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Stefan Niggemeier | WDR

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Dank „Tagesschaum“: Moderations-Trauma von Küppersbusch geheilt!

26 Sep 13
26. September 2013

Jetzt ist der Raum, der den Sommer über im Fernsehen das Büro von Friedrich Küppersbusch spielte, wieder das Büro von Friedrich Küppersbusch. Die Sendetechnik und die nackte Glühlampe sind raus; ein Poster mit allen Abspann-„Krallen“ aus der Sendung erinnert an die „Tagesschaum“-Zeit. Und das Karma wird ja noch lange in den Räumen bleiben, sagt Küppersbusch.

Ich war als Autor Teil des Teams — und habe zum Abschied ein langes Gespräch mit dem 52-jährigen Moderator, Journalisten und Produzenten geführt: über das Medium Fernsehen, das gerade in Volkseigentum übergeht; Haltung als ein solide aufgepumptes Rettungs-Schlauchboot für ARD und ZDF; Alternativen zum Tagestalk und dem Fluch der „ZAK“-Interviews als Boxbude.


Fotos: WDR

Herr Küppersbusch — oder: Chef, wie ich jetzt vier Monate lang sagen durfte.

Auch gerne noch viele Jahre mehr!

Was ich da jetzt in der „Tagesschaum“-Redaktion erlebt habe: Wird so Fernsehen gemacht? Ich habe den Verdacht, dass das völlig untypisch war.

Ich fürchte ja. Da saßen viele Gewerke zusammen, die normalerweise getrennt sitzen. Wer Textinhalte macht, Bewegtbild, Online — das sind sonst alles verschiedene Abteilungen oder sogar externe Dienstleister. Und inhaltlich — da gibt es durchaus unter den beiden hier Anwesenden auch Leidtragende — war es ja eine Konferenz in Permanenz. Ich persönlich habe es so erlebt, dass die genuinen Ideen da entstehen, indem man sich gegenseitig befeuert oder das Rampensau-Gen gekitzelt wird und man sagt: Jetzt hau ich noch einen raus! Normalerweise sind das doch sehr hierarchisierte Ideenfindungsprozesse. Da sitzt dann ein Redaktionsleiter, der entscheidet etwas, und die verschiedenen Rudergaleerendecks müssen das dann ins Wasser peitschen. Insofern war unsere Produktion tatsächlich sehr untypisch.

Auch die Freiheit, dass alles möglich war und es keine feste Struktur gab. Wir hatten manchmal nachmittags um vier noch keine Vorstellung, wie die Sendung aussehen wird.

Sonst sagt man: Wir haben hier 45 Minuten, es gibt folgende Dramaturgie, wir wollen diese Quote und jene Zielgruppe ansprechen. Wir haben aber gesagt: Wir würden gerne null Formatzwang haben. Und große Meinungsfreiheit. Unser Angebot hieß: Lieber WDR, wir versprechen, das wir uns nach 38 Ausgaben selbst umbringen, es gibt keine Probleme mit der Entsorgung, aber vorher hauen wir auf die Kacke.

Vermutlich kann man sowas Sendern sonst nicht verkaufen.

Ja. Ich bin durch Zufall vor Jahren auf Keith Olbermann und seine Sendung „Countdown“ auf MSNBC aufmerksam gemacht worden und auf seine Nachfolgerin Rachel Maddow. Das fand ich ganz prima, und bin dann vier Jahre hausieren gegangen, mit dem Generalbass: Jeden Tag steht in der Zeitung „Wir talken uns zu Tode“ — was wäre denn, wenn wir sagen: Lass sie quatschen, was machen wir denn stattdessen an gesellschaftlichem oder politischem Diskurs? Damit bin ich überall vor die Wand gelaufen, hab’s dann irgendwann aufgegeben. Aber dann gab es immer wieder Leute im WDR, die sich eine Wiederaufnahme von „ZAK“ von mir wünschten. Ich habe denen wahrheitsgemäß gesagt: Ich kann sowas wie „ZAK“ heute nicht mehr machen, das wäre unfassbar altmodisch. Ich finde es toll, wenn ihr es macht, aber gebt es den jungen Leuten. (Das ist der Fehler, der damals bei „ZAK“ gemacht wurde: Man hätte, statt es einzustellen, es der nächsten Generation geben müssen.) Jedenfalls habe ich den WDR-Leuten nun im Nebensatz gesagt: „Und im übrigen interessiere ich mich für ganz andere Sachen“ — und so habe ich das „Tagesschaum“-Konzept fast aus Versehen durch die Tür gekriegt.

Das Konzept war: Wir lassen alles weg, was der Küppersbusch nicht mehr will, und gucken, ob da noch was übrig bleibt.

Wir haben Konzepte präsentiert und einen ausführlichen Papierpiloten gemacht. Aber das hat nur bis zu der Stelle geholfen, dass die gesagt haben: „Naja, am Ende werdet ihr ja doch Interviewpartner einladen, und wir können ja immer noch drei von diesen Fünfzehnminütern aneinanderkleben und dann haben wir ein nomales Dreiviertelstundenformat. Dann macht halt mal ’nen Piloten.“ Die Piloten haben dann aber ergeben, dass man es sich tatsächlich ohne Gast vorstellen kann und es eigentlich dann auch mehr Sinn macht, es gefühlt täglich zu produzieren.

Ausgerechnet Interviews wolltest du nicht führen in der Sendung.

Ich hab diese „ZAK“-Interviews irgendwann als Klassenkeile erlebt. Ich versuchte herauszufinden, was interessiert mich an dem Gast, wie steht der zu dem, was ich vorher über ihn gefunden habe, wie sieht er das heute. In der Wahrnehmung im Fernsehen wurde daraus eine Boxbude: Wer haut hier wem einen rein?

Ich habe das gerne gesehen.

Ich hab es als belastend empfunden: Entweder du tust jemandem weh oder du bist schlecht. Das ist ja beides scheiße. Und die Gespräche, wo du jemandem vielleicht auch in seinem wohlverstandenen Sinne zur Kenntlichkeit verhilfst, die rutschen so durch. Wir waren damals, 1990/91, am Anfang einer Epoche, die hieß: Das ist dein Parteiprogramm, das ist deine Parole, aber wer bist du denn? Von daher waren wir vielleicht ein Fieberthermometer im Arsch des Zeitgeistes. Heute gehört es zur Rollenaufgabe des politischen Profis dazu, dass er auf alle Human-Touch-Fragen eine Geschichte hat. Das ist vollkommen müßig geworden.

Aber das macht doch noch nicht die Auseinandersetzung Mann gegen Mann müßig. Man könnte sich doch trotzdem im Fernsehen jemandem gegenübersetzen und mit ihm über Politik reden, wie es Sandra Maischberger auf n-tv gemacht hat.

Wir haben das ja produziert. Das hat auch total Spaß gemacht. Bei Sandra Maischberger gab es auch nicht die Rezeption: „Da stinkt’s richtig nach Testosteron im Studio, da gibt’s jetzt Boxbude“. Von daher war das nochmal ein gültiger Versuch. Der fing übrigens so an, dass die Sender sagten: Naja, One-on-one, eine Dreiviertelstunde und nichts, kein Einspieler, kein Fernsehballett, keine Digitricks, und dann noch diese Maischberger — das will ja keiner sehen. Als wir nach sieben Jahren aufgehört haben, bin ich auf meine kleine Senderreise gegangen bin und dachte: So, jetzt haben wir’s bewiesen. Aber dann sagten die: Naja, One-on-One, Dreiviertelstunde und kein Einspieler, kein Fernsehballett und dann noch ohne Maischberger — das will doch keiner sehen. Da bin ich einmal sehr eindrucksvoll im Kreis gegangen als Produzent. Das ist ja auch eine Fußnote der Fernsehgeschichte, dass das wunderbar funktioniert hat, aber auf der Höhe der die Nation erschütternden Debatte über die zu vielen Talkshows niemand gesagt hat: Lass uns verdammtnochmal ein One-on-One machen.

Ich sag das ununterbrochen!

Ich auch.

Das heißt, du glaubst an ein Gesprächsformat, aber du willst es nicht mehr selber machen?

Ja.

Mein Eindruck während der Zeit hier war auch, dass es gar keine Vorgabe gab: Lass uns mal gucken, was die Leute sehen wollen, was funktioniert, womit man Quote macht. Ich hatte das Gefühl — ich hoffe, es ist nicht geschäftsschädigend, das zu sagen — wir machen hier das, was uns Spaß macht, für uns Sinn ergibt, und Punkt.

Da ist dieser inzwischen in Granit gemeißelte Helmut-Thoma-Satz „Der Köder muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler“, den man ja selbst als Metapher zerpflücken kann. Ein anderer, wie ich finde, auch nicht unredlicher Weg ist: Würde ich das denn selber gucken? Hinzu kommt, dass es im Moment so viele Lernchancen gibt, durch den Übergang des Fernsehens in Volkseigentum. Das passiert durch das Internet und dadurch, dass eine sendefähige Kamera heute noch 200 Euro kostet. Was die auf YouTube machen ist radikal subjektiv. Deswegen fließt viel Publikum zu YouTube und zu Bewegtbildangeboten im Internet, weil da Authentizität wahrgenommen wird — ob die da tatsächlich ist oder im Internet am Ende einfach das funktioniert, was niemanden ärgert und gute Werbebuchungen bringt, wo Mädchen ihre Schminkproduktebemusterung auspacken und empörende Aufrufzahlen haben… Aber das war Teil des „Tagesschaum“-Experiments: herauszufinden, wo landen wir damit.

Aber das funktioniert mutmaßlich auch nur unter dem Label „Experiment“. Dass das für die Nische sein würde und nicht das Programm, das den Jahresmarktanteil des WDR-Fernsehens in die Höhe treibt, war klar, oder?

Doch, da können wir uns einen schlanken Fuß machen. Ein redlicher Vergleich ist ja der, ob es dir ab und zu gelingt, mehr Zuschauer zu haben als das Vorprogramm – das ist gelungen. Ein zweiter ist, dass das, was vorher auf dem Sendeplatz lief, schwächer war als wir. Das Ding hat einen halben „Tatort“ gekostet und dafür haben wir 38-mal diesen Marktanteil höher gemacht. Da würde ich als Senderentscheider sagen: Das hab ich nicht ganz falsch gemacht. Zum Schluss hatten wir 5,8 %, damit stellt man normalerweise den Vizekanzler.

Das klingt jetzt nach der Argumentation, mit der sich der WDR das im Nachhinein schönredet. Oder du dem WDR das schönredest.

