
Gehen wir zurück ins Jahr 1987 und blenden uns ein in die Rezension der damals noch an einer mittelschweren Parenthesie leidenden „Neuen Zürcher Zeitung“ über die Premiere von Thomas Gottschalk als Moderator von „Wetten, dass“:
Jedenfalls hat der ein überschweres Erbe antretende Gottschalk ein Début gegeben, das sich sehen lassen kann. Nicht mehr der mitunter enervierend „aufgestellte“ Zappelphilipp begegnete einem; zwar nicht domestiziert, aber – zu seinem eigenen Vorteil – zurückgebunden, führte er zunehmend unverkrampfter durch die Wettspielshow, liess die von ihm erwarteten sarkastischen Seitenhiebe nicht missen, dosierte sie aber unter Eliminierung jeder Schnoddrigkeit auf das zuträgliche Mass – und traf mehrheitlich ins Schwarze.
Kann sein, dass das Lampenfieber, das Gottschalk zu Beginn des Abends augenscheinlich gehörig plagte, eine heilsam dämpfende Wirkung zeitigte. Gerade die kleinen Unsicherheiten, die Versprecher, sekundenlang sichtbar werdende Hilflosigkeit, schlagen ja nicht a priori negativ zu Buche. Vielmehr dürften sie die Sympathie des Publikums erhöhen; denn wer mag schon einen perfektionierten Unterhaltungsroboter.
Gelingt es dem zweifellos über eine gute Portion Mutterwitz und handwerkliches Können verfügenden Gottschalk, weder programmierte noch programmierbare menschliche Unmittelbarkeit dieser Art beizubehalten, zugleich die paar negativ wirkenden Misstritte – etwa die abrupte Unterbrechung von Gesprächspartnern oder andere, sofort als Zeichen von Kaltschnäuzigkeit ausgelegte Ungereimtheiten im Umgang mit seinen Gästen – zu vermeiden, ist er auf einem guten Weg.
Mit „Wetten, dass“ stirbt heute auch das Genre der „Wetten, dass“-Kritik. Jemand müsste mal nachhalten, wie viele Quadratkilometer Platz dadurch jährlich in deutschen Tageszeitungen frei werden und wie viele Kapazitäten in den Online-Redaktionen. Abgesehen vielleicht vom „Tatort“ ist wohl keine Fernsehsendung hierzulande so manisch und obsessiv besprochen worden wie diese Show.
Eigentlich wollte ich zu deren Abschied eine ausführliche Würdigung des journalistischen Genres der „Wetten, dass“-Kritik schreiben. Aber der Textkorpus war einfach zu groß. Und die Auswertung zu ermüdend – auch wenn genau das das Ziel der Übung gewesen wäre: die Eintönigkeit und fehlende Originalität über die Jahre zu demonstrieren.
Sprachlich kommt an die oben zitierte NZZ-Kritik natürlich niemand heran. Allerdings bemühte sich auch die FAZ nicht unerfolgreich um eine gewisse Unverständlichkeit. In der Besprechung der ersten „Wetten, dass“-Sendung bestaunte sie am 16. Februar 1981 „die Macht des Apparates“:
Vor allem aber präsentiert das Fernsehen seine technische Potenz. Ein Computer für Zuschauervoten ist da, Direktschaltungen zu fernen Orten gelingen, Bildmontage, Verzerrer und Zeitlupe sind nötig. Aus dem bunten Abend, von dem die Unterhaltungsshow abstammt, ist ein gigantischer Jahrmarkt geworden, der etwas inzwischen Abstraktes vermitteln soll: Freude. Fast selbstverständlich sind die Mitspieler und auch der Moderator dem Apparat unterlegen: Was passiert, soll ganz unvorbereitet wirken. „Natürlich bin ich präpariert“, rief Curd Jürgens dazwischen. Die Kandidaten schmuggeln zwar noch etwas Persönliches in ihr Wettangebot ein, wie etwa die Geburtsdaten der Familie. Die Sendung aber schient etwas anderes von ihnen zu wollen, ein auf die Rolle reduziertes Verhalten. Die beiden Stars im Team mußten noch einmal ihre vergangenen „Images“ spielen, statt den dazu inzwischen gewonnenen Abstand darstellen zu können.
