Tag Archive for: stern.de

Geht sterben (7)

07 Jun 09
7. Juni 2009

Es hat etwas merkwürdig Irreales, von einer Veranstaltung zurückzukehren, auf der Journalisten zwei Tage lang über Qualitätsjournalismus geredet haben, über die Notwendigkeit, eigene Geschichten zu erzählen, unverwechselbar zu sein und Fakten zu überprüfen, über die Gefahren, einfach irgendwelche Meldungen zu übernehmen oder irgendwelchen Bloggern zu trauen, über die Möglichkeiten, im Internet Geld zu verdienen und die eigene unverzichtbare Aufgabe notfalls von Stiftungen oder dem Staat finanzieren zu lassen…

…und dann mit der real existierenden journalistischen Qualität und Vielfalt der professionellen Online-Medien konfrontiert zu werden:












Ist es nicht beeindruckend, in welchem Maße vermeintliche Qualitätsmedien bereit sind, ihre ebenso vermeintlich guten Namen über Inhalte zu setzen, über die vor der Veröffentlichung kein Mitarbeiter von ihnen auch nur eine Zehntelsekunde drübergeschaut hat? Und ist es nicht beeindruckend, in welchem Maße vermeintliche Qualitätsmedien glauben, es sei eine gute Idee, ihre Online-Angebote automatisch generiert mit exakt den Inhalten zu füllen, die wortgleich, fehlergleich überall, überall, überall sonst stehen?

[via „Medium Magazin“]

Nachtrag, 9. Juni. Nach 36 Stunden sind die „Westfälischen Nachrichten“ die einzigen, die es geschafft haben, den falschen Text einfach durch die richtige dpa-Meldung zu ersetzen. Die Online-Ableger von „Stern“, „Zeit“ und „Berliner Zeitung“ halten weiter an Beyoncé fest.

Pöbeljournalismus (2)

13 Mrz 09
13. März 2009

stern.de-Redakteur Gerd Blank reagiert auf meine Kritik:

Pöbeljournalismus

12 Mrz 09
12. März 2009

Gerd Blank ist Profi. Er arbeitet als Redakteur im Ressort „Digital“ bei stern.de. Da weiß er natürlich besser als andere, wie man angemessen mit sowas wie Twitter umgeht. Als gestern die ersten Meldungen von einem Amoklauf einliefen, fand er gleich die richtigen Worte:

Mist, Amoklauf an einer Schule im baden-württembergischen Winnenden. Es gab wohl Tote.

Ja, Mist.

Nun dürfen bei Twitter leider nicht nur Profis wie Gerd Blank Kurznachrichten veröffentlichen, sondern jedermann. Sogar Nicht-Journalisten. Oder, wie Gerd Blank diese Leute nennt: der „Pöbel“. In einem Artikel auf stern.de klagt er:

Wenn der Pöbel gleichzeitig zum Nachrichtenempfänger und Versender wird, bleibt häufig viel auf der Strecke.

Und konkret:

Schnell wird klar, man weiß nichts und will darüber reden. Wo für so ein Geschwätz früher nur Hausflur oder Supermarkt blieben, erlaubt das Internet nun die ungefilterte Verbreitung. Natürlich stecken zwischen den unzähligen Informationen häufig auch Falsch- und Spaßmeldungen, es fällt schwer, den Unterschied zwischen echter Nachricht und Unsinn zu bemerken.

Selten ist stern.de so treffend beschrieben worden. Leider ist Twitter gemeint.

Blank weiter:

Doch das Problem ist häufig nicht alleine die Nachricht, sondern wie mit ihr umgegangen wird. Während ausgebildete Journalisten eigentlich wissen, wie mit Namen, Adressen und Bildern umgegangen werden darf, erfährt man bei Twitter schnell, wie der mutmaßliche Täter heißt. Das Elternhaus wird in aller Pracht gezeigt, und damit man es auch findet, gibt es den Link zur Adresse dazu. Der Pressekodex gilt halt für die Presse, und nicht für ein Medium, welches von vielen fälschlicherweise als die Zukunft des Journalismus betrachtet wird.

Ach: Der Pöbel zeigt im Internet einfach das Elternhaus des Amokschützen? Dieses Haus?

