Der »Tages­spie­gel« war sicht­lich stolz auf seine Exklusiv-Meldung. Online hob er sie mit einem gel­ben Textmarker-Hinweis her­vor; gedruckt brachte er sie ganz oben auf Seite 1.

Sie lau­tete:

Wulffs Anwalt: Ant­wor­ten blei­ben geheim

Ber­lin — Bun­des­prä­si­dent Chris­tian Wulff ver­wei­gert die Her­aus­gabe von Fra­gen und Ant­wor­ten zu sei­ner Affäre. Dies teilte sein Anwalt Ger­not Lehr, der die Fra­gen für Wulff beant­wor­tet hat, dem Tages­spie­gel mit. »Der im Man­dan­ten­auf­trag geführte Schrift­ver­kehr zwi­schen Anwäl­ten und Drit­ten fällt unter die anwalt­li­che Ver­schwie­gen­heits­pflicht. Aus die­sem Grund sowie aus Grün­den der prak­ti­schen Hand­hab­bar­keit für alle Betei­lig­ten ist eine zusam­men­fas­sende Stel­lung­nahme erfolgt«, sagte Lehr. In sei­nem TV-Interview hatte Wulff gesagt: »Ich geb Ihnen gern die 400 Fra­gen, 400 Antworten.« (…)

Die Agen­tu­ren spran­gen sofort dar­auf an. Schon um 5:55 Uhr mor­gens ver­brei­tete Reu­ters die Mel­dung mit fol­gen­dem Hintergrund:

Wulff hatte in der ver­gan­ge­nen Woche in sei­nem Inter­view mit ARD und ZDF gesagt: »Ich gebe Ihnen gern auf die 400 Fra­gen 400 Ant­wor­ten.« Man müsse die Trans­pa­renz wei­ter­trei­ben, was auch neue Maß­stäbe setze. »Mor­gen früh wer­den meine Anwälte alles ins Inter­net ein­stel­len. Dann kann jede Bür­ge­rin, jeder Bür­ger, jedes Detail zu den Abläu­fen sehen (…).«

AFP, dapd, dpa zogen alle noch im Lauf des Vor­mit­tags nach. Bei dpa las sich der ent­schei­dende Wider­spruch so:

Wulff hatte in der ver­gan­ge­nen Woche im Inter­view von ARD und ZDF ange­kün­digt, er wolle in der Affäre für voll­stän­dige Trans­pa­renz sor­gen. »Mor­gen früh wer­den meine Anwälte alles ins Inter­net ein­stel­len. Dann kann jede Bür­ge­rin, jeder Bür­ger jedes Details zu die­sen Abläu­fen sehen und bewer­tet sehen, auch recht­lich«, sagte er. »Ich geb‹ Ihnen gern die 400 Fra­gen, die 400 Antworten.«

In spä­te­ren Mel­dun­gen behaup­tete dpa, der Bun­des­prä­si­dent habe »eine öffent­li­che Doku­men­ta­tion der Fra­gen und Ant­wor­ten zu den Vor­wür­fen gegen das Staats­ober­haupt« »versprochen«.

Hat er das wirklich?

Die Zitate Wulffs stim­men. Sie stam­men alle aus dem Inter­view, das er in der ver­gan­ge­nen Woche ARD und ZDF gege­ben hat. Aber der Satz, dass seine Anwälte »alles ins Inter­net ein­stel­len wer­den«, und der Hin­weis auf »die 400 Fra­gen, die 400 Ant­wor­ten«, fie­len kei­nes­wegs im sel­ben Zusammenhang.

Wulff sagte einer­seits:

Mor­gen früh wer­den meine Anwälte alles ins Inter­net ein­stel­len. Dann kann jede Bür­ge­rin, jeder Bür­ger jedes Detail zu die­sen Abläu­fen sehen und bewer­tet sehen, auch rechtlich.

Er sagte das im Kon­text, dass »man« (er meint: »ich«) »die Trans­pa­renz wei­ter­trei­ben muss«. Über die »400 Fra­gen« spricht er sehr viel spä­ter:

Schaus­ten: Kön­nen Sie denn garan­tie­ren, dass nicht noch etwas ande­res nach­kommt in der Affäre, über die wir jetzt sprechen?

Wulff: Also bei 400 Fra­gen und wenn gefragt wird, was es zu essen gab, bei Ihrer ers­ten Hoch­zeit und wer Ihre zweite bezahlt hat und ob Sie den  Unter­halt für Ihre Mut­ter gezahlt haben und ich könnte jetzt tau­send Sachen mehr nen­nen und wer die Klei­der für Ihre Frau gezahlt hat, wel­che gelie­hen waren, wel­che sozu­sa­gen als geld­wer­ter Vor­teil ver­steu­ert  wer­den, dann kann ich nur sagen, ich geb Ihnen gern die 400 Fra­gen – 400 Ant­wor­ten. Da ist jetzt etwas, was einen dann inner­lich auch nach sol­chen drei Wochen irgendwo frei­macht, dass man sagt, also jetzt ist wirk­lich alles von innen nach oben und umge­kehrt gewen­det. Und man muss sich dann auch fra­gen, ob nicht dann auch es irgend­wann akzep­tiert wird, dass auch ein Bun­des­prä­si­dent ein pri­va­tes Leben haben darf.

