Eine ungute Mischung aus Selbst­überschätzung und Selbstverachtung

Süddeutsche Zeitung

Sebastian Hotz hat eine Mediensatire geschrieben: „Sidekick“.

Boris, die tragische Hauptfigur dieser Geschichte, ist von Beruf Prügelknabe und Lachnummer. Nach eigener Definition sogar im wörtlichen Sinne. Den Begriff „Sidekick“ für seine Funktion als Partner des Star-Moderators einer Late-Night-Show leitet er sich jedenfalls so her: „‚Side‘ heißt so was wie nebenbei, und ‚kick‘ heißt treten, ein Sidekick ist also jemand, auf den nebenbei getreten wird.“

(Boris hat offenbar nie bei Wikipedia nachgeschlagen, woher der Begriff wirklich kommt, aber die dortige Herleitung, die etwas mit Taschendieben zu tun hat und nur für die besondere Nähe zu einer anderen Person steht, ohne jedes Element des Getretenwerdens, hätte weder ihm noch der Geschichte geholfen.)

Jedenfalls hofft Boris, dass sich das jahrelange öffentliche Demütigenlassen bald auszahlt, denn Falk Anders, der mit seiner Show „Anders!“ auf Sat6 große Zeiten hatte, die schon eine Weile zurück liegen, will nun möglicherweise endlich die Moderation seiner Sendung abgeben. Boris sieht sich als natürlicher Nachfolger, aber diese Sicht hat er ziemlich exklusiv. Die Senderchefin plant stattdessen schon mit einer jungen Frau aus der Online-Welt. Und Falk Anders selbst ist gar nicht sicher, ob er wirklich schon den Platz räumen will.

Cover SIDEKICKDas ist die Ausgangsbasis von „Sidekick“, dem zweiten Roman von Sebastian Hotz, der unter dem Namen „El Hotzo“ als Witzemacher im Internet bekannt wurde – vor eineinhalb Jahren sogar weltberühmt, nachdem er einen heiklen Scherz über das Attentat auf Donald Trump gemacht hatte, was sogar den Humorpolizisten Elon Musk dazu brachte, auf seiner Social-Media-Plattform X den Bundeskanzler anzuschreiben. Von der Anklage, sich der „Belohnung und Billigung von Straftaten“ schuldig gemacht zu haben, wurde Hotz vor Gericht jedoch freigesprochen.

Wenn man das alles nochmal nachliest, fällt einem auf, dass diese echte Sache mit Sebastian Hotz viel irrer ist als die vermeintlich verrückte Geschichte, die er für seinen Roman erfunden hat. Und vor allem: dass sie so sehr in der Medienwelt von heute spielt, dass man sie sich vor ein paar Jahren noch nicht einmal hätte ausdenken können. Anders als die Geschichte aus „Sidekick“, die man sich auch vor zehn, zwanzig Jahren hätte ausdenken können.

Es hätte vor zehn, zwanzig Jahren auch deutlich näher gelegen, sie zu erzählen, als das lineare Fernsehen noch eine große Sache war und sich die Älteren sogar noch an Late-Night-Shows mit Moderator und Sidekick erinnern konnten. Harald Schmidt und Manuel Andrack zum Beispiel.

Boris, der Sidekick aus Hotz’ Roman, hat größere Parallelen zu Elton, dem Dauer-Anspielpartner von Stefan Raab. Und Falk Anders ist eine Mischung aus Schmidt, Raab und Gottschalk, plus etwas Böhmermann, für den Hotz selbst gearbeitet hat. Es ist aber eher ein leicht frivoles Spiel mit einzelnen auffälligen Ähnlichkeiten als ein Schlüsselroman. Hotz geht es darum, dieses ganze Milieu zu beschreiben, den Zynismus einer Branche, vom kleinen Lohnarbeiter bis zum Senderchef.

Leider beschreibt er diesen Zynismus detailliert exakt so, wie man ihn sich selbst auch ausgemalt hätte – wenn man sich im Jahr 2026 wirklich noch so viele Gedanken um quoten- und aufmerksamkeitsfixierte Produktionen des Privatfernsehens machen wollte – und wie er schon viele Male ausgemalt wurde. Mit der Ausnahme von ein oder zwei Nebenfiguren laufen nur skrupellose, egoistische Arschlöcher durch dieses Buch. Im Fall von Boris kommt immerhin noch eine ungute Mischung aus Selbstüberschätzung und Selbstverachtung hinzu.

Das Buch hat noch ein anderes großes Thema: eine untrennbare Vermischung von Inszenierung und Wirklichkeit. Es ist nämlich so, dass am Abend nach der letzten Show die Sache extrem aus dem Ruder läuft. Nach Jahren der Demütigungen rastet Boris aus und rächt sich an Falk – auf eine besoffene, undurchdachte, spektakulär dumme Weise.

Senderchefin Marianne weiß, was zu tun ist: Die reale Eskalation wird als eine weitere verrückte Inszenierung verkauft, wie man sie von diesem Falk Anders und seiner Sendung kennt. Je mehr die Beteiligten die Echtheit des Geschehens beteuern, desto mehr feiert das Publikum, wie gut das gespielt ist und freut sich am Nervenkitzel, dass es vielleicht ja doch real ist.

Alles funktioniert als PR, jeder zufällige Passant, Polizist oder Berichterstatter wird Teil des Marketings. Die Rollen, die Falk und Boris über Jahre in der Öffentlichkeit gespielt haben, definieren nun auch, wie ihr Handeln außerhalb dieser Show-Welt interpretiert wird, was entweder ungeahnte Wege eröffnet oder direkt in die Katastrophe führt.

Sebastian Hotz montiert in die Erzählung immer wieder Szenen der medialen Rezeption: den gedankenfreien Online-Artikel samt Anzeigenscam; den stolzen Bericht der Lokalzeitung über den ersten winzigen Fernsehauftritt des „gebürtigen Forchheimers“; das Podcast-Gelaber; die Insta-Story mit typischen Kommentaren („deshalb AFD!!!“); das exklusive Spiegel-Interview. Das ist oft bis ins kleinste Detail treffend und lustig. Aber es ändert nichts daran, dass diese Mediensatire von wenigen Szenen abgesehen eher harmlos und erwartbar geraten ist und die Witze für einen erfahrenen Humor-Handwerker wie Hotz überraschend angestrengt formuliert wirken.

Als Film kann man sich die „Sidekick“ allerdings gut vorstellen. Das ist natürlich nicht das Schlechteste, das man über ein Buch sagen kann, das vom Verlag als „unterhaltsames Roadmovie“ verkauft wird. Eine Verfilmung hätte aber auch den Vorteil, dass jemand die ganzen endlosen inneren Monologe der Protagonisten in Handlung und Dialog übersetzen müsste.

Was spricht laut Wolfgang Kubicki für Wolfgang Kubicki? Die „Verweildauer“.

Süddeutsche Zeitung

Warum kandidiert Wolfgang Kubicki plötzlich für den Vorsitz seiner Partei? Der „Spiegel“ hat den alten FDP-Mann das gefragt, und die Antwort ist gar nicht überraschend. Überraschend ist, wie offen Kubicki sie selbst formuliert.

Das Problem sei, sagt er, dass die FDP „kaum noch in Erscheinung getreten“ sei. Seinem Gegenkandidaten Henning Höne, der – gerade sicherheitshalber nachgeschlagen – Fraktions- und Parteichef in Nordrhein-Westfalen ist, traue er nicht zu, „dieses Problem in der sehr kurzen Zeit, die wir haben, zu durchbrechen“.

Was ihm fehle? Bekanntheit. Dass er jetzt wegen des „kleinen Battle um den Vorsitz häufiger in den Medien vorkommt“, ändere daran nichts. „Es kommt für den nachhaltigen Bekanntheitsgrad auf die Verweildauer in den Medien an.“

Das klingt fast tautologisch: Wer bekannt ist, ist bekannt. Aber es macht zur zentralen, herausragenden Eigenschaft, die Kubicki für den Vorsitz seiner Partei qualifiziert, das schlichte Vorkommen, Eingeladenwerden, Herumsitzen in Talkshows, Magazinen, nachrichtenähnlichen Sendungen.

Die unersättlichen Content-Produktions-Maschinen haben aus diesen Formulierungen gleich wieder aufgeregte, abwegige Schlagzeilen gemacht wie: „FDP-Vize Kubicki attackiert seinen Kontrahenten“. Und Höne selbst hat Kubicki auf eine geradezu rührende Art bestätigt, indem er ankündigte, er wolle sich jetzt in der Partei bekannter machen und deshalb mehrere Landesparteitage der Liberalen etwa in Bayern besuchen. Während Höne sich im Stadttheater Ingolstadt den Delegierten vorstellt, wird Kubicki die Tage im Zweifel in irgendwelchen Fernsehstudios verbringen, oder notfalls von zuhause dahin zuschalten lassen.

Es ist, wie gesagt, gar kein abwegiger Gedanke, dass eine Partei, die gerade so vom akuten Verschwinden bedroht ist, jetzt an der Spitze vor allem jemanden braucht, der die Menschen durch schiere Anwesenheit auf ihren Bildschirmen daran erinnert, dass es die FDP überhaupt noch gibt. Es ist eine interessante Variante des Satzes „Sie kennen mich“, mit dem Angela Merkel den Bundestagswahlkampf 2013 prägte. Bei ihr ging es damals um Glaubwürdigkeit, bei Kubicki geht es im wörtlichen Sinne darum, überhaupt bekannt zu sein.

Von Inhalten sprach er im „Spiegel“ in der Abgrenzung zu seinem Gegenkandidaten nicht, nicht einmal von Stil. Er sprach von „Verweildauer“.

Und wie gut er nach diesem Maßstab ist, beweist ja das „Spiegel“-Gespräch selbst: Drei Seiten hat das Magazin ihm eingeräumt, mit großem Portraitfoto. Höne bekam bislang kein Interview im „Spiegel“. Im Kubicki-Gespräch ist immerhin ein kleines Foto von ihm eingeklinkt, aber das ist noch weniger prominent platziert als ein Szenenbild aus der Serie „Band of Brothers“.

