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Fliegt der „Tagesspiegel“ auf Easyjet? Eine Replik

05 Mai 14
5. Mai 2014
  • von Markus Hesselmann

Ein Facebook-Kommentator verglich uns schon mit Herrn Müller-Lüdenscheidt und Herrn Dr. Klöbner. Ente raus oder Ente rein? War unsere Debatte derart kleinlich und prinzipienreiterisch geraten wie bei Loriots Badewannenmännlein? Ich denke nein. Wie wir gegen Schleichwerbung vorgehen, ist aus meiner Sicht eines der wichtigsten Themen im Journalismus und vor allem: für dessen Zukunft. Diese Frage rechtfertigt lange und gern auch leidenschaftliche Debatten. Deshalb freue ich mich, dass Stefan Niggemeier mir ermöglicht hat, für seinen Blog eine Replik zu schreiben.

Was ein Unternehmen denn wohl dafür zahlen würde, mit seinem Namen prominent im redaktionellen Teil einer Zeitung zu stehen? Das fragt sich Stefan Niggemeier und weiß es nach eigener Auskunft nicht. Ich weiß es auch nicht — und ich habe mich auch nie dafür interessiert. Das liegt unter anderem daran, dass ich Anfragen aus der Werbebranche in dieser Richtung — und die gibt es tatsächlich — immer sofort zurückgewiesen habe, unter anderem mit der Erklärung, dass Schleichwerbung dem Journalismus schadet, indem sie dessen Glaubwürdigkeit zerstört. Im weiteren versuche ich dann manchmal noch zu erläutern, dass Schleichwerbung letztlich auch nicht gut ist für Werbekunden. Denn wenn die Glaubwürdigkeit eines Mediums leidet, dann ist auch die Botschaft des Werbers, der für gutes Geld seine Anzeigen im Umfeld des redaktionellen Teils platziert, weniger wert. Bernd Ziesemer, der frühere Chefredakteur des Handelsblatts, hat dazu kürzlich noch weitere gute Argumente genannt.

In zwei Blogposts (hier und hier) hat Stefan Niggemeier einen Themen-Schwerpunkt des Tagesspiegels zum Berlin-Tourismus aufgegriffen und kritisiert. Er schlussfolgert: „Entweder die Zeitung hat sich von dem Unternehmen kaufen lassen. Oder eine komplette Redaktion hat versehentlich eine Werbesonderausgabe für Easyjet produziert.“

Beides trifft nicht zu. Unsere Redaktion lässt sich nicht kaufen und wir haben bewusst einen redaktionellen Schwerpunkt produziert. „Wie Billigflieger und Massentourismus in den vergangenen zehn Jahren Berlin verändert haben“, stand auf der Titelseite des gedruckten Tagesspiegels. Das halten wir für ein relevantes Thema in unserer Stadt, das einen solchen Schwerpunkt rechtfertigt. Über der Anmoderation stand der Begriff „Easyjetset“, an dem sich bereits ein Teil der Kritik entzündete, weil hier ein Unternehmen angeblich unzulässig hervorgehoben wurde. Es gebe doch schließlich noch andere Billigfluglinien und Easyjet sei noch nicht einmal die erste in Berlin gewesen.

Das aber war für uns nicht entscheidend. Es ging uns um einen Begriff, der für ein Phänomen steht, das wir beschreiben wollten, und als solcher ist das „Easyjetset“ längst eingeführt. Von der „taz“ über die „Zeit“ bis zu „Focus“: Viele andere Medien haben den Begriff bereits prominent verwendet. Bei Suhrkamp liegt ein Buch mit dem Titel „Lost and Sound: Berlin, Techno und der Easyjetset“ vor.

Ein Ryanair– oder gar Germanwings-Jetset ist nicht dokumentiert. Im Fall Easyjet ist eine Marke begrifflich über sich hinausgewachsen. Das soll es zuvor auch schon gegeben haben, vom Tempotaschentuch bis zur Generation Golf. Keine Rede vom Softistaschentuch oder der Generation Fiesta.

