Autor: Stefan Niggemeier

Angela Merkel: Zwillinge!

Bäm!

„Das Neue“, die junge unterhaltende Frauen-Zeitschrift mit großem Extra-Rätsel-Heft aus dem Bauer-Verlag, hat den Scoop des Jahrzehnts. Und die vermeintlichen Nachrichtenmedien haben’s verpennt.

Nun könnte man als erfahrener Leser dieses Blogs (oder dieses Blogs) natürlich abwinken und sagen, pah, auf den Trick fallen wir nicht rein, vermutlich ist irgendwer ganz anderes zurückgetreten, womöglich auch nur von der Bahnsteigkante, und wenn man den Fehler macht, das Heft zu kaufen, stellt man fest, dass die das gar nicht so gemeint haben.

Nur: Die meinen das so. Also, mit der klitzekleinen Einschränkung, dass sie an der in diesem Zeitschriftengenre weit verbreiteten Satzzeichenschwäche leiden und ein Ausrufezeichen mit einem Fragezeichen verwechseln, aber sonst meinen die das so.

(…) Bisher galt sie als kühl, kontrolliert und konzentriert. Doch in den letzten Wochen macht sich eine erstaunliche Wandlung bei ihr bemerkbar. Die Ereignisse haben sie offenbar so sehr bewegt, dass sogar ein Rücktritt nicht mehr ausgeschlossen scheint.

Zuerst ihr körperlicher Zusammenbruch beim CDU-Parteitag im Dezember — schließlich die tragischen Ereignisse in Frankreich: All das hat die Regierungschefin doch sichtlich mitgenommen. Die Nerven liegen blank. Sie gestattet bei öffentlichen Anlässen sogar Einblicke in ihre Gefühlswelt. Das hat es noch nie gegeben!

(…) Sie wirkt sehr erschöpft, abgeschlagen und ist sehr blass.

Offenbar „pult und knabbert“ sie auch wieder an ihren Fingernägeln, hat „Das Neue“ festgestellt und zitiert Merkel:

„Ich möchte irgendwann den richtigen Zeitpunkt für den Ausstieg aus der Politik finden“, sagte sie bereits 1998. „Ich will kein halb totes Wrack sein (…).“ Ein Schwur, der für Angela Merkel jetzt bittere Realität wird?

Lästiges Fragezeichen da am Ende. Aber sonst total zwingend.

Das genaue Zitat lautete übrigens: „Ich will nicht ein halbtotes Wrack sein, wenn ich aus der Politik aussteige.“ Wenn Merkel gerade, wie „Das Neue“ suggeriert, ein halbtotes Wrack ist, wäre das doch der nach ihrer eigenen Aussage schlechteste Zeitpunkt, aus der Politik auszusteigen?

Ach, was wäre das ärgerlich für die ehrgeizigen Journalisten da in der Redaktion von „Das Neue“, wenn sie aufgrund eines Denk- und Logikfehlers versehentlich so eine blöde Falschmeldung produziert hätten. Wenn sich jetzt womöglich noch rausstellt, dass die Liebe von Königin Letizia gar keine Lüge ist!

[via Ali Schwarzer, via Lady M.]

Studie über Pegida-Demonstranten zeigt: Pegida-Demonstranten lehnen Teilnahme an Studie ab

Jetzt wissen wir also, wer der „typische“ Pegida-Demonstrant ist: Er „entstammt der Mittelschicht, ist gut ausgebildet, berufstätig, verfügt über ein für sächsische Verhältnisse leicht überdurchschnittliches Nettoeinkommen, ist 48 Jahre alt, männlich, gehört keiner Konfession an, weist keine Parteiverbundenheit aus und stammt aus Dresden oder Sachsen“. Das behauptet eine Studie der Technischen Universität Dresden auf der Grundlage einer Umfrage unter Teilnehmern der Demonstrationen.

Zutreffender ist vermutlich eine andere Aussage: Der typische Pegida-Demonstrant nimmt ungern an Umfragen teil. Zwei Drittel derjenigen, die dafür angesprochen wurden, lehnten hier ab.

Nun gibt es bei solchen Umfragen immer einen Anteil von Menschen, die keine Auskünfte geben. Das ist solange kein Problem, wie man davon ausgehen kann, dass diejenigen, die an der Umfrage teilnehmen, repräsentativ sind für alle. Dass es also keinen systematischen Unterschied gibt zwischen Antwortwilligen und Antwortunwilligen.

Für einen solchen non-response bias spricht hier aber einiges. Man kann durchaus vermuten, dass zum Beispiel gerade Pegida-Teilnehmer mit extremeren Meinungen sich weigern, Auskunft zu geben. Der Ökonom Hannes Hemker schreibt im Blog „Politischer Spielraum“:

Schliesslich ist es mehr als wahrscheinlich, dass es die radikaleren zwei Drittel der Demonstranten waren, die die Umfrage mit dem „Establishment“ verweigerten – so wie sie auch regelmäßig Interviews mit der „Lügenpresse“ verweigern. Dieses Artefakt der selektiven Nichtbeantwortung erklärt wahrscheinlich auch, warum Pegida in der Umfrage demographisch so „normal“ aussieht: weil es sich bei den Befragten um das gebildete, relativ reiche, sozial relativ integrierte Drittel der Demonstranten handelt.

Das Drittel der Angesprochenen, das Auskunft gegeben hat, unterscheidet sich möglicherweise grundlegend von den zwei Dritteln, die keine Auskunft gegeben haben. Ich kann natürlich nicht beweisen, dass das stimmt. Der Punkt ist aber: Die Verantwortlichen der Studie können nicht beweisen, dass das nicht stimmt. Sie wissen nicht, ob die 35 Prozent, die mit ihnen gesprochen haben, wirklich „typische“ Pegida-Demonstranten sind.

Sie tun aber so, als ob. Und veröffentlichen unter anderem solche Diagramme:

100 Prozent sind in dieser Darstellung die 400 Menschen, die bereit waren, sich bei einer Pegida-Demonstration befragen zu lassen. Vielleicht hilft es, sich anzusehen, wie sich das Diagramm verändert hätte, wenn man die rund 800 Demonstranten, die nicht mitmachen wollten, berücksichtigen würde:

Anders gesagt: Es gibt allen Anlass, die Ergebnisse der Umfrage mit größter Vorsicht und Zurückhaltung zu interpretieren. Der Politikwissenschaftler Prof. Dr. Hans Vorländer, der die Studie durchgeführt hat, tut das nicht. Er hat für die Presse eine Präsentation zusammengestellt, die den Eindruck erweckt, er könne exakte Aussagen über den „typischen“ Pegida-Demonstranten treffen (bis hin zur Angabe: „48 Jahre alt“).