Die ist Thema in dem Gespräch, weil die „Spiegel“-Interviewer von Kubicki wissen wollten, ob er immer noch gerne Kriegsfilme schaue. „Band of Brothers“ sei seine Lieblingsserie, wissen sie und fragen, mit welchem der zwei Offiziere darin er sich eher identifiziert: dem nüchternen, asketischen Major Winters oder dem „leicht versoffenen Captain Nixon, der mit Eheproblemen kämpft“.

Die Frage ist natürlich eine Frechheit, weil das Gespräch damit begann, dass die „Spiegel“-Leute Kubicki mit seinem 16 Jahre alten Zitat konfrontierten, er würde, wenn er von Kiel nach Berlin gehen, „zum Trinker werden, vielleicht auch zum Hurenbock“. (Kubicki sagt trotzdem, Major Winters sei ihm näher, weil dessen oberste Sorge immer der eigenen Kompanie gelte. Profi.)

Nachdem das Interview erschienen war, bewarb es Kubicki auf X mit den Sätzen: „Von den vielen Interviews, die ich in den letzten Tagen geführt habe, ragt das mit dem ‚Spiegel‘ in besonderer Weise heraus. Sie haben es geschafft, nicht eine einzige inhaltliche Frage zu stellen.“ Diese Art von Medienkritik könnte man für mutig halten, ist es im konkreten Fall aber nicht, weil sie für Kubicki einzahlt auf die Marke eines Politikers, der sich traut zu sagen, was er denkt. Und weil „Spiegel“-Schelte eh gut ankommt in dem Milieu, das er anspricht.

Nun ist es ein bisschen verblüffend, dass Kubicki sich über fehlende Inhalte beklagt, wenn er selbst gar nicht bestreitet, dass es um die bei seiner Kandidatur für den Parteivorsitz nicht geht.

Andererseits muss man festhalten, dass er recht hat: Um Inhalte ging es den „Spiegel“-Leuten nur ganz am Rande. Man merkt es auch an der Art, wie das Gespräch präsentiert wird. „Wolfgang Kubicki lästert über seinen Konkurrenten für den Vorsitz bei den Liberalen, weist den Vorwurf des Rechtspopulismus zurück und erklärt seinen liebsten Kriegsfilm“, steht über dem Interview. Aber es ist ja auch nicht so, dass sich die „Verweildauer“ Kubickis in den Medien dadurch erklärte, dass man von ihm besonders fundierte politische Analysen oder programmatische Vorstellungen erhielte. Was man von ihm erhält: gut gelaunte, bösartige, zugespitzte Kommentare, Krawall, Unterhaltung.

Auf die Frage des „Spiegel“, was in diesem Land gerade passiert, antwortet Kubicki mit dem Verweis auf seine Wahlkampfveranstaltungen, die immer „total voll“ gewesen seien. „Die Leute waren einfach neugierig. Weil sie wissen wollten, ob der Kubicki wirklich so ein lustiges Kerlchen ist. Und weil sie von mir klare Aussagen bekommen. Da gibt es einen großen Bedarf. Auch danach, dass die Dinge wieder laufen.“

Kubicki: Erfüllt den Bedarf nach klaren Aussagen. Und dass Dinge wieder laufen.

Für Medien erfüllt Kubicki nicht zuletzt den Bedarf nach Unterhaltung. Während der FDP-Mann sich über das Interview beklagte, feierte es der „Spiegel“ selbst in seinem Newsletter. Christoph Hickmann, einer der Interviewer, wird darin zitiert mit den Worten: „Ich hatte Kubicki länger nicht erlebt. Aber was Schlagfertigkeit und Streitlust angeht, ist er ganz der Alte.“

Es ist natürlich ein problematisches Verständnis von Politikjournalismus, vor allem die Schaulust des Publikums bedienen zu wollen. Aber es gibt angesichts der Verdruckstheit und Ängstlichkeit, die viele Politiker der sogenannten Mitte lähmt, vielleicht auch in der Bevölkerung eine Sehnsucht nach einem solchen „Raufbold“ („Spiegel“).

Und wer weiß, vielleicht hat Kubicki es ja auch genossen, sich mit den „Spiegel“-Leuten zu raufen. Das ist er bei vielen anderen Interviews nicht mehr gewohnt. Im Fernsehstudio der „Welt“, in dem er zeitweise zu leben scheint, servieren ihm die Moderatoren servil Finden-Sie-nicht-auch-dass-Fragen. Und bei den Krawalljournalisten von „Nius“, bei denen er gerne zu Gast ist, musste er neulich aufpassen, nicht auf der Schleimspur auszurutschen, auf der ihm dessen Chef Julian Reichelt nach der Bekanntgabe der Kandidatur entgegenkam. Kubicki machte sich milde lustig, dass Reichelt eine „Erweckungssituation“ erlebt habe, und fügte hinzu: „Wenn ich dazu beigetragen habe, Ihr Leben glücklicher zu machen, ist der erste Schritt getan, auch unser Land wieder nach vorne zu bringen.“ Gelächter allenthalben.

Das kann man angesichts der rechten Wut, die „Nius“ täglich anfeuert, gruselig finden. Aber wer will schon die gute Laune zerstören?

Das „Nius“-Wörterbuch: Ressentiments in snackbarer Form

Süddeutsche Zeitung

Nicht alles, was in diesem Buch steht, ist Unfug. Aber dann ist es Unfug, dass es in diesem Buch steht.

Zum Beispiel, was Marc Friedrich im Kapitel über „Framing“ schreibt: „Wenn der Gegenüber als ‚Feind‘ markiert wird, endet der demokratische Diskurs fast zwangsläufig.“ Er kritisiert, dass in den großen gesellschaftlichen Debatten in den vergangenen Jahren zunehmend binäre Narrative gepflegt würden. „Diese Entwicklung führt zu einer gefährlichen Spaltung durch Schwarz-Weiß-Denken, bei dem ‚Wir‘ (Vernunft, Solidarität, Haltung) gegen ‚Die‘ (Wahnsinn, Egoismus, Verrat) stehen.“

Das ist nicht falsch. Allerdings stehen diese Sätze in einem Buch, das selbst jeden Grauton vermeidet. Das sich ein Thema nach dem anderen vornimmt und schwarz-weiß-denkt. Das eine einzige polemische Abrechnung mit der angeblichen Sprache und den unterstellten Zielen der Linken ist. Dessen Autorinnen und Autoren stellvertretend für ihre Leserschaft aus der Position eines vernünftigen, rechten Wir gegen eine verrückt gewordene Linke anschreiben, die in ihrem Wahn alles zerstöre, teilweise sogar absichtlich.

Marc Friedrich, der sich vor allem als Prophet nicht eintretender Crashs einen Namen gemacht hat, meint in seiner Beschreibung der „gefährlichen Spaltung“ natürlich das Gegenteil: das Ausgrenzen bestimmter Positionen durch einen linken Mainstream. Aber die von ihm beschriebene Markierung des Gegenübers als „Feind“, die völlige Unmöglichmachung politischer Gegner, ist genau das Geschäft, das das Online-Medium Nius betreibt, das dieses Buch herausgegeben hat. Das publizistische Geschäft von Nius unter der Leitung von Ex-Bild-Chef Julian Reichelt ist nicht nur durch die eigenen extrem rechten politischen Positionen und Haltungen geprägt, sondern vor allem durch Wut. Sie ist Antrieb, Mittel und Ziel. Demokratischer Diskurs? Am Arsch.

Links - Deutsch
Deutsch - Links

„Links-Deutsch/Deutsch-Links“ ist das erste Buch von Nius. Als satirisches Wörterbuch steht es in einer gewissen Tradition. Eckhard Henscheid und die „Titanic“-Redaktion haben sich in den 1980er Jahren in zwei „Dummdeutsch“-Büchern an Modewörtern wie „abfahren“ oder „Erlebnisgastronomie“ abgearbeitet. Der Komiker Mario Barth veröffentlichte 2004 – sogar bei Langenscheidt – den lustig gemeinten Männerratgeber „Frau-Deutsch/Deutsch-Frau“.

Solche Wörterlisten sind eine sehr zugängliche Form von Gesellschaftskritik. Es braucht keine großen Linien oder tiefe Gedankenschürfungen. „Links-Deutsch/Deutsch-Links“ genügen, um die Lächerlichkeit oder Perfidie vermeintlich linker Ausdrücke deutlich zu machen, viele einzelne Miniaturen von verschiedenen Autoren mit bissigen oder sarkastischen Kommentaren. („Pointen“ könnte man auch sagen, wenn es nur lustiger wäre.)

Der Eintrag zu „Transfrau“ besteht nur aus einem Wort: „Mann.“

Ein „Faktenchecker“ wird definiert als ein Journalist, „der stets nachzuweisen hat, dass die Kritiker etwas Falsches behaupten und die Regierung immer recht hat.“

„Morddrohung“? „Im Plural Kampfinstrument der politischen Linken, um sich nach deftigen Reaktionen auf ihre Provokationen als Opfer gerieren zu können, gewissermaßen das Arschgeweih der Hasskamarilla.“ (Auf Amazon rühmen Rezensenten das Buch übrigens als „Wohltat sprachlicher Präzision mit verblüffender Sachlichkeit“.)

In ihrem Eintrag zum Begriff „gebärende Person“ stellt Birgit Kelle fest, „dass nur Frauen und nichts als Frauen Kinder bekommen können“. Und weder ihr noch einem Lektor, dessen Existenz zumindest theoretisch nicht auszuschließen wäre, ist aufgefallen, dass sie mit der Formulierung „nichts als Frauen“ anstelle von „niemand außer Frauen“, die wohl maximales Beharren auf einem Dogma oder Naturgesetz symbolisieren soll, Mütter zu einer Sache macht. Eine gewisse Liebe zur deutschen Sprache war offenkundig nicht Voraussetzung dafür, an diesem Buch mitzuwirken.

