Süddeutsche Zeitung

Steimle (2. von links) mit Tino Chrupalla und Ulrich Siegmund. Screenshot: Youtube/AfD-TV
Für den Dresdner Kabarettisten Uwe Steimle könnte es ein Triumph sein, die perfekte Pointe, dass die Staatsanwaltschaft jetzt wegen einiger Witze von ihm ermittelt. Er hatte am Dienstag bei einer AfD-Veranstaltung in Dessau-Roßlau doppeldeutig über das neue Portraitbild von Angela Merkel geredet: „Warum hat sie sich im Stehen malen lassen? Weil sie ahnt, sie wird bald sitzen. Im Moment hängt sie erst mal. Und wenn alle Stränge reißen oder der Nagel bricht, dann stellen wir sie an die Wand. Uns wird schon was einfallen.“
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Was in der Berichterstattung über den Vorfall oft nicht erwähnt wird, ist der nächste Halbsatz Steimles: „… wie Werner Finck gesagt hätte.“ Finck war ein Kabarettist in der Weimarer Republik, der auch nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten noch auftrat – und sich Kritik an ihnen erlaubte. Einmal kam er mit einem gerahmten Porträt Hitlers auf die Bühne und fragte: „Was mache ich jetzt mit ihm? An die Wand stellen oder aufhängen?“
In Steimles Merkel-Witz steckt also nicht nur eine Gewaltfantasie, sondern auch ein Hitler-Vergleich. Und wenn Steimle diesen Witz zitiert, unter ausdrücklichem Verweis auf Finck, stellt er sich in die Tradition eines Satirikers, der sich selbst im Angesicht einer mörderischen Diktatur die treffenden Frechheiten nicht verkneift. Finck kam später wegen eines anderen Sketches vorübergehend ins Konzentrationslager. Ihm wurde ein Verstoß gegen das „Heimtückegesetz“ vorgeworfen, das „heimtückische Angriffe auf Staat und Partei“ unter Strafe stellt. Es ist leicht, sich auszumalen, wie Steimle mögliche strafrechtliche Konsequenzen für seinen Auftritt ausschlachten und interpretieren wird.
Er wird sich auch insofern in der Tradition Fincks sehen, als er ein größeres Publikum auf seiner Seite weiß im Kampf gegen das (vermeintlich) diktatorische System. Steimle ist vor allem in Ostdeutschland sehr populär. Es ist kein Zufall, dass sich Ulrich Siegmund, Spitzenkandidat der AfD in Sachsen-Anhalt, und der Bundessprecher Tino Chrupalla mit ihm zeigen. Beide waren auch schon Gast in seiner Youtube-Show.
Steimle wurde 1989 Mitglied des Dresdner Kabaretts „Herkuleskeule“, trat in Satiresendungen im Fernsehen auf, ist seit vielen Jahren mit Solo-Programmen auf Tour. Eine Konstante seiner Karriere ist es, dass er hinter ungefähr allem, was in Deutschland und im Westen passiert, ein autoritäres System sieht. Die ganze republikanische Gesellschaft und ihre Vertreter: nur lächerliche und nicht einmal gut verkleidete scheindemokratische Attrappen.
Entsprechend sprach er gleich von einem politisch motivierten „Berufsverbot“, als der NDR 2008 bekanntgab, dass er den Schweriner „Polizeiruf“, in dem er die Rolle des Hauptkommissars Jens Hinrichs gespielt hatte, nach 18 Jahren nicht fortsetzt. Dass der MDR sich später von ihm trennte, erinnerte ihn „an finstere DDR-Zeiten, wo es vielen Künstlern ähnlich erging“.
Dabei war der eigentliche Skandal, wie lange der MDR gezögert hatte, die Zusammenarbeit mit dem beim Publikum und wohl auch im Sender beliebten Steimle zu beenden, der über viele Jahre im Programm außerordentlich präsent war. Den Ausschlag gab im Juni 2018 ein Interview mit der Jungen Freiheit, in dem Steimle die Bundesrepublik als „Besatzungsgebiet der USA“ bezeichnete und den damaligen „Heute Journal“-Moderator Claus Kleber als Karl-Eduard von Schnitzler der BRD. (Schnitzler war Macher und Moderator der berüchtigten DDR-Staatspropaganda-Sendung „Der Schwarze Kanal“ gewesen.)
Dabei hatte Steimle schon Jahre zuvor Journalisten von ARD und ZDF „Besatzungsmoderatoren“ genannt und den öffentlich-rechtlichen Rundfunk „kapitalistisches Staatsfernsehen“. Er hatte von „zärtlichen Gefühlen“ gesprochen, die er für Pegida hege, und für die rechtsradikale Querfront-Zeitschrift Compact geworben.
Mit der teilt er auch den Anti-Amerikanismus und die Nähe zu Russland, auch und gerade nach dessen Überfall auf die Ukraine. Er sieht sich in dieser Haltung als Pazifist und westliche Politiker, die die Ukraine unterstützen und aufrüsten, als skrupellose Kriegstreiber.
Dass er sich nun auf der AfD-Veranstaltung ein Attentat auf Friedrich Merz herbeiwünschte, indem er fragte: „Wo ist eigentlich Stauffenberg, wenn man ihn mal wirklich braucht?“, ist angesichts der Verachtung, mit der er auf Bühnen und in seinem Youtube-Kanal über Regierung, Medien, Andersdenkende und das ganze Establishment der Bundesrepublik spricht, nur konsequent. Kein Name kommt hier ohne Schmähverdrehung aus. Das Ganze ist grundiert mit der Feier des sächsischen Dialekts, viel Ostalgie und der Überzeugung, dass nur Ostdeutsche wie er mit ihrer Diktatur-Erfahrung in der Lage sind, die Zeichen richtig zu deuten und die Demokratie in ihrer ganzen angeblichen Diktaturhaftigkeit zu durchschauen.
Dass Steimle als Nationalhymne bei der AfD die DDR-Hymne anstimmte, ist eine Provokation, in der eine Verächtlichmachung der Bundesrepublik steckt. Die Aufregung darüber lässt sich abtun mit dem Hinweis, dass der Text wegen der Zeile „Deutschland, einig Vaterland“ in der DDR verpönt war. Man singt also, was in der DDR nicht gesungen werden durfte, und nun, haha, auch nicht mehr gesungen werden soll.
Wenn sich die anderen dann über all das und seine maßlosen Schmähungen und Hitler-Vergleiche empören, ihn zur Unperson erklären und sogar über rechtliche Konsequenzen diskutieren, beweist das für ihn und Seinesgleichen nur, wie recht sie mit ihrem Verdacht haben: alles wie damals unter Honecker und Hitler, nur subtiler.









Das ist die Ausgangsbasis von „Sidekick“, dem zweiten Roman von Sebastian Hotz, der unter dem Namen „El Hotzo“ als Witzemacher im Internet bekannt wurde – vor eineinhalb Jahren sogar weltberühmt, nachdem er einen heiklen Scherz über das Attentat auf Donald Trump gemacht hatte, was sogar den Humorpolizisten Elon Musk dazu brachte, auf seiner Social-Media-Plattform X den Bundeskanzler anzuschreiben. Von der Anklage, sich der „Belohnung und Billigung von Straftaten“ schuldig gemacht zu haben, wurde Hotz vor Gericht jedoch freigesprochen. 
