die Menschen einem vertrauen.

Aber das Konzept des „Stern“ wirft nicht nur medienethische Fragen auf, die man womöglich als akademisch abtun kann. Es ist vor allem kontraproduktiv. Der „Stern“ will beschreiben, wie spannend die letzten Tage des Wahlkampfes werden, und tut das dadurch, dass er zeigt, wie sehr es sich bis ins Detail vorhersagen lässt?

Er weiß und beschreibt, wie Merkel auftreten wird (wie immer), wie Steinbrück auftreten wird (wie immer), wie die Abschlusskundgebung der CDU wird (wie erwartet) und wie die der SPD (wie erwartet).

Das Unerwartete kann in der „Stern“-Reportage nicht passieren, weil es noch nicht passiert ist und weil es unerwartet ist.

18.30 Uhr, München, Odeonsplatz.
Wie immer hat ihr der Moderator zum Aufwärmen ein paar nette Fragen gestellt. Übers Kochen: ja, Rouladen. Übers Autofahren: nur noch auf Waldwegen. (…)

18.45 Uhr, Kassel, Rainer-Dierichs-Platz.

„Noch zwei Tage, und es gibt einen Regierungswechsel. Noch zwei Tage, und Sie sind die los“, sagt Peer Steinbrück. Das sagt er immer.

Gegen die Langeweile helfen ein paar behauptete Details, mit denen die vorher bekannten Termine ausgeschmückt werden:

SAMSTAG
16.45 Uhr, Haan, Neuer Markt.
Steinbrück läuft über die Kirmes, vorbei am Riesenrad Jupiter und dem Skooter Drive In.

(Ich wär so gern dabei gewesen, als sie in der Redaktionskonferenz beim „Stern“ delegierten, wer die Fahrgeschäfte der Kirmes in Haan recherchiert und wer den genauen Fußweg ermittelt, den Steinbrück dort aller Wahrscheinlichkeit nach zurücklegen wird.)

Vorher aber noch an diesem Samstag hat Jürgen Trittin einen besonderen Auftritt in der „Stern“-Zukunfts-Reportage:

14.50 Uhr, Berlin, Flughafen Tegel.
Jürgen Trittin besteigt die Air-Berlin-Maschine AB 6501 nach Köln/Bonn. Am Abend sitzt er bei Stefan Raab. Trittin fühlt sich nicht wohl in seiner Haut, seit Tagen schon. Seit bekannt ist, dass die Göttinger Grünen 1981 im Programm zur Kommunalwahl für straffreien Sex zwischen Erwachsenen und Kindern geworben haben. Er hat das Programm presserechtlich verantwortet. Er weiß, das wird an ihm hängen bleiben. Vier Jahre lang hat er sich akribisch vorbereitet: noch einmal Rot-Grün, mit ihm als Vizekanzler und Finanzminister, das war sein Traum. Sogar Schwarz-Grün, der letzte Ausweg zur Macht, bliebe ihm jetzt versperrt. Das könnte sich Merkel schon aus Anstandsgründen nicht mehr leisten. Nicht mit ihm. Aber niemand sonst könnte die ungeliebte Koalition in seiner Partei durchsetzen. Trittin ist seit über 30 Jahren Vollblutpolitiker. Jetzt kann auch er nur ohnmächtig zuschauen, wie ihm alles entgleitet.

Das ist nun der Gipfel der Anmaßung: Der „Stern“ schaut nicht nur in die Zukunft, sondern auch in einen Menschen hinein. Er behauptet zu wissen, was in Trittin vorgehen wird. (Und stellt nebenbei noch ein paar weitergehende Behauptungen über die Zukunft aus.)

Und so rührig es ist, dass die „Stern“-Leute extra vorab recherchiert hatten, wann Trittin mit welcher Maschine nach Köln fliegt, um bei Stefan Raab zu sitzen, damit es sich so richtig anschaulich liest, so sinnlos ist es. Vor allem …

… weil Trittin gar nicht bei Stefan Raab saß. An seiner Stelle war Katrin Göring-Eckardt da. (Die brisante Frage, ob sie dafür sein Ticket benutzten konnte und die gleiche Maschine nahm, könnten viellicht die Investigativprofis vom „Stern“ recherchieren. Wenn sie aus der Zukunft zurück sind.)

Die Realität fühlt sich nicht an das „Vorabprotokoll“ des „Stern“ gebunden. Ich halte das für eine gute Nachricht.