Vielleicht ist das der Grund, warum ihnen das Mitmachen so schlecht gelang. Frank Elstners auf Unmittelbarkeit zielende Gesprächsführung konnte sich nicht gegen den Apparat durchsetzen. Ein gieriger Zuschauer soll bedient werden, der sich am Monströsen ergötzt und alles sofort haben will.
Das Fernsehen bildet, das zeigten viele Elemente der Show, gegen die Beiträge seiner Mitspieler eine eigene Tradition aus, indem es auf frühere Sendungen zum Beispiel von Peter Frankenfeld, Hans-Joachim Kulenkampff und Lou van Burg zurückgreift. Es scheint so, als ginge im Verlauf dieser Tradition der Sinn der Einzelideen langsam verloren.
Sechs Jahre später verabschiedete die NZZ Frank Elstner aus der Show mit folgenden, offenkundig lobend gemeinten Sätzen:
(…) Frank Elstner ist im Grunde kein Showmaster, auch er ist nur ein Präsentator, einer jedoch, der sein Handwerk beherrscht. Dass er stets gut vorbereitet auf die Bühne kommt, dass er von seinen Gästen, die er aus den Reihen der politischen und der Bühnen- sowie der Sportprominenz holt, weiss, was es in diesen Augenblicken der Schaustellung und des leichtzüngigen Geplauders zu wissen gilt, das ist für ihn eine Selbstverständlichkeit. Und dass er dieses zugeschnittene Wissen um Personen und Situationen heiter, gelassen und gängelnd seinem Publikum vorsetzt, lässt ihn sogar als intelligent erscheinen.
Sic!
Was Frank Elstner auszeichnet, womit er spielt, das ist sein Charme, ist die Liebenswürdigkeit, mit der er auf die Menschen, die Gäste also, die wetten, aber auch und vor allem die Konkurrenten im Wettbewerb, zugeht. Er biedert sich ihnen zwar nicht an, aber er ist auf eine ganz natürliche Art freundlich mit ihnen, lässt es an Respekt nie fehlen; er bringt Respekt nicht bloss vor Leuten von politischer Prominenz auf, in diesem Fall vor Oberbürgermeister Diepgen, sondern behandelt den kleinen Mann so umgänglich wie den grossen, und wie er diesem gegenüber nie unterwürfig wird, klopft er dem anderen nie auch in misslicher Jovialität auf die Schulter.
(…) Und auch jenem Zuschauer, dem das Unterhaltungsvergnügen eines solchen Showabends eher fremd ist, empfiehlt er sich in dieser seiner Natur.
Was mutmaßlich ungefähr bedeuten sollte: Natürlich gucke ich, der NZZ-Rezent, sonst so einen Quatsch nicht. Aber auch wenn es Quatsch ist, so ist es doch – zwar, aber – ganz ordentlich gemachter Quatsch.
„Wetten, dass“-Kritiken scheinen fast vom ersten Tag Abgesänge gewesen zu sein. Als Thomas Gottschalk 1987 zum ersten Mal moderierte, begann die „Süddeutschen Zeitung“ ihre Besprechung so:
Die große Samstagabend-Familienshow ist doch längst gegessen, sagen sie alle, die beim Fernsehen für Unterhaltung zuständig sind. Ein urdeutsches Fossil ist das, woanders gibt es so was längst nicht mehr. Wenn erst der Kuli nicht mehr mag und der Carrell aufhört, ist es sowieso aus.
Und als Thomas Gottschalk 1992 zum ersten Mal aufhörte, schrieb die „Welt“:
Gottschalk tritt ab von der Bühne der Samstagabendunterhaltung. Das ist schade, weil mit ihm endgültig auch das Familienfernsehen ihr [sic!] Ende gefunden hat.
