Viel­leicht könn­ten wir uns als Min­dest­an­for­de­rung für öffentlich-rechtliche Mode­ra­to­ren dar­auf eini­gen, dass sie nicht so ahnungs­los sein soll­ten wie Hans-Hermann Tiedje. Das Pro­blem ist, dass Gün­ther Jauch selbst diese Latte reißt.

Ich wünschte mir, man könnte ein Expe­ri­ment machen und jeman­dem, der das deut­sche Fern­se­hen nicht kennt, die »Gün­ther Jauch«-Sendung vom ver­gan­ge­nen Sonn­tag zei­gen. Und ihm dann sagen, dass der Mode­ra­tor der berühm­teste deut­sche Fern­seh­mo­de­ra­tor ist, und dass die ARD Him­mel und Hölle in Bewe­gung gesetzt hat, um ihn diese Show auf die­sem Sen­de­platz mode­rie­ren las­sen zu kön­nen. Und dann sehen, wie groß der Unglaube ist.

Am Mon­tag sagte der ARD-Chefredakteur Tho­mas Bau­mann zu dpa, man werde aus dem kri­ti­schen Echo auf die Jauch-Sendung mit Jörg Kachel­mann »keine Leh­ren zie­hen, weil wir unsere redak­tio­nelle Linie für rich­tig erachten«.

Andreas Zaik, Chef­re­dak­teur und Geschäfts­füh­rer von Jauchs Pro­duk­ti­ons­firma, sug­ge­rierte, dass man aus Kri­tik ohne­hin nichts ler­nen könnte, weil unter­schied­li­che Kri­ti­ker ja unter­schied­li­che Mei­nun­gen hät­ten. Und gerade die Dis­kus­sion um den Fall Kachel­mann habe gezeigt, dass es »keine all­ge­mein­gül­tige ›Wahr­heit‹ gibt und jeder Stand­punkt einem bestimm­ten Blick­win­kel geschul­det ist. Diese Argu­mente, durch den Mode­ra­tor struk­tu­riert, gerade in ihrer Wider­sprüch­lich­keit zuzu­las­sen, ist Auf­gabe der Sendung.«

Ach?

Am Sonn­tag behaup­tete der Bou­le­vard– und PR-Mann Hans-Hermann Tiedje bei »Gün­ther Jauch«, dass der Fern­seh­mo­de­ra­tor Andreas Türck im Gegen­satz zu Jörg Kachel­mann vom Vor­wurf der Ver­ge­wal­ti­gung wegen erwie­se­ner Unschuld frei­ge­spro­chen wurde. Kachel­mann wider­sprach. Und Struk­tura­tor Jauch ließ beide Argu­mente in ihrer Wider­sprüch­lich­keit zu.

Die Wahr­heit, sie liegt hier nicht irgendwo in der Mitte. Sie ist auch nicht einem bestimm­ten Blick­win­kel geschul­det. Kachel­mann hat Recht, Tie­jde hat Unrecht.

Wäre es zuviel ver­langt, wenn ein Mode­ra­tor das wüsste? In einer Dis­kus­sion zum Thema »Was ist ein Frei­spruch wert«, zwei Tage, nach­dem Andreas Türck seine Rück­kehr auf den Bild­schirm ange­kün­digt hat?

Kachel­mann sagte, er habe »Hun­dert und noch mehr Ver­fah­ren« gegen Medien geführt. Tiedje sagte, es waren »höchs­tens fünf«, weil Kachel­mann jeden ein­zel­nen Fall mit der Zahl der Medien mul­ti­pli­ziert habe. Tja, das muss man wohl in sei­ner Wider­sprüch­lich­keit so ste­hen las­sen, wenn das die Auf­gabe der Sen­dung ist (und gerade nichts pas­sen­des auf der Mode­ra­ti­ons­karte steht). Sonst könnte man das Buch von Kachel­mann gele­sen haben und wis­sen, dass es sich tat­säch­lich um viele Dut­zend ver­schie­dene einst­wei­lige Ver­fü­gun­gen handelt.

Wäre es zuviel ver­langt, von der am wich­tigs­ten gemein­ten Talk­show im deut­schen Fern­se­hen zu erwar­ten, dass sie ihre Zuschauer ein biss­chen klü­ger machen will? Der Jauch-Sendung vom ver­gan­ge­nen Sonn­tag ist das in spek­ta­ku­lä­rer Weise nicht gelun­gen, und die Äuße­run­gen von Bau­mann und Zaik ver­stär­ken den Ein­druck, dass sie es nicht ein­mal ver­su­chen wollte.