Dass zwei Drittel der angesprochenen Demonstranten eine Mitwirkung ablehnten, geht aus der Präsentation nicht hervor. In der Pressemitteilung der TU Dresden wird es nur beiläufig erwähnt.

In den Medien stießen Vorländers vermeintliche Erkenntnisse auf großes Interesse — und auf wenig Lust, sie wegen ihrer beschränkten Aussagekraft zurückhaltend zu interpretieren:

Die große Zahl von angesprochenen Demonstranten, die nicht mitwirken wollte, wird in einigen Artikeln angesprochen, aber in den wenigsten problematisiert. „Spiegel Online“ immerhin äußert am Ende eines Artikels auf der Grundlage eigener Beobachtungen Zweifel:

Die Forscher hatten die Schwierigkeit, dass zwei von drei Angesprochenen ihnen keine Antwort gaben.

Macht dies ihre Ergebnisse zur Zusammensetzung der Demos weniger aussagekräftig? Zumindest als Reporter vor Ort gewinnt man den Eindruck, dass vor allem die schlechter gebildeten Pegida-Teilnehmer das Gespräch verweigern: Oft erhält man nur Antworten wie „Sie schreiben doch eh, was sie wollen“ oder „Als Journalist wissen Sie doch eh schon alles“.

Vorländer, der Leiter der Studie, hält die Zahl der Antwortverweigerer für unproblematisch. „Solche Quoten sind in der empirischen Sozialforschung normal“, sagt er auf Anfrage. Ein „Effekt der Verzerrung“ lasse sich für ihn nicht feststellen.

Die „Leipziger Volkszeitung“ gibt in ihrem Bericht eine Ahnung davon, wie außergewöhnlich die Umstände waren:

Die Studie hat aber ein Problem: Von den angesprochenen Pegida-Teilnehmern verweigerten rund 65 Prozent jede Aussage. Zudem sei den Befragern eine teils feindselige Stimmung entgegen gebracht worden. Für manche hätte die Umfrage aber auch fast eine therapeutische Wirkung gehabt. Einige hätten sich gegenüber den Wissenschaftlern ihren ganzen Frust von der Seele geredet.

Die ungewöhnliche Umfragesituation könnte die Antworten vielfältig verzerren, etwa auch, wenn die Befrager als staatlich finanzierte Wissenschaftler als Repräsentanten des „Mainstream“ wahrgenommen werden, der diese Demonstrationen täglich öffentlich verurteilt. Das würde womöglich auch erklären, warum so viele Befragte diffus eine „Unzufriedenheit mit der Politik“ nannten und sich nicht negativ über den Islam äußerten.

Man weiß es einfach nicht genau. Auch wenn eine Studie und viele Medien den gegenteiligen Eindruck erwecken.

[mit Dank an Johannes Ost für den Hinweis]

Nachtrag, 16. Januar. Die Agentur epd berichtet, dass Vorländer die Kritik an seiner Untersuchung zurückweist: „Ich habe nicht behauptet, dass die Erhebung repräsentativ im strengen Sinne des Wortes ist.“ Gleichwohl lasse die Zufallsauswahl der Befragten „einen validen Blick auf die soziodemografische Zusammensetzung und die Motivationen“ der «Pegida»-Anhänger zu:

Laut Vorländer ist ein hoher Anteil von Antwort-Verweigerern bei allen Erhebungen üblich. Bei telefonischen Umfragen etwa gebe es nur eine Beteiligung von 20 Prozent. Mit einer Erfolgsquote von 35 Prozent unter etwa 1.200 angesprochenen Personen liege die Ablehnungsquote „im erfahrungsgemäß zu erwartenden Bereich der empirischen Sozialforschung, vor allem unter den besonderen Bedingungen einer Demonstrationsversammlung“.

Vorländer betonte, dass seine Interviewer explizit darauf hingewiesen hätten, dass sie keine Medienvertreter seien. „Das erste, was die ‚Pegida‘-Anhänger wissen wollten, war, ob wir Journalisten sind. Erst als wir das verneint haben, wollten sie mit uns reden.“ Es gebe keine Anhaltspunkte dafür, dass diejenigen, die sich nicht beteiligt haben, andere Meinungen vertreten als die Umfrageteilnehmer.

NAchtrag, 16:20 Uhr. Vorländer äußert sich auch im Interview mit wiwo.de.

Die „Tagesschau“. Wo man schöne Inszenierungen nicht blöd hinterfragt.

Vielleicht könnte die „Tagesschau“ jemand anderes finden, der öffentlich auf Kritik an ihrer Arbeit reagiert? Jemanden, für den eine „Diskussion“ etwas anderes ist als eine Ansprache, der ein irgendwie ausgleichendes Wesen hat und womöglich sogar noch ein Bewusstsein dafür, dass er von uns Zuschauern bezahlt wird? Jemanden, der nicht alles noch schlimmer macht? Kurz gesagt, jemand anderes als Kai Gniffke?

Es gibt ja gerade ein bisschen Aufregung um die Bilder von den Staats- und Regierungschefs beim großen „Republikanischen Marsch“ in Paris am vergangenen Sonntag. „Le Monde“ berichtete, dass die gar nicht in dem Sinne den Zug anführten, wie man es aufgrund der Berichte in den Nachrichtensendungen und der Fotos in den Zeitungen glauben mochte. Sie waren nicht wirklich Teil der Menschenmenge; vor und hinter ihnen war die Straße offenbar abgesperrt. Die „taz“ und „Spiegel Online“ meldeten sogar, dass es sich um eine „einsame Nebenstraße“ gehandelt habe.

Ich kann verstehen, dass Menschen das ärgert, wenn sie das erfahren. Wenn sie Grund haben anzunehmen, dass Journalisten ihnen etwas vormachen und Komplizen bei einer Inszenierung sind, anstatt diese Inszenierung kenntlich zu machen. Natürlich ist jede Auswahl eines Fotos oder eines Filmausschnittes eine subjektive Entscheidung. Es ist aber nicht die Aufgabe von Journalisten, den Aufmarsch von mehreren Dutzend Staats- und Regierungschefs durch eine geschickte Wahl der Perspektive besonders eindrucksvoll wirken zu lassen.

Die Chefredakteurin der „taz“, Ines Pohl, verknüpfte diesen Fall mit der heutigen Kür des Begriffs von der „Lügenpresse“ zum „Unwort des Jahres“. Sie sagte: „Leider belegt der Umgang mit den Bildern des Pariser Marsches der Mächtigen, dass das Wort ‚Lügenpresse‘ nicht nur ein Hirngespinst der Pegida-Anhänger ist, sondern dass die Wirkung der Bilder – übrigens auch für deutsche Medienmacher – manchmal wichtiger ist als die Dokumentation der Realität.“

Das hat bei ARD-aktuell-Chefredakteur Kai Gniffke eine Halsschlagader platzen lassen. Im „Tagesschau“-Blog schreibt er:

Auch auf die Gefahr hin, dass ich jetzt wieder richtig auf die Fresse bekomme: Mir langt’s.

