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Journalisten mit Fachkenntnis gesucht

27 Jul 07
27. Juli 2007

Dies ist wieder so eine Geschichte, die für sich genommen fast läppisch wirkt, aber Grundsätzliches über die Medien erzählt.

Am einfachsten lässt sie sich vielleicht mit einer Meldung der Nachrichtenagentur AFP beginnen. Die meldete am 18. Juli um 16:43 Uhr:

Achtung Redaktionen,

bitte berichtigen Sie in unserer ZF von 16.09 Uhr die Angaben zur Funktion von Klaus Rauscher. Er ist Chef von Vattenfall Europe, der deutschen Tochter des schwedischen Vattenfall-Konzerns und damit also Vattenfall-Deutschland-Chef. Irrtümlich wurde Rauscher als Europa-Chef des Konzerns bezeichnet.

Sie erhalten umgehend eine berichtigte Fassung.

Und in der Tat: Die deutsche Tochter von Vattenfall heißt Vattenfall Europe. Verrückt. Da kann man sich als Laie schnell mal vertun. Aber die Leute, die dafür bezahlt werden, zu Vattenfall-Europe-Pressekonferenzen zu gehen, die vielleicht schon mal ein Organigramm von Vattenfall gesehen oder etwas über Struktur und Geschichte gelesen haben sollten, die sich täglich mit Energieunternehmen beschäftigen, um uns, die wir weniger wissen, darüber zu informieren, die müssten das doch wissen.

Tja. Die Nachrichtenagentur dpa weiß es offenbar. Die Nachrichtenagentur AFP weiß es seit dem 18. Juli um 16:43 Uhr. Und „Bild“, um es gleich zu sagen, ist auch nichts vorzuwerfen.

Und sonst?

Die Kollegen von Reuters schwanken wenigstens noch. Mal machen sie es richtig, mal falsch, mal bereichern sie die Debatte um die lustige Variante „Deutschland- und Europachef“.

Die Nachrichtenagentur AP aber nennt mindestens seit vergangenem Oktober Vattenfalls Deutschland-Chef konsequent „Europa-Chef“. Erst Klaus Rauscher. Nun Hans-Jürgen Cramer. Wann immer sein Name in einer AP-Meldung auftaucht, steht davor oder dahinter „Europa-Chef“.

Diese AP-Meldungen stehen überall. Und manche Journalisten brauchten vermutlich nicht einmal AP, um denselben Fehler zu machen. Jedenfalls steht die falsche Funktion nicht nur — natürlich — in ungezählten Online-Medien, sondern auch im gedruckten „Focus“, in der „FAZ Sonntagszeitung“, in der Wochenchronik der „Süddeutschen Zeitung“, im „Hamburger Abendblatt“, in der Seite-3-Reportage der „Süddeutschen Zeitung“ vom Donnerstag vergangener Woche und am selben Tag sogar groß in der „SZ“-Überschrift auf Seite 1: „Vattenfalls Europa-Chef muss gehen“.

Wo sitzen sie, die Fachjournalisten, die nicht in die Falle tappen? In den öffentlich-rechtlichen Nachrichten-Flaggschiffen? Ein schöner Traum. Das „heute journal“ behauptet ebenso, der „Europa-Chef“ sei zurückgetreten, wie viele, viele Ausgaben der ARD-„Tagesschau“:

Ja. Eigentlich hätte ich all das vergangene Woche schon aufschreiben sollen, mir fehlte nur die Lust.

Aber dann ist gestern bekanntgegeben worden, dass der vorübergehende Deutschland-Chef von Vattenfall auf Dauer bleibt. Und leider berichtet auch wieder AP. Und auf tagesschau​.de lautet der Titel der entsprechenden Meldung so:

Okay, die Vattenfalls können sich nicht beschweren. Selbst schuld, wenn sie sich so einen blöden Namen für ihre deutsche Tochter aussuchen. Aber bräuchten wir, das Publikum, die Bürger, nicht wenigstens in ausgewählten Medien noch Journalisten, die wissen, worüber sie berichten?

Birand Bingül

05 Nov 06
5. November 2006

Und dann sagte „Tagesthemen“-Moderator Tom Buhrow, als sei es die normalste Sache der Welt: „Zu den Drohungen gegen die Bundestagsabgeordnete Ekin Deligöz jetzt der Kommentar von Birand Bingül vom Westdeutschen Rundfunk.“ Hö? Hatten die richtigen Kommentatoren alle frei? Dürfen denn Menschen mit Migrationshintergrund bei uns im Fernsehen Kommentare abgeben, und sei es auch nur zum Thema Menschen mit Migrationshintergund? Also, im richtigen Fernsehen, nicht in irgendwelchen Multikulti-Sendungen im Dritten?

Birand Bingül darf das seit Mai. Und hat es am Dienstag zum zweiten Mal getan. Natürlich merkt man, daß ihm noch Erfahrung und Übung fehlen. Sein Kommentar war zwar schon ein bißchen verquast, aber nicht halb so gaga und überbildert wie der eines Profi-Kommentierers wie Stephan Bergmann vom Bayerischen Rundfunk, der an keinem Faß vorbei gehen kann, ohne ihm die Krone ins Gesicht zu schlagen.

Daß Bingül auf der offiziellen Kommentatorenliste der „Tagesthemen“ steht, verdankt er einer „Integrationsoffensive“ des WDR, für den er frei arbeitet und sonst zum Beispiel das Magazin „Cosmo TV“ moderiert*. Natürlich wirkt er, wie er da mit seinem kleinen „ü“ in den „Tagesthemen“ plötzlich zum Thema Islam und Integration spricht, ein bißchen wie ein Quoten- oder Alibi-Deutschtürke. Verstärkt wird der Eindruck noch dadurch, daß es zwar auch zwei „Tagesschau“-Sprecher aus Einwandererfamilien gibt, Tarek Youtzbachi und Michail Paweletz, man beide eigentlich aber nur kennt, wenn man sehr, sehr spät am Abend oder in der Nacht Nachrichten sieht. Übernehmen Migrantenkinder dort die Schichten, die kein anderer machen will?

Egal. Jedesmal, wenn ich Paweletz mit seiner dunklen Hautfarbe in der vertrauten „Tagesschau“-Kulisse sehe und kurz erschrecke, weil das ein so ungewöhnlicher Anblick ist, wird mir erst bewußt, wie monochrom mitteleuropäisch weiß diese Plätze in unseren Informationsprogrammen sonst besetzt sind. Und wie weit ausgerechnet diese Sendungen damit von unserer Lebensrealität entfernt sind. Bei den Deutsch-Türken, glaubt Birand Bingül, könnte das allerdings das auch daran liegen, daß deren Eltern meist einfache Leute waren, die ihren Kindern beibrachten, was respektable Berufe sind: Arzt oder Ingenieur. Aber nicht Journalist.

*) Ich muss mich korrigieren, und das gleich doppelt: Bingül ist beim WDR nicht freier Mitarbeiter, sondern festangestellt. Und bei „Cosmo TV“ nicht Moderator, sondern Redakteur.

(c) Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung