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Der Katastrophentext über James Franco

von Boris Rosenkranz
24 Feb 15
24. Februar 2015

Es ist ja gerade erst Mitte Februar, aber im Rennen um den dämlichsten Artikel des Jahres hat der „Stern“ schon mal beeindruckend vorgelegt. Die Geschichte, die das Magazin kürzlich im Netz veröffentlicht hat, handelt von einer Berlinale-Party des Schauspielers James Franco. „Durch Zufall“ hatte der „Stern“ eine der „begehrten Einladungen“ für die Supersause „ergattert“ und gleich mal zwei Leute hingeschickt: eine Autorin und noch eine „Kollegin“ – man kann ja nie wissen.

Screenshot stern.de 24.2.2015

„Das Katastrophengespräch mit James Franco“ steht über dem Bericht, der kein Bericht ist, sondern ein kühl hingeduztes Briefchen an James Franco. Und es stimmt: Es ist wirklich ein Katastrophengespräch.

James Franco, dieser 36-jährige „Alleskönner“ und „intellektuelle Poet“, der „mehr als 100 Filme“ gedreht und einen Master of Fine Arts gemacht hat, dieser James Franco ist dem „Stern“ nicht geheuer. Zu Beginn des Textes könnte man kurz meinen, die Illustrierte würde, wie sie vorgibt, „hinter die Fassade“ blicken wollen, mal eben auf einer Party, um der Welt zu zeigen, wer dieser Typ tatsächlich ist.

Stimmt aber nicht, auch wenn das eigentliche Ziel nicht minder aufklärerisch ist:

Egal, es gibt für mich nur eine Mission. Ich will ein Selfie mit dir. Für mich natürlich, hauptsächlich aber auch, um es allen ins Gesicht zu drücken.

Bäm! Ein Selfie, um es anderen „ins Gesicht zu drücken“. Um diese Mission zu meistern, sollte man natürlich vorbereitet sein, wie immer bei wichtigen Terminen mit heikler Aufgabenstellung:

Eine Frage stellt sich als erstes: Was zum Geier soll ich bloß anziehen?

Aber echt. Zum Glück ist die Frage schnell geklärt. Es kann losgehen.

Als ich mich sonntags in einem schwarzen Lederrock und enganliegendem, schwarzen Top auf den Weg mache, fange ich an zu zweifeln. Wird dich das überzeugen?

Eine drängende Frage unserer Tage, im „Stern“ erstmals formuliert: Werden ein enganliegendes Top und ein Lederrock James Franco überzeugen, mit der Frau vom „Stern“ ein Selfie zu machen? Man ist gespannt und darf lesend beobachten, wie die Autorin verselbstzweifelt über die Party kurvt.

Ich nehme mir mein drittes Glas Champagner und suche unauffällig den Raum nach dir ab. Möglichst cool schlendere ich umher, und auf einmal stehst du da.

Es ist der Wahnsinn. James Franco steht plötzlich auf seiner eigenen Party, doch der Autorin „blockiert“ völlig überraschend das Gehirn. So steht das da. Also macht die Kollegin, die die Autorin begleitet, was man so macht auf einer Unterstufenparty: Sie zieht sie zu Franco hin und fragt, ob ihre Freundin mal ein Foto mit ihm machen dürfe. Und wenn es bis hierhin vor allem peinlich war, wird es jetzt peinlich ernst.

Du legst deine Hand tröstend auf meinen Arm und schüttelst mit dem Kopf. „Nein, tut mir leid. Dann wollen hier alle ein Foto.“

An dieser Stelle muss etwas kaputt gegangen sein beim „Stern“. Denn auf dieser Ablehnung Francos fußt die ganze Empörung und Enttäuschung dieses Textes, die nun darin gipfelt, dass der „Stern“ ganz beiläufig unterstellt, James Franco habe einen Hang zu minderjährigen Frauen. Oder eins zu eins zitiert:

