Archiv zum Stichwort: Tagesspiegel

Harald Martenstein verwechselt österreichischen Werberat mit den Taliban

02 Feb 14
2. Februar 2014

Dann bleiben wir doch noch einen Moment bei idiotischen Vergleichen und im Holtzbrinck-Verlag und wechseln nur den Autor.

Harald Martenstein.

Er hat irgendwo aufgeschnappt, dass die linke Mehrheit in der Bezirksverordnetenversammlung Kreuzberg-Friedrichshain wieder Unfassbares vorhat: Diesmal will sie anscheinend sexistische Werbung verbieten. Untersagt werden sollen Plakate, so Martenstein im Kreuzberg-Blog des „Tagesspiegel“,

auf denen die Gleichwertigkeit der Geschlechter infrage gestellt wird, männliches Dominanzgebaren, zum Beispiel im Baumarkt oder beim Kauf eines BMW, nicht kritisch dargestellt wird, auf denen Körper „unangemessen dargestellt“ sind und — obwohl das nicht direkt etwas mit Sexismus zu tun hat — Ausbeutung aller Art nicht kritisch reflektiert wird.

Das sind Vorgaben, die direkt aus Nordkorea stammen könnten, meint Martenstein. Oder von islamistischen Mörderbanden:

Die Formulierung „unangemessene Darstellung von Körpern“ dagegen könnten [die Bezirks-Politiker] aus dem Programm der Taliban übernommen haben.

Wenn Martenstein sich nur einmal die Mühe machen würde, zu recherchieren und sich nicht auf das zu verlassen, was er irgendwo gehört oder gelesen hat oder auch nur gehört oder gelesen zu haben glaubt, dann hätte er auf den Seiten der Bezirksverordnetenversammlung gefunden, woher die Antragssteller die Formulierungen tatsächlich übernommen haben. Die Quelle ist nämlich angegeben. Es handelt sich um den Ethik-Kodex des Österreichischen Werberates.

Träger dieses Gremiums sind so fundamentalistische Organisationen wie der ORF, der Österreichische Verband der Markenartikelindustrie und der Verband Österreichischer Zeitungen. Und vielleicht lohnt es sich, für einen Moment innezuhalten und sich zu fragen, was es bedeutet für die selbstempfundene Normalität und Gesundemenschenverstandhaftigkeit, auf der die Kolumnen des Harald Martenstein beruhen, wenn er ethische Richtlinien des österreichischen Werberates für ein „Programm der Taliban“ hält.

(Keine Sorge, das wird ihn auch künftig nicht zur Reflexion oder auch nur zur Recherche animieren, das würde ja seine Existenzgrundlage bedrohen.)

Der Antrag an das Bezirksamt betrifft unmittelbar auch nur Außenwerbung „auf bezirkseigenen Flächen“. Er zielt aber tatsächlich auf eine weitergehende juristische Einschränkung sexistischer Werbung. Dabei ist meiner Meinung nach heikel, dass er sich ausdrücklich vornimmt, dass sexistische Reklame nicht erst im Nachhinein gerügt wird, sondern schon im Vorfeld unmöglich gemacht werden soll, dass „sexistische, diskriminierende und frauenfeindliche Werbung überhaupt veröffentlicht wird“. Die Grenzen für eine solche Art von Vor-Zensur sind in Deutschland eigentlich aus guten (und historischen) Gründen sehr eng gesteckt.

Der Vergleich mit den Taliban aber zeugt natürlich nur von dem Normalo-Extremismus Martensteins, auch weil die Grünen mit dem Antrag nach eigener Aussage gerade zu einer öffentlichen Diskussion betragen wollen:

Es ist ein schmaler Grat, Sexismus zu definieren, daher wird es immer Streitfälle, immer eine Grauzone geben. Aber: Wir wollen es wenigstens versuchen — und damit auch die Sexismusdebatte insgesamt vorantreiben.

Genau das ist natürlich nicht im Interesse Martensteins.