Seinen Nachfolger Wolfgang Lippert begrüßte die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ mit perfidem Lob:
Es ging nichts daneben, Lippert ist ein ausgelernter Profi des Gewerbes. Er hat es in der verblichenen DRR gelernt und praktiziert. Wir müssen uns allmählich daran gewöhnen, daß es zu den Eigenschaften totalitärer Staaten gehört, nebenbei eine Bevölkerung, die nicht viel zu lachen hat, mit ordentlich ausgebildeten Volksbelustigern bei Laune zu halten. Die Leute, die das Metier beherrschen wie Lippert, sind ganz einfach gut ausgebildet. In seinem speziellen Fall sind sie sogar auf dem Weg, richtig gut zu werden. Lippert ist schnell, sympathisch, witzig und – völlig humorlos.
Er ist ein Symptom und nicht allein daran schuld, daß einen „Wetten, daß…?“ von Sendung zu Sendung immer verdrießlicher stimmen kann.
Lippert ging wieder, Gottschalk kam wieder, und die FAZ notierte zu seiner Rückkehr im Januar 1994 sorgfältig, was er alles nicht falsch gemacht habe:
Gottschalk unterlief in der Tat kein Fehler. Er entgleiste nicht im Gespräch mit Heinz Rühmann. Den reizenden alten herrn so sanftmütig zu umsorgen zeugte von liebenswürdiger Beißhemmung. Niemand kann hier etwas einwenden. Er beleidigte keine Kandidaten, und er hatte – wohl eher Verdienst der perfekten Logistik seines Teams – mit den „Scorpions“, der am besten als Hard-Rocker verkleideten Combo der Nation, und mit Meat Loaf stromlinienförmige Musikeinlagen.
Man könnte ein Quiz machen mit Versatzstücken aus „Wetten, dass“-Kritiken und fragen, ob sie zwei, zwölf oder zweiundzwanzig Jahre alt sind und in welche Moderatoren-Ära sie gehören. Es wäre ein sehr, sehr schweres Quiz. Das hier zum Beispiel:
Eines steht fest: Hätte der immer zu Gelächter bereite Sonnyboy diese Mischung aus selbstdarstellerischen bzw. nervösen Gesten und nicht gerade von den Sitzen reißenden Wetten vor einem Monat abgeliefert, wären die Kritiker des Moderatorenwechsels in den meisten ihrer Befürchtungen bestätigt gewesen. (…) Die Diskrepanz zwischen penetranter Eigenwerbung der Prominenten aus Politik, Kultur und Sport und ihrer späteren Überflüssigkeit, die läppische Einlösung der Wetteinsätze noch innerhalb der Sendung und die an sich gut gemeinte Kinderwette, aus der aber eine Präsentation von altklugen Vorschulsonderlingen zu werden droht, ist offensichtlich nicht der Weisheit letzter Schluß.
Das würde, mit kleinsten Variationen, zu fast jedem Moderator nach Elstner passen. Es war die Kritik der „Stuttgarter Zeitung“ vom 9. November 1992, also nach der zweiten Sendung mit Wolfgang Lippert.
Oder das hier:
Weil [der Moderator] den Leuten fast auf dem Schoß sitzt, jede Fremdheit leugnend, die erst Neugier möglich macht, kann er keine richtigen Fragen stellen. So fehlen jenseits einer gewissen Flottheit des Augenblicks auch Ironie und Selbstironie in seinem Programm. Anflüge von Humor werden da schon als Höchstleistung gefeiert. Der Rest aber ist Fröhlichkeit zum Anfassen. Auch wenn man gar nicht lacht.
Auflösung: Nicht Gottschalk, nicht Lanz, auch Lippert. In der FAZ aus Anlass seiner „Dernière“ Ende 1993.
All die Abgesänge auf „Wetten, dass“, sie sind in den letzten dreißig Jahren alle schon einmal geschrieben worden. Die „Berliner Zeitung“ im November 2000:
12,8 Millionen Zuschauer, 40 Prozent Marktanteil. Blendende Zahlen für das ZDF. Wie immer mit Gottschalk.
Aber diese Ergebnisse erscheinen inzwischen wie schwerfällige Gewohnheiten, wie ein Echo, dessen kräftiger Anfangsschrei lange zurückliegt. Es ist wie mit einer Ehe, die langsam erlischt, der Sex bleibt auf der Strecke, auch wenn man noch das Bett teilt. Thomas Gottschalk hat an Qualität verloren.
Der „Tagesspiegel“ stimmte einen Monat später zu:
Man ist noch kein Denkmals-Stürmer, wenn man „Wetten, dass…?“ die Qualität des ewigen Selbstläufers abspricht. Die ZDF-Show ist stehen geblieben. Sicher, kaum ein Mega-Star, der sich nicht aufs Sofa quetschen lässt, unbestreitbar, dass Gottschalk seine Live-Sendung fest im Griff hat. Aber das Berechenbare kann auch enttäuschen. Bestimmt wird Gottschalk immer den Unsicheren geben, wenn ein Super-Super-Model auftaucht, er wird Röcke, Selbstgehäkeltes und blondes Wallehaar tragen, mit präsentem Wortwitz punkten. Die Überraschungsmomente sind ganz, ganz klein geworden. Bei den Wetten überfällt den Zuschauer immer öfter das Gefühl, mehr mit Varianten von erprobter Geschicklichkeit als mit origineller Geschicklichkeit gelockt zu werden. In der jüngsten Ausgabe wurde die Reprise einer Wette von 1983 angeboten.
Das einzige, was vielleicht noch berechenbarer war als „Wetten, dass“: die Besprechungen von „Wetten, dass“.

Nachtrag, 16 Uhr. Für die FAZ habe ich zum Abschied der Sendung darüber geschrieben, wie „Wetten, dass“ immer als etwas Bedeutungsvolles behandelt wurde.
Ich finde es zu billig, sich über den „Focus“ lustig zu machen, nur weil Bastian Schweinsteiger in dem exklusiven „Focus“-Interview, in dem der Fußballspieler zum ersten Mal seit der WM spricht, teilweise fast wörtlich dasselbe sagt wie in dem „Bild“-Interview, in dem er vor Monaten zum ersten Mal seit der WM sprach. Also, ich finde es zu billig, sich darüber lustig zu machen, ohne auch den Spot entsprechend zu würdigen, mit dem der „Focus“ im Fernsehen für dieses Heft wirbt.
Es ist ein Film, an dem sicher viele Kreative im Hause Burda und in irgendwelchen Werbeagenturen lange gearbeitet haben, bis er, nicht zuletzt verkörpert durch den Auftritt des neuen Hoffnungsträgers in der Chefredaktion, Ulrich Reitz, exakt die Professionalität und Kompetenz ausstrahlt, für die die Marke „Focus“ steht.
Sehen Sie selbst:
Nachtrag, 12. Dezember. Die Leute von „Clap“ waren auch ganz angetan.
Rede in der Frankfurter Paulskirche am 1. Dezember 2014 auf Einladung der Aids-Hilfe.

Foto: ARD
Im vergangenen Monat veranstaltete die ARD eine „Themenwoche“ zum Thema „Toleranz“. Der Sender warb dafür mit mehreren Motiven. Eines zeigte einen Mann im Rollstuhl mit der Frage: „Außenseiter oder Freund?“ Über einem schwarzen Mann stand die Frage: „Belastung oder Bereicherung?“ Und über einem sich zärtlich zugewandten Männerpaar die Frage: „Normal oder nicht normal?“
Als das eine Welle von Widerspruch und Empörung auslöste, musste sich ARD-Koordinator Hans-Martin Schmidt rechtfertigen. Er sagte:
„Dass die Kampagne provoziert, war gewollt, wobei der Grad der Provokation sicherlich im Auge des Betrachters variiert. Wichtig ist bei dem Thema ja, dass wir unsere Komfortzone verlassen.“
Aha, habe ich gedacht. Und mich dann gefragt: Wer ist „wir“? Wessen Komfortzone ist das? Wer sind diese Leute, die beim Thema Toleranz ihre Komfortzone verlassen müssen?
