Erkennen Sie die Erkennungs-Melodie?

Die Agen­tur epd mel­det heute Mittag:

Nach der media­len Auf­re­gung um die Neu­ge­stal­tung der »Tagesschau«-Fanfare hat die ARD-Vorsitzende Monika Piel unter­stri­chen, dass das alt­be­kannte »Ta-ta, ta ta ta taa« erhal­ten bleibt. »Wir wären ja ver­rückt, wenn wir das ändern wür­den«, sagte die WDR-Intendantin am Mitt­woch in Saar­brü­cken bei der ARD-Pressekonferenz. »Wir haben ein Marke, die jeder kennt.«

Ja, das glau­ben alle. Es stimmt aber nicht.

Die Melo­die, die am Anfang der »Tages­schau« zu hören ist und jeder zu ken­nen glaubt, ist näm­lich schon seit sie­ben Jah­ren nicht mehr die Melo­die, die vor­her fast 50 Jahre lang zu hören war. Im Jahr 2005 hat die ARD es näm­lich nicht dabei belas­sen, nur den Sound dem Zeit­geist anzu­pas­sen. Sie hat auch die Melo­die ver­än­dert — gravierend.

Das hier war die Noten­folge seit 1956:

d-g-a-b-c-d: Ein Quint­sprung abwärts und dann die Moll­ton­lei­ter hin­auf bis zum Ausgangspunkt.

Seit 2005 geht die Melo­die so:

d-g-d-c-f-g: Die Moll­ton­lei­ter ist ver­schwun­den, und die Melo­die endet nicht mehr beim Aus­gangs­punkt, son­dern eine Quarte höher.

Die Har­mo­nien sind ähn­lich, des­halb fällt der Wech­sel nicht so sehr auf, aber die Melo­die ist eine andere.

Wenn ich es rich­tig sehe, hat das damals nicht ein­mal ein lei­ses Knis­tern im Blät­ter­wald aus­ge­löst. Wes­halb die ganze Auf­re­gung, dass die ARD angeb­lich Hand an eine hei­lige Insti­tu­tion legen will, dop­pelt absurd ist: Nicht nur wegen der Pein­lich­keit, auf eine »Bild«-Ente her­ein­ge­fal­len zu sein. Son­dern weil anschei­nend den meis­ten auf­ge­reg­ten Bericht­er­stat­tern nicht ein­mal auf­ge­fal­len ist, dass die ARD die­ses ver­meint­li­che Sakri­leg längst began­gen hat.

Aller­dings ist nicht klar, ob das der ARD-Vorsitzenden Monika Piel bewusst ist. Laut epd »betonte« sie, »dass es wie in den Jah­ren 1994, 1997 und 2005 ledig­lich um eine Über­ar­bei­tung der Melo­die gehe«. Nun: 1994 und 1997 wurde die Melo­die nur neu arran­giert; 2005 gab es eine neue Melo­die. Wel­che Art der »Über­ar­bei­tung« für die­ses Jahr geplant ist, wäre durch­aus inter­es­sant. Wenn es jeman­den inter­es­sie­ren würde.

Die »Tagesschau«-Fanfare:

(Laut tagesschau.de gibt es die ver­än­derte Melo­die ver­wir­ren­der­weise schon seit 2000.)

[Ich bitte vor­sorg­lich um Nach­sicht für den nicht ganz unwahr­schein­li­chen Fall, dass meine Tran­skrip­tion oben eher ama­teur­haft aus­ge­fal­len ist. Youtube-Links via Mar­kus Anhäu­ser.]

Döpfners rote Linie

Es ist weni­ger ein Inter­view, das die »Süd­deut­sche Zei­tung« mit Mathias Döpf­ner geführt hat, als eine Mög­lich­keit für ihn, aus­führ­lich und unge­stört durch kri­ti­sche Nach­fra­gen die eigene Posi­tion dar­zu­stel­len. Das ist viel­leicht kein Zufall, denn die »Süd­deut­sche Zei­tung« klagt mit der Axel-Springer-AG, deren Vor­stands­vor­sit­zen­der Döpf­ner ist, (und ande­ren Ver­la­gen, dar­un­ter auch dem der FAZ, für die ich regel­mä­ßig arbeite) gegen die kos­ten­lose »Tagesschau«-Anwendung für iPhone und iPad.