Deshalb desinformiert er seine Leser und behauptet: „Es sollen auf den Kreuzberger Plakatwänden auch keine Bilder von Hausfrauen mehr erlaubt sein.“ Tatsächlich wollen die Bezirkspolitiker bloß dafür sorgen, dass Frauen in einer größeren Vielfalt dargestellt werden als nur entweder als Hausfrau oder als Supermodell. Diese Stereotypen hätten zur Folge, so die Begründung des Antrages, „dass sich Frauen oftmals selbst nicht außerhalb dieses Rahmens vorstellen können.“

Weil Martenstein sich aber ganz blöd stellt, kommt er auf den nächsten abwegigen Vergleich: Wenn Hausfrauen nicht gezeigt werden sollen, weil Frauen sonst Hausfrauen werden, sei das genau so dumm wie die Forderung von Konservativen, dass man Homosexualität nicht in der Schule zeigen soll, damit die Kinder nicht schwul werden.

Er denkt seinen Irrtum dann komplett zu Ende und fantasiert lustig von einer Prohibition, bei der heterosexuelle Frauen heimlich im Untergrund sauber machen. Jahaha. Er hat nichts verstanden und darauf ein ganzes Geschäfts– und Publikationsmodell aufgebaut.

Der „Tagesspiegel“ hat die „perfekte Lösung“ gefunden, online Geld zu verdienen

15 Aug 12
15. August 2012

Ich bin neulich über Google im Online-Angebot des Berliner „Tagesspiegel“ gelandet. Es empfing mich mit diesem Artikelfragment:

Der ganze Text wird erst angezeigt, nachdem man die gelb markierten Wörter eingetippt hat.

Immerhin antizipiert tagesspiegel.de, dass diese Praxis Fragen auslöst. „Geht’s noch?“, wäre eine der wenigen naheliegenden, die ohne Verwünschungen auskommen. Zur Not ist aber natürlich auch der „Tagesspiegel“-Vorschlag „Warum diese Art der Werbung?“ hilfreich.

Also: Warum diese Art der Werbung? Der „Tagesspiegel“ schreibt:

Verlage stehen im Internet vor besonderen Herausforderungen. Die Leser zahlen gerne für eine gedruckte Zeitung, im Internet ist die Bereitschaft für Nachrichten zu zahlen aber meist nicht vorhanden, obwohl die Kosten für die Verlage in vergleichbaren Größenordnungen liegen. Einige Nachrichtenanbieter fühlen sich bereits gezwungen, auch für ihr Internetangebot Gebühren zu verlangen, um sich finanzieren zu können.

Nun, dem ließe sich jetzt einiges erwidern, aber lassen wir das mal so stehen. Weiter im Text.

Wir wollen Ihnen weiterhin die Qualität bieten, die Sie vom Tagesspiegel kennen.
Für ein kostenloses Angebot sind wir deshalb stark auf die Werbevermarktung angewiesen.

Derzeit testen wir eine neue für den Werbetreibenden attraktive Werbeform. Damit sehen wir eine weitere Möglichkeit, dass wir mit diesen Einnahmen unsere Kosten refinanzieren und langfristig das Gesamtwerbeaufkommen auf unseren Seiten reduzieren.

Ah, das „Gesamtwerbeaufkommen“, gut dass die Kollegen das selbst erwähnen. Es ist nämlich so, dass ich beim Besuch auf tagesspiegel.de in Wahrheit gar nicht von dem Artikelfragment begrüßt wurde, sondern von der Lufthansa:

Je nachdem, welche Werbung gerade eingeblendet wird, macht der Artikel beim Aufruf der Seite den hier rechts grün markierten Teil aus. Alles andere ist Zeug, Gerümpel, Werbegetöse.

Da fühlt man sich als Besucher doch gleich willkommen und denkt sich: Mensch, wie die hier wohl ihren schönen Qualitätsjournalismus finanzieren?

Die tatsächlichen Einnahmen, die der „Tagesspiegel“ mit dieser „für den Werbetreibenden attraktiven Werbeform“ generieren, sind im konkreten Fall aber vermutlich überschaubar, weil der „Werbetreibende“ im Prinzip der „Tagesspiegel“ selbst ist. Qiez.de ist ein Angebot, das im Wesentlichen daraus besteht, Artikel aus dem „Tagesspiegel“ so wiederzuverwerten, dass man beim flüchtigen Blick beinahe denken könnte, es handele sich um eines dieser „hyperlokalen Angebote“, um die neuerdings Wind gemacht wird.

