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Das Lügen-Drama-Drama der „Aktuellen“

03 Jun 11
3. Juni 2011

Das Landgericht München hat laut einem Bericht der „Süddeutschen Zeitung“ eine einstweilige Verfügung gegen die Zeitschrift „Die Aktuelle“ bestätigt. Das Lügenblatt aus dem Haus der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ) muss eine Gegendarstellung von Karl-Theodor zu Guttenberg abdrucken.

Es geht um die Titelseite hier rechts vom 22. April. Jörg Thomann hatte damals in seiner wunderbaren FAS-Kolumne „Herzblattgeschichten“ die Genesis der Schlagzeile entschlüsselt:

Frau zu Guttenberg hat ihre öffentlichen Auftritte zuletzt, weil ihr Gatte ja durch die Korrespondenz mit Universitäten und Anwälten ausgelastet ist, allein absolviert; man „könnte sagen“, findet daher Die Aktuelle, „glücklich getrennt von Karl-Theodor“. Nach wie vor nur rätseln wir, auch nach Lektüre des Artikels, was hier „keiner wissen sollte“. Dass Die Aktuelle mit Leidenschaft ihre Leser veräppelt? Aber das weiß doch jeder.

Kurz zuvor hatten es die Experten der „Aktuellen“ bereits geschafft, aus einer dahingesagten kritischen Äußerung einer beliebigen Sängerin über Guttenberg ein Cover zu basteln, das es aussehen lässt, als habe er ein Verhältnis mit ihr.

So geht das Woche für Woche. Ich habe darüber vor einem Jahr schon einmal geschrieben, als Günther Jauch einen Widerruf auf dem Titel erzwang und „Aktuelle“-Chefredakteurin Anne Hoffmann in einer Weise Zerknirschheit heuchelte, für die mir beim besten Willen kein treffender Vergleich einfällt.

Natürlich hielt sie das nicht ab, sich neue irreführende Schlagzeilen auch über Jauch auszudenken. Hinter dem „Kinder-Drama“ und der „bitteren Wahrheit über die Herkunft seiner Töchter“ steckt die bekannte Tatsache, dass seine Adoptivtöchter in Russland geboren wurden.

Das „Drama“, das sie sich im Januar ausdachte und sie „Tu’s nicht!“ ausrufen und „Trennung vom Glück?“ fragen ließ, besteht darin, dass es Stimmen gibt, die Jauchs Vertrag mit der ARD kritisieren. Wie Jörg Thomann halbbedauernd schrieb: „Debil, keine Frage, aber wohl nicht gegendarstellungsfähig.“

Ich habe leider kein Archiv mit Inhalten der „Aktuellen“, deshalb kann ich nur raten, was hinter dieser Schlagzeile hier links steckt. Möglich ist alles: Dass Nachbarn von Frau Lierhaus geheiratet haben, dass sie jemanden kennt, der mal geheiratet hat, oder dass jemand geheiratet hat, der sie schon mal im Fernsehen gesehen hat. Nur dass es um die Hochzeit von Monika Lierhaus geht, das kann man so gut wie ausschließen.

In diesem Fall gibt immerhin das Inhaltsverzeichnis einen Hinweis, welche harmlosen Tatsachen die „Aktuelle“ zu dieser Schlagzeile verdreht hat. „Glücklicher Baby-Jubel: Beim Deutschlandbesuch drehte sich alles um Kinder“, steht da. Der Eindruck, dass die schwedische Kronprinzessin Victoria und ihr Gatte jubeln, weil sie („endlich“, wie die einschlägigen Blätter seit Monaten stöhnen) ein Baby erwarten, ist ebenso gewollt wie falsch.

Weiß jemand, was ein paar Ausgaben zuvor mit „Unser Baby“ gemeint gewesen sein könnte? Haben die beiden ein Haustier, einen Garten, irgendein Hobby, das sie (oder auch nur die „Aktuelle“) ihr „Baby“ nennen?

Man könnte das alles natürlich amüsant finden, wenn man nicht zufällig in derselben Branche arbeiten muss wie diese Leute oder persönlich betroffen ist. Die WAZ-Leute schrecken auch nicht davor zurück, mit dem Schicksal von Gabi Köster Auflage zu machen:

Im Jahr zuvor hatte die „Aktuelle“ erst eine falsche Krankheits-Geschichte gebracht und dann eine falsche Genesungs-Geschichte daraufgesetzt. Dafür kassierte das Blatt eine Rüge vom Presserat:

Für den fälligen Abdruck dieser Rüge fand die „Aktuelle“ dann ein Plätzchen unter dem Impressum:

Das sind die Methoden des Blattes, gegen das Guttenberg jetzt juristisch vorgegangen ist. Man ahnt das nicht, wenn man die Meldungen über den Fall liest. Oder die Münchner „Abendzeitung“, die schreibt:

Bei seiner Doktorarbeit hat er großzügig über diverse Regeln hinweg gesehen. (…) Bei anderen Publikationen nimmt es der adelige CSU-Politiker allerdings offenbar sehr genau. 

„Aktuelle“-Chefredakteurin Anne Hoffmann aber bastelt sicher schon an einer neuen Titelgeschichte zur Gegendarstellung: „Stephanie zu Guttenberg allein — Was ist da passiert?“

Ein Dogma muss kein Dogma sein

11 Mrz 11
11. März 2011

Heute verrät Chefredakteur Ulrich Reitz den Lesern der „Westdeutschen Allgemeinen Zeitung“ exklusiv den Beginn des Journalistengesetzbuchs. Er tut das, weil sich offenbar Leute darüber beschwert haben, dass die WAZ am Mittwoch — ausgerechnet vor einem wichtigen Champions-League-Spiel — gemeldet hatte, der FC Schalke 04 werde sich von Trainer Felix Magath trennen. Dadurch hätte die Zeitung den Erfolg der Mannschaft gefährdet.

Reitz hätte es dabei belassen können, einfach zu antworten, dass eine Zeitung keine „Fan-Postille“ sei und kein „Wohlfühl-Blatt“. Aber er nutzte die Gelegenheit, ein ganz großes Fass aufzumachen:

Für uns Medienleute gibt es einen Paragrafen eins, der lautet: Eine Nachricht ist eine Nachricht ist eine Nachricht. Paragraf zwei heißt: Du darfst die Veröffentlichung einer Nachricht nie abhängig machen von den Folgen dieser Veröffentlichung, zumal du die ja auch gar nicht kennst.

