Tag Archive for: Stern

Der neue „‚Netflix‘-Journalismus“ des „Stern“

19 Jun 15
19. Juni 2015

Die neue Gestaltung des Angebots und die neue Technik stärken das redaktionelle Profil von stern online. Wir wählen weiterhin aus der gesamten Themenbreite der stern-Welt aus, konzentrieren uns jedoch auf das Thema des Tages und beleuchten dieses in mehreren Artikeln von allen Seiten; eine Art „Netflix“-Journalismus, bei dem Sie seriell informiert werden.

(„Alles neu bei stern online“)

Tatsache:

Waterboarding für den gemeingefährlichen Irren! Deutsche Journalisten über Claus Weselsky

26 Mai 15
26. Mai 2015

Böser noch als Yanis Varoufakis ist natürlich Claus Weselsky. Mein Kollege Tobias Rüther hat für die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ Wortmeldungen deutscher Journalisten über den GDL-Chef gesammelt. Es ist ein beeindruckendes Dokument, das man vielleicht auch bei der nächsten Diskussion hervorholen könnte, in der sich Journalisten darüber beklagen, was für ein schlimmer, unsachlicher Pöbelton im Internet herrscht. Es bestärkt den Verdacht, dass das eigentliche Problem, das viele Journalisten mit sogenannten Shitstorms haben, darin besteht, dass sie das Monopol darauf verloren haben.

Eine kleine Auswahl:

Irrlichternd bewegt sich Claus Weselsky durch die Welt, die für ihn eine Bühne ist — bei seinen öffentlichen Auftritten immer mehr ähnelnd jenem „großen Diktator“ aus Charlie Chaplins Schwarzweißfilm — und riesigem Erfolg aus dem Jahre 1940. Irgendwie zum Lachen, aber bitter, sehr bitter. Verwurzelt ist der Chef der Loklenkergewerkschaft GDL natürlich nicht in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, sondern eher in den östlichen sechziger oder siebziger Jahren desselben. Was es damals an Streikrecht in der DDR nicht gab (brauchte ja auch keiner im Arbeiterparadies), will der Dresdner nun mit Gewalt nachholen. Wozu hat er all die politischen Seminare gemacht und die Kampfkraft der proletarischen Massen studiert? Da müsste doch nun im Westen mal mindestens der Ehrentitel des Größten Lokführers aller Zeiten herausspringen.

Reinhard Schlieker, ZDF, in seiner Kolumne für „Börse am Sonntag“.
 

#Weselsky ist die ideale Kombination aus SED-Borniertheit und DGB-Hochmut. So findet im 25. Jahr der Einheit zusammen, was zusammengehört

Jan Fleischhauer („Spiegel“) auf Twitter.
 

Würde den Herrn Weselsky ja gerne mal einem Waterboarding unterziehen — allerdings: Bei diesen Zugtoiletten …

Günter Klein („Münchner Merkur“) auf Twitter.
 

Seit 90 Minuten aufm Heimweg. Um es auf den Punkt zu bringen: dem #Weselsky haben sie ins Hirn geschi…!

Florian Witte („Bild“) auf Twitter.
 

Ich sag’s ja nur ungern. Aber dem wahnsinnigen Weselsky sind jetzt alle Sicherungen durchgebrannt. Wer stoppt den gemeingefährlichen Irren?

Christian Deutschländer („Münchner Merkur“) auf Twitter.
 

Der Mann hat es geschafft, innerhalb weniger Monate einen Sympathiewert zu erreichen, der irgendwo zwischen Darth Vader und dem griechischen Finanzminister pendelt. Sollte seine Mission sein, als unbeliebtester Deutscher des neuen Jahrtausends prämiert zu werden, kommt der Mann mit dem sächsischen Dialekt gut voran. Es steckt eben eine Menge Esel in Weselsky. Ich wünsche ihm, dass er bald abgesetzt wird und nur noch daheim mit seiner Lego-Lok Streik spielen kann.

