Dann reden wir mal über »Zensur«

Die Prä­si­den­ten der deut­schen Ver­le­ger­ver­bände haben einen gemein­sa­men Brief an die Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ten geschickt. Sie bekla­gen sich darin über die angeb­lich »irre­füh­ren­den Aus­sa­gen und unbe­grün­de­ten Behaup­tun­gen«, mit denen der Such­ma­schi­nen­an­bie­ter Google Stim­mung gegen das Leis­tungs­schutz­recht macht. Sie schreiben:

Jeder sollte wis­sen, Google ist noch zu viel mehr im Stande – ohne sich wie die deut­sche Presse der Wahr­heit ver­pflich­tet zu fühlen.

Die zweite Hälfte die­ses Sat­zes ist erstaun­lich. Die erste aber auch. Was wol­len Hubert Burda und Hel­mut Hei­nen mit die­sem Geraune andeu­ten? Wovor sol­len wir Angst und Panik haben?

Der Text, der gleich­zei­tig beklagt, dass Google »per­fide mit Angst und Panik arbeite«, lässt das bezeich­nen­der­weise offen. Aber einen Hin­weis, was gemeint sein könnte, lie­fert heute das »Han­dels­blatt«. Es schreibt:

Bun­des­jus­tiz­mi­nis­te­rin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) hatte wegen der Online­kam­pa­gne von Google indi­rekt zum Boy­kott des Such­ma­schi­nen­be­trei­bers auf­ge­ru­fen: »Es gibt noch andere Such­an­bie­ter als Google«, sagte sie dem Handelsblatt.

Google hat offen­bar dar­auf auf seine Weise rea­giert. Auf­fäl­lig war, dass ges­tern über Stun­den die aktu­elle Debatte über das Leis­tungs­schutz­recht und den Boy­kott­auf­ruf gegen Google der Jus­tiz­mi­nis­te­rin über eine Google-Suche nicht zu fin­den war. Bei Yahoo hin­ge­gen gab es bei glei­chen Stich­wor­ten sofort Tref­fer zur aktu­el­len Debatte. Manch einer im Jus­tiz­mi­nis­te­rium sprach darum ges­tern von »Zensur«.

Darin steckt ein unge­heu­rer Vor­wurf: Google soll Nach­rich­ten, die dem Unter­neh­men nicht genehm sind, ver­schwin­den las­sen. Das wäre in höchs­tem Maße alar­mie­rend. Falls das »Han­dels­blatt« die­sen Ver­dacht bele­gen kön­nen sollte, wäre es erstaun­lich, ihn nur eher unauf­fäl­lig am Ende eines Tex­tes zu brin­gen, der die unschein­bare Über­schrift »RTL for­dert kla­res Bekennt­nis zum Urhe­ber­recht« trägt.

Ein Google-Sprecher wies die »Handelsblatt«-Behauptung auf meine Anfrage zurück: »Ein sol­cher Vor­wurf ist durch nichts begrün­det und absurd.«

Aber dann reden wir doch mal über »Zen­sur«. Oder genauer: über das Ver­schwin­den­las­sen miss­lie­bi­ger Informationen.

Am Diens­tag­nach­mit­tag hat der geschäfts­füh­rende Direk­tor des Max-Planck-Institutes für Imma­te­ri­al­gü­ter– und Wett­be­werbs­recht eine Pres­se­mit­tei­lung ver­schickt. Sein Insti­tut, die Deut­sche Ver­ei­ni­gung für gewerb­li­chen Rechts­schutz und Urhe­ber­recht (GRUR) sowie meh­rere wei­tere Wis­sen­schaft­ler üben in einer Stel­lung­nahme ver­nich­tende Kri­tik an dem Gesetz­ent­wurf, der heute Nacht in ers­ter Lesung im Bun­des­tag bera­ten wer­den soll.

Die füh­ren­den deut­schen Zei­tun­gen haben ihren Lesern die Exis­tenz die­ser Kri­tik nam­haf­ter Fach­leute an dem geplan­ten Gesetz bis heute verschwiegen.