Es gibt eine Geschichte, mit der ich mein Selbstbewusstsein illustrieren kann. Als in den siebziger Jahren die Korrespondenten wie Hanns Joachim Friedrichs aus den USA zurückkamen, sagten sie: Dieser Nachrichtenbeamte, der da steif vom Blatt irgendwelche dpa-Sachen vorliest, das geht gar nicht mehr. Dann hat man tatsächlich ein englisches Format genommen, „Newsnight“, und einen amerikanischen Moderationsstil – – und plötzlich gab es im Dritten Programm des WDR eine Sendung, die hieß „Tagesthema“, in der man das mal so ausprobiert hat. Und das war auch sinnvoll, als Vorläufer der „Tagesthemen“, obwohl es fürs WDR-Fernsehen damals eigentlich keinen Sinn gemacht hat.

Das heißt, das ist schon die Zukunft, was wir hier gemacht haben.

Absolut.

Also, auch ernsthaft: Es ist mehr als eine Spielerei, bei der du durch glückliche Umstände in einem Freiraum etwas ausprobieren kannst?

In Amerika gibt es ausdrücklich „liberale“ oder „republikanische“ Meinungssender und -sendungen. Wir verorten uns in meinem Verständnis nicht zwischen links und rechts, sondern es geht um den Unterschied Haltung / keine Haltung. Und ich glaube, in der Haltung liegt eindeutig das solide aufgepumpte Schlauchboot, in das eines Tages auch die Öffentlich-Rechtlichen hüpfen müssen. Diese ganzen Talkshow-Panels sind doch alle da, damit am Ende der Moderator sagen kann: „Ich gebe Ihnen allen recht.“ Da kommst du haltungsfrei durch.

Der Plan war ja von Anfang an, dass sich die Sendung rechtzeitig zur Wahl selbst einstellt. Gibt es eine Chance, dass sie trotzdem weitergeht?

Der WDR hat während der Serie angeboten, Formatkonzept und Titelrechte zu kaufen. Das heißt zunächst: Wenn die Sendung nochmal stattfindet, findet sie im WDR statt. Umgekehrt haben wir gesagt, wenn ihr es macht, dann mit uns. Das ist Produzentengeschäft. Ansonsten muss Frau Merkel klar sein, der Weg zu mehr „Tagesschaum“ führt nur über Neuwahlen. Ich glaube schon, dass man so ein Format seriell herstellen kann — dann vermutlich mit zweiter ModeratorIn. Aber wir hatten jetzt in der Redaktion auch mein absolutes Dream Team zusammen, weil alle wussten: Wir können dann wieder weg. Einige Kollegen haben sogar ihren Urlaub hier verbracht. Das wäre noch eine Aufgabe, das zu stabilisieren. Aber dem Format traue ich das zu.

Du hast gesagt: „Zweite ModeratorIn“, das heißt, Du würdest dich an dem Platz wieder sehen, gegebenenfalls?

Wie gesagt: Das spielt in diesen Bereich Größenwahn. Es ist eine dreiteilige Dienstleistung: Du gibst die Nachricht, den Hintergrund und eine Einschätzung oder Haltung. 20 Uhr Nachricht, 22:15 Uhr der Hintergrund, und dann fehlt etwas. Die haben sich im Moment entschieden, nach „Tagesschau“ und „Tagesthemen“ — Tagestalk zu machen.

Nur war das gar nicht meine Frage. Sondern: Wird es jetzt wieder 16 Jahre dauern, bis du dich vor eine Kamera setzt?

Also. Es gab damals beim WDR immer einen mählich steigenden Druck, dass sie „ZAK“ nicht mehr wollten. Die Sendung machte viel Ärger. Dann hieß es: Macht eine Unterhaltungssendung draus, „Privatfernsehen“, geht auf den Samstagabend, da haben wir nämlich gerade ein Problem. Ich war jung und verwegen, und wir haben gesagt: Das machen wir. Das klappte halbgut, und ein paar WDR-Hirsche appellierten an meine Solidarität, es trotzdem durchzuziehen. Ich dachte, die würden dann umgekehrt auch solidarisch sein. Aber später, als ich es gebraucht hätte, sagten sie: Ja, wir fanden den auch immer schon scheiße. Da gab es nicht die Situation, wo du deinem verdienten Linksaußen sagst: Komm, Elfer verschossen, schieß den nächsten. Dann machst Du den rein und alle bleiben Freunde. — Jetzt waren WDR-seitig neue Leute da, ich schoss diesen Elfer, drin isser. Fertig.

Soll heißen: Du kannst nach der „Tagesschaum“-Erfahrung entspannt entscheiden, ob du in einem halben Jahr mit irgendwas auf Sendung gehst oder die nächsten 16 wieder nicht.

Genau so.

Das „Privatfernsehen“-Trauma ist weg.

Geheilt entlassen.

Woran würdest du den Erfolg der Sendung messen?

Es hat funktioniert! Dass ich im Bauch denke: Das haben wir gut gemacht. Dann in der Tat daran, dass die Quote besser war als vorher auf dem Sendeplatz. Und daran, dass es Leute gibt, die auch nach Wochen die ersten Folgen im Netz angucken. Die Aufrufe auf YouTube summieren sich zusammen mit WDR.de, ARD.de, Spiegel.de auf eine Million inzwischen. Das ist immer noch nicht soviel, als hätte ich einfach Schminktipps gegeben. Aber dieses Fach ist angelernt.

In meinem Bekanntenkreis haben viele Leute am Anfang mit der Sendung gefremdelt, aber gesagt, sie haben das Format irgendwann kapiert, sind in den Rhythmus der Sendung gekommen. Mein Bild vom Fernsehen ist, dass das eigentlich nur umgekehrt geht: Man macht das, wo die Leute den Rhythmus schon kennen.