Jürgen Schwandt in der „Hamburger Morgenpost“.
 

Die Geißel des Landes (#GDL) schlägt heute wieder zu. Wer stoppt den Terror des Kommandos Claus #Weselsky? #Bahnstreik

Franz W. Rother („Wirtschaftswoche“) auf Twitter.
 

GDL-Chef Claus Weselsky ist nicht einfach nur der Buhmann. Der Mann hat ein psychologisches Problem. Er braucht Hilfe.

Christoph Rottwilm online im „Manager Magazin“.
 

Claus Weselsky, man muss das leider so krass sagen, führt sich auch im reichlich gesetzten Alter von 55 Jahren nicht wesentlich anders auf als das kleine Arschloch der großen Pause, dem es irgendwann gleichgültig zu sein scheint, dass ihn keiner mag. Er legt es regelrecht darauf an, zur Hassfigur Nummer eins der Republik zu werden. Mister 109 Stunden. Der Mann, der für seine Ziele die Republik stillstehen lässt. So etwas maßt sich sonst keiner an. Wahrscheinlich empfindet sich Weselsky als so etwas wie ein Freiheitskämpfer. Aber das tun die Salafisten auch.

Andreas Hoidn-Borchers auf stern.de.

Der Katastrophentext über James Franco

von Boris Rosenkranz
24 Feb 15
24. Februar 2015

Es ist ja gerade erst Mitte Februar, aber im Rennen um den dämlichsten Artikel des Jahres hat der „Stern“ schon mal beeindruckend vorgelegt. Die Geschichte, die das Magazin kürzlich im Netz veröffentlicht hat, handelt von einer Berlinale-Party des Schauspielers James Franco. „Durch Zufall“ hatte der „Stern“ eine der „begehrten Einladungen“ für die Supersause „ergattert“ und gleich mal zwei Leute hingeschickt: eine Autorin und noch eine „Kollegin“ – man kann ja nie wissen.

Screenshot stern.de 24.2.2015

„Das Katastrophengespräch mit James Franco“ steht über dem Bericht, der kein Bericht ist, sondern ein kühl hingeduztes Briefchen an James Franco. Und es stimmt: Es ist wirklich ein Katastrophengespräch.

James Franco, dieser 36-jährige „Alleskönner“ und „intellektuelle Poet“, der „mehr als 100 Filme“ gedreht und einen Master of Fine Arts gemacht hat, dieser James Franco ist dem „Stern“ nicht geheuer. Zu Beginn des Textes könnte man kurz meinen, die Illustrierte würde, wie sie vorgibt, „hinter die Fassade“ blicken wollen, mal eben auf einer Party, um der Welt zu zeigen, wer dieser Typ tatsächlich ist.

Stimmt aber nicht, auch wenn das eigentliche Ziel nicht minder aufklärerisch ist:

Egal, es gibt für mich nur eine Mission. Ich will ein Selfie mit dir. Für mich natürlich, hauptsächlich aber auch, um es allen ins Gesicht zu drücken.

Bäm! Ein Selfie, um es anderen „ins Gesicht zu drücken“. Um diese Mission zu meistern, sollte man natürlich vorbereitet sein, wie immer bei wichtigen Terminen mit heikler Aufgabenstellung:

Eine Frage stellt sich als erstes: Was zum Geier soll ich bloß anziehen?

Aber echt. Zum Glück ist die Frage schnell geklärt. Es kann losgehen.

Als ich mich sonntags in einem schwarzen Lederrock und enganliegendem, schwarzen Top auf den Weg mache, fange ich an zu zweifeln. Wird dich das überzeugen?

Eine drängende Frage unserer Tage, im „Stern“ erstmals formuliert: Werden ein enganliegendes Top und ein Lederrock James Franco überzeugen, mit der Frau vom „Stern“ ein Selfie zu machen? Man ist gespannt und darf lesend beobachten, wie die Autorin verselbstzweifelt über die Party kurvt.