Es ist unwahr­schein­lich, dass sie ihnen nicht bekannt ist. Die Nach­rich­ten­agen­tur dpa hat erst­mals ges­tern Vor­mit­tag in einer Mel­dung dar­über berich­tet (»Wis­sen­schaft­ler: Leis­tungs­schutz­recht ›nicht durch­dacht‹«). In min­des­tens vier wei­te­ren dpa-Meldungen ist die Stel­lung­nahme erwähnt.

Trotz­dem steht kein Wort davon in der »Frank­fur­ter All­ge­mei­nen Zei­tung«, in der »Süd­deut­schen Zei­tung«, in der »Welt«, im »Han­dels­blatt« — alles Blät­ter, deren Ver­lage für ein Leis­tungs­schutz­recht kämp­fen und deren Redak­teure ges­tern und heute teil­weise wuch­tigst Google für seine ver­meint­li­che Des­in­for­ma­tion kri­ti­siert haben.

Es scheint nicht nur eine Platz­frage gewe­sen zu sein. Auch auf den Online-Seiten der »Frank­fur­ter All­ge­mei­nen Zei­tung«, der »Süd­deut­schen Zei­tung« und der »Welt« ist nichts von der Kri­tik zu lesen. (Nach­trag: Aus­nahme sind die auto­ma­ti­schen Newsti­cker, die auto­ma­tisch alle dpa-Meldungen über­neh­men.) Immer­hin bil­det das »Han­dels­blatt« hier eine über­ra­schende posi­tive Aus­nahme; auch »Spie­gel Online« hat über die Kri­tik berich­tet.

Aber in den über­re­gio­na­len Zei­tun­gen ist es, als gäbe es diese Stel­lung­nahme gar nicht. Als wäre die miss­lie­bige Infor­ma­tion »zen­siert« worden.

Das ist kein Einzelfall.

Als vor gut zwei Jah­ren in einem außer­ge­wöhn­li­chen Schritt 24 Wirt­schafts­ver­bände unter Feder­füh­rung des Bun­des­ver­ban­des der Indus­trie (BDI) eine »gemein­same Erklä­rung« her­aus­ga­ben, in der sie ein Leis­tungs­schutz­recht für Pres­se­ver­le­ger »voll­stän­dig« ablehn­ten, berich­te­ten dar­über weder die »Frank­fur­ter All­ge­meine Zei­tung« noch die »Süd­deut­sche Zei­tung« noch die »Welt«.

Die Leser der FAZ erfuh­ren von der Exis­tenz die­ser Kri­tik nur indi­rekt zwei Monate spä­ter. In einem Inter­view wies der Ver­le­ger­prä­si­dent Hubert Burda die Vor­würfe des BDI zurück — Vor­würfe, über die die FAZ nie berich­tet hatte.

So ist das: Was den gro­ßen renom­mier­ten deut­schen Zei­tun­gen bei ihrem Kampf für ein Leis­tungs­schutz­recht im Weg steht, fin­det in den gro­ßen renom­mier­ten deut­schen Zei­tun­gen im Zwei­fel nicht statt. Eine unab­hän­gige, von Eigen-Interessen unbe­ein­flusste Bericht­er­stat­tung kann man von ihnen nach­weis­lich nicht erwar­ten. Manch einer irgendwo könnte da schon von »Zen­sur« sprechen.

PS: Ich habe heute beim Zei­tungs­ver­le­ger­ver­band BDZV nach­ge­fragt, wie man denn die furcht­ein­flö­ßende Äuße­rung zu ver­ste­hen hat, dass Google »noch zu viel mehr im Stande« ist als die aktu­elle Kam­pa­gne. Die Antwort:

Google hat in Deutsch­land unbe­strit­ten eine markt­be­herr­schende Stel­lung. Das ver­setzt das Unter­neh­men in die Lage, diese Kam­pa­gne im eige­nen wirt­schaft­li­chen Inter­esse mas­sen­wirk­sam zu fah­ren. Zugleich zeigt Google damit das Instru­men­ta­rium vor, das nötig ist, jede wie auch immer gear­tete Kam­pa­gne mit höchs­ter Auf­merk­sam­keits­wir­kung durch den digi­ta­len Fla­schen­hals zu lan­cie­ren.
 