Für Leser, die vielleicht unterschätzen, wie ernst Reitz das meint, wie absolut und unverhandelbar dieses Dogma seiner Meinung nach ist, fügte er hinzu: 

(…) eine Nachricht bewusst zurück zu halten, ist für eine Zeitung, die sich allen ihren Lesern verpflichtet fühlt, geradezu eine Todsünde. Redakteure, die so handeln würden, könnten, dürften in diesem Job nicht mehr arbeiten.

All das gelte umso mehr bei Exklusiv-Nachrichten, die ja dazu führen, dass selbst ein Blatt wie die WAZ von „Zeitungen von Rang“ zitiert wird. (Medienethik ist für Reitz nur eine Unterdisziplin der Betriebswirtschaft.)

Es ist das zweite Mal innerhalb weniger Monate, dass sich Reitz mit dem Grundsatzthema beschäftigt. Ende November allerdings war das, was er heute als heilige Pflicht beschreibt, ein „übler Verrat“. Im Zusammenhang mit der Enthüllung amerikanischer Diplomaten-Depeschen kommentierte er:

Weder der Verräter noch die Internet-Plattform Wikileaks können die Folgen ihrer Veröffentlichung auch nur annähernd abschätzen. Diese können aber tödlich sein, etwa, wenn Informanten der Amerikaner in diktatorischen Staaten hochgehen. Deshalb ist diese Art von Veröffentlichung unverantwortlich, auf jeden Fall: größenwahnsinnig. Vor allem, wenn dieser Größenwahn auch noch mit Informationsfreiheit gleichgesetzt wird.

(…) Dieser Verrat stiftet keinen Frieden, er gefährdet ihn.

(…) Die Wikileaks-Veröffentlichung ist nichts anderes als eine Illusion. Glaubt jemand, diese Mischung aus Einschätzungen und Einzelbeobachtungen sei „Wahrheit“? Was hat man davon, zu wissen, dass ein führendes Mitglied einer Denkfabrik von Premier Erdogans türkischer AKP-Partei Andalusien zurück haben und sich rächen will für die Belagerung Wiens 1683???

Erstaunlicherweise scheinen weder der erste, noch der zweite Paragraph des Reitzschen Medienleutegesetzes in diesem Fall zu gelten. Plötzlich folgt aus der Unwägbarkeit der Folgen einer Veröffentlichung keine Pflicht zur Berichterstattung, sondern ihr Verbot.

Nun kann man natürlich (wenn man das Dogmahafte an Reitz‘ Paragraphen ignoriert und also das Risiko eines Berufsverbotes oder ewiger Verdammnis in Kauf nimmt) einwenden, dass sich die potentiellen Folgen in beiden Fällen nicht vergleichen lassen: Dort geht es um den spielerischen und wirtschaftlichen Erfolg eines Fußballvereines, hier womöglich um Menschenleben.

Ich fürchte nur, dass das nicht der Grund für die unterschiedliche Wertung von Reitz ist. Dort geht es um richtige Journalisten, hier um wildfremde Leute, die das Enthüllungs- und Enthüllungs-Entscheidungs-Monopol dieser Journalisten zerstört haben. 

Schon in der Präambel von Reitz‘ Grundgesetz heißt es nämlich: Gut und richtig ist, was Dir nützt; schlecht und falsch, was Dir schadet.

(Mit den fatalen Folgen des Postulats, Journalismus dürfe sich nicht um seine Folgen scheren, habe ich mich hier auseinandergesetzt. In Sachen Schalke hat Reitz natürlich grundsätzlich recht.)

[Mit Dank an Martin Liebig!]

Wahrheits-Schock! „Die Aktuelle“ weint!

17 Mai 10
17. Mai 2010

Mit der Wahrheit hat’s Anne Hoffmann nicht so, aber das ist ihr Beruf: Sie ist Chefredakteurin der von der WAZ-Gruppe herausgegebenen Zeitschrift „Die Aktuelle“.

In der „Aktuellen“ stehen Woche für Woche Geschichten, die entweder unwahrscheinlich sind oder unaufregend (oder, im schlechtesten, aber häufigsten Fall: unwahrscheinlich und unaufregend). Deshalb gibt sich die Redaktion viel Mühe, auf dem Cover einen falschen Eindruck über den tatsächlichen Inhalt zu erwecken. 

Dort heißt es zum Beispiel:

Es stellt sich dann heraus, dass der „Schock“ darin besteht, dass Heidi Klum neulich anscheinend mal ungeföhnt auf die Straße gegangen ist, was zwei kleine Fotos dokumentieren. Von einer „weinenden Seele“ ist nicht mehr die Rede, im Inneren fragt die „Aktuelle“ nur noch besorgt:

Hat sie keine Zeit mehr für ihre Haare?

Das „ehrliche Interview“ mit Veronica Ferres, das die „Aktuelle“ auf dem Cover verspricht, entpuppt sich als ein Text, den sich die Redaktion aus Versatzstücken eines aktuellen Gesprächs der Schauspielerin mit dem Kleinsender Tele 5 unter Verwendung mindestens zweieinhalb Jahre alter Zitate zusammengeschraubt hat. Den Zusammenhang der Aussagen zu irgendwelchen „schlimmen Gerüchten um ihre Beziehung“ hat die „Aktuelle“ hinzugedichtet; dass die Ferres „jetzt über ihre Tränen redet“, wie die Zeitschrift behauptet, ist frei erfunden.

Artikel in der „Aktuellen“ müssen nicht nur nicht stimmen, sie müssen nicht einmal in sich logisch sein. Vor fünf Jahren ist in La Paz ein Mann gestorben, den die „Aktuelle“ den „‚Bruder‘“ von Verona Pooth nennt. Anscheinend kümmerte sich Veronas Mutter in Bolivien um den Jungen, musste ihn aber zurücklassen, als die Familie 1969 aus Bolivien nach Deutschland kam — so blieb Verona nur „die ewige Sehnsucht“ (sie war damals drei). Der ist jedenfalls „jetzt tot“ (vermutlich im Sinne von: immer noch). Und die „Aktuelle“ vermutet zwar, dass Verona von diesem „Drama“ noch gar nichts weiß, hat aber schon ein Beweisfoto gefunden, auf dem sie „traurig aussieht“. 