Die spannende Reportage endet übrigens am Sonntagabend:

17.59 Uhr, Berlin-Mitte, Wilhelmstraße.

Jörg Schönenborn wischt jetzt auf seinem Touchscreen zwei Grafiken ins Bild. Er hat die Digitaluhr im Blick, auf der die letzten Sekunden bis 18 Uhr leuchten. Schönenborn holt noch mal Luft und beginnt: „Jetzt in der Prognose von infratest dimap für die ARD: CDU/CSU …“

Die unglaubliche Titelstory mit einem verrückten Flugzeug

28 Aug 13
28. August 2013

— ein Gastbeitrag von Andreas Spaeth

Letzte Woche kam ich an einem Kiosk vorbei und war irritiert, als ich das Titelbild des aktuellen „Stern“-Magazins sah: Eine namenlose, aber anhand der 1974 eingeführten Bemalung eindeutig als TWA identifizierbare Boeing 747–100 mit nur drei Fenstern pro Seite im Oberdeck schwebt über Photoshop-generiertem Abendhimmel. „Eingecheckt und abgezockt“ lautet dazu die Titelzeile. Bei genauerem Hinsehen entpuppt sich das als fünfter Teil der Serie „Jetzt mal ehrlich!“, einem „Branchencheck“, der schon mit einer unglaublich dämlichen Geschichte über Optiker anfing.

Aber was haben „die Tricksereien der Airlines“, die der Titel zu enthüllen verspricht, mit rund 40 Jahre alten Flugzeug-Veteranen zu tun? Noch dazu mit einem Typ, der durch den Absturz von TWA 800 im Juli 1996 vor New York zu notorischer Berühmtheit gelangte? Ich habe bei den Unfalluntersuchern auf Long Island in den rekonstruierten Trümmern gestanden später, das war gespenstisch.

Der „Stern“-Chefredakteur ist von seiner einfallsreichen Titelgrafik sogar so begeistert, dass er uns auf der Innenseite fünf weitere Entwürfe für diesen Aufmacher präsentiert — die alles noch schlimmer machen und die Ahnungslosigkeit der Redaktion gleichwohl treffend orchestrieren.

Gleich zweimal ist die dort die MD-11 als Blickfang zu sehen, die heute fast nur noch als Frachter fliegt — also mit Einchecken und Abzocken von Passagieren nur wenig zu tun haben kann. „Das Flugzeug sieht ziemlich bedrohlich aus“, beschreiben die Grafiker den Frontalblick auf den Dreistrahler vor düsterem Himmel.

Geradezu absurd ist ein anderer Entwurf, der nur Nase und Leitwerk einer historischen JAL-MD-11 zeigt, die Tür vorn links steht offen, rechts sieht man eine Gangway. Und zu dieser offensichtlich am Boden stehenden MD-11 lautet die Titelzeile: „Abgehoben!“ Seit wann aber hat ein Flugzeug mit offener Tür und herangefahrener Gangway abgehoben? Dabei gibt es doch spektakuläre Bilder von rotierenden MD-11, wenn es die schon sein soll.

Eigentlich hübsch dann der Einfall einer Spucktüte mit der Aufschrift „Zum Kotzen: Wie uns Airlines abzocken.“ Dazu bescheinigen sich die „Stern“-Grafiker gönnerhaft selbst: „Originelle Idee, aber ekelig, wenn man sich die Details ausmalt.“ Ich würde die Details eher bizarr nennen: Auf der Tüte schwebt nämlich eine knallgelbe Boeing 727 (!), deren Livery verdächtig an die frühere Hapag Lloyd Express (HLX) erinnert. Irgendwo beim „Stern“ muss ein Fan alter Flugzeuge sitzen, nur leider hat ein Veteran wie die 727 mit dem Titelthema auch wenig zu tun.

Die eigentliche Story „Ärger im Anflug“ ist dann ziemlich dünn zusammengestrickt aus immer wieder gern gelesenen Chaos-Erlebnissen anderer Reisender, die jeder so oder anders kennt aus dem Bekanntenkreis oder Internetforen, und gaanz viel Nutzwert. Da werden dann tolle „Tricks“ verraten wie „Überprüfen Sie die Flugdaten!“ oder: „Schauen Sie lieber nach, wie Sie heißen“. Wow, dafür haben sich die 3,70 Euro für das Heft echt gelohnt.