Irritiert siehst du mich an und fragst: „Was machst du?“. „Ich studiere Literatur an der Uni in Berlin“. „Was studierst du?“. „Ähm Literatur“. Willst du mich verarschen? Jetzt gucke ich irritiert. „So where is your school?“, fragst du. Ich verstehe nur cool und antworte superlässig, „Yeah, it’s cool“. Was? Was war deine Frage? Verwirrung breitet sich aus. Die Frage nach meiner „Schule“ lässt dir wohl keine Ruhe, wieso bist du so auf meine Schule fixiert? Was glaubst du, wie alt ich bin? Mir fällt der Skandal mit der 17-Jährigen ein, die du über Instagram zu einem Date überreden wolltest. Du guckst mich nur an und streichelst meinen Arm. Puh, das nimmt hier aber eine ganz komische Wendung.

Allerdings: Puh!

Der „Stern“ meint offenbar, hier eine Art Brüderle-Moment erlebt zu haben, der aber noch pikanter ist, weil es, anders als bei Brüderle, um Minderjährige geht.

Die Geschichte mit der 17-Jährigen, mit der Franco gechattet hat, stimmt. Sie wurde vor gut einem Jahr publik und entfachte eine Diskussion inklusive Shitstorm. Am Ende bat Franco um Entschuldigung, aber die Geschichte haftet ihm an – obwohl auch spekuliert wurde, der Chat sei bloß PR gewesen für den Film „Palo Alto“, in dem Franco einen Lehrer spielt, der etwas mit einer minderjährigen Schülerin anfängt. Der erste Trailer wurde – was Zufall sein kann oder Kalkül – am selben Tag veröffentlicht, an dem auch die Chat-Geschichte aufkam. Der „Stern“ verlinkt sogar einen alten „Stern“-Artikel, in dem es um jene Zweifel an der Chat-Geschichte geht:

Doch die Skepsis an der Geschichte wächst – es wäre nicht das erste Mal, dass ein Hollywood-Star die Medien austrickst, um sich in die Schlagzeilen zu bringen.

Und selbst wenn die alte Geschichte wahr ist – was hat Franco auf der Party gemacht? Der „Stern“ reitet darauf rum, dass Franco die Autorin gefragt habe, wo ihre „school“ sei. Dabei glaube ich, dass Franco, der Amerikaner, gar nicht jene Schulen meinte, auf die minderjährige Deutsche gehen. In den USA kann man literature auch an „schools“ studieren, ähnlich wie sie an Drama Schools Schauspiel lernen. Die wenigsten Schüler dort sind minderjährig.

Aber darüber hat beim „Stern“ offenbar niemand nachgedacht. Und so passt es ja auch viel besser in die schlüpfrige Geschichte, in deren Verlauf Francos – anfangs noch tröstende – Hand auf dem Arm der Autorin eine ganz andere Bedeutung bekommt.

Vielleicht sollte man von Glück reden, dass die Begegnung mit Franco ein jähes Ende nimmt, als sich „eine etwa 1,80 Meter große Frau mit prallen Lippen und riesigen Brüsten“ zwischen ihn und den „Stern“ schiebt. Hätte Franco es später nicht gewagt, doch noch ein Selfie zu posten, auf dem er unter anderem mit der unglaublich minderjährigen Courtney Love zu sehen ist, was am Ende des „Stern“-Textes ein beleidigtes Raunen erzeugt und einen lustigen Appell:

Jeder träumt doch von Mr. Perfect. Ich für meinen Teil habe dich durchschaut Franco. Wenn du mir das Gegenteil beweisen willst, melde dich gern und wir führen unser Gespräch fort.

Ich weiß nicht, wie streng sie beim „Stern“ Texte (von HospitantInnen) redigieren, bevor sie veröffentlicht werden, aber es deutet einiges darauf hin, dass sie die Texte nicht mal lesen. Ich bin allerdings auch etwas  verwirrt gerade. Als ich heute twitterte, wie dämlich der Text sei, antwortete der Chef des Berliner „stern.de“-Büros:

Weil ich kurz einen Schreck bekam, Kinkel könnte mich meinen, bin ich noch mal durch den Text gelaufen, auch zwischen den Zeilen, ich habe sogar einzelne Wörter hochgehoben, um drunter nachzuschauen, aber ich habe nirgends Ironie gefunden.