Döpf­ner sagt, die ARD habe mit der »Tagesschau«-App (Abb.) eine »rote Linie« über­schrit­ten. Das ist bemer­kens­wert, denn es gibt andere Stel­len, an denen sich eine sol­che Grenze deut­lich kla­rer zie­hen ließe. Man könnte zum Bei­spiel, wenn man wollte, argu­men­tie­ren, dass die öffentlich-rechtlichen Rund­funk­an­stal­ten im Inter­net gar nichts zu suchen haben. Man könnte auch sagen, dass sie im Inter­net nur Videos und Audio-Aufnahmen publi­zie­ren dür­fen, wahl­weise mit der Ein­schrän­kung, dass die auch im Radio oder Fern­se­hen gelau­fen sein müs­sen. Für Döpf­ner sind das aber bes­ten­falls anders­far­bige Linien.

Die Grenze zieht er dort, wo die ARD Inhalte aus ihrem Inter­net­an­ge­bot in einer für Tablets und Smart Pho­nes opti­mier­ten Ver­sion anbie­tet. Das Kri­te­rium gibt ihm die »SZ« freund­li­cher­weise in der Frage vor:

Mar­kiert die Selbst­ver­ständ­lich­keit, mit der auf einem Markt über­wie­gend bezahl­ter Ange­bote ein kos­ten­lo­ses Pro­dukt ein­ge­bracht wird, für Sie die Grenze der zumut­ba­ren Akti­vi­tä­ten von ARD und ZDF?

Döpf­ner bejaht.

Das ist ein erstaun­lich kom­ple­xes Kri­te­rium für eine »rote Linie«. Die Grenze besteht darin, dass es um einen Markt geht, in dem angeb­lich die Mehr­heit der Anbie­ter Geld für etwas nimmt, das die »Tages­schau« auf­grund ihrer Gebüh­ren­fi­nan­zie­rung kos­ten­los anbie­ten kann. Natür­lich hat das Ange­bot von tagesschau.de auch dann einen Wett­be­werbs­vor­teil, wenn man es über einen Internet-Browser auf­ruft, weil es sich nicht durch Wer­bung finan­zie­ren muss. Aber das Inter­net scheint Döpf­ner als Medium, in dem eine »Gra­tis­kul­tur« herr­sche, ohne­hin abge­schrie­ben zu haben. Auf Smart­pho­nes oder Tablets werde dage­gen bezahlt, »für jedes Tele­fo­nat, jede SMS, MMS, für Apps«. Kos­ten­lose Ange­bote wie das der »Tages­schau« bedro­hen nach die­ser Logik die Bezahl­kul­tur auf iPhone und iPad ins­ge­samt und jedes ein­zelne kos­ten­pflich­tige Nachrichtenangebot.

Die Argu­men­ta­tion würde umge­kehrt bedeu­ten, dass es tagesschau.de als kos­ten­lo­ses Ange­bot auch im Internet-Browser nicht geben dürfte, wenn es Döpf­ner und sei­nen Leu­ten gelun­gen wäre oder noch gelänge, eine umfas­sende Bezahl­kul­tur im Inter­net zu eta­blie­ren, was viel­leicht schon eine Ahnung davon ver­mit­telt, wie wenig trag­fä­hig diese Argu­men­ta­tion ist.

Schon eine ein­zige kos­ten­lose App wie die der »Tages­schau«, sug­ge­riert Döpf­ner, kann ein gan­zes Geschäfts­mo­dell zer­stö­ren. Aber wenn sich allein über den Preis sol­che erstaun­li­chen Nut­zer­zah­len errei­chen las­sen, ist das natür­lich eine ver­füh­re­ri­sche Nische auch für einen pri­va­ten Wett­be­wer­ber. In einer Welt vol­ler kos­ten­pflich­ti­ger Apps kann es sich loh­nen, der eine zu sein, der kos­ten­los ist und sich dank enor­mer Reich­weite mit Wer­bung refi­nan­zie­ren kann. Selbst wenn es Döpf­ner und sei­nen Mit­strei­tern gelänge, die »Tages­schau« aus dem Wett­be­werb im App-Store zu ver­ban­nen, wäre das ein erheb­li­ches Risiko.

Schon vor ein­ein­halb Jah­ren hatte Döpf­ner die »Tagesschau«-App mit dem Ver­lust von »Tau­sen­den Arbeits­plät­zen in der Ver­lags­bran­che« in Ver­bin­dung gebracht. Er hat seine These seit­dem eher noch wei­ter zuge­spitzt. Im Grunde scheint das Über­le­ben des gesam­ten Qua­li­täts­jour­na­lis­mus jen­seits öffentlich-rechtlicher Anstal­ten von der Finan­zie­rung durch Apps abzu­hän­gen: »Es geht schlicht um die Frage«, sagt er, »ob Qua­li­täts­jour­na­lis­mus als Geschäfts­mo­dell noch Bestand haben wird.« Auf Papier allein werde er sich nicht mehr finan­zie­ren las­sen, im Inter­net herrscht die angeb­li­che Kos­ten­lo­skul­tur, blei­ben nur die Apps.

