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Stefan Niggemeier | WDR

Tag Archive for: WDR

Fliegenklatschen als Digitalstrategie

19 Sep 07
19. September 2007

Vor ein paar Tagen habe ich die Abschrift von einer Podiumsdiskussion bekommen, die ich auf den „Mainzer Tagen der Fernsehkritik“ des ZDF im März moderieren durfte. (Alle Diskussionen und Beiträge werden traditionell in gedruckter Form veröffentlicht.) Das Thema lautete, etwas sperrig: „Konsequenzen der Digitalisierung für Fiktion und Unterhaltung“, und es diskutierten Verena Kulenkampff, damals noch stellvertretende NDR-Programmdirektorin, aber schon designierte WDR-Fernsehdirektorin, und ZDF-Programmdirektor Thomas Bellut.

Und beim nochmaligen Lesen stellte sich bei mir wieder das ungläubige Gefühl ein, das ich damals schon auf dem Podium verspürte:

Ich hatte mir eigentlich für den Schluss die Frage überlegt, ob die Antwort auf die Digitalisierung [für ARD und ZDF] ist, dass Sie viel mehr sehen müssen, dass Sie sich von da [aus dem Internet] Sachen mitnehmen und abgucken. Oder ob die Antwort genau das ist, eigentlich ganz anders zu sein; all das zu sein, was das Netz und alle Formen, die es da gibt, nicht ist. Im Grunde haben Sie, glaube ich, die Antwort schon sehr deutlich gegeben. Also, es ist das Zweite, oder?

Verena Kulenkampff: Nein, nein, nein! Als Wichtigstes der Digitalisierung kommt auf uns zu, dass wir ununterbrochen anderen Leuten auf die Finger klopfen müssen, die unsere Inhalte gegen ihr Recht nutzen. Die Digitalisierung bedeutet ja im ersten Schritt, dass es für jeden zugänglich ist, und darin sehe ich eigentlich ein Hauptproblem. […] Es gibt ganze Homepages, da werden die Inhalte, die zum Beispiel […] tagesschau.de verbreitet, auf irgendwelchen kommerziellen Seiten genutzt — und die Inhalte sind unsere Inhalte. Und ich finde, da müssen wir mit der Fliegenklatsche sitzen und wirklich sagen, ohne uns! Oder?

Thomas Bellut: Also, ich bin dann zufrieden, wenn mehr „heute“ als „Tagesschau“ dort zu sehen ist! (Lachen)

Kulenkampff: Ehrlich? Nein!

Bellut: Nein, das war jetzt nicht ernst gemeint! Aber ich meine, es wird eine komplizierte Sache, das einzudämmen.

Aber der Gedanke ist doch gar nicht so abwegig: Zu sagen, hoffentlich klauen die Leute mehr „heute“-Inhalte als „Tagesschau“-Inhalte, denn wie viele Leute werden tatsächlich auf irgendwelche NDR-, WDR-, ZDF-Sendungen aufmerksam, weil sie sie nicht im Fernsehen gesehen haben, sondern irgendwo unter Verletzung aller Copyrights bei YouTube?!

Kulenkampff: Unwahrscheinlich!

Bellut: Ja, das ist ein heißes Thema, Herr Niggemeier. Wir freuen uns auch schon, dass „Wetten, dass…?“ zum Beispiel bei YouTube enorm vertreten ist. Alle Wetten sind sofort im Netz. Wir fragen uns auch, wie das technisch geht. Aber sie sind halt da.

Aber Sie sehen es immerhin mit gemischten Gefühlen?

Bellut: Ja! Das sehe ich schon. Ich verstehe, was Sie sagen wollen, aber ich habe die Hoffnung aufgegeben, dass man ein geordnetes Internet bekommen wird, wo alles genau kontrolliert wird. Mein Gott, das ist ein so gewaltiges Angebot. Das zu kontrollieren würde viel zu viele Planstellen kosten – also, da ist nichts zu machen.