Der wichtigste Punkt bei all dem: Die Initiative für den Schwerpunkt ging allein von der Redaktion aus. In der Umsetzung aber gibt es für uns aus der Kritik — sie kam nicht nur von Stefan Niggemeier, sondern auch von „Tagesspiegel“-Lesern und nicht zuletzt –Kollegen — eine Menge zu lernen. Zum Beispiel, dass sich Schwerpunkte aus der gedruckten Zeitung nicht so einfach auf unsere Online-Seite übertragen lassen. Es macht einen anderen Eindruck, wenn durch ein Print-Layout eine Einordnung vorgegeben wird. Wenn es dort zum Beispiel einen Kasten zu anderen Fluggesellschaften gibt — von Stefan Niggemeier als zu klein befunden, auch darüber kann man diskutieren. Und wenn der vor allem kritisierte Text mit den Statistiken zu Easyjet auf den Druckseiten eben erst an dritter Stelle eingeordnet ist, seiner Relevanz als Zusatzstück entsprechend, nach dem Essay über Städtereisen und der Reportage über das touristische Berlin. Online wird all dies als gleichberechtigt wahrgenommen. Da werden wir künftig deutlich mehr anmoderieren und verlinken, um die redaktionelle Intention eines Themen-Schwerpunkts besser nachvollziehbar zu machen. Der Kasten mit den anderen Billigfluglinien etwa war online gar nicht verlinkt. Das haben wir jetzt nachgeholt.

Unabhängig von all dem hätte zu dem Themenschwerpunkt sicher ein ausführliches Stück zur Klimabilanz der Billigfliegerei gehört. Das ist ein Versäumnis, auf das uns auch viele Leser zu Recht hingewiesen haben. Wir werden nun einen solchen Beitrag recherchieren und nachliefern, besser spät als nie.

Und nicht zuletzt ist es wichtig, dass wir Fehler vermeiden. Stefan Niggemeier hat uns zu Recht auf sachliche Fehler in Überschriften, Vorspannen und Texten hingewiesen. Den Statistikbeitrag haben wir daraufhin offline genommen, denn dessen Pointe beruhte auf einer falschen Zahl. Dass solche Fehler, die nicht allein in der Verantwortung eines Autors, sondern auch von Redakteuren, Ressort– und Redaktionsleitern liegen, unserer Glaubwürdigkeit schaden, ist uns bewusst. Wir wollen es künftig besser machen.

Markus Hesselmann ist Redaktionsleiter Online beim „Tagesspiegel“.

Der „Tagesspiegel“ fliegt auf Easyjet (2)

01 Mai 14
1. Mai 2014

Um die merkwürdige Welle von Easyjet-Artikeln, die der „Tagesspiegel“ Anfang der Woche online veröffentlichte, angemessen würdigen zu können, muss man vielleicht die Titelseite der Zeitung vom vergangenen Sonntag kennen, in der diese Artikel erschienen. „Easyjetset“ stand da in großen Buchstaben vor einem irgendwie heimeligen Bild vom Berliner Fernsehturm im Sonnenauf– oder Untergang:

Ich weiß nicht, wie viel ein Unternehmen dafür zahlen würde, seinen Namen in dieser Form auf der Titelseite einer Zeitung präsentiert zu sehen. Meine Arbeitshypothese: viel.

Vier redaktionelle Seiten widmete der „Tagesspiegel“ am Sonntag der Fluggesellschaft, weil sie vor zehn Jahren zum ersten Mal Berlin anflog. Das Thema ist angeblich, wie „Billigflieger und Massentourismus“ in dieser Zeit die Stadt verändert haben. Aber der eine Billigflieger, dessen Name auf diesen Seiten immer wieder genannt wird, ist Easyjet. Dass es noch andere Billigflieger gibt, die Berlin ansteuern, erfährt man nur in einem kleinen Kasten.

