Ein Schaum geht in Erfüllung

Friedrich Küppersbusch kehrt zurück auf den Bildschirm. Vom 10. Juni an moderiert er die Sendung »Tagesschaum«, die sich bis zur Bundestagswahl dreimal die Woche jeweils gut zehn Minuten lang mit dem politischen Thema des Tages beschäftigt. Es soll kein Magazin werden, keine Talkshow, keine Comedy, sondern eine pointierte Einordnung der Themen und Ereignisse mit Haltung. Man wolle »die Leute mit sanftem Nachdruck bis an die Tür des Wahllokals begleiten«, sagte Küppersbusch der »taz«. Die Sendung sei »die ›Tagesschau‹ auf Koks«.

Küppersbusch hatte zwischen 1990 und 1996 den legendären »Wochendurchblick« »Zak« moderiert, danach ein Jahr lang »Privatfernsehen« (Best-/Worst-of auf YouTube). Als Produzent machte er mit seiner Firma probono unter anderem die n-tv-Gesprächssendung »maischberger« und in den Anfangsjahren »Raus aus den Schulden«. Heute produziert er unter anderem mehrere n-tv-Talkshows und »log in« für ZDFinfo.

Dass der WDR eine meinungsstarke politische Sendung vor der Bundestagswahl ins Programm nimmt, ist für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk einigermaßen revolutionär. »Tagesschaum« läuft montags, dienstags und donnerstags auf YouTube und um 23:15 Uhr im WDR-Fernsehen.

Und ich freue mich doppelt darauf, denn ich bin als Autor in der Redaktion dabei.

Nachtrag, 19. Mai. Küppersbusch erzählt im »taz«-Interview alles.

Die 136 superlativsten Programmideen der Dritten

Es ist noch nicht so lange her, da musste man sich Sorgen machen um die Dritten Programme. Es schien, als wäre ihnen ein bisschen der Sinn und das Ziel verloren gegangen — jenseits der bunten Regionalberichte im Vorabendprogramm jedenfalls. Mit ernsten Themen und sperrigen Formaten ließen sich nicht die entscheidenden guten Quoten machen; Experimente bargen jedesmal die Gefahr, dass sie schiefgehen könnten; bald würde auch der letzte Ameisenbär im letzten Zoo beim Wiegen gefilmt worden sein, und besonders sensible Verantwortliche ahnten, dass sich nicht einmal mit »Tatort«-Wiederholungen allein auf Dauer ein Programm machen ließe, für das die Menschen Gebühren zahlen.

Zum Glück fand sich dann aber doch eine vielabendfüllende Aufgabe: Die Dritten Programme sortieren unsere Welt in Hitparaden.

Sie zerlegen sie in ihre Bestandteile, bereinigen sie von komplizierten Zusammenhängen und Kontexten, sortieren sie nach Beliebtheit und lassen sie von Leuten kommentieren, die nichts mit ihnen zu tun haben.

Es ist eine Aufgabe, die an Macher und Zuschauer eigentlich nur zwei Ansprüche stellt: Ausdauer und den Mut zur Anspruchslosigkeit. Und so füllen diese Listen-Formate, die aus dem Privatfernsehen eingeschleppt wurden, inzwischen die meisten Dritten Programme und sorgen dort für eine umfangreiche Versteppung. Im NDR, der früh auf dieses Format gesetzt hat, haben sie ihren Höhepunkt inzwischen offenbar überschritten. Aber der WDR, der wie kaum ein anderer öffentlich-rechtlicher Sender weiß, wie man seine Zuschauer unterfordert, hat für diese Monokultur inzwischen breite Schneisen in sein Programm gerodet.

Im WDR läuft allein in diesen Tagen: »99 Lieblingsorte in Nordrhein-Westfalen«, »Die 30 tollsten Haus– und Hoftiere«, »Die beliebtesten Bauernhöfe in Nordrhein-Westfalen«, »Die 40 beliebtesten Burgen und Schlösser in Nordrhein-Westfalen«, »Die 40 beliebtesten Ausflugsziele in Nordrhein-Westfalen«, »Die beliebtesten Liedermacher der Nordrhein-Westfalen«, »Die beliebtesten Schlagerduos der Nordrhein-Westfalen« und »Die beliebtesten Schauspieler der Nordrhein-Westfalen«.

Aus diesem, äh, Anlass folgt eine — vermutlich unvollständige — Übersicht über die Hitlisten-Sendungen, die seit Anfang des vergangenen Jahres in der ARD gelaufen sind und, soweit ich es herausgefunden habe, die jeweiligen Erstplatzierten. (Wiederholungen im Tages– oder Nachtprogramm sind nicht aufgeführt.)