Man kann das, sehr geehr­ter Herr Nig­ge­meier, völ­lig in Ord­nung fin­den, man kann das, wie die Zei­tungs– und Zeit­schrif­ten­ver­le­ger, auf­grund der Vor­macht­stel­lung der Such­ma­schine im Inter­net aber auch für ein­sei­tig und des­halb bedenk­lich hal­ten. Unser Ziel ist es, eine ernst­hafte Debatte anzu­sto­ßen und die von Google gesetz­ten Bedin­gun­gen nicht ein­fach nach dem Prin­zip »Friss Vogel oder stirb« zu akzeptieren.

Barbra Wulff?

Mal klingt es her­ab­las­send mit­lei­dig, mal hämisch tri­um­phie­rend, aber für viele im Netz scheint fest­zu­ste­hen, dass Bet­tina Wulff den Streisand-Effekt nicht kennt.

Ähn­lich, wie das Wort »Shits­torm« inzwi­schen reflex­ar­tig benutzt wird, wenn sich mehr als drei Men­schen öffent­lich über etwas auf­re­gen, erschallt zuver­läs­sig der Ruf »Streisand!«, wenn jemand sich gegen unlieb­same Bericht­er­stat­tung wehrt und ihr gerade dadurch erst Auf­merk­sam­keit verschafft.

Benannt ist er nach der ame­ri­ka­ni­schen Sän­ge­rin, die mit einer Klage ver­hin­dern wollte, dass eine Luft­auf­nahme von ihrem Haus im Netz zu sehen war. Das Foto und seine Ver­bin­dung zu Streisand wurde erst dadurch einer grö­ße­ren Öffent­lich­keit bekannt. Statt sechs­mal wurde das Bild in der Folge hun­dert­tau­send­fach heruntergeladen.

Bet­tina Wulff, die Frau des frü­he­ren Bun­des­prä­si­den­ten, soll nun also den glei­chen Feh­ler gemacht haben. Es geht um das Gerücht, sie habe frü­her als Model im Rot­licht­mi­lieu gear­bei­tet. Dadurch, dass sie gegen Medien und Inter­net­sei­ten vor­geht, die die­ses Gerücht ver­brei­tet hat­ten, hät­ten viele Men­schen über­haupt erst von die­sem Gerücht erfah­ren. Ihr Ver­such, eine Infor­ma­tion aus der Welt zu schaf­fen, habe dazu geführt, diese Infor­ma­tion erst recht zu verbreiten.

Nun ist die­ser Streisand-Effekt oft eine gute Sache; eine gewal­tige und effek­tive gemein­same Trotz­re­ak­tion gegen Ein­schüch­te­rungs– und Ver­tu­schungs­ver­su­che. Seine Wir­kung wird aber gele­gent­lich im Netz unre­flek­tiert in einer Weise gefei­ert, die igno­riert, dass auf diese Weise auch berech­tigte Anlie­gen kon­ter­ka­riert wer­den kön­nen. Sel­ten ist die Grenze zwi­schen kol­lek­ti­ver Not­wehr und Selbst­jus­tiz eindeutig.

Warum sollte Bet­tina Wulff, ins­be­son­dere wenn die kol­por­tier­ten Geschich­ten über ihre Ver­gan­gen­heit schlicht unwahr sind, ent­spre­chende Behaup­tun­gen und Andeu­tun­gen hin­neh­men müs­sen? Wol­len wir, dass die Angst vor dem Streisand-Effekt dazu führt, dass sich Opfer von Lügen nicht gegen sie wehren?

Doch es geht in der Sache Wulff ohne­hin nicht um den Streisand-Effekt. Was sich jetzt schlag­ar­tig ver­brei­tet, ist nicht das Gerücht, dass Frau Wulff ein­mal im Rotlicht-Milieu gear­bei­tet haben soll. Was sich jetzt schlag­ar­tig ver­brei­tet, ist die Geschichte, wie Geg­ner von Chris­tian Wulff die­ses fal­sche Gerücht in die Welt gesetzt haben sollen.