„Mit ein paar kleinen Hotelangestellten sollte einer wie er leicht fertig werden“

16 Jun 14
16. Juni 2014

Man findet tolle Sachen, wenn man sich ein bisschen im Archiv durch die Berichterstattung über Christian Wulff wühlt. Zum Beispiel einen großen Text aus dem „Stern“ vom 23. Februar 2012, also aus der Woche nach dem Rücktritt des Bundespräsidenten.

Hans-Martin Tillack, Johannes Röhrig und Bernd Gäbler schrieben unter der Überschrift „Der falsche Freund“ über den einen Mann, über den Wulff gestürzt sei: den Filmproduzenten David Groenewold.

Darin heißt es:

Schon 2004 koproduzierte er — mit 250 000 Euro an niedersächsischen Steuermitteln — den TVFilm „Tsunami“. Darin löst ein skrupelloser Geschäftemacher in der Nordsee Unterwassersprengungen aus und damit „eine gigantische Tsunami-Riesenwelle, die auf Sylt zurollt“.

Am Ende wird natürlich alles gut. Sylt steht heute noch. Mitsamt dem schönen „Hotel Stadt Hamburg“. Seit 14 Tagen ist bekannt, dass Wulff und seine Bettina im Herbst 2007 dort drei Tage lang zusammen mit Groenewold urlaubten. Die Rechnung des damaligen Ministerpräsidenten — 804 Euro — übernahm Groenewold.

Der Politiker will die Zeche in bar erstattet haben. Trotzdem drängte Groenewold Mitte Januar beim „Hotel Stadt Hamburg“ darauf, auf keinen Fall Informationen an Journalisten zu geben — angeblich, weil er den Sachverhalt erst selbst prüfen wollte.

Mit ein paar kleinen Hotelangestellten sollte einer wie er leicht fertig werden. Auch wenn Groenewold erst 38 Jahre alt ist, hat er jahrzehntelange Erfahrungen in besseren Kreisen. Sein Vater, der Berliner Steueranwalt Erich Groenewold, hatte Anfang der 80er Jahre den Kinoerfolg „Christiane F. — Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ mitfinanziert.

Nun ja, „bekannt“ war die Sache mit dem gemeinsamen Urlaub damals nicht seit zwei Wochen (als „Bild“ darüber berichtete), sondern seit vier Wochen (als der NDR darüber berichtete), aber das ist, zugegeben, läppisch.

Atemberaubend finde ich aber den Satz über Groenewold: „Mit ein paar kleinen Hotelangestellten sollte einer wie er leicht fertig werden.“ Die „Bild“-Zeitung hatte, wie gesagt, den Eindruck erweckt, Groenewold habe Dokumente beiseite geschafft, um den gemeinsamen Urlaub zu vertuschen. (Das Hotel bestritt dies.) Vor diesem Hintergrund liest sich der Satz für mich wie eine Andeutung, dass Groenewold unzulässigen Druck auf die „kleinen Hotelangestellen“ ausgeübt hat. Wie soll das zu verstehen sein, dass „einer wie er“ leicht mit ihnen „fertig wird“?

Ich habe das heute Vormittag Hans-Martin Tillack gefragt. Seine Antwort:

Der von Ihnen zitierte letzte Satz bedarf keiner Interpretation.

Ah. Nicht.

Ich habe Tillack weiter gefragt:

Sie schreiben in Ihrem Blog, dass in de[r] „Bild“-Zeitung vom 8.2.2012 „in der Tat zu Unrecht der Eindruck erweckt [wurde], Wulffs Freund David Groenewold habe versucht, bei einem Hotel in Sylt Originale von Rechnungen verschwinden zu lassen“. Hat der „Stern“ diesen falschen Eindruck Ihrer Meinung nach nicht erweckt?

Hat der „Stern“ diesen falschen Eindruck je korrigiert?

Seine Antworten:

Wir haben weder geschrieben noch den Eindruck erweckt, Herr Groenewold habe versucht, Originale verschwinden zu lassen. Wie man aus der von Ihnen zitierten Passage etwas anderes herauslesen können soll, erschließt sich mir nicht.

