… auf die Frage: »Wer glaubt denn schon, was in der ›Bild‹-Zeitung steht?«

(»Süddeutsche Zeitung«, Panorama-Seite, 23. Juli)
[mit Dank an Stefan K.!]
… auf die Frage: »Wer glaubt denn schon, was in der ›Bild‹-Zeitung steht?«

(»Süddeutsche Zeitung«, Panorama-Seite, 23. Juli)
[mit Dank an Stefan K.!]
Dinge, die so sind, wie man sich das immer gedacht hat, sind oft gar nicht so.
Die »Süddeutsche Zeitung« zum Beispiel schrieb am vergangenen Freitag über »Ich bin ein Star, holt mich hier raus«:
Je gebildeter ein Zuschauer, desto weniger interessiert ihn die Dschungelshow, brachte die Zuschauerforschung hinsichtlich der beiden ersten Staffeln heraus. Es wird niemanden überrascht haben. Eigene Misere befördert die Bereitschaft, Gefallen an Programmen wie diesem zu finden, bei denen es am Ende eben um Erniedrigung, Zirkus, Gladiatorenkämpfe und um Sadismus geht.
Reflexion und Rache eigenen Nicht-Genügens und selbst erfahrener Kränkungen: Ich bin ein Star — Holt mich hier raus! ist das Fernsehen der Gekränkten und Beleidigten.
Das ist ein bisschen kurzgeschlossen von »wenig Bildung« auf »eigene Misere«, aber abgesehen davon: Stimmt das überhaupt? Ist die Dschungelshow eine Sendung für Doofe? Für Leute, die es nicht geschafft haben, einen so tollen Job zu haben wie die Autorin der »Süddeutschen Zeitung«?
Nicht ganz. In der merkwürdigen Debatte vor drei Jahren über das angebliche »Unterschichtenfernsehen« schon sagte der damalige RTL-Geschäftsführer Gerhard Zeiler: »Die Dschungelshow haben mehr junge Akademiker eingeschaltet als die Tagesschau.«
Und auch bei der dritten Staffel, die am Freitag begann, geben die Zahlen wenig Anlass, von oben auf das Publikum herabzuschauen. Die »Süddeutsche« hat zwar grundsätzlich Recht: Leute mit Abitur haben die ersten drei Shows weniger eingeschaltet als die nicht so gebildeten Menschen. Aber auch in dieser Gruppe betrug der Marktanteil 23,3 Prozent — mit anderen Worten: Fast jeder vierte Unter-50-Jährige mit Abitur, der zu dieser Zeit den Fernseher anhatte, schaute »Ich bin ein Star, holt mich hier raus«. (Alle Angaben beziehen sich auf 14– bis 49-Jährige.) Auch nach dem beruflichen Status sortiert gibt es bei den Marktanteilen zwar ein Gefälle hin zur Elite, aber kein massenhaftes Abschalten. Ein Misserfolg ist die Dschungelshow nur bei den Über-50-Jährigen: Bei ihnen betrug der Marktanteil gerade einmal 9,6 Prozent.

Die Lust der Gutgebildeten und beruflich Etablierten auf den vermeintlichen Trash zeigt sich auch in absoluten Zahlen. Bei den jungen Leitenden Angestellten, Beamten und Selbstständigen waren die ersten beiden Folgen von »Ich bin ein Star…« die meistgesehenen Sendungen des Wochenendes (14– bis 49-jährige, Freitag bis Sonntag). Zum Vergleich: »Anne Will« sahen am Sonntag 50.000 Menschen aus dieser Alters– und Berufsgruppe; die dritte Folge von »Ich bin ein Star«, die etwas später begann, 120.000.
Ein ähnliches Bild ergibt sich bei den 14– bis 49-Jährigen, die mindestens Abitur haben: In der Hitliste lagen an den drei Tagen »Tagesschau«, »Die Insel«, »Die Bourne Identität«, »Polizeiruf 110″ und »Wilsberg« nach absoluten Zahlen vorne — aber dann folgten die Freitags– und Samstagsausgabe der Dschungelshow, weit vor Sendungen wie »heute journal«, »Weltspiegel« oder »Politbarometer«.
