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Ein Mord in 48.123 Zeichen

03 Jun 09
3. Juni 2009

Die Geschichte vom Mord an Robert Wone wird mit Sicherheit einmal verfilmt werden. Sie hat alles, was ein großer Krimi braucht: Verdächtige, die in einer ungewöhnlichen Dreier-Beziehung zusammen leben, bizarren Sex, schlampige Polizeiarbeit, durch die entscheidende Spuren unbrauchbar werden, ein Tatwerkzeug, das nicht das Tatwerkzeug ist, unerklärliche Widersprüche in den Aussagen der Verdächtigen, die andererseits aber eigentlich auch viel zu wenig Zeit hatten, um ihr Opfer ermordet und die Tat vertuscht zu haben — und am Ende, nach vielen vergeblichen Tests, nur noch genug Blut des Opfers für eine einzige weitere Untersuchung, um herauszufinden, was jemand dem Mann injiziert hat, bevor er erstickt und erstochen wurde.

Genau genommen hat die Geschichte viel zu viel von dem, was ein großer Krimi braucht. Im Zweifelsfall wird der Drehbuchautor vor allem damit beschäftigt sein, Dinge wegzulassen, die einfach zu unwahrscheinlich erscheinen.

Die „Washington Post“ hat den ganzen Fall jetzt aufgeschrieben, in einem grandiosen, akribischen, schier endlosen und bis zur letzten Zeile packenden Text. Er ist nicht in der gedruckten Zeitung erschienen, sondern nur online, in zwei Teilen. Paul Duggan, der den Artikel geschrieben hat, erklärt:

[…] some stories, to be told right, need A LOT of space, and there is a finite amount of it available in the printed paper. Fortunately in this age we have a boundless digital venue that can accommodate narratives like this one.

Nehmen Sie sich eine Stunde Zeit und lernen Sie dank dieses erstaunlichen Stücks Journalismus die unglaubliche Geschichte kennen vom unerklärlichen unnatürlichen Tod des Robert Wone.

[via Gawker]

Kurz verlinkt (13)

09 Jan 08
9. Januar 2008

The most important distinction in this race, at least at this stage, is not between the Democratic Party and the Republican Party. It is between the Poetry Party and the Prose Party.

Michael Dobbs, „Washington Post“.

Pinocchionasen für Romney, Obama & Co.

05 Jan 08
5. Januar 2008

Und der Pinocchio-Preis 2007 in der Kategorie „Präsidentschaftskandidaten“ geht an… Mitt Romney für seinen Satz: „Ich habe meinen Vater mit Martin Luther King marschieren sehen“. Die Auszeichnung berücksichtigt nicht nur, dass George Romney allem Anschein nach nie mit Martin Luther King marschiert ist, sondern auch: dass die Behauptung Romneys nicht in freier Rede fiel; dass er sie seit 1978 wiederholt; dass er nachträglich versuchte, die Behauptung dadurch zu wahr erscheinen zu lassen, dass er das Wort „sehen“ originell interpretierte, und dass sein Team, anstatt den Fehler zu korrigieren, vermeintliche Augenzeugen mit ihren trügerischen Erinnerungen an die Medien vermittelte.

Michael Dobbs hat diese Wahl der „Flunkerei des Jahres“ getroffen. Für die Webseite der „Washington Post“ schreibt er das Blog „The Fact Checker“, überprüft dort zweifelhafte Aussagen der Kandidaten im Vorwahlkampf der USA und vergibt bis zu vier Pinocchios, je nach Grad der Wahrheitskrümmung.

Die Fälle, die er sich vornimmt, sagen mehr aus über die Kandidaten als nur, wie genau sie es mit der Wahrheit nehmen. Da ist das Zitat Fred Thompsons, die Amerikaner hätten „mehr Blut für die Freiheit anderer Nationen gegeben als jede andere Staatengruppe in der Weltgeschichte“ (vier Pinocchios), da ist Mitt Romneys Beteuerung, er hätte nur beim Thema Abtreibung seine Meinung fundamental geändert (noch keine Wertung), da ist Barack Obamas wiederholte Behauptung, es seien mehr junge schwarze Amerikaner im Gefängnis als in Universitäten und Colleges, und nicht zuletzt die perfide Diskussion um Obamas Schulzeit in einer Madrasa.

Für besonders ehrliche Aussagen gibt es gelegentlich auch das Gepetto-Häkchen. (Eines bekam Barak Obama für sein erfrischend aufrichtiges Statement über seinen früheren Drogengebrauch: „The point was to inhale. That was the point.“)

„The Fact Checker“ ist ein wunderbares Beispiel für das Potential, das das Medium Watchblog hat. Es ist aktuell, außerordentlich relevant und leicht zugänglich, bemüht sich um Unabhängigkeit und ist dabei doch nicht unpersönlich. Der offenkundige Wille, möglichst genau zu sein, geht nicht auf Kosten der Unterhaltsamkeit und umgekehrt (eine Kombination, die im anglo-amerikanischen Journalismus ohnehin häufiger ist als im deutschen).

Und „The Fact Checker“ ist nicht einfach nur irgendeine Internetseite einer großen Tageszeitung, sondern ein Blog im besten Sinne: Redakteur Dobbs belegt seine Aussagen mit zahlreichen Links, sowohl zu Originalquellen, als auch zu anderen Medien — zur „New York Times“ ebenso wie zu „Fox News“. Er lädt seine Leser zu Diskussionen über die angemessene Bewertung einer Lüge oder Manipulation ein und greift auf ihre Vorschläge zurück, welche zweifelhaften Aussagen überprüft werden sollen. Er zögert nicht, eigene Fehler zuzugeben und Einschätzungen zu revidieren. Seine Einträge lassen sich nach Kandidaten, Themen oder Zahl der vergebenen Pinocchios sortieren.

Und die Recherchen aus dem Blog finden ihren Weg immer wieder in die gedruckte Zeitung, teilweise sogar auf die erste Seite — und die Artikel verweisen wieder auf das Blog. Es ist, kurz gesagt, eine vorbildliche Zusammenarbeit von professionellen Journalisten und Rechercheuren mit dem Publikum, eine organische Kombination von klassischem Medium und Blog.

Ich weiß gar nicht, was mich mehr beeindruckt: die ausführliche, sorgfältige Art der Beweisführung, die gründliche, nachvollziehbare Recherche, das Bemühen, alle Seiten zu hören — oder das völlige Fehlen von Predigertum und Überheblichkeit, wie es schon die Selbstbeschreibung ausdrückt:

All judgments are subject to debate and criticism from our readers and interested parties, and can be revised if fresh evidence emerges. We invite you to join the discussion on these pages and contact the Fact Checker directly with tips, suggestions, and complaints. If you feel that we are being too harsh on one candidate and too soft on another, there is a simple remedy: let us know about misstatements and factual errors we may have overlooked.