Aber es ist im engeren Sinne auch kein Sprach-Buch. Es sind oft nicht die Wörter, die die Autoren ablehnen, sondern die Dinge, die sie bezeichnen. Etwa das „E-Auto“. „Das E-Auto ist kein Auto“, proklamiert Nius-„Managing Editor“ Philippe Fischer. Er unternimmt aber nicht einmal einen Versuch zu einem Vorschlag, was es stattdessen ist und wie man es bezeichnen könnte, sondern schreibt nur, es sei „etwas völlig anderes. Ja, es fährt. Ja, es ist individuelle Mobilität. Und ja, es sieht aus wie ein Auto. Aber es ist eben kein Auto. (…) Wenn in Deutschland das Wort Auto fällt, dann versteht unser Gehirn und unsere deutsche Seele eben nicht einfach Karrosserie, Verbrenner, vier Räder. Nein, jeder Mensch aus der Mitte unserer Gesellschaft versteht beim Auto diese sagenhafte Wertschöpfungskette, die wie Kapillargefäße in die hintersten Winkel unseres Landes hineinreicht. (…) An dem, was wir mit Auto meinen, hängen unzählige Sportvereine mit ihren Trikotsponsoren und mit ihren Clubheimen, Umkleidekabinen, kleine Volksfeste, soziale Infrastruktur, Engagement, Pumpen und Wagen für die Freiwillige Feuerwehr. Gott zur Ehr, dem nächsten zur Wehr.“

Fischer beweist: Wenn das Auto nur rechtzeitig erfunden worden wäre, hätte sich die deutsche Romantik nicht mit so profanen Dingen wie dem Wald beschäftigen müssen.

Aber er beweist auch, dass Rechte durchaus in der Lage sind, zu erkennen, dass etwas mehr sein kann als seine materielle Substanz. Die Vorstellung eines sozialen Geschlechtes lehnen sie ab und beharren – auch in diesem Buch – darauf, menschliche Identität auf ihre Biologie zu reduzieren. Dem Auto gestehen sie etwas zu, was sie Frauen nicht zugestehen.

Die meisten Kapitel wurden von festen Mitarbeitern der Nius-Redaktion geschrieben, aber man schmückt sich auch mit einigen prominenteren Gastautoren, die durch ihr Mitwirken vor allem beweisen, keine Berührungsängste nach rechts und nach unten zu haben. Bild-Kolumnist Harald Martenstein hat ein Kapitel über den problematischen Gebrauch des Wortes „Experte“ beigesteuert. Ein typisch linker Satz beginne mit den Worten „Experten sagen, dass“, behauptet er, während Liberale und Konservative eher formulieren: „Ich glaube, dass …“ oder „Wir sollten aber auch Folgendes bedenken …“. Wenn er damit recht hätte, wäre es ein weiterer Beweis, dass zumindest dieses Buch nicht von Liberalen oder Konservativen geschrieben wurden.

Gloria, die sogenannte Fürstin von Thurn und Taxis, hat lustigerweise über „Haltung“ geschrieben („ein aristokratisches Attribut, welches den Kindern, auch in gutbürgerlichen Familien, schon von klein auf anerzogen wird“).

Wolfgang Kubicki, der möglicherweise zukünftige, letzte Vorsitzende der FDP, arbeitet sich am Begriff des „Gemeinwohls“ ab und wirbt „für eine Kultur, in der sich erfolgreiche Menschen nicht verstecken müssen, sondern in dem alle verstanden haben: Ihr Gewinnstreben dient dem Gemeinwohl.“

Und Waldemar Hartmann, der große Weißbier-Intellektuelle, schreibt über den Begriff „rechts“ und staunt, dass er nicht mehr in der politischen Mitte verortet, sondern als „Rechter gehandelt“ wird, obwohl er sich seit 40 Jahren nicht verändert habe. Darauf muss man auch erst stolz sein wollen.

Es ist nicht immer klar, ob die Autorinnen und Autoren dieses Buches sich dummstellen, um witzig zu wirken, oder das Nichtverstehen echt ist. Etwa wenn der Kampf gegen den Klimawandel als „Wohlstandsabbau zum Zweck der Wetterverbesserung“ bezeichnet wird. Oder behauptet wird, dass die Warnung vor einer Klimakatastrophe „auf Modellen basiert, die so zuverlässig sind wie Wettervorhersagen für den nächsten Sommer“.

Besonders bizarr ist der Eintrag zum Thema „Medienkonzentration“ – ein Wort, das man bislang nicht als besonders linken Kampfbegriff verortet hatte, aber das laut Nius-Moderator Andreas Dorfmann nur dazu dient, Angst zu machen vor honorigen „privatwirtschaftlichen Unternehmern“ wie Elon Musk, Jeff Bezos oder Larry Ellison. In einem seltenen Anfall von Recherche hat er herausgefunden, dass die KEK, die Kommission zur Ermittlung der Konzentration im Medienbereich, „auf ihrer Homepage sogar einen eigenen Menüpunkt hat, der Medienkonzentration heißt“! Für alle, die das nicht glauben können, enthält eine Fußnote sogar den konkreten Link, der direkt dort hinführt! Eine Behörde, die sich mit Medienkonzentration befasst, diese Aufgabe in ihrem Namen führt und sogar auf ihrer Internetseite darauf hinweist – kein Verschwörungstheoretiker könnte es sich wilder ausdenken. Das muss dieses berühmte Konzept sein, das im Englischen „Hiding in plain sight“ heißt.

Eigentlich liefern viele von der Linken geprägten oder bevorzugten Wörter genug Angriffsflächen für eine ernsthafte Kritik. Wieso wurde plötzlich „toxisch“ zu einem solchen Modewort und was bedeutet es wirklich? War der Begriff „Flüchtling“ wirklich so problematisch, dass er durch „Flüchtender“ ersetzt werden musste, und in wie vielen Situationen wäre „Migrant“ nicht ohnehin der richtige Ausdruck gewesen? Aber dort, wo die rechten Kritiker Punkte machen könnten, übertreiben sie ihre Polemik maßlos und arbeiten sich lieber an Pappkameraden ab statt am realen Sprachgebrauch.

Natürlich könnte man auch diskutieren, ob der Begriff „Nazi“ in aktuellen politischen Debatten zu oft und undifferenziert genutzt wird. Aber erstens findet diese Diskussion fortwährend und an vielen Stellen im sogenannten Mainstream statt. Und zweitens möchte man diese Diskussion vielleicht nicht mit jemandem führen, der, wie Nius-Redakteur Jan Karon, einfach lapidar ohne größere Erläuterung behauptet, dass „echte Faschisten mit positivem NS-Zug heute so gut wie nirgends mehr zu finden sind“.

Interessanterweise haben sich einige der Begriffe, die sie hier kritisieren, ohnehin nicht wirklich im Sprachgebrauch durchgesetzt, sondern werden fast nur noch dadurch am Leben erhalten, dass sie von rechts immer wieder als Negativbeispiel oder Karikatur herbeizitiert werden. Man kann darüber streiten, ob „Demokratieabgabe“ wirklich ein brauchbares Synonym für den Rundfunkbeitrag ist, aber wer nutzt ihn überhaupt so? (Das Nius-Buch setzt natürlich selbst das Wort „Rundfunkbeitrag“ in Anführungszeichen und ersetzt es durch „Zwangsgebühr“.)

Oder das Wort von der möglichen „kulturellen Bereicherung“ einer Gesellschaft durch Flüchtlinge, das fast nur noch eine hämische Vokabel ist, mit der Rechte winken, wenn die Straftat irgendeines Zuwanderers in den Nachrichten ist. Jan Karon übersetzt es als „aufgeblasenen Euphemismus für die selbstzerstörerische Einwanderungswelle, die Deutschland mit [sic!] Messerstechereien, Clan-Kriegen und Parallelgesellschaften bringt“.

Es hätte, anders gesagt, leicht ein sehr viel besseres Buch werden können, aber der Gedanke führt natürlich in die Irre: Warum hätten die Nius-Leute ein klügeres, richtigeres, erhellenderes Buch schreiben sollen, wenn genau diese plumpe, übertriebene, billige Form der Polemik bei ihren Lesern so gut ankommt? Gemeinsam wird begeistert unter „Endlich sagt’s mal jemand“-Rufen jeder Evergreen aus der rechten Karaoke-Maschine von Gender bis Klimawahnsinn noch einmal kurz angestimmt.

Das Buch hat es in der Kategorie Paperback auf Platz 1 der „Spiegel“-Bestsellerliste geschafft, was von Nius gefeiert wurde wie ein Brandmauerfall. Von einer „überwältigenden Nachricht“, schwärmte Nius-Moderator Norbert Dobeleit, und sprach von der „heiligsten Liste eines Milieus, das nichts mehr fürchtet als ein Buch, das die politischen Mechanismen der Linken aufdeckt.“ Julian Reichelt erklärte diesen Erfolg zu einer „Zeitenwende“ und schwurbelte glückstrunken: „Dieses Buch ist nicht einfach irgendein Buch; dieses Buch ist eine Befreiungsbewegung.“

Nein, es ist irgendein Buch, das in snackbarer Form die Ressentiments eines größeren Teils der deutschen Bevölkerung bedient und dessen relativer Erfolg niemanden überraschen kann, der den Aufstieg der AfD und das Florieren rechter Publizistik bemerkt hat. Erhellend an „Links-deutsch“ ist allenfalls, in welchem Maße sein rechter Herausgeber Julian Reichelt eine totale Dominanz linker Politik in Deutschland diagnostiziert und das auf die totale Dominanz linker Sprache zurückführt. „Nichts ist mächtiger als das Wort“, schreibt er im Vorwort, „und wir leben in einem Land linker Worte.“

Es ist verblüffend, wie sehr sich Reichelt den Gedanken zu eigen macht, dass Wörter unser Bild von der Realität entscheidend prägen – ein Konzept, das ja gerade von der Linken beschworen wird, weshalb sie sich so viele Gedanken über richtige und falsche Begriffe macht, was regelmäßig von rechts als „Sprachpolizei“ diffamiert wird. Wer aber Reichelts Diagnose teilen will, dass der ganze Diskurs links geprägt ist, muss schon sehr angestrengt ignorieren, wie leicht zum Beispiel ein „Heiz-Hammer“ den schönen Klang eines Begriffes wie „Energiewende“ zertrümmern konnte.