Man kann es natürlich, wenn man will, für entsetzlich halten, dass selbst kluge und gut situierte Menschen solchen Schrott gucken. Man sollte nur nicht so tun, als wäre es anders.
»Sagen Sie mal, warum sind Sie eigentlich so fett: Ist das was Genetisches oder fressen Sie einfach so viel?«
…wäre natürlich auch eine interessante Einstiegsfrage für Dietmar Bär gewesen. Die »Süddeutsche Zeitung« hat es dann in ihrem Interview mit dem Schauspieler aber doch ein bisschen anders formuliert:
SZ: Herr Bär, wäre es vermessen zu vermuten, dass Sie gerne essen?
Dietmar Bär: Nee, das ist ziemlich richtig. Mit zunehmendem Alter, wenn man seine Erfahrungschichten übereinanderlegt, wird man ja Nahrungsspezialist.
SZ: Dann sitzen wir nicht grundlos in einem Café dieser Straße.
Bär: Wieso?
SZ: In dieser Straße gibt es ein indisches, ein chinesisches, ein französisches Restaurant, eine Weinhandlung, einen österreichischen Spezialitätenladen, ein Reformhaus, einen Öko-Bäcker und einen deutschen Metzger. Sie wohnen hier.
Sagen Sie jetzt nicht, das sei ja ein merkwürdiges Interview. Also, sagen Sie es nicht, bevor Sie nicht Bärs Erwiderung kennen:
Bär: Nee. Das hier ist Charlottenburg. Ich wohne inzwischen in Wilmersdorf (…).
Oookay. Für mich wäre dies der Punkt im Gespräch gewesen, an dem ich im Stillen zu mir gesagt hätte: Gut, dass du für eine Zeitung arbeitest, da kannst du den peinlichen Anfang einfach streichen.
Man kann sich aber natürlich auch dafür entscheiden, so eine Art Zeitungs-Live-Interview zu führen, in dem man auch den größten Unsinn, der sich ergibt (insbesondere wenn der Interviewer wild entschlossen ist, kein normales Interview zu führen, sondern ein genial irrlichterndes, auf dem Grat zum Wahnsinn jonglierendes Gespräch), einfach eins zu eins dokumentiert.
Und wenn ich »Unsinn« schreibe und »eins zu eins«, dann meine ich das nicht nur so als Floskel.
Bär: Sie haben sich Tee bestellt?
SZ: Ja.
Bär: Sind Sie auch Teetrinker?
SZ: Ja.
Bär: (Schaut auf die Uhr)
SZ: Mit Ihrer Agentin waren zwei Stunden vereinbart.
Bär: Ich gucke auf den Tee, wie lange er noch ziehen muss.
SZ: Oh.
Hat das was von Pinter?
Bei der folgenden Frage, gegen Ende des Gesprächs, weiß ich nicht einmal, ob ich in der Literaturwissenschaft oder der Psychologie nach Erklärungen suchen müsste, wie der zweite Satz zwischen die anderen gerutscht ist:
SZ: Sie haben einen Kölner Jubiläums-Tatort gedreht mit Ihrem Kollegen Klaus J. Behrendt. Deshalb trinken wir jetzt Tee. In diesem Film singt am Ende die Schauspielerin Anna Loos. Singt sie?
Ja, sie singt, schon seit vielen Jahren, aber reden wir doch lieber über Interessanteres.
Bär: Ich nehme noch einen Earl Grey.
SZ: Was ich überhaupt fragen wollte: Schauen Sie sich Kochsendungen an?
Bär: Klar. Besonders gerne Kerner.
SZ: Sicher wegen Johannes B. Kerner.
Bär: Wegen der vielen Köche, wegen der Folklore, die da im Zusammenspiel entsteht. Den Lafer habe ich sehr schätzen gelernt, und über allen steht Schubeck.
Hier endet das Gespräch.
Heute spielen wir Bildergalerienbingo mit der »Süddeutschen Zeitung«. Die hat ein Interview mit Sandra Maischberger geführt, und auf ihren Internetseiten präsentiert sie es in der schönsten journalistischen Form, die sie kennt: als zehnteilige Bildergalerie.
