Archiv zum Stichwort: stern.de

stern.de: Anatomie einer Attrappe (3)

20 Mai 11
20. Mai 2011

Der Braanchendienst „Meedia“ hat mit Chefredakteur Frank Thomsen über meine Kritik an stern.de gesprochen. Thomsens Kernaussage ist möglicherweise:

Eine News-Seite ist ein komplexes Gebilde aus verschiedensten Dingen, die auch gewürdigt werden von Usern.

Die Tatsache, dass stern.de systematisch Bildergalerien, Videos, aber auch Artikel vervielfältigt und umdatiert und so zum Beispiel auch eine vier Jahre alte Falsch-Meldung als aktuell ausgibt, hält Thomsen für „sehr tiefgehende Technik-Diskussionen und viel Klein-Klein“. Das Veröffentlichungsdatum eines Artikels für das Veröffentlichungsdatum eines Artikels zu halten, nennt er ein „Missverständnis“.

stern.de: Anatomie einer Attrappe (2)

19 Mai 11
19. Mai 2011

„Ein Stadtplan auf dem Rücken“ betitelt stern.de den Bericht, dass sich Xavier Naidoo keinen Stadtplan auf seinen Rücken tätowieren lassen will, aber das ist nicht das Merkwürdigste daran. Über dem Artikel steht das Datum „17. Mai 2011″, aber im Text heißt es:

Wenn [Naidoo] am 7. Dezember mit seiner neuen Single „Was wir alleine nicht schaffen“ bei der Verleihung der Auszeichnung Eins Live Krone 2006 auftritt, könnte er bereits die ersten Umrisse der Tätowierung präsentieren.

Der Artikel ist viereinhalb Jahre alt. Am 14. November 2006 hatte ihn stern.de erstmals veröffentlicht. Passend zu einem aktuellen Videointerview mit Xavier Naidoo holte man ihn aus dem Archiv, gab ihm eine neue Internetadresse und das aktuelle Datum.

Das hat Methode.

Ein Reuters-Video über die Verurteilung des Hauptangeklagten in einem großen Missbrauchs-Prozess hat stern.de schon mindestens dreimal veröffentlicht — jeweils verknüpft mit einem aktuellen Artikel und versehen mit einem neuen Datum (was in diesem Fall besonders verwirrend ist, weil im Vorspann die Rede davon ist, dass das Gericht „am Dienstag“ entschieden habe, was jemanden, der sich auf stern.de darüber informieren wollte, wann das tatsächlich war, vor größere Probleme stellen würde):



Wenn auf stern.de bei einem Video mit heutigem Datum steht, dass die Nato „in der vergangenen Nacht“ Luftangriffe auf Tripolis geflogen hat, muss das nicht heißen, dass die Nato in der vergangenen Nacht Luftangriffe auf Tripolis geflogen hat. Es kann auch sein, dass ein (mindestens) zwei Tage altes Video einfach umdatiert und unter neuer Adresse noch einmal veröffentlicht wurde. Wie hier:

stern.de setzt konsequent darauf, Text-Beiträge, Videos, Foto-Galerien und Extras zu einem Thema miteinander zu verknüpfen. Das ist theoretisch sinnvoll und praktisch. In der Form, wie stern.de es tut, ist es grotesk.

Irgendwann gestern muss stern.de eine Fotogalerie zum Kachelmann-Prozess veröffentlicht haben. Sie trägt den Namen „Staatsanwalt zitiert vertrauliche SMS“ und beginnt mit Fotos vom gestrigen Prozesstag. Später folgen auch Aufnahmen und Notizen von früheren Prozesstagen. Insgesamt sind es aktuell 58 Fotos.

Offenbar wird diese Galerie seit dem ersten Prozesstag immer wieder ergänzt. Vor allem aber: Sie wird jedesmal, wenn stern.de einen neuen Artikel veröffentlicht, zu dem sie inhaltlich passt, neu veröffentlicht, mit einer eigenen Internet-Adresse und dem jeweiligen Datum. Ich vermute, die folgende Auflistung ist nicht komplett:










Es ergibt sich auch der verblüffende Effekt, dass stern.de scheinbar schon im März Fotos veröffentlicht hat, die erst im Mai entstanden. (Mögliche Schäden im Raum-Zeit-Kontinuum gleichen aber die Videos aus, die sich — wie oben beschrieben — auf einen Vortag beziehen, der bereits Wochen zurück liegt.)