Gesegnet seien die fehlenden Planstellen!

Nein, im Ernst: Ich konnte und kann nicht glauben, dass eine hochrangige ARD-Vertreterin auf die Frage, mit welcher Strategie sie auch in Zukunft das Publikum erreichen will, als wichtigsten Punkt den Gebrauch der Fliegenklatsche nennt.

Mir ist schon klar, dass ARD und ZDF es nicht offiziell gutheißen können, dass ihre Inhalte unter Verletzung von Urheberrechten überall weiterverbreitet werden, und spätestens dann, wenn jemand sie weiterveröffentlicht, um damit selbst Geld zu verdienen, wird es heikel.

Aber dieser Kampf gegen den Missbrauch kann doch nicht die wichtigste Reaktion von ARD und ZDF auf die Digitalisierung sein — und nicht nur deshalb, weil er so aussichtslos ist. Die zentrale Frage, vor die die Digitalisierung die etablierten Medien stellt, ist doch, auf welchen Wegen und mit welchen Inhalten sie in Zukunft die Menschen erreichen werden.

Muss sich das ZDF nicht über jeden Zuschauer, vor allem jeden der raren jungen Zuschauer freuen, der im Netz über ZDF-Sendungen stolpert, auf welcher Plattform auch immer?

Erstens glaube ich nicht, dass das schlecht ist für die Einschaltquote im Fernsehen: Vom Talentwettbewerb „Britain’s Got Talent“ zum Beispiel (der demnächst bei RTL unter dem Namen „Das Supertalent“ beginnt) finden sich massenhaft Ausschnitte bei YouTube, teilweise sogar offenbar vom Sender ITV selbst hochgeladen. Sie sind in jeder Hinsicht eine Werbung für die Show: Leute stoßen zufällig auf den Inhalt, gucken sich an, was sie verpasst haben, schicken Links weiter, diskutieren mit Freunden, wollen wissen, wie es ausgegangen ist. So paradox es für analog denkende Verantwortliche scheinen mag: Je mehr Menschen sich die Ausschnitte bei YouTube sehen, umso mehr Menschen werden sich die Live-Show im Fernsehen ansehen wollen.

Aber selbst, wenn das nicht so wäre. Angenommen, es stellt sich heraus, „Wetten dass“ wird von einer Million Leute auf irgendwelchen nicht-offiziellen Plattformen im Internet gesehen, und die weigern sich hartnäckig, samstags um 20.15 Uhr die Show im ZDF einzuschalten. So what? Für einen kommerziellen Sender, der allein vom Verkauf der Werbezeiten lebte, wäre das heikel. Aber ARD und ZDF müssen das nicht. Das ist theoretisch ein sensationeller Wettbewerbsvorteil. Den Öffentlich-Rechtlichen kann es völlig egal sein, wenn zehn Prozent der Zuschauer die Sendungen nicht im Fernsehen sehen, sondern irgendwo, irgendwie anders. Ihr einziges Ziel muss es sein, gute Programme herzustellen, und dafür zu sorgen, dass sie ein möglichst großes Publikum finden — um der Inhalte selbst willen.

Und im Interesse des eigenen Überlebens. Junge Leute gucken kein ARD und ZDF. Bei den 14- bis 29-Jährigen hat die ARD in diesem Jahr einen Marktanteil von 5,1 Prozent; das ZDF wäre, umgerechnet auf Wahlen, mit 3,9 Prozent eine Splitterpartei, die nicht einmal ins Parlament einzöge.

Zum Thema 9Live und Callactive finden sich, um ein Beispiel zu nennen, mehrere „Plusminus“-Sendungen auf YouTube, die von verhältnismäßig vielen Leuten verlinkt werden. Natürlich ist es unzulässig, diese Sendungen hochzuladen. Aber welches Interesse hat die ARD, dagegen vorzugehen? Keines.

Unterstellt, dass die ARD Sendungen produziert, die in irgendeiner Form gut sind, die uns — ich weiß, jetzt wird das Eis dünn — klüger machen, informierter, aufgeklärter, ist dann nicht ihr Interesse, dass diese Programme möglichst viele Menschen erreichen, auf welchem Weg auch immer? Und ist es so undenkbar, dass ein paar Leute, die in ihrem Leben noch keine Sendung mit dem merkwürdigen Namen „Plusminus“ eingeschaltet haben, auf diesem Wege überhaupt erst entdecken, dass es solche Verbrauchermagazine gibt, und dass jeder Kontakt die Chance erhöht, dass die Leute etwas Positives mit der ARD verbinden und vielleicht, ganz vielleicht selbst mal einschalten?

„Unwahrscheinlich“, sagt Frau Kulenkampff und holt die Fliegenklatsche.

Monika Piel

15 Jul 07
15. Juli 2007

Bestimmt gibt es einen Grund, warum die WDR-Intendantin Monika Piel den „Presseclub“ moderiert und nicht jemand, der sowas kann.

Schön wäre zum Beispiel jemand, der es schaffte, bei der Begrüßung von vier Journalisten die Namen von mehr als zwei Zeitungen richtig auszusprechen. Aber das wäre sogar optional, wenn es nur jemand wäre, der wüsste, wer diese Menschen überhaupt sind, mit denen er oder sie da eine Dreiviertelstunde lang am Sonntagmorgen über Politik redet. Und, in einer idealen Welt, die Zuschauer an diesem Wissen sogar teilhaben ließe.

Also eine Moderatorin, die am vergangenen Sonntag Udo Ulfkotte nicht nur als „Publizisten“ vorgestellt hätte, ohne jeden weiteren Hinweis, was er wo publiziert. Eine Moderatorin, die gewusst und gesagt hätte, dass Ulfkotte, der bis 2003 FAZ-Redakteur war, längst weniger Journalist ist als Politiker, seit einem Monat prominentes Mitglied der rechtspopulistischen Bremer Wählervereinigung „Bürger in Wut“* und bekanntermaßen seit längerer Zeit schon intensiv mit der Gründung einer bundesweiten Anti-Islam-Partei beschäftigt (selbst auf der Homepage zur Sendung fehlt jeder Hinweis darauf). Eine Moderatorin, die es wichtig gefunden hätte, dass die Zuschauer in dieser Diskussion über die Bedrohung durch Terroristen wissen, wie Ulfkotte zum Islam steht, über dessen Möglichkeit zur „Läuterung“ er laut „Tagesspiegel“ gesagt hat: „Der Dialog wird immer als Hoffnung dargestellt, aber es wird ihn nicht geben.“ Eine Moderatorin, die jede Diskussion über Ulfkottes durchaus radikale Positionen, seine mangelnde Unterscheidung zwischen Islam und Islamismus und seine Rhetorik auch in der Sendung von „den Moslems“ auf der einen Seite und „uns“ auf der anderen, nicht schon dadurch verhindert hätte, dass sie diese Positionen stellvertretend für Ulfkotte verklärte und entschärfte.

Aber der „Presseclub“ wird ja nicht von so einer Moderatorin geleitet, sondern von Monika Piel. Einer ARD-Journalistin, die unbeschwert die überraschende (und falsche) These in die Runde warf, man dürfe in Deutschland, wenn man das Grundgesetz ändern würde, auch vollbesetzte entführte Linienflugzeuge abschießen lassen, um zu verhindern, dass sie als Waffen missbraucht werden. Die sich zum Dolmetscher und Weichspüler eines Populisten machte, dessen politische Ambitionen sie nicht einmal andeutete. Und die die Diskussion mit verblüffender Logik begann: „Die versuchten Anschläge in London und in Glasgow haben gezeigt, dass (…) es nicht nur die Briten, sondern auch die Deutschen treffen könnte.“

Wenn es nicht so schlimm wäre, könnte man darüber lachen.

