Tag Archive for: YouTube

Die Verlobung von Dagi Bee

26 Jun 16
26. Juni 2016
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Nun ist es passiert. Es hatte sich schon länger abgezeichnet. Es mangelte auch nicht an Indizien und verräterischen Zeichen. Und spätestens nach dem gemeinsamen Kurzurlaub in Paris, der sogenannten Stadt der Liebe, war das Getrapse der Nachtigall ohrenbetäubend geworden. Am vergangenen Donnerstag machte Dagi Bee es endlich offiziell, in der einzigen angemessenen Form: Sie setzte sich vor ihre Videokamera und erzählte ihren vielen hunderttausend Fans, dass sie sich mit ihrem Eugen verlobt hat. In den vergangenen Wochen waren die Fragen immer lauter geworden, in der Presse, auf Instagram, auf Twitter, in den Youtube-Kommentaren: Was ist das für ein Ring da an deiner Hand, Dagi? Hast du dich verlobt? Nee, ist nur Schmuck, oder? Oder doch verlobt? Nee, nur Schmuck, oder?

Dann hatte sie auch noch getwittert: „Ich bin das glücklichste Mädchen auf dieser Welt“, und Eugen hatte getwittert: „Ich bin der glücklichste Mann auf dieser Welt“, einige Leute dachten aber, sie wollten ihre Fans nur wieder foppen, was ja auch nicht das erste Mal wäre – so was gehört in Youtuber-Kreisen zum Handwerk der Aufmerksamkeitssteigerung. (Ein Video, das die beiden vor zwei Wochen mit der Zeile „Wir werden Eltern!“ zeigte, entpuppte sich als Film, in dem sie mit der Welt teilten, dass sie nun einen Hund haben, einen Zwergspitz, der natürlich auch schon einen eigenen Instagram-Account hat.)

Eine Internetseite machte prompt eine Umfrage unter ihren Lesern, ob die „Anspielungen von Dagi Bee und Eugen nerven“, und von den, jawohl: mehr als 13 000 Teilnehmern sagte die Mehrheit: „Ja, total. Das glaubt doch niemand mehr!“

Tjaha. Stimmt aber. Dagi Bee ist, was man den meisten Unter-25-Jährigen nicht erklären müsste, eine der bekanntesten und erfolgreichsten Webvideoproduzentinnen Deutschlands. Ihr Youtube-Kanal hat mehr als 2,7 Millionen Abonnenten. Sie plaudert darin über Kosmetik, Mode, Shopping und ihr Leben. Ihre Verlobung ist ein faszinierendes und leicht bestürzendes Beispiel dafür, wie ein größeres persönliches Ereignis wie eine Verlobung in der Welt dieser neuen Stars inszeniert und begleitet wird.

Dagi Bee ist prominent genug, um Thema für die Boulevard- und People-Berichterstattung zu sein, mit deren üblichen Spekulationen über das Privatleben. Gleichzeitig gibt sie selbst mit Videos, Fotos und Kommentaren auf den unterschiedlichsten Plattformen immer wieder Anlass und Nahrung für solche Berichte. Und, vor allem: Diese Kommunikation von ihr ist nicht, wie bei traditionellen Prominenten, ein Begleitprogramm zur eigentlichen Arbeit in der Öffentlichkeit. Diese Kommunikation ist das, wofür sie berühmt ist; worauf ihre Prominenz beruht und woraus sie besteht.

Entsprechend wichtig sind diese privaten Ereignisse in der Real-Life-Soap, die sich in einem nicht enden wollenden Strom aus Postings auf den unterschiedlichen Kanälen entfaltet, entsprechend genau werden sie verfolgt – und entsprechend niedlich ist es, wenn sie erzählt, dass sie so ein Verlobungs-Bekanntgabe-Video ursprünglich gar nicht machen wollte, weil das „eigentlich ’ne ziemlich private Sache ist“. Aber „weil ich mein ganzes Leben mit euch teile, war es wirklich an der Zeit, es euch zu sagen“. Sie sagt dann noch, dass sie ihren Freund, „so gut es geht, aus der Öffentlichkeit heraushält“, aber das bedeutet bloß, dass er nicht in jedem ihrer Videos vorkommt, sondern nur in manchen.