Da wir nie den falschen Eindruck erweckt haben, Herr Groenewold wolle Originale verschwinden lassen, mussten wir ihn auch nicht korrigieren. Auch Herr Groenewold oder seine Anwälte haben uns nie entsprechende Vorwürfe gemacht und sind nie gegen uns vorgegangen.

Wie Hans-Ulrich Jörges in eigener Sache gegen die EU wettert

22 Mai 14
22. Mai 2014

Hans-Ulrich Jörges hält einen „Regimewechsel“ in Brüssel für überfällig. In seinem „Zwischenruf aus Berlin“ macht das Mitglied der „Stern“-Chefredaktion eine „Wende zur Entspannung“ in Europa aus; die Europawahl sei „Auftakt eines tief greifenden Wandels auf dem Kontinent“.

Dieser olle Barroso zum Beispiel sei nach zehn Jahren als Kommissionspräsident „politisch verschlissen“:

Mit dem Parlament war der Apparat des portugiesischen Konservativen teils rüde und selbstherrlich umgesprungen. Ein Beispiel mag das erläutern. Die Abgeordneten hatten, fraktionsübergreifend und unter Führung des sozialdemokratischen Parlamentspräsidenten Martin Schulz, die Gründung eines Europäischen Zentrums für Pressefreiheit (EZP) in Leipzig unterstützt und dafür eine Million Euro in den EU-Haushalt für 2013 gestellt. Die Kommission indes verteilte das Geld freihändig — das EZP erhielt nichts. Schulz protestierte, vergebens.

Böser Barroso. Guter Schulz. Schade um das EZP.

Das EZP, ein Projekt, dessen Initiator zufällig Hans-Ulrich Jörges ist, Mitglied der „Stern“-Chefredaktion.

Bestimmt hat Jörges nur vergessen, dieses Detail im Text zu erwähnen. Oder der „Stern“ hält es für keine Information, die die Leser interessieren müsste, dass Jörges hier in eigener Sache empört ist. Dass das „eine Beispiel“, das das Demokratiedefizit des EU-Kommissions-Präsidenten „erläutern mag“, zufällig sein Beispiel ist. Dass Jörges‘ Urteil über Barroso von einer sehr persönlichen Enttäuschung geprägt ist.

Seit gut drei Jahren kämpft Jörges darum, dass in Leipzig ein Zentrum gegründet wird, das sich um Verletzungen der Pressefreiheit vor allem in Ost-Europa kümmert. Es soll Öffentlichkeit herstellen und den bedrängten Journalisten helfen. „Reporter ohne Grenzen“ tut dies als unabhängiger, mit Spenden finanzierter Verein schon lange, aber sicher kann es nicht schaden, wenn sich auch andere, neue Organisationen um die gute Sache kümmern und dafür Geld bekommen.

Jörges‘ Mitstreiter sind unter anderem Axel-Springer-Außenminister Christoph Keese und die Leipziger Medienstiftung, die von der Leipziger Sparkasse finanziert wird. Ihr Plan war es, das Zentrum in Leipzig, wo sich „für das EZP ein perfekter Gebäudekomplex bietet“ (Jörges), vor allem aus europäischen Steuermitteln zu finanzieren. Der Springer-Verlag und der Verlag Gruner+Jahr, in dem der „Stern“ erscheint, wollten etwas dazu geben.

EU-Parlamentspräsident Martin Schulz (SPD) sei „begeistert“ gewesen von der Idee und ließ überparteiliche Unterstützung organisieren. Das Parlament bewilligte eine Million Euro.

Doch die EU wies das Geld nicht einfach für das Leipziger Projekt an, sondern machte eine öffentliche Ausschreibung: Eine Million Euro waren im Budget, aber es sollten zwei oder drei Vorschläge verwirklicht werden; mehr als 700.000 Euro waren für ein einzelnes Angebot nicht vorgesehen. Das EZP erhielt keinen Zuschlag.

Jörges war wütend.