Das kann man an sich schon, nun ja: unfreundlich finden. Aber die Leute von sueddeutsche.de haben sich noch etwas besonderes ausgedacht: Es stehen nicht Frage und Antwort zusammen, sondern jede Seite endet mit einer Frage. Die Antwort folgt, wie bei einem Cliffhanger, erst nach dem Klick.
Bestückt ist die Bildergalerie, logisch: mit Bildern von Sandra Maischberger. Und als kleine Übung in Qualitätsonlinejournalismus versuchen Sie jetzt mal, die Fotos denjenigen Themenblöcken im Interview zuzuordnen, die sie bebildern:
| Abbildung: Maischberger mit… | Interview-Thema |
(A) Anke Engelke, Michel Friedman, Peter Scholl-Latour, Dt. Fernsehpreis |
(1) Nicht-Experten in Talkshows, Christiansen und Plasberg |
(B) Georg Kofler |
(2) Helmut Schmidt |
© Goldenem Panther, Bayerischer Fernsehpreis |
(3) Gästeakquise bei 4 ARD-Talkshows |
(D) Stefan Aust |
(4) Maybrit Illner |
(E) Dirk Bach, Moderation Dt. Fernsehpreis |
(5) Talk als Genre, Formatierung durch Plasberg |
So, Konzentration: Welcher Buchstabe gehört zu welcher Zahl?
.….….
Na, wenn es leicht wäre, könnte es ja jeder.
.….….
Nicht spicken!
.….….
Hm? Sie sagen, da muss was schiefgelaufen sein? Da passt gar kein Foto zu keinem Thema? Aber von wegen!
Die Lösung lautet:
Und bestimmt ist das für die Verantwortlichen von sueddeutsche.de irgendwie zwingend.
Im Ernst: Was wir da sehen, sind nicht mehr die unsicher umherirrenden Versuche einer großen seriösen Tageszeitung, ihren Platz im Internet zu finden, das sie mehr als jede andere Zeitung, die ich kenne, fast ausschließlich als einen verkommenen, unwirtlichen und gefährlichen Ort beschreibt. Dieses Angebot scheint nur noch ein Ziel zu haben: Möglichst viele Leute anzulocken, die dumm genug sind, auf alles zu klicken, was sich anklicken lässt, und mit allem zufrieden zu sein, was sie dahinter finden, und sei es nichts.
Unter jedem einzelnen Interviewfragment mit Sandra Maischberger steht bei sueddeutsche.de dies:

Und das Ressort Kultur macht aktuell, von oben nach unten, mit folgenden Geschichten auf:
Darunter folgt dann tatsächlich, unfassbarerweise, ein aktueller Artikel über das Filmfestival von Venedig. Es muss sich um ein Versehen handeln.
Betreff: Fragen zu Ihrem SZ-Artikel
Sehr geehrter Herr Boie,
es ermüdet mich ein wenig, die immer gleichen Zeitungstexte über die angeblich fehlende Relevanz von Blogs in Deutschland zu lesen. Ich weiß nicht, ob Zeitungen sich ihrer eigenen Relevanz dadurch versichern können, dass sie immer wieder ausführlich über etwas berichten, das nach ihrer eigenen Aussage so irrelevant ist. Und ganz bestimmt hilft es der Relevanz von Blogs nicht, sich immer wieder mit irrelevanten Zeitungsartikeln über Blogs zu beschäftigen.
Und doch: Ich kann es nicht lassen. Denn ich verstehe es nicht. Ich verstehe grundsätzlich nicht, warum viele Zeitungen sich Blogs einerseits mit einer solchen Hingabe widmen und ihnen andererseits nicht einmal ein Mindestmaß an Interesse entgegen bringen. Und ich verstehe konkret viele Aussagen in Ihrem Artikel nicht.
Sie kommen zu Ihrem ernüchternden Fazit über die deutsche Blog-Landschaft dadurch, dass Sie sie an extrem hohen Ansprüchen messen. Sie geben aber an keiner Stelle einen Hinweis darauf, wer diese Ansprüche aufstellt. Wer schon in der Überschrift »denkt«, deutsche Weblogs würden mehr bewegen. Und wessen »Erwartungen nicht erfüllt« werden.
Sie schreiben: »Vergrößerung [ist] das erklärte Ziel der deutschen Blog-Szene«. Wer hat dieses Ziel erklärt?