Körperteile-Challenge

15 Mai 16
15. Mai 2016
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Ich habe das vielleicht traurigste Youtube-Video der Welt gesehen. Es trägt den Titel „Welcher Youtuberin gehören diese Titten“, und es ist nicht das, was Sie jetzt glauben.

Die deutsche Youtube-Welt wird seit einigen Monaten von einem Genre heimgesucht, das man „Körperteile-Challenge“ nennen könnte. Zwei Jungs sitzen vor deKr Kamera, zeigen einander Fotos von Brüsten oder Pos und raten, wem sie gehören.

Das ist einfältig, aber nicht sehr dramatisch: Die Fotos, die als Material dienen, sind aus dem unerschöpflichen Fundus öffentlicher Selbstdarstellungsdokumente auf Instragram und ähnlichen Kanälen. Alles atmet den Geist der Ferienlager-Abendgestaltung pubertierender Schüler: sehr peinlich anzusehen, wenn man nicht selbst Teil der Clique ist.

Schöner war’s, als diese Vergnügungen noch nicht vor der digitalen Weltöffentlichkeit stattfanden, und schöner wär’s, wenn die jungen Leute die Möglichkeiten von Webvideos kreativer nutzen würden – aber das sind beides natürlich sinnlos-spießige Erwachsenen-Gedanken.

Der Erfolg dieser Anatomie-Heim-Quiz-Shows ist allerdings bemerkenswert: Einige von ihnen sind über eine Million Mal angesehen worden. Das ruft immer mehr Nachahmer auf den Plan. Die Youtube-Trends sind oft voll mit Varianten von „Welchem Youtuber gehört der Arsch?!“ und „Youtuber Brüste erraten extrem!“ – oft beworben mit Standbildern, die sehr sexuelle Inhalte versprechen.

Ein Tiefpunkt schien in der vergangenen Woche erreicht, als MarcelScorpion, ein bekannter hauptberuflicher Youtuber, mit seinem Kumpel Haptic ein Video veröffentlichte: „Welcher Youtuberin gehört diese F**ze?!“ Ihre Variante bestand darin, mit Fotoausschnitten zu spielen, die den Unterleib von Personen zeigten, bekleidet natürlich. Dazu sagten die beiden immer und immer wieder das F-Wort, jedes Mal überpiept. Es wirkte fast wie eine Parodie auf die Plumpheit all dieser Videos.

Stellt sich raus: Es war wirklich eine Parodie. Marcel hatte sich sogar, als Signal, eine Perücke aufgesetzt (was aber bloß zur Nachfrage führte, ob er nicht mal wieder zum Friseur wolle). Verstanden wurde das Video anscheinend von den wenigsten, geklickt aber massenhaft.

Und so haben Marcel und Haptic in dieser Woche ein Erklärvideo nachgeschoben, natürlich unter dem Titel „Welcher Youtuberin gehören diese Titten“, in dem sie sich beklagen: Überall die Bekloppten, die sich solche Videos angucken, und überall die Bekloppten, die sich solche Videos angucken, nur um sich über sie zu beklagen. Darüber, dass man ihnen zutraut, so ein Video im Ernst zu machen, und darüber, dass man es ihnen nicht zugesteht, auch mal so ein Video zu machen, im Ernst, aus Spaß, als Protest – und weil es eben super geklickt wird.

Marcel beklagt sich, dass solche Billig-Videos viel besser geklickt werden als gute, aufwendige Sachen. Er verheddert sich hoffnungslos in seinen Erklärungen, dass doch klar sei, dass er in seinen Videos immer nur eine Parodie darstelle, darin aber ganz oft auch „real“ sei. Und sagt Sätze wie: „Man muss gucken als hauptberuflicher Youtuber, wo man bleibt. Und Erfolg bekommt man durch so was. Man muss sich anpassen. Ich passe mich auf einem solchen Level an, dass ich immer noch Marcel bin, aber trotzdem immer noch erfolgreicher werden kann.“ Und das ist noch trauriger als all die traurigen Titten-Rate-Videos.