Dafür bekommt der Leser dann auch noch knallharte Analysen über den aktuellen Zustand der Passagierluftfahrt geliefert: „Nach gut 100 Jahren ist [sie] … wieder dort, wo sie mal angefangen hat: Unpünktlich und unzuverlässig — nur ohne den Glanz vergangener Tage, als auf den ersten Transatlantikflügen noch am festlichen Esstisch gespeist wurde.“ Ach ja? Also Charles Lindbergh überlebte 1927 bei der ersten Atlantiküberquerung mit ein paar Sandwiches, aber ohne Esstisch. Die gedeckte Tafel gab es über den Großen Teich zunächst nur kurz, zwischen dem ersten Transatlantik-Linienflug der Pan Am mit dem Boeing 314-Flugboot 1939 und dem Ausbruch des zweiten Weltkriegs. Aber das weiß der „Stern“ nicht.

Ich ärgere mich auch gerade über die Unzulänglichkeiten und Zumutungen heutiger Airlines, etwa darüber, wie Air Berlin Fluggäste behandelt, deren Koffer während des Fluges beschädigt wurde. Aber dem kommt man nicht mit billigen Plattheiten bei, die das Magazin als „Ratgeber für Reisende“ verkauft.

„Warum muss Berichterstattung über Luftfahrt immer so voller Fehler sein?“, fragte neulich zu Recht ein User an dieser Stelle. Das frage ich mich auch oft. Journalisten, das muss man leider sagen, sind heute fast immer Generalisten, die von allem ein bisschen, aber von kaum etwas richtig Ahnung haben. Verleger und Sender fördern das auch noch, indem sie immer geringere Honorare zahlen, Stellen und Sendeplätze bzw. Seiten streichen und nur noch billigen „Content“ suchen.

Aber es gibt auch Ausnahmen. So lief am Montagabend dieser Woche im NDR-Fernsehen ein Film über Billigflieger, der positiv überraschte. Der Autor, der auch mich interviewte (wovon vielleicht zu Recht nicht viel übrig blieb), hatte nach eigener Aussage wenig Ahnung vom Thema. Einiges Überflüssige in dem Film ist dem Format geschuldet, aber wie er unaufgeregt und mit guten Zeugen dem Verdacht des Spritsparens bei Ryanair nachgeht, ohne Schaum vor dem Mund und ohne Schaumschlägerei wie der „Stern“, hat mir gefallen.

Andreas Spaeth ist Fachjournalist für Luftfahrt-Themen. Seine Kolumne „Spaethfolge“ erscheint immer mittwochs auf airliners.de. Hier veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Bräsig und verlogen: Die Tricks des „Stern“

01 Aug 13
1. August 2013

Eigentlich wollte ich mich nur ein bisschen über die „Stern“-Titelgeschichte von vergangener Woche mokieren und die Frage stellen, ob sie darauf hindeutet, dass die Illustrierte sich aufgegeben hat — oder doch nur ihre Leser.

Die Zeitschrift, die in den vergangenen Monaten deutlich Abo– und Kiosk-Käufern verloren hat, machte mit einer beschlagenen Brille und der Schlagzeile „Die Tricks der Optiker“ auf. (Achtung, Spoiler: Die versuchen gerne mal, unnötige Zusatzleistungen zu verkaufen, und machen Superschnäppchen-Angebote, die in Wahrheit teurer sind. Ja, echt.)

Ein Button wies darauf hin, dass es sich um den Auftakt einer Serie handelt, mit der der „Stern“ auf die „Check“-Welle aufspringt. Der brisante Titel: „JETZT MAL EHRLICH!“

Eigentlich wollte ich mich bloß über die sensationelle Bräsigkeit dieses ganzen Arrangements lustig machen, die mit dem Titel anfängt und bei den Worten nicht endet, die neben dem Autorenbild unter der Geschichte stehen:

Ein schöner Lernerfolg: Während der Recherche zu dieser Geschichte erstand Silke Gronwald drei Brillen. Am besten sitzt die, die sie am Schluss gekauft hat.

Mit der Schwafeligkeit eines Erzählers, der davon ausgeht, dass sein Publikum in diesem Jahr eh nichts mehr vorhat, wird dazwischen alles erzählt, was man immer schon über Brillen fragen wollte, aber nicht zu wissen wagte.