Dieser Max braucht jemanden, dessen Hund er sein kann

Das ist Max.

Max ist ein Mischling auf Rauhaardackel-Basis, dem man seine 14 Jahre nicht anmerkt, insbesondere, wenn er Schubläden, Schränke und Rucksäcke auf Lebensmittelreste oder Spielzeuge kontrolliert, einem Quietschtier hinterherjagt oder durch den Schnee tollt.

Max ist ein richtig cooler Hund, dem ich es wünsche, dass er jemanden findet, der ihn aus dem Tierheim Falkensee zu sich nach Hause holt.

Insbesondere, weil ich ihn gerade erst dorthin zurückgebracht habe, nach einer knappen Probewoche bei mir. Aber es lag nicht an ihm, es lag an mir.

Das klingt nach einem abgeschmackten Satz, der auch sonst, bei Trennungen zwischen Mensch und Mensch, vermutlich nur selten die beabsichtigte beschwichtigende Wirkung entfaltet. Aber es stimmt. Max ist ein cooler kleiner Hund, neugierig, anhänglich, zögernd kuschelig und unfassbar niedlich. Ich habe in der gemeinsamen Woche nur gemerkt: Er ist nicht mein Hund.

Ich kann das nicht gut erklären – zum einen, weil es zu privat und persönlich würde, zum anderen aber auch, weil ich es selbst nur zum Teil verstehe. Objektiv hätte wenig dagegen gesprochen, ihn dauerhaft bei mir aufzunehmen. Max ist kein ganz unproblematischer Hund, aber er ist alles andere als ein Problemhund. Ich hätte an ihm arbeiten müssen, vor allem daran, dass er andere Leute, die es wagen, in die Wohnung oder ins Büro zu kommen, empört anbellt. Von „Ressourcenverteidigung“ spricht man, wenn Hunde ihr Futter, ihr Spielzeug oder auch ihren Menschen nicht teilen wollen und in solchen Situationen mit lautem Protest oder Schnappen reagieren. Es kann sein, dass das bei Max im Tierheim schlimmer geworden ist, vielleicht war er auch vorher schon so, in jedem Fall müsste man ihm das abgewöhnen.

Aber das war nicht der Grund, weshalb ich mich gegen ihn entschieden habe, es gab keinen konkreten Grund, es gab nur die ganze Zeit ein Gefühl der Skepsis, einen Zweifel, der leider auch nicht wegging, als sich Max sehr freundlich und gar nicht aufdringlich auf dem Sofa an mich schmiegte. Und dieses Gefühl, dieser Zweifel, hat vermutlich viel mit meinem Hund Bambam zu tun, der im März gestorben ist.

Ich glaube, es war die Ähnlichkeit mit Bambam, die mich überhaupt erst auf Max aufmerksam gemacht hat. Im Tierheim hängt ein Foto von Max, das fast ein Foto von Bambam sein könnte: das graumelierte Gesicht, die großen Augenbrauen, die dunklen Augen, sogar einen Hauch von Bart hat er. Er ist allerdings viel kleiner und auf krummen Beinchen unterwegs. Und ein ganz anderer Typ Hund.

Max hat das Bambam-förmige Loch in meinem Leben nicht nur nicht gefüllt. Er hat mir dieses Loch überhaupt erst richtig bewusst gemacht. Wenn er zum Beispiel klein und gemütlich und aufmerksam hinter mir an der Leine hertrottete, erinnerte er mich daran, dass da mal ein anderer grauer Flauschzottel war, der groß und unabhängig und unangeleint vorauslief.

Nichts an dem, wie Max neben mir an der Leine lief, war falsch. Aber für mich fühlte es sich falsch an.

Ich bin trotzdem gar nicht überzeugt, dass es die richtige Entscheidung war, ihn nicht zu behalten. Ich habe sehr mit mir gerungen und werde ihn nachher vermissen, wenn er nicht, zusammengerollt wie der Firefox-Fuchs, neben mir auf dem Sofa liegt, nachdem er sich sehr umständlich die Decke so zurechtgeschoben hat, dass er seine Schnauze entweder darauflegen oder reinstecken kann. Vielleicht werde ich sogar vermissen, wie er wie mit den Geräuschen eines sehr, sehr kleinen Darth Vader unter geschlossenen Türen durchatmet, um noch den letzten erreichbaren Geruchspartikel aufzusaugen, der ihm verrät, was dort passiert (oder wenigstens hörbar zu machen, dass geschlossene Türen prinzipiell echt nicht okay sind).

Ich wünsche diesem freundlichen kleinen Fell-Opi, dass er nochmal jemanden findet, dessen Hund er sein kann. Er sieht und hört anscheinend nicht mehr sehr gut, und er hat, was viele Hunde in dem Alter haben, eine Herzklappenverdickung. (Er kriegt Medikamente dagegen und ist laut Tierheim gut eingestellt.) Aber er wirkt gar nicht, als hätte er mit dem Leben schon halb abgeschlossen; er wirkt, ehrlich gesagt, überhaupt nicht wie ein 14-jähriger Hund. Er hüpft die Treppen rauf und runter, kommt allein aufs Sofa, und schafft es sogar, aufrecht auf seinen Hinterpfoten zu stehen, die Vorderpfoten in der Luft, wenn das hilft, herauszufinden, ob jemand da hinten auf dem Schrank versehentlich ein Leckerli liegen gelassen hat.

Er ist absolut innenstadttauglich und entspannt beim Spazierengehen, der Verkehr ist ihm egal, andere Menschen und Hunde, die vorbeikommen, bringen ihn auch nicht in Rage. Nur in den Situationen, in denen er glaubt, seinen Halter oder sein Futter beschützen oder für sich reklamieren zu müssen, macht er Probleme. Daran müsste man arbeiten, aber daran könnte man arbeiten.

Der Max ist ein cooler, sehr niedlicher Hund. Er könnte noch ein paar gute Jahre haben, und jemand mit ihm. Auch wenn ich das nicht bin, würde mich freuen, wenn ich dabei helfen könnte. Max hätte es verdient.

Bambam


Bei der Arbeit für „Tagesschaum“, 2013. Foto: WDR

Mein Hund ist eher der distanzierte Typ. Nicht wie diese Golden Retriever, die Aufmerksamkeit und Liebe wie Schwämme aufsaugen und abgeben, im Gegenteil.

Der erste Abend bei mir in der Wohnung, im Sommer 2010, war geprägt von größerer beidseitiger Ratlosigkeit. Ich hatte vorher noch nie einen Hund gehabt und fand das Gefühl sehr merkwürdig, plötzlich mit so einem fremden Lebewesen zusammenzuleben. Ich glaube, ihm ging es ganz ähnlich.

Er hatte in seiner Heimat in Ungarn bei einer Familie im Hof gelebt, durfte wohl nur gelegentlich ins Haus. Die Frau von dem Verein, der den Hund vermittelt hat, warnte mich, dass solche Hunde sich auf den krassen Statuswechsel gerne was einbilden, den es bedeutet, mit einem Mal drinnen wohnen zu dürfen. Bei Bambam hatte ich eher das Gefühl, dass er lieber im Hof geschlafen hätte. An einer praktischen Schlaf- und Liegekuhle unter einem Busch hat er über die Jahre regelmäßig gearbeitet.

Es fühlte sich am Anfang eher wie ein etwas unpersönliches Untermietverhältnis an, später wie eine lose WG. Ein anderer Hundebesitzer erzählte mir, es hätte ungefähr ein Jahr gedauert, bis sein Hund bei ihm zuhause wirklich angekommen sei, das sei bei Huskys völlig normal. Die seien auch so gezüchtet worden, nicht zu anhänglich zu sein, damit man im Zweifel bei schlechten Zeiten in der Wildnis keine Hemmungen hätte, sie zu essen. Ich fand das nicht ganz unplausibel, aber dann habe ich im Urlaub in Nordnorwegen sehr viele Huskys getroffen und die waren so unfassbar überschwänglich, liebeshungrig und verschmust, dass ich beschloss, dass es doch eher einfach mein Hund ist, der distanziert ist, und nicht seine Sorte Hund. (Außer Husky steckt noch Schnauzer in ihm.)

Es war erstaunlich schwer, ihm beizubringen, neben mir an der Leine zu gehen, ohne zu ziehen. Irgendwann, nach vielen Stunden, hat die Hundetrainerin gesagt, wir probieren das jetzt mal ohne Leine. Für mich klang das völlig absurd, aber komischerweise ging das fast auf Anhieb. Ohne Leine, auf Kommando, bei Fuß, gar kein Problem.

Keine Leine = nichts woran man ziehen könnte oder müsste.

Was auch erstaunlich leicht war: ihm beizubringen, an Straßenkreuzungen zu halten. Sobald das zuverlässig klappte, bestanden unsere Gassi-Runden daraus, dass der Hund vorauslief und sein Ding machte und am nächsten Bordstein auf mich wartete, um dann wieder vorzulaufen. „Zusammen spazieren gehen“ ist mit meinem Hund ein Euphemismus.

Draußen in der Natur ist das so ähnlich. Es ist nicht so, dass er weglaufen will oder bestimmen möchte, wo es langgeht. Meistens wartet er, sehr vernünftig, an Weggabelungen auf mich und weitere Ansagen. Aber wenn er sich sonst auf der Strecke mal umdreht, um zu sehen, wo ich bleibe, wartet er nicht ab, bis ich zu ihm aufgeschlossen habe; es reicht ihm zu sehen, dass ich irgendwo am Horizont bin, um sich wieder umzudrehen und weiterzutrotten.

