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Stefan Niggemeier | ZDF

Tag Archive for: ZDF

Böhmermann: Wir haben das Varoufakis-Video gefälscht

18 Mrz 15
18. März 2015

Jan Böhmermann sagt:

Liebe Redaktion von Günther Jauch. Yanis Varoufakis hat Unrecht. Ihr habt das Video nicht gefälscht. Ihr habt einfach das Video nur aus dem Zusammenhang gerissen und nen griechischen Politiker am Stinkefinger durchs Studio gezogen. Damit sich Muddi und Vaddi abends nach dem „Tatort“ nochmal schön aufregen können. „Der Ausländer! Raus aus Europa mit dem! Er ist arm und nimmt uns Deutschen das Geld weg. Das gibt’s ja wohl gar nicht. Wir sind hier die Chefs! So!“ Das habt ihr gemacht.

Und der Rest ist von uns.

Böhmermann behauptet, dass er für seine ZDF-Late-Night-Show „Neo Magazin Royale“ zusammen mit dem Subversive Festival Zagreb das inzwischen berühmte „Stinkefinger“-Video von Varoufakis gefälscht hat. Im Original habe es keine entsprechende Geste gegeben. Aber sehen Sie selbst:

Nun kann es natürlich sein, dass das das eigentliche Fake ist, also, die Behauptung, das Video gefälscht zu haben. Es ist am Ende eine Frage der Glaubwürdigkeit.

Entweder man glaubt Böhmermann. Oder der ganzen deutschen Medienmeute, NDR, Günther Jauch, Ernst Elitz*, „Bild“-Zeitung.

Klare Sache.

„Bei manchen Artikeln hatten wir wahrlich das Gefühl, wir säßen quasi schon im Schützengraben“

13 Jan 15
13. Januar 2015
Krautreporter

Die ZDF-Sendung „Die Anstalt“ hat im vergangenen Jahr Furore gemacht und der Satireshow eine ungeahnte Relevanz verschafft. Ein Gespräch mit den Kabarettisten Max Uthoff und Claus von Wagner und dem Redakteur Dietrich Krauss über die Ursachen von Meinungseinfalt, die Verwilderung des Diskurses und Kabarett als Gegenöffentlichkeit.

Herr Uthoff, Herr von Wagner, Sind Sie auch Charlie?

Max Uthoff: Wir sind traurig und fassungslos, aber wir können nicht zeichnen.

Sind Sie verblüfft, wer jetzt alles Charlie ist und flammende Appelle verfasst für die Freiheit und die Satire, inklusive dem Recht, auch anstößig zu sein und weit übers Ziel hinauszuschießen?

Claus von Wagner: Wir freuen uns, dass sämtliche deutschen Zeitungen erklärt haben, dass Satire – auch verletzende – nicht nur gewollt, sondern integraler Bestandteil der Meinungsfreiheit und damit der Demokratie ist. Wir überlegen uns ernsthaft, davon dieses Jahr Gebrauch zu machen.

Was ändert sich durch die Anschläge für ihre Arbeit?

Uthoff: Wir haben Frauen, Kinder, Autos und Schulden. Und versuchen im Rahmen dieser Möglichkeit weiter so frech wie möglich zu sein.

Wie war Ihr erstes Jahr in der „Anstalt“?

Uthoff: Knorke.


Wagner: „Knorke“, das reicht dir?

Uthoff: Das reicht mir. Mach du’s genauer. Wagner: Das ist die Aufgabenverteilung… Uthoff: Herr von Wagner muss differenzieren.

Wagner: Es hat uns mitten in einen Sturm hineingeworfen. Das war ziemlich spannend, wie viele Menschen unser „Kunstwerk“ aufgenommen und was sie damit gemacht haben.

Uthoff: „Kunstwerk“! Hört, hört.

Krauss: Wir sind schon sehr glücklich, dass das eine so große Resonanz hat, auch bei jungen Leuten. Dass das im Internet massenhaft rumgeschickt wird. Dass man mit sowas Altmodischem wie Kabarett und Aufklärung etwas rocken kann.

Haben Sie sich das vorher so vorgestellt?

Uthoff: Wir haben uns keine Vorstellungen gemacht. Wir konnten ja eigentlich nur verlieren, die Fußstapfen waren so groß, dass wir die Ränder nicht mehr gesehen haben, und dann haben wir gesagt: Was würde uns Spaß machen, und losgelegt, ohne auch nur einen Gedanken an die Rezeption zu verschwenden.

Aber Sie haben sich ja vermutlich ein Konzept überlegt.

Krauss: Wir wollten schon tiefer in die Themen einsteigen, kein Aktualitäts-Themen-Hopping machen, sondern hintergründiger, informativer, journalistischer sein.

Hatten Sie sich vorher überlegt, welche Wirkung Ihr Kabarett haben soll – darüber hinaus, Menschen eine Stunde lang zu unterhalten?

Uthoff: Ich mache Kabarett jetzt schon eine ganze Weile. Meine Eltern haben 1965 ein Kabarett in München aufgemacht. Ich mache mir über die Wirkungsweise von Kabarett keine allzu großen Illusionen. Umso überraschter war ich, dass Kabarett offensichtlich heutzutage wieder Diskussionen anstoßen kann, weil wir Informationen reinholen in ein Medium, in dem sie vorher so nicht diskutiert worden sind. Dass das auf so fruchtbaren Boden fällt, hat mich überrascht. Trotzdem glaube ich, werden wir die Revolution jetzt noch nicht schaffen.

Wagner: Wenn du das Kabarett herausnimmst aus seinem geschützten Raum, den Theater- und Kellerräumen, und wenn du dann diesen Flimmerkasten außen rum hast und ein Logo wie ZDF steht rechts oben in der Ecke, dann hat das plötzlich eine andere Wucht.

Krauss: Es war aber auch ein bisschen in Vergessenheit geraten, dass man Kabarett auch mit Fakten füllen kann und nicht nur mit Gags.

Uthoff: Als mein Vater angefangen hat, gab es drei Fernsehsender und keine investigativen Magazine. Da wurden auf der Bühne Dinge diskutiert, die sonst nicht stattgefunden haben. Das machen wir jetzt auch wieder ein bisschen.

Kabarett, das die Leute so bewegt, schien es kaum noch zu geben. Entweder lachte man affirmativ unter sich über die gemeinsamen politischen Gegner. Oder es war Comedy, die nichts anderes will als die Pointe.

Uthoff: Ich glaube, es gibt genügend Kollegen, die in den letzten zehn, fünfzehn Jahren nicht weich geworden sind, sondern tolle Sachen machen. Es ist aber interessant, über die Wirkung nachzudenken, die wir anscheinend erzeugen. Diese positive Resonanz, mit der unsere Sendung aufgenommen wird, spiegelt ja eine Unzufriedenheit mit der Art der Information in anderen Bereichen wider.

Wie bewerten Sie denn die Medienlandschaft? Die These von vielen Ihrer Fans scheint ja zu sein: Die sind alle gleichgeschaltet, gekauft, und die wirklich interessanten Dinge erzählen die uns nicht.

Krauss: Ich komme ja direkt von den angeblich „gleichgeschalteten“ Medien. Ich habe die letzten zwanzig Jahre als Journalist frei für die ARD gearbeitet. Aus dieser Perspektive kann ich nur sagen: Wer mit guten Argumenten für seine Themen und Positionen kämpft, bekommt am Ende dort auch Sendezeit. Aber bei allem guten Journalismus, den es gibt, empfinde ich doch auch in der Summe als Zuschauer bei den großen, wichtigen Fragen – Sozialreformen, Rentenreformen, die außenpolitische Neuausrichtung – das Meinungsspektrum als sehr eingeengt. Das ist das Erbe dieses Wortes „alternativlos“, das bedeutet ja, bestimme Entwicklungen müssen einfach vollzogen werden. Und jeder, der das nicht tut, der hat’s nicht kapiert. Das ist ein Unbehagen, das mich schon auch vor der Ukraine-Thematik genervt hat.

Uthoff: Beim Ukraine-Konflikt kommen noch besondere Emotionen hinzu. In dem Moment, in dem Leute sterben, in dem Kriegsgefahr hochkommt, verstärkt sich das normale Unbehagen erheblich. Das war auch ein Grund für den großen Aufschlag bei den Zuschauern: Dass sie uns dankbar waren, dass wir formuliert haben, was in den größeren Medien nicht vorkommt.

Warum tut es das nicht?