Dabei war Easyjet vor zehn Jahren nicht einmal der erste Billigflieger, der Berlin-Schönefeld anflog, sondern der sechste. Man würde das als Leser dieser „Easyjetset“-Seiten aber nicht ahnen, die bedeutungsschwanger referieren, dass es eine Boeing 737 gewesen sei, die am 28. April 2004 als erste Easyjet-Maschine in Berlin landete, dass sie aus Liverpool gekommen sei, 122 Passagiere an Bord gehabt habe und bei ihrer Ankunft von der kalifornischen Popband Berlin begrüßt worden sei mit dem Lied „Take My Breath Away“.

Kevin P. Hoffmann, der Wirtschaftschef des „Tagesspiegel“, hat sich von dem Unternehmen nicht nur ausrechnen lassen, wie viel Bier in dieser Zeit an Bord der Flüge ab Schönefeld getrunken wurde, und sich für die Zahl grundlos begeistert. (Sein Artikel „Mit 14.519 Litern Bier zum Mars“ ist aktuell nicht mehr online, weil er neben anderem Unsinn auch noch die falsche Entfernung zum Mars nannte, was einerseits egal ist, andererseits für dieses bekloppte Stück zentral.) Hoffmann hat auch ein bisschen mit dem Deutschlandchef von Easyjet geplaudert. Kostprobe:

Wo sind Sie gern in Berlin?

Vor ein paar Jahren war ich erstmals mit meiner Familie da. Damals hatten wir ein Hotel in Mitte an der Museumsinsel, das nächste Mal in Prenzlauer Berg und vor drei Wochen waren wir in Friedrichshain. Das war auch super. Was denken Sie: Wo sollen wir als Nächstes hin?

Vielleicht mal in den Westen, nach Schöneberg oder Neukölln. Man sagt auch: Der Wedding kommt …

Prima, das versuchen wir.

Eine Kollegin hat die Gelegenheit genutzt, die „einschwebenden Gäste“ zu befragen, die aus einem der „mehr als 40 Flugzeuge der Airline Easyjet“ ausstiegen, die „allein an diesem Freitag“ in Schönefeld landeten. Kann man auch mal machen.

Eröffnet wird das Easyjet-Extra von einem Essay von Rüdiger Schaper, dem Leiter des Feuilletons. Ihn bringt der Easyjet-Tourismus ins Schwärmen:

Billigflüge sind die Ausflüge der Neuzeit, davon profitiert besonders die Kultur. Auf kurzen Reisen in engen Sitzreihen lebt der Gedanke des Gemeinsamen.

Er beginnt seinen Text mit einer Erinnerung an die alten Flugschauen und schreibt:

Heute sitzen die Massen im Airbus, vor allem im letzten Jahrzehnt hat sich die Vorstellung der Flugschau radikal verändert: nach Barcelona oder Istanbul zur Party fliegen und schauen, was abgeht, oder nach Paris ins Museum. Auch der stets unruhige, auf gepacktem Rollkoffer sitzende Kulturbürger gehört zur „Generation Easyjet“.

Falls Ihnen der Begriff „Generation Easyjet“ nicht geläufig ist: Die Firma Easyjet hat ihn erfunden. Er ist aktuell der zentrale Begriff ihres Marketings. Und wenn man liest, welche Werbebotschaft die Firma mit diesem Begriff verbindet, stellt man fest, dass es exakt die Botschaft ist, die der „Tagesspiegel“ in seinem Artikel Easyjet zuschreibt. Das Stück liest sich wie eine redaktionelle Interpretation dieses Mottos.

Der Autor dekliniert sogar die einzelnen Flugziele von Easyjet ab Schönefeld durch:

Ein neuer, niedrigschwelliger Kulturtourismus hat sich entwickelt. Wir alle spielen in einer kulturellen Champions League, und niemand scheidet aus. Im Sommer zur Biennale nach Venedig, nächstes Wochenende zur großen El-Greco-Jubiläumsausstellung nach Madrid und Toledo, nach London in die Tate, auch Manchester, Liverpool und Lyon liegen um die Ecke. (…)

Ein Wochenende in Thessaloniki — der Flug nach Nordgriechenland dauert zwei Stunden — lässt sich preiswerter kalkulieren als ein paar Tage an der Ostsee. Man zahlt nur für den engen Sitz im Flugzeug, mehr Beinfreiheit und ein aufgegebener Koffer sind dann manchmal schon so teuer wie das Ticket selbst. Herrlich ein Drink auf der Dachterrasse des Elektra Palace an der Platia Aristotelous, einem der schönsten Plätze Europas, der sich von der Altstadt zur Meerespromenade hin absenkt!