So wie er es schil­dert, ist es extrem schwie­rig, in Zukunft über­haupt noch guten Jour­na­lis­mus unter kom­mer­zi­el­len Bedin­gun­gen zu pro­du­zie­ren. Dar­aus schließt er, dass der Staat alles tun muss, um jedes poten­ti­elle Hin­der­nis für die Ver­lage (die wohl syn­onym sind mit Pro­du­zen­ten hoch­wer­ti­ger jour­na­lis­ti­scher Inhalte) aus­zu­räu­men. Das hat natür­lich eine gewisse Logik. Es hat aber auch einen gro­ßen Haken. Nie­mand, auch nicht Döpf­ner, kann garan­tie­ren, dass das Kata­stro­phen­sze­na­rio, das er beschreibt, nicht trotz­dem ein­tritt, obwohl die »Tages­schau« und ähn­li­che öffentlich-rechtliche Ange­bote ver­bo­ten werden.

Es gäbe natür­lich eine andere Ant­wort auf die Her­aus­for­de­rung, die Döpf­ner beschreibt. Wenn unklar ist, wie sich unter den Bedin­gun­gen der digi­ta­len Welt über­haupt hoch­wer­ti­ger Jour­na­lis­mus finan­zie­ren lässt und ob Ver­lage nicht womög­lich mas­sen­haft ein­ge­hen, obwohl die kos­ten­lose »Tagesschau«-App ver­bo­ten wurde, ist es aus gesell­schaft­li­cher Sicht doch begrü­ßens­wert, sich wenigs­tens dar­auf ver­las­sen zu kön­nen, öffentlich-rechtliche Anbie­ter die Men­schen gut informieren.

Döpf­ners Kata­stro­phen­sze­na­rio ver­schafft ARD und ZDF im Netz eine neue mög­li­che Legi­ti­ma­tion, genau genom­men die alte: durch ver­läss­lich und von allen gemein­sam finan­zierte Medien eine umfas­sende Grund­ver­sor­gung sicher­zu­stel­len, selbst wenn die pri­va­ten Anbie­ter in schlech­ten Zei­ten oder aus grund­sätz­li­chen Pro­ble­men das nicht in befrie­di­gen­dem Maße tun kön­nen. Aber das habe ich ja alles schon mal geschrieben.

Es ist bemer­kens­wert, in wel­chem Maß Döpf­ner die »rote Linie«, die ARD und ZDF kei­nes­falls über­schrei­ten dür­fen, davon abhän­gig macht, was pri­vate Unter­neh­men tun. Die Grenze soll davon abhän­gen, wel­che Refi­nan­zie­rungs­mo­dell die Mehr­heit der Unter­neh­men in einem noch extrem jun­gen und beweg­li­chen Markt wie dem der Nach­rich­ten– und Medien-Apps wählt. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, das mit sei­nen Rund­f­un­kur­tei­len das Duale Sys­tem in Deutsch­land maß­geb­lich gestal­tet hat (weil die Poli­tik es noch nie konnte oder wollte), hat die Rechte von ARD und ZDF aber immer aus sich selbst her­aus defi­niert. Was Unter­neh­men, die sich mit jour­na­lis­ti­schen Inhal­ten unter kom­mer­zi­el­len Bedin­gun­gen auf einem Markt bewäh­ren müs­sen, unter bestimm­ten Umstän­den zu leis­ten ver­mö­gen, war für das Gericht bis­lang aus­drück­lich nicht ent­schei­dend, weil es keine Gewähr dafür gab. Ich wüsste gerne, woher die Ver­lage den Opti­mis­mus neh­men, dass das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt in die­sem Fall plötz­lich anders urtei­len sollte.