(c) Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

*) In der „Sonntagszeitung“ steht „Bürger in Not“ statt „Bürger in Wut“, was mein Fehler war und sehr peinlich ist.

Birand Bingül

05 Nov 06
5. November 2006

Und dann sagte „Tagesthemen“-Moderator Tom Buhrow, als sei es die normalste Sache der Welt: „Zu den Drohungen gegen die Bundestagsabgeordnete Ekin Deligöz jetzt der Kommentar von Birand Bingül vom Westdeutschen Rundfunk.“ Hö? Hatten die richtigen Kommentatoren alle frei? Dürfen denn Menschen mit Migrationshintergrund bei uns im Fernsehen Kommentare abgeben, und sei es auch nur zum Thema Menschen mit Migrationshintergund? Also, im richtigen Fernsehen, nicht in irgendwelchen Multikulti-Sendungen im Dritten?

Birand Bingül darf das seit Mai. Und hat es am Dienstag zum zweiten Mal getan. Natürlich merkt man, daß ihm noch Erfahrung und Übung fehlen. Sein Kommentar war zwar schon ein bißchen verquast, aber nicht halb so gaga und überbildert wie der eines Profi-Kommentierers wie Stephan Bergmann vom Bayerischen Rundfunk, der an keinem Faß vorbei gehen kann, ohne ihm die Krone ins Gesicht zu schlagen.

Daß Bingül auf der offiziellen Kommentatorenliste der „Tagesthemen“ steht, verdankt er einer „Integrationsoffensive“ des WDR, für den er frei arbeitet und sonst zum Beispiel das Magazin „Cosmo TV“ moderiert*. Natürlich wirkt er, wie er da mit seinem kleinen „ü“ in den „Tagesthemen“ plötzlich zum Thema Islam und Integration spricht, ein bißchen wie ein Quoten- oder Alibi-Deutschtürke. Verstärkt wird der Eindruck noch dadurch, daß es zwar auch zwei „Tagesschau“-Sprecher aus Einwandererfamilien gibt, Tarek Youtzbachi und Michail Paweletz, man beide eigentlich aber nur kennt, wenn man sehr, sehr spät am Abend oder in der Nacht Nachrichten sieht. Übernehmen Migrantenkinder dort die Schichten, die kein anderer machen will?

Egal. Jedesmal, wenn ich Paweletz mit seiner dunklen Hautfarbe in der vertrauten „Tagesschau“-Kulisse sehe und kurz erschrecke, weil das ein so ungewöhnlicher Anblick ist, wird mir erst bewußt, wie monochrom mitteleuropäisch weiß diese Plätze in unseren Informationsprogrammen sonst besetzt sind. Und wie weit ausgerechnet diese Sendungen damit von unserer Lebensrealität entfernt sind. Bei den Deutsch-Türken, glaubt Birand Bingül, könnte das allerdings das auch daran liegen, daß deren Eltern meist einfache Leute waren, die ihren Kindern beibrachten, was respektable Berufe sind: Arzt oder Ingenieur. Aber nicht Journalist.

*) Ich muss mich korrigieren, und das gleich doppelt: Bingül ist beim WDR nicht freier Mitarbeiter, sondern festangestellt. Und bei „Cosmo TV“ nicht Moderator, sondern Redakteur.

(c) Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Barbara Schöneberger

06 Okt 02
6. Oktober 2002

„Wer kein Geld hat, soll sich bei mir melden“. Wie macht man eine Show, die fast nichts kostet, und wird trotzdem für den Fernsehpreis nominiert? Fragen wir Barbara Schöneberger

Frau Schöneberger, haben Sie sich schon informiert, ob der Deutsche Fernsehpreis dotiert ist?

Nein, aber das war die erste Frage von allen meinen Freunden, als sie erfahren haben, daß ich nominiert bin: Und? Dotiert? Geil!

Und? Ist er?

Ich glaube, nur, wenn Günther Jauch gewinnt. Wenn wir ihn bekommen, dann nicht. Denn wo viel ist, muß noch mehr hin.

