Tag Archive for: Tatort

Langjährige ARD-Krimireihe mit sechs Buchstaben, aber nicht vorsagen!

06 Feb 13
6. Februar 2013

Die ARD stößt sich an einer Buchreihe, die sich mit dem „Tatort“ beschäftigt.

Unter dem Namen „Ermittlungen in Sachen TATORT“ hat der Berliner Verlag Bertz + Fischer bislang zwei kleine Bücher herausgebracht: „Sex & Crime“ ist ein Streifzug durch die Sittengeschichte der Krimi-Reihe, in dem Dennis Gräf und Hans Krah zu dem Ergebnis kommen, dass sie im Gegensatz zu ihrem liberal-aufgeklärten Image ein konservatives Weltbild aufweise, wenn es um die Bewertung sexueller „Abweichungen“ gehe. Unter dem Titel „‚Herrlich inkorrekt‘“ analysiert Matthias Dell, wie sich die Thiel-Boerne-„Tatorte“ aus Münster zwanghaft an der vermeintlichen Political Correctness abarbeiten.

Nach Ansicht der ARD verstößt der Verlag mit dem Wort „Tatort“ im Reihentitel gegen ihr Markenrecht. Über eine Anwaltskanzlei hat sie den Verlag aufgefordert, es in Zukunft nicht mehr in dieser Form zu verwenden.

Gegen die Verwendung des Wortes „Tatort“ im Titel der jeweiligen Bücher selbst hat die ARD nichts einzuwenden, „solange die Benutzung im Fließtext verbleibt“. Sie stört sich am Reihentitel. Der sei

nicht notwendig, um den Inhalt des Buches zu beschreiben, vielmehr wird hierdurch eine besondere Aufmerksamkeit für die beworbene Buchreihe durch die Verwendung des bekannten Titels „tatort“ hervorgerufen.

Der ARD stünden dadurch Unterlassungs- und Schadensersatzansprüche zu. Die Anwälte haben den Verlag deshalb aufgefordert,

bei Nachdruck der Bücher dieser von Ihnen avisierten „Reihe“ den Reihentitel künftig nicht mehr zu verwenden.

Der Verlag will dem aus Angst vor eventuellen Prozesskosten nachkommen, obwohl er sich fragt, welchen Sinn ein Reihentitel ohne Nennung des Gegenstandes hat.

Er hat die ARD-Anwälte deshalb um „rechtlich unbedenkliche und inhaltlich passende Alternativvorschläge“ gebeten. Wenn keine kommen, will er seine „Tatort“-Reihe umbenennen in:

„Ermittlungen in Sachen jener bekannten Sonntagabend-Krimireihe der ARD, deren markenrechtlich geschützten Titel zu nennen uns an dieser Stelle untersagt wurde.“

Sollten gegen die Verwendung der Abkürzung „ARD“ Einwände bestehen, bitte man um umgehende Mitteilung.

[Offenlegung: Ich habe vergangene Woche eine Veranstaltung des Verlages zum Buch von Matthias Dell moderiert.]

NDR verwischt Spuren am „Tatort“

21 Dez 11
21. Dezember 2011

Anders als YouTube behauptet, war es nicht der „Nutzer“, der den Zusammenschnitt von Auto-Szenen aus dem jüngsten Hannoveraner „Tatort“ gelöscht hat. Es war der NDR, der das Videoportal nach eigenen Angaben „aus urheberrechtlichen Gründen darum gebeten hat, das Video offline zu stellen“.

In dem Film waren liebevoll alle Szenen aus dem Charlotte-Lindholm-„Tatort“ aneinandermontiert worden, in denen Volkswagen im Bild waren — immerhin sechseinhalb Minuten. Mit Einblendungen in der VW-Hausschrift Futura hatte der Nutzer den möglichen werblichen Effekt der jeweiligen Darstellung kommentiert.

Das Video trug den schlichten Titel „Product Placement“. Der Sender weist diese Unterstellung empört zurück. „Da nach Auskunft des Produzenten für die Überlassung der PKW ein marktüblicher Preis gezahlt wurde, kann rechtlich von Product Placement keine Rede sein“, sagt eine Sprecherin. „Daher wurde durch den Zusammenschnitt bei YouTube zudem ein falscher Eindruck erweckt.“ Weitere rechtliche Schritte seien allerdings nicht geplant. Die FAZ hatte gestern gemeldet, dass der Sender darüber nachdenke, juristisch gegen den Titel „Product Placement“ vorzugehen.

Nun ist das böse Video also verschwunden, und anscheinend war die Welle, die es zuvor erzeugt hat, nicht so groß, dass es nun als Trotzreaktion immer wieder von neuen Leuten hochgeladen würde. Beim NDR kann man also einen Haken an die Sache machen und sich als Sieger der kurzen öffentlichen Auseinandersetzung fühlen.

Zu Unrecht. Denn das verschwundene Video lässt den Vorwurf der Schleichwerbung viel überzeugender erscheinen als es das vorhandene Video tat.

Der Zusammenschnitt war zwar ein eindrucksvolles Dokument: durch die schiere Masse der Aufnahmen von zwei VW-Modellen und die kommentierenden Einblendungen, die den Blick des Zuschauers auf das Geschehen in die Perspektive eines Unternehmens lenkten, das für die Vorzüge seiner Produkte werben will. Der Film schaffte es jedoch meiner Meinung nach nicht, den Befund des Product Placement zwingend erscheinen zu lassen. Zu gewollt erschien manchmal die einseitige Interpretation der dramaturgisch durchaus notwendigen Aufnahmen, zu harmlos das vermeintliche Beweismaterial.

Doch ein eigenes Urteil kann sich das Publikum nun nicht mehr machen — zum Beispiel auch nicht darüber, ob es wirklich „besonders auffällig“ war, wie die „Bild am Sonntag“ behauptete, dass ein Volkswagen-Logo im Lenkrad „plötzlich scharf gestellt“ war. In Wahrheit wanderte die Schärfe in dieser Szene vom Inneren des Autos nach draußen; das Logo im Lenkrad war nur ein Zwischenpunkt auf dem Weg dorthin. Das schließt natürlich nicht aus, dass das tatsächlich in werblicher Absicht geschah, lässt den Vorwurf aber deutlich weniger zwingend erscheinen.

Es ist für Firmen beunruhigend leicht, YouTube-Videos löschen zu lassen, und schrecklich verführerisch, auf diese Weise die Vorwürfe scheinbar aus der Welt zu schaffen. Dagegen, es zu tun, spricht nicht nur der berüchtigte Streisand-Effekt, sondern auch die Tatsache, dass man den unbefangenen Betrachter offenbar nicht für mündig hält, sich ein eigenes Urteil zu bilden.

Wenn der NDR sich nichts vorzuwerfen hat bei der Produktion dieses „Tatortes“; wenn es tatsächlich so ist, wie der Regisseur Roland Suso Richter der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ sagte, dass er den Internet-Film „nett gemacht“ gefunden und sich erst mal gefragt hätte, „ob das eine Verarschung sein soll“, dann hätte er den Film entspannt im Netz stehen lassen und am konkreten Beispiel darüber diskutieren können — anstatt das Primärmaterial zu entfernen, eine fundierte Kommunikation über den Fall zu erschweren und sich dem Vorwurf auszusetzen, die ganze Debatte verhindern zu wollen.

Das Ergebnis dieser Kommunikationsverweigerung liest sich dann so wie im Blog der Medien-Fachzeitschrift „Horizont“:

Nun schau mal einer guck: Jetzt hat der NDR nicht nur das YouTube-Video entfernen lassen, sondern auch gleich noch den ganzen Tatort aus der ARD-Mediathek genommen. Das ist schon mehr als seltsam. Kann uns vielleicht einer der verantwortlichen Programmgestalter erläutern, wie wir verstehen sollen, liebe Krimi-Freunde…?

(Der „Tatort“ bleibt immer nur eine Woche in der Mediathek.)

Verantwortliche in Unternehmen mögen immer noch glauben, dass das erfolgreiche Verschwindenlassen von Vorwürfen ein Beweis dafür ist, dass sie im Recht sind. Das Publikum interpretiert es zunehmend als Beweis dafür, dass sie im Unrecht sind.

Komisch, dass man das Einrichtungen erklären muss, deren Geschäft die Kommunikation ist.

Nachtrag, 22. Dezember. Thomas Schreiber, der Unterhaltungschef des NDR, widerspricht in den Kommentaren:

Die Überschrift […] „NDR vernichtet Spuren am ‚Tatort‘“ ist wirklich grober Unsinn.

Wir haben keine Spuren vernichtet, vielmehr hat ein Anonymus unter der üblen Überschrift „Product Placement“ die Urheberrechte einer ganzen Reihe von Menschen, u.a. des Regisseurs, des Drehbuchautors, der Schauspielerin, der Produzentin, des Senders etc durch seinen manipulativen Zusammenschnitt verletzt.

Die „Spuren“ sind auch nicht vernichtet – wir werden den „Tatort Schwarze Tiger, weisse Löwen“ noch oft und gerne sowohl im Ersten als auch in den Dritten Programmen senden.

Zu der Frage, ob es klug ist oder möglicherweise weniger klug ist, solch einen manipulativen Zusammenschnitt aufgrund von Urheberrechtsverletzungen, die in Deutschland scheinbar als Kavaliersdelikt angesehen werden (fragen Sie mal die Urheber), bei Youtube zu entfernen, habe ich eine andere Auffassung als Sie, die ich Ihnen zumindest gerne darstellen moechte:

Wenn der Zusammenschnitt bei Youtube stehen bleibt, wird er in Internetforen wie bei Ihnen, bei Journalisten etc ein Eigenleben entwickeln. Dieser Zusammenschnitt würde weiterhin unwidersprochen die Behauptung aufstellen können, dass es in unserem „Tatort“ Product Placement gegeben habe. Die Darstellung des NDR, die im Übrigen durch Rechnungen und Überweisungsaufträge belegbar ist (dass nämlich alle im Film verwendeten Autos von der Produktionsfirma zu normalen, marktüblichen Mietpreisen angemietet wurden) und die ja auch von manchen Printjournalisten nur sehr selektiv zitiert wurde, geht gegen die Kraft der Bilder unter. Und dass sich ein Zusammenschnitt, den ich unter anderen Umständen als Parodie lustig gefunden hätte, als gewissermassen insinuierte Wirklichkeit medial fortsetzt, habe ich ja bereits durch die Presseanfragen erlebt. Der NDR hat mehrere schriftliche Anfragen von Journalisten erhalten, in denen die Aussage des Zusammenschnittes als Tatsache angesehen wurde und wir gefragt wurden, warum wir das Product Placement im „Tatort“ nicht mit P gekennzeichnet haben.

Das wirkliche Problem ist nach meiner Auffassung nicht die Tatsache, dass der Zusammenschnitt nicht bei Youtube zu sehen ist, sondern die Tatsache, dass heutzutage einzelne Journalisten manche nichtjournalistische Beiträge im Internet als gleichberechtigten Journalismus begreifen und auch so behandeln. Hier nivelliert das Internet und öffnet der Denunziation — hier durch einen manipulativen Zusammenschnitt eines Filmes mit der denunziatorischen Behauptung in der Überschrift, es liege ein Fall von Product Placement vor, ohne auf die inhaltlich-dramaturgische Sinnhaftigkeit der montierten Szenen einzugehen — Tür und Tor. Anders als Sie bin ich der Auffassung, dass Internetnutzer sehr leicht zu der Auffassung kommen können, dass die Behauptung des Zusammenschnittes vom Product Placement wahr ist — eben weil der „Tatort“ nicht zeitlich unbefristet in der Mediathek abgerufen werden kann und deshalb die Vergleichsmoeglichkeit fehlt.

Abschliessend: als Parodie ist der Zusammenschnitt gelungen. Allerdings hat dies kein Journalist so gesehen oder geschrieben.

Meine Antwort darauf steht hier.