Es ist ihm schon wichtig, dass ich nicht weg bin. Aber da sein muss ich auch nicht.

Er konnte erstaunlicherweise auf Anhieb relativ gut an der Leine am Fahrrad laufen, aber was auch hier viel besser ging: Während ich auf der Straße fuhr, parallel dazu auf dem Bürgersteig zu laufen. Er machte daraus manchmal ein angedeutetes kleines Wettrennen, jeweils mit dem Etappenstopp: an der nächsten Kreuzung. Beim Fahrradfahren in der Natur hatte er oft den größten Spaß, wenn er nicht direkt neben mir lief, sondern parallel ein paar Meter entfernt durch den Wald oder das Gebüsch.

Im Sommer im Café kann es passieren, dass er sich nicht unter dem Tisch einrollt, sondern mit ein paar Meter Abstand auf den Bürgersteig legt.


Foto: Gabriel Yoran

Abgesehen von ein paar Grundlagen habe ich nicht versucht, dem Hund viele Kommandos oder Kunststücke beizubringen. Ich weiß nicht, ob er dazu Lust gehabt hätte, ich hatte nicht das Gefühl.

Aber das eine Kommando, das wir wirklich viel geübt haben, lautet: „Schau!“ Es soll den Hund dazu bringen, einen anzugucken, Blickkontakt herzustellen. Bei Schäferhunden ist das nichts, was man überhaupt groß üben müsste, die sind von sich aus ganz scharf darauf, einen zu beobachten und eine Reaktion oder einen neuen Auftrag zu bekommen.

Mein Hund will das eher nicht so. Das Kommando „Schau!“ trainiert man zum Beispiel so, dass man dem Hund ein Stück Wurst hinhält, er es aber erst bekommt, wenn er nicht mehr das Futter anguckt, sondern den Menschen, der es hält. Das hat bei meinem Hund insofern geklappt, dass er es in genau dieser Situation tut, wenn er muss, aber auch keine Zehntelsekunde länger als nötig. Außer wenn er versucht, mich durch Anstarren zum Rausgehen zu bewegen, hat mein Hund kein Interesse, mit mir groß Blicke auszutauschen.

Wir haben in einem ähnlichen Sinne zusammen gelebt wie wir zusammen spazieren gegangen sind.

Falls sich das alles abschreckend liest, nach einer wirklich unbefriedigenden Mensch-Hunde-Beziehung, muss ich das korrigieren: Dieser Hund, der genau so ist, ist schon genau mein Hund. Ich weiß nicht, ob ich damit umgehen könnte, wenn mein Hund dauernd meine Aufmerksamkeit oder Nähe suchte.

Bambam ist nicht sehr anschmiegsam. Aber das bin ich auch nicht.

Ich hätte mir, zugegeben, manchmal gewünscht, dass es häufiger eine Mittelposition gibt, beim Spazierengehen zum Beispiel irgendwas zwischen den Extremen „Bei Fuß“ und „Lauf ruhig 100 Meter vor bis zur nächsten Kreuzung“, so ein: Ich schnupper hier frei rum, aber bleibe ganz in der Nähe. Und, ja, es ist auch schwer, es nicht gelegentlich persönlich zu nehmen, wenn der Hund deutlich macht, dass er gerne auf Abstand bleibt. Aber ich liebe es eigentlich, wie unabhängig, wie selbständig er ist. Meine Gene.

Die ewige Frage: Wie kommt es, dass Hundebesitzer und ihre Tiere einander oft so ähnlich sind oder werden? Mein Hund und ich sind beide grau mit Bart, manchmal haben Fremde auf der Straße deshalb gegrinst, wenn sie uns zusammen gesehen haben (oder genauer: mich eine halbe Minute nach meinem Hund). Aber viel faszinierender sind die inneren Parallelen.

Als ich mir den Hund ausgesucht habe, wusste ich nicht, dass der so ist. Es kann schon sein, dass er auch durch mich so wurde, weil mir das ganze Helikopterherrchenhafte fehlt. Ich zögere zu schreiben, dass ich ihn zu seiner Unabhängigkeit erzogen habe, denn wenn überhaupt, war es eher ein Lassen denn ein aktives Tun. Vermutlich hätte jemand anderes ihm andere Dinge beigebracht, hätte ihn vielleicht dazu gemacht, menschenfixierter zu sein oder anhänglicher, aber eigentlich denke ich, dass diese Unabhängigkeit schon Teil seines Wesens ist.

Keine Ahnung, ob ich das damals schon wahrgenommen habe, als ich ihn zum ersten Mal getroffen habe und sofort wusste: Wenn ich einen Hund will, dann diesen, und wenn es diesen Hund gibt, warum dann nicht einen Hund haben? Aber das wäre eine sehr unbewusste Wahrnehmung gewesen.

Es ist ja auch egal: Was für ein Glück, dass ich (über den viel zu früh verstorbenen Stefan Vogel) diesen Hund getroffen habe. Und dass er ein Teil meines Lebens geworden ist.

Diese ganzen Geschichten, von denen man hört und liest, von Hunden, die genau spüren, wenn einem was fehlt, und die dann ankommen und einen trösten, oder diese Sprüche, dass Hunde die besseren Freunde oder Partner sind, weil sie bedingungslos und vorurteilsfrei lieben – mit all dem kann ich nicht dienen. So ist er nicht.

Das bedeutet nicht, dass wir keine Bindung haben. Sarah Kuttner hat das schöne Wort von der langen „emotionalen Schleppleine“ erfunden, an der er hängt (oder ich). Ich weiß, dass ich nicht bloß jemand für ihn bin, der ihm die Futterdosen aufmacht.

Merkwürdig ist trotzdem, dass er zum Beispiel irgendwann fast nur noch mit mir Gassi gehen wollte. Mit jemand anderes aus dem Büro mal schnell um den Block – das ging nicht mehr; meistens zog er nach kürzester Zeit energisch zurück zum Ausgangspunkt. Die ausgedehnten Waldspaziergänge mit meinem Vater morgens, während ich noch im Bett lag, klappten leider auch nicht mehr, weil er vielleicht gerade noch sein Geschäft erledigte und dann zurück zu mir wollte. (Dabei hätten mein Vater und er ausgedehnteste Wanderungen miteinander machen können, was wirklich eher ein gemeinsames Hobby der beiden ist als meins.)

Es ist rätselhaft, warum er darauf besteht, mit mir zu gehen, um dann aber nicht wirklich mit mir zu gehen. Vielleicht kann irgendein Tierpsychologe das erklären. Oder, noch besser: Vielleicht ist das eine tolle komplexe Metapher für unsere ganze Beziehung, über unsere besondere Mischung aus Nähe und Distanz, Vertrautheit auf Abstand.

Emotionen zu zeigen, positive noch dazu, ist nicht sein Ding. Freudiges Schwanzwedeln ist fast ausschließlich für andere Hunde reserviert. Einmal in einem Restaurant hat ihn ein Mädchen bestimmt zehn Minuten lang gestreichelt, ohne dass er ein einziges Mal ein offensichtliches Zeichen machte, dass ihm das gefiel. (Ich glaube, es gefiel ihm.)

Abends zieht er sich gern irgendwann einfach ins Schlafzimmer zurück. Das verblüfft immer wieder Leute, wenn sie das sehen oder plötzlich merken, dass er nicht mehr da ist.

Er hat keinen größeren Drang, auch mal zu mir ins Bett zu kommen. Nur die Bequemlichkeit des Sofas, die nimmt er gerne mal in Anspruch.

Wenn er nachts aus irgendeinem Grund raus muss (das sind selten gute Gründe), dann versucht er meine Aufmerksamkeit zu erregen, in dem er ganz, ganz leise Fiepgeräusche macht. Oder, neuerdings, vorsichtige Fußtrippelgeräusche. Im Grunde versucht er, mich zu wecken, ohne mich zu wecken.

Er gibt sich auch große Mühe, wenn er sich mal übergeben muss, dass alles auf den Teppich geht und nichts auf den blanken Fußboden daneben, den man einfach abwischen könnte.

Ungefähr ein Jahr, nachdem er bei mir eingezogen war, fuhr ich für zwei, drei Wochen in den Urlaub und gab ihn in eine Hundepension auf dem Land, wo viele Hunde in zwei getrennten Bereichen tagsüber miteinander herumtobten. Das war das beste, was ihm passieren konnte. In dieser kurzen Zeit lernte er von den anderen Hunden die ganzen wichtigen Hunde-Skills. Vorher war er ein ungestümer Halbstarker gewesen, rüpelig, gelegentlich ein Mobber. Hinterher wusste er, wie man mit anderen Hunden kommuniziert, wie man Streit aus dem Weg geht, wie man Situationen deeskaliert.

Noch heute bin ich jedesmal stolz, wenn ich sehe, wie er sich einem fremden Hund vorstellt: Er bleibt mit ein bisschen Abstand stehen, wedelt sehr freundlich mit dem Schwanz und wartet, bis der andere die restliche Distanz überwindet. Vorbildlich, wie aus dem Hunde-Knigge. Oder wie er es regelmäßig schafft, doofe Situationen zu meiden: Wie er einen ängstlichen Hund oder einen Hund mit ängstlichem Besitzer komplett ignoriert. Oder um einen bedrohlichen Hund oder zwei Hunde, die irgendwie miteinander Stress haben, einfach einen Bogen macht. Zugegeben, das klappt nicht immer, es gibt Situationen, da ist auch mein Hund doof oder findet andere Hunde doof und zeigt ihnen das, aber das ist die Ausnahme.

Nur deshalb funktioniert es, dass er so oft ohne Leine unterwegs ist, und ich weiß schon, wie viele Leute trotzdem darüber empört sind, weil es nicht erlaubt ist und, wichtiger: nicht ungefährlich. Ich würde trotzdem sagen, dass mein Hund ohne Leine weniger Probleme macht als 99 Prozent aller Hunde an der Leine.