Dabei könnten Sie es so gut gebrauchen für Ihre kleine Show.

Ja, denkt man immer. Aber wir wollen gar nicht mehr. Wir kommen mit unserem schmalen Budget ganz gut zurecht.

„Blondes Gift“ lebt ja auch davon, daß Sie sagen: Dies hat der Requisiteur wieder nicht besorgt; hier hinten bricht das Bühnenbild zusammen; meine Redaktion besteht aus drei unfähigen Menschen…

… einem! Die Spiele werden mir ja immer aufgeschrieben. Da heißt es: „Barbara zieht aus einer Lostrommel Bingo-Kärtchen“ oder so. Es stellt sich heraus: Eine „Lostrommel“ ist ein Blumentopf, wo einer zwei Henkel drangeklebt hat, mit einer Pappe drumherum, das sieht aus wie ein schwules Handtäschchen. Und du guckst rein und fällst echt vom Glauben ab, denn in diesem Blumentopf, den du in der Hand hältst mit den Bingo-Kärtchen, war gerade noch eine Zwerg-Azalee drin, die auf meinem Schreibtisch stand. Jeder, der mal beim Fernsehen war, fällt bei uns vom Glauben ab. Das Studio ist ein normales Wohnhaus. Das Set könnte man in meinem Wohnzimmer aufbauen, und es wäre noch dicke Platz. Das Tor, durch das der Gast kommt, wurde früher von Hand von unserem ostdeutschen Quotenmitarbeiter mit einem Seilzug hochgezogen. Inzwischen funktioniert das elektrisch.

Plötzlicher Geldsegen?

Weil das Ding so schwer war, konnte der das nicht so reibungslos nach oben ziehen, daß es immer die gleiche Geschwindigkeit hat, sondern das war so hööö-hööö. Da haben wir dann gesagt — also, ich nicht, mich hat das nie gestört –, daß zu der sphärischen Musik ein Hau-Ruck-Hochziehen nicht so gut kommt.

Stand vor dem Dauerwitz über die Billig-Ausstattung echtes Entsetzen?

Na klar. Als der Komiker Bernhard Hoecker zu Gast war, hatten wir ein Spiel mit Höckern, also Kamelen, auf Höckern. In diesem Fall wurden einfach Bürostühle verschiedener Größe ins Studio geschoben, und man hat Plüschkamele da draufgesetzt, die mit Sicherheit nur ausgeliehen und nicht gekauft waren. Und das muß auch so sein. Du kannst ja nicht einen Messebauer beauftragen: Du, wir brauchen das und das, und es muß sich organisch in die Deko einfügen.

Jauch kann das.

Ja, Jauch sitzt auch in einem Studio, das 150mal größer ist und eine Deckenhöhe hat, wo gewisse Bauten Sinn machen. Bei uns ist es so, wenn ich die Hand oben ausstrecke und noch einen Stift halte, stoße ich an den Scheinwerfern an.

Nervt das nicht?

Nein, jetzt ist es toll. Ich mag diese High-Tech-Scheiße nicht. Egal, in welche Sendung du reinplatzt, es steht immer irgendwo ein Drei-mal-drei-Meter-Flatscreen, wo Muster draufgebeamt werden, und du weißt genau: Das Ding zu leihen kostet am Tag schon 30.000 Euro. Bei uns schrabbert halt dieses Tor nach oben, und ich finde, das hat viel Charme. Manchmal guck‘ ich mich im Monitor an, und dann sage ich zu Richy, der hinten am Licht sitzt, „Richy, was ist denn hier los?“, und Richy sagt: „Naa, das ist nur der Fernseher do, der ist nicht gscheit eigstellt, mußt amol auf meinen Monitor schaun, da schaugst du supa aus“, und dann sag ich, „Entschuldige mal, mir stehen Drähte aus dem Kopf, weil meine Haare, meine blonden, vor dem schwarzen Hintergrund aussehen, als wären sie zentimeterdick, die mir da so vom Kopf wegstehen, und ich hab‘ Ringe unter den Augen“, und er: „Naa, überhaupt net, das ist nur der Monitor.“

Hm.