Wohin mit seiner Wut? In den „Stern“. Am 12. Dezember 2013 nutzte er seine Kolumne in der Illustrierten vollständig dafür, sich über die Ungerechtigkeit zu beklagen, dass sein Projekt nicht die gewünschten EU-Mittel bekommen hat. Er schilderte den Ablauf mit den größtmöglichen Begriffen: ein „Skandal“ sei das Handeln der Kommission, ein „Handstreich der Macht“, möglich gemacht durch eine „zerstörerische Intrige“. „Dreist“ sei der angebliche Wille des Parlamentes, das Leipziger EZP zu unterstützen, ins Gegenteil verkehrt worden, sein Recht „mit Füßen getreten“.

Immerhin erwähnte Jörges damals, im Dezember, in seiner Kolumne, wer der Initiator des Projektes war, dessen Scheitern ihn so erschütterte: Er selbst.

Die Überschrift lautete damals trotzdem „Ein Parlament wird gedemütigt“ und nicht „Hans-Ulrich Jörges wird gedemütigt“, aber das eine schließt ja das andere nicht aus.

Sein Text endete so:

Martin Schulz, der Spitzenkandidat der Sozialdemokraten bei der Europawahl, möchte den nächsten Kommissionspräsidenten 2014 vom Parlament gewählt haben, nicht mehr von den Regierungschefs ernannt. Das wäre eine europäische Revolution. Und vielleicht das Ende der Willkür.

Jörges macht die europäische Sache zu seiner Sache, und umgekehrt. Er nutzt seine guten Kontakte, um ein eigenes Projekt zu befördern, und wenn er damit scheitert, beklagt er sich als Journalist darüber. Der „Stern“ gibt ihm den Raum dafür. Und besteht nicht einmal mehr darauf, dass er seine Befangenheit transparent macht.

Das „Stern“-Interview als wohldefinierte Methode zur genussreichen Onanie

05 Dez 13
5. Dezember 2013

Dass Leute etwas schaffen, das finden Sie toll, oder?

Ja. Das finde ich toll. Leistung finde ich toll.

Sie sind Kapitalismus pur.

Es ist mir nicht ganz leicht gefallen, mich zu entscheiden, aber ich glaube, das ist dann doch meine Lieblingsstelle. Die Moderatorin Sylvie Meis, bekannt geworden als Sylvie van der Vaart, erzählt dem „Stern“, was sie an ihrer RTL-Show „Let’s Dance“ mag. Dass das „richtiges Entertainment“ sei, „kein Trash“, sondern „tolle Shows, bei denen sich die Leute fragen: ‚Wow, wie schaffen die das?‘“ Und die „Stern“-Interviewer halten ihr dann vor: „Sie sind Kapitalismus pur.“

Darauf muss man erst einmal kommen. Aber die „Stern“-Leute sind noch auf ganz viel anderes gekommen. Man erfährt in diesem Interview nicht so wahnsinnig viel über Sylvie Meis. Aber darüber, wie toll die „Stern“-Interviewer Nora Gantenbrink und Stephan Maus sich und ihre Einfälle finden. Sie sind offenkundig ganz besoffen davon.

Frau Meis, Ihre letzte Chance: Steigen Sie aus. Nie wieder Werbung für Zahnzwischenraumreiniger, nie wieder Tanzshows, nie wieder Paparazzi. Züchten Sie Schafe in Neuseeland.

Nein.

Bienen in Südfrankreich.

Nein.

Ein norwegischer Bauer. Echte Liebe. Ein Fjord. Natur gucken, knarrende Holzkojen.

Nein.

Das wahre Leben, das echte.

Nein.

Oder weiter vorne die Frage:

Es gibt drei ungelöste Rätsel in der Bundesrepublik Deutschland: Wer hat Kohl die Spenden überreicht? Wer saß neben Margot Käßmann, als sie angetrunken Auto fuhr? Und was geschah Silvester 2012 bei den van der Vaarts?

Nun könnte man da natürlich mit viel Wohlwollen annehmen, dass es sich um einen Witz oder gar etwas Ironieähnliches handeln könnte. Dagegen spricht allerdings, dass die „Stern“-Leute die Frage, was Silvester 2012 bei den van der Vaarts passierte, ja damit Sylvie van der Vaart tatsächlich stellen. Deren Antwort lautet übrigens:

Das ist etwas, das wir niemals sagen werden. Das braucht kein Mensch zu fragen. Das ist privat.