Das ist die Schwierigkeit bei der Formatentwicklung, dass die Sender immer sagen: Ach, habt ihr nicht mal was Neues. Und wenn du was Neues hast, sagen sie: „Das können wir nicht machen. Da werden die Leute doch fremdeln. Habt ihr nicht was Neues, was was Altes ist?“

Hast du das Gefühl, dass das vielleicht eine Tür auch aufgestoßen hat, dass Sender sagen: Wir probieren mal Dinge, die man vorher noch nicht kannte, und die die bestehenden Regeln brechen?

Ja, es gibt vorsichtige Bauvoranfragen. Ein Teil des Erfolges von „Tagesschaum“ besteht aus vielen Kommentaren bei Youtube und Mails und Briefen aus der sehr zwiespältigen Kategorie: „Ich guck ja eigentlich gar kein Fernsehen“ oder: „Jetzt weiß ich endlich mal, wofür ich meine Gebühren bezahle.“ Wenn du Fernsehen machst für Leute, die kein Fernsehen gucken, dann ist das verdienstvoll im Sinne der Idee der Rundfunkgebühr. Es müssen alle bezahlen und einige, die sonst sagen: „Wir müssen immer für unsere grenzdebilen Nachbarn den Musikantenstadl bezahlen“, freuen sich jetzt. Insofern ist die Frage, ob andere Sender jetzt auch sagen: Wir müssen mal was machen für Leute, die kein Fernsehen gucken. Da wär ich mal gespannt.

Wie ist denn dein Verhältnis zu dem Medium?

Meine eigene Mediennutzung ist komplett ins Internet abgewandert, sowohl was journalistische Inhalte angeht, als auch Bewegtbild. Deshalb finde ich, dass „Tagesschaum“ – von der Länge bis zum Stil — da auch anknüpft.

Aber du lebst noch vom Fernsehen. Und der Plan ist auch, das noch ein paar Jahre zu machen.

Laut Rentenbescheid muss ich noch 15 Jahre. Ich wünsche mir, das Team in der Produktionsfirma hier durch „Tagesschaum“ zu inspirieren. Allein weil ich auch mit meinem Job nicht fremdeln möchte.

Das heißt, diese Sendung hat auch eine strategische Funktion für die Firma, mit dem, was man in drei oder fünf Jahren machen will.

Ich musste mich ja überreden, als Geschäftsführer ein halbes Jahr auszufallen. Und mir eine schicke Ausrede ausdenken, warum das total gut für die Firma ist.

War unser Anspruch aber nicht auch eine riesige Anmaßung? Mit einer Handvoll Leute und viel weniger Ressourcen eine tagesaktuelle Berichterstattung zu machen, die lustiger, origineller und auch noch klüger sein soll als die der anderen?

Ja, zumal es auch noch funktioniert hat. Ich würde sagen, dass wir schon kompetente Kollegen hatten, die sehr genau wissen, was sie tun und sich das nicht zusammengoogeln mussten.

Klar, aber am Ende des Prozesses steht ja noch dieser Mann, der das alles wieder rausstreicht, auf links zieht und noch einen Knoten reinmacht.

Der ist mir nie begegnet. Aber ich weiß ja, dass ich jedes Thema so lange recherchieren kann, bis es sich in einem absoluten Fiasko von Sowohl-als-Auch auflöst. So entsteht keine Haltung. Ich weiß aber, dass ich eine Haltung habe. Du hast eigentlich als Anchor nur zwei Möglichkeiten: Du machst es aus der Perspektive der Regierenden oder der Regierten. Entweder du verdolmetscht das, was in der Machtkaste passiert und erklärst es so, das die Leute es kapieren können. Das ist legitim. Oder du sagst: Wer bin ich eigentlich, was macht das mit mir, das erzähl ich euch mal. Von daher ist es eine Anmaßung, dass ich glaube, dass das, was es mit mir oder mit uns macht, nun von besonderem Interesse für die Fernsehzuschauer da draußen sei.

Können wir den Leuten nachträglich noch einen Beipackzettel mitgeben? Wo wir den Leuten erklären, wie was gemeint war? Deine Selbstverpflichtung zur originellen Formulierung steht ja manchmal der Vermittlung der Botschaft im Wege.

Bei „ZAK“ musste ich diese ganzen saukomplizierten Texte auswendig können. Das war jetzt viel besser, dadurch dass ich den Prompter hatte.

Waren die Texte dadurch nicht noch komplizierter?

Nur deine. Wenn es ansonsten so war, muss ich jetzt die nächsten 16 Jahre dran arbeiten. Wir hatten einen Beitrag, wo wir über die Insolvenz von „Praktiker“ geredet haben, der endete damit, dass ich sagte: Wenn es die Manager so verholzen, dann gebt den Betrieb doch der Belegschaft, denn die sind die einzigen, die wirklich wissen, wie der Laden geht. Das fand ich eine ganz luzide Botschaft. Die YouTube-Kommentare aber waren: Wie könnt ihr denn die Mitarbeiter von „Praktiker“ so verarschen.

Wobei man an der Stelle auch vor dem Lesen von YouTube-Kommentaren warnen muss.

Absolut. Aber deine Frage war, ob ich eigentlich noch mitkriege, wie das wirkt, was ich mir da verschraube. Und da staune ich immer noch. Dass ich eindeutige Aussagen formuliere, und das so missverstanden wird. Da staune ich.

Wie lebst du ohne „Tagesschaum“ deinen fatalen Hang zum Kalauer aus?