Das Erste
17.03.11 Die beliebtesten Volksschauspieler der Deutschen
09.06.11 Die beliebtesten Komiker der Deutschen
24.11.11 Die beliebtesten Showmaster der Deutschen
19.04.12 Die beliebtesten Komiker-Duos der Deutschen
NDR
02.01.11 Die schönsten Evergreens des Nordens »Dancing Queen«
04.03.11 Legendäre Interviews und Talks »Strunz ist wie eine Flasche leer, ich habe fertig!«
07.03.11 Was den Norden bewegte Grenzöffnung, 1989
19.04.11 Die schönsten Bauernhöfe Norddeutschlands Hof Neversfelde, SH
25.04.11 Die besten Witze des Nordens, Bauern-Witze
03.05.11 Die bewegendsten TV-Momente 1953 bis 2010 11. September 2001
17.05.11 Die beliebtesten Fernsehpaare Jan Fedder & Peter Heinrich Brix
03.06.11 Die beliebtesten Kultschlager »Dschinghis Khan«
05.06.11 Die schönsten Inseln Norddeutschlands Juist
13.06.11 Die besten Witze aus der DDR Ausgefallener Wunsch
07.08.11 Die größten Popsongs des Nordens »Nordisch by Nature«
01.01.12 Die erstaunlichsten Dörfer Norddeutschlands
15.01.12 Die schönsten Fernsehmomente
15.01.12 Die beliebtesten Kultschlager »Dschinghis Khan«
17.02.12 Die besten Comedy-Momente aus den Talkshows
25.03.12 Die schönsten Naturparadiese des Nordens
08.04.12 Die schönsten Inseln Norddeutschlands
WDR
04.01.11 Die 50 größten Bauwerke in Nordrhein-Westfalen Kölner Dom
12.01.11 Die beliebtesten Schlagerstars aus Nordrhein-Westfalen Wolfgang Petry
19.01.11 Die beliebtesten Quizmaster der Nordrhein-Westfalen Hans Rosenthal
26.01.11 Die beliebtesten TV-Reporter der Nordrhein-Westfalen Hanns Joachim Friedrichs
13.02.11 Die 50 beliebtesten Karnevalslieder der Nordrhein-Westfalen Viva Colonia
23.02.11 Die beliebtesten Karnevalsstars aus Nordrhein-Westfalen Colonia Duett
16.03.11 Die beliebtesten Ruhrpottlieder in Nordrhein-Westfalen »Bochum«
30.03.11 Die beliebtesten Ruhrpottgrößen aus Nordrhein-Westfalen Herbert Grönemeyer
24.04.11 Die 25 beliebtesten Quizmaster der Nordrhein-Westfalen Hans Rosenthal
25.04.11 Die 40 beliebtesten Ausflugsziele in Nordrhein-Westfalen Kölner Dom
13.06.11 Die 30 beliebtesten Urlaubsziele der Nordrhein-Westfalen Nordseeküste
15.06.11 Die beliebtesten TV-Paare der Nordrhein-Westfalen Evelyn Hamann und Loriot
22.06.11 Die beliebtesten Fußballvereine in Nordrhein-Westfalen Borussia Dortmund
23.06.11 Die 25 beliebtesten Schlagerstars der Nordrhein-Westfalen Udo Jürgens
29.06.11 Die beliebtesten Städte in Nordrhein-Westfalen Münster
13.07.11 Die größten Fernsehpannen der Nordrhein-Westfalen WC…T
27.07.11 Die beliebtesten TV-Ärzte der Nordrhein-Westfalen »Die Schwarzwaldklinik«
03.08.11 Die beliebtesten Mundarten der Nordrhein-Westfalen Ruhrdeutsch
17.08.11 Die beliebtesten TV-Sketche der Nordrhein-Westfalen Regenlied Rudis Tagesshow
24.08.11 Die beliebtesten Liedermacher der Nordrhein-Westfalen Reinhard Mey
31.08.11 Die beliebtesten Bauernhöfe in Nordrhein-Westfalen Vennhöfe
01.11.11 Die 25 beliebtesten Ruhrpott-Größen der Nordrhein-Westfalen Herbert Grönemeyer
01.11.11 Die beliebtesten Fernsehfamilien der Nordrhein-Westfalen Familie Tetzlaff / »Ein Herz und eine Seele«
02.11.11 Die beliebtesten Millowitsch-Theaterstücke der Nordrhein-Westfalen »Der Etappenhase«
13.11.11 Willy Millowitsch – seine besten Rollen »Willy, der Schlagerstar«
18.12.11 Die 50 beliebtesten Weihnachtslieder der Nordrhein-Westfalen »Stille Nacht, heilige Nacht«
20.12.11 Die beliebtesten TV-Gesichter 2011
01.01.12 Die beliebtesten Bauernhöfe der Nordrhein-Westfalen Vennhöfe
11.01.12 Die beliebtesten Hits der Neuen Deutschen Welle Nena: 99 Luftballons
18.01.12 Die beliebtesten Musicals der Nordrhein-Westfalen Starlight Express
25.01.12 Die ersten TV-Auftritte Ihrer Stars Hape Kerkeling
01.02.12 Die beliebtesten Karnevalslieder der Nordrhein-Westfalen Viva Colonia
08.02.12 Die beliebtesten Karnevalssitzungen der Nordrhein-Westfalen
11.02.12 Die jecksten Karnevalsbands aus Nordrhein-Westfalen
17.02.12 Die beliebtesten Karnevalsstars aus Nordrhein-Westfalen
18.02.12 Die beliebtesten Karnevalslieder der Nordrhein-Westfalen
22.02.12 Die beliebtesten Kabarettisten der Nordrhein-Westfalen Jürgen Becker
29.02.12 Die größten Bauwerke in Nordrhein-Westfalen Kölner Dom