Lady Gaga trage eine Brille. Heute sei die Brille ein Fashion-Statement. Die Brille entscheide sogar über den Verlauf von Politiker-Karrieren: „Als sich etwa Außenminister Guido Westerwelle 2011 von seinem randlosen Modell lossagte und stattdessen eine Fassung mit Kontur wählte, galt dies als Beleg für die neue Ernsthaftigkeit des einstigen Spaßpolitikers.“ Das halte ich vom zeitlichen Zusammenhang für eindeutig falsch, es spricht jedenfalls nicht für die Brille: Im selben Jahr musste Westerwelle sein Amt als FDP-Vorsitzender aufgeben.

Ein Thomas Truckenbrod vom Zentralverband der Augenoptiker (ZVA) hat einen spektakulären Gastauftritt in der Mitte des Textes, um ausschließlich den offenbar ihm persönlich am Herzen liegenden Satz zu sagen: „Die zehn größten deutschen Ketten erzielten 2012 fast 40 Prozent des Gesamtumsatzes.“

Zwischendurch wird der Artikel zu einer drögen Stadtführung: „Beginnen wir mit einem kleinen Bummel durch die Optikerläden vor Ort“, steht — keineswegs am Anfang des Textes.

Wenn Sie mir versprechen, dass Sie, wenn Sie wieder aufgewacht sind, diesen Blog-Eintrag weiterlesen, verrate ich Ihnen, wie packend diese Titelgeschichte anfängt:

Wann haben Sie zum letzten Mal ein Pfund Kaffee gekauft? Und wie viel haben Sie dafür bezahlt? Wahrscheinlich um die fünf Euro — wenn es ein Sonderangebot war, vielleicht auch nur vier. Und was glauben Sie, wie viel ihr Lebensmittelhändler daran verdient hat? Rund fünf Prozent, also etwa 20 Cent.

Jetzt zum Vergleich: Wissen Sie noch, wie teuer Ihre Brille war? Vermutlich lag der Preis bei etwa 400 Euro. So viel gaben die Deutschen im vergangenen Jahr im Schnitt beim Fachhandel für ihre Sehhilfen aus.

Und wie viel, glauben Sie, sind davon in den Taschen Ihres Optikers gelandet? Über 260 Euro. Zum Nachrechnen:

Bei einem Einkaufspreis von 133 Euro ist das ein Plus von sagenhaften 200 Prozent. Manche Optiker verkaufen gerade mal eine Brille am Tag, eine einzige. Und überleben.

Wie kann das sein? Warum kostet ein einfaches Stück Plastik mit zwei runden Kunststoffpresslingen drin mehr als eine Digitalkamera? Warum ist die Optiker-Gilde eine der letzten Branchen im Einzelhandel, in der es keine öffentlich zugänglichen Preislisten gibt? Und wie kommt es, dass ausgerechnet hiezzzzzzzzzzzzzzz

HEY!

Das jedenfalls wollte ich aufschreiben. Ich wollte fragen, für wie blöd der „Stern“ seine Leser hält. Also, nicht als rhetorische Frage, sondern wirklich. Wenn er ihnen etwa erklärt, dass es sich beim Brillenkauf lohnt, Preise zu vergleichen.

(Weiter vorne im Heft haben sie mit einem Experten vom ADAC gesprochen, der den „Stern“-Lesern auf einer halben Seite und samt Zeichnung auf der Serviette erklärt, wie man günstig tankt. Lösung: Indem man tankt, wenn es billig ist. Und vielleicht nicht auf Autobahnen. Und besser bei Freien Tankstellen. Lesen Sie im nächsten „Stern“: Warum man besser in den Urlaub kommt, wenn man Staus vermeidet. Und: Wie man an das schmackhafte Innere einer Banane gelangt.)

Also, über all das wollte ich mich mokieren. Aber dann habe ich bei einem Blick ins neue Heft noch etwas anderes entdeckt: Mit welchen Tricks der „Stern“ seinen Lesern vortäuscht, für seriös gehalten zu werden.

Im neuen Heft druckt das Blatt vier Leserbriefe zu der Optiker-Geschichte ab: Einen positiven groß, drei negative klein. Es wirkt, als würde der „Stern“ offensiv mit der Kritik an der Geschichte umgehen, die anscheinend — natürlich — vor allem von den Angegriffenen kam. Unter der Zeile „Es stand im ‚Stern‘“ schreibt die Redaktion:

Eine Zunft in Aufruhr: Zahlreiche Optiker äußerten per Facebook, Mail, Brief oder Telefon [Anm. von mir: die haben wirklich zuviel Platz in dieser Zeitschrift] ihre Empörung über das Bild, das der stern von ihrer Branche zeichnete. Der Zentralverband der Augenoptiker schrieb uns: „Mit Ihrer Titelstory verunglimpfen Sie pauschal einen ganzen Berufsstand.“ Vorwürfen, der Artikel sei schlecht recherchiert, schloss sich der ZVA jedoch nicht an.