Ich selbst lehne das ab, gewisse Autoren haben mich dahin getrieben. Die Familie hat Hornhäute auf den Trommelfellen. Ich habe aber auch mal für Dieter Hallervorden geschrieben. Didi rief dann aber gern mal am nächsten Tag an und sagte: „Dat war ja lustig, hab ick ooch genommen, aber dann seh ich, den hamSe vor zwei Wochen schon in der ‚taz‘ gemacht. Den kann ich also nicht bezahlen.“

Flausch am Sonntag (57)

22 Sep 13
22. September 2013

Der Hund kommt aber nicht nur in den Bundestag (sogar im Schlaf), sondern auch ins WDR-Fernsehen (mit mir). Heute Nacht, um 0:15 Uhr, bei #waszurwahl, wofür dieser Film entstanden ist:

Ein Schaum geht in Erfüllung

18 Mai 13
18. Mai 2013

Friedrich Küppersbusch kehrt zurück auf den Bildschirm. Vom 10. Juni an moderiert er die Sendung „Tagesschaum“, die sich bis zur Bundestagswahl dreimal die Woche jeweils gut zehn Minuten lang mit dem politischen Thema des Tages beschäftigt. Es soll kein Magazin werden, keine Talkshow, keine Comedy, sondern eine pointierte Einordnung der Themen und Ereignisse mit Haltung. Man wolle „die Leute mit sanftem Nachdruck bis an die Tür des Wahllokals begleiten“, sagte Küppersbusch der „taz“. Die Sendung sei „die ‚Tagesschau‘ auf Koks“.

Küppersbusch hatte zwischen 1990 und 1996 den legendären „Wochendurchblick“ „Zak“ moderiert, danach ein Jahr lang „Privatfernsehen“ (Best-/Worst-of auf YouTube). Als Produzent machte er mit seiner Firma probono unter anderem die n-tv-Gesprächssendung „maischberger“ und in den Anfangsjahren „Raus aus den Schulden“. Heute produziert er unter anderem mehrere n-tv-Talkshows und „log in“ für ZDFinfo.

Dass der WDR eine meinungsstarke politische Sendung vor der Bundestagswahl ins Programm nimmt, ist für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk einigermaßen revolutionär. „Tagesschaum“ läuft montags, dienstags und donnerstags auf YouTube und um 23:15 Uhr im WDR-Fernsehen.

Und ich freue mich doppelt darauf, denn ich bin als Autor in der Redaktion dabei.

Nachtrag, 19. Mai. Küppersbusch erzählt im „taz“-Interview alles.

Die 136 superlativsten Programmideen der Dritten

05 Apr 12
5. April 2012

Es ist noch nicht so lange her, da musste man sich Sorgen machen um die Dritten Programme. Es schien, als wäre ihnen ein bisschen der Sinn und das Ziel verloren gegangen — jenseits der bunten Regionalberichte im Vorabendprogramm jedenfalls. Mit ernsten Themen und sperrigen Formaten ließen sich nicht die entscheidenden guten Quoten machen; Experimente bargen jedesmal die Gefahr, dass sie schiefgehen könnten; bald würde auch der letzte Ameisenbär im letzten Zoo beim Wiegen gefilmt worden sein, und besonders sensible Verantwortliche ahnten, dass sich nicht einmal mit „Tatort“-Wiederholungen allein auf Dauer ein Programm machen ließe, für das die Menschen Gebühren zahlen.

Zum Glück fand sich dann aber doch eine vielabendfüllende Aufgabe: Die Dritten Programme sortieren unsere Welt in Hitparaden.

Sie zerlegen sie in ihre Bestandteile, bereinigen sie von komplizierten Zusammenhängen und Kontexten, sortieren sie nach Beliebtheit und lassen sie von Leuten kommentieren, die nichts mit ihnen zu tun haben.

Es ist eine Aufgabe, die an Macher und Zuschauer eigentlich nur zwei Ansprüche stellt: Ausdauer und den Mut zur Anspruchslosigkeit. Und so füllen diese Listen-Formate, die aus dem Privatfernsehen eingeschleppt wurden, inzwischen die meisten Dritten Programme und sorgen dort für eine umfangreiche Versteppung. Im NDR, der früh auf dieses Format gesetzt hat, haben sie ihren Höhepunkt inzwischen offenbar überschritten. Aber der WDR, der wie kaum ein anderer öffentlich-rechtlicher Sender weiß, wie man seine Zuschauer unterfordert, hat für diese Monokultur inzwischen breite Schneisen in sein Programm gerodet.

Im WDR läuft allein in diesen Tagen: „99 Lieblingsorte in Nordrhein-Westfalen“, „Die 30 tollsten Haus- und Hoftiere“, „Die beliebtesten Bauernhöfe in Nordrhein-Westfalen“, „Die 40 beliebtesten Burgen und Schlösser in Nordrhein-Westfalen“, „Die 40 beliebtesten Ausflugsziele in Nordrhein-Westfalen“, „Die beliebtesten Liedermacher der Nordrhein-Westfalen“, „Die beliebtesten Schlagerduos der Nordrhein-Westfalen“ und „Die beliebtesten Schauspieler der Nordrhein-Westfalen“.

Aus diesem, äh, Anlass folgt eine — vermutlich unvollständige — Übersicht über die Hitlisten-Sendungen, die seit Anfang des vergangenen Jahres in der ARD gelaufen sind und, soweit ich es herausgefunden habe, die jeweiligen Erstplatzierten. (Wiederholungen im Tages- oder Nachtprogramm sind nicht aufgeführt.)

