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SWR-Mitarbeiter beklagen „fehlenden Respekt vor Qualität“ in ihrem Sender

09 Mai 14
9. Mai 2014

Die schon vor dem Ereignis produzierte und publizierte Nachbesprechung einer SWR-Veranstaltung ist für manche Kritiker im Sender mehr als nur ein peinlicher Einzelfall. Der Betriebsverband der Gewerkschaft ver.di sieht in ihr ein Symptom für weitreichende Missstände im SWR. Er hat ein Papier verfasst, in dem er einen „Verfall guter journalistischer Sitten“ und einen „fehlenden Respekt vor Qualität“ beklagt:

Der SWR braucht eine Qualitätsdebatte!

Der ver.di-Betriebsverband schämt sich mit dem SWR für den „Vorab-Rückblick“ auf das SWR3-Grillfest. Es erscheint allein schon befremdlich, dass das einzige medienpolitische Magazin, das der SWR überhaupt hat, in einer Zeit großer medienpolitischer Umbrüche nichts Wichtigeres zu berichten hat, als eine Grillparty zu feiern. Aber in einem Interview durch einen vorgetäuschten „Rückblick“ falsche Tatsachen vorzugaukeln, ist für den SWR peinlich und gefährdet unser höchstes Gut: Die Glaubwürdigkeit.

Losgelöst davon, wäre es jedoch fatal, dies als einen bedauerlichen Einzelfall und als das Versagen einzelner MitarbeiterInnen oder einer einzelnen Hauptabteilung hinzustellen.

Wir sehen in dem Vorfall vielmehr ein Symptom für einen viel tiefer gehenden Verfall guter journalistischer Sitten.

Nur ein paar Beispiele:

  • Externe Experten werden als „SWR-Experten“ tituliert, Fachjournalisten als „SWR1-Rheinland-Pfalz-Wirtschaftsredakteur“
  • Korrespondenten berichten von täglichen Kämpfen mit den Zentralredaktionen: Sie mögen sich doch bitte als „XY, Lissabon“ absagen, obwohl sie aus dem Studio in Madrid berichten. Oder sie mögen bitte schon vor Ankunft am Ort des Geschehens eine „Life-Reportage“ liefern.
  • Es laufen Reportagen mit „Betroffenen-O-Tönen“ aus dem Internet, ohne als solche benannt zu werden.
  • Es laufen Interviews, die nie geführt wurden: Das Korrespondenten-Format „3 Fragen, 3 Antworten“, eigentlich für Notfälle gedacht, wird inzwischen inflationär eingesetzt, so dass quer durch die ARD das selbe Interview läuft, nur dass jedesmal ein anderer Moderator/Fragesteller dazwischen geschnitten wurde. 
  • Hörfunkwellen bewerben sich selbst mit gefaketen Hörer-O-Tönen
  • Im Fernsehen wurden schon „Live-Produktionen“ ein Jahr später 1:1 wiederholt, ohne als Wiederholungen kenntlich gemacht zu werden.

Kurz: An vielen Stellen des Hauses wurde über Jahre eine Kultur des „Es kommt nicht so genau drauf an“ gepflegt. Wenn Kollegen bei Personalversammlungen auf Qualitätsmängel hinwiesen, reagierten Teile der GL oft mussten herablassend („Als ob wir keine andere Probleme hätten!“). Der fehlende Respekt vor Qualität frustriert viele Beschäftigten nicht nur in den Redaktionen, sondern auch in der Technik. Sie stehen ständig im Dilemma, den eigenen Ansprüchen nicht gerecht werden zu können. Denn auch ein immer engeres Arbeitskorsett begünstigt Fehlleistungen wie am 1. Mai.

Man muss sich klar machen: Ausgerecht SWR Info – ein Programm, dessen Name Programm sein sollte – kann sich am Wochenende keine redaktionelle Besetzung mehr leisten. Das Medienmagazin wird seit Jahren „nebenher“ gemacht. Das entschuldigt nichts – aber dass früher oder später so etwas passieren würde, überrascht uns, offen gesagt, nicht. Wir warnen seit Jahren vor den Folgen der zunehmenden Arbeitsverdichtung auf die Qualität.