Ach. Nicht?

In Wahrheit widersprach der ZVA in einer Pressemitteilung mehreren Behauptungen des Artikels, sprach vom „berechtigterweise negativen Feedback der Augenoptiker“ und nannte es „extrem bedenklich“, dass „der ‚stern‘-Ressortleiter im RTL-Fernsehen Tipps und ‚fachmännische‘ Ratschläge zum Brillenkauf gibt“. Und weiter:

Es wird nicht der letzte Artikel dieser Art gewesen sein, nicht in der Augenoptik und über die nun sechs folgenden Brachen-Checks im erwähnten Magazin hinaus. Sieben Wochen lang, das hört sich dann irgendwie doch stark nach einem Sommerloch an, vielleicht erklärt sich auch auf diese Weise die lange Recherche, die von den Augenoptikern — und ziemlich sicher auch von vielen deren Kunden — als besonders schlecht empfunden wird.

Das ist sprachlich zwar mittelschwer verunglückt, aber ich würde aus diesen Sätzen sehr wohl lesen, dass der ZVA dem „Stern“ vorwirft, schlecht recherchiert zu haben.

Und dann ist da noch Wolfgang Hirt, der Sachverständige für das Augenoptiker-Handwerk, den der „Stern“ im Artikel als eine Art Kronzeuge zu Wort kommen lässt, um vor den Tricks der Optiker zu warnen. Er hat sich schon am Tag des Erscheinens der Ausgabe in drastischen Worten öffentlich gegen den „Stern“ gewandt. Er schreibt:

Ich distanziere mich mit Nachdruck von diesen Darlegungen und glauben Sie bitte nicht, daß dieser Artikel in grundlegenden Dingen dem Wissensstand eines vereidigten Sachverständigen — auch nur im Ansatz — entsprechen würde.

Die getätigten Aussagen sind fachlich in überwiegender Mehrheit falsch und entsprechen auch nicht meiner Ansicht.

Die Nennung meiner Person (des vereidigten Sachverständigen) erweckt beim Leser den Eindruck, daß ich den Aussagen der Autorin inhaltlich zustimmen würde oder zugestimmt hätte. Das ist grundsätzlich falsch.

Auf insgesamt acht Seiten „entzieht“ er nach eigenen Worten den „Darstellungen im Artikel des Stern die Grundlage“, bezeichnet dessen „Tipps“ als „Humbug aus Hamburg“, nennt einzelne Darstellungen „grob falsch“ und bestreitet die Kernaussage des Textes, dass es am „Willen der Augenoptiker-Branche mangelt, Transparenz zu schaffen“.

Dass dieser Sachverständige, der im Artikel selbst eine größere Rolle spielte, sich in deutlichsten Worten von dem Text distanziert und ihm in zahlreichen Punkten sachliche Fehler vorwirft, erfährt der „Stern“-Leser: nicht. Irgendwie schien das der Redaktion keine Information, die relevant genug war, um sie unter der Rubrik „Echo“ zu erwähnen. Die sah ja so auch wirklich selbstkritisch genug aus, ohne dass es nun ernsthaft wehtun müsste.

(Scheinbar hatte die Autorin des Stücks schon am Freitag vergangener Woche auf stern.de eine „Antwort“ auf die Kritik der Optiker an ihrem Stück verfasst. Tatsächlich war darin aber weder konkrete Kritik erwähnt, noch wurde auf sie geantwortet. Stattdessen erzählte die Verfasserin, dass sie „nicht durch Einkaufsstraßen gehen will, wo sich eine H&M-, Zara-, Media-Markt und Kaufhof-Filiale an die andere reiht“, was auch immer das mit irgendwas zu tun hat.)

Das sind also, jetzt mal ehrlich!, die Tricks des „Stern“.

Unter der „Es stand im Stern“-Rubrik zur Optiker-Geschichte im neuen Heft heißt es übrigens noch:

In den weiteren Folgen der Serie „Jetzt mal ehrlich“ wird sich die Redaktion mit der gleichen Gründlichkeit andere Branchen vornehmen.

