Mein Kol­lege Michael Han­feld von der FAZ hat einen gewal­ti­gen Wut­aus­bruch über die »Mar­kus Lanz«-Sendung vom Don­ners­tag bekom­men. Er nennt den Auf­tritt des FDP-Vorsitzenden Phil­ipp Rös­ler »ein Lehr­stück über Pro­pa­ganda im Gewand der Fami­li­en­un­ter­hal­tung«, den »›tiefs­ten Tief­punkt‹ (Rudi Völ­ler) des deut­schen Jour­na­lis­mus und den Maria­nen­gra­ben poli­ti­scher Wahrhaftigkeit«.

Michael Han­feld ist rela­tiv leicht zu erre­gen, und ich würde nicht jede Wer­tung in sei­nem Arti­kel unter­schrei­ben. Aber beim Lesen habe ich mich daran erin­nert, wie sehr auch mich beim Zuschauen ein Gefühl von Ekel über­wäl­tigt hatte und wie real mir die Sorge erschien, dass, wenn ich das zuende gucken würde, ich spä­ter in mei­nem eige­nen Erbro­chen zu mir käme.

Es hat ja nicht nur die Ebene der poli­ti­schen Pro­pa­ganda, wie sie Han­feld beschreibt. Es ist auch die Dimen­sion der Bou­le­var­di­sie­rung von The­men und Infan­ti­li­sie­rung von Kom­mu­ni­ka­tion im Fern­se­hen, die hier sicht­bar wird. Ange­sichts der Vor­ar­beit von Leu­ten wie dem See­len­pro­k­ler Rein­hold Beck­mann und dem Vase­li­ne­ar­tis­ten Johanns B. Ker­ner müsste es eigent­lich schwer sein, da noch neue Tie­fen aus­zu­lo­ten. Lanz gelingt es mühelos.

Er nimmt poli­ti­sche Pro­zesse und Aus­ein­an­der­set­zun­gen kon­se­quent aus der Per­spek­tive des Men­schelns wahr. Ich bin fast sicher, sie haben in der Redak­tion vor­her noch über­legt, ob sie die ent­schei­den­den Begeg­nun­gen zwi­schen Angela Mer­kel und Phil­ipp Rös­ler im Bundespräsidentenkandidaten-Findungsprozess nicht mit Hand­pup­pen nach­spie­len soll­ten; viel­leicht hätte Rös­ler auch den rich­ti­gen Gesichts­aus­druck der Angela-Figur mit Knete oder Nudeln for­men kön­nen. Dass das dann nicht geschah, hatte sicher nur den einen Grund: Alle wuss­ten, dass Mar­kus Lanz das auch so hin­kriegt, ein Klein­kin­der­pro­gramm aus dem Gespräch mit dem FDP-Vorsitzenden zu machen, ohne Knete und Krokodil.

»Wie stellt man sich das denn vor?« Das ist die Schlüs­sel­frage von Mar­kus Lanz. Sie sym­bo­li­siert per­fekt seine ganze ver­klemmte Zudring­lich­keit und zudring­li­che Verklemmtheit.

Tat­säch­lich erfah­ren wird dank der Art von Mar­kus Lanz eini­ges über Phil­ipp Rös­ler. Vor allem, dass er gut sein muss im Umgang mit Kin­dern oder Ver­rück­ten. Wenn ich ein­mal in eine Situa­tion gerate, wo es dar­auf ankommt, einem bewaff­ne­ten Irren gedul­dig zu erklä­ren, dass man nur ein Mobil­te­le­fon in der Hand hält und keine Fern­zün­dung für ein von Außer­ir­di­schen hin­ter den Wol­ken gepark­tes Waf­fen­sys­tem, dann wün­sche ich mir einen Men­schen mit die­ser uner­schöpf­li­chen Geduld und Gelas­sen­heit an mei­ner Seite. Ich habe die Sen­dung aus oben beschrie­be­nen Grün­den nicht zu Ende geguckt, aber ich bin zuver­sicht­lich, dass Rös­ler es bis zuletzt geschafft hat, Lanz nicht zu fra­gen, ob er ver­ges­sen hat, seine Tablet­ten zu neh­men. Dafür bewun­dere ich ihn.

Man kann sich die ganze Sen­dung in der ZDF-Mediathek angu­cken. Das kann ich aber nie­man­dem emp­feh­len. Hier ist ein Kon­den­sat:
 

Am Ende die­ses Aus­schnitts fragt Mar­kus Lanz den FDP-Vorsitzenden, wieso er kei­nen Knacks hat, obwohl er doch als Klein­kind aus Viet­nam adop­tiert wurde und Frauen auf die Frage, wel­ches Stern­zei­chen er ist, nicht mit Bestimmt­heit die Wahr­heit sagen kann. Das war tat­säch­lich der Punkt, als ich abge­schal­tet habe und mich fragte, warum das ZDF sich nicht jeden Tag für die­sen Mann und diese Talk­show recht­fer­ti­gen muss.