Süddeutsche Zeitung
Nach dem großen Erfolg zeigt der BR eine zweite Staffel der Bergwacht-Dokuserie „In höchster Not“. Ein Gespräch mit den Machern über Leben und Tod – und warum es sich lohnt, bei Einsätzen mit der Kamera draufzuhalten.

Foto: BR / Timeline
So hatte man die Einsätze der Bergwacht Bayern noch nie gesehen: im wahrsten Sinne hautnah, gefilmt von den Rettern selbst. Die Dokuserie „In höchster Not – Bergretter im Einsatz“ des BR war im vergangenen Jahr ein großer Erfolg in der Mediathek; jetzt läuft die zweite Staffel. Ein Gespräch mit den Produzenten Max Reichel und Franz Hinterbrandner von Timeline Production und Ingmar Grundmann, Redaktionsleiter Journalistische Unterhaltung im BR, wie weit eine Doku gehen darf, wie Menschen reagieren, die gefilmt werden, weil sie sich extrem fahrlässig verhalten haben, und über Bergwachtler, die immer tiefenentspannt bleiben.

Max Reichel (links), Franz Hinterbrandner. Foto: Timeline
Angenommen, ich gehe jetzt in den bayerischen Alpen wandern und gerate in Not – wie groß ist die Chance, dass die Leute, die mich retten, irgendwelche Kameras am Körper haben?
Max Reichel: Wenn Sie in der Gegend um Reichenhall in Not geraten oder um Grainau, also an der Zugspitze: fast hundert Prozent.
Wirklich?
Franz Hinterbrandner: In der Hauptsaison ja. Da versuchen wir, alles abzudecken.
Das heißt, Sie nehmen nicht nur ein paar Wochen im Jahr auf für die jeweils nächste Staffel?
Reichel: Wir haben schon bestimmte Drehtage, insgesamt um die 200. Aber wir haben die Leute der Bergwacht dort auch geschult zu filmen, wenn wir nicht da sind. Die haben immer die Go-Pros und Bodycams vor Ort und können sich jederzeit daran bedienen, damit wir nicht einen besonderen Einsatz oder richtig tolle Bilder verpassen.
Wie reagieren Menschen, die in einer Notlage sind, wenn sie merken, dass sie dabei gefilmt werden?
Hinterbrandner: Die Reaktion ist eigentlich durchweg positiv. Viele kennen das Projekt schon und finden es gut, dass wir eine Dokumentation über dieses Ehrenamt machen, die Bergrettung.
Reichel: Ich weiß nur von einer Situation, in der jemand gesagt hat: Ich will jetzt nicht gefilmt werden, und dann respektiert man das. Am Ende eines Einsatzes gehen wir in Ruhe zu den Leuten hin und erklären noch mal, was wir machen. Die müssen ja dann sowieso eine Einverständniserklärung unterschreiben. Bisher hatten wir kaum Probleme.
Das ist erstaunlich. Schließlich sieht man die Leute ja nicht nur in lebensgefährlichen Situationen, sondern teilweise auch, wie sie extrem fahrlässig handeln und etwa ohne Ausrüstung in einer Steilwand herumklettern.
Hinterbrandner: Der Mann, den Sie meinen aus der ersten Staffel, hat es super gefunden, auch die Filmaufnahmen.
Reichel: Es stimmt, er kommt nicht besonders gut weg, weil er sich selbst so gefährlich verhält, aber das ist ihm selbst auch bewusst. Ich glaube, ihm war schon klar, dass er einen Riesenscheiß gemacht hat. Aber er hat das unterschrieben, hat sich gefreut, hat noch einen Spezi getrunken, und dann hat man nie wieder was gehört von ihm.
Erstaunlicherweise sieht man die Bergwachtler fast nie, wie sie über die Leute urteilen, obwohl einige genug Anlass dazu gäben.
Reichel: Die sind tatsächlich so ausgebildet. Die alten Bergwachtler sind manchmal ein bisschen gröber unterwegs, aber die, die wir in der Sendung haben, sind fast wie so kleine Buddhas, es ist unglaublich, dass man das so wertfrei machen kann. Es geht um die Sache und nicht darum, die Menschen zu belehren.
Hinterbrandner: Das steckt in den jungen Bergrettern, das ist ihr Grundsatz: Die werten nicht. Auch nicht, wenn die Kameras aus sind.
Neben den Bodycams sieht man in der zweiten Staffel auch 360-Grad-Kameras, die ziemlich auffällig und groß auf den Helmen sitzen.
Hinterbrandner: Am Anfang waren die Bergretter skeptisch, sie haben das dann bei den ersten Einsätzen mal probiert und festgestellt, dass es eigentlich gar nicht störend ist, weil da an dieser Stelle dann tatsächlich immer ein Abstand ist im Helikopter oder in der Winde.
Reichel: Aber wer das nicht auf dem Kopf haben will, der muss nicht. Wir wünschen uns etwas von den Bergrettern, und die geben uns das oder auch nicht.
Es gibt ja schon länger diverse Retterformate in der ARD, bei denen Feuerwehrleute oder Polizisten sich bei ihren Einsätzen mit solchen Bodycams filmen. Woher kam die Idee, das auch für die Bergwacht zu nutzen?
Ingmar Grundmann: Ich bin jetzt seit 14 Jahren beim BR, und seitdem habe ich mir gewünscht, dass es eine Bergretter-Serie gibt. Das ist ja eine naheliegende Idee. Die Herausforderung ist, die Ausstattung zu bekommen, die Technik muss so weit entwickelt sein, man muss auf die richtigen Produzenten treffen, denen man vertraut und die einen Zugang zu den Bergrettern haben. Mir war vorher auch nicht klar, dass es ja nicht wie eine Berufsfeuerwehr ist, sondern dass die das alles ehrenamtlich machen. Das ist dann auch klassisch öffentlich-rechtlicher Auftrag, und bildstark ist es noch dazu.
Was die Serie auszeichnet, ist die besondere Nähe durch die Bodycams, aber die zeigen gerade in den besonders dramatischen Situationen oft Aufnahmen, die ganz anders sind als klassische Hochglanzbilder: weil man gar nichts sieht oder nur Geröll oder Wasser oder Schneegestöber. Wussten Sie von Anfang an, dass Sie das trotzdem verwenden können?
Hinterbrandner: Das Vertrauen zu gewinnen, dass die Bodycam die Hauptkamera ist, das war wirklich ein langer Prozess. Ich kann mich da noch erinnern, wie am Anfang ein Haufen an Material zurückkam, keiner wusste, was wirklich drauf ist. Dann hat unser Cutter, der Henning, das geschnitten. Und ich weiß noch, wie wir das erste Mal vor so einem Rohschnitt saßen und dann gemerkt haben: Das ist jetzt wirklich etwas Neues. Das sind nicht die Dokumentarfilme, die wir jetzt die letzten Jahre so gemacht haben.
Reichel: Wir haben uns schon vorher vorgestellt, dass das in diese Richtung gehen könnte. Aber trotzdem dreht man erst mal in so ein großes, schwarzes Loch rein. Und dann sieht man den Schnitt und merkt: Unglaublich, genau das ist es. So muss das sein.
Es gab auch kein internationales Format oder Vorbild, an dem Sie sich orientieren konnten?
Grundmann: Nein. Das ist wirklich in der Zusammenarbeit mit Timeline entstanden.
Hinterbrandner: Es ist auch nicht damit getan, Leute einfach mit Kameras auszustatten. Wir haben eine große Suche gefilmt mit drei oder vier Suchteams, eines ist irgendwo zehn Kilometer weg von der Einsatzzentrale. Das hinterher alles synchron zu bekommen, zwischen all diesen Szenen bei so einer Menge von Daten und Kameras hin und her zu schneiden, das ist ein riesiger technischer Aufwand.
Reichel: Das sind viele Stunden Material von 13 Kameras, die permanent laufen. Da fällt mal ein Akku aus, dann wird ein Akku getauscht. Ansonsten ist das ein sehr ausgeklügeltes, komplexes System – schon dass die Kameras überhaupt laufen in der Kälte.
Hinterbrandner: Auch der Ton ist wichtig – da kommt’s drauf an, dass da am Ende keine Jacke über dem Mikro ist.
Wie oft sind die von einem tollen Einsatz zurückgekommen, und dann hat leider jemand vergessen, auf den Knopf zu drücken?
Reichel: Also am Anfang, die ersten Einsätze, die waren quasi nicht da. Da sind Sachen passiert, die glaubt man nicht. Die eine Kamera wurde nicht angeschaltet, bei der anderen ist in dem Moment, in dem der Retter beim Patienten ankommt, der Akku leer: Man sieht kurz den Patienten, dann ist der Film vorbei. Da mussten wir schnell lernen, dass das beim nächsten Mal nicht wieder passiert. Unser Team weiß mittlerweile, worauf wir schauen müssen. Und man kennt die Bergwachtler und weiß, wer ist ein Kandidat, dem man das noch mal extra sagen muss.
Andererseits wünscht man sich ja auch nicht, dass die Retter sich um Kameras und Ton sorgen, anstatt sich auf die Rettung zu konzentrieren.
Hinterbrandner: Das Prinzip ist: Erst kommen die Patienten und der Einsatz, das ist völlig klar.