07.03.12 Die beliebtesten Landschaften in Nordrhein-Westfalen Sauerland
14.03.12 Die beliebtesten Burgen und Schlösser in Nordrhein-Westfalen Schloss Nordkirchen
29.03.12 Die beliebtesten Tierparks in Nordrhein-Westfalen Kölner Zoo
04.04.12 Die beliebtesten Schauspieler der Nordrhein-Westfalen Heinz Rühmann
11.04.12 Die 40 beliebtesten Ausflugsziele in Nordrhein-Westfalen
18.04.12 Die beliebtesten Neue Deutsche Welle-Hits der Nordrhein-Westfalen
HR
01.01.11 Die beliebtesten Dialekte der Hessen
11.01.11 Hessens beliebteste Bauwerke Schloss Auerbach
11.01.11 Hessens schönste Feste Hessentag
22.02.11 Die schönsten Ausflugsziele der Hessen Geopark Bergstraße-Odenwald
23.02.11 Die beliebtesten Fastnachtslieder der Hessen
03.04.11 Hessens beliebteste Ausflugsziele Geopark Bergstraße-Odenwald
22.04.11 Die schönsten Kirchen in Hessen Limburger Dom
25.04.11 Die beliebtesten Komiker der Hessen Badesalz
22.06.11 Hessens beliebteste Sportler Timo Boll
27.06.11 Die schönsten Sportmomente der Hessen
06.07.11 Die beliebtesten Fußball-Lieder der Hessen
12.07.11 Die beliebtesten TV-Paare
13.07.11 Die beliebtesten Reiseziele der Hessen Ostseeküste
18.07.11 Die beliebtesten Fernsehfamilien
25.07.11 Unsere beliebtesten Hunde
10.08.11 Die ungewöhnlichsten Spektakel der Hessen
03.10.11 Die beliebtesten Volksschauspieler der Deutschen
11.12.11 Die Lieblingsgerichte der Hessen Grüne Soße mit Kartoffeln und Ei
14.12.11 Die größten Hessen
19.12.11 Die beliebtesten Weihnachtslieder der Hessen
20.12.11 Die schönsten Bauernhöfe der Hessen
26.12.11 Die schönsten Schlösser in Hessen
29.12.11 Die beliebtesten Klassiker des Kinderfernsehens Sendung mit der Maus
30.12.11 Die beliebtesten Komiker der Hessen
31.12.11 Die beliebtesten Stimmungslieder
04.01.12 Die beliebtesten Heimatfilme der Hessen
05.01.12 Die beliebtesten Dialekte der Hessen
05.01.12 Die unglaublichsten Orte der Hessen
09.01.12 Die beliebtesten Liebeslieder der Hessen
05.01.12 Die ungewöhnlichsten Spektakel der Hessen
11.01.12 Die beliebtesten Hausmittelchen der Hessen
08.02.12 Die besten Büttenreden der Hessen
16.02.12 Die beliebtesten Fastnachtslieder der Hessen
17.02.12 Die beliebtesten Stimmungslieder der Hessen
28.02.12 Die Lieblingsgerichte der Hessen
20.03.12 Die beliebtesten Schlösser in Hessen
06.04.12 Die beliebtesten Städte in Hessen
09.04.12 Die schönsten Landschaften in Hessen
RBB
12.01.11 Die 30 tollsten Erfindungen Fernseher
26.01.11 Die 30 größten Berliner Aufreger Mauerbau
23.02.11 Die 30 lustigsten Lieder
16.03.11 Die 30 erstaunlichsten Berliner Straßen Kurfürstendamm
23.03.11 Die 30 schönsten Brandenburger Bräuche Osterfeuer
13.04.11 Die 30 schönsten Brandenburger Bauwerke Schloss Sanssouci
20.04.11 Die 30 tollsten Haus– und Hoftiere Promenadenmischung
25.05.11 Die 30 beliebtesten Berliner Plätze Gendarmenmarkt
11.06.11 Die 30 legendärsten Fernsehshows Dalli Dalli
26.06.11 Die beliebtesten Kultschlager
06.07.11 Die 30 schrägsten Frisuren Atze Schröder
13.07.11 Die 30 beliebtesten Hobbys
03.08.11 30 x verschwundenes Berlin Stadtschloss Berlin
10.08.11 Die 30 schönsten Modesünden
05.10.11 Die 30 schönsten Brandenburger Ausflugsziele Spreewald-Dorf Lehde
12.10.11 Die 30 tollsten Schlagerstars der Siebziger Udo Jürgens
02.11.11 Die beliebtesten TV-Ärzte
09.11.11 Die 30 außergewöhnlichsten Berliner Brücken Die Oberbaumbrücke
03.12.11 Die 30 verrücktesten Sammelobjekte Miniaturklaviere
14.12.11 30 Gründe, Weihnachten zu lieben Weihnachten in der Familie
18.01.12 Die 30 schönsten Brandenburger Bräuche Osterfeuer
25.01.12 Die 30 größten Berliner Aufreger
01.02.12 Die 30 lustigsten Lieder I
08.02.12 Die 30 lustigsten Lieder II
15.02.12 Die 30 tollsten Tänze
26.02.12 Die 30 tollsten Schlagerstars der Siebziger XXL
29.02.12 Die 30 erstaunlichsten Berliner Straßen
10.03.12 30 x schönes Deutsch Berlinerisch
14.03.12 Die 30 schönsten Berliner Aussichtspunkte Fernsehturm
21.03.12 Die 30 schönsten Freizeit-Vergnügen
11.04.12 Die schönsten Brandenburger Landschaften
18.04.12 Die 30 außergewöhnlichsten Berliner Brücken Die Oberbaumbrücke
26.02.12 Die 30 tollsten Schlagerstars der Siebziger