Ein seit Jah­ren anhal­ten­des Rau­nen (»Hast du die Geschichte über Bet­tina Wulff gehört?«) wird ersetzt durch eine offene Spe­ku­la­tion über die Hin­ter­gründe die­ses Rau­nens. Es geht nicht mehr hin­ter vor­ge­hal­te­ner Hand darum, was Bet­tina Wulff angeb­lich gemacht hat, son­dern es geht in aller Öffent­lich­keit darum, was andere mit die­sem Gerücht gemacht haben.

Ganz anders als bei Bar­bra Streisand und ähn­li­chen Fäl­len hat Bet­tina Wulff durch ihre Klage die Kon­trolle über die Geschichte nicht ver­lo­ren, son­dern wiedergewonnen.

Not­wen­dig dafür war auch ein Gang an die Öffent­lich­keit, in die­sem Fall indi­rekt über die »Süd­deut­sche Zei­tung«, die die Hin­ter­gründe des Gerüch­tes — sicher in Abstim­mung mit Frau Wulff — jetzt öffent­lich machte.

Ob dabei jedes ein­zelne juris­ti­sche Gefecht, das Frau Wulff anstrengt, sinn­voll und hilf­reich ist, ist natür­lich eine andere Frage. Der Poli­tik­be­ra­ter Michael Spreng klatscht ihr Bei­fall dafür, dass sie auch gegen Gün­ther Jauch und Google vor­ge­gan­gen ist. Jauch hatte das Gerücht indi­rekt in sei­ner ARD-Talkshow zitiert; Google nennt Spreng einen »wil­li­gen Hel­fer«, der

völ­lig neu­tral natür­lich — jedem Ver­leum­der die Platt­form ver­brei­tert und die Ver­leum­dung ins Unend­li­che poten­ziert. Es ist nicht nur Bet­tina Wulff, son­dern allen Opfern von Ver­leum­dun­gen und üblen Nach­re­den zu wün­schen, dass ihre Klage gegen Google Erfolg hat und alle Ein­träge gelöscht wer­den müssen.

Es geht aber nicht um »Ein­träge«, die Google löschen soll. Es geht darum, dass Google durch seine Ver­voll­stän­di­gungs­funk­tion unbe­fan­ge­nen Nut­zern schon wäh­rend der Ein­gabe des Namens von Bet­tina Wulff ver­meint­lich pas­sende Such­be­griffe wie »Escort« oder »Pro­sti­tu­ierte« vorschlägt.

Diese Begriffe reflek­tie­ren keine Tat­sa­chen oder vor­han­de­nen »Ein­träge«, son­dern das, wonach die Men­schen suchen*.

Ein sol­cher auto­ma­ti­scher Algo­rith­mus hat das imma­nente Pro­blem, Gerüchte zu repro­du­zie­ren, wei­ter­zu­tra­gen und schein­bar zu bestä­ti­gen. Oft wird hin­ter den häu­fi­gen Such­an­fra­gen auch nicht ein­mal ein kon­kre­tes Gerücht ste­cken, son­dern nur Neu­gier und Wunsch­den­ken — so erkläre ich mir jeden­falls, bei wie vie­len Fuß­ball­spie­lern als pas­sen­der Such­be­griff »schwul« vor­ge­schla­gen wird.

Google kann aus die­sen Vor­schlä­gen nicht kon­se­quent die her­aus­fil­tern, die einen ver­leum­de­ri­schen Zusam­men­hang her­zu­stel­len schei­nen. Dazu müsste der Kon­zern selbst über­prü­fen, wel­che Wort­kom­bi­na­tio­nen erwie­sen wahre Sach­ver­halte beschrei­ben. Es dürfte auch schwer gelin­gen, eine voll­stän­dige Liste von Wör­tern anzu­le­gen, die wegen ihrer poten­ti­ell jus­ti­zia­blen Natur nie vor­schla­gen wer­den. Was müsste die umfas­sen? »Betrug«, »Pro­sti­tu­ierte«, »Bor­dell«, »krank«, »homo­se­xu­ell«, »Schein­ehe«, »Unter­halt«, »Baby«, »schwanger« …?