Der Heimwerkerkönig

29 Nov 15
29. November 2015
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Es gibt nicht viele erste Sätze, nach denen man ein Youtube-Video einfach weitergucken muss, aber diese gehören sicher dazu: „Heute bauen wir einen Selfie-Stick. Dazu brauchen wir Cocktailwürstchen und einen Putter zum Golfen.“

Später wird sich herausstellen, dass man noch einiges mehr braucht, Gaffa-Tape natürlich, einen Draht, einen Radkreuzschlüssel, verschiedene Halter und natürlich einen Kompressor, der das Cocktailwürstchen mit Luftdruck auf das Mobiltelefon schießt, aber erstens hat man das alles ja im Haus, und zweitens kann man zur Not improvisieren, macht der Fynn ja auch, das ist schließlich der halbe Spaß, wenn nicht fast der ganze.

Am Ende zeigt er seiner Freundin den Selfiestick. „Wie findste das?“ – „Gut.“ – „Würdste das auch verwenden?“ – (Stille.)

Fynn Kliemann nennt sich „Heimwerkerkönig“, aber er meint das nicht so. Er ist niemand, der Videos dreht, in denen er vorführt, wie man mit Geschick und einem guten Plan große Dinge bauen kann. Er dreht Videos, in denen er vorführt, wie man als Chaot ohne Angst vor Elektrizität, Schweißgeräten, scharfen Kanten und Nahtoderfahrungen aller Art viel Spaß dabei haben kann, Dinge auseinander zu nehmen und neu wieder zusammen zu setzen – und am Ende mit etwas Glück und viel Schwund etwas geschaffen zu haben, das so ähnlich ist wie das, was man eigentlich bauen wollte.

Das Ganze ist, so unwahrscheinlich das klingen mag, regelmäßig lehrreich. Wenn Fynn zum Beispiel nach Dutzenden Fehlversuchen darauf kommt, warum die Cocktailwürstchen kein Bild auslösen. „Würstchen funktionieren nicht grundsätzlich“, sagt er dann in die Kamera. „Würstchen funktionieren nur, wenn sie leiten.“ Der Fachbegriff „Kapazitiver Touchscreen“ wird dann eingeblendet, während Fynn sich daran macht, seine waghalsige Konstruktion um einen Draht zu ergänzen, der den Wurstfinger mit der menschlichen Hand verbindet und so für die nötige Leitfähigkeit sorgt.

Er ist ein grandioser norddeutscher Dummschwätzer, eine ADHS-Variante von Dittsche. „Für eine Wurstschussmaschine brauchen wir vier Bar“, doziert er, nur um grinsend hinzuzufügen: „Das ist ein Schätzwert.“ Als er Erde aushebt für einen Teich, sagt er: „Ich untergrabe die Autorität dieses Ackers.“

Überhaupt, der Teich. Der ist am Ende viel größer geworden als geplant, weil ihm ein Nachbar seinen Bagger geliehen hat und „baggern einfach Bock macht“. Wenn man ihn dabei sieht, glücklich wie ein Kind, ist man versucht zu sagen, dass das Hauptproblem von Youtube, ach, der ganzen Welt ist, dass nicht genug gebaggert wird.

Definitiv aber gibt es nicht genug Fynns. Seine Kamikaze-Heimwerker-Videos sind ein fantastisches Gegenprogramm zu den Frauen, die Drogerieartikel auspacken, und Männern, die am Computer spielen. Und praktisch sind sie auch noch! Zuletzt hat er einem Kumpel die große Maschine „gepimpt“, mit der auf dem Rübenacker die Steine aussortiert, wobei er aber immer blöd ums Gerät herumlaufen musste, um es aus- und wieder einzuschalten. „Diese Anleitung dürfte für sehr viel Menschen interessant sein“, schreibt der Fynn dazu, „da ja jeder dieses Problem kennt und selbst so eine Maschine besitzt. Daher gehe ich davon aus, hiermit Gangnam Style recht flott vom Youtube-Thron zu stürzen.“