Ich nehme nicht an, dass sich die meisten Menschen, die sich in der „Aktuellen“ wiederfinden, die Mühe machen, den Quatsch richtig zu stellen, der da über sie steht. Mario Barth hat immerhin in der Ausgabe dieser Woche eine Gegendarstellung untergebracht, in der er der Behauptung widerspricht, ein Foto der „Aktuellen“ aus dem November 2009 zeige ihn mit seiner Freundin, und die Redaktion musste hinzufügen: „Mario Barth hat Recht.“

Eine unendliche Ahnungslosigkeit durchströmt das Blatt, aber alle Energie, die bei der Produktion gespart wird, fließt in die kreative Titelgestaltung. (Ich habe leider kein vollständiges Archiv, wüsste aber so gern, worin Heinos Horror-Begegnung im Fahrstuhl (Heft 6/10) bestand und inwiefern Steffi Graf die Nachfolgerin von Jörg Kachelmann wird (Heft 18/10) — vielleicht kann mir ein Leser weiterhelfen?)

Man tut der „Aktuellen“ aus dem Haus WAZ also vermutlich nicht Unrecht, wenn man sie als olles Lügenblatt bezeichnet. Weshalb es einerseits so ironisch ist und andererseits so konsequent, dass Chefredakteurin Anne Hoffmann, die ihr Handwerk bei der Zeitschrift „das neue“ des berüchtigten Heinrich-Bauer-Verlages gelernt hat, vergangene Woche schrieb:

(…) uns von „die aktuelle“ ist es eine Herzensangelegenheit, die Wahrheit zu schreiben (…)

Natürlich musste „Die Aktuelle“ erst gerichtlich dazu gezwungen werden, dieser ihrer Herzensangelegenheit nachzugehen, und das kam so:

Anfang Februar berichtete die Zeitschrift über die „Arche“ in Potsdam-Drewitz, die der Moderator Günther Jauch unterstützt. Eine Reporterin der Zeitschrift hatte die christliche Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung „exklusiv besuchen dürfen“ („exklusiv“ hier im Sinne von: nach den ganzen anderen Medien) und kam aus dem Staunen nicht wieder heraus:

Was wir da über ihn hören, zeigt uns eine völlig unbekannte Seite des Moderators. Er zahlt nicht nur, er kennt auch die Kinder und deren Schicksale. Und die Kinder kennen ihn. „Er ist lustig und er hilft uns. Das ist schön“, erzählt die 8-jährige Lisa. Ganz begeistert von ihrem „Onkel Jauch“ rufen andere Kinder: „Er weiß ganz viel und er ist sehr lieb.“ „Der ist berühmt und gibt uns ganz viel Geld.“ „Der ist cool und ganz normal.“

Ich sag ja: So richtig aufregend sind die nicht, die „Aktuelle“-Geschichten. Aber mit ein bisschen viel Mut zur Täuschung des Lesers lässt sich dann doch eine sensationelle Titelgeschichte draus machen (und wer weiß, ob die Verantwortlichen genau die nicht schon vor Augen hatten, als sie die Reporterin losschickten):

Mit großer Perfidie erweckt „die Aktuelle“ den Eindruck, die Kinder des in Potsdam lebenden Moderators besucht und mit ihnen gesprochen zu haben (Jauch ist bekannt dafür, sein Privatleben und insbesondere die Kinder konsequent aus der medialen Öffentlichkeit zu halten). Fast muss man Anne Hoffmann und ihre Leute dafür bewundern, wie sie es schafften, alles so zu formulieren, dass es irgendwie zu der tatsächlichen (harmlosen) Geschichte passt, aber eine ganz andere suggeriert. 

Die Enttäuschung muss groß gewesen sein, dass sie damit trotzdem nicht durchkamen. Über mehrere Instanzen wehrte sich „die Aktuelle“ (aus der, man kann es nicht oft genug sagen, sich womöglich für seriös haltenden WAZ-Gruppe) dagegen, eine Gegendarstellung Jauchs auf dem Titel abzudrucken. Nach Angaben Jauchs musste der Verlag sogar ein Zwangsgeld in deutlich fünfstelliger Höhe an die Staatskasse zahlen, weil er sich auch nach der Entscheidung des Gerichtes zunächst noch weigerte, die Gegendarstellung zu veröffentlichen.

Vergangene Woche kam sie dieser Pflicht endlich nach:

Vermutlich hatten die Journalisten Macher einfach so lange gebraucht, bis ihnen ein Trick eingefallen war, wie sie in angemessener „Aktuelle“-Manier mit der peinlichen und teuren Niederlage umgehen konnten: Sie strickten daraus eine neue Titelgeschichte — und Chefredakteurin Hoffmann musste sich noch dümmer stellen als sonst und noch ein bisschen mehr lügen. (Wobei die Überschrift „Das haben wir nicht gewollt!“ im Inneren natürlich stimmt — denn die „Aktuelle“ wollte sicher nur irreführen, aber nicht einen Widerruf drucken müssen.) 

Hoffmann schreibt jedenfalls: 

(…)„Jetzt sprechen die Kinder“ — so stand es damals auf dem Titel. Dazu haben wir ein Foto von den Kindern der „Arche“ veröffentlicht. (…) Wir haben das Foto der Kinder gezeigt, damit klar wird, dass es sich nicht um die Kinder von Günther Jauch handelt.

(Zweifeln Sie nicht an Ihrem Verstand, wenn Sie den Satz nicht verstehen, sondern an ihrem.)

Wir haben darunter geschrieben „Spielstunde in der Arche“, damit deutlich wird, dass wir hier Kinder aus dieser Einrichtung zeigen. Wir wollten kein Missverständnis aufkommen lassen — aber offenbar ist uns das nicht geglückt. Das ist gründlich schief gegangen. Wir hätten noch viel deutlicher machen müssen, dass die zwei süßen Mädchen nicht die Kinder von Günther Jauch sind. Dafür möchte ich mich aufrichtig entschuldigen! (…)

Wie konnte uns dieser Fehler passieren? Vermutlich im Überschwang. In der Begeisterung dafür, Ihnen liebe Leserinnen und Leser, jede Woche die spannendste „aktuelle“ zu schenken. Wir haben uns von der Geschichte mitreißen lassen — und in der Leidenschaft den kühlen Kopf verloren. Das haben wir nicht gewollt.

