Tag Archive for: sueddeutsche​.de

Die Adventsklickmaschine von jetzt​.de

02 Dez 08
2. Dezember 2008

Sie scheint täglich größer zu werden, die Panik der Medien, aus ihren Internetangeboten womöglich nicht auch den allerletzten Klick herausgepresst zu haben. Bei jetzt​.de, dem Online-Jugendableger der „Süddeutschen Zeitung“, treibt die Verzweiflung gerade besondere Blüten. Gestern fand jedes Mitglied auf seiner persönlichen „jetzt-Page“, die ein Gästebuch enthält und verschiedene Möglichkeiten, sich anderen vorzustellen, plötzlich ein großes Bild wieder:

Es handelt sich, wie die Redaktion mitteilte, um einen „besonderen Adventskalender“: Um die Türen zu öffnen und zum Beispiel einen Fisch durch die Winterlandschaft springen zu lassen, muss man jetzt​.de viele Klicks schenken. Das passiert mithilfe des „jetzt.de-Weihnachtsspiels“, das Besucher von sueddeutsche​.de (und dieses Blogs) schon unter den Namen „Klick it like Beckham“ kennen. 

Zur Lösung sind mehrere Dutzend Klicks nötig, die von sueddeutsche​.de sämtlich als „PageImpressions“ an die zentrale Zählstelle der IVW geschickt und dann von Medienjournalisten und anderen Ahnungslosen gerne mit Ausweisen redaktionellen Erfolgs verwechselt werden. 

Die Begeisterung bei der sogenannten „Community“ über das Geschenk hält sich bislang in Grenzen: Viele Kommentatoren bitten um die Möglichkeit, die vorweihnachtliche Klickmaschine wenigstens auf ihrer jetzt.de-Page ausblenden zu können. Ihre Beschwerden verhallen bislang ohne Reaktion.

[mit Dank an Christoph Lauer!]

Nachtrag, 17:45 Uhr. Um 15:55 Uhr reagierte jetzt.de-Mitarbeiter Nico Wilfer in den Kommentaren:

Wir bringen sehr bald für Nichtsammler die Möglichkeit, den Adventskalender aus der jetztpage zu entfernen. Bitte entschuldigt, dass wir das nicht schon zum Start angeboten haben.

Die Schleichwerbelinks von sueddeutsche​.de

18 Nov 08
18. November 2008

Vor zwei Jahren hat das Kammergericht Berlin ein erfrischend klares und verbraucherfreundliches Urteil gefällt. Es stellte fest:

Ein Link, der aus einem redaktionellen Zusammenhang auf eine Werbeseite führt, muss so gestaltet sein, dass dem Nutzer erkennbar ist, dass auf eine Werbeseite verwiesen wird.

In dem Prozess ging es damals um Bild​.de.

Das Internetangebot einer Zeitung wie der „Süddeutschen“ müsste schon aus Sorge um seinen guten Ruf darauf verzichten, seine Leser mit solchen Tricks in die Irre zu führen. Sogar ohne juristischen Fingerzeig. 

Sollte man denken.

Aber sueddeutsche​.de bietet Werbekunden seit geraumer Zeit in verschiedener Form die Möglichkeit, sich gegen Geld unauffällig in den redaktionellen Inhalt zu schleichen. Im Ressort Fitness scheint es zur Zeit zum Beispiel ein Unterressort „Alles über Erkältung“ zu geben:

Nichts deutet vor dem Klicken darauf hin, dass sich dahinter kein Angebot von sueddeutsche​.de, sondern der Firma Bayer HealthCare verbirgt. Auch der verlinkte Artikel selbst ist nicht als Anzeige gekennzeichnet und sieht einer Nachrichtenseite von sueddeutsche​.de zum Verwechseln ähnlich — das Bayer-Logo in der Mitte sollte aber zumindest aufmerksameren Lesern einen Hinweis auf den wahren Charakter der Seite geben. 

Der Sparkassenverband Bayern hat das Schleichwerbeangebot von sueddeutsche​.de genutzt, um sich im Ressort München als (vor dem Klick) redaktionell erscheinender „Finanz-Check“ auszugeben: 

Und als redaktionelle Rubrik „Vermögen & Vorsorge“ tarnt sueddeutsche​.de im Ressort „Geld“ Werbung von einem Fonds-Anbieter — ohne dass der unbefangene Leser eine Chance hätte, vor dem Klicken zu erkennen können, dass es sich darum handelt. 

(Moment — habe ich weiter oben ernsthaft suggeriert, dass sueddeutsche​.de einen guten Ruf hätte?)

Egal, scheißegal, sueddeutsche​.de

14 Nov 08
14. November 2008

Thomas Knüwer hat ein weiteres schönes Beispiel für den Qualitätsjournalismus von sueddeutsche​.de — und das systematische Ignorieren der von der „SZ“ verhassten öffentlichen Wortmeldungen von Menschen, die dazu eigentlich nicht befugt sind (vulgo: Leser).

(…) Vor allem aber strotzt der Text vor Fehlern. Der neue 3-Sterne-Koch Sven Elverfeld vom „Aqua“ in Wolfsburg darf sich Elberfeld, Elversfeld und Elverfeldt nennen lassen und der Vorspann ist eine Text gewordene Drag-Queen:

Die Gourmet-Bibel „Michelin“ hat in seiner neuen Ausgabe für Überraschungen gesorgt — es hat den dienstältesten Drei-Sterne-Koch abgestuft.“

Nun können Fehler bekanntermaßen passieren. Auch viele Fehler. Und schlechte Texte. Interessant aber ist, was darunter abläuft. Gestern um 14.31 Uhr macht der erste Leser auf den Vorspann aufmerksam. Um 15.16 Uhr weist jemand auf die Namensproblematik hin. Um 15.37 folgt eine kleine Lästerei über das Angebot. Um 15.58 eine weitere. Heute morgen: noch eine. 

Nun ist es 23 Uhr am Donnerstag. Der Artikel ist rund 36 Stunden online. Seit 34 Stunden weisen Leser die Redaktion auf Fehler hin, die man wahlweise als „echt blöd“ oder „peinlich“ bezeichnen darf. 

Sueddeutsche​.de macht nichts. (…)

Nachtrag, 12:55 Uhr. Über 48 Stunden nach Veröffentlichung des Artikels hat sueddeutsche​.de die Fehler jetzt korrigiert. Was natürlich nicht bedeutet, dass jemand inzwischen aus der Redaktion in die Niederungen der eigenen Leserkommentare gestiegen sein muss.

„Zeitung Süddeutsche“

05 Nov 08
5. November 2008

Das ist schon einer der peinlicheren Fehler, die einer Zeitung wie der „Süddeutschen“ passieren können: In einem längeren Artikel über den Start von „Timm“, einem Fernsehsender für schwule Männer, den Chef des Projektes, Frank Lukas, konsequent Lukas Frank zu nennen. 



Auf sueddeutsche​.de steht der Name wenigstens unter dem Foto richtig (in der gedruckten Ausgabe ist der Artikel unbebildert). sueddeutsche​.de versucht zwar weiterhin, mit strengen Kommentaröffnungszeiten „die Qualität der Nutzerdiskussionen“ zu „moderieren“, ignoriert die lästigen Wortmeldungen der Idiotae aber im Übrigen einfach. Seit heute früh steht dort in den Kommentaren ein folgenloser Leserhinweis auf den falschen Namen. 

Bei „Focus Online“ gibt es übrigens nach den Worten von Chefredakteur Jochen Wegner seit einiger Zeit ein System, bei dem der Autor eines Artikels vom Moderator der Kommentare benachrichtigt wird, wenn ihm dort sachliche Fehler vorgeworfen werden. Der Autor werde dann solange immer wieder daran erinnert, bis er reagiert hat: entweder in Form einer Korrektur oder mit einer Antwort, warum die Darstellung richtig ist. 

Aber so eine Einrichtung ist doch vielleicht eher nur etwas für Qualitätsmedien.

[via Sebastian Dietrich]

Klickdoping mit 16 Buchstaben

15 Jul 08
15. Juli 2008

Ja, das wirkt sehr unspektakulär, das „gute alte Kreuzworträtsel“, das „Welt Online“ seinen Lesern täglich neu präsentiert. Der Clou ist unsichtbar: Das Spiel ist so programmiert, dass jeder einzelne Buchstabe, den ein Leser hier einträgt, als ein Seitenaufruf zählt. Eine einzelne Kniegeige verbessert die Bilanz von „Welt Online“ um fünf PageImpressions; wer das Rätsel komplett löst, produziert über 100 PageImpressions mindestens.

Das ist eine stattliche Zahl verglichen mit den Klicks, die sich durch einzelne Artikel oder sogar Bildergalerien produzieren lassen — vom minimalen Aufwand ganz zu schweigen. Und deshalb ist der Trick auch keine exklusive Erfindung von „Welt Online“. Der Online-Auftritt der „Süddeutschen Zeitung“ hat sein Sudoku genauso produziert: Jede einzelne Zahl, die in das Gitter eingetragen wird, wird als kompletter Seitenaufruf der IVW übermittelt, deren Werte die Standardwährung im Online-Werbegeschäft sind.

Dasselbe gilt für dieses Sudoku der „Zeit“:

Das Puzzle „Klick it like Beckham“, das sueddeutsche​.de in immer neuen Varianten auflegt, ist sogar so programmiert, dass jeder Spielzug gleich zwei Klicks produziert:

Mit allen Mitteln versuchen die Online-Medien die Zahl ihrer PageImpressions künstlich in die Höhe zu treiben, denn diese Zahl wird gerne fälschlicherweise für eine Messgröße für Erfolg und gar Qualität gehalten. Die Vermarkter werben mit ihr, Medienjournalisten erstellen Rankings und küren Sieger und Verlierer.

Das künstliche Aufblähen dieser Zahlen durch entsprechend programmierte Rätsel und Spiele widerspricht dabei nach Ansicht der IVW nicht einmal ihren Regeln. Danach gilt als PageImpression zwar nur, wenn durch die Aktion eines Nutzers (also einen Klick oder eine Eingabe) „eine wesentliche Veränderung des Seiteninhaltes“ bewirkt wird. Aber wenn da in einem Kreuzworträtsel nicht mehr „CELL“, sondern „CELLO“ steht, sieht die IVW darin schon eine „wesentliche Veränderung des Seiteninhaltes“.

Und man kann sich nicht einmal darauf verlassen, dass die auf diese Weise massenhaft produzierten PageImpressions in der IVW-Statistik unter „Spiele“ ausgewiesen werden. Die Medien dürfen sie auch als „redaktionellen Content“ deklarieren, in der Rubrik „Entertainment & Lifestyle“, als handele es sich um journalistische Inhalte. Das Sudoku von „Zeit Online“ zum Beispiel lässt auf diese Weise das redaktionelle Angebot attraktiver erscheinen als es ist.

Hans-Jürgen Jakobs, Chefredakteur von sueddeutsche​.de, mag darin kein Problem sehen: „Wie Sie wissen, bieten viele Zeitungen und Zeitschriften auf Papier Rätsel- und Sudoku-Ecken an, weil sie zurecht davon ausgehen, hier auf Publikumsinteresse zu stoßen. Sollen wir solche Formen ignorieren? Geht es nicht immer daran, eine Mischung anzubieten — aus Information, Investigation, Bildung und auch Unterhaltung?“

Per E-Mail teilte er mit mit: „Seien Sie versichert, dass wir uns — so wie die FAZ — ganz nach den Vorgaben der IVW richten.“ Nun ja: Die IVW hat angekündigt, eine frühere Version von „Kick it like Beckham“ kritisch zu überprüfen. Es handelte sich um eine Art Puzzle, das selbst dann eine PageImpression zählte, wenn das Puzzlestück, das der Leser einzusetzen versuchte, nicht passte und zurück an seinen alten Platz schnappte. Das entspricht womöglich nicht einmal nach Ansicht der IVW einer „wesentlichen Änderung“.

Auf meine Frage, ob er sich vorstellen kann, auf solches Klickdoping zu verzichten, wenn sich andere Verlage auch dazu verpflichten — analog seiner Forderung nach gemeinsamen Beschränkungen der Suchmaschinen-Manipulation — antworte Jakobs klar mit Nein: „Spiele habe ich nicht gemeint.“

In der Pressestelle der Axel-Springer-AG stellt man sich dumm, was die Problematik dieser Art von Klickdoping angeht, und erklärt, mein Anliegen „verwundere“ die Kollegen von „Welt Online“. Verlagssprecher Dirk Meyer-Bosse fügt hinzu: „Wir bewegen uns mit all unseren Angeboten auf WELT ONLINE, also auch mit Online-Spielen, voll und ganz im Rahmen der Richtlinien der IVW, mit der wir auch im engen Austausch stehen“.

Was Meyer-Bosse nicht sagt: Dieser „enge Austausch“ kann auch darin bestehen, dass die IVW die Zählung beanstandet. Neulich stellte sich heraus, dass „Welt Online“ die Klicks, die das Kreuzworträtsel generierte, als Zugriffe auf „Nachrichten“ auswies. Sicher waren die Kollegen von „Welt Online“ verwundert, als das herauskam.

Der Sprecher deutet aber zumindest begrenzte Aussagekraft der IVW-Zahlen an, indem er sagt, für „Welt Online“ sei „die wichtigste Zählgröße die AGOF“, eine repräsentative Studie, die aus verschiedenen Erfassungsmethoden die Reichweite der Online-Medien berechnet. (Das hindert Springer natürlich nicht, mit den durch groteske Klickstrecken und eben Kreuzworträtsel aufgepumpten PageImpressions regelmäßig zu prahlen.)

Im vertraulichen Gespräch räumen Verantwortliche von Online-Medien durchaus ein, dass das IVW-Verfahren Unsinn ist und die Zahlen nur noch wenig Aussagekraft haben. Auch bei der IVW sieht man die Notwendigkeit zur Reform. „Alle sind sich darüber im Klaren, dass wir daran gehen müssen“, sagt Online-Bereichsleiter Jörg Bungartz, der von einer „sich verschärfenden Problematik“ spricht. Als Beispiel nennt er auch Videos, die so programmiert sind, dass es schon als PageImpression gewertet wird, wenn der Zuschauer zwischendurch bloß die Pausetaste drückt. Immer wieder stelle sich die Frage: „Ist es das, was wir zählen wollen?“ Die IVW wolle aber nicht voreilig die Definitionen ändern, um einzelne Lücken zu schließen, sondern arbeite an einer zukunftssicheren Reform. Die ist für nächstes Jahr geplant.

Die Zeit, bis es soweit ist, können Sie ja nutzen, um bei faz​.net ihr Gehirn zu trainieren, zum Beispiel mit dem Silbenrätsel. Und ärgern Sie nicht, wenn Sie Fehler machen. Jeder einzelne Klick, sogar ein falscher, zählt als PageImpression und poliert die Online-Bilanz von faz​.net auf. Das ist doch auch was.