Oder morgens mal nach Mailand-Malpensa, dann mit dem Mietwagen schnell über die Schweizer Grenze bei Chiasso ins Outletcenter Foxtown und am Abend zurück nach Berlin mit vollen Taschen. Das ist kein Managertag, sondern ein Betriebsausflug von Sekretärinnen.

Robert Ide, der Berlin-Chef des „Tagesspiegels“, schrieb auf Twitter, es handele sich bei dem, was auf mich wie eine vielseitigen PR-Aktion von oder jedenfalls für Easyjet wirkt, um einen „redaktionellen Schwerpunkt zum Massentourismus in Berlin“; das Thema sei „sehr relevant“. Markus Hesselmann, der Online-Chef des „Tagesspiegels“, schrieb auf Facebook, entscheidend für ihn sei bei alldem, „dass die Redaktion von sich aus ihre Themen setzt unabhängig von Werbung“.

Entweder die Zeitung hat sich von dem Unternehmen kaufen lassen. Oder eine komplette Redaktion hat versehentlich eine Werbesonderausgabe für Easyjet produziert.

Der „Tagesspiegel“ fliegt auf Easyjet

28 Apr 14
28. April 2014

Die Fluggesellschaft Easyjet verkauft täglich auf ihren Routen von und nach Berlin-Schönefeld knapp vier Liter Bier. Das ist eine beachtliche Sache. Zwölf 0,33-Liter-Dosen am Tag! Also: fast. Das zeigt, dass es sich für das Unternehmen wirtschaftlich lohnt, Schönefeld anzufliegen.

Meint der „Tagesspiegel“.

Er hat sich die Bilanz „eigens“ von Easyjet für die eigene Berichterstattung ausrechnen lassen: 14.519 Liter Bier in zehn Jahren, „ab Schönefeld“. (Ich nehme an, der „Tagesspiegel“ meint mit „ab“ Schönefeld „von und nach“ Schönefeld.)

Vor zehn Jahren hat das Unternehmen zum ersten Mal Schönefeld angeflogen, und der „Tagesspiegel“ hat beschlossen, dass das ein Grund zum Feiern ist. „Exakt 285.144.899 Kilometer Strecke haben Easyjet-Gäste seither bis zum Wochenende von und nach Berlin gemeinsam zurückgelegt“, staunt er. Ich weiß nicht genau, wie er das mit dem „gemeinsam“ meint und ob das die Strecken sind, die die Flugzeuge zurückgelegt haben, oder die Strecken multipliziert mit der Zahl der Passagiere. Ohnehin lassen sich Flugkilometer so schlecht in handelsübliche Fußballfelder und Saarländer umrechnen, weshalb der „Tagesspiegel“ als Vergleichsgröße die uns allen im täglichen Leben ja geläufige Entfernung zum Mars anbietet. Den hätte Easyjet jedenfalls angeblich locker erreichen können, wenn die Fluggesellschaft nicht so albern zwischen Berlin und irgendwelchen anderen Städten hin– und hergeflogen wäre, sondern schön am Stück zum Mars.

Weiters hat Easyjet für den „Tagesspiegel“ ausgerechnet, dass in den vergangenen zehn Jahren 31 Millionen Passagiere mit der Linie von oder nach Berlin flogen. Angesichts einer Einwohnerzahl von 3,5 Millionen ist nach Ansicht des „Tagesspiegels“ „statistisch jede Berlinerin und jeder Berliner fast neun Mal mit Easyjet mit Berlin geflogen“.