Vielleicht darf ich noch ein paar Worte an Sie direkt richten, sehr geehrter Herr Jauch. Sie sind ein großartiger Journalist. (…) Herr Jauch, ich entschuldige mich bei Ihnen. Ich entschuldige mich bei meinen Leserinnen und Lesern.

Dieses Heft, das Sie jetzt in Händen halten, soll zeigen, wie ernst es uns mit der Wahrheit ist. (…)

Das tut es tatsächlich. Es ist das Heft mit dem zusammengeklaubten und in einen falschen Kontext gestellten „ehrlichen Interview“ mit Veronica Ferres, mit den „Schock-Fotos“ von der weinenden Seele der Heidi Klum und dem ganzen Quatsch von der „Herzensangelegenheit“ und dem Willen, mit dem Titel kein Missverständnis aufkommen zu lassen. Es zeigt ganz gut, wie ernst es der „Aktuellen“ mit der Wahrheit ist.

(Aber das mit Heinos Horror-Begegnung im Fahrstuhl will ich jetzt wissen!)

Journalisten machen Kemnader See unsicher

29 Apr 10
29. April 2010

Vom Bloggen bin ich sehr enttäuscht. Nicht von der Möglichkeit, aber von der Qualität. (…) Die bürgereigene Berichterstattung wird den Lokaljournalisten niemals ersetzen.

Bodo Hombach, Geschäftsführer der WAZ-Mediengruppe

Die „Westdeutsche Allgemeine Zeitung“ hat im Kemnader See südlich von Bochum ein Krokodil entdeckt. Aber es ist nicht das da oben. Es ist das hier: 

Nein, nicht das Weiße; das ist bloß der Pfeil, der auf das Krokodil zeigt. Ich zeig Ihnen das Tier mal in groß:

Das, äh, beeindruckende Foto hat ein Volontär der Zeitung gemacht, der beim Inline-Skaten mit seiner Freundin um den See das Tier gesehen haben will, und die WAZ nutzt die Gelegenheit, ihm und der staunenden Öffentlichkeit zu zeigen, was dieser Qualitätsjournalismus ist, von dem man neuerdings immer so viel hört — und wie viel professionelle Journalisten aus so ein bisschen Stoff machen können. 

Irgendein Amateur hätte das Handyfoto vermutlich einfach bei Twitpic hochgeladen mit der Unterschrift: „Heute am Kemnader See Baumstamm Krokodil entdeckt“. Oder als Leserfoto an „Bild“ geschickt, die nach eingehender Prüfung festgestellt hätten, dass es sich nicht um ein Krokodil handelt, sondern ein Alien.

Bei der WAZ aber wurde richtig recherchiert. Der Volontär sprach für seinen oben zu sehenden großen Artikel mit einem Mann vom Bochumer Tierpark, einer Frau vom Freizeitzentrum Kemnade, der Polizei und einer Frau, die mit ihrem Hund in der Nähe Gassi ging. Zwar hatte niemand das Tier gesehen oder gehört, dass irgendjemand anders das Tier gesehen hätte, aber aus den Spekulationen, was denn wäre, wenn es es gäbe, und der allgemeinen Ahnungslosigkeit ließen sich erstaunlich verwirrende Absätze wie dieser bauen: 

Fraglich, ob es sich bei dem Krokodil um ein artengeschütztes Exemplar handelt. „Wenn es ein Kaiman ist (so sieht es nach der Beschreibung aus), dann wäre er artengeschützt“, sagt Werner. Häufig seien aber die Halter mit nichtartengeschützten Exemplaren überfordert. Er erinnert an die Mülheimer Gift-Cobra. „Leider gibt es keine Beschränkungen wie bei Hunden.“

Ein weiterer Artikel des Volontärs im Online-Angebot der WAZ stellte klar, dass Krokodile eher scheu und Menschen vor Angriffen sicher seien — verwirrenderweise stand diese Entwarnung unter Überschrift „Kaiman macht Kemnader See bei Bochum unsicher“.

Dann übernahmen zwei WAZ-Kollegen die Berichterstattung. Außer dem Volontär und seiner Freundin hatte zwar immer noch niemand das Tier gesehen, aber nun konnten sie titeln: „Ein Kaiman sorgt am Kemnader See für Aufregung“. (Treffender wäre natürlich gewesen: „WAZ sorgt am Kemnader See für Aufregung“). Die WAZ will nicht ausschließen, dass da gar kein Kaiman oder Krokodil war, warnt aber vor voreiligen Schlüssen: Wenn ich es richtig verstanden habe, wäre gerade die Tatsache, dass das Tier von niemandem mehr gesehen wurde, ein Indiz für seine Existenz, denn Kaimane sind bekannt dafür, sich zu verstecken. (Ufologen können hier noch was lernen.)

Außer mit dem Volontär und seiner Freundin sprach die WAZ nun mit einem Schäfer, dem Geschäftsführer der Kemnade GmbH, einem Kapitän, einer Anbieterin von Kanutouren, nochmal der Polizei und dem Facharzt der Münchener Auffangstation für Reptilien, von dem die Journalisten erfuhren, dass sich ausgewachsene Kaimane „von Wasserschweinen, Nagern und Affen, die am Ufer trinken“ ernähren. (Ob das Fehlen von trinkenden Affen am Ufer des Kemnader Sees ein Indiz für die Existenz des Krokodils ist, ließ der Text offen.) Niemand hatte das Tier gesehen, was die WAZ mit vielen aufgeregten Ausrufezeichen vermeldete.

Auch bei der Bochumer Polizei sind noch keine Hinweise eingegangen — bis heute nicht. Dabei gehört zum Polizeipräsidium Bochum durch einen glücklichen Zufall auch die Polizeiinspektion Witten, so dass beide Uferseiten des Sees abgedeckt sind. Oder wie Pressesprecher Volker Schütte sagt: „Der See ist fest in unserer Hand!“ Der Fall macht „immens Arbeit“, sagt er, nicht wegen tatsächlicher Polizeiarbeit, sondern wegen der Medienanfragen, die nach dem ersten WAZ-Artikel „im Minutentakt“ kamen, u.a. von „Bild“ und RTL.

