Tag Archive for: Ulrich Reitz

Beim „Focus“ wirbt der Chef noch selbst

10 Dez 14
10. Dezember 2014

Ich finde es zu billig, sich über den „Focus“ lustig zu machen, nur weil Bastian Schweinsteiger in dem exklusiven „Focus“-Interview, in dem der Fußballspieler zum ersten Mal seit der WM spricht, teilweise fast wörtlich dasselbe sagt wie in dem „Bild“-Interview, in dem er vor Monaten zum ersten Mal seit der WM sprach. Also, ich finde es zu billig, sich darüber lustig zu machen, ohne auch den Spot entsprechend zu würdigen, mit dem der „Focus“ im Fernsehen für dieses Heft wirbt.

Es ist ein Film, an dem sicher viele Kreative im Hause Burda und in irgendwelchen Werbeagenturen lange gearbeitet haben, bis er, nicht zuletzt verkörpert durch den Auftritt des neuen Hoffnungsträgers in der Chefredaktion, Ulrich Reitz, exakt die Professionalität und Kompetenz ausstrahlt, für die die Marke „Focus“ steht.

Sehen Sie selbst:

Nachtrag, 12. Dezember. Die Leute von „Clap“ waren auch ganz angetan.

Ein Dogma muss kein Dogma sein

11 Mrz 11
11. März 2011

Heute verrät Chefredakteur Ulrich Reitz den Lesern der „Westdeutschen Allgemeinen Zeitung“ exklusiv den Beginn des Journalistengesetzbuchs. Er tut das, weil sich offenbar Leute darüber beschwert haben, dass die WAZ am Mittwoch — ausgerechnet vor einem wichtigen Champions-League-Spiel — gemeldet hatte, der FC Schalke 04 werde sich von Trainer Felix Magath trennen. Dadurch hätte die Zeitung den Erfolg der Mannschaft gefährdet.

Reitz hätte es dabei belassen können, einfach zu antworten, dass eine Zeitung keine „Fan-Postille“ sei und kein „Wohlfühl-Blatt“. Aber er nutzte die Gelegenheit, ein ganz großes Fass aufzumachen:

Für uns Medienleute gibt es einen Paragrafen eins, der lautet: Eine Nachricht ist eine Nachricht ist eine Nachricht. Paragraf zwei heißt: Du darfst die Veröffentlichung einer Nachricht nie abhängig machen von den Folgen dieser Veröffentlichung, zumal du die ja auch gar nicht kennst.

Für Leser, die vielleicht unterschätzen, wie ernst Reitz das meint, wie absolut und unverhandelbar dieses Dogma seiner Meinung nach ist, fügte er hinzu:

(…) eine Nachricht bewusst zurück zu halten, ist für eine Zeitung, die sich allen ihren Lesern verpflichtet fühlt, geradezu eine Todsünde. Redakteure, die so handeln würden, könnten, dürften in diesem Job nicht mehr arbeiten.

All das gelte umso mehr bei Exklusiv-Nachrichten, die ja dazu führen, dass selbst ein Blatt wie die WAZ von „Zeitungen von Rang“ zitiert wird. (Medienethik ist für Reitz nur eine Unterdisziplin der Betriebswirtschaft.)

Es ist das zweite Mal innerhalb weniger Monate, dass sich Reitz mit dem Grundsatzthema beschäftigt. Ende November allerdings war das, was er heute als heilige Pflicht beschreibt, ein „übler Verrat“. Im Zusammenhang mit der Enthüllung amerikanischer Diplomaten-Depeschen kommentierte er:

Weder der Verräter noch die Internet-Plattform Wikileaks können die Folgen ihrer Veröffentlichung auch nur annähernd abschätzen. Diese können aber tödlich sein, etwa, wenn Informanten der Amerikaner in diktatorischen Staaten hochgehen. Deshalb ist diese Art von Veröffentlichung unverantwortlich, auf jeden Fall: größenwahnsinnig. Vor allem, wenn dieser Größenwahn auch noch mit Informationsfreiheit gleichgesetzt wird.

(…) Dieser Verrat stiftet keinen Frieden, er gefährdet ihn.

(…) Die Wikileaks-Veröffentlichung ist nichts anderes als eine Illusion. Glaubt jemand, diese Mischung aus Einschätzungen und Einzelbeobachtungen sei „Wahrheit“? Was hat man davon, zu wissen, dass ein führendes Mitglied einer Denkfabrik von Premier Erdogans türkischer AKP-Partei Andalusien zurück haben und sich rächen will für die Belagerung Wiens 1683???