Wir meinen: Der SWR braucht eine neue Qualitätsdiskussion. Natürlich können wir nicht nur Hochglanzprodukte erstellen. Doch die Balance zwischen Quantität und Qualität hat sich – auch bedingt durch die Art, wie wir sparen – offenbar zulasten journalistischer Mindeststandards verschoben. Eine Debatte darüber würde unserem Sender – auch politisch – gut tun. Wir setzen darauf, dass das künftige Redaktionsstatut und der Redakteursausschuss den Rahmen dafür bieten. Es ist im Sender viel von „Strategien“ die Rede. Aber:

Eine Strategie ohne Qualität ist keine Strategie.

Rückblick auf die Zukunft: SWR berichtet vorab, wie Live-Sendung war

01 Mai 14
1. Mai 2014


Foto: SWR/Stephanie Schweigert

In zweieinhalb Stunden wird auf diversen Kanälen des Südwestrundfunks die große SWR3-Grillparty beginnen, und das war super.

Lena Ganschow, die sechs Stunden lang von 13 Uhr live im Fernsehen moderieren wird, hat die Herausforderung prima gemeistert, trotz der Länge und der vielen für sie ungewohnten Elemente, aber ihre Erfahrung durch die Nachmittagssendung „Milch oder Zucker“ „Kaffee oder Tee“ hat ihr sehr geholfen. Und das Spargel-Gulasch fand sie so lecker, dass sie das bestimmt nochmal nachgrillen wird. „Abertausende“ waren bei der Veranstaltung dabei. War rundum eine gute Sache, diese Grill-Party. Die nachher beginnen wird.

Ich weiß das aus Medienmagazin der Nachrichtenwelle SWRinfo. Darin hat der Radio-Moderator mit der Fernseh-Moderatorin darüber gesprochen, wie das alles geklappt hat. „Es war ein neuer, interessanter Schritt für mich“, sagt die Fernsehmoderatorin. „Mit großartigen Erfahrungen gehe ich da raus.“ Nach „so viel Trubel“ ziehe es sie aber erstmal „raus in die Natur“. Und der Radiomann attestiert ihr eilfertig: „Das Spargel-Gulasch, das kann ich bestätigen, das war lecker.“

Sie sprachen vor dem Gegrille, taten aber so, als hätte es schon stattgefunden, denn das Medienmagazin wird erst am kommenden Wochenende im Radio ausgestrahlt. Es steht allerdings heute schon online, so dass der SWRinfo-Slogan „Wir haben die News. Jetzt!“ fast unnötig bescheiden wirkt. „Wir haben die News. Vorab!“ wäre für ein solches Futur-II-Medium, das weiß, wie etwas gewesen sein wird, doch die angemessenere Werbezeile.

Es ist auf vielen Ebenen peinlich (und da lasse ich mal das Event an sich mit Johann Lafer, Maite Kelly, Jürgen Drews, Guido Cantz und anderen Prominenten an den Grill-Geräten weg). Es fängt schon damit an, dass sich ein Medienmagazin in den Dienst der Lobhudelei fürs eigene Programm stellen und die vermeintliche Sensation einer Kombination verschiedener Übertragungswege und einer sechsstündigen Live-Sendung feiern muss.

Und wenn man annimmt, dass es tatsächlich interessant ist, wie das geklappt hat, kann man aber genau diese Frage nicht beantworten, weil man das Gespräch schon vorher aufzeichnet. Das zu tun und es nicht kenntlich zu machen, ist im Radio zwar gang und gäbe, aber trotzdem fast nie eine gute Idee, insbesondere nicht im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, insbesondere nicht bei einem Informationssender.

Sich dabei aber auch noch erwischen zu lassen, indem man die Sendung schon online stellt, wenn das Ereignis, das man nachbetrachtet, noch gar nicht begonnen hat, ist wirklich von ausgesuchter Dämlichkeit. Es sei denn, irgendein SWR-Mitarbeiter fand das ganze Verfahren auch so peinlich, dass er dachte, er macht das dadurch jetzt mal transparent.