Google müsste rea­lis­ti­scher­weise die Ver­voll­stän­di­gungs­funk­tion kom­plett abschal­ten, wenn sie in kei­nem Fall etwas vor­schla­gen darf, was eine unzu­läs­sige Tat­sa­chen­be­haup­tung sug­ge­riert. Gibt es einen Anspruch dar­auf, zu erfah­ren, wonach alle ande­ren gesucht haben? Ich glaube nicht. Aber gibt es einen Anspruch dar­auf, zu ver­hin­dern, dass andere erfah­ren, wonach alle ande­ren gesucht haben? Ich bin mir nicht sicher.

Der Pro­zess wird inter­es­sant, aber ver­mut­lich ist die Auto-Complete-Funktion von Google spä­tes­tens in ein paar Tagen für Frau Wulff eh unpro­ble­ma­tisch. Sie wird ver­mut­lich immer noch Begriffe wie »Escort« zu ihrem Namen vor­schla­gen, aber die Such­er­geb­nisse wer­den zu Arti­keln füh­ren, in denen nicht mehr das damit ver­bun­dene Gerücht kol­por­tiert wird, son­dern die Geschichte erzählt wird, wie sie durch die­ses Gerücht unmög­lich gemacht wer­den sollte.

*) Nachtrag/Korrektur: Genau genom­men ist es laut Google eine Kom­bi­na­tion aus ein­ge­ge­be­nen Such­be­grif­fen ande­rer Nut­zer und von Google erfass­ten Seiten.

Geht sterben (10)

Ich komme gerade von einer Dis­kus­si­ons­ver­an­stal­tung, auf der meh­rere Chef­re­dak­teure öffent­lich gerät­selt haben, woran es liegt, dass immer weni­ger Men­schen für Jour­na­lis­mus zah­len wol­len. Und damit zu einem ganz ande­ren Thema.

Ges­tern Vor­mit­tag ist der Ent­wurf des Bun­des­jus­tiz­mi­nis­te­ri­ums für ein Leis­tungs­schutz­recht für Ver­lage bekannt gewor­den. Auf sueddeutsche.de berich­tete Heri­bert Prantl am spä­ten Nach­mit­tag:

Beim lange erwar­te­ten Gesetz­ent­wurf der Bun­des­jus­tiz­mi­nis­te­ri­ums han­delt es sich um einen soge­nann­ten Refe­ren­ten­ent­wurf, er wurde soeben an die ande­ren Minis­te­rien zur Stel­lung­nahme ver­schickt, mit einer sehr kur­zen Frist »im Inter­esse einer beschleu­nig­ten Bear­bei­tung bis 18. Juni«. Der Ent­wurf liegt der Süd­deut­schen Zei­tung vor.

Nun.

Der Ent­wurf stand am Vor­mit­tag, spä­tes­tens 10:26 Uhr, im Netz. Seit­dem liegt er dem gan­zen fucking Inter­net vor.

»Spie­gel Online«, »Zeit Online« und diverse räu­dige Blogs legen den Ent­wurf ihren Lesern per Link vor. Die »Süd­deut­sche Zei­tung« teilt ihren Lesern mit, dass ihr der Ent­wurf vorliegt.

Ver­mut­lich ist der SZ-Leser mit die­ser Infor­ma­tion glück­lich und stolz auf sein Blatt. Und falls wider Erwar­ten unter den Lesern von sueddeutsche.de der Ruf laut würde, auch das Ori­gi­nal lesen zu kön­nen, könnte der Online-Chefredakteur viel­leicht not­falls den Text aus­dru­cken, ein­scan­nen, vom Bild­schirm abfo­to­gra­fie­ren und twit­tern, ähn­lich wie neu­lich, »aus­nahms­weise umsonst«.