 
(Keine Ahnung, ob es sich etwa bei »Die schönsten Ausflugsziele der Hessen« und »Hessens beliebteste Ausflugsziele« um dieselbe Sendung handelte. Beide liefen innerhalb von sechs Wochen in der Primetime und wurden in den folgenden Tagen insgesamt sieben mal wiederholt. Ich kann auch nicht sagen, ob sich der WDR für die Ballung von karnevalistischen Hitlisten in Genf eine Ausnahmegenehmigung von der Menschenrechtskonvention besorgt hat.)

Wenn Sie mich jetzt fragen, ob ich beim Auflisten nicht Sorge hatte, verrückt zu werden, muss ich ihnen antworten: Nicht so sehr wie beim Ansehen der Sendungen.

Moderator am WDR-Fließband ist konsequenterweise Thomas Bug, der etwa gegen Ende des Countdowns der »beliebtesten Schauspieler der Nordrhein-Westfalen« folgende Überleitung von Romy Schneider zu Heinz Rühmann auf Platz 1 schafft:

»Was für eine Frau. Ein-zigartig. Und wo die Eins hier quasi schon so mitschwingt, bleiben wir ein-fach Spitze auf der Besetzungsliste der beliebtesten Schauspieler.«

Die Sendung in der vergangenen Woche mit den »beliebtesten Tierparks in Nordrhein-Westfalen« hatte er tatsächlich mit folgenden Worten begonnen:

Eigenlob stinkt, ich weiß, aber heut wird die Sendung wirklich tierisch gut.

Aufklärung unerwünscht? Frank Plasberg und das Wundermittel gegen Neurodermitis

»Besonders bedrückend ist es, wenn man sieht, wie sehr kleine Menschen unter Neurodermitis leiden«, sagt Frank Plasberg. Dann zeigt er, wie sehr der kleine Mensch Bastian unter Neurodermitis leidet, was tatsächlich besonders bedrückend ist, aber nicht nur in dem Sinne, wie Plasberg es meint. Mit den erschütternden Bildern stellte »Hart aber fair« gestern den Jungen in den Dienst einer zweifelhaften Berichterstattung in der ARD, die wie eine gigantische Werbeaktion für eine Vitamin-Salbe gegen Neurodermitis wirkt, die demnächst auf den Markt kommt, nachdem sie die Pharma-Industrie angeblich jahrelang verhindert hat.