Der Vorwurf der Inszenierung sei eine „wilde Verschwörungstheorie“ und „kompletter Unfug“.

Er wirft dann mehrere Nebelkerzen und stellte fest, dass es „immer eine Inszenierung“ sei, wenn sich Politiker vor eine Kamera stellen, dass die französische Polizei ihren „Job verfehlt“ hätte, wenn sie die Politiker nicht von den anderen Menschen abgetrennt hätte (was kaum jemand ernstlich bestreitet), und dass, „sorry“, Kameraleute und Fotografen eben nicht immer einen Hubwagen zur Hand hätten. Und nach einem rätselhaften Einschub – „bei aller Selbstkritik“ – beklagt er sich schließlich darüber, dass solche Kritiker seine sensiblen Kollegen ganz kirre machten:

Ich wehre mich dagegen, über jedes Stöckchen zu springen, dass uns Verschwörungstheoretiker hinhalten. Denn sonst sickert noch viel mehr des Giftes der Furcht in unseren Berufsstand ein. Denn diese Diskussionen hinterlassen Spuren in den Redaktionen. Statt unser Bewusstsein für Qualitätsjournalismus zu schärfen, sind sie dazu angetan Redaktionen zu verunsichern.

Mit keinem Wort geht er auf die zentrale Frage ein, warum „Tagesschau“ oder „Tagesthemen“ nicht – und sei es noch so beiläufig, durch einen Halbsatz oder einen Kameraschwenk – deutlich machten, dass die Politiker in einem gehörigen Sicherheitsabstand vom eigentlichen Marsch ein kleines Stück für die Fotografen liefen. Warum seine Redaktion die Menschen nicht in einer Weise informiert hat, die verhindert hätte, dass offenbar eine erhebliche Zahl von ihnen, inklusive mehrerer Zeitungsredaktionen, sich in die Irre geführt fühlten, als sie später das Szenario aus anderer Perspektive sahen. Warum ARD und ZDF mit ihren Formulierungen den Eindruck erweckten, die Politiker hätten sich unter die Massen gemischt und „Seite an Seite“ mit dem Volk demonstriert.

Natürlich ist der Vorwurf einer „Verschwörung“ absurd, wenn etwa das Erste selbst am Nachmittag in seiner Live-Übertragung auch gezeigt hat, wie die Politiker getrennt vom Rest der Menschenmenge liefen. Aber deshalb ist doch nicht die Kritik an den Medien absurd, die in ihren Nachrichten und Fotos einen gegenteiligen Eindruck erweckt haben. Deshalb ist doch nicht die Frage unberechtigt, ob unter anderem die „Tagesschau“ ihren Zuschauern nicht diese Information hätte mitliefern sollen.

Ja, Herr Gniffke, fast alles ist Inszenierung. Und je häufiger Medien in einer Welt, in der das Publikum skeptisch geworden ist und sich aus ungezählten anderen Quellen informieren kann, diese Inszenierungen kenntlich machen, indem sie einfach mal einen Schritt zurücktreten, aufzoomen, zur Seite schwenken, umso größer ist ihre Chance, auch in Zukunft noch als glaubwürdig zu gelten. Wir brauchen viel, viel mehr Dekonstruktionen der Inszenierungen und Scheinwirklichkeiten. Dass Gniffke das nicht nur nicht versteht, sondern auch noch zurückpöbelt, lässt für die „Tagesschau“ das Schlimmste befürchten.

Wenn er weniger wütend gewesen wäre, hätte er es vielleicht geschafft, einen Teil der Kritik sachlich zu entkräften. Die Aufnahmen entstanden nämlich nicht in einer einsamen Seitenstraße, sondern durchaus auf der Strecke, die auch für den Trauermarsch genutzt wurde: auf dem Boulevard Voltaire. Insofern ist die Aussage nicht ganz falsch, dass die Politiker den „Republikanischen Marsch“ anführten – nur halt mit erheblichem Abstand.

Davon liest man bei Gniffke allerdings nichts. Stattdessen appelliert er:

Halten wir es doch einfach mal aus, dass es eine große Geste von Millionen von Menschen und zahlreichen Politikern gab, an der nichts auszusetzen ist.

Andere Journalisten hatten durchaus eine Menge an dieser „großen Geste“ auszusetzen, und das kann man mögen oder lästig finden, aber das gehört durchaus zur Aufgabe eines Journalisten, ein schönes, gefühliges, scheinbar stimmiges Bild zu stören. Es spricht Bände über das Selbstverständnis des Chefredakteurs von ARD-aktuell, dass er lieber die perfekte Inszenierung bewahren will, den Schein, das gute Gefühl: Halten wir das doch einfach mal aus.

Nachtrag, 14. Januar, 18:10 Uhr. Kai Gniffke hat im „Tagesschau“-Blog einen im Ton versöhnlichen Nachtrag veröffentlicht.

„Bei manchen Artikeln hatten wir wahrlich das Gefühl, wir säßen quasi schon im Schützengraben“

Krautreporter

Die ZDF-Sendung „Die Anstalt“ hat im vergangenen Jahr Furore gemacht und der Satireshow eine ungeahnte Relevanz verschafft. Ein Gespräch mit den Kabarettisten Max Uthoff und Claus von Wagner und dem Redakteur Dietrich Krauss über die Ursachen von Meinungseinfalt, die Verwilderung des Diskurses und Kabarett als Gegenöffentlichkeit.

Herr Uthoff, Herr von Wagner, Sind Sie auch Charlie?

Max Uthoff: Wir sind traurig und fassungslos, aber wir können nicht zeichnen.

Sind Sie verblüfft, wer jetzt alles Charlie ist und flammende Appelle verfasst für die Freiheit und die Satire, inklusive dem Recht, auch anstößig zu sein und weit übers Ziel hinauszuschießen?

Claus von Wagner: Wir freuen uns, dass sämtliche deutschen Zeitungen erklärt haben, dass Satire – auch verletzende – nicht nur gewollt, sondern integraler Bestandteil der Meinungsfreiheit und damit der Demokratie ist. Wir überlegen uns ernsthaft, davon dieses Jahr Gebrauch zu machen.

Was ändert sich durch die Anschläge für ihre Arbeit?

Uthoff: Wir haben Frauen, Kinder, Autos und Schulden. Und versuchen im Rahmen dieser Möglichkeit weiter so frech wie möglich zu sein.

Wie war Ihr erstes Jahr in der „Anstalt“?

Uthoff: Knorke.


Wagner: „Knorke“, das reicht dir?