Voll krass: Der WDR macht einen auf YouTube

30 Jan 15
30. Januar 2015

Der WDR macht jetzt auch YouTube-Videos – oder jedenfalls das, was er dafür hält: Kurze, halbwegs schnell geschnittene Filme, in denen junge Menschen mit aufgerissenen Augen, größeren Armrudereien und Stimmen, gegen die Verona Feldbusch wie Elmar Gunsch wirkt, in voll krasser Jugendsprache irgendwelches Zeug in die Kamera sagen.

Damit Sie sich einen Eindruck davon machen können, ohne sich zuviel davon ansehen zu müssen, habe ich das bisher veröffentlichte Material mal zu einer kaum sinnentstellenden Version verdichtet:

Ich fürchte, da liegen mehrere Missverständnisse vor. Eines der größeren scheint der Glaube zu sein, dass der Erfolg von YouTubern wie LeFloid darauf beruht, dass sie eine bestimmte Art zu reden, zu gestikulieren und zu schneiden haben, und man das bloß kopieren müsse. Ich glaube, dass der Erfolg von LeFloid darauf beruht, dass er wie LeFloid ist. Und wenn man Leute vor die Kamera stellt, die mit aufgesetzten Gesten, Blicken und Formulierungen offenkundig versuchen, YouTuber zu spielen, ist das ziemlich exakt das Gegenteil von dem, was den Reiz von YouTubern ausmacht.

Aber das neue WDR-Angebot, das unter dem Namen #3sechzich junge Leute zwischen 20 und 30 erreichen soll, ist nicht nur rätselhaft, unfreiwillig komisch und ein bisschen affig. Es ist ernsthaft ärgerlich. Und das liegt nicht an der Art der Präsentation, sondern an dem, was der WDR da präsentiert.

In der ersten Folge geht es um Pegida in Duisburg. „Denn dort wurde heute eine Demonstration anberaumt“, kiekst Moderatorin „m3lly“, „und wir gucken doch am besten noch mal nach, was die da eigentlich wollen.“ Es folgt ein Ausschnitt, bei dem eine Rednerin auf der Demonstration beklagt, dass in London angeblich der meistbenutzte Baby-Name Mohammed ist. Kleiner Haken: Anders als die WDR-YouTuber suggerieren, stammt die Szene gar nicht von jener Demonstration. Sie stammt, wie sich auf Nachfrage von verärgerten Teilnehmern herausstellte, nicht mal aus Duisburg. Kommt wohl nicht so drauf an.

Jonas Wixforth, der das Projekt mitentwickelt hat, sagt auf wdr.de:

„Der Presenter darf und soll seine eigene Meinung einbringen, denn wir wollen mit der Community ins Gespräch kommen. Natürlich liefern wir dazu recherchierte Fakten, es steht schließlich immer noch WDR oben drüber.“

Der Text erzählt dann, was das in der Praxis für YouTuber-Darsteller Tim Schrankel und Autorin Susanna Zdrzalek bedeutet:

15:30 Uhr: Tim und Susanna haben inzwischen schon viele Informationen und Fakten gesammelt. Zum Beispiel, dass die 2.500 Gäste des Weltwirtschaftsforums mit 1.700 Privatfjets einfliegen. „Da könntest du einen Papierflieger werfen“, schlägt Susanna vor. Tim ergänzt die Idee: „Und dann erzähle ich, dass es dort auch um den Klimawandel gehen soll.“

Jahaha, Papierflieger, Klimawandel. Die vermeintliche Ironie mit den 1700 Privatjets stand an jenem Tag ungefähr überall – stellte sich allerdings als grobe Übertreibung heraus. (Nachtrag, 20:55 Uhr. WDR#3sechzich hatte den Fehler allerdings „zeitnah“ in der „Infobox“ korrigiert.)