[mit Dank an BlueKO für den Hinweis!]

Nachtrag, 14:00 Uhr. Der Beitrag scheint jetzt in der Mediathek gelöscht worden zu sein. Man kann ihn sich aber hier anhören:

[audio:http://www.stefan-niggemeier.de/blog/wp-content/grillparty.mp3]

Nachtrag, 16:50 Uhr. Der SWR entschuldigt sich und bezeichnet eine solche Voraufzeichnung als „journalistisches No-Go“.

Sinn- und Besinnungslosigkeit

26 Jul 12
26. Juli 2012

Erinnern Sie sich an Christian Wulff? Warum musste der eigentlich nochmal zurücktreten? Ach ja, richtig:

Sein voreiliges Postulat: „Der Islam gehört zu Deutschland“ wurde ihm zum Verhängnis.

Man kann eine Einladung zu einer Diskussionveranstaltung über kritischen Journalismus, die das behauptet, natürlich einfach wegwerfen. Wenn diese Veranstaltung aber von der Staatskanzlei Rheinland Pfalz, der rheinland-pfälzischen Landesmedienanstalt und der Friedrich-Ebert-Stiftung veranstaltet wird und als „Medienpartner“ das ZDF und den SWR hat, kann man sich vorher vielleicht noch einen Moment lang darüber empören.

Es geht um den „MainzerMedienDisput“ (sic), der im Oktober zum 17. Mal stattfindet und von einer unabhängigen Projektgruppe vorbereitet wird. Ihr gehört unter anderem Thomas Leif an, der Chefreporter des SWR, der im vergangenen Jahr als Vorsitzender des Netzwerkes Recherche geschasst wurde.

Die Einladung ist in seinem typischen apokalyptischen Adjektiv- und Wortspielrausch verfasst und könnte in kleinen Dosen vermutlich auch als Mittel gegen niedrigen Blutdruck verschrieben werden. Sie beginnt mit dem stimmungsvollen Satz:

Auf dem 17. MainzerMedienDisput wird darüber gestritten, ob sich die Meinungsmacher im Schatten besinnungsloser Shitstorms und perfider Sozialpornos dem Sog der Unterhaltung in allen Spielarten und Mischformen überhaupt noch entziehen können.

Vermutlich würden die Autoren selbst das Wort „Holocaust“ nicht benutzen, ohne ihm sicherheitshalber noch ein negatives Adjektiv beizustellen. weiter lesen →

Vielleicht geht es Ihnen auch so

03 Mai 10
3. Mai 2010

Ich möchte die ARD mögen.

Ich bin ein großer Freund der Idee des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Die ARD hat mir einen tollen Preis verliehen. Ich verdanke ihr die „Sesamstraße“, Loriot, Eberhard Fechners „Prozess“, „ZAK“, Wiwaldi und Jörg Thadeusz.

Aber manchmal, wenn ich Pech habe und gefragt werde, was an der ARD eigentlich so toll ist, fällt mir nichts ein, weil mir nur Reinhold Beckmann, Alois Theisen, „In aller Freundschaft“ und Hansi Hinterseer einfallen.

Anscheinend bin ich nicht der einzige, dem es so geht. Anscheinend haben auch und gerade ARD-Mitarbeiter dieses Problem. Deshalb hat der SWR an seine Leute jetzt Spickzettel verschickt mit „10 guten Gründen für die ARD“.

SWR-Intendant Boudgoust schreibt ihnen:

Liebe Mitarbeiterin, lieber Mitarbeiter,

„Ach, du arbeitest beim SWR?“ — diesen Satz kennen Sie sicher, und vielleicht geht es Ihnen auch so, dass Sie zunehmend darauf angesprochen werden, warum es den öffentlich-rechtlichen Rundfunk überhaupt noch braucht.