Erstaunlicherweise scheinen weder der erste, noch der zweite Paragraph des Reitzschen Medienleutegesetzes in diesem Fall zu gelten. Plötzlich folgt aus der Unwägbarkeit der Folgen einer Veröffentlichung keine Pflicht zur Berichterstattung, sondern ihr Verbot.

Nun kann man natürlich (wenn man das Dogmahafte an Reitz‘ Paragraphen ignoriert und also das Risiko eines Berufsverbotes oder ewiger Verdammnis in Kauf nimmt) einwenden, dass sich die potentiellen Folgen in beiden Fällen nicht vergleichen lassen: Dort geht es um den spielerischen und wirtschaftlichen Erfolg eines Fußballvereines, hier womöglich um Menschenleben.

Ich fürchte nur, dass das nicht der Grund für die unterschiedliche Wertung von Reitz ist. Dort geht es um richtige Journalisten, hier um wildfremde Leute, die das Enthüllungs- und Enthüllungs-Entscheidungs-Monopol dieser Journalisten zerstört haben.

Schon in der Präambel von Reitz‘ Grundgesetz heißt es nämlich: Gut und richtig ist, was Dir nützt; schlecht und falsch, was Dir schadet.

(Mit den fatalen Folgen des Postulats, Journalismus dürfe sich nicht um seine Folgen scheren, habe ich mich hier auseinandergesetzt. In Sachen Schalke hat Reitz natürlich grundsätzlich recht.)

[Mit Dank an Martin Liebig!]

Ulrich Reitz erklärt die Pressefreiheit

17 Apr 09
17. April 2009


Quelle: „Bild“, 17.04.2009

Wie die „WAZ“ ohne dpa auskommt

27 Jan 09
27. Januar 2009

Auf die Nachrichtenagentur dpa könne man super verzichten, hat Ulrich Reitz, Chefredakteur der „Westdeutschen Allgemeinen Zeitung“, gesagt. Im Sparwahn hat er dafür gesorgt, dass die „WAZ“ und ihre Schwesterblätter sowie der Online-Ableger DerWesten dpa gekündigt haben. Im Zweifelsfall könne man dpa-Informationen ja einfach irgendwo anders im Netz abschreiben, deutete Reitz relativ unverhohlen an und fügte hinzu: „Vielleicht ist das ein Stück weit die neue Welt.“

Wie das konkret geht, kann man an diesem Abend bei der Nachricht sehen, dass das Kaufhaus Hertie 19 Filialen schließen will. dpa meldete das um 18.10 Uhr und nannte wenige Minuten später bereits die betroffenen Städte, von denen die meisten im Einzugsbereich der „WAZ“ liegen.

Wer den Fehler machte, sich darüber bei DerWesten informieren zu wollen, fand dort aber zunächst nur eine dürre Meldung ohne Details, die die französische Nachrichtenagentur AFP um 18.39 Uhr herausgegeben hatte. Um 19.27 Uhr schob AFP eine längere Fassung nach, die aber immer noch nicht die für Lokal- und Regionalmedien entscheidende Information enthielt, um welche Städte es geht.

DerWesten veröffentlichte nun um kurz vor acht einen Artikel, der wie folgt beginnt:

Die Essener Warenhauskette Hertie will 19 ihrer 73 Filialen in Deutschland schließen. Zudem sollen Stellen in der Unternehmenszentrale in Essen gestrichen werden, wie das Unternehmen am Dienstag mitteilte. Insgesamt seien etwa 520 Arbeitsplätze betroffen. In NRW sollen nach Medienberichten folgende Filialen aufgegeben werden: Bocholt, Duisburg-Walsum, Erkrath, Eschweiler, Essen-Altenessen, Essen-Borbeck, Herdecke, Herne, Köln-Chorweiler, Lünen, Marl und Mettmann. Die Filialen sollten geschlossen werden, sobald mit dem Betriebsrat ein Interessenausgleich erreicht worden sei, sagte ein Unternehmenssprecher. Nach Angaben des Unternehmens befinden sich zwölf der 19 von der Schließung betroffenen Kaufhäuser in Nordrhein-Westfalen. Die Mitarbeiter und die Belegschaftsvertreter wurden am Dienstag informiert. (...)

Es handelt sich wörtlich um die AFP-Meldung — mit Ausnahme des von mir markierten zweiten Absatzes. Der fehlt bei AFP; DerWesten hat ihn eingefügt. „Nach Medienberichten“ ist dabei die Formulierung, die verbrämen soll, dass man diesen Teil bei dpa geklaut hat, beziehungsweise bei anderen Medien, die dpa für ihre Meldungen noch bezahlen.