Uthoff: Ich glaube nicht, dass da eine konzertierte Aktion stattfindet. Ich glaube nur, dass in manchen Redaktionen die immer gleichen Begriffe, die immer gleichen Einstellungen vorherrschen und die Journalisten in einer freiwilligen Selbstkontrolle die andere Seite nicht mehr recherchieren oder formulieren, weil sie dann das angenehme Betriebsklima stören würden.

Krauss: Viel von der Meinungseinfalt kommt vielleicht auch einfach aus Bequemlichkeit. Es gibt wohl auch im Journalismus wie überall viele Leute, die es gern bequem haben und die gängigen politischen Deutungen nicht kritisch hinterfragen.

Wagner: Ich denke, es fängt schon bei der Ausbildung von Journalisten an: Die lernen vielleicht, wie man den Redaktionsalltag beherrscht, machen tausende von Praktika und bekommen die Feedbacks dann meistens aus der Redaktion, nicht von außen. Man muss bewusst versuchen, Perspektivenverschiebungen herbeizuführen, neue Blickwinkel zu präsentieren. Das muss man aber auch wollen: dass man abweichende Meinungen schätzt und „fordert und fördert“.

Uthoff: Der Ukraine-Konflikte kannte in den Zeitungen im ersten Dreivierteljahr 2014 nur eine Sichtweise. Es hätte dem Ganzen gutgetan, die andere Seite einfach darzustellen. Man kann ja trotzdem sagen, die haben Unrecht, wir bleiben bei unserer Meinung.

Wagner: Sobald es um Krieg geht, gibt es so eine Dichotomie. Plötzlich waren Fronten da: Du bist auf der einen Seite oder auf der anderen. Allein dass du das Gefühl hast, es gibt ein Lagerdenken, verengt den Diskurs – wie Gabor Steingart im „Handelsblatt“ geschrieben hat: „auf Schießschartengröße“.

Sie haben das aber ja auch mitbefeuert. All den Leuten, die glauben, die Journalisten sind alle gekauft, haben Sie ja noch viel Munition gegeben…

Wagner: Sind wir es, die die Munition geliefert haben oder die Journalisten? Wir haben doch nur das gespiegelt, was die genannten Journalisten oder Zeitungen veröffentlicht haben.

Der Studie von Uwe Krüger über transatlantische Netzwerke haben Sie eine ungeahnte Verbreitung verschafft. Dahinter steckt auch die Unterstellung, wie Sie es jetzt in der Sendung formuliert haben: „Die sind alle im Arsch der Amerikaner.“

Uthoff: Dieser Satz ist natürlich Überspitzung. Wir machen Satire. Mein Job ist es nicht zu differenzieren. Ich finde, überspitzt konnte man das schon so sagen. Natürlich läuft man dann Gefahr, gedisst zu werden mit Schlagwörtern, mundtot gemacht zu werden als „Putinversteher“ und dergleichen. Wir haben niemals gesagt, dass wir Wladimir Putin für einen großartigen Herrscher und weisen Mann halten. Das wird uns auch nie einfallen. Aber die andere Seite zu beleuchten, führt sofort zu einer Abwehrreaktion und zu einem Mundtotmachen mit Schlagwörtern.

Wagner: Zumal der Ausgangspunkt ja eine sehr differenzierte Betrachtung war. Wir haben uns mit einzelnen Journalisten bei einzelnen Zeitungen beschäftigt. Anstatt einen sehr breiten Strich zu machen, was Kabarett sonst tut, haben wir sehr kleine Striche gemacht – über deren Zahl wir dann auch vor Gericht verhandeln mussten. Ich kenne zu viele gute Journalisten, als dass ich das Kind mit dem Bade ausschütten möchte.

Uthoff: Wir sind weit davon entfernt, die Presse pauschal zu verdammen. Wir suchen uns ein Thema raus, den Ukraine-Konflikt, dann stellen wir fest, auch durch Krügers Studie, Moment mal, kann es sein, dass die alle da in denselben Organisationen stecken, warum machen die das nicht öffentlich?

Krauss: Ein Journalist hat uns auf die Frage „Warum berichten Sie nicht über die Rechtsradikalen in der Ukraine“ gesagt: Damit würden wir ja der Putin-Propaganda Futter liefen. Wenn uns das ein Journalist sagt, das erzählt doch schon viel, wie da der Filter funktioniert. Man ordnet die Faktenwahrheit diesem Lagerdenken unter. Gleichzeitig ist es nicht so, dass wir diese Lücke füllen können. Denn die Kriterien für gutes Kabarett sind ganz andere als für guten Journalismus. Wir haben unseren Spaß dran, die Informationen, die unter den Teppich gekehrt werden, herauszuziehen und hochzuhalten. Das ist natürlich nur ein Ausschnitt. Und das muss auch noch witzig sein.

Das ist ja eine besondere Gratwanderung, wenn Sie Information vermitteln wollen. Welchen Maßstab muss man dann an Ihre Aussagen legen dürfen? Reicht es dann wirklich aus, hinterher zu sagen, naja, ist ja nur Satire, die darf verzerren; Kabarett, da darf man nicht die Genauigkeit verlangen wie von Journalismus?

Krauss: Wir sind so genau, wie das im Rahmen von Satire möglich ist. Dazu gibt es eine lange Rechtsprechung.Die Justiz unterscheidet bei Satire zwischen Tatsachenkern und satirischer Einkleidung. Das Kabarett lebt davon, Fakten zuzuspitzen, die aber müssen stimmen. Und genau diesem Anspruch sind wir laut Landgericht Hamburg gerecht geworden, da wir im Falle von Herrn Dr. Joffe eine dichte Vernetzung mit transatlantischen Organisationen haben nachweisen können. „Die Tatsache, dass es sich lediglich um sieben und nicht um acht Verbindungen handelt, (… ist) nicht geeignet, den sozialen Geltungsanspruch von Herr Dr. Joffe zu beeinträchtigen“, sagt das Gericht.

Uthoff: Wenn wir die Ukraine-Berichterstattung anschauen, werde ich praktisch gezwungen, mich im Internet auf Seiten rumzutreiben, auf denen ich eigentlich gar nicht sein will. Aber wenn ich dort als einziges den Ausschnitt zu sehen kriege, auf dem man sieht, dass ein Separatist nach dem Absturz der MH 17 in der Ost-Ukraine einen Teddy nicht nur als Trophäe hochhält, sondern sich bekreuzigt und kurz Demut und Trauer zulässt, dann frage ich mich schon, warum manche Fakten es nicht in die professionelle Berichterstattung schaffen.

Andererseits langen Sie auch grob zu. Sie haben die deutsche Presse versammelt im Schützengraben gezeigt.

Uthoff: Das war ein satirisches Bild. Und ist auf dem Höhepunkt der öffentlichen Auseinandersetzung um die Ukraine entstanden. Und bei manchen Artikeln hatten wir wahrlich das Gefühl, wir säßen quasi schon im Schützengraben.

Wagner: Bei allzu großer Differenzierung löst sich Kabarett auch irgendwann auf. Jeder „kann einen ordentlichen Puff vertragen“, hat Tucholsky in seinem berühmten „Satire darf alles“-Text 1919 geschrieben. Und: „Es leiden die Gerechten mit den Ungerechten.“ Das ist die Tradition, auf die wir uns berufen, da kommen Kabarett und Satire her. Da geht mir manchmal auch die Satire-Kompetenz bei denen ab, die das bewerten.

Machen Sie sich keine Sorgen über Beifall von der falschen Seite?

Wagner: Es ist ein Kunstwerk, das man hinstellt, und dann wird etwas damit gemacht. Gerhard Polt hat einmal in einem Bierzelt vor tausenden von Leuten einen Typen gespielt, der sagt: „Stellen Sie sich einmal so ein Alpenpanorama vor – in so einem Bild hat doch ein Neger nichts zu suchen!“ Er bekommt dafür dann in diesem Bierzelt Applaus. Damals konntest du nicht genau orten: Haben die die Satire dechiffriert? Oder es einfach überhaupt nicht verstanden? Satire läuft immer Gefahr, missverstanden zu werden.

Uthoff: Man sollte sich über die Rezeption nicht allzuviel Gedanken machen, sonst versucht man, nach den Wünschen möglichst vieler Kunden oder Abnehmer oder Zuschauer zu schreiben.

Aber es gibt nicht den Plan, im neuen Jahr eine Sendung zu machen, wo zum Beispiel den Russia-Today-Fans mal das Grinsen aus dem Gesicht rutscht?

