Woher kommt eigent­lich der Glaube, dass ein guter Ruf vor allem durch ande­rer Leute Mei­nungs­äu­ße­run­gen gefähr­det wird und nicht durch das eigene Han­deln? Nichts hätte der Jour­na­list Jens Wein­reich über den DFB-Präsidenten Theo Zwan­zi­ger sagen kön­nen, was die­sem auch nur halb so viel gescha­det hätte wie seine eigene Reak­tion dar­auf — die Lügen sei­nes Ver­ban­des, die Klage gegen Wein­reich, die immer neuen Demons­tra­tio­nen von Unbe­lehr­bar­keit und Starrsinn.

Was kaum mög­lich schien, hat Zwan­zi­ger heute geschafft: Die Aus­ein­an­der­set­zung noch wei­ter zu eska­lie­ren. Am Rande einer DFB-Pressekonferenz drohte er mit dem Rück­tritt von sei­nem Amt, falls er vor Gericht gegen Wein­reich unter­lie­gen sollte. Der hatte ihn bekannt­lich im Som­mer im Zusam­men­hang mit einem Auf­tritt einen »unglaub­li­chen Dem­ago­gen« genannt. Die Nach­rich­ten­agen­tur dpa zitiert Zwan­zi­ger mit den Worten:

»Wenn das ver­fas­sungs­recht­lich zuläs­sig ist, werde ich sehr ernst­haft erwä­gen, ob ich die­ses Amt wei­ter­führe. Das kann ich nicht auf mir sit­zen las­sen. Es wird ein Urteil geben. Ich werde meine per­sön­li­che Ehre nicht auf dem Altar des Amtes opfern.«

Hin­ter die­ser Aus­sage steht eine erneute Erhö­hung des Ein­sat­zes. Die Logik ist offen­sicht­lich: All die vie­len Leute, die ihn für den bes­ten DFB-Präsidenten aller Zei­ten hal­ten, sol­len auf Linie gebracht und gegen Wein­reich ein­ge­schwo­ren wer­den. Denn der ris­kiert mit sei­ner Reni­tenz und dem Behar­ren auf das Recht der freien Mei­nungs­äu­ße­rung, dass unser Land viel­leicht auf die­sen fan­tas­ti­schen DFB-Präsidenten ver­zich­ten müsste.

In einem Land, in dem es gesetz­lich erlaubt ist, ihn unter bestimm­ten Umstän­den einen »unglaub­li­chen Dem­ago­gen« zu nen­nen, möchte Theo Zwan­zi­ger nicht DFB-Präsident sein.

Aber dass kei­ner der grauen Män­ner in sei­ner Umge­bung es schafft, ihn bei­seite zu neh­men und zu sagen: »Theo, das ist gerade ein biss­chen kon­tra­pro­duk­tiv, was Du hier machst. Wir hat­ten so viele andere schöne The­men auf unse­rer Pres­se­kon­fe­renz, und nun beginnt eine Mel­dung nach der ande­ren mit die­sem Weinreich-Scheiß…«?!

Nach­trag, 18:25 Uhr. Die F.A.Z. kom­men­tiert:

[Zwan­zi­ger] macht seine unver­söhn­li­che Sicht in die­ser Causa zu einer der­art öffent­li­chen Ange­le­gen­heit, dass er damit auch Scha­den für sein Amt bil­li­gend in Kauf nimmt. Denn nicht jeder muss am Ende so bein­hart wie Zwan­zi­ger eine Äuße­rung ver­ur­tei­len, die zwei­fel­los unan­ge­mes­sen anmutet.

Mit ähn­li­chen, für Zwan­zi­ger uner­träg­li­chen Situa­tio­nen wer­den auch andere Amts– und Wür­den­trä­ger immer wie­der kon­fron­tiert. Die meis­ten Poli­ti­ker, Wirt­schafts­bosse oder Sport­funk­tio­näre gehen damit aller­dings pro­fes­sio­nel­ler und gelas­se­ner um. Zwan­zi­ger kann und will das nicht. Des­halb ist die Frage erlaubt, ob die­ser Prä­si­dent bei all sei­nen Ver­diens­ten dau­er­haft für eine Auf­gabe geeig­net ist, in der manch­mal auch die Fähig­keit gefragt ist, sou­ve­rän zu blei­ben, selbst wenn es per­sön­lich weh tut.

Und die »Süd­deut­sche Zei­tung« urteilt:

DFB-Chef Theo Zwan­zi­ger lähmt mit sei­nem Vor­ge­hen den gan­zen DFB, gibt ein wei­te­res Bei­spiel für Funk­tio­närs­hy­bris und legt ein bedenk­li­ches Rechts­ver­ständ­nis an den Tag.

Nach­trag, 19:40 Uhr. Die »Frank­fur­ter Rund­schau« hat noch mehr Zitate von Zwanziger:

Es han­dele sich um eine »klas­si­sche Schmäh­kri­tik«, so der auf­ge­brachte Prä­si­dent, der sich auch von Medi­en­chef Harald Sten­ger nicht stop­pen ließ: »Dem­nächst heißt es, ich sei ein Mas­sen­mör­der, nur hat es keine Lei­chen gegeben.«

Seine Rück­tritts­an­kün­di­gung für den Fall der Nie­der­lage vor Gericht, ergänzte Zwan­zi­ger auf FR-Nachfrage, habe »nichts mit einer Dro­hung oder einer Ein­schüch­te­rung« zu tun, er sei über­zeugt, dass der Rich­ter unab­hän­gig vom öffent­li­chen Schar­müt­zel objek­tiv ent­schei­den werde.

Nach­trag, 0:52 Uhr. Das wird ein har­ter Tag für die Leute, die den DFB-Pressespiegel zusam­men­stel­len. Der »Köl­ner Stadt-Anzeiger« kommentiert:

Der Jurist Theo Zwan­zi­ger offen­bart ein schrä­ges Rechts­ver­ständ­nis: Die Ankün­di­gung des DFB-Präsidenten, von sei­nem Amt zurück zu tre­ten, falls ein Gerichts­be­schluss nicht nach sei­nem Gusto aus­fällt, ist unfassbar.

Und — nach mei­ner Wahr­neh­mung als ers­ter — schafft es der Kom­men­tar, eine direkte Linie von Zwan­zi­gers Ver­hal­ten jetzt zum Aus­gang des gan­zen Streits zu ziehen:

Das Selbst­ver­ständ­nis des DFB und sei­nes Prä­si­den­ten offen­ba­ren sich am kras­ses­ten in dem Fall, von dem alles aus­geht. Der Ver­band und die Deut­sche Fußball-Liga waren vom Kar­tell­amt wegen des Ver­dachts auf Abspra­chen durch­sucht wor­den. Der Ver­dacht bestä­tigte sich zwar nicht, aber der DFB ist bis heute zutiefst gekränkt und lässt nicht nach in sei­nem Bemü­hen, das Vor­ge­hen des Kar­tell­am­tes zu gei­ßeln. In die­sem Zusam­men­hang hat Wein­reich gegen Theo Zwan­zi­ger die strit­tige Bezeich­nung »unglaub­li­cher Dem­agoge« verwendet.

Prü­fun­gen staat­li­cher Organe muss jeder über sich erge­hen las­sen, sei es in Steu­er­fra­gen, Stra­ßen­ver­kehr oder sonst wo. Wer würde es wagen, sich einer PKW-Kontrolle zu ent­zie­hen mit den Wor­ten: »Sie wis­sen wohl nicht, wen sie vor sich haben? Wie kön­nen Sie es wagen, mein Fahr­zeug auf Ver­kehrstaug­lich­keit und mei­nen Atem auf Genuss von Alko­hol zu unter­su­chen?« Wer so etwas tut, macht sich hoch­gra­dig lächer­lich und zeigt, dass er nicht ver­stan­den hat, für wen Recht gel­ten muss: für jeden.

Die »Stutt­gar­ter Zei­tung« meint:

Der Vor­gang offen­bart aber ein­mal mehr das selt­same Gebah­ren des Ver­bands, und vor allem sei­nes Prä­si­den­ten, der viel Gutes für den Fuß­ball getan hat, hier aller­dings nach Guts­her­ren­ma­nier agiert.

Die von Zwan­zi­ger so gerne pos­tu­lierte »Kom­mu­ni­ka­ti­ons­herr­schaft« hat der Ver­band längst ver­lo­ren, und mit ihr auch die Kon­trolle über einen bis­lang ein­ma­li­gen Vor­gang im deut­schen Sport, der immer stär­ker Züge einer Posse annimmt.

Im »Tages­spie­gel« heißt es unter der Über­schrift »Sein Fehler«:

Unab­hän­gig davon, dass Zwan­zi­ger alles andere als ein Dem­agoge ist, wirft der juristisch-öffentliche Furor, den er in die­ser neben­säch­li­chen Frage an den Tag legt, eine viel gewich­ti­gere Frage auf: Ist Theo Zwan­zi­ger wirk­lich ein guter DFB-Präsident?

Bis­her fiel als Ant­wort ein Ja nicht schwer. Bisher.