Das Erste
17.03.11 Die beliebtesten Volksschauspieler der Deutschen
09.06.11 Die beliebtesten Komiker der Deutschen
24.11.11 Die beliebtesten Showmaster der Deutschen
19.04.12 Die beliebtesten Komiker-Duos der Deutschen
NDR
02.01.11 Die schönsten Evergreens des Nordens „Dancing Queen“
04.03.11 Legendäre Interviews und Talks „Strunz ist wie eine Flasche leer, ich habe fertig!“
07.03.11 Was den Norden bewegte Grenzöffnung, 1989
19.04.11 Die schönsten Bauernhöfe Norddeutschlands Hof Neversfelde, SH
25.04.11 Die besten Witze des Nordens, Bauern-Witze
03.05.11 Die bewegendsten TV-Momente 1953 bis 2010 11. September 2001
17.05.11 Die beliebtesten Fernsehpaare Jan Fedder & Peter Heinrich Brix
03.06.11 Die beliebtesten Kultschlager „Dschinghis Khan“
05.06.11 Die schönsten Inseln Norddeutschlands Juist
13.06.11 Die besten Witze aus der DDR Ausgefallener Wunsch
07.08.11 Die größten Popsongs des Nordens „Nordisch by Nature“
01.01.12 Die erstaunlichsten Dörfer Norddeutschlands
15.01.12 Die schönsten Fernsehmomente
15.01.12 Die beliebtesten Kultschlager „Dschinghis Khan“
17.02.12 Die besten Comedy-Momente aus den Talkshows
25.03.12 Die schönsten Naturparadiese des Nordens
08.04.12 Die schönsten Inseln Norddeutschlands
WDR
04.01.11 Die 50 größten Bauwerke in Nordrhein-Westfalen Kölner Dom
12.01.11 Die beliebtesten Schlagerstars aus Nordrhein-Westfalen Wolfgang Petry
19.01.11 Die beliebtesten Quizmaster der Nordrhein-Westfalen Hans Rosenthal
26.01.11 Die beliebtesten TV-Reporter der Nordrhein-Westfalen Hanns Joachim Friedrichs
13.02.11 Die 50 beliebtesten Karnevalslieder der Nordrhein-Westfalen Viva Colonia
23.02.11 Die beliebtesten Karnevalsstars aus Nordrhein-Westfalen Colonia Duett
16.03.11 Die beliebtesten Ruhrpottlieder in Nordrhein-Westfalen „Bochum“
30.03.11 Die beliebtesten Ruhrpottgrößen aus Nordrhein-Westfalen Herbert Grönemeyer
24.04.11 Die 25 beliebtesten Quizmaster der Nordrhein-Westfalen Hans Rosenthal
25.04.11 Die 40 beliebtesten Ausflugsziele in Nordrhein-Westfalen Kölner Dom
13.06.11 Die 30 beliebtesten Urlaubsziele der Nordrhein-Westfalen Nordseeküste
15.06.11 Die beliebtesten TV-Paare der Nordrhein-Westfalen Evelyn Hamann und Loriot
22.06.11 Die beliebtesten Fußballvereine in Nordrhein-Westfalen Borussia Dortmund
23.06.11 Die 25 beliebtesten Schlagerstars der Nordrhein-Westfalen Udo Jürgens
29.06.11 Die beliebtesten Städte in Nordrhein-Westfalen Münster
13.07.11 Die größten Fernsehpannen der Nordrhein-Westfalen WC…T
27.07.11 Die beliebtesten TV-Ärzte der Nordrhein-Westfalen „Die Schwarzwaldklinik“
03.08.11 Die beliebtesten Mundarten der Nordrhein-Westfalen Ruhrdeutsch
17.08.11 Die beliebtesten TV-Sketche der Nordrhein-Westfalen Regenlied Rudis Tagesshow
24.08.11 Die beliebtesten Liedermacher der Nordrhein-Westfalen Reinhard Mey
31.08.11 Die beliebtesten Bauernhöfe in Nordrhein-Westfalen Vennhöfe
01.11.11 Die 25 beliebtesten Ruhrpott-Größen der Nordrhein-Westfalen Herbert Grönemeyer
01.11.11 Die beliebtesten Fernsehfamilien der Nordrhein-Westfalen Familie Tetzlaff / „Ein Herz und eine Seele“
02.11.11 Die beliebtesten Millowitsch-Theaterstücke der Nordrhein-Westfalen „Der Etappenhase“
13.11.11 Willy Millowitsch – seine besten Rollen „Willy, der Schlagerstar“
18.12.11 Die 50 beliebtesten Weihnachtslieder der Nordrhein-Westfalen „Stille Nacht, heilige Nacht“
20.12.11 Die beliebtesten TV-Gesichter 2011
01.01.12 Die beliebtesten Bauernhöfe der Nordrhein-Westfalen Vennhöfe
11.01.12 Die beliebtesten Hits der Neuen Deutschen Welle Nena: 99 Luftballons
18.01.12 Die beliebtesten Musicals der Nordrhein-Westfalen Starlight Express
25.01.12 Die ersten TV-Auftritte Ihrer Stars Hape Kerkeling
01.02.12