Meine Idealvorstellung von einem Leben als Hund ist die von Ice aus der Netflix-Doku-Reihe „Dogs“: Der hat einerseits den Job, einen Fischer bei der Arbeit zu begleiten, vor allem aber dreht er jeden Tag allein seine Runde durch den Ort San Giovanni am Comer See, pirscht durch die Straßen, begrüßt die anderen Einwohner, sieht nach dem Rechten. Schon klar, dass es selbst in einem abgelegenen Touristenörtchen ein kleines Wunder ist, dass das so funktioniert, und in einer Stadt wie Berlin undenkbar. Aber die Runde bei mir beim Büro um den Block, um sich jeden Tag zwei kleine Wurststicks am Quarkkeulchenstand abzuholen, die hätte er gut auch alleine drehen können, und, naja, je nachdem, wie eilig er am jeweiligen Tag gerade hatte, dort anzukommen, drehte er den letzten Teil der Runde tatsächlich alleine.

Unter den problematischen leinenlosen Situationen litt eigentlich fast immer nur ich. Wenn ich irgendwo am Waldrand stand und wartete, bis er endlich wieder da war. Oder auch in der Mitte des Waldes, bis er gemerkt hatte, dass ich gar nicht mehr die üblichen 100 Meter hinter ihm war, und er umdrehte und mit dem langsamstmöglichen Tempo zurückkam.

Der große Unterschied zwischen ihm und mir: Für ihn ist eigentlich nur die Welt draußen interessant, da wird alles beschnuppert, beobachtet, markiert, begrüßt, ausgebuddelt. Ich bin immer schon ein Drinnen-Typ gewesen. Das war auch der pädagogische Gedanke, oder jedenfalls die Rationalisierung des auf mich zutiefst irrational wirkenden Beschlusses, sich einen Hund zuzulegen: Dass es mir gut täte, mal häufiger an die sogenannte Frische Luft zu kommen.

So habe ich in den letzten 13 Jahren unendlich viele Parks, Heiden, Wälder und vor allem Seen in und um Berlin kennengelernt, die ich sonst vermutlich nie gesehen hätte. Mit dem Hund an meiner Seite (im weiteren Sinne) hatte es plötzlich einen besonderen Sinn, all diese Wege zu erkunden, Hügel zu erklimmen, Seen zu umrunden.

Einmal, da hatte ich ihn noch nicht lang, waren wir abends in der Dämmerung am Strand auf Usedom. Eine Freundin und ich saßen auf einer großen Treppe, der Hund stromerte irgendwo rum, ich hatte ihn aus den Augen verloren und war ein bisschen besorgt. Dann kam er zu meiner großen Erleichterung zu uns gelaufen und ich dachte begeistert: Na also, der Gute, er kommt schnell wieder zurück!

Dann drehte er um und begann erst richtig, allein die Gegend zu erkunden. Er hatte sich offenbar nur kurz versichert, dass wir noch da sind. Nach dem Motto: Ah, ihr bleibt hier, okay, dann hau ich nochmal ab.

Aber all das sind Geschichten aus seiner Sturm- und Drangzeit, inzwischen ist er für solche Eskapaden viel zu vernünftig (oder zu faul).

Vor ein paar Wochen ist 14 Jahre alt geworden. Er hat all das, was Hunde in dem Alter so an Leiden haben, er sieht nicht mehr ganz so gut, er hört gar nicht mehr gut (wobei ich den Verdacht habe, dass er das manchmal strategisch nutzt), er hat vermutlich Arthrose, sein Bart ist dünn geworden. Vor allem aber macht sein Herz schlapp.

Im Sommer 2021 wurde eine Herzklappenverdickung bei ihm festgestellt, was wohl eine häufige Erkrankung bei diesen Hunden ist.

Inzwischen ist daraus eine „hochgradige Mitralklappeninsuffizienz“ geworden; „es gibt Hinweise auf eine bevorstehende Dekompensation“, steht im Befund vom Januar 2023. Seitdem bekommt er vier verschiedene Medikamente; vor kurzem ist noch eins gegen eine Schilddrüsenunterfunktion dazugekommen.

Trotzdem ist er am vorletzten Wochenende noch fidel und, soweit ich es sagen kann, unbeschwert durchs geliebte Erpetal gelaufen. Dann hat sich sein Zustand plötzlich rapide verschlechtert, er ist extrem schwach, will nicht mehr laufen, muss zum Fressen überredet werden. Die Blutuntersuchung ergab: Die Zahl der roten Blutkörperchen ist viel zu niedrig, die Ursache ist unklar, viele Erklärungen kommen in Frage, fast alle sehr unschön. Selbst wenn man wüsste, woran es genau liegt, könnte man wenig tun: Eine Narkose kommt bei seinem Herzen nicht in Frage (abgesehen davon, dass grundsätzlich nicht viel dafür spricht, einen 14-jährigen Hund überhaupt operieren zu lassen).

Er bekommt jetzt ein Antibiotikum und Kortison, der Tierarzt sagte, es sei nicht auszuschließen, dass das hilft – das klingt nicht einmal so, als wäre es das wahrscheinlichste Szenario. Der Tierarzt betonte außerdem mehrmals, dass 14 Jahre wirklich sehr, sehr alt sei für so einen Hund, und er ließ keinen Zweifel, dass es Zeit sein könnte, langsam Abschied zu nehmen, mit etwas Pech sogar schnell.

Und jetzt sitze ich hier und schreibe das alles auf und ertappe mich dabei, dass ich größere Teile dieses Textes zuerst schon in der Vergangenheitsform formuliert hatte. Er scheint im Moment keine Schmerzen zu haben, aber es bricht mir das Herz, wenn ich sehe, dass es ihn die letzten Kräfte kostet, im kleinen Park direkt um die Ecke noch schwanzwedelnd und schnuppernd andere Hunde zu begrüßen.

Es ist eine sehr schlechte Kombination: Sein Herz schafft es ohnehin kaum, frisches Blut durch den ganzen Körper zu pumpen, und nun enthält dieses Blut auch noch viel weniger Sauerstoff als normal.

Das Leben im dritten Stock ist jetzt ein Fluch. Auf dem Rückweg von jeder kleinen Runde verlangsamt er schon ein gutes Stück vor der Haustür und muss überredet werden weiterzugehen. Ich bilde mir ein, dass er das macht, weil es ihn vor dem Treppensteigen graut. (Das Leben unten im Hof, neben dem Hintereingang der Pizzeria, wo es oft so gut riecht, und neben den Mülltonnen, wo es womöglich für ihn auch oft gut riecht – es muss ihm jetzt noch attraktiver erscheinen als sonst schon.)

Neulich hat er nach exakt zweieinhalb von drei Stockwerken beschlossen, dass das wirklich nicht zu erklimmen ist. Er hat daraufhin, wie in einer billigen Komödie, einfach kehrt gemacht und ist alles wieder runter gelaufen bis ins Erdgeschoss. Ich habe ihn dann hochgetragen, das mache ich inzwischen immer, er mag das eigentlich nicht, aber oben angekommen ist der Unterschied in seiner Verfassung eindeutig. Immerhin werd ich so fitter. Er wiegt knapp 25 Kilo.


Cartoon: Johannes „Beetlebum“ Kretzschmar

Seit Jahren haben Leute mich, wenn sie ihn gesehen haben, gefragt, ob der Hund schon alt ist. Ich hab dann wahrheitsgemäß immer, leicht genervt, geantwortet: Nein, der ist einfach grau. Es ist noch gar nicht so lange her, dass ich diese Antwort ändern musste. Und jetzt merke ich, was das wirklich bedeutet.

Auch der Satz der Tierärztin vor gut eineinhalb Jahren, dass dieses eine Herz-Medikament die Lebenszeit durchaus um ein Jahr verlängern könne, klingt plötzlich ganz anders: Damals war das so eine abstrakte und sehr hypothetisch klingende Rechnung. Jetzt erst wird mir klar, wie sehr dabei schon mitschwang, dass womöglich die letzten Monate angebrochen waren.

Und ich frage mich, was der Hund mir bedeutet, was er mit meinem Leben angestellt hat, welche Lücke er reißt, wenn er nicht mehr da ist. In diesen Tagen wünschte ich mir, er wäre ein bisschen anschmiegsamer, weil ich das Bedürfnis habe, ihn in irgendeiner Form in den Arm zu nehmen. Aber er ist so zurückhaltend wie immer und schiebt seinen Kopf nur manchmal so unter meine Hand, dass ich seine Stirn richtig gut kraulen kann oder diese eine gute Stelle hinter dem Ohr.

Bei einem Hund, der so sparsam ist damit ist, seine Zuneigung zu zeigen, ist jedes kleine Zeichen ganz besonders toll.

Sein Hundefutter will er nicht mehr, erstaunlicherweise egal in welcher Geschmacksrichtung, aber Würstchen liebt er immer noch. Am vergangenen Samstag habe ich beschlossen, nicht mehr zu versuchen, ihm irgendwie doch noch das Dosenfutter schmackhaft zu machen. Fuck it, habe ich mir gedacht, als ich zufällig vor einer Riesenfamilienpackung Würstchen im Supermarkt stand. Es gibt wirklich keinen Grund mehr dafür, darauf zu achten, dass er sich gesund ernährt: Wenn ihn Würstchen noch glücklich machen, kriegt er halt Würstchen ohne Ende.

Er ist unglaublich behutsam, wenn er einem Futter aus der Hand nimmt.

Er hat keine Lust, Stöckchen zurückzuholen, es sei denn, man wirft sie ins Wasser.

Sein allergrößtes Hobby ist das Buddeln. Er liebt den Schnee und hasst den Sommer. Er liebt es zu schwimmen und hasst es gebadet zu werden. Er liebt es, mit Vollgas über den Sandstrand zu jagen, und hasst diese offenen Metallgitter, über die man bei Brücken oder Treppen laufen muss. Er liebt das Erpetal, den Plänterwald, die Königsheide, Käse, Leberwurst, harte, kalte Fußböden, den großen Sitzsack, den meine Mutter ihm genäht hat, Ute und Martina.