Immerhin kann ich jetzt die Behauptung des Gruner+Jahr-Vermarkters halbwegs nachvollziehen, stern.de sei das „bildstärkste publizistische Angebot im deutschsprachigen Internet“ und veröffentliche „täglich rund 600 neue Fotos“. Die zählen einfach bei jeder Wiederveröffentlichung neu.

So simuliert der „Stern“ also ein richtiges Internet-Angebot, ohne das Geld für ein richtiges Internet-Angebot ausgeben zu müssen. Er konzentriert seine Energien auf das Importieren und Umschreiben günstiger Agenturtexte. Und er recyclet seine Inhalte so, dass sie — für den flüchtigen Leser, aber sicher auch für Suchmaschinen — immer wieder neu erscheinen.

stern.de: Anatomie einer Attrappe

18 Mai 11
18. Mai 2011

Auf den ersten Blick ist es leicht, stern.de mit dem hochwertigen journalistischen Angebot zu verwechseln, als das es sich ausgibt. Auf der Startseite verbinden Fotos aktuelle Themen zu großen Blöcken; im Inneren sprudeln rund um die Uhr die Nachrichten.

Der Verlag Gruner+Jahr nennt stern.de „eine Art ‚Antwortmaschine‘ von Menschen für Menschen. Alle Nachrichten werden auf ihre Bedeutung für den User fokussiert und mit weiterführenden multimedialen Inhalten verlinkt“. Der Werbevermarkter ems schreibt, stern.de richte sich „an alle, die aktuelle Themen nicht nur wissen, sondern deren Bedeutung für ihr Leben verstehen wollen“. Chefredakteur Frank Thomsen zählt seine Seite zur „Spitzengruppe“ der „News-Websites“.

Nun.

367 Artikel hat stern.de gestern veröffentlicht. Knapp 300 davon sind Agenturmeldungen, die vollautomatisch in den „Nachrichtenticker“ von stern.de einfließen. Es verbleiben 76 Artikel (Übersicht).

Davon sind:

  • 33 Text-Meldungen von Nachrichtenagenturen
  • 23 Videos der Nachrichtenagentur Reuters
  • 4 Promotion-Artikel für „Stern-TV“
  • 3 Übernahmen aus anderen Medien (RTL, „Finanztest“, FTD)
  • 5 Bilder-Galerien

Es verbleiben:

  • 8 Eigenberichte

Die mehr oder weniger eigenen Berichte sind:

Davon müsste man jetzt, streng genommen, noch den Artikel über die neuen Gepäckregeln bei der Lufthansa abziehen, der vor allem aus der — teils wörtlichen — Übernahme einer Lufthansa-Pressemitteilung besteht.

Die eigene journalistische Leistung von stern.de bestand gestern also im Wesentlichen aus einem Videointerview mit den Söhnen Mannheims, einem Stück über die Bundeswehrreform und einem Artikel über Kritik an Vogelruf-Apps.

Nun steckt natürlich auch in den Agenturmeldungen, die stern.de nicht bloß in den Nachrichtenticker fließen lässt, Arbeit. Die Redaktion redigiert oder kürzt sie, baut Links zu eigenen Seiten und Quellen ein und denkt sich gelegentlich originelle Überschriften aus. Die Meldung, dass sich Xavier Naidoo keinen Stadtplan auf seinen Rücken tätowieren lassen will, betitelt sie: „Xavier Naidoo: Ein Stadtplan auf dem Rücken“.

Das war an einem zufälligen Tag (gestern) das Internetangebot des „Stern“: Knapp sieben eigene Artikel und fünf Bildergalerien, angereichert mit Hunderten von Agenturen eingekauften Meldungen, die exakt oder annähernd wortgleich überall sonst stehen.