Döpf­ner und seine Mit­strei­ter sind nicht zu benei­den. Sie müs­sen argu­men­tie­ren, dass es erst die App der »Tages­schau« war, durch die die ARD eine end­gül­tige Grenze über­schrit­ten hat, weil sie es ver­säumt haben, schon gegen das Internet-Angebot tagesschau.de vor­zu­ge­hen. Dabei ver­stößt auch das ihrer Mei­nung nach gegen den Rund­funk­staats­ver­trag, weil es nicht nur Videos, son­dern auch Arti­kel ent­hält. (Nach Ansicht des FDP-Medienpolitikerclowns Burk­hardt Müller-Sönksen han­delt es sich des­halb um eine »Prin­t­aus­gabe« der »Tages­schau«.)

Die Kon­zen­tra­tion auf die Kos­ten­lo­sig­keit der »Tagesschau«-App führt zu schmerz­haf­ten Ver­ren­kun­gen der Ver­le­ger. Sprin­gers Außen­mi­nis­ter Chris­toph Keese sagt: »Im Super­markt kann man für den Joghurt auch kei­nen Euro neh­men, wenn dane­ben kos­ten­lose Ware steht.« Dem ist gleich zwei­er­lei zu erwi­dern: Ers­tens, natür­lich kann man. Wenn der eigene Joghurt bes­ser ist als das Gratis-Angebot oder auch nur ein­zig­ar­tig. Men­schen bezah­len für Zei­tun­gen, obwohl es viel­fäl­tige Mög­lich­kei­ten gibt, sich kos­ten­los zu infor­mie­ren — weil sie die beson­dere Qua­li­tät von Zei­tun­gen ins­ge­samt oder ihrer Stamm­zei­tung zu schät­zen wis­sen. Und zwei­tens: Wenn Keese Recht hätte, könnte er seine Joghurt­pro­duk­tion gleich dicht­ma­chen. Es wird immer jeman­den geben, der Nach­rich­ten kos­ten­los im Netz oder auf Smart­pho­nes anbie­tet. Ich fürchte, ein Geschäfts­mo­dell, das nur funk­tio­niert, wenn alle Kon­kur­ren­ten mit­ma­chen und nie­mand andere Wege nutzt, den Joghurt zu finan­zie­ren, ist kein Geschäftsmodell.

Die »Tages­schau« ist nicht die ein­zige kos­ten­lose Anwen­dung, die den kos­ten­pflich­ti­gen Ver­lags­an­ge­bo­ten im App-Store Kon­kur­renz macht. Auch der Fern­seh­sen­der n-tv bie­tet gra­tis eine, Müller-Sönksen würde sagen: dicke Prin­t­aus­gabe an. Nun ist es natür­lich in vie­ler­lei Hin­sicht ein Unter­schied, ob ein pri­vat­wirt­schaft­li­ches Unter­neh­men einen sol­chen Schritt geht oder eine durch »Zwangs­ge­büh­ren« finan­zierte Anstalt. Aber wenn Döpf­ner und Keese mit ihrer Alles-oder-nichts-Argumentation Recht hät­ten, wäre das Ergeb­nis das­selbe: der Tod des Qualitätsjournalismus.

Ich weiß nicht, wie die Gerichte ent­schei­den wer­den. Aber ich bin mir sicher, die rote Linie, die Döpf­ner da auf den Boden gemalt hat, ist keine.

PS: Auf mei­nem iPad ist die angeb­lich kos­ten­pflich­tige »Welt HD«-App aus dem Hause Sprin­ger instal­liert. Das Abo ist angeb­lich »seit 28. Okto­ber 2010″ abge­lau­fen. Aber die App funk­tio­niert. Ist das auch eine Form von Gra­tis­kul­tur? Und ver­sün­dige ich mich am Qua­li­täts­jour­na­lis­mus, wenn ich die App trotz­dem benutze? (Zah­len würde ich dafür aller­dings nicht.)

Super-Symbolfoto (84)

Die­ser Feh­ler hat tat­säch­lich Sym­bol­wert. Das, was da auf dem iPhone zu sehen ist, ist näm­lich nicht die Verlagsseiten-mordende »Tagesschau«-App, son­dern die aus irgend­wel­chen Grün­den ungleich unge­fähr­li­chere Inter­net­seite tagesschau.de.

(Die Mel­dung von »Spie­gel Online« ist übri­gens eine Agen­tur­mel­dung von dpa, die über einen Inhalt aus dem gedruck­ten »Spie­gel« infor­miert. Bestimmt ist das auf irgend­ei­ner Ebene jour­na­lis­tisch, arbeits­öko­no­misch oder mar­ken­tech­nisch sinnvoll.)

[mit Dank an PD!]

Nach­trag, 13.00 Uhr. Auch der gedruckte »Spie­gel« weiß nicht, wie die »Tagesschau«-App aussieht.