Besonders groß stieg aber der WDR in die Berichterstattung ein und berichtete nicht nur in seiner „Lokalzeit Ruhr“ über das mögliche Tier im See, sondern kam auch überregional in der „Aktuellen Stunde“ seinem Informationsauftrag nach — samt Live-Schaltung zu einer Reporterin vor Ort:


Die kritisierte, dass der Gesuchte „Kai“ heißen solle und nicht „Kemni“, konnte ihn aber auch nicht selbst nach seinem Namen fragen, weil sie ihn nicht gesehen hatte. Sie äußerte sogar Zweifel, dass er überhaupt existiert, berichtete aber von vor Ort, dass die meisten Menschen dort dem Thema „keine große Aufmerksamkeit widmen“ (ganz im Gegensatz also zum WDR).

Den WAZ-Schwesterblättern „Neue Ruhr-Zeitung“ (oben) und „Westfälische Rundschau“ (rechts) war die sensationelle Geschichte sogar Platz auf den Titelseiten wert. Und auf ihrer Szene-Seite fragte die WAZ im „Quiz des Tages“: 

Im Kemnader Stausee wurde ein Kaiman gesichtet. Zu welcher Familie gehören Kaimane? 

a) Nilpferde
b) Haie
c) Krokodile

(Die naheliegende Antwortmöglichkeit „d) Enten“ fehlt.) 

Doch im gemeinsamen Online-Angebot der WAZ-Zeitungen wussten viele Kommentatoren den aufopferungsvollen Einsatz der Journalisten nicht zu schätzen. Einer wies darauf hin, dass die Kaiman-Entdecker „zuerst seinen großen gelben Bauch, der im Wasser platscht“ gesehen haben wollen und stellte die berechtigte Frage, ob das Tier Rückenschwimmer sei. Ein anderer schrieb, er habe sich „heute zum ersten mal echt geschämt, dieses Blatt [die WAZ] auszutragen“, und schlug vor: 

Die einzige Möglichkeit jetzt noch mit Anstand aus der Sache rauszukommen, sich bei den Lesern entschuldigen (wird einem ja selten so klargemacht für WIE doof man gehalten wird), oder selber ein Krokodil am See aussetzen.

Vergleichsweise konstruktiv erscheint hingegegen folgender Kommentar (der möglicherweise inzwischen gelöscht wurde, ich finde ihn jedenfalls nicht wieder):

Ich würd sagen: Kemnadersee weiträumig absperren. Drei Meter hohe Zäune aufstellen, die A43 sperren und um ganz sicher zu gehen, auch den Luftraum dicht machen. 

dann das Wasser des Sees abpumpen und das Tier mit einem 1000 Mann starken Suchmanschaft in einen Hinterhalt drängen.

Doch die Kaimankarawane war schon weiter gezogen. Die WAZ berichtet in einem weiteren Artikel, das „Krokodil vom Kemnader See“ sei nun von einem Leser im Hattinger Teil der Ruhr gesehen worden, „in Höhe der Gaststätte ‚Zum Deutschen‘“. Das wäre rund zwölf Kilometer flussabwärts und ein bisschen unglücklich für das Bochumer Fotostudio, das in der Zwischenzeit 250 Euro für das beste Kaiman-Foto ausgesetzt hatte, wie die WAZ meldete. Auch aus dem Zuständigkeitsbereich der Bochumer Polizei wäre das Phantomreptil damit heraus. Wobei deren Sprecher Schütte nicht vollständig ausschließen will, dass es Tier tatsächlich gibt. Nur habe sich bisher niemand bei der Polizei gemeldet, was Schütte schon bei der Erstsichtung durch den WAZ-Volontär ein bisschen erstaunlich fand: „Wenn ich was in der Form erlebe, rufe ich 110 — und warte nicht einen Tag, um es dann in die Zeitung zu schreiben.“

Der neue vermeintliche Augenzeuge jedenfalls berichtet nun:

„Da waren zwei Höcker in der Mitte des Flusses – Holz kann es nicht gewesen sein, das schwimmt am Rand.“

Doch auch von diesen überwältigenden Beweisen ließen sich einzelne Laien in den Kommentaren nicht überzeugen: 

Wenn er zwei Höcker im Fluss gesehen hat, dann könnte es aber auch ein Kamel gewesen sein.….……oder Pamela Anderson.…… 

Das ist das Elend mit diesem Qualitätsjournalismus: Die Leute wissen ihn einfach nicht zu schätzen.

Das Elend der Debatte um ARD und ZDF

23 Feb 10
23. Februar 2010

Es ist wie ein schlimmer Tinnitus. Ein nerviges Klingeln, das nie wieder aufhört. Seit Monaten läuten Verleger und Privatsender ununterbrochen irgendwelche Alarmglocken. Jeden Tag beschwert sich irgendein Lobbyist wieder lautstark über irgendeine Ungerechtigkeit, beklagt irgendeine Ungeheuerlichkeit, kündigt Eingaben, Klagen, Proteste an. Und jedesmal steht damit alles auf dem Spiel: Die Existenz von tausenden Arbeitsplätzen. Die Zukunft des Journalismus. Die Grundlage unserer Medienordnung. Das Funktionieren der Demokratie. 

Wenn morgen die Meldung käme, dass die Verlegerverbände jetzt mit Selbstmordanschlägen drohen, wenn nicht sofort alle tun, was sie sagen — ich wäre nicht überrascht.

Sprachlich sind die Eskalationsmöglichkeiten längst erschöpft. WAZ-Geschäftsführer Christian Nienhaus hat eine Beschlussvorlage des NDR-Rundfunkrates, die dem Angebot tagesschau​.de großen Bestands- und Entwicklungsschutz gewähren will, den „größtmöglichen Super-GAU in der deutschen Medienpolitik der vergangenen 20 Jahre“ genannt (und niemand verrät ihm, wofür das „G“ in „GAU“ steht). 

Die Logik hat bereits vor einer Weile einen Ausreiseantrag aus der Diskussion gestellt, der offenbar jetzt genehmigt wurde. Der Verlag Gruner+Jahr fordert, den Rundfunkstaatsvertrag zu ändern, weil der NDR die darin nach Ansicht des Verlages enthaltene Beschränkungen nicht versteht. Das ist der eingesprungene Rittberger der Lobbyarbeit: Man behauptet einerseits, dass die gesetzlichen Vorgaben jetzt schon eindeutig sind und der NDR dagegen zweifelsohne verstoßen habe, und andererseits, dass die gesetzlichen Vorgaben verschärft werden müssen, weil sie nicht eindeutig sind, und tut so, als sei das gar kein Widerspruch.