Ich nehme mir mein drittes Glas Champagner und suche unauffällig den Raum nach dir ab. Möglichst cool schlendere ich umher, und auf einmal stehst du da.

Es ist der Wahnsinn. James Franco steht plötzlich auf seiner eigenen Party, doch der Autorin „blockiert“ völlig überraschend das Gehirn. So steht das da. Also macht die Kollegin, die die Autorin begleitet, was man so macht auf einer Unterstufenparty: Sie zieht sie zu Franco hin und fragt, ob ihre Freundin mal ein Foto mit ihm machen dürfe. Und wenn es bis hierhin vor allem peinlich war, wird es jetzt peinlich ernst.

Du legst deine Hand tröstend auf meinen Arm und schüttelst mit dem Kopf. „Nein, tut mir leid. Dann wollen hier alle ein Foto.“

An dieser Stelle muss etwas kaputt gegangen sein beim „Stern“. Denn auf dieser Ablehnung Francos fußt die ganze Empörung und Enttäuschung dieses Textes, die nun darin gipfelt, dass der „Stern“ ganz beiläufig unterstellt, James Franco habe einen Hang zu minderjährigen Frauen. Oder eins zu eins zitiert:

Irritiert siehst du mich an und fragst: „Was machst du?“. „Ich studiere Literatur an der Uni in Berlin“. „Was studierst du?“. „Ähm Literatur“. Willst du mich verarschen? Jetzt gucke ich irritiert. „So where is your school?“, fragst du. Ich verstehe nur cool und antworte superlässig, „Yeah, it’s cool“. Was? Was war deine Frage? Verwirrung breitet sich aus. Die Frage nach meiner „Schule“ lässt dir wohl keine Ruhe, wieso bist du so auf meine Schule fixiert? Was glaubst du, wie alt ich bin? Mir fällt der Skandal mit der 17-Jährigen ein, die du über Instagram zu einem Date überreden wolltest. Du guckst mich nur an und streichelst meinen Arm. Puh, das nimmt hier aber eine ganz komische Wendung.

Allerdings: Puh!

Der „Stern“ meint offenbar, hier eine Art Brüderle-Moment erlebt zu haben, der aber noch pikanter ist, weil es, anders als bei Brüderle, um Minderjährige geht.

Die Geschichte mit der 17-Jährigen, mit der Franco gechattet hat, stimmt. Sie wurde vor gut einem Jahr publik und entfachte eine Diskussion inklusive Shitstorm. Am Ende bat Franco um Entschuldigung, aber die Geschichte haftet ihm an – obwohl auch spekuliert wurde, der Chat sei bloß PR gewesen für den Film „Palo Alto“, in dem Franco einen Lehrer spielt, der etwas mit einer minderjährigen Schülerin anfängt. Der erste Trailer wurde – was Zufall sein kann oder Kalkül – am selben Tag veröffentlicht, an dem auch die Chat-Geschichte aufkam. Der „Stern“ verlinkt sogar einen alten „Stern“-Artikel, in dem es um jene Zweifel an der Chat-Geschichte geht:

Doch die Skepsis an der Geschichte wächst – es wäre nicht das erste Mal, dass ein Hollywood-Star die Medien austrickst, um sich in die Schlagzeilen zu bringen.

Und selbst wenn die alte Geschichte wahr ist – was hat Franco auf der Party gemacht? Der „Stern“ reitet darauf rum, dass Franco die Autorin gefragt habe, wo ihre „school“ sei. Dabei glaube ich, dass Franco, der Amerikaner, gar nicht jene Schulen meinte, auf die minderjährige Deutsche gehen. In den USA kann man literature auch an „schools“ studieren, ähnlich wie sie an Drama Schools Schauspiel lernen. Die wenigsten Schüler dort sind minderjährig.