Sie schreiben: »Man will eine Alternative zu den etablierten Medien werden.« Wer will das?
Sie schreiben: »Großes Vorbild sind dabei die USA (…).« Wessen Vorbild?
Sie schreiben, man spreche bei dem »Teil der deutschen Bloggerszene, der überhaupt wahrgenommen wird«, »intern stolz von ›Blogosphäre‹«. Das passt natürlich gut zu dem Eindruck von dem Größenwahn und der Selbstüberschätzung, den Sie erwecken wollen. Ich glaube, dass weder die Worte »intern« und »stolz« noch die Behauptung überhaupt zutreffen.
Sie schreiben, Weblogs hätten großes Potential, denn: »Zahlreiche Nischen warten auf hochwertige Inhalte.« Sagen Sie mir ein paar dieser wartenden Nischen?
Sie nennen als gelungenes Beispiel für ein relevantes Blog »das Promi-Blog Viply«. Sie wissen sicher, dass es sich dabei um das Zweitverwertungs– und Eigenmarketing-Produkt einer Paparazzi-Agentur handelt, deren Fotos auch die etablierten Boulevardmedien füllen. Erklären Sie mir, worin die spezielle »gesellschaftliche Relevanz« dieses Angebotes besteht — und was die Mehrzahl der Blogger daraus lernen kann?
Sie schreiben: »Deutsche Leser wollen spezialisierte Angebote zu ihren Lieblingsthemen anstatt eines weiteren Versuches, klassische Zeitungen zu imitieren.« Woher wissen Sie das? Woraus schließen Sie das? Was sind die Lieblingsthemen der Deutschen? Und welche Blogs versuchen Ihrer Meinung nach, klassische Zeitungen zu imitieren?
Am Ende berufen Sie sich auf den Kommunikationswissenschaftler und Blogger Jan Schmidt und schreiben: »Die Öffentlichkeit von Weblogs bestünde in ihrer technischen Zugänglichkeit für jedermann. Keinesfalls aber besteht sie in ihrer gesellschaftlichen Relevanz.« Was heißt das: Die Öffentlichkeit von Weblogs besteht nicht in ihrer gesellschaftlichen Relevanz? Ich vermute, Sie wollen einfach sagen: Blogs sind da, aber unwichtig, aber das würde womöglich nicht relevant genug klingen für die »Süddeutsche Zeitung«.
Gleich zweimal hat sie Ihren Artikel online gestellt, mit unterschiedlicher Aufmachung und Überschrift. In beiden Fällen hat sie es nicht geschafft, auch nur ein einziges Blog zu verlinken. Dafür hat sueddeutsche.de eine zehnteilige Bildergalerie mit Screenshots (aber auch ohne Links) der »Top Ten« der »Deutschen Blogcharts« dazu gestellt. Erklärt wird das Zustandekommen dieser Hitparade von sueddeutsche.de so:
Analog zu den deutschen Musikscharts [sic!] gibt es auch die deutschen Blogcharts. Statt Media Control liefert die Echtzeit-Internet-Suchmaschinen [sic!] Technorati die Platzierungen über die populärsten Blogs des deutschsprachigen Raumes. Neben Auswertungen von Zugriffen auf Blogs ist die Zahl der Verlinkungen (Erwähnungen) eines Blogs innerhalb der Blogosphäre die wichtigste Messgröße.
Nein, die einzige. Die Zugriffszahlen spielen bei den Platzierungen in den Deutschen Blogcharts keine Rolle.
Vermutlich können Sie, Herr Boie, nichts für die Online-Präsentation Ihres Artikels. Aber würden Sie mir Recht geben, dass Kompetenz eine Voraussetzung für Relevanz ist?
Entschuldigen Sie die Polemik, aber es fällt mir schwer, nicht polemisch zu werden angesichts der Diskrepanz zwischen der Überheblichkeit und Selbstwahrnehmung der »Süddeutschen Zeitung« und der Realität ihrer Berichterstattung im und über das Internet. Ich würde mich freuen, wenn Sie trotzdem einige meiner Fragen beantworten würden.
Mit freundlichen Grüßen
etc.
(Herr Boie hat mir geschrieben, dass er gerade unterwegs ist und es mit einer Antwort deshalb ein paar Tage dauern kann.)