Mit der „gleichen Gründlichkeit“, das steht da wirklich. Gut, da verspricht man den Leuten wenigstens nichts.

Lichtgestalten, die uns mit Prothesen wärmen: Der „Stern“ malt sich den Fall Pistorius aus

27 Feb 13
27. Februar 2013

Mein vorläufiger Lieblingssatz des Jahres stand vergangene Woche im „Stern“ und lautet so:

Eine überraschende Wendung scheint bislang nicht in Sicht.

Der Satz hat nicht nur dieses irre innere Flirren — denn wenn es überhaupt etwas gibt, das man mit Sicherheit von überraschenden Wendungen sagen kann, dann doch, dass sie sich nicht vorher ankündigen.

Der Satz schillert noch schöner, wenn man seinen Kontext kennt. Er steht nämlich am Ende eines Artikels über den südamerafrikanischen Sportstar Oscar Pistorius, der seine Freundin Reeva Steenkamp erschossen hat. Am Donnerstag, als der „Stern“ erschien, gab es die überraschende Wendung, dass der Hauptermittler vom Fall abgezogen wurde, weil gegen ihn wegen versuchten Mordes ermittelt wurde. Schon am Tag zuvor, als der „Stern“ in Druck war, musste die Polizei überraschend einräumen, dass sie keine Beweise habe, die die Pistorius‘ Aussage widerlegen, er habe Steenkamp versehentlich erschossen. Und am Freitag kam Pistorius überraschend gegen Kaution frei.

Das lässt den „Stern“ nicht nur alt aussehen. Es lässt ihn schlecht aussehen.

Denn die ganze große Geschichte beruht auf der Annahme, dass Pistorius seine Freundin absichtlich umgebracht hat. Natürlich weiß auch der „Stern“, dass er das gar nicht weiß und benutzt deshalb immer wieder Wörter wie „mutmaßlich“. Aber das hindert ihn nicht, all die Schlussfolgerungen zu ziehen und Interpretationen zu wagen, die man ziehen und wagen würde, wenn man wüsste, dass Pistorius der Typ Mann ist, der aus Eifersucht seine Freundin umbringt.

Und die man nur ziehen und wagen kann, wenn man als journalistisches Medium der Meinung ist, dass man spätestens fünf Tage nach einer Tat alles weiß, was man wissen muss, um zu einem abschließenden Urteil zu kommen, denn was soll danach noch Überraschendes herauskommen?

Das Elend beginnt schon im Editorial, in dem „Stern“-Chefredakteur Thomas Osterkorn die Frage stellt:

Wie kann ein gefeiertes Idol sich zu einer solchen Tat hinreißen lassen?

Gegenfrage: Was für eine Tat genau?

Ein paar Stunden klammerten sich seine südafrikanischen Landsleute an die Hoffnung, es könne ein tragisches Versehen gewesen sein.

Doch mittlerweile deutet nur noch wenig auf einen Unfall hin.

„Mittlerweile“ hier im Sinne von „zwischenzeitlich am vergangenen Dienstag“.

stern-Reporter Marc Goergen, ehemals stern-Korrespondent in Südafrika, machte sich mit dem Fotografen Per-Anders Pettersson sofort auf den Weg nach Pretoria, um Antworten zu finden. Sie sprachen mit Freunden von Täter und Opfer, mit den Ermittlern und recherchierten im Umfeld von Pistorius‘ Haus.

Die Art von großer Recherche also, die sich kaum noch jemand leisten kann. Qualitätsjournalismus.

Auf dem Cover ist die Geschichte mit der Zeile „Oscar Pistorius unter Mordverdacht: Exklusive Fotos“ angekündigt. Das fand man offenbar nicht obszön.

Goergen fängt sein Stück an wie ein Krimi:

Ein Mann, so muss man es sich nach durchgesickerten Polizei-Informationen vorstellen, trägt seine schwer verletzte Freundin die Treppe herunter. Er hält sie in beiden Armen. Sie trägt nur ein Nachthemd. Sie röchelt.

Ihre Arme und ihr Kopf baumeln leblos am Körper. Blut rinnt aus Wunden am Kopf, an der Hand, an der Hüfte. Es tropft auf den schwarzen Marmor der Treppe.