Der Tim fand die ganze Idee mit dem Weltwirtschaftsforum aber eh Quatsch, weil sich die kompletten Probleme der Welt eh nicht in so kurzer Zeit lösen ließen:

Meiner Meinung nach kann da innerhalb von vier Tagen überhaupt nichts bei rumkommen.

Ach so, gut, na dann.

Den vorläufigen Tiefpunkt öffentlich-rechtlicher YouTube-Unterhaltung bildet allerdings die Folge mit dem Titel „Super Mario vs deutsche Spar-Streber / Die Geldschwemme der EZB“. Mit atemberaubender Denkfaulheit schimpft YouTuber-Darstellerin und 1Live-Moderatorin Freddie Schürheck darin über die trägen Südländer, die es sich auf unsere Kosten gutgehen lassen.

Alles daran ist furchtbar. Der gescheiterte Versuch, das Problem der Deflation zu erklären. Die Idee, Arbeitslosigkeit durch Smarties dazustellen. Die Forderung, die Krisenländer sollten doch „einfach mal Reformen starten“. Das Bild, dass „wir“ Deutschen uns „abrackern“, während die faulen Südeuropäer Rotwein saufend in der Sonne sitzen und uns auslachen.

Das Ressentimentgegurgel mündet in folgende, äh, Argumentation:

Lieber EZB-Präsident Mario Draghi. Nur weil du einen auf Super-Mario machst, heißt das noch lange nicht, dass du das Spiel auch gewinnst. Wer weiß schon, ob deine Strategie funktioniert. Nur weil auf einmal wieder Geld in den Krisenländern ist, heißt das noch lange nicht, dass dann auch wieder in Utnernehmen und Fabriken investiert wird. Und jetzt mal unter uns: Haben wir jetzt dank der EZB-Aktion auf einmal zwei Lager in Europa? Wir sind die Nerds mit dem Sparkurs. Und die Krisenländer, das sind die Abschreiber aus der letzten Reihe. So nach dem Motto: Läuft schon irgendwie….

Wir sind die Nerds mit dem Sparkurs, und in Griechenland leben die Menschen jetzt aus Daffke massenhaft ohne Strom, ohne Krankenversicherung, in bitterer Armut. Unbedingt in der ganzen affektierten Arroganz im Original ansehen:

Klar, das alles soll ein „Experiment“ sein, und es ist auch richtig, dass man beim Ausprobieren Fehler machen darf, aber — gleich so viele?

Das kann ja lustig werden mit dem öffentlich-rechtlichen Jugendkanal im Internet.

Nachtrag, 20:25 Uhr. Jonas Wixforth antwortet auf seiner Facebookseite.

Die Emanzipation der Youtuber

03 Nov 14
3. November 2014
Krautreporter

Videoblogs boomen, aber im Wachstums- und Kommerzialisierungsrausch droht der Zauber des Mediums unter die Räder zu kommen. Eine Gruppe bekannter Youtuber will mit einem Verein Alternativen entwickeln und über Inhalte reden, nicht über Klickzahlen. Sie suchen auch nach ihrem eigenen Selbstverständnis.


Foto: www.svensonpictures.com

Ein Dachgeschoss-Loft in einer ehemaligen Fabrik in Berlin-Neukölln. Marie Meimberg steht am Kochblock und macht Käse-Spätzle, viele Käse-Spätzle. Eine Auflaufform voll steht schon im Backofen, in eine zweite schichtet sie abwechselnd frische Nudeln und Käse. Kerzen brennen, große Weingläser stehen bereit, im Hintergrund läuft unaufdringliche Jazzmusik, quer durch den großen, offenen Wohnbereich hängen noch Girlanden von einer Geburtstagsfeier in der letzten Woche, in der Ecke steht ein Fußball-Kicker.

Es wirkt, als hätte man sich in eine ZDF-Familienserie verlaufen.

Marie erwartet Gäste. Es ist Vereinsabend. Alle paar Wochen treffen sich die Mitglieder des Vereins „301+“, lassen es sich gut gehen und arbeiten an der Rettung der Youtube-Szene in Deutschland.