Es hat angesichts der Qualität des Artikels eine gewisse Konsequenz, dass daraus im Vorspann wird, „jeder neunte“ Berliner sei schon einmal mit Easyjet geflogen, was nicht einmal annähernd dasselbe ist. Aber auch die Ursprungsrechnung stimmte natürlich nur dann, wenn man annähme, dass ausschließlich Berliner von und nach Berlin mit Easyjet fliegen, weshalb ich folgende Alternativrechnung vorschlagen möchte, die mir deutlich sinnvoller erscheint: Wenn man davon ausgeht, dass die Passagiere im Schnitt 1,80 Meter groß sind, und sie hintereinander auf den Boden legt, könnte man die Easyjet-von-und-nach-Schönefeld-Fluggast-Schlange 8,75 1,4 mal um den Erdball wickeln. Gleich viel anschaulicher.

Jedenfalls fliegt seit zehn Jahren eine stattliche Zahl von Menschen (die ganz überwiegend nicht so blöd sind, an Bord teures Bier zu kaufen) mit Easyjet von und nach Berlin, und wenn man Hartmut Mehdorn ist, kann man das mangels anderer Anlässe schon mal als Grund zur Freude nehmen:

„Wir freuen uns über zehn Jahre Easyjet in Berlin und gratulieren herzlich zum Jubiläum“, lässt Berlins stressgeplagter Flughafenchef Hartmut Mehdorn aus diesem Anlass über den Tagesspiegel ausrichten. „Easyjet hat mit dazu beigetragen, das Gesicht der deutschen Hauptstadt noch internationaler zu machen.“

Für eine persönliche Botschaft fehlte dann also anscheinend doch die Muße, aber der „Tagesspiegel“ ist so nett, dem Easyjet die Glückwünsche von Herrn Mehdorn auszurichten, auch wenn offenbleibt, inwiefern es nötig war, damit nun uns als Leser zu behelligen.

Der „Tagesspiegel“ fügt hinzu:

Mehdorns warme Worte sind angebracht. Denn während Air Berlin, die Lufthansa und ihre Tochter Germanwings in Tegel starten und landen und dessen Kapazitäten über die Grenzen treiben, sorgt Easyjet weiter für den nötigen Betrieb am kleineren Standort Schönefeld, der sonst womöglich veröden würde. Waren vor zehn Jahren noch 41 Fluggesellschaften dort vertreten, sind es heute nur noch 25.

Ja, total nett von Easyjet, wobei vielleicht noch ein bisschen aufschlussreicher als die Zahl der Fluggesellschaften die Information gewesen wäre, dass sich in Schönefeld in den vergangenen zehn Jahren die Zahl der Fluggäste mehr als verdoppelt hat. Die Verödung droht also vielleicht doch nicht unmittelbar.

Der Artikel schließt mit dem Gedanken, dass man vor zehn Jahren dem damaligen Easyjet-Chef hätte trauen und Aktien kaufen sollen, dann bekäme man heute nämlich vier mal so viel dafür (und könnte sich, aber das steht da nicht, auch ohne zu zögern alle paar Tausend Flugkilometer das ein oder andere Easyjet-Bier leisten).

Ich weiß nicht, ob der „Tagesspiegel“ für diese Werbe-Geschichte zum Berlin-Anflieg-Jubiläum von Easyjet bezahlt wurde, aber ehrlich gesagt: Ich hoffe es. Einen solchen durch und durch bekloppten Artikel ohne eine entsprechende Entschädigung zu veröffentlichen, wäre ja noch schlimmer.

Und es ist ja nicht die einzige Glückwünsch-Botschaft, die der „Tagesspiegel“ dem Unternehmen schenkt. Parallel veröffentlichte er ein Stück mit dem Titel „Easyjetter fliegen auf Berlin“ und dem Vorspann:

Die erste Easyjet-Maschine landete vor zehn Jahren in Schönefeld. Was keiner ahnte: Am 28. April 2004 begann eine neue Tourismus-Ära. Was treibt Millionen Easyjetter nach Berlin?