Wagner: Wir schreiben keine Nummer gezielt, um ein bestimmtes Publikum zu ärgern. Ich mag auch Diskussionsstopper nicht. So Worte wie „Putinversteher“. Das ist ja auch, was man bei Talkshows immer wieder erlebt, dass Diskutanten reingehen mit einer festen Meinung, nur um ihr Lager zu vertreten. Ich träume davon, dass einer mal in einer Talkshow sagt: „Oh, das ist ja hochinteressant, das wusste ich nicht. Lassen sie uns dem gemeinsam nachgehen.“ Das ist auch etwas, das ich auch gern in Zeitungen mehr lesen würde, dass eine Unsicherheit spürbar wird, die klar macht, es gibt noch andere Seiten, noch andere Richtungen, in die man denken könnte.

Herr Uthoff, in einem Interview mit „Telepolis“ haben Sie gesagt: „Die Leser werden es sich nicht auf Dauer gefallen lassen, bei Kritik oder abweichenden Meinungen wahlweise ignoriert oder denunziert zu werden.“ Das war auf die Ukraine bezogen, klingt aber womöglich anders, wenn es um Pegida geht.

Uthoff: Ich glaube schon, dass es einen Unterschied gibt zwischen differenzierten Argumentationen und dumpfen Ressentiments. Wenn die wenigstens die Backen aufmachen und klar sagen würden, was sie wollen. Aber als Mahnwache schweigend, mit schwarz-rot-gold angemalten Kreuzen durch die Straßen ziehen, das halte ich für das Gegenteil von Diskussion und Aufforderung zur Diskussion.

Und da ist es, anders als bei der Ukraine, gut, wenn Medien eine Grenze ziehen und sagen: Hier hört unser Verständnis auf?

Krauss: Es ist ja schon merkwürdig, dass der Vorwurf der „Systempresse“, der „Einheitsmeinung“ von rechts wie von links kommt. Wir haben uns auch gefragt, ist das nun von der einen Seite gerechtfertigt und von der anderen nicht? Vielleicht besteht zu wenig Mut, sich mit neuen Gruppen wie der AfD oder mit unappetitlichen Meinungen hart argumentativ auseinanderzusetzen, statt sie nur hysterisch auszugrenzen.

Uthoff: Man kann den Ukraine-Konflikt so beurteilen, wie die großen Zeitungen das dieses Jahr getan haben, aber man soll das bitte im Kommentar tun. Aber vorher möchte ich bitte über beide Seiten informiert werden. Mich hat gestört, dass der Journalismus ein bisschen meinungslastig geworden ist und zu viele Adjektive in der normalen Berichterstattung auftauchen.

Wagner: Wo sind eigentlich die Orte, wo man Blattkritik öffentlich macht? Wo ist dieser Austausch, wo man sich selbstkritisch zeigt, anstatt sich nur zu verteidigen? Wir bräuchten Plattformen für einen Ideenaustausch, müssten transparente Kritikformen entwickeln, denn glaubwürdiger Journalismus ist das A und O unseres Gemeinwesens.

Ist denn das, was Sie machen, hilfreich?

Krauss: Auf jeden Fall sehen das die Zuschauer so. Ich finde den riesigen Abstand zum Beispiel auf dem Feld der Außen- und Sicherheitspolitik zwischen dem, was die Bevölkerung für richtig hält, und dem, was die Meinungsführer für richtig halten, für problematisch. Der muss auf irgendeine Art mal zum Ausdruck kommen. Ich vermisse, dass auch ernsthaft Argumente vorkommen, die gegen den herrschenden Kurs existieren. Die Bevölkerung muss mitgenommen oder erzogen werden. Wenn ich Sendungen wie den „Presseclub“ sehe, fällt mir oft „Samstag Nacht“ ein: Fünf Stühle, eine Meinung. Ok, ein Exot ist immer dabei.

Wagner: Kabarett gibt ja oft dem Affen Zucker. Ich ertappe mich auch schon dabei, darüber nachzudenken, ob Kabarett in einer so aufgeheizten Debatte sich vielleicht zurücknehmen muss… Aber in welcher Situation sind wir, wenn sich Kabarett und Satire überlegen müssen, ein bisschen Stoff und Zunder rauszunehmen? Wer müsste sich solche Fragen eigentlich stellen?

Krauss: Es ist wirklich ein Problem, wenn sich jeder diesen polemischen Ton aneignet, wenn dermaßen ausfällig argumentiert wird in diesen Foren, dann macht es einem schon Angst. Klar, du hast auf der Bühne eine herausgehobene Position, und es ist eine Kunstwelt, die ist geschützt, aber wenn das überall passiert, dann verwildert der Diskurs.

Uthoff: Dann müssen wir egoistisch sagen: Wir dürfen das! Das ist unsers!

Wie geht es Ihnen denn mit dem Vorwurf, dass Sie das Sprachrohr von Ken Jebsen sind?!

(Gelächter)

Wagner: Wir sind kein Sprachrohr! Ein Sprachrohr ist hohl. Wir sprechen für uns selbst.

Uthoff: Man kann unsere Sendung wirklich gern kritisieren. Und wenn man sich ein bisschen Mühe gibt und nachdenkt, kann man es auch mit handfesten Argumenten tun. Aber es wurde uns nur ohne Beleg dieses Etikett aufgedrückt. Offenbar um uns in irgendeine Ecke zu stellen.

Krauss: Eine andere Kritik war, dass wir in der Anstalt nur Schwarz- Weiß-Denken kennen ohne intellektuelle Differenzierung. Wir haben uns in der kritisierten Sendung dezidiert mit dem Sachverständigengutachten auseinandergesetzt und eine Diskussion aufgegriffen, die im „Handelsblatt“ über statistische Tricks geführt wird. Wenn das dann quasi nur so wahrgenommen wird als: „Die Anstalt“ findet die Wirtschaft böse… tja. Da beschreibt dann jemand eher seine eigenen Vorurteile als unsere Sendung

In der letzten Sendunghaben Sie auch eine Diskussion gespielt, welche Rolle man als Kabarettist einnehmen will. Wie sehr man ein Kasper ist, der Dinge tut, die niemandem wehtun, und Kapitalismuskritik übt, wie wenn man „seine Eier in Sodawasser hängt: Es bizzelt ein bisschen.“ Hat das einen ernsten Kern von einer Selbstreflektion und den unterschiedlichen Rollen, die Sie selber einnehmen?

Wagner: Ja, die gibt es aber schon immer.

Uthoff: Solange es Kabarett gibt, macht man sich Gedanken über Wirkung.

Krauss: Wir haben die Chance, Informationen oder unsere Meinung auf einer semi-prominenten Plattform darzubieten. Natürlich dreht sich deswegen die Welt nicht sofort anders. Aber man hat die Chance, in einen Meinungsbildungsprozess einzugreifen.

Wagner: Menschen schütten sich Kaffee über den Kopf. Also, das haben wir geschafft. Das bleibt.

Uthoff: Wir machen uns keine großen Illusionen über die Wirkungsweise von Kabarett, aber gerade das vergangene Jahr hat gezeigt: Ein bisschen was kann es zur Diskussion beitragen. Ich glaube, dass Kabarett ein kleiner Teil einer Gegenöffentlichkeit ist.

Wagner: Man muss schon ein bisschen Demut haben, denn man ist eine Stimme im Diskurs, und der besteht aus etlichen Stimmen. Weder haben wir die Wahrheit noch wissen wir alles besser. Wir haben unsere Kunstform, und in der bewegen wir uns, und mit der geben wir etwas in den Diskurs hinein. Was dann rauskommt, ist eine andere Frage.

Wie findet denn das ZDF das?

Wagner: Bisher unterstützen sie uns vorbehaltlos.

Uthoff: Ich hatte ja in der ersten Sendung ein Solo über Gauck, da gab es sofort den Vorwurf einer Beschädigung des Präsidentenamtes. Aber die halten uns wirklich den Rücken frei. Wir dürfen unsere Arbeit machen.

Krauss: Und auch wenn es denen inhaltlich nicht gefallen sollte, erfahren wir zumindest nichts davon.

Es gibt niemanden, der sagt: Jetzt macht doch mal ein bisschen piano?

Wagner: Es hört sich vielleicht unglaublich an, aber: Wir machen tatsächlich was wir wollen.

Uthoff: Wir haben in der Vergangenheit auch andere Erfahrungen gemacht mit kleineren Sendeanstalten. Da ging es teilweise ganz anders zu.

Ach, echt?

Wagner: Ja!

Uthoff: Da waren viele Redakteure der Meinung, sie bestimmen, was gesagt werden darf, das kriegte man dann deutlich zu spüren.