Der Immunologe Beda Stadler fand in der Sendung deutliche Worte:

»Ich bin schwer betroffen. Herr Plasberg, was Sie hier abziehen, ist wirklich eine Schande. Sie missbrauchen ein Kind. Das Kamerateam und der Regisseur hätten dem Kind die blöde Salbe anstreichen sollen, dann wäre es ja anscheinend jetzt wieder gesund. Wenn man hier so tut, als würde ein blödes Avocadoöl mit Vitaminen drin eine schwere Krankheit vom Erdboden verschwinden lassen, dann ist das Betrug.«

Plasberg versuchte zurückzuruden und erklärte, man habe doch gerade »herauspräpariert, dass das Medikament nicht heilt, aber lindert«. Das ist in der Tat ein wesentlicher Unterschied, und vielleicht hätte ihn auch jemand den ARD-Verantwortlichen erklären sollen, die die Dokumentation über die angebliche Verhinderung des angeblichen Wundermedikamentes durch die Pharma-Industrie, aus der auch die bedrückenden Bilder von Bastian stammen, ausgerechnet »Heilung unerwünscht« nannten.

Oder dem Autor dieser Dokumentation, dem WDR-Redakteur Klaus Martens, der sein demnächst erscheinendes Buch über dasselbe Thema nicht nur ebenfalls »Heilung unerwünscht« nannte, sondern es auch zuließ, dass auf dessen Umschlag ein Tigel mit der durchaus irreführenden Aufschrift »Inklusive Rezeptur gegen Neurodermitis« zu sehen ist.

Martens behauptet in seinem Film, der am Montag in der ARD lief, dass ein Tüftler vor zwanzig Jahren eine einfache Rezeptur gefunden habe, die sensationell gegen Neurodermitis und Schuppenflechte helfe und »keine Nebenwirkungen« habe. Die Pharmaindustrie weigere sich aber, das Mittel auf den Markt zu bringen, weil es nicht so gewinnbringend zu vermarkten sei oder den Verkauf ihrer anderen Produkte gefährde, die aber viel mehr Nebenwirkungen hätten. Seit einigen Tagen macht die Geschichte Furore und wird von vielen Medien undistanziert verbreitet, obwohl es durchaus Zweifel an der Darstellung und insbesondere der Überzeugungskraft der Studien gibt, die die Wirkung der Salbe belegen sollen.

Auch Frank Plasberg, der sich sonst mit seiner journalistischen Distanz brüstet, machte sich ganz zum Anwalt seines Kollegen Klaus Martens und der Creme. Von »besten klinischen Studien« sprach er gleich in der Einleitung zu dem Thema, und als seine Experten — Vertreter der Pharma-Industrie ebenso wie ihre Kritiker — genau daran zweifelten, wies er dreimal darauf hin, dass man diese Studien am heutigen Donnerstag online stellen werde, im »Faktencheck« auf hartaberfair.de. »Die gibt es«, sagte er, »das haben wir recherchiert, sonst hätten wir [die Creme] nicht vorgestellt.«

Der Schweizer Immunologe Stadler nannte den Filmautor Klaus Martens unumwunden einen »Scharlatan« und forderte, Leuten wie ihm »keinen Platz zu geben, um Verschwörungstheorien loszulassen« gegen die (von ihm sonst kritisierte) Industrie. Plasberg aber gab ihm nicht nur einen Platz, sondern bewahrte ihn vor berechtigten kritischen Nachfragen. »Nochmal«, widersprach er auch dem renommierten »Spiegel«-Journalisten und Pharma-Industrie-Kritiker Markus Grill, der Martens Geschichte aus dem ARD-Film ebenfalls anzweifelte: »Wir werden auch Studien dazu morgen veröffentlichen.«

Der »Faktencheck« ist inzwischen online, aber von den versprochenen eindeutigen Studien fehlt jede Spur. Der WDR wirbt zwar für die Creme, indem er ihre Rezeptur veröffentlicht, kann aber mit Links zu wissenschaftlichen Untersuchungen nicht aufwarten. Auf einer eigenen Seite dokumentiert WDR.de die Kontroverse und räumt ein, dass sich der Dermatologe Markus Stücker von der Ruhruniversität, der die Studien vor zehn Jahren geleitet habe, heute »verhalten« zeige und nur von einer »eher schwachen Wirkung« spreche. Die ARD hat auch einen »offenen Brief« von Klaus Martens an die Zuschauer veröffentlicht, in dem er allerdings ebenfalls keine Quellen für die »klinischen Studien« nennt, die »in allen Fällen« bestätigt hätten, dass durch die Creme »die Symptome verschwinden«.