Der Artikel erklärt weder, inwiefern eine neue Tourismus-Ära begann, noch was Millionen „Easyjetter“ nach Berlin treibt. Die Autorin war nur „unterwegs an zwei toruristischen (sic!) Hotspots“: Am Brandenburger Tor und in der Simon-Dach-Straße, zwei Orte, die man als Berliner Lokalzeitung der einheimischen Bevölkerung wirklich dringend mal vorstellen musste („Die Simon-Dach-Straße erinnert ein wenig an eine Kirmes“). Um Billigflieger geht es, außer in Überschrift und Vorspann — nicht.

Immerhin aber in einem dritten Stück zum Thema „Zehn Jahre Easyjetter in Berlin“, das sich freut:

Ohne Billigflieger säße so manche Kneipe vermutlich auf dem Trockenen. Denn sogenannte Pubcrawler sichern den Umsatz — und das Einkommen von Stadtführern.

Und so hebe ich mit der „Tagesspiegel“-Redaktion die selbstmitgebrachte Bierflasche in die Höhe und bitte Sie um einen Toast auf Easyjet. Dieses wunderbare Unternehmen, das der Stadt (und, anscheinend, hoffentlich, einer ihrer siechen Regionalzeitungen) so viel Gutes beschert!

[via Simon Drees]

Nachtrag, 23:25 Uhr. Der „Tagesspiegel“ hat unauffällig den „jeder neunte“-Fehler im Vorspann durch den „fast neun Mal“-Quatsch ersetzt.

Nachtrag, 29. April. Markus Hesselmann, der Online-Chef des „Tagesspiegels“, nennt die Texte „ok“ und die Teaser-Fehler „peinlich“ und meint, ich fände den Schleichwerbungsvorwurf offenbar selbst albern.

Heute früh hat der „Tagesspiegel“ noch einen „Easyjet“-Artikel veröffentlicht; es ist (zusammen mit diesem) der fünfte. Der Markenname steht darin zwar nicht sichtbar für Leser, aber als Stichwort für Suchmaschinen.

Harald Martenstein verwechselt österreichischen Werberat mit den Taliban

02 Feb 14
2. Februar 2014

Dann bleiben wir doch noch einen Moment bei idiotischen Vergleichen und im Holtzbrinck-Verlag und wechseln nur den Autor.

Harald Martenstein.

Er hat irgendwo aufgeschnappt, dass die linke Mehrheit in der Bezirksverordnetenversammlung Kreuzberg-Friedrichshain wieder Unfassbares vorhat: Diesmal will sie anscheinend sexistische Werbung verbieten. Untersagt werden sollen Plakate, so Martenstein im Kreuzberg-Blog des „Tagesspiegel“,

auf denen die Gleichwertigkeit der Geschlechter infrage gestellt wird, männliches Dominanzgebaren, zum Beispiel im Baumarkt oder beim Kauf eines BMW, nicht kritisch dargestellt wird, auf denen Körper „unangemessen dargestellt“ sind und — obwohl das nicht direkt etwas mit Sexismus zu tun hat — Ausbeutung aller Art nicht kritisch reflektiert wird.

Das sind Vorgaben, die direkt aus Nordkorea stammen könnten, meint Martenstein. Oder von islamistischen Mörderbanden:

Die Formulierung „unangemessene Darstellung von Körpern“ dagegen könnten [die Bezirks-Politiker] aus dem Programm der Taliban übernommen haben.

Wenn Martenstein sich nur einmal die Mühe machen würde, zu recherchieren und sich nicht auf das zu verlassen, was er irgendwo gehört oder gelesen hat oder auch nur gehört oder gelesen zu haben glaubt, dann hätte er auf den Seiten der Bezirksverordnetenversammlung gefunden, woher die Antragssteller die Formulierungen tatsächlich übernommen haben. Die Quelle ist nämlich angegeben. Es handelt sich um den Ethik-Kodex des Österreichischen Werberates.