[via Alt­pa­pier; hier im Bild die Ver­sion aus der »Spiegel«-App]

Gute Nachrichten, schlechte Nachrichten

Heute ler­nen wir etwas über die Kri­te­rien pro­fes­sio­nel­ler Medien bei der Nach­rich­ten­aus­wahl. Und über als Jour­na­lis­mus getarn­ten Lob­by­is­mus in eige­ner Sache.

Vor zwei Mona­ten hatte die FDP-Europaabgeordnete Sil­vana Koch-Mehrin eine Idee, wie sich die Welle der hys­te­ri­schen Bericht­er­stat­tung über eine geplante iPhone-Anwendung von tagesschau.de noch wei­ter ver­län­gern ließ — und sie auf ihr rei­ten könnte: Sie stellte eine par­la­men­ta­ri­sche Anfrage an die EU-Kommission, ob sie in die­ser Sache »Hand­lungs­be­darf« sehe.

Die Medien, von denen einige wie »Spie­gel Online« und »Bild« ohne­hin längst publi­zis­ti­sche Kam­pa­gnen gegen die unge­liebte neue Kon­kur­renz im Netz führ­ten, nah­men die Vor­lage begeis­tert auf.

»Bild«, 18.2.2010:

FDP bringt das »Tagesschau«-App vor EU-Kommission

Brüs­sel — Neuer Wir­bel um das geplante »Tagesschau«-App der ARD. Auf Antrag der Vize­prä­si­den­tin des Europa-Parlaments, Sil­vana Koch-Mehrin (FDP), prüft jetzt die EU-Kommission, ob die umstrit­tene Inter­net­an­wen­dung fürs Handy gegen EU-Recht verstößt.

In einer Beschwerde bei EU-Kommissarin Nee­lie Kroes moniert Koch-Mehrin, die ARD könne einen sol­chen Dienst »offen­sicht­lich nur des­we­gen kos­ten­los bereit­stel­len, weil sie durch obli­ga­to­ri­sche Rund­funk­ge­büh­ren finan­ziert wird«. Dage­gen müss­ten pri­vate Anbie­ter »ein sol­ches Ange­bot kos­ten­pflich­tig machen«.

Aus ihrer Sicht nutze »die ARD ihr staat­lich garan­tier­tes Recht auf ein hohes Gebüh­ren­auf­kom­men aus, um sich gegen­über pri­va­ten Kon­kur­ren­ten einen nicht gerecht­fer­tig­ten Vor­teil zu ver­schaf­fen«, so Koch-Mehrin. (…)

ddp, 18.02.2010:

FDP bringt »Tagesschau«-App vor EU-Kommission

Brüssel/Berlin (ddp). Neuer Wir­bel um die geplante «Tagesschau»-Applikation (App) der ARD. Auf Antrag der Vize­prä­si­den­tin des Europa-Parlaments, Sil­vana Koch-Mehrin (FDP), prüft die EU-Kommission, ob die Inter­net­an­wen­dung fürs Handy gegen EU-Recht ver­stößt, schreibt die »Bild«-Zeitung (Donnerstagausabe). (…)

dpa, 18.2.2010:

FDP kri­ti­siert iPhone-Pläne der ARD

Brüs­sel (dpa) — Die FDP warnt bei einer von der ARD geplan­ten Anwen­dung für das iPhone vor Wett­be­werbs­ver­zer­run­gen. In einer Anfrage der FDP-Europaabgeordneten Sil­vana Koch-Mehrin an EU– Medi­en­kom­mis­sa­rin Nee­lie Kroes hieß es, die ARD wolle ein kos­ten­lo­ses »App« für iPhone-Nutzer zur Ver­fü­gung stel­len, für das pri­vate Anbie­ter Kos­ten erhe­ben müss­ten. Kroes solle klä­ren, ob dies gegen die EU-Wettbewerbs– und Bin­nen­markt­re­geln verstoße.

»Die ARD kann die­ses Ange­bot offen­sicht­lich nur des­we­gen kos­ten­los bereit­stel­len, weil sie durch obli­ga­to­ri­sche Rund­funk­ge­büh­ren finan­ziert wird«, hieß es zudem in einem per­sön­li­chen Schrei­ben Koch-Mehrins an Kroes, das am Don­ners­tag der Deut­schen Presse-Agentur dpa vor­lag. Auch die »Bild«-Zeitung hatte davon berichtet.

