Was ist da heute passiert?

Ich glaube, der Hype um den angeblichen Nazi-Eklat im sächsischen Landtag, der heute kollektiv die deutschen Medien erfasste, ist ein Lehrstück dafür, welch beunruhigende Wirkung die Dominanz von »Spiegel Online« als einsames Internet-Leitmedium entwickeln kann.

Eigene Recherche oder auch nur der Rückgriff auf vorhandenes Expertenwissen spielen im Alltag deutscher Online-Redaktionen kaum eine Rolle. Dort sitzen überwiegend Menschen, die nicht mehr tun, als am Fließband die unaufhörlich eintrudelnden Meldungen von Nachrichtenagenturen in Form zu bringen (besten– oder schlechtestenfalls ergänzt um blind aus »Bild« übernommene Meldungen). Auf der Suche nach Orientierung tun sie das, was auch die meisten Leser machen: Sie schauen auf »Spiegel Online« nach.

»Spiegel Online« aber ist ein Boulevardmedium. Und das eigentliche Problem daran ist nicht, dass »Spiegel Online« Boulevardgeschichten breiten Raum gibt. Sondern dass »Spiegel Online« auch die anderen Themen nach den Regeln des Boulevard aufbereitet: Meldungen werden zugespitzt, Kleinigkeiten zu Sensationen hochgeschrieben, Themen personalisiert. Die Welt, wie sie ein »Spiegel Online«-Leser erlebt, ist hundertmal aufregender als die Welt, die tagesschau.de präsentiert. Im Minutentakt durchleben hier Politiker, Prominente und Wirtschaftsbosse persönliche Niederlagen und Triumphe; jagen einander Skandale und Eklats, historische Umfragetiefs und verheerende Katastrophen.

»Spiegel Online« zeichnet sich nicht nur durch einen hohen Anteil von selbst geschriebenen Artikeln aus. Auch Agenturmeldungen bekommen den »Spiegel Online«-typischen erregten Tonfall und fast immer einen kommentierenden Drall.

So geschah es auch mit der dpa-Meldung von heute, 10:50 Uhr, die im Original so begann:

CDU-Politiker Stanislaw Tillich neuer Ministerpräsident in Sachsen

Dresden (dpa) — Der CDU-Politiker Stanislaw Tillich ist neuer Ministerpräsident des Landes Sachsen. Der 49-Jährige erhielt am Mittwoch im Landtag bereits im ersten Wahlgang die erforderliche Mehrheit. Tillich kam auf 66 von 121 möglichen Stimmen. Der Kandidat der rechtsextremen NPD, Johannes Müller, erhielt 11 Stimmen und damit 3 mehr als die Fraktion Sitze hat. (…)

Der letzte Satz war korrekt, aber irreführend, weil er die ehemaligen NPD-Fraktionsmitglieder außer acht ließ. Aber der dpa-Mann scheint keinen erhöhten Puls gehabt zu haben, als er die Meldung schrieb.

Anders als der »Spiegel Online«-Mensch, der aus der Meldung eine Eilmeldung machte und aus dem vielleicht wenig überraschenden Stimmverhalten einen »Eklat«. Um 10:55 Uhr erschien sein Artikel online.

Ich kann es nicht beweisen, aber ich glaube, dass es diese Vorgabe von »Spiegel Online« war, die die Berichterstattung der anderen Medien so fatal beeinflusst hat. Das Wort »Eklat« oder auch »Skandal« zum Beispiel, das sie in so großer Zahl gewählt haben, taucht in Bezug auf die heutige Wahl in keiner Agenturmeldung auf.

Bezeichnend ist, wie sich die Berichterstattung auf »Welt Online« veränderte. Der Artikel über die Wahl ging dort bereits um 10:54 Uhr online. Er enthielt die irreführende Formulierung: »Sein Gegenkandidat von der NPD war zwar chancenlos, aber er erhielt drei Stimmen mehr, als seine Fraktion groß ist. Woher die zusätzlichen Stimmen kamen, ist unklar.« Aber die Überschrift lautete schlicht: »Tillich zum neuen Regierungschef gewählt«. Erst nachdem »Spiegel Online« »Eklat« rief, änderte »Welt Online« die Überschrift zu: »NPD-Eklat bei Tillichs Wahl zum Regierungschef?« (Inzwischen ist »Welt Online« wieder zur ursprünglichen Überschrift zurückgerudert.)