Diese Antwort könnte nun Leute überraschen, die die Titelseite des „Stern“ gesehen haben und das dortige Versprechen: „SYLVIE VAN DER VAART — So offen hat sie noch nie gesprochen“. Tatsächlich sollte man als Leser immer stutzig werden, wenn Journalisten nicht mit etwas werben, was jemand gesagt hat, sondern bloß damit, dass jemand etwas gesagt hat. (Andererseits ist es natürlich passend, weil die ganze Berichterstattung über die Van-der-Vaart-Sache im Wesentlichen aus „Bild“-Schlagzeilen wie „Jetzt spricht die Mutter!“ zu bestehen schien.)

Jedenfalls hört sich das Offen-Sprechen von Sylvie Meis im „Stern“ konkret so an:

Ich habe nichts Schlechtes über Rafael und Sabia zu sagen. (…)

Bestimmte private Sachen sollen auch privat bleiben. (…)

Ich habe alles dazu gesagt und werde mich nicht mehr wiederholen.

Und so:

Wie viele Berater schrauben am Image von Sylvie Meis?

Ich habe keinen PR-Berater und auch keine PR-Strategie.

In Ihrem Kopf auch nicht? Da ist doch ein PR-Berater? Zwei?

Jetzt schon zwei?

Mindestens. Sie haben eine ganze PR-Firma im Kopf.

Nein.

Sie sind wirklich so?

Ich habe keine PR-Firma im Kopf.

Und so:

Mattel hat eine Barbie nach Ihnen gestaltet. (…) Ist es nicht peinlich, wenn man Barbie-Vorbild ist?

Selbst Angela Merkel hat eine eigene Barbie. Liz Mohn hat eine eigene Barbie. Ganz viele Powerfrauen haben eine Barbie.

Manche Eltern verbieten ihren Töchtern, mit Barbies zu spielen.

Muss jeder selbst wissen.

Verstehen Sie, warum?

Ich werde nicht eingehen auf Barbie-Diskussionen.

(…) Was ist so schlimm an einer Barbie-Diskussion?

Ich stehe nicht für Barbie.

Sind Sie verletzt, wenn man Sie eine Barbie nennt?

Ob Barbie oder eine andere Marke: Ich bin keine Puppe. Ich bin ein Mensch.

Diese beiden letzten Sätze, ihres Kontextes entkleidet, fand der „Stern“ dann spektakulär genug, um damit die ganze Geschichte zu überschreiben.

Nein, Sylvie Meis sagt nicht viel. Muss sie aber auch nicht. Tun ja ihre Interviewer.

Kann es sein, dass sich die Welt in Ihnen täuscht: Man hält Sie für eine nette, hübsche, etwas einfältige Blondine. Dabei sind Sie eine gerissene Spielerin, die im Krieg um Aufmerksamkeit jede Woche eine Schlacht gewinnt und auf diese Weise Millionen verdient.

Und was muss ich darauf antworten?

Ob das zutrifft?

Nein.

Schön, dass wir drüber geredet haben, wobei mich schon interessieren würde, was die Interviewer dachten, was Frau Meis darauf antworten könnte.

Würden Sie manchmal lieber für Frieden und Freiheit kämpfen, statt zu moderieren?

Nein. Möchten Sie lieber für Frieden und Freiheit kämpfen, statt Artikel zu schreiben?

Würden Sie lieber für Arte arbeiten als für RTL?

Nein.