Uthoff: Das reicht mir. Mach du’s genauer. Wagner: Das ist die Aufgabenverteilung… Uthoff: Herr von Wagner muss differenzieren.

Wagner: Es hat uns mitten in einen Sturm hineingeworfen. Das war ziemlich spannend, wie viele Menschen unser „Kunstwerk“ aufgenommen und was sie damit gemacht haben.

Uthoff: „Kunstwerk“! Hört, hört.

Krauss: Wir sind schon sehr glücklich, dass das eine so große Resonanz hat, auch bei jungen Leuten. Dass das im Internet massenhaft rumgeschickt wird. Dass man mit sowas Altmodischem wie Kabarett und Aufklärung etwas rocken kann.

Haben Sie sich das vorher so vorgestellt?

Uthoff: Wir haben uns keine Vorstellungen gemacht. Wir konnten ja eigentlich nur verlieren, die Fußstapfen waren so groß, dass wir die Ränder nicht mehr gesehen haben, und dann haben wir gesagt: Was würde uns Spaß machen, und losgelegt, ohne auch nur einen Gedanken an die Rezeption zu verschwenden.

Aber Sie haben sich ja vermutlich ein Konzept überlegt.

Krauss: Wir wollten schon tiefer in die Themen einsteigen, kein Aktualitäts-Themen-Hopping machen, sondern hintergründiger, informativer, journalistischer sein.

Hatten Sie sich vorher überlegt, welche Wirkung Ihr Kabarett haben soll – darüber hinaus, Menschen eine Stunde lang zu unterhalten?

Uthoff: Ich mache Kabarett jetzt schon eine ganze Weile. Meine Eltern haben 1965 ein Kabarett in München aufgemacht. Ich mache mir über die Wirkungsweise von Kabarett keine allzu großen Illusionen. Umso überraschter war ich, dass Kabarett offensichtlich heutzutage wieder Diskussionen anstoßen kann, weil wir Informationen reinholen in ein Medium, in dem sie vorher so nicht diskutiert worden sind. Dass das auf so fruchtbaren Boden fällt, hat mich überrascht. Trotzdem glaube ich, werden wir die Revolution jetzt noch nicht schaffen.

Wagner: Wenn du das Kabarett herausnimmst aus seinem geschützten Raum, den Theater- und Kellerräumen, und wenn du dann diesen Flimmerkasten außen rum hast und ein Logo wie ZDF steht rechts oben in der Ecke, dann hat das plötzlich eine andere Wucht.

Krauss: Es war aber auch ein bisschen in Vergessenheit geraten, dass man Kabarett auch mit Fakten füllen kann und nicht nur mit Gags.

Uthoff: Als mein Vater angefangen hat, gab es drei Fernsehsender und keine investigativen Magazine. Da wurden auf der Bühne Dinge diskutiert, die sonst nicht stattgefunden haben. Das machen wir jetzt auch wieder ein bisschen.

Kabarett, das die Leute so bewegt, schien es kaum noch zu geben. Entweder lachte man affirmativ unter sich über die gemeinsamen politischen Gegner. Oder es war Comedy, die nichts anderes will als die Pointe.

Uthoff: Ich glaube, es gibt genügend Kollegen, die in den letzten zehn, fünfzehn Jahren nicht weich geworden sind, sondern tolle Sachen machen. Es ist aber interessant, über die Wirkung nachzudenken, die wir anscheinend erzeugen. Diese positive Resonanz, mit der unsere Sendung aufgenommen wird, spiegelt ja eine Unzufriedenheit mit der Art der Information in anderen Bereichen wider.

Wie bewerten Sie denn die Medienlandschaft? Die These von vielen Ihrer Fans scheint ja zu sein: Die sind alle gleichgeschaltet, gekauft, und die wirklich interessanten Dinge erzählen die uns nicht.

Krauss: Ich komme ja direkt von den angeblich „gleichgeschalteten“ Medien. Ich habe die letzten zwanzig Jahre als Journalist frei für die ARD gearbeitet. Aus dieser Perspektive kann ich nur sagen: Wer mit guten Argumenten für seine Themen und Positionen kämpft, bekommt am Ende dort auch Sendezeit. Aber bei allem guten Journalismus, den es gibt, empfinde ich doch auch in der Summe als Zuschauer bei den großen, wichtigen Fragen – Sozialreformen, Rentenreformen, die außenpolitische Neuausrichtung – das Meinungsspektrum als sehr eingeengt. Das ist das Erbe dieses Wortes „alternativlos“, das bedeutet ja, bestimme Entwicklungen müssen einfach vollzogen werden. Und jeder, der das nicht tut, der hat’s nicht kapiert. Das ist ein Unbehagen, das mich schon auch vor der Ukraine-Thematik genervt hat.

Uthoff: Beim Ukraine-Konflikt kommen noch besondere Emotionen hinzu. In dem Moment, in dem Leute sterben, in dem Kriegsgefahr hochkommt, verstärkt sich das normale Unbehagen erheblich. Das war auch ein Grund für den großen Aufschlag bei den Zuschauern: Dass sie uns dankbar waren, dass wir formuliert haben, was in den größeren Medien nicht vorkommt.

Warum tut es das nicht?

Uthoff: Ich glaube nicht, dass da eine konzertierte Aktion stattfindet. Ich glaube nur, dass in manchen Redaktionen die immer gleichen Begriffe, die immer gleichen Einstellungen vorherrschen und die Journalisten in einer freiwilligen Selbstkontrolle die andere Seite nicht mehr recherchieren oder formulieren, weil sie dann das angenehme Betriebsklima stören würden.

Krauss: Viel von der Meinungseinfalt kommt vielleicht auch einfach aus Bequemlichkeit. Es gibt wohl auch im Journalismus wie überall viele Leute, die es gern bequem haben und die gängigen politischen Deutungen nicht kritisch hinterfragen.

Wagner: Ich denke, es fängt schon bei der Ausbildung von Journalisten an: Die lernen vielleicht, wie man den Redaktionsalltag beherrscht, machen tausende von Praktika und bekommen die Feedbacks dann meistens aus der Redaktion, nicht von außen. Man muss bewusst versuchen, Perspektivenverschiebungen herbeizuführen, neue Blickwinkel zu präsentieren. Das muss man aber auch wollen: dass man abweichende Meinungen schätzt und „fordert und fördert“.

Uthoff: Der Ukraine-Konflikte kannte in den Zeitungen im ersten Dreivierteljahr 2014 nur eine Sichtweise. Es hätte dem Ganzen gutgetan, die andere Seite einfach darzustellen. Man kann ja trotzdem sagen, die haben Unrecht, wir bleiben bei unserer Meinung.

Wagner: Sobald es um Krieg geht, gibt es so eine Dichotomie. Plötzlich waren Fronten da: Du bist auf der einen Seite oder auf der anderen. Allein dass du das Gefühl hast, es gibt ein Lagerdenken, verengt den Diskurs – wie Gabor Steingart im „Handelsblatt“ geschrieben hat: „auf Schießschartengröße“.

Sie haben das aber ja auch mitbefeuert. All den Leuten, die glauben, die Journalisten sind alle gekauft, haben Sie ja noch viel Munition gegeben…

Wagner: Sind wir es, die die Munition geliefert haben oder die Journalisten? Wir haben doch nur das gespiegelt, was die genannten Journalisten oder Zeitungen veröffentlicht haben.

Der Studie von Uwe Krüger über transatlantische Netzwerke haben Sie eine ungeahnte Verbreitung verschafft. Dahinter steckt auch die Unterstellung, wie Sie es jetzt in der Sendung formuliert haben: „Die sind alle im Arsch der Amerikaner.“

Uthoff: Dieser Satz ist natürlich Überspitzung. Wir machen Satire. Mein Job ist es nicht zu differenzieren. Ich finde, überspitzt konnte man das schon so sagen. Natürlich läuft man dann Gefahr, gedisst zu werden mit Schlagwörtern, mundtot gemacht zu werden als „Putinversteher“ und dergleichen. Wir haben niemals gesagt, dass wir Wladimir Putin für einen großartigen Herrscher und weisen Mann halten. Das wird uns auch nie einfallen. Aber die andere Seite zu beleuchten, führt sofort zu einer Abwehrreaktion und zu einem Mundtotmachen mit Schlagwörtern.

Wagner: Zumal der Ausgangspunkt ja eine sehr differenzierte Betrachtung war. Wir haben uns mit einzelnen Journalisten bei einzelnen Zeitungen beschäftigt. Anstatt einen sehr breiten Strich zu machen, was Kabarett sonst tut, haben wir sehr kleine Striche gemacht – über deren Zahl wir dann auch vor Gericht verhandeln mussten. Ich kenne zu viele gute Journalisten, als dass ich das Kind mit dem Bade ausschütten möchte.

Uthoff: Wir sind weit davon entfernt, die Presse pauschal zu verdammen. Wir suchen uns ein Thema raus, den Ukraine-Konflikt, dann stellen wir fest, auch durch Krügers Studie, Moment mal, kann es sein, dass die alle da in denselben Organisationen stecken, warum machen die das nicht öffentlich?

Krauss: Ein Journalist hat uns auf die Frage „Warum berichten Sie nicht über die Rechtsradikalen in der Ukraine“ gesagt: Damit würden wir ja der Putin-Propaganda Futter liefen. Wenn uns das ein Journalist sagt, das erzählt doch schon viel, wie da der Filter funktioniert. Man ordnet die Faktenwahrheit diesem Lagerdenken unter. Gleichzeitig ist es nicht so, dass wir diese Lücke füllen können. Denn die Kriterien für gutes Kabarett sind ganz andere als für guten Journalismus. Wir haben unseren Spaß dran, die Informationen, die unter den Teppich gekehrt werden, herauszuziehen und hochzuhalten. Das ist natürlich nur ein Ausschnitt. Und das muss auch noch witzig sein.

Das ist ja eine besondere Gratwanderung, wenn Sie Information vermitteln wollen. Welchen Maßstab muss man dann an Ihre Aussagen legen dürfen? Reicht es dann wirklich aus, hinterher zu sagen, naja, ist ja nur Satire, die darf verzerren; Kabarett, da darf man nicht die Genauigkeit verlangen wie von Journalismus?

Krauss: Wir sind so genau, wie das im Rahmen von Satire möglich ist. Dazu gibt es eine lange Rechtsprechung.Die Justiz unterscheidet bei Satire zwischen Tatsachenkern und satirischer Einkleidung. Das Kabarett lebt davon, Fakten zuzuspitzen, die aber müssen stimmen. Und genau diesem Anspruch sind wir laut Landgericht Hamburg gerecht geworden, da wir im Falle von Herrn Dr. Joffe eine dichte Vernetzung mit transatlantischen Organisationen haben nachweisen können. „Die Tatsache, dass es sich lediglich um sieben und nicht um acht Verbindungen handelt, (… ist) nicht geeignet, den sozialen Geltungsanspruch von Herr Dr. Joffe zu beeinträchtigen“, sagt das Gericht.

Uthoff: Wenn wir die Ukraine-Berichterstattung anschauen, werde ich praktisch gezwungen, mich im Internet auf Seiten rumzutreiben, auf denen ich eigentlich gar nicht sein will. Aber wenn ich dort als einziges den Ausschnitt zu sehen kriege, auf dem man sieht, dass ein Separatist nach dem Absturz der MH 17 in der Ost-Ukraine einen Teddy nicht nur als Trophäe hochhält, sondern sich bekreuzigt und kurz Demut und Trauer zulässt, dann frage ich mich schon, warum manche Fakten es nicht in die professionelle Berichterstattung schaffen.

Andererseits langen Sie auch grob zu. Sie haben die deutsche Presse versammelt im Schützengraben gezeigt.

Uthoff: Das war ein satirisches Bild. Und ist auf dem Höhepunkt der öffentlichen Auseinandersetzung um die Ukraine entstanden. Und bei manchen Artikeln hatten wir wahrlich das Gefühl, wir säßen quasi schon im Schützengraben.

Wagner: Bei allzu großer Differenzierung löst sich Kabarett auch irgendwann auf. Jeder „kann einen ordentlichen Puff vertragen“, hat Tucholsky in seinem berühmten „Satire darf alles“-Text 1919 geschrieben. Und: „Es leiden die Gerechten mit den Ungerechten.“ Das ist die Tradition, auf die wir uns berufen, da kommen Kabarett und Satire her. Da geht mir manchmal auch die Satire-Kompetenz bei denen ab, die das bewerten.

Machen Sie sich keine Sorgen über Beifall von der falschen Seite?

Wagner: Es ist ein Kunstwerk, das man hinstellt, und dann wird etwas damit gemacht. Gerhard Polt hat einmal in einem Bierzelt vor tausenden von Leuten einen Typen gespielt, der sagt: „Stellen Sie sich einmal so ein Alpenpanorama vor – in so einem Bild hat doch ein Neger nichts zu suchen!“ Er bekommt dafür dann in diesem Bierzelt Applaus. Damals konntest du nicht genau orten: Haben die die Satire dechiffriert? Oder es einfach überhaupt nicht verstanden? Satire läuft immer Gefahr, missverstanden zu werden.

Uthoff: Man sollte sich über die Rezeption nicht allzuviel Gedanken machen, sonst versucht man, nach den Wünschen möglichst vieler Kunden oder Abnehmer oder Zuschauer zu schreiben.

Aber es gibt nicht den Plan, im neuen Jahr eine Sendung zu machen, wo zum Beispiel den Russia-Today-Fans mal das Grinsen aus dem Gesicht rutscht?