Es kann natürlich sein, dass nicht jedes Medium, das die dpa-Meldung bekam, erst den Anstoß von »Spiegel Online« brauchte, um daraus einen Eklat zu konstruieren. Die markante Art von »Spiegel Online«, Themen aufzubereiten, ist im deutschen Online-Journalismus fast zu einer Art Standard geworden — vermutlich greifen viele ganz alleine zu solchen Schlagworten. Das ist natürlich auch eine schlichte Konsequenz aus dem verschärften Wettbewerb im Internet: Im Zweifel gewinnt derjenige die Aufmerksamkeit und die Klicks der Leser, der aus einer Nachricht den größeren Skandal macht. Voraussetzung dafür war in diesem Fall allerdings, dass man ungefähr noch nie mit der Berichterstattung über den sächsischen Landtag zu tun hatte — sonst wäre der Denkfehler aufgefallen.

Jedenfalls nahm die Eklatomanie ihren Lauf, und möglicherweise war sie auch Schuld daran, dass um 12:24 Uhr ein besonders blöder Satz in eine dpa-Meldung geriet:

Gerätselt wurde, wer von CDU, SPD, FDP, Grünen oder der Linken für den Rechtsextremisten gestimmt hat.

Gut möglich, dass dpa-Korrespondent Jörg Schurig den Satz nicht selbst geschrieben hat, sondern er ihm von jemandem in der Zentrale hineinredigiert wurde, der beobachtet hatte, wie plötzlich tatsächlich von ahnungslosen Medien wie Bild.de genau das »gerätselt wurde«. Ein Indiz dafür ist auch, dass Schurig nur eine gute halbe Stunde später einen ausführlichen Korrespondentenbericht schickte, der die ganz und gar eklatfreie Überschrift »Neustart ohne Nebengeräusch« trug und in dem es korrekt heißt:

Das Resultat des rechtsextremen Kandidaten Johannes Müller lag drei Stimmen über der Zahl der NPD-Mandate. Trotzdem wurde das [von der Regierungskoalition] als Randnotiz abgetan: Da die NPD nach Austritten und einem Rauswurf auf acht Sitze und damit zwei Drittel ihrer einstigen Stärke schrumpfte, gibt es im Landtag vier Fraktionslose mit unklarer Stimmungslage.

Die Kollegen von stern.de aber krempelten diesen Bericht — ich vermute, angesichts des Tonfalls der anderen Online-Medien — zu einem Artikel um, unter dem zwar noch der Name »Jörg Schurig« stand, in dem aber plötzlich ebenfalls von einem »Eklat« die Rede war, und davon, dass die NPD in Dresden »gepunktet« habe.

»Spiegel Online« hatte die übergeigte eigene Meldung zu diesem Zeitpunkt längst aufgegeben und sich dafür entschuldigt — aber die ursprüngliche Interpretation beherrschte noch die Berichterstattung und war nur mühsam aus der Welt zu bekommen. Um 14:39 Uhr gab dpa eine Meldung raus, in der der Satz »Gerätselt wurde, wer von CDU, SPD, FDP, Grünen oder der Linken für den Rechtsextremisten gestimmt hat« explizit gestrichen wurde. Gleichzeitig veröffentlichte dpa eine neue, korrekte Zusammenfassung. (Die Agenturen AP und Reuters hatten um 12:35 Uhr bzw. 13:08 Uhr in längeren Meldungen ebenfalls auf die Ex-NPD’ler hingewiesen.)

So also funktioniert der Qualitätsjournalismus im Internet, von dem die Verlage so schwärmen: Ein Agenturkorrespondent, der sich nicht ganz klar ausdrückt, ein Online-Leitmedium, das im Schlagzeilen– und Klickrausch den größtmöglichen Verstärker mit Verzerrer einschaltet, und Dutzende Kopiermaschinen, die ohne Wissen, Recherche und jeden eigenen Gedanken hinterhertaumeln.

Ich glaube nicht, dass die Geschichte mit dem »NPD-Eklat« ein Sonderfall war. Ich glaube, das passiert so ähnlich, nur viel weniger anschaulich, jeden Tag.