Träger dieses Gremiums sind so fundamentalistische Organisationen wie der ORF, der Österreichische Verband der Markenartikelindustrie und der Verband Österreichischer Zeitungen. Und vielleicht lohnt es sich, für einen Moment innezuhalten und sich zu fragen, was es bedeutet für die selbstempfundene Normalität und Gesundemenschenverstandhaftigkeit, auf der die Kolumnen des Harald Martenstein beruhen, wenn er ethische Richtlinien des österreichischen Werberates für ein „Programm der Taliban“ hält.

(Keine Sorge, das wird ihn auch künftig nicht zur Reflexion oder auch nur zur Recherche animieren, das würde ja seine Existenzgrundlage bedrohen.)

Der Antrag an das Bezirksamt betrifft unmittelbar auch nur Außenwerbung „auf bezirkseigenen Flächen“. Er zielt aber tatsächlich auf eine weitergehende juristische Einschränkung sexistischer Werbung. Dabei ist meiner Meinung nach heikel, dass er sich ausdrücklich vornimmt, dass sexistische Reklame nicht erst im Nachhinein gerügt wird, sondern schon im Vorfeld unmöglich gemacht werden soll, dass „sexistische, diskriminierende und frauenfeindliche Werbung überhaupt veröffentlicht wird“. Die Grenzen für eine solche Art von Vor-Zensur sind in Deutschland eigentlich aus guten (und historischen) Gründen sehr eng gesteckt.

Der Vergleich mit den Taliban aber zeugt natürlich nur von dem Normalo-Extremismus Martensteins, auch weil die Grünen mit dem Antrag nach eigener Aussage gerade zu einer öffentlichen Diskussion betragen wollen:

Es ist ein schmaler Grat, Sexismus zu definieren, daher wird es immer Streitfälle, immer eine Grauzone geben. Aber: Wir wollen es wenigstens versuchen — und damit auch die Sexismusdebatte insgesamt vorantreiben.

Genau das ist natürlich nicht im Interesse Martensteins.

Deshalb desinformiert er seine Leser und behauptet: „Es sollen auf den Kreuzberger Plakatwänden auch keine Bilder von Hausfrauen mehr erlaubt sein.“ Tatsächlich wollen die Bezirkspolitiker bloß dafür sorgen, dass Frauen in einer größeren Vielfalt dargestellt werden als nur entweder als Hausfrau oder als Supermodell. Diese Stereotypen hätten zur Folge, so die Begründung des Antrages, „dass sich Frauen oftmals selbst nicht außerhalb dieses Rahmens vorstellen können.“

Weil Martenstein sich aber ganz blöd stellt, kommt er auf den nächsten abwegigen Vergleich: Wenn Hausfrauen nicht gezeigt werden sollen, weil Frauen sonst Hausfrauen werden, sei das genau so dumm wie die Forderung von Konservativen, dass man Homosexualität nicht in der Schule zeigen soll, damit die Kinder nicht schwul werden.

Er denkt seinen Irrtum dann komplett zu Ende und fantasiert lustig von einer Prohibition, bei der heterosexuelle Frauen heimlich im Untergrund sauber machen. Jahaha. Er hat nichts verstanden und darauf ein ganzes Geschäfts– und Publikationsmodell aufgebaut.

Der „Tagesspiegel“ hat die „perfekte Lösung“ gefunden, online Geld zu verdienen

15 Aug 12
15. August 2012

Ich bin neulich über Google im Online-Angebot des Berliner „Tagesspiegel“ gelandet. Es empfing mich mit diesem Artikelfragment:

Der ganze Text wird erst angezeigt, nachdem man die gelb markierten Wörter eingetippt hat.

Immerhin antizipiert tagesspiegel.de, dass diese Praxis Fragen auslöst. „Geht’s noch?“, wäre eine der wenigen naheliegenden, die ohne Verwünschungen auskommen. Zur Not ist aber natürlich auch der „Tagesspiegel“-Vorschlag „Warum diese Art der Werbung?“ hilfreich.