Die Leute, die Homosexualität immer noch als etwas Widernatürliches empfinden, wollte die ARD mit ihren Plakatmotiven jedenfalls nicht zu sehr in ihrer „Komfortzone“ behelligen. Die beiden Männer, die Homosexualität symbolisieren sollen, küssen sich auf dem Plakatmotiv nicht einmal auf den Mund – was doch sonst eine eher klassische Form ist, zu zeigen, dass ein Paar sich nicht nur platonisch liebt. Der eine Mann küsst den anderen bloß auf die Stirn.
Wenn man schon Homosexualtität darstellen und fragen wollte, ob sowas „normal“ ist – wäre es wirklich eine zu große Provokation gewesen, wenigstens zwei Männer zu zeigen, die sich leidenschaftlich küssen? Wäre das schon zu ungemütlich gewesen für die Leute in ihrer „Komfortzone“, denen beim Gedanken an Homosexualität nicht ganz wohl ist, und bei ihrem Anblick erst recht nicht?
Der ARD-Mann sagt, die Plakate sollten provozieren, aber für Leute, die beim Anblick eines schwulen Paares fragen, ob das normal ist, für solche Leute sind diese Plakate keine Provokation. Sie bebildern einfach ihre Vorbehalte.
Oder meinte der ARD-Mann mit dem „Wir“ uns Betroffene, die Minderheiten, die Anderen. Diejenigen, die durch ihre Andersartigkeit anscheinend die Toleranz der „Normalen“ herausfordern? Müssen wir uns aus unserer Komfortzone herausbewegen, in der wir uns in das Gefühl eingekuschelt haben, dass die meisten Menschen tolerant sind, dass es Fortschritte gibt bei der rechtlichen Gleichstellung und immer weniger Diskriminierung?
Müssen wir aus unserer Komfortzone heraus und uns damit konfrontieren lassen, dass es immer noch eine beträchtliche Zahl von Menschen gibt, die tatsächlich vom Anblick zweier schwuler Männer abgestoßen sind? Ist das die Provokation, die die Werbemotive der ARD-Themenwoche „Toleranz“ darstellen wollten? Die Konfrontation der Lesben, Schwulen, Behinderten, Einwanderer mit der harten Realität, dass es mit der behaupteten Toleranz und Akzeptanz im Alltag gar nicht so weit her ist?
— Aber das wissen wir doch. Das erleben wir doch jeden Tag. Da gibt es immer noch viel zu wenige Komfortzonen, das ist doch das Problem.
Der Begriff der Komfortzone steht noch gar nicht im Duden. Er ist so eine typische amerikanische Psycho-Metapher. Der Begriff passt ganz gut zum heiklen Begriff der „Toleranz“, die ja im Gegensatz zur „Akzeptanz“ ein Gedulden und ein Ertragen von etwas beschreibt, das man eigentlich ablehnt oder einem zumindest unangenehm ist – etwas, das mindestens außerhalb der eigenen Komfortzone liegt.
Als Floskel ist das „Verlassen der Komfortzone“ positiv besetzt: Wir sollen unsere Komfortzonen verlassen, um uns neuen Aufgaben und Herausforderungen zu stellen, die uns menschlich, beruflich, wie auch immer, voranbringen.
Andererseits beschreibt der Begriff der Komfortzone, fürchte ich, auch sehr gut den Bereich, in den sich viele Menschen in ihrem Verhältnis Minderheiten gegenüber zurückgezogen haben. Sie sind bereit, das, was außerhalb passiert, zu ertragen, solange sie davon in ihrem Bereich nicht behelligt werden.
Ich weiß nicht, ob das eine schweigende Mehrheit betrifft oder nur eine beträchtliche Minderheit, aber mir scheint, als hätten diese Leute auf eine Art Deal gehofft. Er lautet auf Homosexuelle bezogen ungefähr so: Ihr habt doch in den vergangenen Jahren schon so viele eurer Forderungen erfüllt bekommen, jetzt gebt auch Ruhe, hört auf, uns mit weiteren Forderungen zu behelligen – und überhaupt: mit eurer Andersartigkeit.
Die Logik geht ungefähr: Ihr musstet auffallen, um gegen eure Diskriminierung zu protestieren. Nun gibt es keine Diskriminierung mehr, jetzt könnte ihr auch aufhören, aufzufallen.