15 Freunde zwischen 21 und 31 sind sie, Studenten, Selbständige. Marie ist dabei, die persönliche Filme macht; Dominik, der versponnene Filme macht; Steven und Rick, die lustige Filme machen; Marti, der musikalische Filme macht, Robert, der Filmkritik-Filme macht. Die bekanntesten sind Nilam Farooq, die als daaruum über Mode und Lifestyle bloggt, und Florian Mundt, der als LeFloid das Zeitgeschehen kommentiert und den seine Freunde hier „Flo“ nennen.


Foto: www.svensonpictures.com

Die Szene der Youtuber wächst gerade wie blöd. Große Unternehmen, teils mit Millionen im Rücken, versuchen von dem Boom zu profitieren und heizen ihn weiter an. Sie vermarkten und vernetzen die einzelnen Videoblogger, helfen ihnen, ihr Publikum zu vergrößern und Geld zu verdienen. Worum es ihnen geht, formuliert Christoph Krachten, Präsident des größten Netzwerkes Mediakraft, in erstaunlicher Klarheit: „Wachstum, Wachstum, Wachstum!“

Die 15 Freunde von „301+“ eint der Gedanke, dass das nicht alles sein kann. Und die Sorge, dass bei dem Tempo und der Art des Wachstums gerade das auf der Strecke bleiben könnte, was den Reiz des Mediums eigentlich ausmacht. „Alles, was ich an Youtube immer propagiert habe, warum es so geil ist, dass ich mein eigener Herr über alles bin – das verkommt langsam“, sagt Flo. „Uns verbindet die Sorge um den guten Content und die Community.“

Er ist einer der erfolgreichsten. Sein Videokanal hat über zwei Millionen Abonnenten. Der Erfolg führt in dem Klima der überhitzten Kommerzialisierung und Professionalisierung aber nicht dazu, dass auch andere versuchen, ihren Weg zu gehen, sondern dazu, seinen nachzugehen. „Man hat Kanäle wie den von Flo genommen“, erzählt Marie, „und fast schon gesagt: Okay, was macht der? So müssen’s jetzt alle machen. Schlimm finde ich, dass sich die Inhalte angleichen. Jetzt lernen alle: Okay, ich muss möglichst viele Kooperationen machen, ich brauche ein Intro, eine ‚Endcard‘ am Schluss, die auf eine bestimmte Weise aussehen muss; in Minute so-und-so muss ich das tun; das Video darf nicht länger sein als so-und-so …“

„Das sind halt alles Regeln, die eigentlich irrelevant sind!“, sagt Dominik.

„Das ist so ein Quatsch!“, sagt Marie.

Flo, alias LeFloid, sagt, er leide darunter, wie sehr die kommerziellen Netzwerke den Nachwuchs beeinflussen, in jeglicher Hinsicht: „Heute werden Nachwuchs-Youtuber herangezüchtet, mit dem Versprechen, sie werden der nächste große, geile Shit – und das betrifft jedes einzelne Netzwerk, nicht nur Mediakraft. Das Problem daran ist, dass man sich heute mit Nachwuchskünstlern auseinandersetzen muss, die einen anderen Antrieb haben als wir. Die gar nicht mehr eine intrinsische Motivation haben, sondern aufgepumpt und hochgezüchtet werden und sich dann fragen: ‚Warum zur Hölle hab ich nach 14 Tagen immer noch nicht 100.000 Abonnenten?‘, ‚Warum wollen meine Netzwerk-Kollegen von Y-Titty mit drei Millionen Abonnenten jetzt nicht mit mir mit meinen 1.000 Abos kollaborieren, das müssen die doch machen.‘ Dieser Anspruch auf Erfolg, der da künstlich eingeimpft wird in jeden kleinen Hoffnungsträger, macht meiner Meinung nach vieles kaputt, was den kreativen Input angeht, die reine Motivation aus sich selbst heraus.“

So sind sie, diese jungen Youtube-Leute. Reden sich in Rage und bringen trotzdem noch Worte wie „intrinsische Motivation“ unter.