Immerhin räumt der WDR online ein, dass Martens auch ein Buch zu dem Thema veröffentlicht hat — eine Tatsache, die der »harte« Frank Plasberg noch als »Verschwörungstheorie« abzutun schien, als Siegfried Throm, der Geschäftsführer des Verbandes forschender Pharmaunternehmen, das aussprach, was viele Kritiker Martens und der ARD vorwerfen:

»Herzlichen Glückwunsch, das ist ein genialer Marketingcoup. Mithilfe eines Filmes ein Buch zu protegieren, das demnächst herauskommen soll, und dann passend auch noch die entsprechende Salbe. Da können sich selbst unsere Marketingabteilungen noch eine Scheibe abschneiden.«

Ist das nicht bemerkenswert? Dass eine Sendung die angebliche Verhinderung eines Medikamentes dokumentiert, das ihr Autor als außerordentlich wirksam und frei von Nebenwirkungen beschreibt, und diese Salbe dann passend zur Ausstrahlung plötzlich doch auf den Markt kommt? Ein kleines Schweizer Unternehmen hat sich aufgeopfert, und vertreibt plötzlich die »Regividerm B12 Salbe« — angeblich als Reaktion auf die große Resonanz der Fernsehausstrahlung, was zeitlich allerdings höchst unwahrscheinlich ist.

Und Frank Plasberg? Erwähnte diese erstaunliche Koinzidenz nicht einmal.

Mehr über die Zweifel an dem ARD-Film und die Wirkung der Salbe im Pharma-kritischen Medizinblog »Stationäre Aufnahme«.

Nachtrag/Korrektur: Die Studien sind, offenbar seit spätem Nachmittag, auf der Rezeptseite verlinkt — halten aber einem kritischen Vergleich mit den vollmundigen Versprechen von Martens und Plasberg kaum stand. So wurde zum Beispiel die Wirkung der Salbe nur mit wenigen Probanden und über einen kurzen Zeitraum überprüft.

Fliegenklatschen als Digitalstrategie

Vor ein paar Tagen habe ich die Abschrift von einer Podiumsdiskussion bekommen, die ich auf den »Mainzer Tagen der Fernsehkritik« des ZDF im März moderieren durfte. (Alle Diskussionen und Beiträge werden traditionell in gedruckter Form veröffentlicht.) Das Thema lautete, etwas sperrig: »Konsequenzen der Digitalisierung für Fiktion und Unterhaltung«, und es diskutierten Verena Kulenkampff, damals noch stellvertretende NDR-Programmdirektorin, aber schon designierte WDR-Fernsehdirektorin, und ZDF-Programmdirektor Thomas Bellut.

Und beim nochmaligen Lesen stellte sich bei mir wieder das ungläubige Gefühl ein, das ich damals schon auf dem Podium verspürte:

Ich hatte mir eigentlich für den Schluss die Frage überlegt, ob die Antwort auf die Digitalisierung [für ARD und ZDF] ist, dass Sie viel mehr sehen müssen, dass Sie sich von da [aus dem Internet] Sachen mitnehmen und abgucken. Oder ob die Antwort genau das ist, eigentlich ganz anders zu sein; all das zu sein, was das Netz und alle Formen, die es da gibt, nicht ist. Im Grunde haben Sie, glaube ich, die Antwort schon sehr deutlich gegeben. Also, es ist das Zweite, oder?

Verena Kulenkampff: Nein, nein, nein! Als Wichtigstes der Digitalisierung kommt auf uns zu, dass wir ununterbrochen anderen Leuten auf die Finger klopfen müssen, die unsere Inhalte gegen ihr Recht nutzen. Die Digitalisierung bedeutet ja im ersten Schritt, dass es für jeden zugänglich ist, und darin sehe ich eigentlich ein Hauptproblem. […] Es gibt ganze Homepages, da werden die Inhalte, die zum Beispiel […] tagesschau.de verbreitet, auf irgendwelchen kommerziellen Seiten genutzt — und die Inhalte sind unsere Inhalte. Und ich finde, da müssen wir mit der Fliegenklatsche sitzen und wirklich sagen, ohne uns! Oder?

Thomas Bellut: Also, ich bin dann zufrieden, wenn mehr »heute« als »Tagesschau« dort zu sehen ist! (Lachen)

Kulenkampff: Ehrlich? Nein!

Bellut: Nein, das war jetzt nicht ernst gemeint! Aber ich meine, es wird eine komplizierte Sache, das einzudämmen.