Das Online-Angebot des „Stern“ hat sich in den vergangenen Jahren von einem großen Teil seiner Mitarbeiter und ungefähr jedem inhaltlichen Anspruch verabschiedet. Als nicht mehr genug Leute da waren, um damit die acht Textressorts zu füllen, löste man die Ressorts auf. Unter den Namen „Projekt Blau“ wurde das zur strategischen Entscheidung verbrämt. Seitdem gibt es nur noch die Ressorts Nachrichten und Wissen — sowie anscheinend eine Stabsstelle, die sich überraschend Formulierungen über die Arbeitsweise der Redaktion ausdenkt, die weitestmöglich von der Realität entfernt sind. So sagte Frank Thomsen im vergangenen Jahr im Braanchendienst „Meedia“:

Wir wollen künftig mutiger auswählen, entschiedener im Umgang mit den News sein. Wir werden uns redaktionell auf die Topthemen konzentrieren und dazu mehr und vertiefende Inhalte anbieten. (…) Der Grundgedanke lautet: mehr in die Tiefe als in die Breite denken und lieber am Rand etwas weglassen. Austauschbare Nachrichten gibt es genug. (…) Wir setzen auf die großen Themen, hier wollen wir Fachkompetenzen bündeln.

Das wäre eigentlich ein treffender Werbeslogan für stern.de: „Austauschbare Nachrichten gibt es genug, und bei uns stehen sie alle!“

Dass auf stern.de praktisch keine wertvollen Inhalte stehen, ist kein Versehen, sondern Absicht. Beim „Stern“ ist man überzeugt, dass das das Schlimmste wäre, das man tun könnte: Dinge mit Wert für den Nutzer kostenlos abgeben. Deshalb finden sich praktisch keine Inhalte aus der Zeitschrift auf stern.de. Und deshalb lassen sich die meisten „Stern“-Redakteure auch nicht dazu herab, für stern.de zu schreiben.

Erstaunlicherweise nennt stern.de-Chefredakteur Frank Thomsen sein Angebot dennoch ein „modernes journalistisches Angebot, das u.a. junge Zielgruppen an die Marke stern bindet und das Geld verdienen soll“. Woher Menschen, die Medien eher im Internet als auf Papier konsumieren, ahnen sollen, dass es sich beim „Stern“ nicht um eine Illustrierte handelt, in der eine Agenturmeldung an die andere gereiht wird, bleibt bei diesem Vorgehen, das man nicht einmal euphemistsich „Strategie“ nennen möchte, natürlich offen.

Das Online-Angebot des „Stern“ ist die Antwort des Verlags Gruner+Jahr auf die Frage: Was machen wir im Internet, wenn wir nichts im Internet machen wollen? Es ist der Versuch, mit überwiegend eingekauftem Allerweltsmaterial durch geschickte Verpackung ein eigenständiges Medium zu simulieren. Relevanz ist dabei verzichtbar, solange die Reichweite stimmt.

Und tatsächlich steigen gerade die Besucherzahlen von stern.de. Es ist der Rumpfproduktion offenbar gelungen, ihren aufgemotzten Agenturticker so zu präsentieren, dass er von Google und vielen Lesern tatsächlich versehentlich für ein eigenständiges journalistisches Angebot gehalten wird. Man muss sie für diesen Erfolg bemitleiden.

Nachtrag / Korrektur 18:35 Uhr. Ich hatte einen Artikel übersehen. Eine ganz exakte Zählung ist allerdings auch deshalb schwierig, weil stern.de das Veröffentlichungsdatum teilweise nachträglich zu ändern scheint.

Unverbesserlich

12 Nov 09
12. November 2009

(Bitte beachten Sie wieder das passende Gewinnspiel.)

Entspanntere Wahlabende mit stern.de

31 Aug 09
31. August 2009

„Aktuelle News“ steht in der Titelzeile über der Startseite von stern.de, und das ist nicht nur ein alberner Pleonasmus, sondern bezeichnet ziemlich genau, aus welchem Geschäft sich der Online-Ableger des „Stern“ spätestens mit dem jüngsten Relaunch verabschiedet hat.