Es trifft ungefähr so zuverlässig meinen Kiez wie jemand, der mit Dart-Pfeilen auf eine Landkarte von Asien wirft, und wirkt dabei fast so belebt wie die Fußgängerzone von Oer-Erkenschwick morgens um halb vier. Aber wenn erstmal genügend Menschen auf tagesspiegel.de Q — I — E — Z — punkt — D — E eingetippt haben, wird sich das bestimmt ändern.

„Brandwall“ nennt der Vermarkter diese Art der Unterbrecherwerbung. Die Firma „Brand Interactive“ ist ganz stolz darauf, sie angeblich erfunden zu haben und nennt sie — ohne erkennbare Ironie — eine Möglichkeit für Verleger, „ihre Inhalte endlich auch im Internet ohne Hürden für den Leser angemessen zu monetarisieren“.

50 Cent bis 1,50 Euro soll der Werbekunde für jeden Leser zahlen, der den geforderten Text eingibt.

Etwas besseres kann sich Peter Neumann, der Gesamtleiter Online der „Tagesspiegel“-Gruppe, gar nicht vorstellen:

„Die brandwall ist die perfekte Lösung zur Monetarisierung unserer Premium-Inhalte im Internet. Danach haben wir seit langem gesucht.“

Dann gratuliere ich herzlich, und biete kostenlos einen Vorschlag, wie man diese perfekte Werbeform noch attraktiver machen könnte: Indem man den einzutippenden Namen in einem lustigen Ratespiel erst entziffern muss, wie bei den beliebten Captchas.

Gern geschehen.

Wulffs „400 Fragen, 400 Antworten“

12 Jan 12
12. Januar 2012

Der „Tagesspiegel“ war sichtlich stolz auf seine Exklusiv-Meldung. Online hob er sie mit einem gelben Textmarker-Hinweis hervor; gedruckt brachte er sie ganz oben auf Seite 1.

Sie lautete:

Wulffs Anwalt: Antworten bleiben geheim

Berlin — Bundespräsident Christian Wulff verweigert die Herausgabe von Fragen und Antworten zu seiner Affäre. Dies teilte sein Anwalt Gernot Lehr, der die Fragen für Wulff beantwortet hat, dem Tagesspiegel mit. „Der im Mandantenauftrag geführte Schriftverkehr zwischen Anwälten und Dritten fällt unter die anwaltliche Verschwiegenheitspflicht. Aus diesem Grund sowie aus Gründen der praktischen Handhabbarkeit für alle Beteiligten ist eine zusammenfassende Stellungnahme erfolgt“, sagte Lehr. In seinem TV-Interview hatte Wulff gesagt: „Ich geb Ihnen gern die 400 Fragen, 400 Antworten.“ (…)

Die Agenturen sprangen sofort darauf an. Schon um 5:55 Uhr morgens verbreitete Reuters die Meldung mit folgendem Hintergrund:

Wulff hatte in der vergangenen Woche in seinem Interview mit ARD und ZDF gesagt: „Ich gebe Ihnen gern auf die 400 Fragen 400 Antworten.“ Man müsse die Transparenz weitertreiben, was auch neue Maßstäbe setze. „Morgen früh werden meine Anwälte alles ins Internet einstellen. Dann kann jede Bürgerin, jeder Bürger, jedes Detail zu den Abläufen sehen (…).“

AFP, dapd, dpa zogen alle noch im Lauf des Vormittags nach. Bei dpa las sich der entscheidende Widerspruch so:

Wulff hatte in der vergangenen Woche im Interview von ARD und ZDF angekündigt, er wolle in der Affäre für vollständige Transparenz sorgen. „Morgen früh werden meine Anwälte alles ins Internet einstellen. Dann kann jede Bürgerin, jeder Bürger jedes Details zu diesen Abläufen sehen und bewertet sehen, auch rechtlich“, sagte er. „Ich geb‘ Ihnen gern die 400 Fragen, die 400 Antworten.“

In späteren Meldungen behauptete dpa, der Bundespräsident habe „eine öffentliche Dokumentation der Fragen und Antworten zu den Vorwürfen gegen das Staatsoberhaupt“ „versprochen“.

Hat er das wirklich?