Man hätte sonst zum Bei­spiel dar­auf ver­zich­tet, einen Heini wie Hans-Hermann Tiedje ein­zu­la­den, der nichts mit dem Fall zu tun hat, der Weni­ger­wis­sen durch Lau­ter­mei­nen kom­pen­siert und der die bequeme Posi­tion hat, stell­ver­tre­tend für seine Kum­pel von »Bild« Kachel­mann angrei­fen zu kön­nen, ohne sich für das Han­deln von »Bild« recht­fer­ti­gen zu müssen.

Aber das Pro­blem ist natür­lich nicht Tiedje. Das Pro­blem sind Jauch und seine Redak­tion. Jauch erweckte zum Bei­spiel in der Sen­dung den Ein­druck, Kachel­mann dürfe das angeb­li­che Opfer nicht der »Falsch­be­schul­di­gung« bezich­ti­gen, dabei gibt es nach Anga­ben von Kachel­manns Anwalt bis­her kein ent­spre­chen­des Verbot.

Jauchs Redak­tion machte nicht nur den Feh­ler, den fal­schen Anwalt von Kachel­manns Beschul­di­ge­rin Clau­dia D. ein­zu­blen­den. Sie stellte auch die Ergeb­nisse einer Stu­die falsch dar, mit der Jauch die Behaup­tung Kachel­manns wider­le­gen wollte, dass Falsch­be­schul­di­gun­gen von Frauen in Ver­ge­wal­ti­gungs­fäl­len ein weit ver­brei­te­tes Pro­blem seien.

In einem Ein­spiel­film sagte der Off-Sprecher:

Die Fak­ten: Eine von der EU in Auf­trag gege­bene Stu­die der Lon­don Metro­po­li­tan Uni­ver­sity geht für Deutsch­land davon aus, dass nur etwa vier Pro­zent aller ange­zeig­ten Ver­ge­wal­ti­gun­gen Falsch­be­schul­di­gun­gen sind.

Das ist falsch. Das sagt die Stu­die nicht, und das sagt ins­be­son­dere die Gra­fik aus der Stu­die nicht, die »Gün­ther Jauch« zeigt. Die ein­ge­krin­gelte »4« steht in einer Tabelle, die die Über­schrift trägt: »Why cases were dis­con­ti­nued before court across case-tracking samples«.

Es geht hier also aus­schließ­lich um (echte oder angeb­li­che) Ver­ge­wal­ti­gungs­fälle, die ein­ge­stellt wur­den, bevor sie ein Gericht erreich­ten. Bei vier Pro­zent davon war die expli­zite Begrün­dung der Behör­den, dass die Vor­würfe falsch seien. Das besagt die Zahl »4«.

Die Stu­die weist aus­drück­lich dar­auf hin, dass es sich nicht um eine Schät­zung der tat­säch­li­chen Fälle von Falsch­be­schul­di­gun­gen han­delt, son­dern nur um offi­zi­ell als sol­che gekenn­zeich­nete. Und sie weist auch dar­auf hin, dass unklar ist, wie viele Falsch­be­schul­di­gun­gen nicht ein­deu­tig als sol­che erkannt wur­den und sich in der Kate­go­rie von Ver­fah­ren ver­ber­gen, die wegen »unge­nü­gen­der Beweise« ein­ge­stellt wur­den. Das sind (in der glei­chen Tabelle ange­ge­ben) in Deutsch­land immer­hin 19 Pro­zent der ein­ge­stell­ten Verfahren.

Tat­säch­lich kommt die Stu­die zu dem Ergeb­nis, dass die Öffent­lich­keit und auch die Ermitt­lungs­be­hör­den die Zahl von Falsch­an­schul­di­gun­gen eher über­schätz­ten, und wider­spricht inso­fern deut­lich Kachel­manns These. Was die Redak­tion von »Gün­ther Jauch« ihm aber als »Fak­ten« ent­ge­gen­hält, ist schlicht unwahr.

Man könnte das als Schlam­pe­rei abtun, aber nach den Aus­sa­gen von Zaik nehme ich an, dass es Des­in­ter­esse an der Wahr­heit ist, die ja für die Ver­ant­wort­li­chen der ARD-Sendung doch eh nur rela­tiv ist.

Der Spre­cher im Ein­spiel­film sagt weiter:

Im Gegen­teil: Die Hemm­schwelle, eine Ver­ge­wal­ti­gung über­haupt anzu­zei­gen, sei gewaltig.