Wie groß ist denn ihr tatsächlicher revolutionärer Impetus? Herr Uthoff, auf Ihrer Homepage steht: „Seit 2007 versuche ich nun, das kapitalistische System mit den Mittel der Satire aus den Angeln zu heben.“ Das ist mutmaßlich Satire, oder?

Uthoff: Ja, aber das Schöne ist: Es ist nur mutmaßlich Satire. Ich wäre schon sehr zufrieden, wenn wir dieses System mal ein bisschen in seine Schranken weisen könnten…

Herr von Wagner hat gerade die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen.

Uthoff: Das tut er häufiger. Das Arbeitsprinzip ist: Ich sage, was mir in den Kopf kommt, und meine beiden Kollegen versuchen, das zurückzustutzen auf ein fernsehtaugliches Format.

Wagner: Naja, man müsste jetzt zum Beispiel den Begriff des „Systems“ diskutieren…

Uthoff: Nein, da müssen wir nicht so viel herumeiern. Es gibt ein kapitalistisches System. Davon hab ich gehört, und ich glaube, man spürt es auch.

Wagner: Na gut… (seufzt).

Was mit „Wetten, dass“ stirbt: Das Genre der „Wetten, dass“-Kritik

13 Dez 14
13. Dezember 2014

Gehen wir zurück ins Jahr 1987 und blenden uns ein in die Rezension der damals noch an einer mittelschweren Parenthesie leidenden „Neuen Zürcher Zeitung“ über die Premiere von Thomas Gottschalk als Moderator von „Wetten, dass“:

Jedenfalls hat der ein überschweres Erbe antretende Gottschalk ein Début gegeben, das sich sehen lassen kann. Nicht mehr der mitunter enervierend „aufgestellte“ Zappelphilipp begegnete einem; zwar nicht domestiziert, aber – zu seinem eigenen Vorteil – zurückgebunden, führte er zunehmend unverkrampfter durch die Wettspielshow, liess die von ihm erwarteten sarkastischen Seitenhiebe nicht missen, dosierte sie aber unter Eliminierung jeder Schnoddrigkeit auf das zuträgliche Mass – und traf mehrheitlich ins Schwarze.

Kann sein, dass das Lampenfieber, das Gottschalk zu Beginn des Abends augenscheinlich gehörig plagte, eine heilsam dämpfende Wirkung zeitigte. Gerade die kleinen Unsicherheiten, die Versprecher, sekundenlang sichtbar werdende Hilflosigkeit, schlagen ja nicht a priori negativ zu Buche. Vielmehr dürften sie die Sympathie des Publikums erhöhen; denn wer mag schon einen perfektionierten Unterhaltungsroboter.

Gelingt es dem zweifellos über eine gute Portion Mutterwitz und handwerkliches Können verfügenden Gottschalk, weder programmierte noch programmierbare menschliche Unmittelbarkeit dieser Art beizubehalten, zugleich die paar negativ wirkenden Misstritte – etwa die abrupte Unterbrechung von Gesprächspartnern oder andere, sofort als Zeichen von Kaltschnäuzigkeit ausgelegte Ungereimtheiten im Umgang mit seinen Gästen – zu vermeiden, ist er auf einem guten Weg.

Mit „Wetten, dass“ stirbt heute auch das Genre der „Wetten, dass“-Kritik. Jemand müsste mal nachhalten, wie viele Quadratkilometer Platz dadurch jährlich in deutschen Tageszeitungen frei werden und wie viele Kapazitäten in den Online-Redaktionen. Abgesehen vielleicht vom „Tatort“ ist wohl keine Fernsehsendung hierzulande so manisch und obsessiv besprochen worden wie diese Show.

Eigentlich wollte ich zu deren Abschied eine ausführliche Würdigung des journalistischen Genres der „Wetten, dass“-Kritik schreiben. Aber der Textkorpus war einfach zu groß. Und die Auswertung zu ermüdend – auch wenn genau das das Ziel der Übung gewesen wäre: die Eintönigkeit und fehlende Originalität über die Jahre zu demonstrieren.

Sprachlich kommt an die oben zitierte NZZ-Kritik natürlich niemand heran. Allerdings bemühte sich auch die FAZ nicht unerfolgreich um eine gewisse Unverständlichkeit. In der Besprechung der ersten „Wetten, dass“-Sendung bestaunte sie am 16. Februar 1981 „die Macht des Apparates“:

Vor allem aber präsentiert das Fernsehen seine technische Potenz. Ein Computer für Zuschauervoten ist da, Direktschaltungen zu fernen Orten gelingen, Bildmontage, Verzerrer und Zeitlupe sind nötig. Aus dem bunten Abend, von dem die Unterhaltungsshow abstammt, ist ein gigantischer Jahrmarkt geworden, der etwas inzwischen Abstraktes vermitteln soll: Freude. Fast selbstverständlich sind die Mitspieler und auch der Moderator dem Apparat unterlegen: Was passiert, soll ganz unvorbereitet wirken. „Natürlich bin ich präpariert“, rief Curd Jürgens dazwischen. Die Kandidaten schmuggeln zwar noch etwas Persönliches in ihr Wettangebot ein, wie etwa die Geburtsdaten der Familie. Die Sendung aber schient etwas anderes von ihnen zu wollen, ein auf die Rolle reduziertes Verhalten. Die beiden Stars im Team mußten noch einmal ihre vergangenen „Images“ spielen, statt den dazu inzwischen gewonnenen Abstand darstellen zu können.

Vielleicht ist das der Grund, warum ihnen das Mitmachen so schlecht gelang. Frank Elstners auf Unmittelbarkeit zielende Gesprächsführung konnte sich nicht gegen den Apparat durchsetzen. Ein gieriger Zuschauer soll bedient werden, der sich am Monströsen ergötzt und alles sofort haben will.

Das Fernsehen bildet, das zeigten viele Elemente der Show, gegen die Beiträge seiner Mitspieler eine eigene Tradition aus, indem es auf frühere Sendungen zum Beispiel von Peter Frankenfeld, Hans-Joachim Kulenkampff und Lou van Burg zurückgreift. Es scheint so, als ginge im Verlauf dieser Tradition der Sinn der Einzelideen langsam verloren.

Sechs Jahre später verabschiedete die NZZ Frank Elstner aus der Show mit folgenden, offenkundig lobend gemeinten Sätzen:

(…) Frank Elstner ist im Grunde kein Showmaster, auch er ist nur ein Präsentator, einer jedoch, der sein Handwerk beherrscht. Dass er stets gut vorbereitet auf die Bühne kommt, dass er von seinen Gästen, die er aus den Reihen der politischen und der Bühnen- sowie der Sportprominenz holt, weiss, was es in diesen Augenblicken der Schaustellung und des leichtzüngigen Geplauders zu wissen gilt, das ist für ihn eine Selbstverständlichkeit. Und dass er dieses zugeschnittene Wissen um Personen und Situationen heiter, gelassen und gängelnd seinem Publikum vorsetzt, lässt ihn sogar als intelligent erscheinen.

Sic!

Was Frank Elstner auszeichnet, womit er spielt, das ist sein Charme, ist die Liebenswürdigkeit, mit der er auf die Menschen, die Gäste also, die wetten, aber auch und vor allem die Konkurrenten im Wettbewerb, zugeht. Er biedert sich ihnen zwar nicht an, aber er ist auf eine ganz natürliche Art freundlich mit ihnen, lässt es an Respekt nie fehlen; er bringt Respekt nicht bloss vor Leuten von politischer Prominenz auf, in diesem Fall vor Oberbürgermeister Diepgen, sondern behandelt den kleinen Mann so umgänglich wie den grossen, und wie er diesem gegenüber nie unterwürfig wird, klopft er dem anderen nie auch in misslicher Jovialität auf die Schulter.

(…) Und auch jenem Zuschauer, dem das Unterhaltungsvergnügen eines solchen Showabends eher fremd ist, empfiehlt er sich in dieser seiner Natur.

Was mutmaßlich ungefähr bedeuten sollte: Natürlich gucke ich, der NZZ-Rezent, sonst so einen Quatsch nicht. Aber auch wenn es Quatsch ist, so ist es doch – zwar, aber – ganz ordentlich gemachter Quatsch.