Es ist der Wunsch, mit der weitgehenden Gleichstellung von Homosexuellen würden die Homosexuellen verschwinden. Das ist doppelt falsch. Es ist falsch, weil es so tut, als gebe es keine Diskriminierung mehr. Und es ist falsch, weil der Wille, sich nicht mehr verstecken und verstellen zu müssen, so zentral ist für den Kampf von Lesben und Schwulen – die Sichtbarkeit ist nicht nur Zweck, sondern auch Ziel.
Es gab im vergangenen Jahr viele Anlässe, darüber öffentlich zu reden. Zum Beispiel das Coming-Out von Thomas Hitzlsperger, als erstem prominenten deutschen Fußballspieler, wenn auch nach dem Ende seiner aktiven Zeit, und das von Tim Cook, dem Apple-Chef, als erstem amerikanischen Top-Manager. Aber die öffentliche Beschäftigung damit löste auch einen erheblichen Widerwillen bei einem Teil des Publikums aus. Menschen beschwerten sich über das Bohei, das um die Sache gemacht werde, die doch eine Privatsache sei, die man nicht in und mit der Öffentlichkeit verhandele. Sie haben nichts dagegen, dass Leute wie Hitzlsperger oder Cook schwul sind, wollen davon aber nichts wissen.
Sie missverstehen die Freude darüber, dass Menschen sich nicht mehr verstecken und verstellen und zu sich selbst stehen, und die Aufmerksamkeit, die damit zusammenhängt, dass sie die ersten in ihrem Bereich sind, mit einer Überhöhung von Homosexualität zu etwas Erstrebenswertem. Sie fühlen sich belästigt.
Über dem Diskurs liegt ein Gefühl von: Jetzt nehmt Euch mal nicht so wichtig. Und: Irgendwann muss auch mal gut sein.
Dahinter formuliert sich auch immer öfter, scheinbar aus der Mitte der Gesellschaft, eine erstaunlich selbstbewusst formulierte Ablehnung von Gleichstellung und Akzeptanz. Der frühere „Spiegel“-Ressortleiter und heutige „Welt“-Autor Mathias Matussek nennt sich stolz und höchstens viertelironisch „homophob“. Der Katzenkrimi-Autor Akif Pirincci wütet gegen die „Verschwulung“ der Gesellschaft.
Es formiert sich ein Widerstand, besonders massiv in der Frage, wie sexuelle Vielfalt in der Schule behandelt werden soll. Versuche, Homosexualität nicht nur als Form von Sexualität zu behandeln, sondern als ein Thema, das ganz selbstverständlich in allen Fächern eine Rolle spielt, werden als Versuche der „Sexualisierung“ diffamiert und als Umerziehungsversuch bekämpft. Medien – leider auch die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“, für die ich schreibe – leisten durch polemische und verfälschende Darstellungen ihren Beitrag dazu, die Diskussion zu hysterisieren und zu entsachlichen.
Der Protest kommt als Widerstand gegen vermeintliche Übertreibungen der Offenheit, Toleranz, Aufklärung daher. Aber er wirkt auch als Versuch, längst erkämpftes und sicher geglaubtes Terrain zurückzuerobern. Er nimmt mindestens fahrlässig in Kauf, dass Homosexualität wieder als etwas Anrüchiges, Gefährliches diffamiert wird. Ein anschauliches Beispiel dafür liefert die „Bild“-Zeitung, die sich – wie viele andere – an dem Pädagogik-Handbuch „Sexualpädagogik der Vielfalt“ abarbeitet, das sie „einfach widerlich und skandalös“ nennt. Sie zitiert dann die CDU-Politikerin Karin Prien: „Das ist hoch fragwürdiges, verstörendes, ideologisch verbrämtes Lehrmaterial.“ Und „Bild“ fügt hinzu:
„Was Prien, die das Ganze mit einer Anfrage aufgedeckt hat, meint: Linke Pädagogen versuchen seit geraumer Zeit, das traditionelle Familien- und Sexualbild aufzubrechen. Vielfalt steht bei ihnen dafür, dass Sexualität alle Spielarten umfasst, eben auch Homo- und Transsexualität.“
Dass Vielfalt bedeutet, dass Sexualität auch Homosexualität und Transsexualität umfasst – das ist anscheinend keine gemeinsame Grundlage der Debatte mehr. Sondern eine radikale ideologische Position linker Pädagogen.