Wie viele Einsätze müssen Sie filmen, um eine Staffel mit acht Folgen füllen zu können?
Hinterbrandner: Für die erste Staffel haben wir 80 Einsätze gefilmt, 2000 Stunden Material. Bei Staffel zwei waren es jetzt 70 Einsätze mit ähnlich vielen Stunden, da haben wir vorher schon so ein bisschen aussortiert.
Reichel: Aber man kann auch nicht alles aussortieren. Klar, wenn jemand am Wegrand in irgendeiner Klamm sitzt, dann muss man nicht unbedingt mit dem Kamerateam mitfahren. Aber manchmal wird aus einem vermeintlichen Routine-Taxiflug ein Weltuntergangseinsatz.
Sitzt man manchmal da und hat den zynischen Gedanken: Hoffentlich passiert was, weil wir bräuchten jetzt doch noch einen Knaller für die nächste Staffel?
Reichel: Gar nicht. Am besten ist, es passiert nichts.
Aber das Format lebt doch gerade auch von Situationen wie am Anfang der neuen Staffel, als mehrere Leute beim Höllentalgletscher gefangen sind, ein furchtbares Gewitter aufzieht und dann noch jemand in eine Gletscherspalte rutscht.
Reichel: Aber man muss es sich nicht wünschen, weil eh genug passiert. Was wir uns wünschen, sind Einsätze, die besonders kompliziert sind und am besten noch mit Hubschrauber und zu Fuß, aber bei denen keinem was passiert. Das wünschen wir uns.
Bei dem Einsatz am Höllentalgletscher sieht man in mehreren Szenen, wie die Helfer sehr konkret überlegen, ob sie sich jetzt selbst in Sicherheit bringen und die Menschen da oben zurücklassen müssen. Wenn das passiert, würden Sie das auch zeigen? Hätten die Leute von der Bergwacht die Möglichkeit zu sagen: Diese Szenen aber bitte nicht in der Sendung?
Reichel: Das würden die nicht verhindern. Diesen Fall zu zeigen, ist wirklich wichtig, weil jeder glaubt: Ich gehe da jetzt rauf, und egal, was passiert, die retten mich. Das stimmt nicht. Wenn die Bedingungen es nicht zulassen, wenn die sich selbst in Lebensgefahr bringen, retten die dich nicht.
Hinterbrandner: Es gibt da irgendwo eine Grenze, und dann geht es um das eigene Leben, um Eigen- und Selbstschutz. Das ist auch ein Punkt, bei dem die Bergretter gesagt haben, dass es schön ist, dass wir das thematisiert haben.
Was ist, wenn bei einem Einsatz Menschen ums Leben kommen: Würden Sie das auch zeigen?
Reichel: Den Tod an sich oder den Toten, auch den Absturz, das würden wir nie zeigen.
Aber die Situation drum herum?
Grundmann: Wichtig ist, dass die Würde des Verunglückten und auch der Angehörigen und aller Beteiligten gewahrt wird. Aber ich möchte nicht ausschließen, dass wir auch so einen Fall in einer der nächsten Staffeln zeigen, wenn es mit allen abgestimmt ist. Es ist auch ein Wunsch der Bergwachtler, das zu zeigen, denn sie sagen: Auch das gehört zu unserer Realität.
Aber es gab auch schon tödliche Fälle, die auch gefilmt wurden?
Reichel: Ja, die hat es gegeben, aber wir haben uns jeweils in Absprache mit den Hinterbliebenen dagegen entschieden, sie zu zeigen.
Wie sehr ist die Produktion insgesamt eine Gratwanderung? Neben der Aufklärung, die das Format im öffentlich-rechtlichen Sinne leistet, ist es natürlich auch eine Action-Nervenkitzel-Unterhaltungsshow, mit dramatischer Musik und allem Drum und Dran.
Reichel: Wir haben uns dafür entschieden, dass wir es authentisch erzählen, aber dagegen entschieden, dass wir es langweilig erzählen.

Das ist die Ausgangsbasis von „Sidekick“, dem zweiten Roman von Sebastian Hotz, der unter dem Namen „El Hotzo“ als Witzemacher im Internet bekannt wurde – vor eineinhalb Jahren sogar weltberühmt, nachdem er einen heiklen Scherz über das Attentat auf Donald Trump gemacht hatte, was sogar den Humorpolizisten Elon Musk dazu brachte, auf seiner Social-Media-Plattform X den Bundeskanzler anzuschreiben. Von der Anklage, sich der „Belohnung und Billigung von Straftaten“ schuldig gemacht zu haben, wurde Hotz vor Gericht jedoch freigesprochen. 

