Wenn man aus Verlogenheit Energie machen könnte, ließe sich dank dieser Debatte ein Atomkraftwerk abschalten. Die Verlegerverbände fordern, dass endlich die Politik etwas tun muss. Der oberste Zeitschriftenlobbyist Wolfgang Fürstner hat den niedersächsischen Ministerpräsidenten Christian Wulff gebeten, gegen die „Pläne des NDR“ einzuschreiten. Als aber Wulffs Hamburger Kollege Ole von Beust vorübergehend im Verdacht stand, das Vorgehen des Rundfunkrates gutzuheißen, maßregelte das „Hamburger Abendblatt“ sofort den Politiker, er dürfe sich nicht in ein „laufendes Verfahren“ einmischen. 

Nun bin ich kein Experte dafür, was die richtige Strategie ist, um auf Politiker Eindruck zu machen. Immerhin hatten die Verleger mit ihrer Kampagne für ein Leistungsschutzrecht bei der schwarz-gelben Koalition Erfolg, obwohl auch die fast ausschließlich auf die Strategie setzte, möglichst laut und langanhaltend zu brüllen, und bis heute niemand erklären kann, wie genau ein entsprechendes Gesetz aussehen soll und auf welche wundersame Weise es die Verlage retten würde. 

Ich frage mich aber, welche Wirkung das ununterbrochene Geheule auf die interessierte Öffentlichkeit hat. Die Verleger schlagen wild um sich wie ein Ertrinkender. Die Botschaft, die sie damit aussenden, lautet: Wir sind nur dann noch in der Lage, genügend Geld zu verdienen, um die Menschen vernünftig zu informieren, wenn alle Rahmenbedingungen zu unseren Gunsten verändert und jeder störende Konkurrent ausgeschaltet wird. Die Geschäftsgrundlage ist offenbar so fragil, dass es schon tödlich sein kann, wenn es einem öffentlich-rechtlichen Anbieter erlaubt wäre, seine Inhalte auf einem beliebten Smartphone in etwas attraktiverer Form als bisher anzubieten. Der Vorstandsvorsitzende der Axel Springer AG, Mathias Döpfner, hat (mutmaßlich) allen Ernstes die geplante „Tagesschau“-App für das iPhone mit dem Verlust von „Tausenden Arbeitsplätzen in der Verlagsbranche“ in Verbindung gebracht und ist trotzdem nicht aus dem Land gelacht worden. WAZ-Co-Geschäftsführer Bodo Hombach will in diesem Zusammenhang nun sogar anderen Verlagen das Geschäftsmodell vorschreiben und geißelt eine App der „Financial Times Deutschland“ als Sünde, weil sie nichts kostet. (Vielleicht hat ihm niemand gesagt, dass es sich beim konkreten Angebot nur um die Aufbereitung auch sonst frei verfügbarer Inhalte handelt und nicht etwa um eine Art E-Paper wie bei den kostenpflichtigen Apps von „Bild“, „Welt“ und „Spiegel“.)

Es spricht nicht für den Glauben an die Einzigartigkeit und Hochwertigkeit der eigenen Produkte, wenn Verlagsleute den Eindruck erwecken, die Leser würden im Internet oder auf ihrem Telefon die erstbeste Gelegenheit nutzen, die kostenpflichtige Zeitung nicht mehr zu lesen, weil sie die „Tagesschau“ umsonst kriegen. (Was ja bisher auch schon so war, sich aber in zwei verschiedenen Medien abspielte.) Rührend ist auch, wenn im Kampf gegen den Konzern Google, dem die Verleger die Einnahmen neiden, anklagend Studien zitiert werden, wonach sich ein größerer Teil der „Google News“-Leser damit zufrieden gibt, dort die Schlagzeilen zu lesen, und gar nicht mehr die eigentlichen Artikel der verlinkten Online-Medien anklickt. Mit derart anspruchslosen Lesern werden Qualitätsmedien ohnehin kein Geld verdienen können — im Zweifel sind die auch jetzt schon zufrieden damit, einen flüchtigen Blick auf die Titelseite der Zeitung am Kiosk zu werfen.

Wenn ich das Getöse richtig verstehe, verhält es sich also ungefähr so: Die Verlage müssen von der (ohnehin schon reduzierten) Mehrwertsteuer befreit werden, Google muss verboten oder zur Zahlung von Lizenzgebühren verpflichtet werden, ARD und ZDF müssen das Internet verlassen, das Zitatrecht muss drastisch eingeschränkt, das kostenlose Anbieten von Informationen untersagt und die Gratis-Kultur im Internet insgesamt vernichtet werden — dann, ja dann könnten die Verlage vielleicht, möglicherweise, wenn das Wetter stimmt, in der Lage sein, auch in Zukunft Qualitätsjournalismus anzubieten, und womöglich sogar im Netz. Sonst können sie für nichts garantieren.

Vielleicht merken Print- und Privatfernsehlobbyisten gar nicht, dass sie damit den öffentlich-rechtlichen Sendern eine neue Legitimationsgrundlage schaffen.

Denn wenn das Geschäft mit der Information für private Medien wirklich so schwierig ist, gibt es für den Staat zwei Möglichkeiten, um dafür zu sorgen, dass seine Bürger gut informiert werden. Die eine ist die, alles dafür zu tun, um den Verlagen und Privatsendern das Leben zu erleichtern, in der Hoffnung, aber ohne Gewähr, dass es reicht. Die andere ist die, die öffentlich-rechtlichen Sender zu stärken und ihnen ein Leben in der digitalen Welt zu erlauben.

Man kann nicht oft genug referieren, wie das Bundesverfassungsgericht, das die deutsche Medienlandschaft mit seinen Rundfunkurteilen maßgeblich geprägt hat, den Begriff der „Grundversorgung“ verstand, die ARD und ZDF zu leisten hätten. Er geht davon aus, dass man sich u.a. aufgrund ihrer Werbefinanzierung nicht darauf verlassen könne, dass die Programme der privaten Sender immer hohen Ansprüchen zum Beispiel an Meinungsvielfalt genügen. Man dürfe die öffentlich-rechtlichen Sender deshalb nicht darauf beschränken, die jeweiligen Lücken zu füllen, die private Anbieter aus wirtschaftlichen Gründen hinterlassen, sondern ARD und ZDF müssten all das bieten, was eine Gesellschaft an Information, Bildung, Unterhaltung brauche — und wenn Private es schaffen, das zu ergänzen, ist es schön und wenn nicht, ist es nicht schlimm. (Gegner von ARD und ZDF missverstehen den Begriff gerne als Minimalversorgung, das Schwarzbrot: Dokumentationen, Nachrichten, hochwertige Filme, die keiner guckt. So ist er nicht gemeint.)