Die Zitate Wulffs stimmen. Sie stammen alle aus dem Interview, das er in der vergangenen Woche ARD und ZDF gegeben hat. Aber der Satz, dass seine Anwälte „alles ins Internet einstellen werden“, und der Hinweis auf „die 400 Fragen, die 400 Antworten“, fielen keineswegs im selben Zusammenhang.

Wulff sagte einerseits:

Morgen früh werden meine Anwälte alles ins Internet einstellen. Dann kann jede Bürgerin, jeder Bürger jedes Detail zu diesen Abläufen sehen und bewertet sehen, auch rechtlich.

Er sagte das im Kontext, dass „man“ (er meint: „ich“) „die Transparenz weitertreiben muss“. Über die „400 Fragen“ spricht er sehr viel später:

Schausten: Können Sie denn garantieren, dass nicht noch etwas anderes nachkommt in der Affäre, über die wir jetzt sprechen?

Wulff: Also bei 400 Fragen und wenn gefragt wird, was es zu essen gab, bei Ihrer ersten Hochzeit und wer Ihre zweite bezahlt hat und ob Sie den  Unterhalt für Ihre Mutter gezahlt haben und ich könnte jetzt tausend Sachen mehr nennen und wer die Kleider für Ihre Frau gezahlt hat, welche geliehen waren, welche sozusagen als geldwerter Vorteil versteuert  werden, dann kann ich nur sagen, ich geb Ihnen gern die 400 Fragen – 400 Antworten. Da ist jetzt etwas, was einen dann innerlich auch nach solchen drei Wochen irgendwo freimacht, dass man sagt, also jetzt ist wirklich alles von innen nach oben und umgekehrt gewendet. Und man muss sich dann auch fragen, ob nicht dann auch es irgendwann akzeptiert wird, dass auch ein Bundespräsident ein privates Leben haben darf.

Er spricht hier davon, dass er glaubt, sich keine Sorgen darüber machen zu müssen, dass noch neue Enthüllungen ans Tageslicht kommen. Die 400 Fragen, auf die er ebenso viele Antworten gegeben habe, hätten wohl alles abgedeckt. Er blickt nicht in die Zukunft, wenn die Anwälte irgendetwas veröffentlichen würden, sondern in die Vergangenheit: Es hätte ihn „innerlich freigemacht“, das Gefühl zu haben, alles gefragt worden zu sein und alles beantwortet zu haben.

Womöglich kann man das auch anders verstehen. Ganz sicher war Wulff — wieder einmal — dumm, dass er das Veröffentlichen eines sechsseitigen Papiers mit Antworten als revolutionären Akt der Transparenz verbrämte. Aber es spricht einiges dafür, dass er nicht angekündigt oder versprochen hat, alle 400 Fragen und Antworten im Internet veröffentlichen zu lassen.

Die Agentur Reuters ist immerhin genau genug, in einer Meldung am Dienstagabend so zu formulieren:

Mittwoch vergangener Woche hatte Wulff im Interview von ARD und ZDF angekündigt, auf die bis dahin 400 eingereichten Fragen gebe er gerne 400 Antworten. Er wolle mit der Transparenz neue Maßstäbe setzen. Seine Anwälte würden noch am Folgetag „alles ins Internet einstellen“. Jeder Bürger könne dann jedes Detail bewerten. Dies war vielfach so verstanden worden, als werde er sämtliche Antworten auf Anfragen von Medien öffentlich machen.

Ja: Es war vielfach so verstanden worden. Eindeutig gesagt hatte er es nicht.

Doch die Medien taten so, als hätte er. Und hatten frische Munition.

„Spiegel Online“ brachte den Vorwurf auf die schlichte schlagzeilentaugliche Formel:

Wulff bricht sein Versprechen

Und komponierte entsprechend Wulffs Zitate sehr frei wie folgt zusammen:

Am Mittwoch hatte das Staatsoberhaupt in einem Interview mit ARD und ZDF noch angekündigt: „Ich geb Ihnen gern auf die 400 Fragen 400 Antworten.“ Man müsse die Transparenz weitertreiben, „die setzt auch neue Maßstäbe“. „Morgen früh werden meine Anwälte alles ins Internet einstellen. Dann kann jede Bürgerin, jeder Bürger jedes Details zu den Abläufen sehen — und bewertet sie auch rechtlich.“