Aber der Gedanke ist doch gar nicht so abwegig: Zu sagen, hoffentlich klauen die Leute mehr »heute«-Inhalte als »Tagesschau«-Inhalte, denn wie viele Leute werden tatsächlich auf irgendwelche NDR-, WDR-, ZDF-Sendungen aufmerksam, weil sie sie nicht im Fernsehen gesehen haben, sondern irgendwo unter Verletzung aller Copyrights bei YouTube?!

Kulenkampff: Unwahrscheinlich!

Bellut: Ja, das ist ein heißes Thema, Herr Niggemeier. Wir freuen uns auch schon, dass »Wetten, dass…?« zum Beispiel bei YouTube enorm vertreten ist. Alle Wetten sind sofort im Netz. Wir fragen uns auch, wie das technisch geht. Aber sie sind halt da.

Aber Sie sehen es immerhin mit gemischten Gefühlen?

Bellut: Ja! Das sehe ich schon. Ich verstehe, was Sie sagen wollen, aber ich habe die Hoffnung aufgegeben, dass man ein geordnetes Internet bekommen wird, wo alles genau kontrolliert wird. Mein Gott, das ist ein so gewaltiges Angebot. Das zu kontrollieren würde viel zu viele Planstellen kosten – also, da ist nichts zu machen.

Gesegnet seien die fehlenden Planstellen!

Nein, im Ernst: Ich konnte und kann nicht glauben, dass eine hochrangige ARD-Vertreterin auf die Frage, mit welcher Strategie sie auch in Zukunft das Publikum erreichen will, als wichtigsten Punkt den Gebrauch der Fliegenklatsche nennt.

Mir ist schon klar, dass ARD und ZDF es nicht offiziell gutheißen können, dass ihre Inhalte unter Verletzung von Urheberrechten überall weiterverbreitet werden, und spätestens dann, wenn jemand sie weiterveröffentlicht, um damit selbst Geld zu verdienen, wird es heikel.

Aber dieser Kampf gegen den Missbrauch kann doch nicht die wichtigste Reaktion von ARD und ZDF auf die Digitalisierung sein — und nicht nur deshalb, weil er so aussichtslos ist. Die zentrale Frage, vor die die Digitalisierung die etablierten Medien stellt, ist doch, auf welchen Wegen und mit welchen Inhalten sie in Zukunft die Menschen erreichen werden.

Muss sich das ZDF nicht über jeden Zuschauer, vor allem jeden der raren jungen Zuschauer freuen, der im Netz über ZDF-Sendungen stolpert, auf welcher Plattform auch immer?

Erstens glaube ich nicht, dass das schlecht ist für die Einschaltquote im Fernsehen: Vom Talentwettbewerb »Britain’s Got Talent« zum Beispiel (der demnächst bei RTL unter dem Namen »Das Supertalent« beginnt) finden sich massenhaft Ausschnitte bei YouTube, teilweise sogar offenbar vom Sender ITV selbst hochgeladen. Sie sind in jeder Hinsicht eine Werbung für die Show: Leute stoßen zufällig auf den Inhalt, gucken sich an, was sie verpasst haben, schicken Links weiter, diskutieren mit Freunden, wollen wissen, wie es ausgegangen ist. So paradox es für analog denkende Verantwortliche scheinen mag: Je mehr Menschen sich die Ausschnitte bei YouTube sehen, umso mehr Menschen werden sich die Live-Show im Fernsehen ansehen wollen.

Aber selbst, wenn das nicht so wäre. Angenommen, es stellt sich heraus, »Wetten dass« wird von einer Million Leute auf irgendwelchen nicht-offiziellen Plattformen im Internet gesehen, und die weigern sich hartnäckig, samstags um 20.15 Uhr die Show im ZDF einzuschalten. So what? Für einen kommerziellen Sender, der allein vom Verkauf der Werbezeiten lebte, wäre das heikel. Aber ARD und ZDF müssen das nicht. Das ist theoretisch ein sensationeller Wettbewerbsvorteil. Den Öffentlich-Rechtlichen kann es völlig egal sein, wenn zehn Prozent der Zuschauer die Sendungen nicht im Fernsehen sehen, sondern irgendwo, irgendwie anders. Ihr einziges Ziel muss es sein, gute Programme herzustellen, und dafür zu sorgen, dass sie ein möglichst großes Publikum finden — um der Inhalte selbst willen.

Und im Interesse des eigenen Überlebens. Junge Leute gucken kein ARD und ZDF. Bei den 14– bis 29-Jährigen hat die ARD in diesem Jahr einen Marktanteil von 5,1 Prozent; das ZDF wäre, umgerechnet auf Wahlen, mit 3,9 Prozent eine Splitterpartei, die nicht einmal ins Parlament einzöge.