Ähnlicher Schindluder wird mit dem Begriff des „Dualen Systems“ getrieben, insbesondere wenn angesichts wegbrechender Werbeerlöse der Privaten und konstanter oder gar steigender Einnahmen der Öffentlich-Rechtlichen beklagt wird, es sei aus dem „Gleichgewicht“ geraten. Aber die Idee dieses Dualen Systems war nicht, dass Öffentlich-Rechtliche und Private gleich stark sein sollen. Die Idee war, die Öffentlich-Rechtlichen so auszustatten, dass sie uns auch dann gutes Fernsehen liefern, wenn die Bedingungen bei den Privaten einmal dafür nicht ausreichen. Zu argumentieren, dass wenn die Privaten leiden, auch ARD und ZDF weniger kriegen sollen, ist bizarr — zeigt aber, wie sehr die Debatte nicht die Interessen der Zuschauer, sondern die der Privatsender im Blick hat.

Nun sind all diese Grundlagen maßgeschneidert für das Medium Fernsehen, dem ein außerordentlicher Einfluss auf die Zuschauer zugeschrieben wurde und dessen Verbreitung exorbitant teuer war, so dass große Macht zwangsläufig in den Händen weniger liegen würde. Man kann mit gutem Grund fragen, ob dieses System angesichts der digitalen Revolution noch zeitgemäß ist. Man könnte zum Beispiel fragen, ob ARD und ZDF im Internet noch benötigt werden, wenn Verlage, Privatsender und andere dort doch täglich beweisen, dass sie hochwertigen, vielfältigen Qualitätsjournalismus anbieten, der trotz seiner Abhängigkeit von Werbung keine Wünsche offen lässt. 

Bis zur aktuellen Wirtschafts- und Werbekrise haben Verlage und Privatsender genau diesen Eindruck erweckt, um den Spielraum von ARD und ZDF im Internet gesetzlich so weit wie möglich einzuschränken. Doch nun zeigt sich plötzlich, dass keineswegs klar ist, ob und wie sich guter Journalismus im Internet finanzieren lässt. Damit bekommen die Öffentlich-Rechtlichen eine neue mögliche Legitimation auch für dieses Medium, genau genommen die alte: durch verlässlich und von allen gemeinsam finanzierte Medien eine umfassende Grundversorgung sicherzustellen, die eine rundum gut informierte Gesellschaft ermöglicht, selbst wenn die privaten Anbieter in schlechten Zeiten oder aus grundsätzlichen Problemen das nicht in befriedigendem Maße tun können. 

Wohlgemerkt: Es sind die Verlags- und Privatsenderleute selbst, die diesen Eindruck gerade erwecken, dass sie unter den herrschenden Bedingungen nicht für Qualität im Internet bürgen können. 

Springer-Chef Döpfner erregt sich darüber, dass die ARD ihre Nachrichten kostenlos iPhone-gerecht anbieten will und damit die Versuche seines Hauses erschwert, Inhalte auf verschiedenen Plattformen nur noch gegen Geld anzubieten. Das ist aus seiner Sicht konsequent. Natürlich wäre es für alle Verlage besser, wenn es niemanden gäbe, der journalistische Inhalte umsonst anböte, und alle Leser also gezwungen wären, dafür zu bezahlen. Ich glaube nur nicht, dass das auch im Interesse der Gesellschaft wäre.

Wolf-Dieter Ring, der Präsident der Bayerischen Landesmedienanstalt, ist natürlich niemand, der im Verdacht steht, das Interesse der Gesellschaft im Blick zu haben. Er spielt schon lange eine lustige Doppelrolle als Aufseher über die Privatsender und ihr Lobbyist. Im vergangenen Herbst rief er die Verlage dazu auf, geschlossen auf Paid-Content-Konzepte zu setzen, und forderte von der Politik, die Öffentlich-Rechtlichen in Zaum zu halten: Kostenlose Angebote wie tagesschau​.de unterliefen die möglichen neuen Erlösmodelle der Verlage im Netz. 

Warum soll es gesellschaftlich erstrebenswert sein, journalistische Inhalte nur denen zugänglich zu machen, die dafür zahlen können? Inwiefern ist es gut, wenn Menschen ohne Geld schlecht informiert werden? Wäre es nicht gerade dann, wenn die Verlage ihre Online-Angebote kostenpflichtig machen (müssen), erstrebenswert, ein kostenloses, aber dennoch zuverlässiges Angebot zu haben? „Kostenlos“ ist natürlich der falsche Ausdruck, denn ARD und ZDF werden ja von uns bezahlt, aber Leute ohne Einkommen sind von der Gebühr befreit — eine solidarische, soziale Konstruktion, diese Rundfunkgebühr, die zudem dafür sorgt, dass nicht nur das produziert und finanziert wird, was eine Mehrheit sehen will.

Die Konkurrenten der öffentlich-rechtlichen Sender haben durchgesetzt, dass ARD und ZDF viele Inhalte aus dem Netz löschen müssen — und keineswegs nur zweifelhafte Angebote wie Kochrezepte oder Kontaktbörsen. Seitdem sind diverse Leute in den Anstalten mit etwas beschäftigt, das den schönen Namen „Depublizieren“ trägt. Inwiefern dient es dem Gemeinwohl, wenn ARD und ZDF teuer produzierte Inhalte nur für eine begrenzte Zeit (in der Regel sieben Tage) zugänglich machen dürfen? Inwiefern ist es in meinem Interesse, dass Inhalte, die ich mit meinen Gebühren bezahlt habe, mir nur vorübergehend und nicht auf allen Plattformen angeboten werden?

Eine der lächerlichsten Äußerungen im Zusammenhang mit der geplanten iPhone-Anwendung der „Tagesschau“ war die der Springer-Pressesprecherin Edda Fels, die im vergangenen Advent pikiert formulierte: „Wir gingen davon aus, dass die vorhandenen Gebühren schon nicht mehr zur Finanzierung des bestehenden Angebots ausreichen. Deshalb wundern wir uns, dass im Vorfeld der geplanten Gebührenumstellung das Angebot sogar erweitert werden soll.“ Was wäre es für ein Quark, wenn die ARD erst teure Inhalte produzierte und dann an den im Vergleich lächerlich winzigen Kosten sparen würde, um diese Inhalte möglichst vielen Leuten möglichst bequem zugänglich zu machen? Wie sehr muss man die Welt durch eine eigene PR-Brille sehen, um nicht zu merken, dass ein zickiges „Ach dafür ist also noch Geld da?“ völlig an der Realität vorbeigeht?