Noch tol­ler als die SZ treibt es das »Han­dels­blatt«, das in sei­ner Online­aus­gabe für sich nicht nur mit den Wor­ten zu wer­ben glaubt:

»Mit der Ein­füh­rung eines Leis­tungs­schutz­rech­tes soll dem neu ent­stan­de­nen Schutz­be­dürf­nis der Pres­se­ver­lage Rech­nung getra­gen wer­den«, heißt im Refe­ren­ten­ent­wurf des Bun­des­jus­tiz­mi­nis­te­ri­ums, der dem Han­dels­blatt (Frei­tag­aus­gabe) vorliegt.

Son­dern dem es nicht ein­mal zu doof war, vor die Mel­dung von 19:44 Uhr den Hin­weis »EXKLUSIV« zu bappen.

(»Exklu­siv« ver­mut­lich in dem Sinne, dass es der ein­zige Refe­ren­ten­ent­wurf zum Leis­tungs­schutz­recht ist, der dem »Han­dels­blatt« vorliegt.)

Nach­trag: sueddeutsche.de hat dem Arti­kel ges­tern fol­gen­den Satz und Link hinzugefügt:

Hin­weis und Update: Der Refe­ren­ten­ent­wurf kann auf der Web­site der »Initia­tive gegen ein Leis­tungs­schutz­recht« (Igel) nicht nur von der Süd­deut­schen Zei­tung ein­ge­se­hen wer­den.

James Lasts flauschige Subdominante

Was schenkt man jeman­dem, der schon alles hat?

James Last, der am Frei­tag sei­nen 80. Geburts­tag fei­erte, hat, nach allem was man weiß: Wohl­stand, ein Haus in Flo­rida, fami­liä­res Glück, beruf­li­chen Erfolg. Aber ein Text, wie ihn ihm Hel­mut Mauró in der »Süd­deut­schen Zei­tung« schenkte, ist zuvor bestimmt noch nicht über ihn ver­fasst worden.

(…) Der Titel­song »Happy Heart« löst dann tat­säch­lich auch ein, was ein glück­li­ches Herz aus­macht; zumin­dest einen bestimm­ten Typus davon: Der E-Bass, der spä­ter mehr grunzt als rülpst, da unter­schei­det sich James Last doch ein wenig vom Hard Rock, macht zunächst das Tram­po­lin, auf dem zwei kleine Bon­gos Luft­sprünge voll­füh­ren, vom zwei­ge­stri­che­nen g aus schleimt sich die E-Gitarre chro­ma­tisch ver­min­dert nach unten und lan­det unaus­weich­lich in C-Dur. Fröh­lich­keit pur, noch bevor der Song über­haupt begon­nen hat. Nun kommt das volle, bei James aber immer gut durch­ge­lüf­tete Schlag­zeug hinzu, federn­den Schrit­tes wie immer, dazu schleift die E-Gitarre die Melo­die­t­öne von unten an, zieht sie streng nach oben, sodass kleine Quiek­ge­räu­sche ent­ste­hen — ein fröh­li­ches Quie­ken glück­li­cher Schweine. End­lich stimmt das E-Piano die Melo­die an. (…)

Falls Sie das jetzt trotz die­ser genauen Beschrei­bung nicht unmit­tel­bar in den Ohren haben: Bit­te­schön.

Über die schon seit ein paar Tak­ten chro­ma­tisch anvi­sierte Septe im Bass, also dem Sekund­ak­kord, fällt das so bei­nahe klar erreichte D-Dur in die flau­schig aus­ge­brei­tete Sub­do­mi­nante, das reine G-Dur, das ein biss­chen nach fri­schem Heu riecht und sich anfühlt wie die hei­ßen Steine beim Mas­seur. Es ist exakt jene Du-Darfst-Erotik, die­ses Was­ser­tre­ten ohne Reue, die etwas ein­löst, was es sonst nur als Wer­be­ver­spre­chen gibt: Glück ohne Abgrund, Wurst ohne Fett, Liebe ohne Schmerz. (…)

