Der ewige Junggeselle Peter Altmaier und die Selbstzensur der »taz«

Ich weiß nicht, ob Peter Alt­maier schwul ist. Aber ich finde es — anders als die Chef­re­dak­teu­rin der »taz« — legi­tim, dar­über zu spekulieren.

Der neue Umwelt­mi­nis­ter hat die »Bild am Sonn­tag« wie zuvor schon ande­ren Medien zu sich nach Hause ein­ge­la­den. Er hat sich »am hei­mi­schen Herd« mit einer Pfanne Brat­kar­tof­feln foto­gra­fie­ren las­sen. Und er hat die Frage der »Bild am Sonntag«-Leute beant­wor­tet, warum man »in den Archi­ven nichts von einer Part­ne­rin findet«:

»Ich bin ein sehr gesel­li­ger und kom­mu­ni­ka­ti­ver Mensch. Doch der liebe Gott hat es so gefügt, dass ich unver­hei­ra­tet und allein durchs Leben gehe. Des­halb kann in den Archi­ven auch nichts über eine Bezie­hung ste­hen. Ich hadere nicht mit mei­nem Schick­sal. Wenn es anders wäre, wäre ich längst ver­hei­ra­tet oder in einer fes­ten Bezie­hung. Aber ich hatte und habe immer eine kleine Zahl guter Freunde, mit denen ich über alles reden kann.«

Das sind bemer­kens­wert apo­dik­ti­sche For­mu­lie­run­gen: »Der liebe Gott hat es so gefügt« und »mein Schick­sal«. For­mu­liert so jemand, der bloß noch keine Part­ne­rin gefun­den hat? Oder spricht hier jemand ver­schlüs­selt über seine Homosexualität?

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Der homosexuelle Mann… und die Grenze der Toleranz bei der »taz«

Die Tole­ranz der »taz« ist groß. Sie ist so groß, dass sie es sogar zulässt, dass ihr Redak­teur Jan Fed­der­sen auf taz.de aus­dau­ernd Leute ver­ächt­lich macht, weil sie sich in einem Land wie Aser­baid­schan für Men­schen­rechte einsetzen.

Doch auch die Tole­ranz der »taz« kennt Gren­zen. Und so wird mor­gen die tra­di­ti­ons­rei­che Kolumne »Der homo­se­xu­elle Mann…« von Elmar Kraus­haar nicht erschei­nen. Kraus­haar schreibt sie seit 1995 monat­lich auf der »Wahrheit«-Seite. In der nächs­ten Aus­gabe wollte er sich der Lage der Schwu­len in Aser­baid­schan wid­men und dem eigen­wil­li­gen Blick des »taz«-Redakteurs Jan Fed­der­sen darauf.

Doch am Mit­tag, kurz vor Redak­ti­ons­schluss, habe die Chef­re­dak­tion den Text von der Seite genom­men, sagt Kraus­haar — angeb­lich ohne Begrün­dung außer dem Hin­weis, Fed­der­sen habe der Text nicht gefallen.

Auf Nach­frage erklärt mir Chef­re­dak­teu­rin Ines Pohl, es gebe seit lan­gem eine Über­ein­kunft in der »taz«:

Man greift Kol­le­gen nicht per­sön­lich in der eige­nen Zei­tung an, auch nicht über Zitate Drit­ter. Das geht nur in Form offe­ner Schreib­schlacht, Pro & Con­tra. Die­ses Pro & Con­tra hat­ten wir zu der Sache aber schon wäh­rend des Grand Prix, Nig­ge­meier und Fed­der­sen. Ein zwei­tes Pro & Con­tra wollte kei­ner der Beteiligten.

Das ist die Grenze der Tole­ranz bei der »taz«. Das — und nicht das Redak­ti­ons­sta­tut, in dem es über das »Selbst­ver­ständ­nis« der Zei­tung heißt: »Sie tritt ein für die Ver­tei­di­gung und Ent­wick­lung der Menschenrechte (…).«

Fol­gen­der Text erscheint des­halb mor­gen nicht in der »taz«:

Der homo­se­xu­elle Mann …

… in Aser­baid­schan ist dem West­eu­ro­päer ein Frem­der. Mög­li­cher­weise ist — wie es in quee­rer Ter­mi­no­lo­gie heißt — sein Kon­zept sowohl von Homo­se­xua­li­tät als auch von Homo­se­xu­el­len­un­ter­drü­ckung ein ganz ande­res. Der gerade zu Ende gegan­gene Euro­vi­sion Song Con­test sollte Auf­schluß dar­über geben. Denn kaum war im ver­gan­ge­nen Jahr in Düs­sel­dorf das Duo aus Baku zum Sie­ger gekürt, frag­ten die ESC-Fans schon nach: Kann man als Schwu­ler über­haupt nach Baku rei­sen oder wird man gleich fest­ge­nom­men beim ers­ten spit­zen Schrei?

Viele von denen, die jetzt da waren, haben ihre Beob­ach­tun­gen mit­ge­teilt, das Ergeb­nis ist ein »sowohl« als »auch«. Fest­ge­nom­men wurde wohl kei­ner der schwu­len Gäste, aber wirk­lich gerne gese­hen war man auch nicht. Falls man über­haupt von »gese­hen« spre­chen kann. Denn das scheint die oberste Maxime der hei­mi­schen Schwu­len zu sein: Auf­pas­sen, dass man nicht gese­hen wird. Ein schwu­les Leben ist mög­lich — als Dop­pel­le­ben, im Ver­steck und in der Nacht.

Ein­zig Jan Fed­der­sen, in Per­so­nal­union Baku-Blogger für taz und NDR, hat es anders wahr­ge­nom­men. Die Unter­drü­ckung der Homo­se­xu­el­len? »West­li­che Gerüchte«, schreibt Fed­der­sen, »Gräu­el­pro­pa­ganda von Men­schen­rech­tis­ten«, statt­des­sen sei Baku ein ein­zi­ger »schwu­ler Cat­walk« mit Män­nern in »haut­en­gen T-Shirts« und »Jeans mit ein­ge­bau­ten Gemäch­te­beu­len«. Und die hal­ten Händ­chen in aller Öffent­lich­keit und sind »Bud­dies« ein Leben lang.

Fed­der­sens höh­ni­scher Ton immer dann, wenn es um Pres­se­frei­heit und Men­schen­rechte in Aser­baid­schan ging, erstaunte die übri­gen Pres­se­ver­tre­ter, seine ver­klär­ten Worte über das schwule Leben dort erzürnte die Beob­ach­ter schwu­ler Medien. »Das Min­deste, das du jetzt tun könn­test, aus Soli­da­ri­tät zu den­je­ni­gen, die ein ande­res Ver­hält­nis zu den Rea­li­tä­ten haben«, schreibt queer.de-Redakteur Chris­tian Scheuß in einem offe­nen Brief an Jan Fed­der­sen, »halt in Sachen Men­schen­rechte doch ein­fach die Klappe.« Frank & Ulli schla­gen auf ihrer Web-Seite »2mecs« vor, Fed­der­sens Wort­schöp­fung »Men­schen­rech­tist« zum Unwort des Jah­res zu küren. Für die bei­den Auto­ren macht es kei­nen Sinn einen neuen Begriff ein­zu­füh­ren, es gebe doch die »Menschenrechts-Aktivisten«: »Es sei denn«, unter­stel­len sie Fed­der­sen, »man wolle ihrer Arbeit eine nega­tive Kon­no­ta­tion anhän­gen, sie dif­fa­mie­ren, sie ver­ächt­lich machen.«

Auch Patsy l’Amour laLove lässt in ihrem Patsy-Blog kein gutes Haar an Fed­der­sen und stellt — mit Blick auf seine idyl­li­schen Mut­ma­ßun­gen über mus­li­misch kon­no­tierte Män­ner­freund­schaf­ten — fest: »Wenn Män­ner­sex in Bade­häu­sern en vogue ist, dann träume ich nicht davon, wie befreit diese Gesell­schaft sein muß, son­dern denke dar­über nach, warum schwu­ler Sex nur in der Begrenzt­heit die­ser Räume statt­fin­den darf.« Die Polit­t­unte setzt ihre For­de­rung gegen jeg­li­chen fal­schen Zun­gen­schlag: »Soli­da­ri­tät mit unse­ren Schwes­tern anstatt selbst­ge­fäl­li­ger Roman­ti­sie­rung!« Denn »die Schwu­len­un­ter­drü­ckung in Aser­baid­schan ist kein Gerücht son­dern Alltagsrealität!«

Elmar Kraus­haar

Heucheln und heucheln lassen

Ste­fan Win­ter­bauer, der Blinde unter den Ein­äu­gi­gen beim Bra­an­chen­dienst »Mee­dia«, hat das Spiel längst abge­pfif­fen. Die »taz« sei zum wie­der­hol­ten Male beim Ver­such geschei­tert, »Bild«-Chef Kai Diek­mann vor­zu­füh­ren. »Genauso wie Lucy Char­lie Brown in letz­ter Sekunde den Ball weg­zieht, lässt sich die taz immer wie­der von Kai Diek­mann am Nasen­ring durch die Medi­en­ma­nege füh­ren«, urteilte er ges­tern.

Die »taz« hatte Diek­mann öffent­lich Fra­gen gestellt zum undurch­sich­ti­gen Umgang sei­nes Blat­tes mit der Nach­richt, die Bun­des­prä­si­dent Chris­tian Wulff auf sei­ner Mail­box hin­ter­las­sen hatte. Diek­mann machte erst einen Witz dar­aus, der von »Mee­dia« gleich auf­ge­regt nach­er­zählt wurde, und ließ die Pres­se­stelle dann ant­wor­ten. »Die Ant­wor­ten der Bild«, urteilt Win­ter­bauer, »ent­hiel­ten nichts Bri­san­tes oder Neues, son­dern aus­führ­lich dar­ge­stellt noch ein­mal die Anga­ben zu den Abläu­fen und die redak­tio­nel­len Erwä­gun­gen, warum die Mailbox-Nachricht zunächst in der Bericht­er­stat­tung the­ma­ti­siert wurde.«

(Er meint ver­mut­lich: nicht.)

Dabei ist die Ant­wort von »Bild« in mehr­fa­cher Hin­sicht ent­lar­vend. Zum Bei­spiel schreibt die Pressestelle:

Nach­dem die Redak­tion die Abschrift der Nach­richt an das Büro des Bun­des­prä­si­den­ten über­mit­telt hatte, häuf­ten sich bei der Axel Springer-Pressestelle Anfra­gen von Jour­na­lis­ten zum voll­stän­di­gen Inhalt der Nach­richt. In Gesprä­chen wur­den einige der bereits bekann­ten Pas­sa­gen erläutert.

Wer in sei­nem Beruf ein biss­chen mit Ant­wor­ten von Pres­se­stel­len zu tun hat, kann erah­nen, dass die For­mu­lie­run­gen im letz­ten Satz wohl vor allem der Ver­schleie­rung die­nen. Jour­na­lis­ten rufen bei Sprin­ger an, wol­len den kom­plet­ten Text wis­sen und die Pres­se­stelle »erläu­tert« »einige der bereits bekann­ten Pas­sa­gen«? Was bedeu­tet das über­haupt? Man muss ver­mut­lich bei einem PR-affinen Unter­neh­men wie »Mee­dia« arbei­ten, um das für eine befrie­di­gende oder gar erschöp­fende Ant­wort von »Bild« zu halten.

In Wahr­heit war es offen­bar so, dass »Bild« meh­re­ren Jour­na­lis­ten zu ver­schie­de­nen Zeit­punk­ten die Abschrift der Nach­richt am Tele­fon vor­ge­le­sen hat — unter der Maß­gabe, das Gespräch nicht mit­zu­schnei­den und es nicht voll­stän­dig zu veröffentlichen.

Inso­fern stimmt es in einem sehr engen, sehr wört­li­chen Sinne womög­lich auch, wenn »Bild« der »taz« antwortet:

Eine Abschrift der Nach­richt wurde von der Pres­se­stelle an keine Zei­tung oder Zeit­schrift geschickt. Es gab kei­nen Auf­trag an Redak­teure von Bild, die Nach­richt oder Pas­sa­gen dar­aus weiterzugeben.

Nicht nur an die­ser Stelle klaf­fen grö­ßere Lücken in der Ant­wort von »Bild«. Genau genom­men äußert sie sich nur über ihr Ver­hal­ten vor dem 1. Januar und nach dem 5. Januar — das ist lei­der der »taz« eben­so­we­nig auf­ge­fal­len wie Win­ter­bauer. Dabei ist gerade der Zeit­raum dazwi­schen inter­es­sant, in dem die Geschichte in die »Süd­deut­sche Zei­tung« kam und dann explo­dierte. In dem die »Bild«-Zeitung so tat, als habe sie nichts mit der Bericht­er­stat­tung zu tun. Wes­halb sie dann ganz schein­hei­lig den Bun­des­prä­si­den­ten fra­gen konnte, ob sie die Nach­richt ver­öf­fent­li­chen dürfe, und ganz schein­an­stän­dig dar­auf ver­zich­tete, als er ablehnte.

Ich würde unter­stel­len, dass die Leer­stel­len in den Ant­wor­ten von »Bild« sehr bewusste Leer­stel­len sind. Es wirkt ein biss­chen, als würde man gefragt, ob man eine Geschäfts­be­zie­hung zu einem Unter­neh­mer gehabt habe, und ver­neint, weil man ja nur mit sei­ner Ehe­frau einen Kre­dit­ver­trag hatte.

Als ich den »Bild«-Sprecher für »Spie­gel Online« nach eini­gen die­ser Leer­stel­len fragte, war es plötz­lich vor­bei mit der Trans­pa­renz, die man dem Publi­kum und Leu­ten wie Win­ter­bauer vor­ge­spielt hat. Es gab auf keine mei­ner Fra­gen eine Ant­wort. Das ist kein Wun­der, denn das ist das nor­male Ver­hal­ten des »Bild«-Sprechers. Zu lau­fen­den Ver­fah­ren, zu redak­tio­nel­len Ent­schei­dun­gen, zu Per­so­nal­spe­ku­la­tio­nen, zu Interna, zu Thema XY äußert er sich grund­sätz­lich nicht.

Wenn die­ser Ver­lag, wenn die­ses Blatt, jeman­den anders zu Trans­pa­renz und Wahr­haf­tig­keit auf­for­dert, dann ist das selbst dann ein böser Witz, wenn die For­de­rung berech­tigt sein sollte.

Aber Kai Diek­mann sagt auf kri­ti­sche Nach­fra­gen manch­mal etwas Lus­ti­ges, das man aus der Ferne mit Selbst­iro­nie ver­wech­seln könnte. Nicht nur für die Leute von »Mee­dia« ist das mehr wert als jede Wahr­heit. Auch des­halb kommt »Bild« so oft mit ihren Halb­wahr­hei­ten und Heu­che­leien durch.

Programmhinweis (36)

Mein Por­trait über Mar­tin Reinl, den Mann hin­ter, in und unter dem alten Zir­kus­pferd sowie Wiwaldi, Pur­zel, Hasel­hörn­chen, dem Jam­mer­lap­pen und all den ande­ren, steht heute in der »sonn­taz« in der »taz«. Gibt’s auch hier.

Nach­trag: Oder hier für umme.

Kurz verlinkt (46)

In der ers­ten Aus­gabe des Stern hat Chef­re­dak­teur Tho­mas Oster­korn sein »Unwort des Jah­res« bekannt gege­ben: »spa­ren«. »Wenn Mana­ger vom Spa­ren reden«, schreibt Oster­korn, »dann mei­nen sie meis­tens: die Kos­ten für Mensch und Mate­rial bru­tal zu sen­ken, um trotz der Krise die Ren­dite mög­lichst hoch zu hal­ten.« Genau so hatte ich es ver­stan­den, als der Stern letz­tes Jahr dem Groß­teil sei­ner Pau­scha­lis­ten kün­digte oder die Redak­teure die Order erhiel­ten, keine Freien mehr zu beschäf­ti­gen, um als mone­täre Melk­kuh auch wei­ter­hin ein paar hun­dert Mil­lio­nen an Ber­tels­mann abfüh­ren zu kön­nen. Aber getäuscht? Das waren gar keine Spar­maß­nah­men? Das waren … ähm … ja … also … Oder ist Oster­korn unter die Auf­mu­cker gegan­gen? Nein, lässt er auf Nach­frage ver­lau­ten, »das ist keine ver­steckte Kri­tik an Gru­ner + Jahr«. Das ist Kri­tik am Umgang mit dem Wort »sparen«.

Silke Bur­mes­ter in ihrer Medienfront-Kolumne in der »taz« (in der es neben­bei auch um Kon­stan­tin Neven DuMont geht).

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