Neben der iPhone-Anwendung ist ein Interview von tagesschau​.de mit Kathrin Passig zum unwahrscheinlichen Symbol für den ungehemmten Expansionsdrang der Öffentlich-Rechtlichen geworden, der uns alle unter sich begraben wird. Das nette Gespräch (als bekennender Passig-Fan bin ich natürlich nicht objektiv) lief nämlich nicht im Fernsehen und bezog sich auch auf kein bestimmtes Programm, sondern war einfach nur informativ, verstieß damit also gegen die nur in bestimmten Fälllen aufgehobene Pflicht von ARD und ZDF, im Internet ausschließlich sendungsbezogene Inhalte zu veröffentlichen. Bei anderen Web-Formaten wie „Deppendorfs Woche“ (auf das ich persönlich gut verzichten könnte, aber das ist ja nicht die Frage) umgeht die ARD diese Vorgabe dadurch, dass sie sie auch in einem ihrer Digital-Kanäle ausstrahlt. Aber, Verzeihung, was ist das alles für ein Irrsinn?

Was den Tinnitus, der über der Diskussion liegt, noch unerträglicher macht, ist die Parteilichkeit der Medien. In vielen Redaktionen scheinen als Journalisten getarnte PR-Leute in eigener Sache zu arbeiten. Bei „Bild“ als Kampagnenorgan blieben natürlich als erstes die Fakten auf der Strecke. Zur Zeit findet sie fast jeden Tag Platz auf ihrer Seite 2 für einen kleinen Bericht, in dem irgendein üblicher Verdächtiger (im Zweifel auch nur der automatische Anrufbeantworter von Jürgen Doetz) sagt, wie schlimm die iPhone-Anwendung ist. Am vergangenen Montag reichte schon die Tatsache, dass, Zitat: „eine FDP-Kommission für Internet und Medien sich am Wochenende einstimmig gegen die Einführung eines Apps ausgesprochen hat“ für eine größere Meldung. Eine FDP-Kommission, holla!

„Spiegel Online“ kämpft ebenfalls an vorderster Front. Dort werden die öffentlich-rechtlichen Internetangebote schon seit Jahren bösartig als „GEZ-Web“ oder „GEZ-Netz“ bezeichnet. Seit Monaten ergänzt „Spiegel Online“ seine Artikel zum Thema mit einer Tabelle über die meistgenutzten deutschen Medienangebote, in denen ARD​.de mit 34,5 Mio Visits auf Platz 3 liegt und tagesschau​.de mit 20,2 Mio Visits auf Platz 6 — was höchst irreführend ist, weil die tagesschau.de-Visits in den ARD.de-Visits schon enthalten sind. ARD-aktuell-Chefredakteur Kai Gniffke hat das schon vor über sechs Wochen öffentlich moniert. Irgendwann vergangene Woche muss „Spiegel Online“ die Tabelle endlich korrigiert haben. Klammheimlich, natürlich. Nachtrag/Korrektur: Stimmt gar nicht. Steht immer noch so da.

Leider hat auch die ARD noch nicht verstanden, dass es nicht nur ihre Pflicht ist, in eigener Sache ganz besonders korrekt zu berichten, sondern auch eine Chance darin läge, sich unangreifbar zu machen und von der Pro-Domo-Berichterstattung anderer Medien abzusetzen, wenn sie ihren Kritikern breiten Raum geben würde. Die BBC demonstriert regelmäßig, wie das geht. Über Kritik an der BBC kann man sich zuverlässig im Online-Nachrichtenangebot der BBC informieren. Nicht so in Deutschland. Dass die „Tagesschau“ kürzlich aus Anlass des KEF-Berichtes anstelle eines journalistischen Beitrages einen PR-Bericht in eigener Sache sendete, war ein Skandal und nicht nur frech, sondern dumm.

Denn das muss man von den Öffentlich-Rechtlichen verlangen, wenn sie von uns viele Milliarden Euro jährlich bekommen: Dass sich dieser Vorteil gegenüber der privaten Konkurrenz auch in entsprechender Qualität zeigt — und dazu gehört zu allererst vorbildlicher Journalismus.

Das einzig Gute an der hysterischen Debatte ist, dass sie sich langsam dem Kern der Auseinandersetzung nähert. Früher haben sich die Konkurrenten von ARD und ZDF an irgendwelchen Kochrezept-Seiten und Kontaktbörsen der Öffentlich-Rechtlichen abgearbeitet. Nun lenkt nur noch die scheinheilige Fixierung auf die iPhone-Application davon ab, dass die Verleger auch grundsolide Angebote wie tagesschau​.de nicht hinnehmen wollen. „Tagesschau“-Chef Gniffke hat Recht, wenn er schreibt:

Seit 15 Jahren gibt es tagesschau​.de, seit vielen Jahren auch mobil. Soll das jetzt zurückgedreht werden? Das wäre der Tod der Tagesschau auf Raten, da muss man kein Medienexperte sein. Dann soll man aber offen sagen: Die Tagesschau soll weg, weil wir sie 60 Jahre nach Gründung der Bundesrepublik nicht mehr brauchen. Diese Diskussion kann man ehrlich führen. Aber sie hinter einer Diskussion um eine Tagesschau-App zu verstecken, damit habe ich ein Problem.

Kai Biermann hat es bei „Zeit Online“ auf die schlichte, treffende Formel gebracht: Matthias Döpfner will die Öffentlich-Rechtlichen abschaffen.

Ich wünsche mir starke, freie Öffentlich-Rechtliche im Netz. Ich glaube, dass sie der Qualität und der Vielfalt des Online-Journalismus gut tun können. Und ich glaube, anders als offenbar die Verleger selbst, dass gute private journalistische Angebote trotz dieser Konkurrenz bestehen können.

Vor allem aber wünsche ich mir, dass dieser Tinnitus wieder weggeht. 

[Offenlegung: Ich arbeite nicht nur für Verlage, sondern gelegentlich auch für ARD und ZDF.]