Über 200 Zei­tungs­zei­len (bzw. eine fünf­tei­lige Bil­der­stre­cke) geht das so, bis der Arti­kel nach ein­zel­nen zeit­ge­mä­ßen sub­do­mi­nan­ti­schen Schlen­kern und syn­ko­pisch ver­setz­ten Metren ent­schlos­sen das Lenk­rad her­um­reißt hin zum zwei­ge­stri­che­nen K der Kryp­tik und mit den Sät­zen endet:

Es sind erle­sen skur­rile Momente im Meer des Glücks, in dem man­che oben schwim­men und andere sofort ertrin­ken. Bei­des möchte man nicht.

Ich habe den Text jetzt drei­mal gele­sen und bin trotz­dem kein biss­chen schlauer, ob er ernst­ge­meinte musik­wis­sen­schaft­li­che Ana­lyse eines Lebens­wer­kes sein will oder Par­odie dar­auf. Oder ob es sich um eine Geburts­tags­gir­lande han­delt, deren Witz darin besteht, sich aus­ge­rech­net dem Meis­ter des seich­ten Happy-Sounds mit dem fili­gra­nen Hand­werks­zeug des detail­ver­ses­se­nen Kri­ti­kers klas­si­scher Musik zu widmen.

In jedem Fall: gran­dios gaga. Schwim­men wir also ein­fach mit im Meer des Glücks, mit genü­gend Puste, um vor dem Ersau­fen noch ein paar sel­tene Tiefsee-Skurrilien auf­le­sen zu können.

Wei­ter mit Musik.

Eintrag von Stefan Niggemeier

Ich wollte da keine unnö­tige Ver­wir­rung stif­ten. Ich dachte, ich hänge ein­fach oben an das grüne Logo mei­nes Blogs ein rotes Schild, auf das ich den Namen von Nils Mink­mar schreibe, solange er hier mit­bloggt. Und dann krie­gen seine Blog-Einträge rote Über­schrif­ten und meine blei­ben grün. Zusätz­lich, dachte ich, schreibe ich über die Ein­träge von Nils Mink­mar »von Nils Minkmar«.

Ich hatte das für nar­ren­si­cher gehal­ten. Aber Bernd Graff, der Chef-Internetschlechtfinder von sueddeutsche.de, hat für die mor­gige »Süd­deut­sche Zei­tung« einen Arti­kel über Twit­ter und den Amok­lauf geschrie­ben, in dem es heißt:

(…) Nils Mink­mar, Feuille­to­nist der Fank­fur­ter All­ge­mei­nen Sonn­tags­zei­tung und der­zeit Ver­tre­tungs­blog­ger von Ste­fan Nig­ge­meier, griff die Frage nach der Ver­werf­lich­keit auf und ant­wor­tete: Ja, das sei »in jeder Hin­sicht unan­ge­mes­sen.« Er, Mink­mar, finde es falsch, »die Auf­merk­sam­keit vom Gegen­stand der Bericht­er­stat­tung auf den Bericht­er­stat­ter zu len­ken.« Eine Selbst­ver­ständ­lich­keit, sollte man meinen. (…)

Ich habe jetzt ein biss­chen Angst, dass ich Schuld bin, wenn Graff mit­be­kommt, dass der ent­spre­chende Ein­trag gar nicht von Nils Mink­mar ist, und er dar­aus einen wei­te­ren Beleg für die Schlech­tig­keit des Inter­net macht.

(Ande­rer­seits muss ich mich so wenigs­tens nicht fra­gen, was ich falsch gemacht habe, dass mir Graff zustimmt, weil er ja Nils Mink­mar zustimmt.)

Nach­trag, 22.25 Uhr. sueddeutsche.de hat den Feh­ler kurz, (mut­maß­lich) schmerz­los und trans­pa­rent korrigiert.

Nach­trag, 13. März. Ich habe es jetzt so ein­ge­rich­tet, dass — solange Nils hier mit­bloggt — auch über mei­nen Ein­trä­gen eine eigene Auto­ren­zeile ange­zeigt wird.