Bei seinen Abneigungen scheut er kein Klischee: Er lehnt Eichhörnchen ab, Katzen und Postboten. Oder genauer: Postbotenfahrräder. Ich wüsste wirklich gerne, was er in seiner Kindheit mal Schlimmes mit einem Postbotenfahrrad erlebt hat, das dazu führt, dass er auch nach fast 13 Jahren in Deutschland und garantiert ohne ein einziges problematisches Postbotenfahrraderlebnis an diesen Dingern nicht entspannt vorbeigehen kann, sondern sie im Vorbeilaufen wütend ankläffen will. (Ja, das ist nicht gut.)

Ach, und Schweineohren. Er hat panische Angst vor Schweineohren. Und vor Schweinen, wie wir mal in der Nähe eines Bauernhofes in meiner Heimat herausfinden mussten, aber in Berlin begegnet man denen ja nicht so oft.

Er hat jeden Tag Menschen, an denen er vorbeischlurfte, zum Lächeln gebracht. Und die Verzücktheit, die er bei manchen auslöst, ist mit zunehmendem Alter eher noch gewachsen. Und fast jeder sagt etwas originelles wie: „Oh, ein Wolf!“

Er ist unabhängig und souverän, entspannt und skeptisch, eigensinnig und cool. Er ist ein richtig guter Hund, ich bin glücklich und ein bisschen stolz, dass ich ihn meinen Hund nennen durfte, und ich vermisse ihn jetzt schon.

Die Müdigkeit des Christian Lindner

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

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Ich habe den Werbespot der FDP zur Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen gesehen und will jetzt sofort Daniel Rosenthal wählen.

Der Berliner Fotograf hat Parteichef Christian Lindner beim Reden, Konferieren, Herumstehen, Rasieren, Im-Auto-Sitzen und Sich-die Augen-Reiben abgelichtet. Es sind fantastische Bilder geworden, die die FDP zu einem Film montiert hat. Sie zeigen Lindner in scheinbar privaten Momenten, und vermutlich muss man sie sich im Kino ansehen und nicht auf Youtube, um die maximale Wirkung dieser für die Öffentlichkeit inszenierten Privatheit zu erleben.

Es ist ein faszinierender Kontrast aus der scheinbar ungeschönten dokumentarischen Wirklichkeit in Schwarz-Weiß, die Lindner authentisch, verletzlich und real wirken lässt, und der großen Eitelkeit, die diese Inszenierung ausstrahlt. Der FDP-Chef im weißen T-Shirt nachdenklich auf einem Sofa, mutmaßlich im Hotel, das Mobiltelefon in beiden Händen – er könnte so auch für Calvin Klein werben.

Auf den meisten Fotos sieht er sehr müde aus. Vielleicht ist das die neue Art zu zeigen, dass sich ein Politiker aufreibt für die Menschen: Ihn nicht vor Kraft und Energie strotzend, dynamisch, stark darstellen. Sondern erschöpft, abgekämpft. Natürlich rennt Lindner am Ende trotzdem dynamisch ein paar Treppenstufen hinaus und spricht eindringlich zu Menschen, die ihm gebannt zuhören. Die Schlüsselszene, betont von der Musik und einer Schwarzblende, scheint der Moment zu sein, in dem Lindner sich im Spiegel einer öffentlichen Toilette selbst in die Augen guckt. Wenn die Müdigkeit und die Zweifel Christian Linder zu übermannen drohen, dann schaut Christian Lindner sich in die Augen und findet dort neue Kraft und Mut.

Es ist also ironischerweise nicht der Blick auf das Land und was dort alles zu tun ist oder die Begegnung mit Menschen, was Christian Lindner in dieser Dramaturgie letztlich motiviert. Viel zu wenige von uns erblicken beim Blick in den Spiegel einen Christian Lindner, der unsere innere Müdigkeit vertreibt.

Es ist ein faszinierender Werbespot, gewagt, anders, auffällig. Aber so überzeugend die Inszenierung Lindners als bis zur Erschöpfung arbeitender Widerstandskämpfer formal ist, so lächerlich wird sie, wenn man auf den Text hört. „Haben Sie mal was gemacht, von dem Sie überzeugt waren, dass es richtig ist?“, fragt Lindner aus dem Off – das ist auch der Titel des Videos. „Klar, dauernd, Sie etwa nicht?“, möchte man zurückrufen, aber natürlich meint Lindner etwas anderes, nämlich: Haben Sie mal was gemacht, von dem alle anderen überzeugt waren, dass es falsch ist?

Das attraktive Rebellen-Image Lindners entsteht aus dem behaupteten Widerstand, den der FDP-Mann für seine Positionen und Themen erfährt – angeblich muss er sich Kommentare anhören wie: „Warum sprecht ihr über Schulen? Rechtsstaat …“ (im Bild: der Kölner Hauptbahnhof) „… falsches Thema! Stau – Quatsch. Bürokratismus – interessiert keinen.“ Lustige Idee: Dass ein Politiker für verrückt erklärt wird, wenn er den Zustand der Schulen, die Silvesternacht in Köln oder den Stau zum Thema macht. Der Stau, das große verkannte Nischenthema unserer Zeit, über das sonst keiner zu sprechen wagt.

Außer Christian Lindner. Der deshalb müde ist. Sehr attraktiv müde.

Charité

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Es liegt also an mir.

Die deutschen Fernsehzuschauer lieben „Charité“, die große historische ARD-Krankenhausserie von Sönke Wortmann. Über acht Millionen haben die erste beiden Folgen eingeschaltet, über sieben Millionen die dritte, und es wäre ebenso kindisch wie aussichtslos, ihnen das ausreden zu wollen; sie zu schütteln, ihnen Programme zu zeigen wie „The Knick“, die historische Krankenhausserie von Steven Soderbergh, damit sie sehen, wie man solche Geschichten auch erzählen könnte, sie nochmal zu schütteln und ihnen dann lange Vorträge darüber zu halten, was an der Erzählweise und Inszenierung von „Charité“ so ermüdend ist und so wenig packend, wenn sie offenbar gepackt sind und nicht ermüdet – oder ihnen vielleicht sogar, im Gegenteil, diese gewisse Müdigkeit beim Fernsehen ganz angenehm ist.

Als ein „Event“ hat die ARD „Charité“ verkauft, und die Zuschauer machen es tatsächlich zu einem: Der Aufwand ist groß, die Schauspieler sind groß, die Kulissen sind groß – und das Publikum vor den Fernsehgeräten ist nun auch groß. Aber ich sitze davor und möchte irgendwen schütteln, zur Not die Figuren, die ausnahmslos Sätze sagen, mit denen sie sich, ihr Handeln, ihre Absichten und vor allem: ihre Funktion in der Serie und im geschichtlichen und gesellschaftlichen Gesamtbild erklären. Nichts geschieht einfach so, nichts bleibt unausgesprochen, es gibt kein Geheimnis. Alles ist dem Ziel untergeordnet, dem Publikum zu erklären, wie das damals genau war, in Berlin, als die moderne Medizin ihren Anfang nahm, und die Männer lebten und forschten, nach denen heute Institute und Kliniken benannt sind.

Es ist Schulfernsehen als Event, und dagegen ist überhaupt nichts einzuwenden, insbesondere weil das deutsche Fernsehpublikum das ja zu schätzen weiß: Ein Programm, das schöne Kulissen, eindrucksvolle Bärte und lustige Schwesternhauben hat; in dem Pferdekutschen über Kopfsteinpflaster rollen, wie man das aus solchen Programmen kennt; in dem man staunen kann, wie die Leute damals über Telefone und Fotoapparate staunten, und in dem alle halbe Stunde jemand sagt, dass Frauen damals überall schon Ärzte werden konnten, nur im Deutschen Reich nicht.

Der überragende Erfolg von „Charité“ wird die deutschen Fernsehsender dazu animieren, in Zukunft mehr große, konventionelle, lehrreiche Serien zu drehen, und das ist natürlich auch richtig so.

Nur ich bin raus.

Billy on the Street

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Billy Eichner ist der nervigste Schwule im amerikanischen Fernsehen. Und die schwulste Nervensäge. Er geht in New York auf die Straße, stellt sich mit seinem Mikrofon nichtsahnenden Passanten in den Weg, überfällt sie mit irgendeiner Frage oder einem Spiel und ist dabei so unfassbar dreist, unfreundlich und ungeduldig, dass man weiß, dass er damit nicht durchkäme, wenn er nur halb so dreist, unfreundlich und ungeduldig wäre.

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Neulich hatte er Jon Hamm im Schlepptau, den aus „Mad Men“ bekannten Schauspieler, und spielte ein Spiel, das er „Würden Sie einen Dreier mit mir und Jon Hamm machen?“ nannte und das daraus bestand, Menschen zu fragen, ob sie – „für einen Dollar!“ – einen Dreier mit ihm und Jon Hamm machen würden. Einer verduzten Frau versuchte er es dadurch schmackhaft zu machen, dass er sagte, wie progressiv das wäre: Sie als füllige schwarze Frau, er als schwuler Mann, Jon Hamm als Gewinner eines Screen Actors Guild Awards. „Aber er hat keinen Oscar“, erwiderte die – und man wollte sofort in eine Stadt ziehen, in der zufällig angesprochene Menschen auf der Straße spontan solche Pointen liefern.

Ein Mann willigte spontan in den vermeintlichen Dreier ein, musste sich dann aber in eine Diskussion verwickeln lassen, wer denn oben und unten liegen würde. Eine Frau wollte gerade noch ihren Mann fragen, disqualifizierte sich aber dadurch, dass er Sprinkler-Anlagen designt. Eine ältere Dame schob Billy Eichner rüde aus dem Weg, bis sie realisierte, dass es um Jon Hamm ging, und doch nochmal kurz zurückkam.

Es sind jeweils nur wenige, unfassbar hektische und überdrehte Sekunden, und wenn man Eichner nicht für seine Art hasst, muss man ihn lieben – in diesen Zeiten ganz besonders.