Der parlamentarische Geschäftsführer der Unionsfraktion im Bundestag Peter Altmaier sagte dem „Hamburger Abendblatt“: „Ich hielte es für unglücklich, wenn der Eindruck entstünde, dass die Anwälte des Bundespräsidenten jetzt hinter dem zurückbleiben, was er selbst in einem Fernsehinterview angekündigt hat.“ Gegenüber der WAZ-Mediengruppe nutzte der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel den angeblichen Widerspruch zwischen Versprechen und Einlösung für neue, alte Angriffe auf Wulff. Die „WAZ“ behauptete in diesem Zusammenhang:

In seinem Fernseh-Interview in der vergangenen Woche hatte Wulff erklärt, er wolle die 400 Medienanfragen, die er über seine Anwälte beantwortet habe, der Öffentlichkeit zugänglich machen und so in der Transparenz „neue Maßstäbe“ setzen.

Die Agentur dapd nutzte die Kritik an der Nichtveröffentlichung am Mittwochabend für eine Meldung mit dem sich selbsterfüllenden Titel: „Wulff-Affäre nimmt keine Ende“.

Den Anlass für die weiteren negativen Schlagzeilen hat zu einem größeren Teil wieder Wulff selbst geliefert. Aber wäre es zuviel verlangt von den Medien, im Umgang mit dem Bundespräsidenten, bei dem sie jetzt alles ganz genau nehmen, alles ganz genau zu nehmen?

[via Werner Berger in den Kommentaren]

Der „Tagesspiegel“ im Kampf gegen Factual Correctness

02 Okt 11
2. Oktober 2011

Was bisher geschah: Am Mittwoch behauptet der „Tagesspiegel“ in einem Artikel, die BBC habe die Bezeichnungen „vor / nach Christus“ in Zeitangaben aus übertriebener Political Correctness abgeschafft. Richtig ist, dass die Religionsseiten des Online-Angebotes der BBC auf diese Begriffe verzichten. Eine allgemeine Vorgabe gibt es laut BBC aber nicht. Nachdem ich im BILDblog den „Tagesspiegel“-Artikel als „Urbane Legende von der Political Correctness“ kritisiert habe, antwortet nun der „Tagesspiegel“-Autor auf tagesspiegel.de.

Schon der Vorspann ist falsch. Da steht:

Der Journalist Stefan Niggemeier wirft in seinem „Bildblog“ dem Tagesspiegel vor, falsch über den Verzicht der BBC auf die zeitliche Einordnung „vor Christus“/„nach Christus“ berichtet zu haben. Unser Korrespondent Matthias Thibaut nimmt Stellung.

Es gibt aber gar keinen Verzicht der BBC auf die zeitliche Einordnung „vor Christus“ / „nach Christus“.

Danach wird es nicht besser. Matthias Thibaut nimmt in seiner Erwiderung nichts zurück. Er korrigiert keinen seiner Fehler. Er „erinnert“ stattdessen daran, dass er in seinem „Tagesspiegel“-Bericht über die angeblich zum Orwellschen Ministerium der Wahrheit verkommende BBC ausdrücklich die „Daily Mail“ als Quelle der Berichte genannt habe.

Immerhin, soll das wohl heißen, hat er sich die Fehler nicht selbst ausgedacht. Er hat sie sich aber zu eigen gemacht.

Aber, schreibt Thibaut, er habe doch den von ihm zitierten Behauptungen der „Daily Mail“ folgende Sätze hinzugefügt:

Die BBC selbst betont, es gebe keinen Erlass von oben — jede Redaktion könne selbst entscheiden.

Aber Mitarbeiter wurden nachdrücklich daran erinnert, was für ein multiethnisches Publikum angemessener sei.

Er meint wohl, mit dem Alibisatz mit der BBC-Stellungnahme seiner journalistischen Sorgfaltspflicht genüge getan zu haben. Für die unmittelbar folgende Behauptung, die sie entwertet, nennt er keine Quelle.