„Wetten, dass“-Kritiken scheinen fast vom ersten Tag Abgesänge gewesen zu sein. Als Thomas Gottschalk 1987 zum ersten Mal moderierte, begann die „Süddeutschen Zeitung“ ihre Besprechung so:

Die große Samstagabend-Familienshow ist doch längst gegessen, sagen sie alle, die beim Fernsehen für Unterhaltung zuständig sind. Ein urdeutsches Fossil ist das, woanders gibt es so was längst nicht mehr. Wenn erst der Kuli nicht mehr mag und der Carrell aufhört, ist es sowieso aus.

Und als Thomas Gottschalk 1992 zum ersten Mal aufhörte, schrieb die „Welt“:

Gottschalk tritt ab von der Bühne der Samstagabendunterhaltung. Das ist schade, weil mit ihm endgültig auch das Familienfernsehen ihr [sic!] Ende gefunden hat.

Seinen Nachfolger Wolfgang Lippert begrüßte die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ mit perfidem Lob:

Es ging nichts daneben, Lippert ist ein ausgelernter Profi des Gewerbes. Er hat es in der verblichenen DRR gelernt und praktiziert. Wir müssen uns allmählich daran gewöhnen, daß es zu den Eigenschaften totalitärer Staaten gehört, nebenbei eine Bevölkerung, die nicht viel zu lachen hat, mit ordentlich ausgebildeten Volksbelustigern bei Laune zu halten. Die Leute, die das Metier beherrschen wie Lippert, sind ganz einfach gut ausgebildet. In seinem speziellen Fall sind sie sogar auf dem Weg, richtig gut zu werden. Lippert ist schnell, sympathisch, witzig und – völlig humorlos.

Er ist ein Symptom und nicht allein daran schuld, daß einen „Wetten, daß…?“ von Sendung zu Sendung immer verdrießlicher stimmen kann.

Lippert ging wieder, Gottschalk kam wieder, und die FAZ notierte zu seiner Rückkehr im Januar 1994 sorgfältig, was er alles nicht falsch gemacht habe:

Gottschalk unterlief in der Tat kein Fehler. Er entgleiste nicht im Gespräch mit Heinz Rühmann. Den reizenden alten herrn so sanftmütig zu umsorgen zeugte von liebenswürdiger Beißhemmung. Niemand kann hier etwas einwenden. Er beleidigte keine Kandidaten, und er hatte – wohl eher Verdienst der perfekten Logistik seines Teams – mit den „Scorpions“, der am besten als Hard-Rocker verkleideten Combo der Nation, und mit Meat Loaf stromlinienförmige Musikeinlagen.

Man könnte ein Quiz machen mit Versatzstücken aus „Wetten, dass“-Kritiken und fragen, ob sie zwei, zwölf oder zweiundzwanzig Jahre alt sind und in welche Moderatoren-Ära sie gehören. Es wäre ein sehr, sehr schweres Quiz. Das hier zum Beispiel:

Eines steht fest: Hätte der immer zu Gelächter bereite Sonnyboy diese Mischung aus selbstdarstellerischen bzw. nervösen Gesten und nicht gerade von den Sitzen reißenden Wetten vor einem Monat abgeliefert, wären die Kritiker des Moderatorenwechsels in den meisten ihrer Befürchtungen bestätigt gewesen. (…) Die Diskrepanz zwischen penetranter Eigenwerbung der Prominenten aus Politik, Kultur und Sport und ihrer späteren Überflüssigkeit, die läppische Einlösung der Wetteinsätze noch innerhalb der Sendung und die an sich gut gemeinte Kinderwette, aus der aber eine Präsentation von altklugen Vorschulsonderlingen zu werden droht, ist offensichtlich nicht der Weisheit letzter Schluß.

Das würde, mit kleinsten Variationen, zu fast jedem Moderator nach Elstner passen. Es war die Kritik der „Stuttgarter Zeitung“ vom 9. November 1992, also nach der zweiten Sendung mit Wolfgang Lippert.

Oder das hier:

Weil [der Moderator] den Leuten fast auf dem Schoß sitzt, jede Fremdheit leugnend, die erst Neugier möglich macht, kann er keine richtigen Fragen stellen. So fehlen jenseits einer gewissen Flottheit des Augenblicks auch Ironie und Selbstironie in seinem Programm. Anflüge von Humor werden da schon als Höchstleistung gefeiert. Der Rest aber ist Fröhlichkeit zum Anfassen. Auch wenn man gar nicht lacht.

Auflösung: Nicht Gottschalk, nicht Lanz, auch Lippert. In der FAZ aus Anlass seiner „Dernière“ Ende 1993.

All die Abgesänge auf „Wetten, dass“, sie sind in den letzten dreißig Jahren alle schon einmal geschrieben worden. Die „Berliner Zeitung“ im November 2000:

12,8 Millionen Zuschauer, 40 Prozent Marktanteil. Blendende Zahlen für das ZDF. Wie immer mit Gottschalk.

Aber diese Ergebnisse erscheinen inzwischen wie schwerfällige Gewohnheiten, wie ein Echo, dessen kräftiger Anfangsschrei lange zurückliegt. Es ist wie mit einer Ehe, die langsam erlischt, der Sex bleibt auf der Strecke, auch wenn man noch das Bett teilt. Thomas Gottschalk hat an Qualität verloren.

Der „Tagesspiegel“ stimmte einen Monat später zu:

Man ist noch kein Denkmals-Stürmer, wenn man „Wetten, dass…?“ die Qualität des ewigen Selbstläufers abspricht. Die ZDF-Show ist stehen geblieben. Sicher, kaum ein Mega-Star, der sich nicht aufs Sofa quetschen lässt, unbestreitbar, dass Gottschalk seine Live-Sendung fest im Griff hat. Aber das Berechenbare kann auch enttäuschen. Bestimmt wird Gottschalk immer den Unsicheren geben, wenn ein Super-Super-Model auftaucht, er wird Röcke, Selbstgehäkeltes und blondes Wallehaar tragen, mit präsentem Wortwitz punkten. Die Überraschungsmomente sind ganz, ganz klein geworden. Bei den Wetten überfällt den Zuschauer immer öfter das Gefühl, mehr mit Varianten von erprobter Geschicklichkeit als mit origineller Geschicklichkeit gelockt zu werden. In der jüngsten Ausgabe wurde die Reprise einer Wette von 1983 angeboten.

Das einzige, was vielleicht noch berechenbarer war als „Wetten, dass“: die Besprechungen von „Wetten, dass“.

Nachtrag, 16 Uhr. Für die FAZ habe ich zum Abschied der Sendung darüber geschrieben, wie „Wetten, dass“ immer als etwas Bedeutungsvolles behandelt wurde.

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08 Dez 14
8. Dezember 2014

Am Freitag haben mehrere Dutzend Prominente, darunter ein ehemaliger Bundespräsident, ein ehemaliger Bundeskanzler, mehrere ehemalige Ministerpräsidenten und Bundesminister und viele bekannte Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Publizistik, einen Appell für eine „neue Entspannungspolitik“ und einen Dialog mit Russland veröffentlicht: „Wieder Krieg in Europa? Nicht in unserem Namen!“

Falls Sie davon gehört haben, dann nicht aus den Fernseh-Nachrichten von ARD und ZDF. Die haben darüber nämlich nicht berichtet.

Der Aufruf wurde vom früheren Kanzlerberater Horst Teltschik (CDU) initiiert, der zur Motivation sagte: „Uns geht es um ein politisches Signal, dass die berechtigte Kritik an der russischen Ukraine-Politik nicht dazu führt, dass die Fortschritte, die wir in den vergangenen 25 Jahren in den Beziehungen mit Russland erreicht haben, aufgekündigt werden.“

Die Unterzeichner richten sich nicht nur an Regierung und Parlament, sondern auch an die Medien:

Wir appellieren an die Medien, ihrer Pflicht zur vorurteilsfreien Berichterstattung überzeugender nachzukommen als bisher. Leitartikler und Kommentatoren dämonisieren ganze Völker, ohne deren Geschichte ausreichend zu würdigen. Jeder außenpolitisch versierte Journalist wird die Furcht der Russen verstehen, seit NATO-Mitglieder 2008 Georgien und die Ukraine einluden, Mitglieder im Bündnis zu werden. Es geht nicht um Putin. Staatenlenker kommen und gehen. Es geht um Europa. Es geht darum, den Menschen wieder die Angst vor Krieg zu nehmen. Dazu kann eine verantwortungsvolle, auf soliden Recherchen basierende Berichterstattung eine Menge beitragen.

Eine höchst illustre Schar von sechzig Persönlichkeiten kritisiert Politik und Medien in Sachen Krieg und Frieden. Und „Tagesschau“ und „Tagesthemen“, „heute“ und „heute journal“, tagesschau.de und heute.de ist das kein Wort wert.