Zum Thema 9Live und Callactive finden sich, um ein Beispiel zu nennen, mehrere »Plusminus«-Sendungen auf YouTube, die von verhältnismäßig vielen Leuten verlinkt werden. Natürlich ist es unzulässig, diese Sendungen hochzuladen. Aber welches Interesse hat die ARD, dagegen vorzugehen? Keines.

Unterstellt, dass die ARD Sendungen produziert, die in irgendeiner Form gut sind, die uns — ich weiß, jetzt wird das Eis dünn — klüger machen, informierter, aufgeklärter, ist dann nicht ihr Interesse, dass diese Programme möglichst viele Menschen erreichen, auf welchem Weg auch immer? Und ist es so undenkbar, dass ein paar Leute, die in ihrem Leben noch keine Sendung mit dem merkwürdigen Namen »Plusminus« eingeschaltet haben, auf diesem Wege überhaupt erst entdecken, dass es solche Verbrauchermagazine gibt, und dass jeder Kontakt die Chance erhöht, dass die Leute etwas Positives mit der ARD verbinden und vielleicht, ganz vielleicht selbst mal einschalten?

»Unwahrscheinlich«, sagt Frau Kulenkampff und holt die Fliegenklatsche.

Monika Piel

Bestimmt gibt es einen Grund, warum die WDR-Intendantin Monika Piel den »Presseclub« moderiert und nicht jemand, der sowas kann.

Schön wäre zum Beispiel jemand, der es schaffte, bei der Begrüßung von vier Journalisten die Namen von mehr als zwei Zeitungen richtig auszusprechen. Aber das wäre sogar optional, wenn es nur jemand wäre, der wüsste, wer diese Menschen überhaupt sind, mit denen er oder sie da eine Dreiviertelstunde lang am Sonntagmorgen über Politik redet. Und, in einer idealen Welt, die Zuschauer an diesem Wissen sogar teilhaben ließe.

Also eine Moderatorin, die am vergangenen Sonntag Udo Ulfkotte nicht nur als »Publizisten« vorgestellt hätte, ohne jeden weiteren Hinweis, was er wo publiziert. Eine Moderatorin, die gewusst und gesagt hätte, dass Ulfkotte, der bis 2003 FAZ-Redakteur war, längst weniger Journalist ist als Politiker, seit einem Monat prominentes Mitglied der rechtspopulistischen Bremer Wählervereinigung »Bürger in Wut«* und bekanntermaßen seit längerer Zeit schon intensiv mit der Gründung einer bundesweiten Anti-Islam-Partei beschäftigt (selbst auf der Homepage zur Sendung fehlt jeder Hinweis darauf). Eine Moderatorin, die es wichtig gefunden hätte, dass die Zuschauer in dieser Diskussion über die Bedrohung durch Terroristen wissen, wie Ulfkotte zum Islam steht, über dessen Möglichkeit zur »Läuterung« er laut »Tagesspiegel« gesagt hat: »Der Dialog wird immer als Hoffnung dargestellt, aber es wird ihn nicht geben.« Eine Moderatorin, die jede Diskussion über Ulfkottes durchaus radikale Positionen, seine mangelnde Unterscheidung zwischen Islam und Islamismus und seine Rhetorik auch in der Sendung von »den Moslems« auf der einen Seite und »uns« auf der anderen, nicht schon dadurch verhindert hätte, dass sie diese Positionen stellvertretend für Ulfkotte verklärte und entschärfte.

Aber der »Presseclub« wird ja nicht von so einer Moderatorin geleitet, sondern von Monika Piel. Einer ARD-Journalistin, die unbeschwert die überraschende (und falsche) These in die Runde warf, man dürfe in Deutschland, wenn man das Grundgesetz ändern würde, auch vollbesetzte entführte Linienflugzeuge abschießen lassen, um zu verhindern, dass sie als Waffen missbraucht werden. Die sich zum Dolmetscher und Weichspüler eines Populisten machte, dessen politische Ambitionen sie nicht einmal andeutete. Und die die Diskussion mit verblüffender Logik begann: »Die versuchten Anschläge in London und in Glasgow haben gezeigt, dass (…) es nicht nur die Briten, sondern auch die Deutschen treffen könnte.«

Wenn es nicht so schlimm wäre, könnte man darüber lachen.

© Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

*) In der »Sonntagszeitung« steht »Bürger in Not« statt »Bürger in Wut«, was mein Fehler war und sehr peinlich ist.

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