Das wird, auch im wei­te­ren Ver­lauf der Dis­kus­sion, als Wider­spruch zur Posi­tion der Kachel­manns dar­ge­stellt. Das ist es aber gar nicht. Jörg Kachel­mann behaup­tet zwar: Eine Mehr­zahl der ange­zeig­ten Ver­ge­wal­ti­gun­gen hat nicht statt­ge­fun­den. Aber er sagt gleich­zei­tig: Eine Mehr­heit der Ver­ge­wal­ti­gun­gen, die statt­ge­fun­den haben, wird nicht angezeigt.

Das steht auch so in sei­nem Buch:

Es ist eine furcht­bare Schere: Die Mehr­heit der Ver­ge­wal­ti­gun­gen wird nicht ange­zeigt — die Mehr­heit der Anzei­gen sind Falschbeschuldigungen.

Hier sind wir nun tat­säch­lich in einem Bereich, in dem sich die »Wahr­heit« nicht ein­fach ermit­teln lässt. Aber es lie­ßen sich Anhalts­punkte, Annä­he­run­gen, Zeu­gen auf­trei­ben und, ja: wider­sprüch­li­che Argu­mente aus­tau­schen. Dazu müsste man aber als Redak­tion ent­spre­chende Stu­dien rich­tig lesen, ver­ste­hen und wie­der­ge­ben kön­nen. Und über­haupt müsste man Kachel­manns These ver­ste­hen und rich­tig wie­der­ge­ben. Gün­ther Jauch und »Gün­ther Jauch« haben das nicht geschafft.

Des­halb muss­ten sich Miriam und Jörg Kachel­mann die Sen­dung lang nicht nur für das recht­fer­ti­gen, was sie behaup­ten, son­dern auch für das, was sie nicht behaup­ten. Ein guter Mode­ra­tor, eine gute Redak­tion, hät­ten das verhindert.

Es musste dem unbe­fan­ge­nen Zuschauer auch so schei­nen, als seien Kachel­manns Angriffe auf das Mann­hei­mer Gericht nur Aus­wüchse einer blin­den Rach­sucht. Das liegt auch an Kachel­mann selbst, der sicher nicht der beste Kämp­fer in eige­ner Sache ist. Aber es gibt hand­feste Gründe dafür, die Pro­zess­füh­rung skan­da­lös zu fin­den. Man muss, wenn man sie kennt, nicht Kachel­manns Wut tei­len. Aber man muss sie ken­nen, um über Kachel­manns Wut fun­diert urtei­len zu kön­nen. Ist der Gedanke völ­lig abwe­gig, dass eine Talk­show das ver­su­chen könnte? Dass die Vorzeige-Talkshow der ARD das ver­su­chen müsste?

Vor­aus­set­zung dafür wäre aller­dings, dass Jauch und seine Redak­tion sich für die Wahr­heit inter­es­sie­ren und an Tat­sa­chen glau­ben: Als Grund, auf dem man ste­hen kann, und von dem aus man dann über Fol­gen, Ursa­chen, Inter­pre­ta­tio­nen streitet.

Die Kachelmann-Sendung war viel­leicht auch des­halb beson­ders schlimm, weil Jauch nicht ein­mal auf dem Gebiet des Men­schelns Tritt fand. Er fragte Miriam Kachel­mann ange­sichts der Tat­sa­che, dass sie nach der Fest­nahme ihres dama­li­gen Freun­des erfah­ren musste, dass er noch andere Frauen hatte, zu Beginn der Sen­dung allen Erns­tes: »Kam Ihnen nicht der Gedanke, naja, wenn der mich schon so belo­gen hat, dann wird er mög­li­cher­weise dem­zu­folge auch eine Ver­ge­wal­ti­gung leugnen?«

Die Kachelmann-Sendung war viel­leicht beson­ders schlimm, aber sie war auch typisch. Typisch für die zutiefst unjour­na­lis­ti­sche Art, eine Sen­dung zu machen und zu mode­rie­ren. Ich habe vor einem Jahr im »Spie­gel« über Jauchs erste Sen­dun­gen geschrieben:

Gele­gent­lich liest er mit gro­ßem Ernst Zuschrif­ten von Zuschau­ern vor wie den Hin­weis eines Man­nes, man müsse die Frau Mer­kel doch auch mal loben für ihre Kon­stanz: »Fra­gen Sie doch mal zwei Wirt­schafts­ex­per­ten, und Sie bekom­men drei Mei­nun­gen.« Diese Kapi­tu­la­tion vor einem gemein­schaft­li­chen Ver­such, zu ver­ste­hen und im Streit die beste Lösung zu fin­den, steht dank Jauch und sei­ner Redak­tion stolz am Ende einer ein­stün­di­gen Gesprächs­sen­dung mit der Kanzlerin.

Bei die­ser Kapi­tu­la­tion ist es bis heute geblieben.