ARD und ZDF können das erklären. Elmar Theveßen, der stellvertretende ZDF-Chefredakteur, schreibt mir auf Nachfrage, warum die Nachricht nicht in den Sendungen vorkam:

„Wir hätten es gern gemacht. Aber wir mussten wegen der nachfolgenden ‚Was nun…‘ mit einer deutlich verkürzten Sendezeit auskommen. Neben der Wahl des Ministerpräsidenten in Thüringen nahmen weitere Themen wie IS-Urteil, Taifun und Opel den Raum ein. (…) Ein ‚heute journal‘ gab es leider auch nicht.

Die grundsätzliche Haltung, die im Appell zum Ausdruck kommt, haben wir in unseren Sendungen mehrfach reflektiert, beispielsweise in einem Interview mit Matthias Platzeck im heute-journal und in der Berichterstattung über Seehofers Äußerungen zur Außenpolitik Steinmeiers.
 
Wir bleiben daran, möglichst auch mit einem Beitrag zur Diskussion um den Appell, sofern wir die unterschiedlichen Ansichten auch per Kamera einfangen können.

Nun gut, auch für eine Berichterstattung über den Start der Raumsonde Orion fand die „heute“-Sendung am Freitag Platz und für einen ausführlichen Sportblock. Tatsächlich gab es kein „heute journal“, weil das ZDF an diesem Tag seinen stundenlangen Jahresrückblick mit Markus Lanz ausstrahlte, dafür aber nicht eine Folge von „Der Alte“ ausfallen lassen wollte, sondern eben: das „heute journal“.

Die Erklärung von ARD-aktuell ist ganz ähnlich. „Dass verschiedene Qualitätsmedien erst mit etwas Abstand auf den Appell eingegangen sind, mag daran liegen, dass der Freitag bundespolitisch dominiert war von der Wahl von Bodo Ramelow zum Ministerpräsidenten“, teilt mir Christian Nitsche mit, der zweite Chefredakteur von ARD-aktuell. „Auch ansonsten war der Tag nachrichtenstark. Den Aufruf an diesem besonderen Tag relativ spät zu veröffentlichen, haben die Initiatoren sicher im Nachhinein selbst als weniger gelungen empfunden.“

Die „Tagesschau“ war schon so gut wie voll mit Ramelow, und die „Tagesthemen“ waren es auch: Ein Bericht über Ramelow, ein Interview mit Ramelow, ein Kommentar zu Ramelow – danach blieb nur noch Zeit für einen Meldungsblock und Opel, weil die „Tagesthemen“ keine halbe Stunde lang waren, sondern nur gut 15 Minuten. Das ist freitags immer so, aus Gründen, die einem vermutlich der ARD-Programmdirektor erklären kann, am einfachsten mit dem Verweis auf die Quote der dadurch regulär schon um 22 Uhr startenden „Tatort“-Wiederholung.

Der Freitagnachmittag ist tatsächlich ungefähr der schlechteste Termin, um die Aufmerksamkeit der medialen Öffentlichkeit zu gewinnen. Die Medienleute sind dann schon halb im Feierabend und im Wochenende. Und an diesem Freitag war ja auch viel los, und die „Tagesthemen“ sind da eh immer so kurz, und aus unglücklichen Umständen gab es auch kein „heute journal“, und bei heute.de und tagesschau.de waren sie anscheinend auch mit irgendwas anderem beschäftigt, dieser Appell kam auch nur einmal von dpa über den Ticker, also, mei, dumm gelaufen.

Ich halte das nicht einmal für abwegig, dass es genau so war. Fast wünscht man sich, wenn man diese traurigen Erklärungen hört, dass es stattdessen wenigstens brutales Kalkül war, wie die hyperventilierenden Wutschnauber von der „Propagandaschau“ meinen, die in ARD und ZDF eh „US-Propagandisten und Treiber des neuen Kalten Krieges“ sehen sowie „von einer transatlantischen 5. Kolonne unterwanderte Staatssender, die seit Monaten eine Lügen-und Desinformationskampagne gegen Russland, gegen das deutsche Volk und gegen den Frieden in Europa betreiben“.

Ich halte das, wie gesagt, für Unsinn. Aber ich merke, dass beim Wahrscheinlichkeitstest meine Trauriger-Redaktionsalltag-in-nichtsmerkenden-Senderbehörden-Theorie zunehmend an Boden verliert gegenüber jeder Verschwörungstheorie.

Es geht ja hier — wie auch bei den Symbolbildern von Putin neulich — nicht um eine einzelne Meldung. Es geht um eine Gesamtsituation, in der ARD und ZDF seit Monaten in außerordentlichem Maße vorgeworfen wird, dass ihre Berichterstattung über den Krieg in der Ukraine einseitig und gefährlich sei. (In welchem Maße diese Vorwürfe berechtigt sind, sei ganz dahingestellt.) Und nun gibt es einen Appell, der eben diese Vorwürfe wiederholt, unterzeichnet nicht von unbekannten Ins-Internet-Schreibern oder möglicherweise vom Kreml bezahlten anonymen Trollen, sondern von 60 teils prominentesten Persönlichkeiten.

Und bei ARD und ZDF denkt man nicht: Okay, da sollten wir uns jetzt aber nicht noch zusätzlich angreifbar machen, sondern das sauber berichten, erstens weil es eh eine Nachricht ist, und zweitens weil der Vorwurf sich womöglich auch irgendwie gegen uns richtet, schon als vertrauensbildende Maßnahme?

Sondern bei ARD und ZDF denkt man: Oh, puh, aber, naja, blöd, heute am Freitag, schon so viel los, gibt ja auch Wichtigeres?

Sie merken nichts. Sie lernen nichts.

PS: „Tagesthemen“-Moderator Thomas Roth hat den Appell heute, gut drei Tage nach seiner Veröffentlichung, in einem Interview mit Angela Merkel angesprochen. ARD-aktuell-Mann Nitsche sagt, die Redaktion habe dem Aufruf „damit hohes Gewicht beigemessen“ und mit dem Merkel-Interview „einen guten Anlass gefunden, den Aufruf prominent aufzugreifen“.

Von Putinverstehern und Journalistenverstehern

05 Nov 14
5. November 2014

Man kann es sich natürlich so einfach machen wie Udo Grätz, der stellvertretende Chefredakteur des WDR. Der twitterte als Reaktion auf meinen Artikel in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ über die wachsende Kritik an den etablierten Medien:

Weiterhin. Er hätte angesichts der vielstimmigen und keineswegs immer unbegründeten Kritik an der Arbeit auch seiner Redaktionen wenigstens sagen können: „Noch präziser arbeiten“, aber selbst das war wohl schon zuviel verlangt.

Nicht beirren lassen, das ist eine Reaktion auf den spürbaren Gegenwind, den die Mainstream-Medien derzeit erfahren. Was mich, je nach persönlicher Stimmung, wütend macht oder besorgt, ist diese Selbstgewissheit, die aus manchen Reaktionen etablierter Medien auf die Kritik spricht (und natürlich vor allem auch den Nicht-Reaktionen); die Überzeugung, dass man sich nichts oder jedenfalls nichts Gravierendes vorzuwerfen hat; die Diffamierung der Kritik als von Russland gesteuert.

Ich weiß es ja auch nicht. Ich weiß nicht, wie viele Kommentatoren von Russland gekauft sind, so wenig wie ich weiß, wie viele Journalisten von den Vereinigten Staaten gekauft sind. Vielleicht bin ich da naiv, wenn ich in beiden Fällen die jeweilige Verschwörungstheorie so lange für unwahrscheinlich halte, wie ich das Verhalten der Betroffenen auch anders erklären kann.

Und es sind ja, im Fall der Kritiker, nicht nur irgendwelche anonymen „Trolle“, die das Gefühl haben, dass sie von den Medien nicht umfassend informiert werden. Es sind nicht nur die Paranoiker und Leute, die mit Hysterie Geschäfte und Politik machen wie Ulfkotte und der Kopp-Verlag oder die Bindestrichphobiker von den „Deutschen Wirtschafts Nachrichten“. Es sind zum Beispiel auch die Nachdenkseiten von Albrecht Müller, die einer politischen Nähe zu Kopp & Co. unverdächtig sind. Und es sind, glaube ich, tatsächlich unauffällige, politisch interessierte und zunehmend von den Mainstream-Medien desillusionierte Menschen.