Die EU-Kommission muss inner­halb von drei Wochen ant­wor­ten, oder eine Ver­zö­ge­rung begründen. (…)

»Der Wes­ten«, 18.2.2010:

FDP schwärzt ARD wegen Tagesschau-App bei der EU an

»Mee­dia«, 18.2.2010:

Der ARD bläst in Sachen Tagesschau-App der Wind aus allen Rich­tun­gen ins Gesicht. Jetzt schal­tet sich auch die Poli­tik in die hef­tig umstrit­tene Debatte über Online-Kompetenzen der Öffentlich-Rechtlichen ein. Nach Infor­ma­tio­nen der Bild-Zeitung hat die FDP-Politikerin und Vize­prä­si­den­tin des Euro­pa­par­la­ments Sil­vana Koch-Mehrin einen Antrag bei der EU-Kommission durch­ge­setzt, wonach geprüft werde, ob die mobile Online-Expansion der Nach­rich­ten­sen­dung mit euro­päi­schem Recht ver­ein­bar ist. (…)

»Spie­gel Online«, 18.2.2010:

FDP-Politikerin schal­tet EU-Kommission ein

»Ber­li­ner Zei­tung«, 19.2.2010:

Jetzt eben auch Sil­vana Koch-Mehrin. In der hit­zi­gen Debatte über den Digi­ta­li­sie­rungs­drang des gebüh­ren­fi­nan­zier­ten Rund­funks hat sich ges­tern die Europa-Abgeordnete der FDP zu Wort gemel­det. Die Poli­ti­ke­rin rief die EU-Kommission an, um von höchs­ter Stelle prü­fen zu las­sen, ob die »Tages­schau« mit einer eige­nen Anwen­dung (App) auf inter­net­fä­hi­gen Mobil­te­le­fo­nen wie dem iPhone unter­wegs sein darf, wie sie es von die­sem Früh­jahr an nach eige­nem Bekun­den tun will. (…)

»Tages­spie­gel«, 19.2.2010:

»Tagesschau«-App fürs iPhone beschäf­tigt EU-Kommission

Der Streit um die geplante iPhone-Anwendung von tagesschau.de beschäf­tigt auch die Euro­päi­sche Union. Sil­vana Koch-Mehrin, FDP-Abgeordnete und Vize­prä­si­den­tin des Euro­päi­schen Par­la­ments, will von der Kom­mis­sion prü­fen las­sen, ob eine Wett­be­werbs­ver­zer­rung vorliegt. (…)

»RP-Online«, 21.2.2010:

(…) Ver­le­ger mit eige­nen Nach­rich­ten­an­ge­bo­ten im Netz war­nen seit Mona­ten vor einer Wett­be­werbs­ver­zer­rung durch einen unbe­schränkt agie­ren­den Online-Auftritt der »Tages­schau«, der sich aus Rund­funk­ge­büh­ren finan­ziert. Mit den ARD-Vorhaben, eine kos­ten­lose Vari­ante von tagesschau.de spe­zi­ell für das iPhone von Apple bereit­zu­stel­len, beschäf­tigt sich dem [»Focus«] zufolge inzwi­schen auch EU-Wettbewerbskommissar Joa­quín Almunia. (…)

»Der Spie­gel«, 22.2.2010:

(…) Die bis­her nur ange­kün­digte »Tagesschau«-App beschäf­tigt indes auch die Poli­tik. Die FDP-Europaabgeordnete Sil­vana Koch-Mehrin hat bei der EU-Kommission eine Prü­fung des ARD-Angebots gefordert. (…)

»Der Focus«, 22.2.2010:

(…) Wäh­rend­des­sen beschäf­tigt sich auch die EU-Kommission in Brüs­sel mit den Internet-Aktivitäten der »Tages­schau«. Dabei geht es um das ARD-Vorhaben, eine kos­ten­lose Vari­ante von tagesschau.de spe­zi­ell für das iPhone von Apple bereit­zu­stel­len, einer soge­nann­ten App. Die FDP-Europaabgeordnete Sil­vana Koch-Mehrin hatte in einem Brief an EU-Medienkommissarin Nee­lie Kroes vor Wett­be­werbs­ver­zer­rung durch diese App gewarnt.

Kroes‹ Behörde hat den Fall inzwi­schen an den neuen EU-Wettbewerbskommissar Joa­quín Almu­nia wei­ter­ge­reicht, der drei Wochen Zeit für die Prü­fung hat.