LeFloid hat gerade bekannt gegeben, dass er sich von Mediakraft trennen wird, und für ein Unternehmen, das derart zahlenfixiert ist, ist das ein besonders bitterer Verlust. Was man so hört, klingt nicht danach, als ob beide harmonisch auseinandergehen würden.

Die Netzwerke sind ein Teil des Problems, wobei den „301+“-Leuten wichtig ist, dass sie sich nicht als Gegner der Netzwerke verstehen. Sie wollen nur zeigen, dass es auch einen anderen Weg geben kann, in dieser Youtube-Welt, einen eigenständigen. Das ist gar nicht selbstverständlich, wie Robin alias RobBubble besonders handfest erlebte, als man ihn nicht bei den Videodays reinlassen wollte, dem jährlichen Mega-Event der Szene in Köln, bei dem viele Tausend Fans ihre Stars treffen. „Bei der Akkreditierung am Eingang wurde ich gefragt, zu welchem Netzwerk ich gehöre. Ich hab gesagt: Bei keinem. Da hieß es: Das geht nicht.“

Es muss eine lustige Szene gewesen sein, denn von den Fans war er längst erkannt worden und musste schon Autogramme geben. Sie ließen ihn schließlich rein.

Robin sagt: „Die Leute sehen uns und sehen, dass es auch anders gehen kann. Wir wollen den Markt ein bisschen aufrütteln, dann kann jeder selbst entscheiden. Ich bin auch ein großer Fan von dem, was Netzwerke leisten können. Nur haben sie momentan eine gewisse Monopolstellung. In Zukunft gehen Leute vielleicht nur dahin, wenn es wirklich für sie einen Mehrwert hat.“

Auch die Gründung von „301+“ hängt mit einem Abschied von einem Netzwerk zusammen: Vor einem halben Jahr hatte Marie bei Mediakraft gekündigt, wo sie als „gute Fee“ gearbeitet hat. „Es gab danach ganz viele, die mir angeboten haben, ein Netzwerk zu gründen. Mir war aber klar, wir brauchen jetzt nicht noch ein Netzwerk in dieser Szene, die sich fast schon anfühlt wie eine Immobilienblase, wo viel zu viele Netzwerke um viel zu wenige Youtuber buhlen.“ Sie fand dann ganz andere Themen relevant, die gerade im Gegenpart zur Wachstumsfixierung und Professionalisierung liegen: „Wo diskutieren Creators über ihre Verantwortung? Wann übernehmen sie Verantwortung? Wie wollen sie selber die Szene mitgestalten und sich nicht nur von ihrem Netzwerk vertreten lassen?“

Von einem „Empowerment“ der Videoblogger spricht sie. Es fallen dann noch Begriffe wie „Emanzipation“ und „Nachhaltigkeit“. Rick von den Space Frogs legt Wert darauf zu betonen, dass es nicht nur darum ging, dass sie unzufrieden waren, und Marie stimmt zu: „Es war schon eher ein positiver Moment.“

Sie verstehen sich als Freundeskreis, aber es war ihnen auch wichtig, zu zeigen, dass es ihnen ernst ist, dass das hier nicht nur eine Bierlaune ist. So entschlossen sie sich, den formellen, umständlichen und irgendwie merkwürdig altmodischen Weg zu wählen, einen richtigen deutschen Verein zu gründen, mit Schatzmeister und Protokollen und allem. Die Form ist eine klare Distanzierung von Netzwerken und gewinnorientierten Agenturen. Und sie soll auffallen, eine gewisse Resonanz hervorrufen, wie Flo sagt: „Damit die Leute sehen, es ist ein Bündnis.“ (Der Name „301+“ steht übrigens für die Zahl, die bei Youtube früher lange pauschal eingeblendet wurde, wenn ein Video mehr als 300 Abrufe hatte.)