Die beliebtesten Karnevalslieder der Nordrhein-Westfalen Viva Colonia
08.02.12 Die beliebtesten Karnevalssitzungen der Nordrhein-Westfalen
11.02.12 Die jecksten Karnevalsbands aus Nordrhein-Westfalen
17.02.12 Die beliebtesten Karnevalsstars aus Nordrhein-Westfalen
18.02.12 Die beliebtesten Karnevalslieder der Nordrhein-Westfalen
22.02.12 Die beliebtesten Kabarettisten der Nordrhein-Westfalen Jürgen Becker
29.02.12 Die größten Bauwerke in Nordrhein-Westfalen Kölner Dom
07.03.12 Die beliebtesten Landschaften in Nordrhein-Westfalen Sauerland
14.03.12 Die beliebtesten Burgen und Schlösser in Nordrhein-Westfalen Schloss Nordkirchen
29.03.12 Die beliebtesten Tierparks in Nordrhein-Westfalen Kölner Zoo
04.04.12 Die beliebtesten Schauspieler der Nordrhein-Westfalen Heinz Rühmann
11.04.12 Die 40 beliebtesten Ausflugsziele in Nordrhein-Westfalen
18.04.12 Die beliebtesten Neue Deutsche Welle-Hits der Nordrhein-Westfalen
HR
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05.10.11 Die 30 schönsten Brandenburger Ausflugsziele Spreewald-Dorf Lehde
12.10.11 Die 30 tollsten Schlagerstars der Siebziger Udo Jürgens
02.11.11 Die beliebtesten TV-Ärzte
09.11.11 Die 30 außergewöhnlichsten Berliner Brücken Die Oberbaumbrücke
03.12.11 Die 30 verrücktesten Sammelobjekte Miniaturklaviere
14.12.11 30 Gründe, Weihnachten zu lieben Weihnachten in der Familie
18.01.12 Die 30 schönsten Brandenburger Bräuche Osterfeuer
25.01.12 Die 30 größten Berliner Aufreger
01.02.12 Die 30 lustigsten Lieder I
08.02.12 Die 30 lustigsten Lieder II
15.02.12 Die 30 tollsten Tänze
26.02.12 Die 30 tollsten Schlagerstars der Siebziger XXL
29.02.12 Die 30 erstaunlichsten Berliner Straßen
10.03.12 30 x schönes Deutsch Berlinerisch
14.03.12 Die 30 schönsten Berliner Aussichtspunkte Fernsehturm
21.03.12 Die 30 schönsten Freizeit-Vergnügen
11.04.12 Die schönsten Brandenburger Landschaften
18.04.12 Die 30 außergewöhnlichsten Berliner Brücken Die Oberbaumbrücke
26.02.12 Die 30 tollsten Schlagerstars der Siebziger

 
(Keine Ahnung, ob es sich etwa bei „Die schönsten Ausflugsziele der Hessen“ und „Hessens beliebteste Ausflugsziele“ um dieselbe Sendung handelte. Beide liefen innerhalb von sechs Wochen in der Primetime und wurden in den folgenden Tagen insgesamt sieben mal wiederholt. Ich kann auch nicht sagen, ob sich der WDR für die Ballung von karnevalistischen Hitlisten in Genf eine Ausnahmegenehmigung von der Menschenrechtskonvention besorgt hat.)

Wenn Sie mich jetzt fragen, ob ich beim Auflisten nicht Sorge hatte, verrückt zu werden, muss ich ihnen antworten: Nicht so sehr wie beim Ansehen der Sendungen.

Moderator am WDR-Fließband ist konsequenterweise Thomas Bug, der etwa gegen Ende des Countdowns der „beliebtesten Schauspieler der Nordrhein-Westfalen“ folgende Überleitung von Romy Schneider zu Heinz Rühmann auf Platz 1 schafft:

„Was für eine Frau. Ein-zigartig. Und wo die Eins hier quasi schon so mitschwingt, bleiben wir ein-fach Spitze auf der Besetzungsliste der beliebtesten Schauspieler.“

Die Sendung in der vergangenen Woche mit den „beliebtesten Tierparks in Nordrhein-Westfalen“ hatte er tatsächlich mit folgenden Worten begonnen:

Eigenlob stinkt, ich weiß, aber heut wird die Sendung wirklich tierisch gut.

Aufklärung unerwünscht? Frank Plasberg und das Wundermittel gegen Neurodermitis

22 Okt 09
22. Oktober 2009

„Besonders bedrückend ist es, wenn man sieht, wie sehr kleine Menschen unter Neurodermitis leiden“, sagt Frank Plasberg. Dann zeigt er, wie sehr der kleine Mensch Bastian unter Neurodermitis leidet, was tatsächlich besonders bedrückend ist, aber nicht nur in dem Sinne, wie Plasberg es meint. Mit den erschütternden Bildern stellte „Hart aber fair“ gestern den Jungen in den Dienst einer zweifelhaften Berichterstattung in der ARD, die wie eine gigantische Werbeaktion für eine Vitamin-Salbe gegen Neurodermitis wirkt, die demnächst auf den Markt kommt, nachdem sie die Pharma-Industrie angeblich jahrelang verhindert hat.

Der Immunologe Beda Stadler fand in der Sendung deutliche Worte:

„Ich bin schwer betroffen. Herr Plasberg, was Sie hier abziehen, ist wirklich eine Schande. Sie missbrauchen ein Kind. Das Kamerateam und der Regisseur hätten dem Kind die blöde Salbe anstreichen sollen, dann wäre es ja anscheinend jetzt wieder gesund. Wenn man hier so tut, als würde ein blödes Avocadoöl mit Vitaminen drin eine schwere Krankheit vom Erdboden verschwinden lassen, dann ist das Betrug.“

Plasberg versuchte zurückzuruden und erklärte, man habe doch gerade „herauspräpariert, dass das Medikament nicht heilt, aber lindert“. Das ist in der Tat ein wesentlicher Unterschied, und vielleicht hätte ihn auch jemand den ARD-Verantwortlichen erklären sollen, die die Dokumentation über die angebliche Verhinderung des angeblichen Wundermedikamentes durch die Pharma-Industrie, aus der auch die bedrückenden Bilder von Bastian stammen, ausgerechnet „Heilung unerwünscht“ nannten.