(»Welt Online« kopierte übri­gens ein­fach die Mel­dung aus ihrem Schwes­ter­blatt »Bild« fast wört­lich und ergänzte sie um den sach­dien­li­chen Hin­weis: »Die kos­ten­pflich­ti­gen iphone-Apps von WELT und ›Bild‹ sind seit ihrem Start im Dezem­ber schon von mehr als 100.000 Nut­zern gekauft und her­un­ter gela­den wor­den. Neu­ein­stei­ger kön­nen die WELT­App für 1,59 Euro einen Monat lang tes­ten.« Dazu stellte »Welt Online« eine 16-teilige Bil­der­ga­le­rie mit Fotos von dem eige­nen Ange­bot und Infor­ma­tio­nen wie: »Will­kom­men in der WELT­App. So haben Sie noch nie mobil gesurft.«)

Vor gut einer Woche bekam Frau Koch-Mehrin Ant­wort auf ihre Fra­gen. Sie fiel ver­nich­tend aus. Wett­be­werbs­kom­mis­sar Almu­nia schrieb ihr, dass die EU-Kommission kei­nen Anlass sieht, gegen die geplante App vor­zu­ge­hen. Grund­sätz­lich sei es zuläs­sig, mit­hilfe von Rund­funk­ge­büh­ren neue Ver­brei­tungs­platt­for­men wie das iPhone zu erschlie­ßen. Ob die geplan­ten Dienste die Bedin­gun­gen dafür erfül­len, werde vorab im Drei-Stufen-Test geprüft, der aber »nur für tat­säch­lich ›neue‹ und ›rele­vante‹ Dienste durch­ge­führt« wer­den müsse. Für Beschwer­den, was den Ablauf die­ses Ver­fah­rens angehe, sei die EU-Kommission nicht zustän­dig, erklärte der Kom­mis­sar der FDP-Politikerin. Das sei Sache der Bundesländer.

Almu­nias Ant­wort trägt das Datum vom 8. April. Eine Woche spä­ter, am ver­gan­ge­nen Don­ners­tag, ver­öf­fent­lichte die ARD eine Erklä­rung, in der sie die »Zurück­wei­sung« der Anfrage Koch-Mehrins begrüße. Am sel­ben Tag berich­tete die Nach­rich­ten­agen­tur epd über die Ant­wort der EU-Kommission und die Genug­tu­ung der ARD.

Und so haben die oben zitier­ten Online– und Print-Medien, Bou­le­vard­zei­tun­gen und Nach­rich­ten­agen­tu­ren, Fach-Medien und Nach­rich­ten­ma­ga­zine über die­sen Aus­gang der Sache berich­tet, deren Anfang sie so eif­rig begleiteten:

 

 

 

 

 

 

 

 

(Voll­stän­dige Übersicht.)

Ulrich Deppendorfs Schweißausbruch am Ufer des Sommerlochs

Man kann diese Geschichte natür­lich als Sommerloch-Thema abtun (schon weil das Som­mer­loch ihr Thema ist), aber das wäre schade, denn man kann etwas aus ihr ler­nen, und zwar über das publi­zis­ti­sche Selbst­ver­ständ­nis von Ulrich Dep­pen­dorf, dem Lei­ter des Haupt­stadt­stu­dios der ARD.

Dep­pen­dorf hat sich über sei­nen Kol­le­gen Kai Gniffke geär­gert, der die Redak­tion von »ARD aktu­ell« lei­tet und am Diens­tag kurz vor Fei­er­abend und Mit­ter­nacht im Blog der »Tages­schau« schnell noch ver­kün­det hatte: »Es ist da!«:

»… heute öff­nete das Som­mer­loch erst­mals für diese Sai­son sein sonnen­durch­flu­te­tes Maul.«

Es war ein kur­zer, lau­ni­ger Ein­trag — einer von die­ser Sorte, die Blogs so lesens­wert machen, weil sein Inhalt offen­sicht­lich nicht vor der Ver­öf­fent­li­chung vom dienst­ha­ben­den Beden­ken­trä­ger in Abstim­mung mit der Stabsab­tei­lung für Kom­mu­ni­ka­tion, Unter­ab­tei­lung Nicht­kom­mu­ni­ka­tion, geprüft wurde. »Wenn wir ehr­lich sind«, plau­derte Gniffke über die 20-Uhr-Ausgabe der »Tages­schau« jenes Tages, »hätte man jedes, ja wirk­lich jedes unse­rer heu­ti­gen The­men auch las­sen kön­nen.« Dann scherzte er noch:

»Da schaut man sich gerne mal an, was den Kol­le­gen der ande­ren Nach­rich­ten­sen­dun­gen ein­fällt. Habe schon gewit­zelt, ob wir im Erklär­raum heute ein 3D-Modell des Som­mer­lochs sehen.«

Ein »Ulrich Dep­pen­dorf« fand’s nicht so lus­tig und kom­men­tierte am nächs­ten Tag les­bar angesäuert:

»Lie­ber Herr Dr. Gniffke,

wie schön, dass Sie ges­tern fast jeden Bei­trag der Tages­schau um 20 Uhr für ent­behr­lich hiel­ten. Das hät­ten Sie uns ja dann auch schon etwas frü­her mit­tei­len kön­nen. Dann hät­ten die Kol­le­gen und Kol­le­gin­nen aus dem Haupt­stadt­stu­dio und in der Repu­blik ja schon eher die Arbeit für die Tages­schau ein­stel­len kön­nen. Im Übri­gen halte ich kei­nes der The­men ges­tern für ent­behr­lich oder dem Som­mer­loch geschul­det. (…) Nun war­ten wir jeden Tag auf Ihre Ein­ord­nung, was ent­behr­lich ist. Heute viel­leicht Por­sche, Opel oder Afghanistan?«

Auch in der tagesschau.de-Redaktion konn­ten sie es erst nicht glau­ben, aber die­ser »Ulrich Dep­pen­dorf« ist tat­säch­lich Ulrich Dep­pen­dorf. Nun muss man trotz des Ton­falls einen sol­chen öffent­li­chen Wider­spruch nicht gleich als ARD-internen Zicken­krieg inter­pre­tie­ren — auch dafür sind Blogs ja ein wun­der­ba­res Medium, dass sie diese Art von Trans­pa­renz her­stel­len kön­nen. Aber Dep­pen­dorfs Kom­men­tar ging noch weiter:

»Und warum schie­len Sie immer auf das ZDF? Sie sind Chef­re­dak­teur von ARD-Aktuell. Bitte mehr Selbst­ver­trauen. Wir soll­ten auch nicht mit zu viel Hoch­mut auf das neue ZDF-Studio schauen. War­ten wir erst ein­mal ab, ob unser neues Stu­dio 2011 der große Hit wird. Ein wenig mehr Soli­da­ri­tät durch Schwei­gen mit dem ande­ren öffentlich-rechtlichen Sys­tem wäre nicht schlecht. Viel­leicht benö­ti­gen wir des­sen Unter­stüt­zung ja irgend­wann auch einmal.«

Da hört der Spaß aber auf. Ich kenne diese Argu­men­ta­tion aus eige­ner Erfah­rung und der von ande­ren Medi­en­jour­na­lis­ten, vor allem aus Zei­ten, in denen es den Medien schlecht geht. Berich­ten wir lie­ber nicht kri­tisch über das, was bei den ande­ren schief­geht, dann kön­nen wir dar­auf hof­fen, dass die ande­ren auch watte­haft mit uns umge­hen. Es ist eine Hal­tung, die das Gegen­teil von Jour­na­lis­mus ist, eine Kom­bi­na­tion aus Kum­pa­nei und Kal­kül, Duck­mäu­ser­tum und Angst, von der ich nicht gedacht hätte, dass ein ARD-Hauptstadtstudio-Leiter öffent­lich für sie plä­die­ren könnte.

Und nun ist Kai Gniffke wahr­lich nicht der Hol­zer, der mit pole­mi­schen Angrif­fen auf die Kon­kur­renz im Blog jahr­zehn­te­lange Sen­der­di­plo­ma­tie zunichte machte. Wenn schon seine harm­lo­sen Frot­ze­leien über den Vir­tua­li­täts­pomp des ZDF Anlass genug für Dep­pen­dorf sind, sich um eine Retour­kut­sche in zwei Jah­ren (!) zu sor­gen, mag man sich nicht aus­ma­len, was ernste Kri­tik­ver­su­che für Schweiß­aus­brü­che bei ihm aus­lös­ten — und wie oft er ent­spre­chende For­men des Jour­na­lis­mus womög­lich verhindert.

Gniffke ant­wor­tet Dep­pen­dorf übri­gens im Blog behut­sam, dass es »uns viel­leicht gut zu Gesicht« stünde, »etwas weni­ger breit­bei­nig durch’s Leben zu gehen«. Als wäre Dep­pen­dorfs Pro­blem der breit­bei­nige Gang. Und nicht der aufrechte.

Blättern: 1 2