Aber darüber hat beim „Stern“ offenbar niemand nachgedacht. Und so passt es ja auch viel besser in die schlüpfrige Geschichte, in deren Verlauf Francos – anfangs noch tröstende – Hand auf dem Arm der Autorin eine ganz andere Bedeutung bekommt.

Vielleicht sollte man von Glück reden, dass die Begegnung mit Franco ein jähes Ende nimmt, als sich „eine etwa 1,80 Meter große Frau mit prallen Lippen und riesigen Brüsten“ zwischen ihn und den „Stern“ schiebt. Hätte Franco es später nicht gewagt, doch noch ein Selfie zu posten, auf dem er unter anderem mit der unglaublich minderjährigen Courtney Love zu sehen ist, was am Ende des „Stern“-Textes ein beleidigtes Raunen erzeugt und einen lustigen Appell:

Jeder träumt doch von Mr. Perfect. Ich für meinen Teil habe dich durchschaut Franco. Wenn du mir das Gegenteil beweisen willst, melde dich gern und wir führen unser Gespräch fort.

Ich weiß nicht, wie streng sie beim „Stern“ Texte (von HospitantInnen) redigieren, bevor sie veröffentlicht werden, aber es deutet einiges darauf hin, dass sie die Texte nicht mal lesen. Ich bin allerdings auch etwas  verwirrt gerade. Als ich heute twitterte, wie dämlich der Text sei, antwortete der Chef des Berliner „stern.de“-Büros:

Weil ich kurz einen Schreck bekam, Kinkel könnte mich meinen, bin ich noch mal durch den Text gelaufen, auch zwischen den Zeilen, ich habe sogar einzelne Wörter hochgehoben, um drunter nachzuschauen, aber ich habe nirgends Ironie gefunden.

„Mit ein paar kleinen Hotelangestellten sollte einer wie er leicht fertig werden“

16 Jun 14
16. Juni 2014

Man findet tolle Sachen, wenn man sich ein bisschen im Archiv durch die Berichterstattung über Christian Wulff wühlt. Zum Beispiel einen großen Text aus dem „Stern“ vom 23. Februar 2012, also aus der Woche nach dem Rücktritt des Bundespräsidenten.

Hans-Martin Tillack, Johannes Röhrig und Bernd Gäbler schrieben unter der Überschrift „Der falsche Freund“ über den einen Mann, über den Wulff gestürzt sei: den Filmproduzenten David Groenewold.

Darin heißt es:

Schon 2004 koproduzierte er — mit 250 000 Euro an niedersächsischen Steuermitteln — den TVFilm „Tsunami“. Darin löst ein skrupelloser Geschäftemacher in der Nordsee Unterwassersprengungen aus und damit „eine gigantische Tsunami-Riesenwelle, die auf Sylt zurollt“.

Am Ende wird natürlich alles gut. Sylt steht heute noch. Mitsamt dem schönen „Hotel Stadt Hamburg“. Seit 14 Tagen ist bekannt, dass Wulff und seine Bettina im Herbst 2007 dort drei Tage lang zusammen mit Groenewold urlaubten. Die Rechnung des damaligen Ministerpräsidenten — 804 Euro — übernahm Groenewold.

Der Politiker will die Zeche in bar erstattet haben. Trotzdem drängte Groenewold Mitte Januar beim „Hotel Stadt Hamburg“ darauf, auf keinen Fall Informationen an Journalisten zu geben — angeblich, weil er den Sachverhalt erst selbst prüfen wollte.

Mit ein paar kleinen Hotelangestellten sollte einer wie er leicht fertig werden. Auch wenn Groenewold erst 38 Jahre alt ist, hat er jahrzehntelange Erfahrungen in besseren Kreisen. Sein Vater, der Berliner Steueranwalt Erich Groenewold, hatte Anfang der 80er Jahre den Kinoerfolg „Christiane F. — Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ mitfinanziert.

