Jetzt ver­stößt der Bun­des­prä­si­dent auch noch gegen das Duale Sys­tem. Das, so träu­men die Pri­vat­sen­der, gebie­tet ihm, wenn er ARD und ZDF ein Inter­view gibt, auch ProSiebenSat.1, RTL, n-tv und N24 ein Inter­view zu geben. Weil Chris­tian Wulff das nicht getan hat, haben sie ihm einen Pro­test­brief geschrie­ben. Sie müs­sen ver­rückt gewor­den sein.

Es ist natür­lich min­des­tens unge­schickt (aber in sei­ner Unge­schick­lich­keit fast schon wie­der kon­se­quent) von Wulff, den Vor­wurf, ein gestör­tes Ver­hält­nis zur Presse zu haben, nicht auch vor der Presse aus­zu­räu­men, son­dern nur gegen­über zwei Jour­na­lis­ten des öffentlich-rechtlichen Rund­funks. Ich wüsste eine ganze Reihe von Kol­le­gen, von denen ich mir wünschte, dass Wulff ihnen Rede und Ant­wort ste­hen würde und müsste. Nur fällt mir spon­tan nie­mand vom deut­schen Pri­vat­fern­se­hen dabei. Das ist viel­leicht kein Zufall.

Die Pri­vat­sen­der tun so, als hät­ten sie quasi einen Rechts­an­spruch dar­auf, dass Wulff sich ihnen gegen­über erklärt. Eine N24-Sprecherin sagte, seine Ent­schei­dung, »das duale Sys­tem ein­fach zu igno­rie­ren«, sei weder nach­voll­zieh­bar noch werde sie dem Amt an sich gerecht. Eine Sat.1-Sprecherin sagte, das Inter­view ver­stoße gegen die Grund­la­gen des dua­len Fern­seh­sys­tems. Gemein­sam beklag­ten die Pri­vat­sen­der, sie könn­ten ihrem Infor­ma­ti­ons­auf­trag »durch Ihre heu­tige Ent­schei­dung nicht gerecht werden.«

Die Pflicht zur umfas­sen­den poli­ti­schen Bericht­er­stat­tung ist eine Sorge, die RTL und ProSiebenSat.1 sicht­lich umtreibt wie kaum eine andere.

Im Grunde zeigt RTL nur darum soviel »Deutsch­land sucht den Super­star«, »Bauer sucht Frau« und »Alarm für Cobra 11″ und füllt seine Infor­ma­ti­ons­sen­dun­gen und Maga­zine nur des­halb mit soviel Müll und Quatsch, weil der Bun­des­prä­si­dent in die­ser Zeit nicht mit dem Sen­der reden will. RTL hat als Markt­füh­rer mit eige­nem Nach­rich­ten­sen­der auch Erfah­rung damit, große, welt­be­we­gende und preis­ge­krönte Inter­views mit umstrit­te­nen Staats­män­nern ange­mes­sen zu prä­sen­tie­ren. Als Anto­nia Rados vor einem Jahr exklu­siv 40 Minu­ten lang mit Liby­ens dama­li­gem Herr­scher Muam­mar al Gad­dafi spre­chen konnte, war RTL das nicht weni­ger als drei Minu­ten kost­bare Sen­de­zeit wert.

Oder Pro­Sie­ben. Sicher, die Haupt­nach­rich­ten­sen­dung namens »New­stime« ist eine zehn­mi­nü­tige Pin­kel­pause im Vor­abend­pro­gramm zwi­schen »taff« und den »Sim­psons«, aber an wem liegt das denn? An Pro­Sie­ben etwa? Nein, am Bun­des­prä­si­den­ten! Und mit einem Gast­auf­tritt bei »TV Total« hätte Wulff nicht nur das Duale Sys­tem geret­tet, son­dern sogar end­lich mal die jun­gen Wäh­ler errei­chen können.

In den Sat.1-Nachrichten war eines der drei »Top-Themen« ges­tern, dass am nächs­ten Tag die sen­der­ei­gene Casting-Show »The Voice of Ger­many« wei­ter­ge­hen würde. Aber ich bin mir sicher, hin­ter­her hätte man sicher noch ein biss­chen Platz in der Sen­dung gefun­den, um ein­ein­halb Fra­gen von Peter Lim­bourg an den Bun­des­prä­si­den­ten zu zei­gen. Wodurch der Sen­der sei­ner Infor­ma­ti­ons­pflicht nach­ge­kom­men wäre.

Es ist fast zu albern, um sich dar­über auf­zu­re­gen, aber: Wirk­lich? Das soll jemand glau­ben? Die Pri­vat­sen­der konn­ten ihrer Infor­ma­ti­ons­pflicht nicht nach­kom­men, weil Peter Klo­ep­pel, Peter Lim­bourg oder Aiman Abdal­lah nicht selbst dem Bun­des­prä­si­den­ten gegen­über saßen?

ARD und ZDF haben den ande­ren Pro­gram­men früh­zei­tig die Auf­zeich­nung des Inter­views zur Ver­fü­gung gestellt. Die durf­ten drei Minu­ten dar­aus zeigen.

Die Sat.1-Nachrichten waren selbst damit über­for­dert. Das klang dann so:

Off-Sprecher: Als Erklä­rung für den Anruf [bei »Bild«-Chefredakteur Kai Diek­mann] nennt Wulff, dass er Freunde und Fami­lie beschüt­zen wollte.

Wulff: Nein, denn ich hatte die gan­zen Wochen über große Unter­stüt­zung von vie­len Bür­ge­rin­nen und Bür­gern, mei­ner Freunde, auch der Mitarbeiter.

Hä? Ah: Wulffs Ant­wort und das »Nein« bezie­hen sich eigent­lich nicht auf den Schutz von Freun­den und Fami­lien, son­dern auf die Frage, ob er an Rück­tritt gedacht hat. Dafür zeigt Sat.1 in dem drei­ein­halb­mi­nü­ti­gen Nach­rich­ten­bei­trag einen Satz Wulffs ver­se­hent­lich gleich zwei­mal. Die Kern­kom­pe­tenz des Sen­ders liegt doch eher im Alte-Kassetten-aus-dem-Keller-Holen.

Noch ein­mal: Es hätte Wulff gut ange­stan­den, sich nicht nur ARD und ZDF zu stel­len und nicht nur in dem engen Kor­sett einer 20-minütigen Fern­seh­sen­dung. Aber dem Bou­le­vard­sen­der RTL und den Spar­ka­nä­len Sat.1 und Pro­Sie­ben, die sonst auf ihre Infor­ma­ti­ons­pflicht sch pfei­fen, sowie den Rum­pel­sen­dern n-tv und N24 war er kein Inter­view schul­dig. Und schon gar nicht wäre er damit dem Dua­len Sys­tem oder gar sei­nem Amt gerecht worden.