Wir haben eine Pilotsendung aufgezeichnet mit Bully, da haben wir wirklich fünf Stunden an dieser dreiviertelstündigen Sendung gearbeitet, die nie gesendet werden konnte. Wir saßen da wie zwei Wasserleichen. Bully lief nur die Soße runter, er hat immer mit dem Zeigefinger so die Schweißperlen weggeschnipst, es war so heiß. Permanent sind die Sicherungen rausgeflogen. Mir standen die Haare weg, und die sehr bemühte Visagistin hat versucht, mit sehr viel Pomade mein Haar zu bändigen, was dazu führte, daß ich aussah, als wär‘ ich gerade aus der Dusche gekommen, mit so einem angeklatschten Fettkopf, es war wirklich fürchterlich.

Ahnt man in so einem Moment, daß diese billige Show einmal Kult werden könnte?

In dem Moment denkst du nur: Okay, Barbara, du machst das jetzt einfach. Es wird eh nie jemand erfahren, weil dahin, wo das läuft, verirrt sich kein Fernsehzuschauer.

Weit gefehlt.

Binnen zwei Wochen kannten das viele. Wir haben ja nicht durch Qualität auf uns aufmerksam gemacht, sondern durch Quantität. Wir wurden zu jeder Tages- und Nachtzeit wiederholt, mehrfach täglich, was zu einer ganz subversiven Durchdringung der Gesellschaft führte. Das war geil, dann kannte uns jeder, und dann konnte der WDR sagen: Okay, jetzt senden wir sonntags um null Uhr.

Gibt es jetzt vom WDR mehr Geld, oder haben die sich gefreut, nichts ausgeben zu müssen?

Es gibt schon mehr Geld. Bei den Ballungsraumpleitensendern gab es ja eigentlich Minusgeld. Der WDR ist unglaublich reich, und wir dürfen davon profitieren. Das Budget ist bestimmt locker 3000 Euro höher, aber das ist immer noch nichts.

Jetzt konkurrieren Sie um den Fernsehpreis mit Oliver Geißen und Günther Jauch…

…den absoluten Riesen…

…da drängt sich der Gedanke auf: Braucht man gar kein Geld, um gutes Fernsehen zu machen?

Die Frage ist natürlich: Wie kommerziell bin ich? Und: Könnte ich zur gleichen Sendezeit ebensoviele Leute unterhalten — da bin ich mir nicht so sicher. Ich denke, daß viele Leute das gutfinden, wenn das Studio groß ist und das Licht Kreise machen kann und dazu eine Melodie kommt wie dödödödödööö (macht die Runden-Anfangs-Melodie von „Wer wird Millionär“ nach). Das kommt allgemein schon gut an, und das versteht man auch unter „Großer Abendunterhaltung“. Mit meiner Show könnte ich um 20.15 Uhr wahrscheinlich keinen hinter dem Ofen hervorlocken.

Aber umgekehrt kann fehlendes Geld anscheinend keine Ausrede für langweiliges Programm sein.

Definitiv nicht. Ich finde das Allerschlimmste, wenn ein Sender wieder mit einer Unterhaltungsshow um die Ecke kommt, „du, das wird ganz toll, da werden die auf Schlitten reingefahren, und da fallen Kandidaten aus der Decke, und dann machen die ’nen Hubschrauberrundflug und alles groß groß groß“ — nicht oft hat man damit Erfolg. Ich glaube, es gibt nicht die Korrelation: viel Geld = viele Zuschauer, viel Geld = gute Unterhaltung.

Jetzt bekommen Sie den Fernsehpreis, jetzt wird alles anders.

Gott, ich weiß nicht, ob das so heilsbringend ist. Ich find’s nur schon geil, nominiert zu sein, das kann einem keiner nehmen. „Nominiert für den Fernsehpreis“, Punkt.