Und der Pöbel verrät im Internet gleich die Adresse dazu? Dieselbe Adresse, die heute unter anderem in der „Berliner Zeitung“ steht, in einem Artikel, der mit der Ortsmarke „Weiler zum Stein“ und den Worten beginnt: „Das Einfamilienhaus an der         straße 3 hat rote Dachziegel, beige Wände, schmutzige Dachfenster“?

Und der Pöbel nennt direkt den ganzen Namen des Amokläufers? Jenen Namen, der heute auf den Seiten eins, zwei und drei der „Süddeutschen Zeitung“ steht?

Immerhin schaffte es die Realität, für einen winzigen Moment ein Schlupfloch in die Wahrnehmung von Gerd Blanks ansonst vollständig mit der Verarbeitung der kognitiven Dissonanz beschäftigtem Gehirn zu finden und schmuggelte ein „eigentlich“ in den Satz: „Während ausgebildete Journalisten eigentlich wissen, wie mit Namen, Adressen und Bildern umgegangen werden darf … .“ Natürlich hätte er „wissen müssten“ schreiben müssen, aber dann wäre zu offensichtlich geworden, dass sein ganzer Text über den „Pöbel“ und wie die verfluchten Amateure unsere schöne Informationswelt kaputt machen und das „Jeder-kann-mitmachen-Internet seine Fratze zeigt“, eine einzige Heuchelei ist.

PS: Falls Sie zufällig auf der Suche nach der dümmsten Fotostrecke zum Thema sind, urteilen sie nicht, bevor Sie diese Galerie auf stern.de gesehen haben. Und wenn Sie sich fragen, ob stern.de sich wohl die Rechte an diesen Fotos besorgt hat — seien Sie unbesorgt: Für stern.de gilt ja eigentlich das Presserecht.

[via Spreeblick]

Neues von deutschen Klickproduzenten

20 Feb 09
20. Februar 2009

stern.de, das Online-Angebot des „Stern“, das das Ziel, so erfolgreich zu werden wie der „Spiegel“, mit dem Ehrgeiz getauscht hat, so trashig zu werden wie „RP-Online“, hat aus der britischen Boulevardzeitung „The Sun“ die Geschichte über den Briten abgeschrieben, der meint, Atlantis entdeckt zu haben — bei Google Earth seien die Spuren westlich von den Kanaren als Relief auf dem Meeresboden zu erkennen. (Die Sache hat sich inzwischen aufgeklärt.)

Für ein Angebot mit dem Anspruch von stern.de ist das natürlich nur ein Thema, wenn man eine mindestens sechsteilige Bilderstrecke daraus machen kann. Ist in dem Fall aber leicht:






Nachtrag, 17:05 Uhr. Ralf Klassen, der Vizechef von stern.de, antwortet in den Kommentaren.

· · ·

Dann schalten wir doch gleich weiter zum schon erwähnten Online-Auftritt der „Rheinischen Post“. Seit sich die Sängerin Rihanna und ihr Freund vor knapp zwei Wochen gestritten und er sie geschlagen haben soll, steht das „R“ in RP-Online für „Rihanna“. Gesicherte Fakten sind zwar dürr, aber zum Glück meldet sich jeden Tag irgendein anonymer Bekannter von einem der Beteiligten zu Wort und anscheinend klicken die Menschen das Thema wie blöd, so dass RP-Online tut, was RP-Online halt tut (und schon bei Salma Hayek letztens so gut funktioniert hat):








· · ·

Beim Kölner „Express“ hat man unterdessen etwas anderes Feines entwickelt, um die Page-Impressions künstlich in die Höhe zu treiben: Das Klickstrecken-Interview bzw. die Interview-Klickstrecke. Sieht dann zum Beispiel im Ansatz so aus:

Geht aber auch mit Uli Hoeneß:

Die Leute von express.de haben das übrigens so geschickt konstruiert, dass man am Ende der Interviews vorne wieder rauskommt, so dass man sich leicht versehentlich zweimal durchklickt, bevor einem eine gewisse Redundanz auffällt.

[mit Dank an Kaspar Klippgen, Jan Miebach und Paul Neuhaus]

Die Mehldung des Tages

05 Feb 09
5. Februar 2009

Stern.de:

(Original, Witzerklärung, Bonustrack.)

Nachtrag, 18.50 Uhr. Nun hat stern.de Fluor in Mehl verwandelt.