Wir lesen noch einmal, was uns Osterkorn schon erzählt hat:

Ein paar Stunden lang hält sich zunächst noch die Erklärung, Pistorius habe die Frau für einen Einbrecher gehalten, doch mit jeder weiteren Zeugenaussage, jeder weiteren Spur erscheint diese Version unwahrscheinlicher. Reeva Steenkamp, so die Ermittler, wurde mit vier Kugeln aus einer halbautomatischen Taurus, Kaliber neun Millimeter, getötet. Der Waffe von Oscar Pistorius.

Es ist ein Drama, das einen genauso erschüttert wie ratlos zurücklässt: Wie kann ein bewundertes Idol sich zu einer solchen Tat hinreißen lassen?

Es folgt eine weitere Frage, die womöglich mein zweitliebster Satz des Jahres ist:

Hat uns die Lichtgestalt mit den Karbonprothesen nicht nur gewärmt, sondern auch geblendet?

Beim dritten Lesen habe ich zwar gemerkt, dass die Karbonprothesen gar nicht das Dativ-Objekt instrumentale Adverbial des Satzes sein sollen und uns insofern auch weder gewärmt noch geblendet haben, aber der schönen Schiefe des Bildes nahm das nur wenig.

Der „Stern“-Reporter erklärt dann, dass viele Sportstars das Gefühl hätten, sich alles erlauben zu können, und zählt die „ziemlich lange Liste gefallener Sportstars“ auf: Mike Tyson (Vergewaltigung) O. J. Simpson (Verdacht des Mordes an seiner Frau), Tiger Woods („billiger Ringelpiez mit gleich Dutzenden Bardamen und Groupies“), Magic Johnson (HIV-positiv mit über 1000 Frauen geschlafen), Kobe Bryant (Vorwurf der Vergewaltigung).

Und Oscar Pistorius?

Auch Oscar Pistorius muss es kennen, dieses Gefühl, dass einem die Welt zu Füßen liegt.

(sic!)

Nun ist der „Stern“ aber natürlich nicht auf eine psychologische Ferndiagnose angewiesen, sondern selbst nach Südafrika geflogen, um zu recherchieren. Das hier sind die Ergebnisse:

Wen immer man nach Treffen mit Oscar Pistorius befragt, jeder betont dessen Höflichkeit. Er halte Frauen die Tür auf. Er wisse zuzuhören. Er setze sich nicht zu Tisch, bevor sein Gast Platz genommen habe. (…)

Auch Freundinnen von Reeva Steenkamp können sich nicht erinnern, dass die Erschossene jemals Andeutungen über Gewalt gemacht habe.

Der „Stern“-Reporter hat vor Ort sogar eine Freundin von Steenkamp aufgetan, die sie richtig lange kannte und sich zitieren ließ: Mirriam Ngomani. Das kleine Foto von ihr, wie sie mit irgendwem anders vor dem Fernseher sitzt und eine Sendung mit ihrer erschossenen Freundin sieht, muss auch eines der „exklusiven Fotos“ sein, die der „Stern“ auf dem Titel ankündigte, zusammen mit zwei nichtssagenden briefmarkengroßen Aufnahmen von Pistorius‘ Geschwistern vor dem Polizeirevier.

Jedenfalls:

Mirriam Ngomani kannte Steenkamp seit mehr als zehn Jahren. Sie arbeiteten für dieselbe Model-Agentur und wurden Freundinnen. Am Wochenende vor den tödlichen Schüssen waren sie noch gemeinsam auf einer Party. „Reeva hat niemals Probleme mit Oscar erwähnt. Überhaupt hat sie nicht viel über ihn gesprochen“, sagt die Freundin.

Schön, dass man das einmal dokumentiert sieht.

„Aber das war wohl, weil er so bekannt war und sie keine Gerüchte über ihn streuen wollte.“ Ngomani traf die beiden ein paarmal gemeinsam, aber auch sie hat keine düsteren Vorzeichen bemerkt. „Oscar war nett und höflich. Das war’s.“

Oder eben nicht.

Oder eben nicht. Da sind diese Mosaiksteinchen. Jedes für sich unscheinbar, doch im Licht des mutmaßlichen Mordes betrachtet …

Dies wäre vermutlich der winzige Moment gewesen, in dem der „Stern“ die Realität, die wild winkend und gestikulierend vor seinem Redaktionsgebäude stand, hätte wahrnehmen können: Wir wissen nicht, ob Pistorius wirklich einen Mord begangen hat. Wir wissen viele unscheinbare Details, denen wir eigentlich keine große Bedeutung beimessen würden. Wir schreiben ihnen nur eine Bedeutung zu, weil wir wissen, dass der Mann ein Mörder ist, was an sich schon zweifelhaft genug wäre, in diesem Fall aber noch dadurch verschärft wird, dass wir genau das nicht wissen.