Wagner: Wir schreiben keine Nummer gezielt, um ein bestimmtes Publikum zu ärgern. Ich mag auch Diskussionsstopper nicht. So Worte wie „Putinversteher“. Das ist ja auch, was man bei Talkshows immer wieder erlebt, dass Diskutanten reingehen mit einer festen Meinung, nur um ihr Lager zu vertreten. Ich träume davon, dass einer mal in einer Talkshow sagt: „Oh, das ist ja hochinteressant, das wusste ich nicht. Lassen sie uns dem gemeinsam nachgehen.“ Das ist auch etwas, das ich auch gern in Zeitungen mehr lesen würde, dass eine Unsicherheit spürbar wird, die klar macht, es gibt noch andere Seiten, noch andere Richtungen, in die man denken könnte.

Herr Uthoff, in einem Interview mit „Telepolis“ haben Sie gesagt: „Die Leser werden es sich nicht auf Dauer gefallen lassen, bei Kritik oder abweichenden Meinungen wahlweise ignoriert oder denunziert zu werden.“ Das war auf die Ukraine bezogen, klingt aber womöglich anders, wenn es um Pegida geht.

Uthoff: Ich glaube schon, dass es einen Unterschied gibt zwischen differenzierten Argumentationen und dumpfen Ressentiments. Wenn die wenigstens die Backen aufmachen und klar sagen würden, was sie wollen. Aber als Mahnwache schweigend, mit schwarz-rot-gold angemalten Kreuzen durch die Straßen ziehen, das halte ich für das Gegenteil von Diskussion und Aufforderung zur Diskussion.

Und da ist es, anders als bei der Ukraine, gut, wenn Medien eine Grenze ziehen und sagen: Hier hört unser Verständnis auf?

Krauss: Es ist ja schon merkwürdig, dass der Vorwurf der „Systempresse“, der „Einheitsmeinung“ von rechts wie von links kommt. Wir haben uns auch gefragt, ist das nun von der einen Seite gerechtfertigt und von der anderen nicht? Vielleicht besteht zu wenig Mut, sich mit neuen Gruppen wie der AfD oder mit unappetitlichen Meinungen hart argumentativ auseinanderzusetzen, statt sie nur hysterisch auszugrenzen.

Uthoff: Man kann den Ukraine-Konflikt so beurteilen, wie die großen Zeitungen das dieses Jahr getan haben, aber man soll das bitte im Kommentar tun. Aber vorher möchte ich bitte über beide Seiten informiert werden. Mich hat gestört, dass der Journalismus ein bisschen meinungslastig geworden ist und zu viele Adjektive in der normalen Berichterstattung auftauchen.

Wagner: Wo sind eigentlich die Orte, wo man Blattkritik öffentlich macht? Wo ist dieser Austausch, wo man sich selbstkritisch zeigt, anstatt sich nur zu verteidigen? Wir bräuchten Plattformen für einen Ideenaustausch, müssten transparente Kritikformen entwickeln, denn glaubwürdiger Journalismus ist das A und O unseres Gemeinwesens.

Ist denn das, was Sie machen, hilfreich?

Krauss: Auf jeden Fall sehen das die Zuschauer so. Ich finde den riesigen Abstand zum Beispiel auf dem Feld der Außen- und Sicherheitspolitik zwischen dem, was die Bevölkerung für richtig hält, und dem, was die Meinungsführer für richtig halten, für problematisch. Der muss auf irgendeine Art mal zum Ausdruck kommen. Ich vermisse, dass auch ernsthaft Argumente vorkommen, die gegen den herrschenden Kurs existieren. Die Bevölkerung muss mitgenommen oder erzogen werden. Wenn ich Sendungen wie den „Presseclub“ sehe, fällt mir oft „Samstag Nacht“ ein: Fünf Stühle, eine Meinung. Ok, ein Exot ist immer dabei.

Wagner: Kabarett gibt ja oft dem Affen Zucker. Ich ertappe mich auch schon dabei, darüber nachzudenken, ob Kabarett in einer so aufgeheizten Debatte sich vielleicht zurücknehmen muss… Aber in welcher Situation sind wir, wenn sich Kabarett und Satire überlegen müssen, ein bisschen Stoff und Zunder rauszunehmen? Wer müsste sich solche Fragen eigentlich stellen?

Krauss: Es ist wirklich ein Problem, wenn sich jeder diesen polemischen Ton aneignet, wenn dermaßen ausfällig argumentiert wird in diesen Foren, dann macht es einem schon Angst. Klar, du hast auf der Bühne eine herausgehobene Position, und es ist eine Kunstwelt, die ist geschützt, aber wenn das überall passiert, dann verwildert der Diskurs.

Uthoff: Dann müssen wir egoistisch sagen: Wir dürfen das! Das ist unsers!

Wie geht es Ihnen denn mit dem Vorwurf, dass Sie das Sprachrohr von Ken Jebsen sind?!

(Gelächter)

Wagner: Wir sind kein Sprachrohr! Ein Sprachrohr ist hohl. Wir sprechen für uns selbst.

Uthoff: Man kann unsere Sendung wirklich gern kritisieren. Und wenn man sich ein bisschen Mühe gibt und nachdenkt, kann man es auch mit handfesten Argumenten tun. Aber es wurde uns nur ohne Beleg dieses Etikett aufgedrückt. Offenbar um uns in irgendeine Ecke zu stellen.

Krauss: Eine andere Kritik war, dass wir in der Anstalt nur Schwarz- Weiß-Denken kennen ohne intellektuelle Differenzierung. Wir haben uns in der kritisierten Sendung dezidiert mit dem Sachverständigengutachten auseinandergesetzt und eine Diskussion aufgegriffen, die im „Handelsblatt“ über statistische Tricks geführt wird. Wenn das dann quasi nur so wahrgenommen wird als: „Die Anstalt“ findet die Wirtschaft böse… tja. Da beschreibt dann jemand eher seine eigenen Vorurteile als unsere Sendung

In der letzten Sendunghaben Sie auch eine Diskussion gespielt, welche Rolle man als Kabarettist einnehmen will. Wie sehr man ein Kasper ist, der Dinge tut, die niemandem wehtun, und Kapitalismuskritik übt, wie wenn man „seine Eier in Sodawasser hängt: Es bizzelt ein bisschen.“ Hat das einen ernsten Kern von einer Selbstreflektion und den unterschiedlichen Rollen, die Sie selber einnehmen?

Wagner: Ja, die gibt es aber schon immer.

Uthoff: Solange es Kabarett gibt, macht man sich Gedanken über Wirkung.