Soll sich gar nicht viel ändern?

Nein, es muß sich überhaupt nichts ändern. Das Schlimmste ist, wenn du denkst: Jetzt muß alles ganz groß werden, ganz schick, und plötzlich unterscheidet man sich in nichts mehr von Nina Ruge, und das ist natürlich bitter.

Alle werden Sie fragen: Wann machen Sie eine Samstagabendshow?

Ja, genau, weil der Samstag, 20.15, auch der dankbarste Fernsehtermin ist, herzlichen Glückwunsch. Ich glaube, im Marginalfernsehen, wie das so schön heißt, kann man sich mehrere Jahre gewinnbringend durchmogeln. Es gibt Leute, die machen seit 20 Jahren eine Nachrichtensendung im Dritten, die sind nie jemandem aufgefallen, und die fahren auch Porsche und haben eine Eigentumswohnung. Es gibt andere, die sind für sieben Monate on top bei RTL und fliegen dann derartig raus aus dem Kader, daß es für immer zappenduster bleibt. Klar reitet einen oft die Eitelkeit, ich will vorne dabeisein, aber ich glaube, wenn man da steht, denkt man sich manchmal: Ach, war das geil früher bei TV München.

Halten wir fest: Wenn den Sendern das Geld ausgeht, ist das keine Ausrede, schlechtes Fernsehen zu machen.

Nein, wer kein Geld mehr hat, soll sich bei mir melden. Ich bin gerne zu anspruchsvoller Abendunterhaltung mit wenig Geld bereit.

(c) Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

„Scheitern ist meine Welt“

31 Dez 99
31. Dezember 1999
Süddeutsche Zeitung

Herbert Feuerstein über sein „Morgengrauen“ an Silvester.

„Genug gefeiert, jetzt folgen tausend Jahre Kater“, sagt Herbert Feuerstein am Neujahrsmorgen. Von 0.30 bis 6 Uhr ernüchtert er die Menschheit: live im WDR-Fernsehen unter dem durchaus programmatisch zu verstehenden Titel „Feuersteins Morgengrauen“.

SZ: Herr Feuerstein, Sie haben keine Chance.

Feuerstein: Wieso?

Während Sie granteln und grübeln, läuft im MDR „Musik zum Tanzen“, auf N3 „Disco Inferno“ und auf Sat.1 „Jetzt geht die Party richtig los – das Beste aus Elmis witziger Oldie-Show“!

Ach, ich bin es gewohnt, für mich und ein paar Tiere zu senden. Andererseits glaube ich nicht, dass ich alleine bin mit meinem Mangel an Glücksgenen. Es ist ja nicht so, dass ich sauertöpfisch ins neue Jahrtausend gehen und Leute mit runterziehen will. Aber für mich ist das Normalität: Ich grüble jeden Morgen über Existenz und Sinn des Daseins nach. Andere offenbar auch: Massenhaft werden Millenniums-Reisen abgesagt, im Supermarkt sieht man mehr und mehr Leute, die Einkaufswagen voller Nudeln und Orangensäften schieben, weil sie mit dem Weltende rechnen. Die werden da sein, um halb zwölf nach Hause gehen und warten. Und dann werden sie erleichtert sein, wenn nichts passiert ist.

Und um halb eins, wenn Sie anfangen, liegen sie im Bett oder sind besoffen.

Nichts dagegen, solange sie nur zuschauen. Man macht und hofft, dass es einer guckt. Wenn niemand guckt, kann man auch nichts machen. Ich sehe mich ein bisschen als Hüter einer aussterbenden Gattung: der Live- Sendung. Ich finde es spannend, nicht zu wissen, wo es hingeht. Nach einer Stunde verlierst du den Boden — dann wird’s interessant.

Und der WDR war sofort begeistert von der Idee?