Hier war ich ein bisschen enttäuscht, dass Frau Meis nicht zurückgefragt hat: „Würden Sie lieber für eine richtige Trash-Zeitschrift arbeiten statt bloß für den ‚Stern‘“, obwohl die Interviewer darauf vermutlich, wenn sie offen gesprochen hätten wie noch nie, geantwortet hätten: „Nein, wir können uns keinen anderen Arbeitsplatz vorstellen, wo man sich auf seine eigenen Interviews so gut einen runterholen kann.“

In diesem Sinne konfrontieren sie die RTL-Moderatorin dann noch mit einem 25 Jahre alten Enzensberger-Zitat:

Der Dichter Hans Magnus Enzensberger schreibt: „Das Fernsehen wird primär als eine wohldefinierte Methode zur genussreichen Gehirnwäsche eingesetzt; es dient der individuellen Hygiene, der Selbstmeditation. Das Nullmedium ist die einzige universelle und massenhaft verbreitete Form der Psychotherapie.“ Hat er recht?

Und fragen schließlich bündig:

Ist Fernsehen böse?

Sie hat darauf leider nicht geantwortet: „Nicht im Vergleich zum ‚Stern‘“, aber immerhin gesagt:

(…) Ich finde es schade, dass man andere Menschen so fertigmacht, nur weil man sich selbst so intelligent findet.

Ich bin mir nicht sicher, ob die Interviewer gemerkt haben, dass das gegen sie ging.

Die Realität lässt sich die Zukunft nicht vom „Stern“ vorschreiben

22 Sep 13
22. September 2013

Beim „Stern“ hatten sie diese Woche eine originelle Idee. Die Titelgeschichte beschreibt, was in den 48 Stunden vor der Schließung der Wahllokale passieren wird.

Wobei, das trifft’s nicht. Genau genommen beschreibt die Titelgeschichte, was in den 48 Stunden vor der Schließung der Wahllokale passiert ist. Der am Donnerstag erschienene Text ist nämlich nicht als Vorschau formuliert, sondern als Reportage. Er schildert nicht Pläne, Absichten und Möglichkeiten, sondern Tatsachen. „Vorabprotokoll“ nennt die Redaktion das.

Die Methode eröffnet dem Journalismus ganz neue Möglichkeiten. Lesen Sie schon am Donnerstag, was am folgenden Freitag passiert ist!

Im Fall der aktuellen „Stern“-Ausgabe liest sich das so:

FREITAG.
18.00 Uhr, München, Odeonsplatz.
Der Anfang vom Ende beginnt mit ohrenbetäubenden Beats, die wie Faustschläge in der Magengrube landen. Mit Taataa, das von ihrer Ankunft kündet. Die Kanzlerin erscheint. Heute an ihrer Seite: Franz Josef II., Horst Seehofer, der Triumphator der Bayernwahl. Es ist Merkels 52. Großkundgebung. 5000 und mehr Leute hören zu. Sie schreitet durch eine Gasse von Menschen, die mit „Angie“-Schildern winken. Die Kanzlerin lächelt, nickt und schüttelt Hände.

(„Beats, die wie Faustschläge in der Magengrube landen“ — auch „Stern“-Reportagen aus der Zukunft beginnen mit den abgegriffensten Sprachbildern aus der Vergangenheit.)

Das kann man natürlich so machen. Allerdings nur um den Preis der Seriösität. Denn es ist ja nicht mangelnder Ehrgeiz, der sonst dazu führt, dass Reportagen von Dingen handeln, die tatsächlich schon passiert sind, sondern der Gedanke, dass es einen Unterschied gibt zwischen Journalismus und Fiktion. Und dass es vielleicht keine gute Idee ist, beide zu mischen, wenn man in Zukunft noch darauf angewiesen sein könnte, dass die Menschen einem vertrauen.

Aber das Konzept des „Stern“ wirft nicht nur medienethische Fragen auf, die man womöglich als akademisch abtun kann. Es ist vor allem kontraproduktiv. Der „Stern“ will beschreiben, wie spannend die letzten Tage des Wahlkampfes werden, und tut das dadurch, dass er zeigt, wie sehr es sich bis ins Detail vorhersagen lässt?

Er weiß und beschreibt, wie Merkel auftreten wird (wie immer), wie Steinbrück auftreten wird (wie immer), wie die Abschlusskundgebung der CDU wird (wie erwartet) und wie die der SPD (wie erwartet).

Das Unerwartete kann in der „Stern“-Reportage nicht passieren, weil es noch nicht passiert ist und weil es unerwartet ist.