Mit keinem Wort geht Thibaut darauf ein, dass auch die Geschichte falsch ist, die er ebenfalls aus dem Lügenblatt „Daily Mail“ abgeschrieben hat, „dass in einigen Gemeinden Weihnachten bereits durch das Kunstwort ‚winterval‘ (Winterfestival) ersetzt wurde, um Nichtchristen nicht zu verletzen“. Und er nimmt auch nicht seine falsche Behauptung zurück, dass „die BBC eine Nachrichtensprecherin abmahnte, die an einer Halskette ein Kreuz trug“. Stattdessen schreibt er: „Ich habe die schöne Fiona Bruce, die ich sehr bewundere, schon lange nicht mehr mit Kreuz gesehen“, als beweise das irgendetwas, außer dass Thibaut den Grundkurs „Weniger offensichtlich erbärmlich argumentieren“ geschwänzt hat.

In einem Punkt hat Thibaut Recht: Selbstverständlich ist mein BILDblog-Eintrag kein „Ausbund an objektiver Berichterstattung“. Er ist polemisch, was daran liegt, dass ich wütend bin. Weil sich seit Jahren immer dasselbe Muster wiederholt: Winzigkeiten, Halbwahrheiten und Komplettlügen werden zu Scheinbelegen dafür gemacht, dass Verfechter der Political Correctness dabei seien, das Abendland zu vernichten, indem sie im angeblichen Kulturkampf gegen den Islam Selbstmord aus Angst vor dem Tode begingen.

Kein Anlass ist dafür zu klein (und zu falsch), keine Überinterpretation zu groß. Die „Daily Mail“, die der Londoner Korrespondent des „Tagesspiegel“ offenbar mit Billigung seiner Redaktion als eine seriöse Quelle behandelt, hat aufgrund der BBC-Zeitenwendenbenamsungs-Sache einen Artikel veröffentlicht, der die vermeintliche Umbenennung in einen Kontext von Herbert Marcuse bis zur RAF stellt und in ihr Teil eines „marxistischen Plans“ sieht, „die Zivilisation von innen zu zerstören“.

Ich bin wütend, weil es mich fassungslos macht, wie die Lügen der „Daily Mail“ und ähnlicher Hassprediger immer wieder um die Welt gehen und unausrottbar werden, wie die Mär vom angeblich christliche Traditionen verdrängenden „Winterval“. Man sollte denken, dass Journalismus eine Barriere bei der Verbreitung dieser Urban Legends darstellt; stattdessen werden sie von Journalisten wie Thibaut begeistert weitergetragen.

Thibaut spricht von den „Diktaten der politischen Korrektheit“ und merkt nicht die Ironie. Tatsächlich verzichtet die BBC ja gerade auf das Diktat einer Formulierung. Sie stellt, im Gegenteil, ihren Redaktionen frei, welche Begriffe sie verwenden wollen — diejenigen, die sich explizit auf Christi Geburt beziehen, oder neutralere. Was die BBC hier predigt, ist die Freiheit der Wahl. Ist es nicht erstaunlich, dass ausgerechnet die Kämpfer gegen die „Diktate der politischen Korrektheit“ diese Freiheit nicht aushalten? Diejenigen, die gegen die BBC wettern und fordern, sie müsse immer und jedesmal Christus‘ Namen gebrauchen, sind es, die einen bestimmten Sprachgebrauch diktieren wollen.

Thibaut schreibt:

(…) ich halte es wirklich nur für eine Frage der Zeit, bis als Beispiel erfolgreicher Integration eine muslimische Nachrichtensprecherin im britischen TV mit Kopftuch auftreten wird — so wie seinerzeit der erste schwarze Nachrichtensprecher Trevor McDonald in England eine Barriere durchbrach.

Ich weiß nicht, ob er bedauert, dass Schwarze in Großbritannien Nachrichten lesen dürfen. Die Aussicht auf eine Nachrichtensprecherin mit Kopftuch jedenfalls hatte er in seinem ursprünglichen Artikel noch als düstere Vision „zynischer Kritiker“ dargestellt.

Nun sagt Thibaut, er würde muslimischen Frauen das Moderieren mit dem Kopftuch gerne erlauben, wenn sie eine Gegenbedingung erfüllen:

Wenn wir, als Gegenleistung für diesen Integrationsakt, in der BBC und anderswo, dann wieder, so wie die längst selbstverständlichen Witze und Lästerungen über Jesus und die Bibel, in der BBC auch wieder Späße oder gar Kritik über Mohammed und den Koran hören dürften, hätte ich persönlich nicht einmal etwas dagegen.