Dass die GEZ keinen guten Ruf hat, ist klar. Wer zahlt schon gerne Gebühren? Dass sich das negative Image aber auch auf die Sender überträgt, ist relativ neu. Und auch wenn Sie sicher davon überzeugt sind, dass der SWR und der öffentlich-rechtliche Rundfunk wichtig sind, fällt es Ihnen vielleicht nicht immer leicht, dies auch konkret zu begründen.

Da möchte ich Ihnen gerne helfen, denn schließlich gehört es zu meinem Job, jeden Tag vielen Leuten zu erklären, dass wir uns in Deutschland auch in Zukunft den öffentlich-rechtlichen Rundfunk leisten sollten, weil wir es uns nicht leisten können, darauf zu verzichten.

„9 von 10 guten Gründen für die ARD“ haben wir auf dem kleinen Kärtchen, das diesem Brief anhängt, für Sie aufgeschrieben. Kurz und knackig formuliert, vom Kinderprogramm bis zur Kulturarbeit. Manches davon soll provozieren und bewusst zum Nachdenken anregen. Es handelt sich hier nicht um in Stein gemeißelte „10 Gebote“, sondern um einen Anstoß für die Diskussion in unserem Haus. Denn die Gründe gelten natürlich nicht nur für die ARD insgesamt, sondern auch für den SWR im Besonderen. Zusätzliche Infos, Zahlen und Beispiele zu den einzelnen Punkten finden Sie im SWR-Intranet unter >Der SWR>Gebühren. Dort können Sie auch weitere Gründe selbst beisteuern, die Ihnen besonders wichtig sind.

Und vielleicht möchten Sie ja das kleine Kärtchen in Ihren Geldbeutel stecken, damit Sie ganz schnell noch einen Blick darauf werfen können, wenn Sie das nächste Mal jemand auf Ihren Arbeitgeber anspricht. Denn Sie und Ihre gute Arbeit sind der zehnte und beste Grund, warum es uns geben muss! Seien Sie Fürsprecherin und Fürsprecher für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Er hat es verdient.

Viele Grüße,
Ihr
Peter Boudgoust

Hach. Wird einem da nicht warm ums Herz?

Freundlicherweise hat mir ein SWR-Mitarbeiter sein Kärtchen zur Verfügung gestellt. Das leg ich mir jetzt neben den Fernseher, für wenn die Zweifel wieder kommen.

Dann schauen wir mal:


Ooo-kay.

Das ist ja nicht alles falsch, und vermutlich muss man schon froh sein, dass sich nur der letzte Punkt reimt. Und Boudgousts Worte in der Gebrauchsanweisung, dass „manches davon provozieren und bewusst zum Nachdenken anregen soll“, sind vermutlich auch als eine Art Warnung gemeint, nicht jedes Wort beim Wort zu nehmen, oder eine Entschuldigung, dass die Verfasser selbst es mit dem Nachdenken nicht übertrieben haben.

Aber das wüsste ich dann doch gerne: Inwiefern die Tatsache, dass die öffentlich-rechtlichen Programme nur 60 Cent am Tag kosten, die ARD „unverzichtbar“ macht. Wäre sie verzichtbarer, wenn es mehr wären? Weniger?

Und die ARD hat „die meisten Zuschauer und Hörer“? Die Rechnung würde ich dann doch gern mal im Detail sehen. Vermutlich muss man dazu beim Fernsehen das Erste und die diversen Dritten zusammenzählen, darf aber andererseits nicht die Sender der RTL-Gruppe addieren.

Inwiefern sind die Fußballübertragungen, für deren Rechte die ARD absurd viel Geld ausgibt, „for free“, wenn der Zuschauer doch Rundfunkgebühren zahlt? Und kommt die „Pisa-Versicherung“, die Deutschland braucht, auch dafür auf, wenn dieser schiefgestapelte Argumententurm einstürzt?

Das liest sich beim besten Willen (und der steckt sicher dahinter) sehr angestrengt. Gibt es nicht eine psychologische Regel, dass es schwer ist, jemanden zu mögen, der sich selbst nicht mag?

Ich mache mir jetzt noch ein bisschen mehr Sorgen um die ARD.

In eigener Sache

13 Okt 09
13. Oktober 2009

(Pressemitteilung des SWR.)