Krauss: Wir haben die Chance, Informationen oder unsere Meinung auf einer semi-prominenten Plattform darzubieten. Natürlich dreht sich deswegen die Welt nicht sofort anders. Aber man hat die Chance, in einen Meinungsbildungsprozess einzugreifen.

Wagner: Menschen schütten sich Kaffee über den Kopf. Also, das haben wir geschafft. Das bleibt.

Uthoff: Wir machen uns keine großen Illusionen über die Wirkungsweise von Kabarett, aber gerade das vergangene Jahr hat gezeigt: Ein bisschen was kann es zur Diskussion beitragen. Ich glaube, dass Kabarett ein kleiner Teil einer Gegenöffentlichkeit ist.

Wagner: Man muss schon ein bisschen Demut haben, denn man ist eine Stimme im Diskurs, und der besteht aus etlichen Stimmen. Weder haben wir die Wahrheit noch wissen wir alles besser. Wir haben unsere Kunstform, und in der bewegen wir uns, und mit der geben wir etwas in den Diskurs hinein. Was dann rauskommt, ist eine andere Frage.

Wie findet denn das ZDF das?

Wagner: Bisher unterstützen sie uns vorbehaltlos.

Uthoff: Ich hatte ja in der ersten Sendung ein Solo über Gauck, da gab es sofort den Vorwurf einer Beschädigung des Präsidentenamtes. Aber die halten uns wirklich den Rücken frei. Wir dürfen unsere Arbeit machen.

Krauss: Und auch wenn es denen inhaltlich nicht gefallen sollte, erfahren wir zumindest nichts davon.

Es gibt niemanden, der sagt: Jetzt macht doch mal ein bisschen piano?

Wagner: Es hört sich vielleicht unglaublich an, aber: Wir machen tatsächlich was wir wollen.

Uthoff: Wir haben in der Vergangenheit auch andere Erfahrungen gemacht mit kleineren Sendeanstalten. Da ging es teilweise ganz anders zu.

Ach, echt?

Wagner: Ja!

Uthoff: Da waren viele Redakteure der Meinung, sie bestimmen, was gesagt werden darf, das kriegte man dann deutlich zu spüren.

Wie groß ist denn ihr tatsächlicher revolutionärer Impetus? Herr Uthoff, auf Ihrer Homepage steht: „Seit 2007 versuche ich nun, das kapitalistische System mit den Mittel der Satire aus den Angeln zu heben.“ Das ist mutmaßlich Satire, oder?

Uthoff: Ja, aber das Schöne ist: Es ist nur mutmaßlich Satire. Ich wäre schon sehr zufrieden, wenn wir dieses System mal ein bisschen in seine Schranken weisen könnten…

Herr von Wagner hat gerade die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen.

Uthoff: Das tut er häufiger. Das Arbeitsprinzip ist: Ich sage, was mir in den Kopf kommt, und meine beiden Kollegen versuchen, das zurückzustutzen auf ein fernsehtaugliches Format.

Wagner: Naja, man müsste jetzt zum Beispiel den Begriff des „Systems“ diskutieren…

Uthoff: Nein, da müssen wir nicht so viel herumeiern. Es gibt ein kapitalistisches System. Davon hab ich gehört, und ich glaube, man spürt es auch.

Wagner: Na gut… (seufzt).

Breaking News: Merkel sagt zum 5. Mal, dass der Islam zu Deutschland gehört

„Spiegel Online“ macht gerade mit der Nachricht auf, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel sich den Worten des früheren Bundespräsidenten Christian Wulff angeschlossen habe: Der Islam gehöre zu Deutschland. Auch die meisten anderen großen Online-Medien vermelden das groß und prominent als Neuigkeit. Die Nachrichtenagenturen haben entsprechend berichtet.

Das ist verblüffend, denn Merkel hat sich Wulffs Aussage schon kurz nach seiner berühmten Rede im Oktober 2010 zu eigen gemacht. Und seitdem immer wieder.

2010:

2011:

2012:

2014:

Natürlich ist es eine Nachricht, wenn Merkel auch und gerade in der aktuellen Debatte nach den Anschlägen von Paris diesen Satz wiederholt und damit ein politisches Zeichen setzt. Aber das ist eine ganz andere Nachricht als die, die gerade auf den meisten Nachrichtenseiten steht und so tut, als habe Merkel etwas getan, was sie vorher noch nicht getan hat.

Müsste man nicht erwarten können, dass politische Journalisten wissen, dass Merkels Satz keine Premiere ist, und das entsprechend einordnen?

[Disclaimer: Ich habe jetzt nicht nachgeschaut, ob es wirklich erst das fünfte Mal war.]

Nachtrag, 22:40. Auf tagesschau.de ist aus der Formulierung „Kanzlerin Merkel hat sich das bekannteste Zitat von Ex-Präsident Wulff zu Eigen gemacht“ nun „… erneut zu Eigen gemacht“ geworden.

Nachtrag, 13. Januar. Die Tageszeitungen von heute:

Zeitungsverleger instrumentalisieren „Charlie Hebdo“-Anschlag für Kampf gegen Pegida

Diese Karikatur wird morgen als Teil einer Aktion des Zeitungsverlegerverbandes in vielen Zeitungen erscheinen:


Karikatur: Klaus Stuttmann; Quelle: BDZV

Ich halte sie für infam.

Der Vorwurf, der darin steckt, ist perfide und falsch. Er ist perfide, weil er Menschen, die friedlich demonstrieren, mit einem Verbrechen in Verbindung bringt, das sie nicht befürworten, nicht gutheißen und das nicht in ihrem Namen begangen worden ist. Und er ist falsch, weil die Zeitschrift „Charlie Hebdo“ aus Sicht der Pegida-Leute genau das Gegenteil dessen ist, was sie als „Lügenpresse“ beschimpfen.

Vielleicht sollte ich vorwegschicken: Ich habe keinerlei Sympathien für Pegida und die Ressentiments ihrer Anhänger. Ich halte, bei aller Kritik, die ich an Medien habe, die pauschale Verurteilung für falsch und den Begriff „Lügenpresse“ für inakzeptabel. (Und den Vorwurf von dieser Seite schon deshalb für grotesk, weil Blätter wie die „Bild“ den Pegida-Leuten in den vergangenen Jahren zuverlässig Treibstoff für ihre Paranoia geliefert haben.)

Aber.

Es ist idiotisch, so zu tun, als müssten sich die Pegida-Leute, die sich gerade über die Morde an den Karikaturisten von „Charlie Hebdo“ empören, dafür schrecklich verbiegen, weil sie doch eigentlich auch gegen die freie Presse seien, wie die islamistischen Attentäter. Denn aus Pegida-Sicht haben die „Charlie Hebdo“-Mitarbeiter dadurch, dass sie sich trauten, den Islam zu kritisieren — im grausamsten Sinne des Wortes: ohne Rücksicht auf Verluste — , genau das getan, was sie in den deutschen Medien vermissen und was einen erheblichen Teil des „Lügenpresse“-Vorwurfs ausmacht.