Nun ja, „bekannt“ war die Sache mit dem gemeinsamen Urlaub damals nicht seit zwei Wochen (als „Bild“ darüber berichtete), sondern seit vier Wochen (als der NDR darüber berichtete), aber das ist, zugegeben, läppisch.

Atemberaubend finde ich aber den Satz über Groenewold: „Mit ein paar kleinen Hotelangestellten sollte einer wie er leicht fertig werden.“ Die „Bild“-Zeitung hatte, wie gesagt, den Eindruck erweckt, Groenewold habe Dokumente beiseite geschafft, um den gemeinsamen Urlaub zu vertuschen. (Das Hotel bestritt dies.) Vor diesem Hintergrund liest sich der Satz für mich wie eine Andeutung, dass Groenewold unzulässigen Druck auf die „kleinen Hotelangestellen“ ausgeübt hat. Wie soll das zu verstehen sein, dass „einer wie er“ leicht mit ihnen „fertig wird“?

Ich habe das heute Vormittag Hans-Martin Tillack gefragt. Seine Antwort:

Der von Ihnen zitierte letzte Satz bedarf keiner Interpretation.

Ah. Nicht.

Ich habe Tillack weiter gefragt:

Sie schreiben in Ihrem Blog, dass in de[r] „Bild“-Zeitung vom 8.2.2012 „in der Tat zu Unrecht der Eindruck erweckt [wurde], Wulffs Freund David Groenewold habe versucht, bei einem Hotel in Sylt Originale von Rechnungen verschwinden zu lassen“. Hat der „Stern“ diesen falschen Eindruck Ihrer Meinung nach nicht erweckt?

Hat der „Stern“ diesen falschen Eindruck je korrigiert?

Seine Antworten:

Wir haben weder geschrieben noch den Eindruck erweckt, Herr Groenewold habe versucht, Originale verschwinden zu lassen. Wie man aus der von Ihnen zitierten Passage etwas anderes herauslesen können soll, erschließt sich mir nicht.

Da wir nie den falschen Eindruck erweckt haben, Herr Groenewold wolle Originale verschwinden lassen, mussten wir ihn auch nicht korrigieren. Auch Herr Groenewold oder seine Anwälte haben uns nie entsprechende Vorwürfe gemacht und sind nie gegen uns vorgegangen.

Wie Hans-Ulrich Jörges in eigener Sache gegen die EU wettert

22 Mai 14
22. Mai 2014

Hans-Ulrich Jörges hält einen „Regimewechsel“ in Brüssel für überfällig. In seinem „Zwischenruf aus Berlin“ macht das Mitglied der „Stern“-Chefredaktion eine „Wende zur Entspannung“ in Europa aus; die Europawahl sei „Auftakt eines tief greifenden Wandels auf dem Kontinent“.

Dieser olle Barroso zum Beispiel sei nach zehn Jahren als Kommissionspräsident „politisch verschlissen“:

Mit dem Parlament war der Apparat des portugiesischen Konservativen teils rüde und selbstherrlich umgesprungen. Ein Beispiel mag das erläutern. Die Abgeordneten hatten, fraktionsübergreifend und unter Führung des sozialdemokratischen Parlamentspräsidenten Martin Schulz, die Gründung eines Europäischen Zentrums für Pressefreiheit (EZP) in Leipzig unterstützt und dafür eine Million Euro in den EU-Haushalt für 2013 gestellt. Die Kommission indes verteilte das Geld freihändig — das EZP erhielt nichts. Schulz protestierte, vergebens.

Böser Barroso. Guter Schulz. Schade um das EZP.

Das EZP, ein Projekt, dessen Initiator zufällig Hans-Ulrich Jörges ist, Mitglied der „Stern“-Chefredaktion.