Hier geht es nicht mehr darum, weiteren „Fortschritt“ zu stoppen. Hier geht es um Rückschritte. Plötzlich müssen sich Projekte wie SchLAu für ihre Arbeit rechtfertigen, die dem Kampf gegen Diskriminierung und Vorurteile dient – weil der Eindruck entsteht (und bewusst erweckt wird), sie machten etwas Unanständiges in den Schulen und wollten die Kinder umerziehen.
Im Frühjahr dieses Jahres eroberte Cochita Wurst die internationale Bühne, die verwirrende Persönlichkeit eines Mannes, der als Frau mit Bart auftritt. Sie gewann den Eurovision Song Contest. Es war ein Sieg der Vielfalt, der von Kommentatoren – bis hinein in den Deutschlandfunk – fassungslos als letzter noch fehlender Beweis für die völlige Degenerierung der Gesellschaft gedeutet wurde. Sie empfanden die Provokation der Figur nicht als Herausforderung von Gewohnheiten und Erwartungen, sondern als fundamentalen Angriff auf sich und auf ihre Vorstellungen von Normalität. Längst überwunden geglaubte Bekenntnisse der Scheintoleranz wurden in der Folge wieder geäußert, wie von Bela Anda, dem früheren Regierungssprecher und heutigen „Bild“-Politikchef. Er behauptete in einem Kommentar auf Bild.de: „Einige meiner besten Freunde sind homosexuell“ (und der einzige Satz, der noch trauriger ist, ist natürlich der, den seine homosexuellen Freunde sagen müssen: „Einer meiner besten Freunde ist Béla Anda.“) Und er fügte hinzu: „Ein Bart im Gesicht einer Frau, noch dazu ein Vollbart, stört mich, stört mein ästhetisches Empfinden, stört auch mein Rollenverständnis von Mann und Frau.“
Die harmlose, ganz unaggressive Figur Conchita Wurst machte deutlich, wie sehr Andersartigkeit immer noch als Bedrohung empfunden wird. Der Preis, den Lesben und Schwule nach Ansicht eines Teils der Gesellschaft dafür zahlen sollen, dass sie anerkannt werden, ist der, dass sie möglichst normal und unauffällig sein sollen. Von Trans-Menschen ganz zu schweigen.
Rational lässt sich das am Beispiel Conchita Wurst kaum fassen: Wenn ein Mann als Frau auftritt, soll er sich wenigstens den Bart abrasieren? Aber die Botschaft dahinter ist klar: Es ist eine der Pflicht zur Anpassung. Und ein – gefühlt – wachsender Unwille, sich selbst und sein Verhalten in Frage zu stellen.
Schon Ansätze, die zur Reflexion auffordern, werden als Zumutung abgetan, wie jüngst zum Beispiel ein Papier einer Gruppe, die sich die „Neuen Medienmacher“ nennen. Es soll Journalisten dazu anregen, über Sprache nachzudenken und darüber, wen sie mit bestimmten Formulierungen ausgrenzen. Das ist ausdrücklich als „Debattenbeitrag“ gekennzeichnet. Doch schon debattieren ist zuviel für Publizisten wie Henryk M. Broder, der dafür nur Häme und Verachtung hat und sich an Orwells „Neusprech“ aus 1984 erinnert fühlt.
Die vielleicht größte Zumutung zur Zeit ist eine Person namens Lann Hornscheidt, die sich nicht als Mann oder Frau definiert und entsprechend auch nicht als Professorin oder Professor angesprochen werden will, sondern als Professx. Auch über solche Sprachvorschläge kann und muss man streiten. Man darf sie selbstverständlich auch ablehnen. Aber was bestürzt, ist der Hass, der Lann Horscheidt entgegenschlägt, der Unwille, sich damit überhaupt auseinanderzusetzen, und der Reflex, auch in den Medien, zur Diffamierung. Es scheint da Leute zu geben, die die Herausforderung, dass es Menschen gibt, die anders sind als sie und als sie es für möglich gehalten hätten, einfach nicht ertragen.