Immerhin kann man dem „Tagesspiegel“ also keine fehlende Toleranz vorwerfen: Er beschäftigt sogar Korrespondenten, die keine freundschaftlichen Beziehungen zur deutschen Sprache unterhalten — Verzeihung, ich bin immer noch und schon wieder wütend.

Für Thibaut hat Freiheit offenbar nichts mit unveräußerlichen Menschenrechten zu tun. Sie werden nur gegen Pfand ausgeliehen.

Wir können uns gern darauf einigen, dass meine Kritik an Thibaut und seinem „Tagesspiegel“-Bericht polemisch, unsachlich und nicht objektiv ist. Auf der anderen Seite: Seine Behauptungen sind falsch. Er weigert sich, sie zu korrigieren.

Übrigens: Die Erklärung im Religions-Ressort der BBC-Webseite, es verzichte auf die Verwendung der Begriffe „vor / nach Christus“, steht da seit mindestens vier Jahren.

Medien im Blutrausch (2)

29 Apr 09
29. April 2009

Zugegeben: Die Hoffnung, dass Politiker wie der bayerische Innenminister Joachim Herrmann oder Journalisten wie der „Tagesspiegel“-Krawallkommentator Malte Lehming für die im folgenden genannten Argumente zugänglich sein könnten, stellt selbst meinen Glauben an die Kraft der Aufklärung auf eine harte Probe.

Trotzdem.

Matthias Dittmayer schreibt mir:

Ich hatte vor etwas längerer Zeit frustriert von der sogenannten Berichterstattung über „Killerspiele“ ein Youtube-Video veröffentlicht, das durch den Blogeintrag „Medien im Blutrausch“ ein voller Erfolg wurde. 1,5 Millionen Zugriffe, Artikel in der „Welt“, dem „Tagesspiegel“ und sogar eine kleine Meldung in der „FAZ“. Dachte ich mir zumindest. Jetzt nach Winnenden ist alles schlimmer als zuvor. Journalisten, Polizisten, Politiker und Wissenschaftler geben mehr Schwachsinn von sich als je zuvor. Und ihnen wird geglaubt. So sprang der „Focus“ mit dem Artikel „Killt die Killerspiele“ und viele anderen Formate auf die allgemeine Hetze an. Was haben z.B. diese Aussagen gemeinsam:

– Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft Hessen, Heini Schmitt:

„Es ist bekannt, dass in allen Fällen, in denen es zu Amokläufen kam, die Täter einen ausgeprägten Hang zu sogenannten Killerspielen hatten. […] Die Welt wird nicht ärmer, wenn es keine Killerspiele mehr gibt.“

„Tagesspiegel“, Malte Lehming:

„Es ist kein Zufall, dass Killerspiele ursprünglich in Militärkreisen entwickelt wurden, um Soldaten emotionsloser, sprich: effektiver, zu machen.“

Sie sind in jeglicher Hinsicht falsch. Das interessiert aber niemanden. Die Bahn stellt Werbung für „Killerspiele“ ein, Galeria Kaufhof hat Spiele mit einer höheren Freigabe als „ab 16″ aus dem Sortiment genommen, Media Markt aus den Regalen, und die „ab 16″ zum Teil gleich mit. Vor dem Kauf eines Killerspieles werden nun Name und Anschrift der wohl potentiellen Amokläufer erfasst, ohne rechtlich wohl erforderliche Einwilligung. In Stuttgart und Nürnberg wurden Veranstaltungen der ESL (quasi die Bundesliga der Videospiele) untersagt, da dort CounterStrike gespielt wird. Die Medien zeigen ihre Macht, die Wahrheit ist dabei unerheblich.

Ich habe ein neues Video gemacht, das Aussagen wie die obigen als das entlarvt, was sie sind. Schlichtweg falsch. Ich finde es übrigens bedauerlich, dass man sowas kaum in den etablierten Medien findet. Schließlich studiere ich Rechtswissenschaften, und verständlich, geschweige denn ansprechend zu schreiben, ist nun wahrlich keine Qualifikation eines Juristen.

Hier ist seine neue „Gegendarstellung“: