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Christopher Lauer zieht mit seiner Nabelschau um

20 Feb 13
20. Februar 2013

Wenn ich all meine Tweets in einer einzigen Zeile hintereinander ausdrucken würde, wäre der Text so lang wie der Metropolitan Live Tower in New York hoch. Mit der schlechten Energie, die meine Timeline an einem Tag produziert, ließe sich der Strombedarf einer mittleren Kleinstadt in Südhessen decken. Wenn ich immer statt zu twittern gespült hätte, wäre ich heute Ehrenbürger von Villabajo.

Das wäre also ungefähr meine Bilanz.

Die von Christopher Lauer, dem Fraktionschef der Piraten im Berliner Abgeordnetenhaus, steht heute in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ und funktioniert ähnlich.

Er habe in den vergangenen dreieinhalb Jahren „166 Acht-Stunden-Arbeitstage“ auf Twitter verbracht, rechnet er vor, und den Gegenwert von 800 mittellangen Gastbeiträgen in der Zeitung verfasst. Das soll wohl schockierend klingen, wobei er leider die entscheidenden Fragen offen lässt, was er in dieser Zeit hätte Sinnvolleres tun können anstatt auf Twitter rumzuhängen oder wer diese 800 mittellangen Gastbeiträge von ihm hätte lesen wollen.

Jedenfalls gehe das so nicht weiter, schreibt Lauer, und er werde dieses Kommunikationsmitel nicht mehr nutzen: „Twitter ist für mich gestorben.“

Es ist nicht ganz klar, warum für exakt diese Information nun nicht ein Tweet gereicht hätte, sondern offenbar ein mittellanger Gastbeitrag in der FAZ nötig war, insbesondere da Lauer bei der Gelegenheit ganz nützliche Fragen postuliert, die der Reduzierung des weltweiten Laberaufkommens dienen könnten:

Ist es zu viel verlangt, dass sich alle, egal, in welcher Kommunikationsform, vorher folgende drei Fragen stellen: Muss es gesagt werden? Muss es jetzt gesagt werden? Muss es jetzt von mir gesagt werden? Und: Welcher Mehrwert entsteht denn durch diese permanente Nabelschau auf Twitter konkret und für wen?

Entweder fielen Christopher Lauers Antworten auf diese drei Fragen, die man sich an vier Fingern einer Hand abzählen kann, sehr überraschend aus. (Ich hätte sie jedenfalls an seiner Stelle vor dem Verfassen des Artikels beantwortet mit: nein, nein, nein und: „Ach, aber in der FAZ?“) Womöglich beantwortet er aber auch nur schon die einleitende Frage, ob es zuviel verlangt ist, sich diese Fragen zu stellen, persönlich mit einem entschiedenen: Ja.

Er beklagt, dass Twitter seine Kommunikation zerfasere, und dass vieles von dem, was er da so veröffentlicht, an den Empfängern bloß vorbeirauscht. Er beschreibt das, als wäre es ein Nachteil, dabei macht gerade sein FAZ-Stück deutlich, wie sehr es einen Vorteil darstellt: Von den Tweets, die den Gegenwert dieses mittellangen Gastbeitrages in der FAZ ausmachen, hätten die Menschen nur einen Bruchteil mitbekommen, die meisten hätten das meiste verpasst und das wäre gut gewesen für die Menschen und für ihr Bild von Christopher Lauer.

Er hat ja recht, dass es ein Problem ist, wie sich die Medien auf jeden zusammenhangslos hingeworfenen Tweet stürzen, um daraus eine Schlagzeile oder eine neue, aufregende Geschichte zu machen. Aber nach dem mittellangen Gastbeitrag in der FAZ zu urteilen, scheint das größere Problem im konkreten Fall doch eher nicht das Kommunikationsmittel zu sein, sondern der Mensch, der es benutzt.

Lauer jammert, dass er sich durch die Nutzung von Twitter in „ein Menschen– und Gesellschaftsbild pressen lässt“, in dem es ein Wert ist, „unbedarft jeden Gedanken, der vermeintlich in 140 Zeichen passt, in die Welt zu blasen“. Als sei die Unbedarftheit eine Pflicht und als verliere sie ihren Schrecken, wenn sie sich nicht in 140 Zeichen auf Twitter, sondern in zwei Spalten in der FAZ ausdrückt.

Oder in Fernsehtalkshows wie „Markus Lanz“, die für ihn offenbar nicht „gestorben“ sind — weil er dort ja ein Millionenpublikum erreicht.

Selbst wenn ihm alle deutschsprachigen Twitter-Nutzer folgen würden, rechnet Lauer sich und uns vor, wären das viel viel weniger, als Barack Obama oder Justin Bieber folgen. Ich fürchte, er meint er das ernsthaft als Indiz für die Sinnlosigkeit des Twitterns an sich. Ach, hätte er doch bloß getwittert: „34 Mio Follower für Justin Bieber, aber nur 800.000 deutsche Twitter-Nutzer! #krass“, es wäre ein kleines, angemessenes Ffft im großen Grundrauschen geblieben.

Es ist eine tragische Kapitulation, die Lauer da in die Zeitung getwittert hat, als jemand, der es nicht geschafft hat, einen sinnvollen Umgang mit einer neuen Kommunikationsform zu finden. Er hat das Gefühl, nicht Twitter zu benutzen, sondern von Twitter benutzt zu werden. Das geht sicher vielen so, dass sie sich von den neuen Möglichkeiten der Kommunikation überfordert und fremdbestimmt fühlen, aber wie traurig ist es, aus dem eigenen Scheitern eine solche öffentliche Demonstration von Selbstmitleid und Projektion zu machen? Lauer nimmt seine eigene Unfähigkeit zum Beleg für die Untauglichkeit des Mediums.

Twitter ist sicher nicht mein liebstes Kommunikationsmittel. Ich tue mich schwer mit der Kürze und mit vielen Mechanismen, die dieses Medium provoziert. Aber ich habe — wie zigtausende andere — entdeckt, wie ich es für mich sinnvoll nutzen kann, so dass es eine Bereicherung ist und keine Belästigung.

Über die negativen Folgen, die diese Art der Kommunikation für den öffentlichen Diskurs hat, können wir gerne diskutieren — aber vielleicht nicht mit einem Piraten, der noch nicht einmal den Umgang mit der immerhin fast 15 Jahre älteren Kommunikationsform der Textnachricht gemeistert hat.

Weiß eigentlich jemand, ob für Lauer auch die SMS gestorben ist?

Kommt’n Meteorologe in’n Knast…

22 Mrz 10
22. März 2010

Ich bin mir immer noch nicht sicher, ob Twitter die Menschen doof macht oder nur ohnehin vorhandene Doofheit sichtbar. Aber als heute bekannt wurde, dass der Fernseh-Wettermann Jörg Kachelmann unter dem Verdacht verhaftet wurde, eine Frau vergewaltigt zu haben, scheint das der Startschuss zu einem Twitter-Witzewettbewerb zu den lustigen Themen „Wetter“ und „Vergewaltigung“ gewesen zu sein, frei nach dem alten „Der Preis ist heiß“-Motto: aber nicht überbieten.

Und als wäre es nicht genug, dass das Thema so witzuntauglich, das Identifizieren des Verdächtigen durch sämtliche Medien so zweifelhaft und die Unschuldsvermutung so vergessen scheint — die Sprüche, an denen sich die Westentaschen-Harald-Schmidts aufgeilen, sind auch noch von erbärmlicher Unlustigkeit:










Dieser Idiot hier konnte gar nicht wieder aufhören:


Das hier ist ARD-Moderator Dennis Wilms („W wie witzig Wissen“):

Und das hier der erfrischende Humor der Koblenzer „Rhein-Zeitung“:

Den Sonderpreis für den dümmsten Tweet zum Thema könnte allerdings diese Frau gewonnen haben:

[Nachtrag/Offenlegung: Jörg Kachelmann hat für mein Blog schon einmal einen Gastbeitrag veröffentlicht, ebenso für BILDblog.]

Nachtrag, 20.49 Uhr: Dennis Wilms twittert:

#Niggemeier macht auf Moralist und bekämpft die Dynamik, der er seine Brötchen verdankt. Wer Twitter journalistisch betrachtet amüsiert mich

Sicherheitshalber hat er aber seinen ursprünglichen Tweet gelöscht.

Elende Twitzbolde

29 Jul 09
29. Juli 2009

Ist es nicht immer wieder rührend zu sehen, wie sehr sich die Leute von „Bild“ freuen, wenn mal einer anderen Zeitung ein Fehler passiert und nicht immer nur ihnen?

Gestern ist mein „FAZ“-Kollege Michael Hanfeld in einer kleinen Randnotiz auf den falschen „Harald Schmidt“ auf Twitter reingefallen, und wenn ich die „Verlierer des Tages“-Meldung in der „Bild“-Zeitung heute richtig interpretiere, hätte ihr das schon deshalb nicht passieren können, weil sie an der Existenz von Twitter insgesamt zweifelt.

Es ist aber auch ein Elend mit diesem „vermeintlichen Blogging-Dienst“ („Bild“). Nehmen wir nur den Scherzbold, der sich da als Peter Sloterdijk ausgibt. Nach der Premiere der ZDF-Sendung „Die Vorleser“ twitterte er über den neuen Moderator und „Zeit“-Redakteur Ijoma Mangold:

Minusvisionen (!)

Die Authentizität dieser Wortmeldung zu überprüfen, ist eine nur mittelanspruchsvolle Aufgabe. Man hätte zum Beispiel diesen Tweet finden können, in dem der Account als Fake bezeichnet wird, hätte sich dann aber möglicherweise in dem logischen Labyrinth verlaufen, ob man mit Hilfe eines Tweets beweisen kann, dass man Tweets nicht trauen darf (vgl. Kreta). Alternativ hätte eine kurze Nachfrage bei der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe geholfen, deren Pressestelle innerhalb von Minuten bestätigt: Nein, hinter @PeterSloterdijk steckt nicht der bekannte Philosoph Peter Sloterdijk.

„Welt am Sonntag“-Mitarbeiter Joachim Bessing jedoch nutzte die Woche Recherchezeit, die ihm theoretisch zur Verfügung stand, für keine dieser Möglichkeiten, sondern konfrontierte stattdessen den echten Mangold mit der vermeintlichen Kritik des falschen Sloterdijk, und brachte also folgende Meldung:

Peter Sloterdijk sieht schwarz für „Die Vorleser“

(…) Peter Sloterdijk äußerte sich unumwunden auf Twitter: „Minusvisionen (!) „Die Vorleser“ im ZDF: Gebe Herrn Mangold noch max. 2 Sendungen …“ schrieb er. Twitter ist nicht die Welt des Moderators und „Zeit“-Feuilletonisten Ijoma Mangold und so bekam er auch nichts von der harschen Kritik des Philosophen mit: „Herr Sloterdijk hat ja selber eine Sendung beim ZDF. Insofern hat er bestimmt einen guten Blick dafür, wie Sendungen verfolgt werden und wann sie wie funktionieren.“

Damit ist zwar nebenbei auch die Frage beantwortet, ob Twitter die Welt des Joachim Bessing ist, aber man muss ihm mildernde Umstände zugestehen. Zu denjenigen, die den falschen Sloterdijk für den echten halten, gehört nämlich auch: Sloterdijks Verlag. Auf der entsprechenden Autoren-Seite von Diederichs (Random House) ist der falsche Account fröhlich verlinkt unter der Zeile: „Aktuelles von Peter Sloterdijk“.

Nachtrag, 30. Juli. Der Verlag hat den Link entfernt.

Twitter macht Journalisten stumm

06 Mai 09
6. Mai 2009

Vor zwei Wochen ging die Falschmeldung um die Welt, amerikanische Wissenschaftler hätten herausgefunden, dass Facebook und Twitter ihre Nutzer unmoralisch machen. In Wahrheit behauptete die Studie nichts dergleichen; soziale Netzwerke waren nicht einmal ihr Thema. Wir berichteten auf BILDblog.

Doch die fast systematische Verbreitung solchen Unsinns ist nur die halbe Geschichte. Die andere ist die, wie Medien reagieren, wenn man sie auf ihre Fehler aufmerksam macht.