Sie waren schon bei den Leuten von Youtube und haben Wünsche und Anliegen vorgetragen. Sie reden mit vielen. Und sie finden es nur halb abwegig, wenn man sie mit einer Gewerkschaft vergleicht – wobei sie erst einmal herausfinden müssen, was sie überhaupt leisten können und wollen. Rechtsberatung zum Beispiel sicher nicht, aber bei vielen Youtubern, meinen sie, würde schon der gute Rat helfen, einen Anwalt über die Verträge schauen zu lassen, die man unterschreibt.

Vor allem aber soll ihr Verein ein Ort sein, an dem man sich austauscht über das, was man tut. Über Inhalte statt über Reichweite. Und über das eigene Selbstverständnis.

Es ist ein merkwürdiges Medium, dieses Youtube, mit einem ganz besonderen Verhältnis zwischen den Machern und dem Publikum. Es ist unmittelbar, ungefiltert und sehr persönlich. Und trotzdem ein Massenmedium. Diese Kombination aus großer Nähe und großem Publikum ist nicht ohne Probleme, und damit ist nicht einmal gemeint, dass LeFloid nicht mehr zum Elektronikmarkt gehen kann, ohne eine halbe Stunde lang von einer Traube von Menschen belagert zu werden. Bei den Videodays haben Fans teilweise mehrere Stunden angestanden und konnten ihre Idole trotzdem nicht treffen – ein Scheißgefühl, wie LeFloid sagt.

Marie hat Anfang Oktober ein bemerkenswertes Video gemacht, das die besondere Beziehung zwischen den Youtubern und ihren Zuschauern thematisiert. Sie hat es „Ich bin nicht Eure Freundin!“ genannt und sagt darin:

„Ich habe das Gefühl, dass wir uns auf Youtube was vormachen, weil wir der Realität nicht ins Auge sehen und festhalten an einer Idee, die schon lange nicht mehr der Realität entspricht. Wir reden davon, dass wir alle auf einer Augenhöhe sind, dass Youtuber keine Stars sind und wir alle besser und anders sind als Fernsehen und Megastars und hastenichtgesehen. Aber das ist inzwischen nicht mehr wahr. Ich glaube, dass das Problem darin besteht, dass wenig Leute sagen, was Sache ist, weil man an dieser Illusion festhalten will. Dadurch verpassen wir aber die Möglichkeit, dieser Tendenz entgegenzuwirken oder zumindest ein Dazwischen zu finden. (…)

Wenn euch irgendjemand sagt, mit was weiß ich wieviel Tausend Abonnenten, dass jeder Abonnent ein Freund ist, dann lügt der euch einfach an. Dann ist das Quatsch. Das ist Quatsch. Und auch gefährlich, glaube ich.“

Es ist ein Video, das tastend nach einer Alternative sucht, etwas Neuem, einem Zwischending zwischen der Illusion von Freundschaft zwischen Youtube-Filmer und Youtube-Gucker einerseits und andererseits dem Verhältnis von Stars, die auf der Bühne stehen und von Fans, die vor der Bühne stehen, angehimmelt werden.

„Viele von uns wollen nicht nur Fans“, sagt Dominik, „sondern Leute, mit denen wir uns austauschen, wo Dialog entsteht.“ Das Thema beschäftigt sie alle.

„Wenn du dich für ein Leben mit Youtube entschieden hast“, sagt LeFloid, „bist du einen 24/7-Vertrag mit dir und deiner Arbeit eingegangen. Es wird einfach irgendwann ein Teil von dir, denn du bist verantwortlich für alles. Du bist verantwortlich für vieles und, wenn du darüber nachdenkst, auch für viele. Denn du hast bei vielen einen sehr, sehr hohen Stellenwert. Du bist irgendwann der große Bruder, die große Schwester. Das geht schon sehr nahe – dessen muss man sich auch bewusst sein.“

Ihr Verein ist ein Schritt aus dem Hamsterrad, um sich gemeinsam Gedanken zu machen, vielleicht der Anfang einer Independent- Bewegung, aber das ist alles noch offen. Langfristig, meint Marie, könnte so eine Youtuber-Emanzipation auch den großen Netzwerken zugute kommen: „Weil sie dann mit Leuten zu tun haben, die sich Gedanken gemacht haben, was sie wollen und was nicht.“