Oder dem Autor dieser Dokumentation, dem WDR-Redakteur Klaus Martens, der sein demnächst erscheinendes Buch über dasselbe Thema nicht nur ebenfalls „Heilung unerwünscht“ nannte, sondern es auch zuließ, dass auf dessen Umschlag ein Tigel mit der durchaus irreführenden Aufschrift „Inklusive Rezeptur gegen Neurodermitis“ zu sehen ist.

Martens behauptet in seinem Film, der am Montag in der ARD lief, dass ein Tüftler vor zwanzig Jahren eine einfache Rezeptur gefunden habe, die sensationell gegen Neurodermitis und Schuppenflechte helfe und „keine Nebenwirkungen“ habe. Die Pharmaindustrie weigere sich aber, das Mittel auf den Markt zu bringen, weil es nicht so gewinnbringend zu vermarkten sei oder den Verkauf ihrer anderen Produkte gefährde, die aber viel mehr Nebenwirkungen hätten. Seit einigen Tagen macht die Geschichte Furore und wird von vielen Medien undistanziert verbreitet, obwohl es durchaus Zweifel an der Darstellung und insbesondere der Überzeugungskraft der Studien gibt, die die Wirkung der Salbe belegen sollen.

Auch Frank Plasberg, der sich sonst mit seiner journalistischen Distanz brüstet, machte sich ganz zum Anwalt seines Kollegen Klaus Martens und der Creme. Von „besten klinischen Studien“ sprach er gleich in der Einleitung zu dem Thema, und als seine Experten – Vertreter der Pharma-Industrie ebenso wie ihre Kritiker – genau daran zweifelten, wies er dreimal darauf hin, dass man diese Studien am heutigen Donnerstag online stellen werde, im „Faktencheck“ auf hartaberfair.de. „Die gibt es“, sagte er, „das haben wir recherchiert, sonst hätten wir [die Creme] nicht vorgestellt.“

Der Schweizer Immunologe Stadler nannte den Filmautor Klaus Martens unumwunden einen „Scharlatan“ und forderte, Leuten wie ihm „keinen Platz zu geben, um Verschwörungstheorien loszulassen“ gegen die (von ihm sonst kritisierte) Industrie. Plasberg aber gab ihm nicht nur einen Platz, sondern bewahrte ihn vor berechtigten kritischen Nachfragen. „Nochmal“, widersprach er auch dem renommierten „Spiegel“-Journalisten und Pharma-Industrie-Kritiker Markus Grill, der Martens Geschichte aus dem ARD-Film ebenfalls anzweifelte: „Wir werden auch Studien dazu morgen veröffentlichen.“

Der „Faktencheck“ ist inzwischen online, aber von den versprochenen eindeutigen Studien fehlt jede Spur. Der WDR wirbt zwar für die Creme, indem er ihre Rezeptur veröffentlicht, kann aber mit Links zu wissenschaftlichen Untersuchungen nicht aufwarten. Auf einer eigenen Seite dokumentiert WDR.de die Kontroverse und räumt ein, dass sich der Dermatologe Markus Stücker von der Ruhruniversität, der die Studien vor zehn Jahren geleitet habe, heute „verhalten“ zeige und nur von einer „eher schwachen Wirkung“ spreche. Die ARD hat auch einen „offenen Brief“ von Klaus Martens an die Zuschauer veröffentlicht, in dem er allerdings ebenfalls keine Quellen für die „klinischen Studien“ nennt, die „in allen Fällen“ bestätigt hätten, dass durch die Creme „die Symptome verschwinden“.

Immerhin räumt der WDR online ein, dass Martens auch ein Buch zu dem Thema veröffentlicht hat – eine Tatsache, die der „harte“ Frank Plasberg noch als „Verschwörungstheorie“ abzutun schien, als Siegfried Throm, der Geschäftsführer des Verbandes forschender Pharmaunternehmen, das aussprach, was viele Kritiker Martens und der ARD vorwerfen:

„Herzlichen Glückwunsch, das ist ein genialer Marketingcoup. Mithilfe eines Filmes ein Buch zu protegieren, das demnächst herauskommen soll, und dann passend auch noch die entsprechende Salbe. Da können sich selbst unsere Marketingabteilungen noch eine Scheibe abschneiden.“

Ist das nicht bemerkenswert? Dass eine Sendung die angebliche Verhinderung eines Medikamentes dokumentiert, das ihr Autor als außerordentlich wirksam und frei von Nebenwirkungen beschreibt, und diese Salbe dann passend zur Ausstrahlung plötzlich doch auf den Markt kommt? Ein kleines Schweizer Unternehmen hat sich aufgeopfert, und vertreibt plötzlich die „Regividerm B12 Salbe“ – angeblich als Reaktion auf die große Resonanz der Fernsehausstrahlung, was zeitlich allerdings höchst unwahrscheinlich ist.

Und Frank Plasberg? Erwähnte diese erstaunliche Koinzidenz nicht einmal.

Mehr über die Zweifel an dem ARD-Film und die Wirkung der Salbe im Pharma-kritischen Medizinblog „Stationäre Aufnahme“.

Nachtrag/Korrektur: Die Studien sind, offenbar seit spätem Nachmittag, auf der Rezeptseite verlinkt – halten aber einem kritischen Vergleich mit den vollmundigen Versprechen von Martens und Plasberg kaum stand. So wurde zum Beispiel die Wirkung der Salbe nur mit wenigen Probanden und über einen kurzen Zeitraum überprüft.