Mit einem anderen Passanten, der eigentlich nur auf die Frage „Who you gonna call?“ richtig mit „Ghostbusters“ geantwortet hatte, entwickelt sich ein Streit, weil der es wagt, „Pretty Woman“ als „furchtbaren Film“ zu bezeichnen. Nach einer hitzigen, fast körperlichen Auseinandersetzung über die vermeintliche Glorifizierung von Prostitution darin, räumt der Fußgänger ein, sich den Film vielleicht doch nochmal ansehen zu müssen.

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Den Schauspieler Seth Rogen rekrutiert Billy Eichner als Kameramann für ein grausames Spiel, in dem er Passanten mit der Nachricht konfrontiert, dass Seth Rogen gerade gestorben sei. Nachdem die in die Kamera formuliert haben, wie traurig sie das finden beziehungsweise dass sie keine Ahnung haben, wer das überhaupt sein soll, zeigt Eichner, dass der Mann direkt neben ihnen steht.

Das ist viel zu schnell, um überhaupt als selbes Genre wie die deutsche Schlafshow „Verstehen Sie Spaß“ wahrgenommen zu werden, und es ist bei aller Schroffheit immer wieder herzerwärmend: Wenn Rogen sich schüchtern und ein bisschen peinlich berührt („er hat mich gezwungen, das zu machen“) bei den Passanten bedankt, die ihm gerade einen freundlichen verfrühten Nachruf geschenkt haben. Oder wenn die eine Hälfte eines schwulen Pärchens – ein Mann, der gerade gestanden hat, wie attraktiv er den „Bären“ Seth Rogen fand – ihm gegenübersteht und ungelenk distanziert die Hand gibt.

Eine Frau sagt, sie könnte mit dem Kiffer-Humor Rogens nichts anfangen, da fände sie Billy Eichner witziger, und als Eichner fragt, ob es daran liegt, dass sein Humor einfach klüger sei, widerspricht sie: „Naja, da bin ich jetzt nicht so sicher.“

youtube.com/billyonthestreettv/

Nicht egal

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Nichts löst derzeit so viel Hass im Netz aus wie Kampagnen gegen Hass im Netz.

Anfang der Woche ist eine neue gestartet. Sie nennt sich „#nichtegal“, was dafür steht, dass uns Hass nicht egal sein soll. Bekannte Youtuber haben sich vor die Kamera gesetzt – oder besser: sind vor den Kameras sitzen geblieben -, um ein Zeichen dafür zu setzen, dass man ein Zeichen dagegen setzen soll, wenn Leute im Netz Hass verbreiten. Achselzuckendes Hinnehmen sei keine Lösung. Jeder Einzelne könne, müsse, aktiv werden gegen Beleidigungen und Hetze.

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Das Video ist von größter Substanzlosigkeit, selbst für ein eineinhalb Minuten langes Filmchen, das nicht viel mehr will, als Aufmerksamkeit zu wecken. Am besten zu gebrauchen ist es vielleicht noch als Negativbeispiel für sinnlosen Hashtag-Aktionismus. Wogegen genau es sich richtet, bleibt genauso unklar wie die Frage, was denn helfen soll. Die 21-jährige Kölner BWL-Studentin Diana zur Löwen, die auf ihrem Youtube-Kanal sonst vor allem für Kosmetikprodukte wirbt, sagte bei der Vorstellung des Projektes, sie wolle „Negativität mit einem Lächeln begegnen und den Leuten zeigen, dass mir das gar nicht so nahegeht“, was ein bisschen klingt, als wären ihr der Hashtag „#mirdochegal“ und ein Projekt, in dem es darum geht, blöde Hasskommentare einfach zu ignorieren, genauso recht gewesen.

Andere Unterstützer scheinen in dem Hashtag einfach eine praktische Abkürzung zu sehen, wenn man auf Hasskommentare eigentlich nicht antworten, aber auch nicht nicht antworten will. Stattdessen könne man „#nichtegal“ hinschreiben.

Dass so vage ist, wie und wogegen diese Aktion kämpfen will, ist vor allem deshalb ein Problem, weil es eine erhebliche Zahl von Kritikern gibt, die genau zu wissen glauben, was tatsächlich dahintersteckt: eine beinahe allmächtige Koalition aus einem globalen Internetkonzern (Google), der Bundesregierung und linken, stasiähnlichen Organisationen, die gemeinsam eine Gutmenschen-Diktatur errichten und jeden Widerspruch wegzensieren wollen.

Der Verdacht, dass es in Wahrheit nur darum geht, unliebsame Meinungen zu bekämpfen, ist allgegenwärtig. Und selbst unter denjenigen, die meinen, dass die Kampagne auf üble Beschimpfungen zielt, gibt es Widerstand: Die Freiheit, Leute zu beleidigen, gilt vielen, die sich in den Kommentaren äußern, als ein Menschen- und Internetrecht. (In welcher Form diese Leute für dieses Recht kämpfen, können Sie sich leicht ausmalen.)

Es herrscht ein Klima, in dem viele der Kampagne nicht einmal abnehmen, dass sie „gut gemeint“ ist, und die Auswahl der Protagonisten hilft nicht unbedingt, ihre Glaubwürdigkeit zu erhöhen. Dass eine Dagi Bee wegen ihrer Ultrakommerzialität umstritten ist, mag man vielleicht noch als Preis dafür hinnehmen, auch deren zahlreiche Fans zu erreichen. Christian Brandes („Schlecky Silberstein“) hat in einem Video aber auch Beispiele gesammelt, wie genau die Testimonials aus dem Video früher hasserfüllt auf Kritiker reagiert haben. Sein alternativer Hashtag: „#NichtEuerErnst“.

Vielleicht aber bewirken solche Anti-Hass-Aktionen doch etwas Positives: Mit etwas Glück ziehen sie so viel Hass auf sich, dass für diejenigen, die sonst regelmäßig Opfer davon werden, kaum noch etwas übrigbleibt.

nichtegal.withyoutube.com

Simultaneity Porn

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

„Bitte gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen.“ Das war immer schon der Satz, der mehr Menschen als jeder andere dazu brachte, stehen zu bleiben und zu gucken, insbesondere, wenn schon andere Menschen da standen und guckten.

Im Moment stehen sehr viele Leute auf der Welt da und gucken, was es in dem amerikanischen Städtchen Jackson Hole, Wyoming, an der Kreuzung zwischen Broadway und Cache nicht zu sehen gibt. Eine Webcam auf Youtube zeigt, was dort passiert, nämlich: nichts besonderes. Es ist eine Straßenkreuzung. Autos halten an und fahren weiter. Andere Autos halten an und fahren weiter. Fußgänger überqueren die Straße. Im Hintergrund sieht man Berge. Vor einem Park steht ein Torbogen. Links ist ein Ladengeschäft.

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Das Besondere, es passiert nicht in Jackson Hole, Wyoming, sondern auf der anderen Seite der Webcam: Tausende Menschen aus aller Welt schauen sich das an und kommentieren das Geschehen. Die Nachrichten im Youtube-Chat neben dem Video rauschen in irrwitziger Geschwindigkeit hindurch.

Sie haben ein Spiel daraus gemacht, zu kommentieren – oder auch nur zu erwähnen – was passiert, und auf irgendeine wundersame Weise ist ein roter Truck so etwas wie der Hauptgewinn in diesem Spiel. Wenn er durchs Bild fährt, rasten alle aus (also, noch mehr als sonst). Und weil das Besondere, das auf dieser Seite der Webcam passiert, natürlich auch Einfluss auf die andere Seite der Webcam hat, sieht man nun immer wieder Menschen oder Autos auf der Straßenkreuzung mit Schildern, auf denen Sachen stehen wie: „Red Truck Is Life.“

Es ist alles sehr sinnlos. Es ist von schönster, reinster, atemberaubender, faszinierender Sinnlosigkeit. Niemand weiß so richtig, wie alles begann. Es gibt keine richtige Geschichte, keinen Mythos. Die Webcam von der Straßenkreuzung Ecke Broadway Broadway und Cache in Jackson Hole, Wyoming, hat kein Geheimnis, außer das, kein Geheimnis zu haben. Man könnte sich jede andere Straßenkreuzungswebcam im Internet angucken, aber warum sollte man das tun, wenn alle anderen sich diese angucken?

Die Internetseite Fusion hat einen schönen Begriff, den Reiz dieses Gemeinschaftserlebnisses zu beschreiben: simultaneity porn. Das meint mutmaßlich, wie sich viele Fremde daran aufgeilen, dass sie gleichzeitig das Gleiche tun. Dass es darüber diese Gemeinsamkeit hinaus keine Bedeutung des Tuns gibt (noch nicht einmal einen Bezug zu dem Ort, der das Ziel ihrer Aufmerksamkeit ist), macht seinen Reiz noch größer.

„Es lockt mit dem Unbekannten“, schreibt „Fusion“. „Mit dem Jackson-Hole-Stadtzentrum-Livestream weiß man nie, welche Farbe der nächste Truck hat, der erscheint.“

Morgens um sechs Uhr Ortszeit sind alle ganz aufgeregt, weil dann die Ampeln wieder auf Tagbetrieb umgeschaltet werden. Wenn ein Traktor duchs Bild fährt, rufen alle: „Tractor!“. Wenn sonst nichts passiert, ruft garantiert einer: „Lobpreiset den Torbogen!“ oder halt: „Der Torbogen ist das Böse!“

Neulich nachts, die Ampeln blinkten rot, erschien der Wagen des Sheriffs. Er fuhr über die Kreuzung und aus dem Bild, setzte wieder zurück, stieg aus und machte den Dab, eine Art Verbeugung mit Armschwingen, eine Tanz- und Jubel-Bewegung, die auch so eine rätselhafte Hype-Sache ist, die sich irgendwann verselbstständigt hat.

Der Sheriff machte den Dab, stieg wieder ein und fuhr weg. Das Internet war glücklich.