„Focus Online“ vermied eine Berichtigung, ergänzte die Meldung aber um eine „Anmerkung der Redaktion“, der Artikel sei „in die Kritik“ geraten. Plötzlich erfuhren die Leser auch, dass es sich nicht um einen Eigenbericht, sondern eine „Meldung der Fachagentur Medical Press“ handelte. Komischerweise finden manche Medien das nur erwähnenswert, wenn ein Fehler passiert ist.

Aber es stimmt ja: Die Meldung stammt von Medical Press, einem Angebot der Global Press Nachrichten-Agentur und Informationsdienste GmbH (glp). Ich schrieb der Autorin des Stücks eine Mail und fragte sie, ob sie den Fehler berichtigen könne. Die Redakteurin bedankte sich für den Hinweis und versprach, die Sache zu prüfen.

Danach passierte: nichts. Wenn Sie wollen, können Sie die Meldung immer noch von Medical Press beziehen, zum Einzelpreis von 99 Cent, was ich relativ viel Geld finde für eine Meldung, die erstens überall kostenlos zu lesen ist und zweitens falsch.

Ein andere Agentur, die dafür verantwortlich ist, dass der Facebook-macht-unmoralisch-Mythos weite Verbreitung in den Medien fand, heißt Pressetext (pte). Ich schrieb dem angegebenen Redakteur. Als ich keine Antwort bekam, fragte ich beim Chef vom Dienst nach. Der antwortete mir, dass Pressetext „im Normalfall“ äußerst sorgfältig arbeite und — „in dem Maße, wie es das Internetzeitalter aufgrund der Schnelligkeit der Branche eben erlaubt“ –, immer nachrecherchiere. Der Redakteur sei zur Zeit nicht da, sobald er wieder im Büro sei, werde er der Sache aber nachgehen.

Das ist zwei Wochen her. Die Pressetext-Meldung ist unverändert online.

Aber die beiden Agenturen haben den Fehler vermutlich nur irgendwo abgeschrieben und bloß fahrlässig verbreitet. Was der Online-Auftritt des „Tagesanzeiger“ gemacht hat, hat eine andere Qualität. Er scheint damals die Begriffe „Facebook“ und „Twitter“ einfach in das Zitat einer Wissenschaftlerin eingefügt zu haben, damit es zur (falschen) Meldung über ihre Studie passt (näheres im BILDblog-Eintrag).

Ich habe Reto Knobel, dem Autor des Artikels, eine Mail geschickt und gefragt, ob er mir eine Quelle für sein Zitat nennen kann. Ich habe keine Antwort bekommen. Allerdings verschwanden die Begriffe „Facebook“ und „Twitter“ aus dem wörtlichen Zitat. Die falsche Gesamtaussage des Artikels blieb unverändert. Ich habe daraufhin bei Chefredakteur Peter Wälty nachgefragt, ob es Politik von tagesanzeiger.ch sei, solche Fehler nicht zu korrigieren. Ich habe keine Antwort bekommen. Schließlich versuchte ich es noch unter angegebenen allgemeinen Kontaktadresse von tagesanzeiger.ch. Ohne Erfolg.

Der Online-Auftritt der überregionalen Zürcher Zeitung „Tagesanzeiger“ hält an seiner falschen Darstellung fest und sieht keine Notwendigkeit, sich zum Vorwurf der Zitatfälschung zu äußern.

[Ich weiß, dass ich aufhören muss, Leute mit solchen E-Mails zu verfolgen, bevor das stalkerhafte Züge annimmt. Ich kann nur immer noch nicht glauben, wie egal es manchen Journalisten zu sein scheint, ob das stimmt, was sie schreiben. Und wie unfähig viele Medien sind, mit der schlichten und unvermeidlichen Tatsache umzugehen, dass ihnen Fehler passieren.]

„Welt kompakt“, Fanclub für Prügelvideos

09 Apr 09
9. April 2009

Der Kollege Detlef Borchers nennt Twitter ein „nicht-journalistisches Format“. Ich glaube, das ist eine Untertreibung.

Der „Guardian“ hat ein Video veröffentlicht, das zeigt, wie der Passant, der während der G20-Demonstration in London ums Leben kam, kurz zuvor von Polizisten angegriffen wurde. Die „Welt kompakt“ hat es in ihr Facebook-Profil gestellt und wirbt dafür auf Twitter so:

[via „freiwild“ in den Kommentaren]