In dieser Sicht ist „Charlie Hebdo“ das Gegenteil von „Lügenpresse“; seine Mitarbeiter zahlten für ihren Mut, anders als die „Lügenpresse“ die Wahrheit zu sagen, mit dem Leben. Was nicht nur die Wut auf die Täter (und die Religion, auf die sie sich berufen) steigert, sondern auch auf die „Lügenpresse“.

Das ist nicht meine Sicht. Ich mache mir diese Argumentation auch nicht zu eigen. Aber sie hat eine innere Logik.

Äußerlich krankt die Logik natürlich daran, dass man „Charlie Hebdo“ dafür als ein islamkritisches Blatt wahrnehmen muss und nicht als ein Blatt, das sich an allen Religionen abarbeitete, an den Fanatikern, an den Mächtigen, an den Idioten — und nicht zuletzt an den Islamophoben und den Ausländerfeinden wie Marine Le Pen. „Charlie Hebdo“ ist ein Blatt, das den Pegida-Leuten nicht gefallen dürfte. Aber dadurch, dass es offenkundig einem islamistischen Attentat zum Opfer fiel, ist es leicht, sein Wesen fälschlicherweise auf die Verspottung des Islam zu reduzieren.

Es ist schon richtig: Man muss „Charlie Hebdo“ vor der nachträglichen Vereinnahmung durch Islamophobiker bewahren. Und man muss verhindern, dass die Morde der Terroristen in Paris von den Pegida-Leuten für ihre Agitation gegen Ausländer und Moslems instrumentalisiert werden.

Aber die Parallele, die die Karikatur zwischen den Worten der Pegida-Anhänger und den Taten des islamistischen Terroristen zieht, ist falsch. Und ihre Wirkung ist verheerend. Wiederum aus Sicht dieser Leute formuliert: Die deutsche „Lügenpresse“ ist nicht nur zu feige, die Wahrheit zu sagen. Sie erklärt sich nach den Attentaten sogar für solidarisch, wenn nicht identisch mit denen, die dafür nicht zu feige waren. Und erklärt stattdessen ihre Kritiker zu Komplizen der Täter.

Die Presse bestätigt aus Pegida-Sicht so, auf kaum zu übertreffende Weise, den Vorwurf von der „Lügenpresse“.

Und es kommt noch besser. Einer der Vorwürfe, die gegen die Medien erhoben werden, ist der der „Gleichschaltung“ — oder weniger problematisch formuliert: dass es in ihnen an Meinungsvielfalt mangele. Und die Zeitungen bringen nun, als Antwort darauf, gemeinsam in großer Zahl dieselbe infame Karikatur, für alle bereitgestellt vom Zeitungsverlegerverband BDZV? Und das ist klug?

Die Gemeinschaftsaktion besteht nicht nur aus der Zeichnung. Dazu gehört ein Text von Helmut Heinen, dem BDZV-Präsidenten. Er kommt daher wie einer von vielen Appellen, die man in diesen Tagen hören kann, die Meinungs- und Pressefreiheit zu verteidigen. Aber er nutzt die Tragödie von Paris in, wie ich finde, schamloser Weise, Eigen-PR für Zeitungen zu machen. Vermutlich ist es nur einem glücklichen Zufall zu verdanken, dass er die Morde nicht dafür nutzt, noch einmal an die Bedeutung des Leistungsschutzrechtes zu erinnern oder die Unverschämtheit zu betonen, dass der Mindestlohn auch für so etwas immanent Kostbares und Edles gelten soll wie das Austragen von Zeitungen.

Es ist ein Dokument der Selbstgerechtigkeit. Heinen klopft sich und den seinen auf die Schulter:

In herausragender Solidarität berichten freie Medien weltweit seit Tagen über dieses unmenschliche Verbrechen (…)

Herausragende Solidarität, was soll das sein? Inwiefern ist das eine journalistische Qualität? Und: Solidarität mit wem oder was? Vielleicht am Ende: mit sich selbst?

Die Medien und gerade auch die Zeitungen tragen durch Kommentare und Hintergrundberichte zur Reflexion über unsere zivilen Standards bei.

Gerade auch die Zeitungen!

Sie sind, mit allen Fehlern und Schwächen, mit ihren Stärken und Vorzügen, eine Errungenschaft unserer Demokratie, die wir stets aufs Neue verteidigen müssen. Das zeigt nicht nur der Anschlag auf „Charlie Hebdo“. Das zeigen auch Nazi-Schmierereien an den Wänden deutscher Verlagshäuser oder das dumpfe Verunglimpfen der „Lügenpresse“ durch die Pegida-Anhänger.

Ja, auch ich sehe in dem Anschlag auf „Charlie Hebdo“ einen Anschlag auf die Presse- und Meinungsfreiheit insgesamt. Aber ich hätte davor zurückgeschreckt, von dem blutigen Gemetzel in Paris unmittelbar einen Bogen zu schlagen zu „Schmierereien“ und „Verunglimpfungen“, so lästig sie auch sein mögen. Ich glaube auch, dass es richtig ist, den Rufen von der „Lügenpresse“ etwas entgegenzusetzen, aber sie sind, so unerträglich sie sein mögen und so eindeutig ihr politischer Hintergrund ist, nicht dasselbe wie ein Mordanschlag. Einen anderen Eindruck zu erwecken, ist töricht und kontraproduktiv.

Es klingt, als würde Heinen das in diesen Tagen inflationär benutzte Bekenntnis „Je Suis Charlie“ nicht als Zeichen der Solidarität zu verstehen, sondern als wehleidiges: Ja, uns wird auch Unrecht getan, durch diese bösen Rufe auf Demonstrationen und das alles.

Die Zeitungsverleger instrumentalisieren das Attentat von Paris für ihren Kampf gegen Pegida. Ich möchte mich davon distanzieren.

[Offenlegung: Ich schreibe regelmäßig für die FAZ.]

Nachtrag, 23:45 Uhr. Der „Zollern-Alb-Kurier“ hat seinen Artikel mit der Karikatur gelöscht.

Korrektur, 10. Januar. Die „Welt“ hat sich nicht an der Aktion beteiligt, sondern Heinens Kommentar nur in einem kurzen Auszug dokumentiert.

Übrigens hat der BDZV noch eine Alternativ-Karikatur angeboten. Einige Blätter, wie die „Rhein-Zeitung“, haben diese statt der oben gezeigten abgedruckt.

Nachtrag, 11. Januar. Sehr lesenswert zum Thema:

Nachtrag, 12. Januar. Der Deutsche Journalisten-Verband DJV distanziert sich von der BDZV-Kampagne.

© 2026 Stefan Niggemeier