Ich hätte ja, ehrlich gesagt, größere Summen darauf gewettet, dass zum Beispiel am vergangenen Abend dort außer einem Pförtner niemand arbeitete. Aber Ralf Klassen, der Vize-Chef, twitterte gegen 17 Uhr:

In der Redaktion, noch knapp eine Stunde bis zu den ersten Prognosen der Landtagswahlen. Wir basteln an mehreren Szenarien… #Farbenlehre

Kurz darauf ergänzte er:

Erste Hürde genommen: Unsere super-schöne Wahlgrafik ist online. Zurzeit noch Umfragen, ab 18 Uhr mit aktuellen ARD/ZDF-Werten www.stern.de

Ich weiß persönlich nicht so genau, was für Kunststücke die ungezählten anderen Online-Medien vollbringen, auf deren Seiten schon seit Jahren an Wahlabenden aus Hochrechnungen und Ergebnisse Säulen– und Tortendiagramme werden. Ich weiß nur, dass die „super-schöne Wahlgrafik“ von stern.de dann zum Beispiel so aussah:


Aber das war nicht das eigentlich Frappierende an der Berichterstattung von stern.de am Wahlabend. Das eigentlich Frappierende an der Berichterstattung von stern.de am Wahlabend war, dass sie praktisch nicht stattfand.

Dies ist der Kopf der stern.de-Titelseite (die am Nachmittag noch wie die Wahlplattform der CDU-Sachsen aussah) um 18.34 Uhr:

Der Text dahinter ist eine knappste Zusammenfassung der Ergebnisse in den drei Ländern (mit einem weiteren Jemand-wirft-einen-Wahlzettel-in-die Urne-Bild als Illustration); die zweite verlinkte Geschichte ist ein vor der Wahl geschriebenes Erklärstück.

Dabei blieb es im Wesentlichen.

Um 19.06 Uhr war immerhin eine Fotostrecke hinzugekommen:

Und um 19.43 Uhr war der inaktuelle Zweittext, der rechts unten angeteasert wurde, gegen ein anderes, drei Tage altes Stück ausgetauscht worden:

Um 20.10 machte die Seite, die ihr Chef Frank Thomsen für die „bildstärkste Nachrichtensite im deutschsprachigen Internet“ hält und der der Branchendienst turi2 „opulente Optik“ und „neuen Glanz“ attestiert, immer noch mit dem erschütternd nichtssagenden und zeitlosen Platzhalterwahlmotiv auf:

Bevor es wenige Minuten danach gegen ein anderes klassisch-langweiliges Vor-der-Wahl-Foto von Wahlplakaten ausgetauscht wurde:

So etwas ähnliches wie aktuelle Berichterstattung bildete sich währenddessen nur in dem offenbar ohne weitere redaktionelle Betreuung vor sich hin arbeitenden „Newsticker“ ab:

An dem Wettlauf der Online-Medien nimmt stern.de nicht einmal mehr teil: In der aktuellen Berichterstattung beschränkt sich das Angebot — ergänzt um ein paar Kolumnen und Rubriken — inzwischen zum größten Teil auf Agenturmeldungen. Einzelne, gelegentlich herausragende Reportagen deuten an, was stern.de statt eines Nachrichtenportals sein könnte, aber auch nicht ist.

Bei stern.de kann man in diesen Wochen beobachten, wie es aussieht, wenn ein großes Medium den Glauben an das Internet (oder wenigstens seine Erlösmöglichkeiten) verliert. Und nachdem die News-Community „Tausendreporter“ und die Foto-Community „Augenzeuge“ bereits abgeschaltet wurden, kann es nicht mehr lange dauern, bis auch die Gaga– und Werberubrik „Shortlist“ den Gnadenschuss bekommt: Die Redaktion hat schon seit über zwei Monaten nichts mehr beigesteuert; auch von Lesern kommt kaum noch etwas, seit stern.de das dubiose Angebot kaum noch bewirbt.

Immerhin hat stern.de es im Lauf des Abends noch geschafft, eine Klickstrecke mit Archivfotos (!) und Reaktionen zu produzieren. Das Treffendste daran war die Anzeige darüber…

…die allerdings für die Zeitung „Die Welt“ wirbt.