Ein Leser schreibt mir:

Ich selbst gehöre auch zu den Einwohnern Deutschlands, deren Vetrauen in die Medien dieses Landes in den vergangen Wochen besonders gelitten hat. Um jegliches Missverständnis auszuräumen: Ich habe nie in einem Internetformum oder im Kommentarbereich irgendwelcher Medien Beiträge gepostet oder mich als Troll betätigt.

Ich habe mir einfach nur eine kritische Berichterstattung zu den Dingen gewünscht, sei es in der Ukraine, Syrien oder von einem der sonstigen Kriesenherde der Welt.

Als besonders frustrierend dabei habe ich empfunden, wie Medien teilweise die von den Zuschauern/Lesern angebrachte Kritik beim Thema Ukraine aufgenommen haben: Als Antwort darauf wurden auch auf den Seiten der FAZ Artikel darüber veröffentlicht, dass vom Kreml gesteuerte Agenten die Foren zumüllen und Propaganda betreiben. Nicht gerade das was man souverän nennt.

Ich selbst hatte vor einigen Jahren das Buch von Peter Scholl Latour über Russland gelesen. Meine Meinung zum aktuellen Konflikt fußt wesentlich auf diesem Buch. Mir dann pauschal zu unterstellen, ich wäre mit meinen Ansichten Opfer oder gar Teil eines von Moskau gesteuerten Netzwerks, finde ich schon ein besonders starkes Stück. Wie soll ich dann solchen Institutionen Vetrauen schenken? Man wundert sich eben.

Auf Twitter schrieb mir jemand:

Ich habe mich erkannt. Ich bin in den 80ern in der BRD aufgewachsen. Grundkoordinate war, dass „wir“ die „Guten“ sind, nicht die DDR. Ich habe am 2. Mai das Odessa Massaker im Livestream gesehen, wie aus Fenstern Fallende am Boden liegend tot geschlagen wurden. Die deutschen MSM [Mainstream-Medien]: Bei einem Unglück (!) sind auf unbekannte Weise (!) durch einen Brand (!) Menschen verstorben. Das hat alles, an was ich geglaubt habe (wir sind die Guten!), zerstört und eine lodernde Wut entfacht, die bis heute andauert.

Marco Herack schrieb schon im April in seinem FAZ.net-Blog „Wostkinder“:

Und fürwahr, es gab in den letzten Jahren wohl nur wenige Diskurse, in denen die Meinung zwischen den Gatekeepern und den Bürgern soweit auseinanderging wie in Bezug auf die Ukraine. Während die Artikel klar gen bösen Putin weisen, erschöpfen sich viele Leserkommentare in genau dem Gegenteil. Nicht Putin ist der Böse, man äußert ein gewisses Verständnis und zweifelt an dem Treiben der eigenen Regierung. Umfragen deuten darauf hin, dass es sich hierbei keineswegs um Russen handelt, die im Auftrag von Putin die Kommentarspalten bevölkern. Die öffentliche Meinung, die Bürger dieses Landes, sind schlichtweg anderer Meinung und äußern sie.

Die Reaktion auf diese andere Meinung der Bürger war im Politik-Bereich dieser Zeitung genau das, was man der Lesermeinung vorwarf. Verschwörungstheorie, geäußert von Julian Staib. Aber auch andere Zeitungen zogen nach, zum Beispiels Jens Bisky in der Süddeutschen. Das zeigt vor allem, dass man nicht bereit ist den Fehler bei sich selbst zu suchen. Und warum Worte wie „Systemmedien“ in Mode sind. Es kommt nicht von ungefähr, dass die Bestsellerlisten Büchern führen, die davon handeln, dass Meinungen unterdrückt werden.

Einer dieser Bestseller ist Udo Ulfkottes Buch „Gekaufte Journalisten“, kommende Woche auf Platz 6 der „Spiegel“-Liste. Ulfkotte ist in vielerlei Hinsicht irre, aber ich halte es für falsch, so zu tun, als gäbe es ihn nicht und als wäre sein Buch kein Erfolg. Es enthält neben absurden Übertreibungen und Verdrehungen bekannte, aber tatsächliche journalistische Skandale, und die atemberaubende Mischung aus beidem macht das Buch brisant und für manchen Leser womöglich glaubwürdig.

Ein anderer Bestseller ist „Wir sind die Guten“ von Mathias Bröckers und Paul Schreyer. Es stellt viele unbequeme Fragen, an die Rolle der Amerikaner und des Westens im Ukraine-Konflikt — vor allem aber auch an die Medien, die diese Rolle so wenig hinterfragen. Es ist von seiner Haltung und seinem Tonfall mit Ulfkottes Pamphlet nicht zu vergleichen, aber es hinterlässt umso mehr das Gefühl, dass es hier eine Leerstelle gibt in der Berichterstattung der etablierten Medien.

Und dieses Gefühl wird dadurch verstärkt, dass es in eben jenen Medien keine große Auseinandersetzung gibt über das Buch. Dass es nicht als Anlass gesehen wird, sich mit den Fragen, die es aufwirft, auseinanderzusetzen — und sei es, sie nüchtern und klar zu beantworten und der Analyse zu widersprechen.

Ich kenne mich da nicht aus. Ich weiß sehr wenig über die Ukraine, und ich bin — anders als gefühlt erstaunlicherweise jeder andere — kein Experte für ukrainische Geschichte, russische Psyche oder die Grenzen des Völkerrechts. Umso mehr bin ich darauf angewiesen, Menschen, die darüber berichten, zu vertrauen. Es gibt vielleicht Dinge, die ich nachprüfen kann, und Aspekte, die mit meinem Vorwissen übereinstimmen. Aber am Ende bleibt ein großer Teil, bei dem ich einem Augenzeugen, einem Reporter, einem Kommentator, einem Medium schlicht vertrauen muss.

Dieses Vertrauen ist an vielen Stellen angeknackst.

Ich glaube nicht, dass viele deutsche Journalisten in irgendeinem engeren oder weiteren Sinne gekauft sind. Ich glaube aber, dass sie nicht unvoreingenommen sind. Dass die Berichterstattung tatsächlich, vermutlich oft unterschwellig und unbewusst, geprägt ist von einer klaren Überzeugung, dass es hier eine gute Seite und eine böse Seite gibt. Dass man den Aussagen der einen Seite prinzipiell glauben kann, bis das Gegenteil erwiesen ist, und den Aussagen der anderen Seite prinzipiell nicht glauben kann, bis das Gegenteil erwiesen ist.

So ließen sich auch die vielen, oft kleinen Fehler erklären, die in der Berichterstattung zuungunsten der russischen Seite zu passieren scheinen. (Die Seite der Kritiker erliegt natürlich demselben Phänomen und interpretiert die Berichterstattung ausschließlich vor der Schablone, dass sie vermutlich falsch, gesteuert und anti-russisch ist und hat eine entsprechend gefärbte Wahrnehmung, die zu Fehlurteilen führt. Viele Anti-Mainstream-Medien-Blogs sind insofern mindestens so voreingenommen.)

Um ein vergleichsweise läppisches Beispiel zu nehmen: Im Frühjahr, als die umstrittene Abstimmung auf der Krim über den Anschluss an Russland stattfand, sahen die deutschen Medien, dass dort durchsichtige Wahlurnen verwendet wurden, und nahmen das als weiteres Indiz dafür, dass es kein Wahlgeheimnis gab und die Wahl also eine Farce sei. Tatsache ist, dass in der Ukraine solche durchsichtigen Wahlurnen Tradition haben. Tatsache ist sogar, dass die OSZE den Einsatz solcher Urnen als vertrauensbildende Maßnahme aktiv unterstützt.

Aber weil die Organisatoren des Referendums böse waren, war klar, dass auch hinter dem Einsatz der für uns ungewöhnlichen Kisten eine böse Absicht stecken musste. Dafür ist gar keine Absprache, keine Verabredung, kein „Kauf“ der Journalisten nötig, nur eine entsprechende Voreingenommenheit, die den Blick auf alles, was passiert, entsprechend prägt — und trübt.

Ich habe bewusst ein kleines Beispiel gewählt, weil es in größeren Zusammenhängen natürlich schnell unübersichtlich und komplex wird; zum Beispiel etwa, wenn es darum geht, welche Vorgänge verfassungswidrig sind. Die Abspaltung der Krim von der Ukraine? Die Absetzung Wiktor Janukowitschs als Präsident?

Mein subjektiver (und natürlich zu pauschaler) Eindruck ist, dass die Berichterstattung über die Vorgänge in der Ukraine von solcher Voreingenommenheit geprägt ist. Dass die etablierten deutschen Medien sich erstaunlich wenig mit den zweifelhaften Umständen der Revolution beschäftigt haben — Bröckers und Schreyer liefern Beispiele dafür.