Also: Warum diese Art der Werbung? Der „Tagesspiegel“ schreibt:

Verlage stehen im Internet vor besonderen Herausforderungen. Die Leser zahlen gerne für eine gedruckte Zeitung, im Internet ist die Bereitschaft für Nachrichten zu zahlen aber meist nicht vorhanden, obwohl die Kosten für die Verlage in vergleichbaren Größenordnungen liegen. Einige Nachrichtenanbieter fühlen sich bereits gezwungen, auch für ihr Internetangebot Gebühren zu verlangen, um sich finanzieren zu können.

Nun, dem ließe sich jetzt einiges erwidern, aber lassen wir das mal so stehen. Weiter im Text.

Wir wollen Ihnen weiterhin die Qualität bieten, die Sie vom Tagesspiegel kennen.
Für ein kostenloses Angebot sind wir deshalb stark auf die Werbevermarktung angewiesen.

Derzeit testen wir eine neue für den Werbetreibenden attraktive Werbeform. Damit sehen wir eine weitere Möglichkeit, dass wir mit diesen Einnahmen unsere Kosten refinanzieren und langfristig das Gesamtwerbeaufkommen auf unseren Seiten reduzieren.

Ah, das „Gesamtwerbeaufkommen“, gut dass die Kollegen das selbst erwähnen. Es ist nämlich so, dass ich beim Besuch auf tagesspiegel.de in Wahrheit gar nicht von dem Artikelfragment begrüßt wurde, sondern von der Lufthansa:

Je nachdem, welche Werbung gerade eingeblendet wird, macht der Artikel beim Aufruf der Seite den hier rechts grün markierten Teil aus. Alles andere ist Zeug, Gerümpel, Werbegetöse.

Da fühlt man sich als Besucher doch gleich willkommen und denkt sich: Mensch, wie die hier wohl ihren schönen Qualitätsjournalismus finanzieren?

Die tatsächlichen Einnahmen, die der „Tagesspiegel“ mit dieser „für den Werbetreibenden attraktiven Werbeform“ generieren, sind im konkreten Fall aber vermutlich überschaubar, weil der „Werbetreibende“ im Prinzip der „Tagesspiegel“ selbst ist. Qiez.de ist ein Angebot, das im Wesentlichen daraus besteht, Artikel aus dem „Tagesspiegel“ so wiederzuverwerten, dass man beim flüchtigen Blick beinahe denken könnte, es handele sich um eines dieser „hyperlokalen Angebote“, um die neuerdings Wind gemacht wird.

Es trifft ungefähr so zuverlässig meinen Kiez wie jemand, der mit Dart-Pfeilen auf eine Landkarte von Asien wirft, und wirkt dabei fast so belebt wie die Fußgängerzone von Oer-Erkenschwick morgens um halb vier. Aber wenn erstmal genügend Menschen auf tagesspiegel.de Q — I — E — Z — punkt — D — E eingetippt haben, wird sich das bestimmt ändern.

„Brandwall“ nennt der Vermarkter diese Art der Unterbrecherwerbung. Die Firma „Brand Interactive“ ist ganz stolz darauf, sie angeblich erfunden zu haben und nennt sie — ohne erkennbare Ironie — eine Möglichkeit für Verleger, „ihre Inhalte endlich auch im Internet ohne Hürden für den Leser angemessen zu monetarisieren“.

50 Cent bis 1,50 Euro soll der Werbekunde für jeden Leser zahlen, der den geforderten Text eingibt.

Etwas besseres kann sich Peter Neumann, der Gesamtleiter Online der „Tagesspiegel“-Gruppe, gar nicht vorstellen:

„Die brandwall ist die perfekte Lösung zur Monetarisierung unserer Premium-Inhalte im Internet. Danach haben wir seit langem gesucht.“

Dann gratuliere ich herzlich, und biete kostenlos einen Vorschlag, wie man diese perfekte Werbeform noch attraktiver machen könnte: Indem man den einzutippenden Namen in einem lustigen Ratespiel erst entziffern muss, wie bei den beliebten Captchas.

Gern geschehen.