Bestimmt hat Jörges nur vergessen, dieses Detail im Text zu erwähnen. Oder der „Stern“ hält es für keine Information, die die Leser interessieren müsste, dass Jörges hier in eigener Sache empört ist. Dass das „eine Beispiel“, das das Demokratiedefizit des EU-Kommissions-Präsidenten „erläutern mag“, zufällig sein Beispiel ist. Dass Jörges‘ Urteil über Barroso von einer sehr persönlichen Enttäuschung geprägt ist.

Seit gut drei Jahren kämpft Jörges darum, dass in Leipzig ein Zentrum gegründet wird, das sich um Verletzungen der Pressefreiheit vor allem in Ost-Europa kümmert. Es soll Öffentlichkeit herstellen und den bedrängten Journalisten helfen. „Reporter ohne Grenzen“ tut dies als unabhängiger, mit Spenden finanzierter Verein schon lange, aber sicher kann es nicht schaden, wenn sich auch andere, neue Organisationen um die gute Sache kümmern und dafür Geld bekommen.

Jörges‘ Mitstreiter sind unter anderem Axel-Springer-Außenminister Christoph Keese und die Leipziger Medienstiftung, die von der Leipziger Sparkasse finanziert wird. Ihr Plan war es, das Zentrum in Leipzig, wo sich „für das EZP ein perfekter Gebäudekomplex bietet“ (Jörges), vor allem aus europäischen Steuermitteln zu finanzieren. Der Springer-Verlag und der Verlag Gruner+Jahr, in dem der „Stern“ erscheint, wollten etwas dazu geben.

EU-Parlamentspräsident Martin Schulz (SPD) sei „begeistert“ gewesen von der Idee und ließ überparteiliche Unterstützung organisieren. Das Parlament bewilligte eine Million Euro.

Doch die EU wies das Geld nicht einfach für das Leipziger Projekt an, sondern machte eine öffentliche Ausschreibung: Eine Million Euro waren im Budget, aber es sollten zwei oder drei Vorschläge verwirklicht werden; mehr als 700.000 Euro waren für ein einzelnes Angebot nicht vorgesehen. Das EZP erhielt keinen Zuschlag.

Jörges war wütend.

Wohin mit seiner Wut? In den „Stern“. Am 12. Dezember 2013 nutzte er seine Kolumne in der Illustrierten vollständig dafür, sich über die Ungerechtigkeit zu beklagen, dass sein Projekt nicht die gewünschten EU-Mittel bekommen hat. Er schilderte den Ablauf mit den größtmöglichen Begriffen: ein „Skandal“ sei das Handeln der Kommission, ein „Handstreich der Macht“, möglich gemacht durch eine „zerstörerische Intrige“. „Dreist“ sei der angebliche Wille des Parlamentes, das Leipziger EZP zu unterstützen, ins Gegenteil verkehrt worden, sein Recht „mit Füßen getreten“.

Immerhin erwähnte Jörges damals, im Dezember, in seiner Kolumne, wer der Initiator des Projektes war, dessen Scheitern ihn so erschütterte: Er selbst.

Die Überschrift lautete damals trotzdem „Ein Parlament wird gedemütigt“ und nicht „Hans-Ulrich Jörges wird gedemütigt“, aber das eine schließt ja das andere nicht aus.

Sein Text endete so:

Martin Schulz, der Spitzenkandidat der Sozialdemokraten bei der Europawahl, möchte den nächsten Kommissionspräsidenten 2014 vom Parlament gewählt haben, nicht mehr von den Regierungschefs ernannt. Das wäre eine europäische Revolution. Und vielleicht das Ende der Willkür.

Jörges macht die europäische Sache zu seiner Sache, und umgekehrt. Er nutzt seine guten Kontakte, um ein eigenes Projekt zu befördern, und wenn er damit scheitert, beklagt er sich als Journalist darüber. Der „Stern“ gibt ihm den Raum dafür. Und besteht nicht einmal mehr darauf, dass er seine Befangenheit transparent macht.