18.30 Uhr, München, Odeonsplatz.
Wie immer hat ihr der Moderator zum Aufwärmen ein paar nette Fragen gestellt. Übers Kochen: ja, Rouladen. Übers Autofahren: nur noch auf Waldwegen. (…)

18.45 Uhr, Kassel, Rainer-Dierichs-Platz.

„Noch zwei Tage, und es gibt einen Regierungswechsel. Noch zwei Tage, und Sie sind die los“, sagt Peer Steinbrück. Das sagt er immer.

Gegen die Langeweile helfen ein paar behauptete Details, mit denen die vorher bekannten Termine ausgeschmückt werden:

SAMSTAG
16.45 Uhr, Haan, Neuer Markt.
Steinbrück läuft über die Kirmes, vorbei am Riesenrad Jupiter und dem Skooter Drive In.

(Ich wär so gern dabei gewesen, als sie in der Redaktionskonferenz beim „Stern“ delegierten, wer die Fahrgeschäfte der Kirmes in Haan recherchiert und wer den genauen Fußweg ermittelt, den Steinbrück dort aller Wahrscheinlichkeit nach zurücklegen wird.)

Vorher aber noch an diesem Samstag hat Jürgen Trittin einen besonderen Auftritt in der „Stern“-Zukunfts-Reportage:

14.50 Uhr, Berlin, Flughafen Tegel.
Jürgen Trittin besteigt die Air-Berlin-Maschine AB 6501 nach Köln/Bonn. Am Abend sitzt er bei Stefan Raab. Trittin fühlt sich nicht wohl in seiner Haut, seit Tagen schon. Seit bekannt ist, dass die Göttinger Grünen 1981 im Programm zur Kommunalwahl für straffreien Sex zwischen Erwachsenen und Kindern geworben haben. Er hat das Programm presserechtlich verantwortet. Er weiß, das wird an ihm hängen bleiben. Vier Jahre lang hat er sich akribisch vorbereitet: noch einmal Rot-Grün, mit ihm als Vizekanzler und Finanzminister, das war sein Traum. Sogar Schwarz-Grün, der letzte Ausweg zur Macht, bliebe ihm jetzt versperrt. Das könnte sich Merkel schon aus Anstandsgründen nicht mehr leisten. Nicht mit ihm. Aber niemand sonst könnte die ungeliebte Koalition in seiner Partei durchsetzen. Trittin ist seit über 30 Jahren Vollblutpolitiker. Jetzt kann auch er nur ohnmächtig zuschauen, wie ihm alles entgleitet.

Das ist nun der Gipfel der Anmaßung: Der „Stern“ schaut nicht nur in die Zukunft, sondern auch in einen Menschen hinein. Er behauptet zu wissen, was in Trittin vorgehen wird. (Und stellt nebenbei noch ein paar weitergehende Behauptungen über die Zukunft aus.)

Und so rührig es ist, dass die „Stern“-Leute extra vorab recherchiert hatten, wann Trittin mit welcher Maschine nach Köln fliegt, um bei Stefan Raab zu sitzen, damit es sich so richtig anschaulich liest, so sinnlos ist es. Vor allem …

… weil Trittin gar nicht bei Stefan Raab saß. An seiner Stelle war Katrin Göring-Eckardt da. (Die brisante Frage, ob sie dafür sein Ticket benutzten konnte und die gleiche Maschine nahm, könnten viellicht die Investigativprofis vom „Stern“ recherchieren. Wenn sie aus der Zukunft zurück sind.)

Die Realität fühlt sich nicht an das „Vorabprotokoll“ des „Stern“ gebunden. Ich halte das für eine gute Nachricht.

Die spannende Reportage endet übrigens am Sonntagabend:

17.59 Uhr, Berlin-Mitte, Wilhelmstraße.

Jörg Schönenborn wischt jetzt auf seinem Touchscreen zwei Grafiken ins Bild. Er hat die Digitaluhr im Blick, auf der die letzten Sekunden bis 18 Uhr leuchten. Schönenborn holt noch mal Luft und beginnt: „Jetzt in der Prognose von infratest dimap für die ARD: CDU/CSU …“