Gerade das wäre aber nötig. Gerade in einem Konflikt, der so gefährlich ist und uns so sehr betrifft. Viele Medien wirken, als betrachteten sie sich als Teil der Auseinandersetzung; sie kämpfen mit und für „den Westen“ gegen Russland und seinen irren, gefährlichen, skrupellosen Präsidenten. Es ist nicht nur Gut gegen Böse, sondern sogar Wir Guten gegen Die Bösen.

Bröckers und Schreyer schreiben:

Ob sie es selbst nun merkten oder nicht, viele Journalisten hatten im Frühjahr 2014 bereits in den Kriegsmodus geschaltet, dessen Logik vor allem besagte: Traue niemals dem Feind. (…)

Im Ergebnis dient das Vehikel der „russischen Propaganda“, ebenso wie der in anderen Zusammenhängen häufig verwendete Begriff „Verschwörungstheorie“, einer pauschalen Abwertung und Ausgrenzung jeglicher missliebigen Information. Da die vorgeblichen Fakten ja vom Feind stammen und der Feind bekanntlich gerne lügt, ist eine weitere Diskussion von Einzelheiten überflüssig. Ende der Debatte also. Wir sind doch nicht blöd und glauben am Ende noch den Russen — so der mehr oder weniger unterschwellige Tenor.

Es geht dabei nicht darum, der russischen Propaganda blauäugig gegenüberzutreten. Es geht darum, zu erkennen, dass dem russischen Propagandafeldzug nicht auf der anderen Seite Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit gegenübersteht; dass auch „der Westen“, die Nato, die „westlich orientierte“ Regierung der Ukraine diesen Kampf um die Meinungshoheit mit allen Mitteln führt. Und zu erkennen, dass es die Aufgabe freiheitlicher Medien ist, gerade auch diese vermeintlich eigene und vermeintlich gute Seite besonders kritisch unter die Lupe zu nehmen.

Ich vermisse dieses Bewusstsein in der Berichterstattung.

Die WDR-Chefredakteurin Sonia Seymour Mikich schreibt im „Medium Magazin“:

Trotzdem gewinne ich dem Rauschen aus dem Netz einiges ab, denn er schärft mein Selbstverständnis als Journalistin. Von Zeit zu Zeit muss das sein! Erst beim Irak-Krieg stellten wir die Grundsatzfrage, ob wir „embedded“ arbeiten dürfen. (Als ob Kriegsreporter zuvor nicht auch mit einer der Parteien „reingingen“.) Erst als CNN beim Bombardement von Bagdad News in Real Time lieferten, beschäftigten wir uns mit den Folgen der beschleunigten Übertragungswege. Und ja, erst bei dieser neuen Eiszeit zwischen Ost und West verdrängen wir nicht mehr, dass unsere Arbeit Propagandastrategien direkt und indirekt beeinflusst. Wir sind Kriegsteilnehmer, ob wir es wollen oder nicht.

Das stimmt, und doch ist der vorletzte Satz erstaunlich umständlich formuliert. Die Arbeit von Journalisten beeinflusst nicht nur Propagandastrategien, sie ist auch von Propagandastrategien beeinflusst — und Journalisten scheinen da erstaunlich wenig Widerstand oder Selbst-Bewusstsein zu entwickeln.

Bei einer Diskussion bei der Verleihung des Hanns-Joachim-Friedrichs-Preises Ende Oktober an Golineh Atai sagte Mikich:

Wir erleben hier einen qualitativen Sprung sondergleichen, mit dem Internet als Echo-Raum. Wo alles, was wir sagen, zehnfach zurückkommt. Verzerrt, gehässig, manchmal kritisch und gut, aber auf jeden Fall schwierig, Arbeit machend und so weiter. (…) Wir machen Nachrichten, Berichte in einer Empörungsdemokratie, die da im Internet unendlich stark auf uns einwirkt, und zwar so einwirkt, dass man sich verkrampft. (…) Wir verkrampfen uns. (…) Ich verkrampfe mich. Wenn ich jetzt überlege, Golineh will einen Bericht machen, meinetwegen über junge russische Demokraten: Macht sie das, um einer Öffentlichkeit, um dieser Internetgemeinde zu sagen, wir sind ja gar nicht so, wir sehen das auch? Oder macht sie das, weil sie journalistische Neugier hat. Diese Verkrampfung halte ich wirklich für einen ganz großen Schaden, und der ist dem Internet vor allem geschuldet.

Ich verstehe, was sie meint, und natürlich dürfen sich Journalisten nicht einschüchtern lassen, nicht von einem oft maßlos formulierenden und unfassbar aggressiv agierenden Mob, und schon gar nicht von persönlichen Drohungen, denen sich Korrespondenten wie Atai offenbar ausgesetzt sehen.

Andererseits höre ich Sätze wie „Wir müssen aufpassen, dass wir uns nicht unter Druck setzen lassen“, wie sie „Spiegel“-Autor Christian Neef formulierte, mit einem Unbehagen. Weil das auch ein bequemes Abtun der Kritik bedeuten kann.

Gerade angesichts der vielfältigen Kritik müsste es doch ein viel stärkeres Problembewusstsein geben in den Redaktionen. Stattdessen passieren absurde Pannen wie der gleich mehrfache grob irreführende Einsatz von alten Fotos zur Illustration aktueller Vorgänge im WDR. Man sollte doch denken, dass Journalisten inzwischen so sensibilisiert sind — sensibilisiert, nicht verkrampft — dass sie den Einsatz jedes Symbolfotos zu diesem Konflikt doppelt hinterfragen. Wie viele „reine Unaufmerksamkeiten“ können denn passieren? Ja, Fehler passieren immer und überall und lassen sich nicht vermeiden, aber kann man vom Qualitätsjournalismus wirklich nicht verlangen, unbestätigte Meldungen über angebliche russische Truppenbewegungen in der Ukraine nicht mit Fotos von russischen Truppenbewegungen in Russland zu bebildern, wie es die „Frankfurter Rundschau“ gerade wieder gemacht hat?

Und wie ist es zu erklären, dass ARD-Korrespondent Udo Lielischkies, der von den Kritikern besonders massiv angegangen wird, nach der Parlamentswahl in der Ukraine in der 20-Uhr-„Tagesschau“ zur Legitimation dieser Abstimmung sagte: „Mit einer Wahlbeteiligung von gut 52 Prozent immerhin höher als der Durchschnitt der letzten drei Parlamentswahlen“ — wenn es mit Abstand die niedrigste Wahlbeteiligung war?

(Soviel zum Thema „weiterhin journalistisch präzise arbeiten“, Herr Grätz.)

ZDF-Chefredakteur Peter Frey hat bei der Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis-Diskussion gesagt, das ZDF habe eine Art internen Qualitätszirkel eingerichtet und die eigene Berichterstattung kritisch reflektiert.

Natürlich müssen wir das beachten, was uns da entgegenschlägt. Es darf uns aber nicht im Mark verunsichern. Denn: Die Glaubwürdigkeit der Nachrichtensendungen hat nicht Schaden gelitten. Das Interesse der Zuschauer ist doch groß. Einen Glaubwürdigkeitsverlust der großen Plattformen, „Tagesschau“, „heute“, „heute-journal“, „Tagesthemen“, kann ich nicht erkennen. (…) In dieser Situation ist es gar nicht möglich, keinen Fehler zu machen. Aber am Ende seien wir doch selbstbewusst, dass unsere Redakteure und Korrespondenten, jedenfalls zu 98 Prozent hier, einen Prima-Job gemacht haben.

Es gab Applaus an dieser Stelle.

Ich bin nicht so überzeugt. Ich glaube, dass wir von unseren Qualitätsmedien erwarten können, dass sie genauer berichten. Dass sie weniger Fehler machen, vor allem, wenn es um Krieg und Frieden geht. Dass sie sensibilisiert sind für eine mögliche eigene Voreingenommenheit, was die Berichterstattung kleiner Details angeht, aber auch das große Ganze. Dass sie in einem viel größeren Maße ihre Rolle reflektieren, die Position, die sie einnehmen. Dass sie bewusst die Perspektiven wechseln und sich nicht als Kriegs- oder Konfliktpartei verstehen. Und dass sie sich kritisch und selbstkritisch mit Vorwürfen, wie sie zum Beispiel Bröckers und Schreyer erheben, auseinandersetzen — all das, was die staatlich gelenkten russischen Propagandamedien nie tun würden.