Aber der „Stern“ merkte nichts und hielt nicht inne.

… doch im Licht des mutmaßlichen Mordes betrachtet, ergeben sie das Bild eines anderen Oscar Pistorius: eines Adrenalin– Junkies, der das Leben bis zum Letzten ausreizt. Pistorius besitzt mehrere Sportwagen, mit denen er gern mit 250 Stundenkilometern über die Highways bretterte. 2009 raste er mit einem Speedboat in einen Pier hinein und knallte mit dem Kopf aufs Steuer. (…)

Manchmal wirkte es, als ob ein wildes Kind im 26-Jährigen steckte.

Die Frauen an seiner Seite wechselten häufig; er sei der ultimative Playboy, gab eine Ex der Klatschpresse zu Protokoll. Eines seiner Tattoos, den Bibelvers „Ich laufe nicht wie einer, der ziellos läuft“, ließ er sich nachts um zwei spontan in einer puerto-ricanischen Kaschemme in New York in die Schulter stechen. Dann wieder schaffte er sich zwei weiße Tiger an, bis die ihm zu groß wurden und er sie abgeben musste.

Klar, dass so einer ein Mörder wird, wenn er zum Mörder wird. Auch wenn er total höflich den Frauen die Tür aufhält.

Erstaunlicherweise bleiben auch für den „Stern“-Reporter ein paar Fragen offen:

Was also ist in Pistorius gefahren?

War es Eifersucht? Waren es Drogen, Alkohol, Steroide, die bei ihm offenbar gefunden wurden?

Ah, höm. Kleine „überraschende Wendung“: Es wurden keine Steroide bei Pistorius gefunden. Das Mittel, das ursprünglich für ein Testosteronpräparat gehalten wurde, entpuppte sich inzwischen als Potenzmittel auf der Basis von Tierherzen und –hoden sowie Heilpflanzen und Vitaminen.

Weiter im „Stern“:

Was war da los im Haus in der Bushwillowstraat? Informationen aus Ermittlerkreisen legen nahe:

(…) Gegen 1.30 Uhr in der Nacht hörten Nachbarn Lärm und beschwerten sich beim Sicherheitsdienst der Anlage. Um 3.20 Uhr dann die Schüsse. Offenbar, so eine Version aus Polizeikreisen, schoss Pistorius im Schlafzimmer das erste Mal auf Reeva Steenkamp.

Wäre das nicht eine gute Gelegenheit, in den Konjunktiv zu wechseln? Nein:

Die Kugel traf sie in die Hüfte. Sie schleppte sich ins angrenzende Bad und verriegelte die Tür. Pistorius feuerte dreimal durchs Holz und traf Steenkamp in Kopf, Arm und Hand. Dann rief er seinen Vater an. Der erreichte gemeinsam mit Pistorius‘ Schwester gegen halb vier das Haus — als sein Sohn gerade die sterbende Reeva Steenkamp die Treppe heruntertrug. Einer anderen Version zufolge fielen alle Schüsse durch die Badezimmertür.

Der „Stern“-Artikel endet so:

Das Bett war auf beiden Seiten benutzt. Sowohl Pistorius wie auch Steenkamp hatten offenbar vor der Tat darin geschlafen. Es ist der Moment, in dem der Krimi beginnt — und das Märchen des Oscar Pistorius wohl endet. Eine überraschende Wendung scheint bislang nicht in Sicht. Man kann sich diesen Moment in all seiner Grausamkeit ausmalen. Die Schreie und Schüsse, das splitternde Holz der Tür, das Blut, die Szenen im Schlafzimmer, im Badezimmer, auf der Treppe.

Wirklich begreifen kann man ihn beim besten Willen nicht.

Jaha, „ausmalen“ kann man sich echt viel. Man bräuchte dafür sogar vermutlich keinen „Stern“-Reporter, der eigens samt Fotograf nach Südafrika fliegt, um es für einen zu tun.

PS: Die Konkurrenz von der „Bunten“ fand schon ein Fragezeichen hinter ihrer Schlagzeile zuviel der Seriosität. Da weiß man wenigstens, was man hat. Und vor allem: was nicht.