Er spricht hier davon, dass er glaubt, sich keine Sor­gen dar­über machen zu müs­sen, dass noch neue Ent­hül­lun­gen ans Tages­licht kom­men. Die 400 Fra­gen, auf die er ebenso viele Ant­wor­ten gege­ben habe, hät­ten wohl alles abge­deckt. Er blickt nicht in die Zukunft, wenn die Anwälte irgend­et­was ver­öf­fent­li­chen wür­den, son­dern in die Ver­gan­gen­heit: Es hätte ihn »inner­lich frei­ge­macht«, das Gefühl zu haben, alles gefragt wor­den zu sein und alles beant­wor­tet zu haben.

Womög­lich kann man das auch anders ver­ste­hen. Ganz sicher war Wulff — wie­der ein­mal — dumm, dass er das Ver­öf­fent­li­chen eines sechs­sei­ti­gen Papiers mit Ant­wor­ten als revo­lu­tio­nä­ren Akt der Trans­pa­renz ver­brämte. Aber es spricht eini­ges dafür, dass er nicht ange­kün­digt oder ver­spro­chen hat, alle 400 Fra­gen und Ant­wor­ten im Inter­net ver­öf­fent­li­chen zu lassen.

Die Agen­tur Reu­ters ist immer­hin genau genug, in einer Mel­dung am Diens­tag­abend so zu formulieren:

Mitt­woch ver­gan­ge­ner Woche hatte Wulff im Inter­view von ARD und ZDF ange­kün­digt, auf die bis dahin 400 ein­ge­reich­ten Fra­gen gebe er gerne 400 Ant­wor­ten. Er wolle mit der Trans­pa­renz neue Maß­stäbe set­zen. Seine Anwälte wür­den noch am Fol­ge­tag »alles ins Inter­net ein­stel­len«. Jeder Bür­ger könne dann jedes Detail bewer­ten. Dies war viel­fach so ver­stan­den wor­den, als werde er sämt­li­che Ant­wor­ten auf Anfra­gen von Medien öffent­lich machen.

Ja: Es war viel­fach so ver­stan­den wor­den. Ein­deu­tig gesagt hatte er es nicht.

Doch die Medien taten so, als hätte er. Und hat­ten fri­sche Munition.

»Spie­gel Online« brachte den Vor­wurf auf die schlichte schlag­zeil­en­taug­li­che Formel:

Wulff bricht sein Versprechen

Und kom­po­nierte ent­spre­chend Wulffs Zitate sehr frei wie folgt zusammen:

Am Mitt­woch hatte das Staats­ober­haupt in einem Inter­view mit ARD und ZDF noch ange­kün­digt: »Ich geb Ihnen gern auf die 400 Fra­gen 400 Ant­wor­ten.« Man müsse die Trans­pa­renz wei­ter­trei­ben, »die setzt auch neue Maß­stäbe«. »Mor­gen früh wer­den meine Anwälte alles ins Inter­net ein­stel­len. Dann kann jede Bür­ge­rin, jeder Bür­ger jedes Details zu den Abläu­fen sehen — und bewer­tet sie auch rechtlich.«

Der par­la­men­ta­ri­sche Geschäfts­füh­rer der Uni­ons­frak­tion im Bun­des­tag Peter Alt­maier sagte dem »Ham­bur­ger Abend­blatt«: »Ich hielte es für unglück­lich, wenn der Ein­druck ent­stünde, dass die Anwälte des Bun­des­prä­si­den­ten jetzt hin­ter dem zurück­blei­ben, was er selbst in einem Fern­seh­in­ter­view ange­kün­digt hat.« Gegen­über der WAZ-Mediengruppe nutzte der SPD-Vorsitzende Sig­mar Gabriel den angeb­li­chen Wider­spruch zwi­schen Ver­spre­chen und Ein­lö­sung für neue, alte Angriffe auf Wulff. Die »WAZ« behaup­tete in die­sem Zusam­men­hang:

In sei­nem Fernseh-Interview in der ver­gan­ge­nen Woche hatte Wulff erklärt, er wolle die 400 Medi­en­an­fra­gen, die er über seine Anwälte beant­wor­tet habe, der Öffent­lich­keit zugäng­lich machen und so in der Trans­pa­renz »neue Maß­stäbe« setzen.

Die Agen­tur dapd nutzte die Kri­tik an der Nicht­ver­öf­fent­li­chung am Mitt­woch­abend für eine Mel­dung mit dem sich selbst­er­fül­len­den Titel: »Wulff-Affäre nimmt keine Ende«.

Den Anlass für die wei­te­ren nega­ti­ven Schlag­zei­len hat zu einem grö­ße­ren Teil wie­der Wulff selbst gelie­fert. Aber wäre es zuviel ver­langt von den Medien, im Umgang mit dem Bun­des­prä­si­den­ten, bei dem sie jetzt alles ganz genau neh­men, alles ganz genau zu nehmen?

[via Wer­ner Ber­ger in den Kom­men­ta­ren]