Sie glauben nicht, wie hart wir dafür gekämpft haben. Die wenigen Sachen, die mir Spaß machen, unterzubringen, war und ist immer eine Heidenarbeit. Als wir das Konzept Anfang des Jahres vorlegten, wurde es abgeschmettert. Ende des Jahres haben die dann gemerkt, dass in all der Feierei vielleicht eine Farbe fehlen könnte. Als ich mich dann vorsichtig wieder meldete, hieß es: Ja, toll, wir haben eh kein Geld, dann können wir so was ja machen. Deshalb sitze ich die ganze Sendung im Büro von Intendant Fritz Pleitgen. Jeder andere Ort hätte werweißwas gekostet, für Umbau und so. Und Pleitgen hat eben Vertrauen in mich — naja, in wen sonst? Das Einzige, was er gemacht hat: Er hat an der Wand ein ganz teures Bild — ich glaube, das ist die Grundlage, dass der WDR Kredite kriegt, — das wird abgehängt, aus Versicherungsgründen.

Und er ahnt nicht, dass Sie sein Büro verwüsten könnten?

Das mit dem Verwüsten dürfen Sie nicht mal andeuten, sonst rückt er den Schlüssel nicht raus … Ich werde das Büro pfleglich behandeln. Er wird es mir selbst übergeben. Um halb eins schließ ich mich da oben ein. Auf dem Dach ist ein klassischer Gitarrist. Ich stelle mir das einfach schön vor: wie er da oben steht. Vor dem Kölner Dom. Bei minus vier Grad. Und die Finger nicht bewegen kann. Das ist Kunst. Kunst kommt nicht von Können. Kunst ist Versuchen und Scheitern. Das ist meine Welt. Wir machen Verbindungen mit Bild-Telefon und gucken in fremde Fenster; die Leute können faxen, anrufen und mailen. Wir schalten zu Korrespondenten, Zukunftsforschern und Philosophen. Wir haben eine Feng-Shui-Frau, die uns sagt, wie wir das neue WDR-Gebäude umbauen müssen, damit das Programm besser wird.

Und Ihr Fernseh-Hund Billy?

Der kann wie viele Hunde die Knallerei nicht ab. Ich hab mich nach Ohrstöpseln erkundigt, aber das mögen die Hunde nicht so gern. Als Alternative hatte ich gefragt, ob Fritz Pleitgen seinen Hund hergibt, aber der will auch nicht. Ich werde also zu Billy eine Bildtelefonschaltung machen und ihm einen Geruchsbrief schicken.

Einen Geruchsbrief.

Ja. Man kann ein Papier einen Tag lang in die Unterwäsche schieben und dem Hund schicken. Der wird verrückt vor Freude und frisst den Brief.

Hm.

Sie brauchen da gar nicht zu muffeln, Sie kriegen den Brief ja nicht! Wenn Sie dem Hund regelmäßig so was schicken, wartet der schon am Briefschlitz. Frauen machen so was nicht.

Jedenfalls wird Feuersteins Morgengrauen ganz schön schräg, oder?

Ich habe noch nie was Schräges gemacht, sondern immer das, was mir ein Bedürfnis ist. Naja, meistens wenigstens. Ich möchte Sachen machen, die nicht langweilig sind, neu sind, Anstöße geben. Ich versuche, den kleinen Vorteil, den man als Älterer hat, zu nutzen, und bohre, dass man den Versuch nicht aufgibt, im Fernsehen ein paar neue Nischen zu öffnen. Das ist so selten geworden!

Was haben Sie in anderen Jahren an Silvester gemacht?

Ich habe mich eingeschlossen und die Steuern gemacht.

Ernsthaft?

Ja, ich bin ganz ungeeignet zum Feiern. Ich bin zu depressiv. Ich spüre den allgemeinen Freudendruck, der auf der Menschheit lastet. Dieser Freudenschleim dringt dann durch Tür und Schlüsselloch und erstickt mich und macht mich ganz traurig, weil ich merke: Ich bin ein Außenseiter, ich kann da nicht mitmachen. Nur das Steuernzahlen tröstet mich.