So einfach funktioniert das neue Sparmodell von Ulrich Reitz. Er nennt es „Qualitätsjournalismus“.

PS: Mit der dpa-Kündigung hat DerWesten auch nachträglich sein Archiv kastriert. Eine Suche nach „dpa“ fördert hunderte, wenn nicht Tausende Artikel zutage, die nachträglich gelöscht wurden: Fast jeder Klick führt auf eine Seite, die es nicht mehr gibt.

Die Blogger von DerWesten wurden derweil aufgefordert, „umgehend alle dpa-Photos und alle dpa-Texte“ aus ihren Texten zu entfernen. Vermutlich würde es allerdings im Zweifelsfall reichen, die Quelle zu verschleiern. So genau nimmt’s der Herr Reitz da ja nicht.

Nachtrag, 0:35 Uhr. DerWesten-Chefin Katharina Borchert weist den Vorwurf des Contentklaus in den Kommentaren zurück.

Nachtrag, 28. Januar. Daniel Bouhs hat das grundsätzliche Problem der dpa-Kündigung in der „Frankfurter Rundschau“ beschrieben.

Lachen, Lernen und Staunen mit der WAZ

19 Jun 07
19. Juni 2007

Die sind lustig, bei der „WAZ“.

Letzte Woche rief ja der Herr Binder bei mir an, der neue Unternehmenssprecher, und sagte, ich könne jetzt aufhören, die „WAZ“ zu „schlagen“: Sie hätten die Falschmeldung von der G8-Randale längst berichtigt. Auf waz​.de. Als ich ihm sagte, dass das, was da steht, keine Berichtigung, sondern eine Verschlimmbesserung ist, weil das Zitat nicht stimmt, beendete er schnell das Gespräch und sagte, da müsse sich Frau Fischer (der Autorin des Textes mit der Falschmeldung) noch einmal drum kümmern.

Ich habe danach nichts mehr von ihm gehört. Die „Korrektur“ mit dem falschen Zitat steht unverändert da.

Am 8. Juni schon hatte ich in der Sache auch eine Mail an Ulrich Reitz geschickt, den Chefredakteur der „WAZ“. Ich fragte ihn:

  • Hat die WAZ diesen Fehler berichtigt?
  • Berichtigt die WAZ grundsätzlich Fehler in ihrer Berichterstattung; gibt es z.B. eine feste Korrekturrubrik?
  • Warum fehlt das Thema Fehlerkorrektur im neuen Verhaltenskodex der WAZ? Glauben Sie, dass es weniger wichtig ist als das Thema Schleichwerbung, wenn es darum geht, das „Vertrauenskapital“, das Regionalzeitungen genießen, nicht zu gefährden?

Ich habe darauf bis heute keine Antwort bekommen.

Aber am vergangenen Donnerstag nahm Reitz an einer Podiumsdiskussion zum Thema „Printmedien im Wandel“ im Wandel teil und beklagte sich, ohne meinen Namen zu nennen, über meine Impertinenz. „Was soll ich da reagieren“, fragte er sinngemäß und sagte, ebenfalls sinngemäß (ich war nicht dabei): „Ich lasse mir doch nicht meine Agenda aufzwingen!“

Das ist eine interessante Formulierung für einen Journalisten. Denn mal abgesehen davon, dass ich das Thema ja nicht frei erfunden habe, sondern es durch die Weigerung der „WAZ“ aufkam, ihre Leser korrekt zu informieren — machen Journalisten das jeden Tag: anderen ihre „Agenda“ aufzwingen. Sie rufen Politiker, Unternehmen, Sportler, Kulturschaffende an und erwarten Antworten zu den Themen, die sie für wichtig erklären. (Diskussionsteilnehmer hatten das Gefühl, dass Herr Reitz größere Probleme mit dem Gedanken hat, dass auch Journalisten und Medien damit leben müssen, Gegenstand von Berichterstattung und kritischen Nachfragen zu sein. Aber das ist ja nichts Neues.)

Heute saß versehentlich Stephan Holthoff-Pförtner, ein Vertreter der „WAZ“-Gesellschafter, beim Kölner „Medienforum“ auf der Bühne und sagte Sätze wie:

„Blogger verdienen nach meiner Ansicht nicht den Schutz des Artikel 5.“

Besonders gut hat mir gefallen, dass er laut dem Branchendienst DWDL sagte, Bloggen sei „wie Wikipedia“. Dort könne auch schon mal drei Wochen lang stehen, dass der österreichische Kanzler Moser heiße.

Ganz anders als bei der „WAZ“ also. Dort stünde es für immer.

(Mit Dank an Jens!)