Lann Horscheidt wirkt im Vergleich zu ihren Gegenspielern verblüffend wenig radikal. Vor allem, wenn er oder sie formuliert, dass es doch eine Bereicherung sei, auf andere Sichtweisen, fremde Lebenswelten, unbekannte Blicke auf die Welt zu stoßen, sich darauf einzulassen und damit auseinanderzusetzen.
Andersartigkeit zunächst einmal als Bereicherung empfinden, nicht als Zumutung. Warum sollten unsere Komfortzonen so eng zugeschnitten sein, dass wir sie verlassen müssen, um Vielfalt zu akzeptieren?
„Wichtig ist, dass wir unsere Komfortzone verlassen“, hat der ARD-Toleranz-Beauftragte gesagt. Im Rahmen dieser Themenwoche fand dann im HR-Fernsehen auch eine Diskussion mit dem selbsterklärten „homophoben“ Matthias Matussek statt. Und der Moderator und Redaktionsleiter Meinhard Schmidt-Degenhard rechtfertigte sich hinterher noch mit dem Satz: „Meines Wissens ist Homophobie nicht zwangsläufig menschenverachtend.“
Aus dieser Komfortzone werden wir gerade gründlich vertrieben: aus dem Glauben, dass wir hinter bestimmte Standards nicht mehr zurückfallen würden.

Symbolfoto: ARD
Am Freitag haben mehrere Dutzend Prominente, darunter ein ehemaliger Bundespräsident, ein ehemaliger Bundeskanzler, mehrere ehemalige Ministerpräsidenten und Bundesminister und viele bekannte Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Publizistik, einen Appell für eine „neue Entspannungspolitik“ und einen Dialog mit Russland veröffentlicht: „Wieder Krieg in Europa? Nicht in unserem Namen!“
Falls Sie davon gehört haben, dann nicht aus den Fernseh-Nachrichten von ARD und ZDF. Die haben darüber nämlich nicht berichtet.
Der Aufruf wurde vom früheren Kanzlerberater Horst Teltschik (CDU) initiiert, der zur Motivation sagte: „Uns geht es um ein politisches Signal, dass die berechtigte Kritik an der russischen Ukraine-Politik nicht dazu führt, dass die Fortschritte, die wir in den vergangenen 25 Jahren in den Beziehungen mit Russland erreicht haben, aufgekündigt werden.“
Die Unterzeichner richten sich nicht nur an Regierung und Parlament, sondern auch an die Medien:
Wir appellieren an die Medien, ihrer Pflicht zur vorurteilsfreien Berichterstattung überzeugender nachzukommen als bisher. Leitartikler und Kommentatoren dämonisieren ganze Völker, ohne deren Geschichte ausreichend zu würdigen. Jeder außenpolitisch versierte Journalist wird die Furcht der Russen verstehen, seit NATO-Mitglieder 2008 Georgien und die Ukraine einluden, Mitglieder im Bündnis zu werden. Es geht nicht um Putin. Staatenlenker kommen und gehen. Es geht um Europa. Es geht darum, den Menschen wieder die Angst vor Krieg zu nehmen. Dazu kann eine verantwortungsvolle, auf soliden Recherchen basierende Berichterstattung eine Menge beitragen.
Eine höchst illustre Schar von sechzig Persönlichkeiten kritisiert Politik und Medien in Sachen Krieg und Frieden. Und „Tagesschau“ und „Tagesthemen“, „heute“ und „heute journal“, tagesschau.de und heute.de ist das kein Wort wert.
ARD und ZDF können das erklären. Elmar Theveßen, der stellvertretende ZDF-Chefredakteur, schreibt mir auf Nachfrage, warum die Nachricht nicht in den Sendungen vorkam:
„Wir hätten es gern gemacht. Aber wir mussten wegen der nachfolgenden ‚Was nun…‘ mit einer deutlich verkürzten Sendezeit auskommen. Neben der Wahl des Ministerpräsidenten in Thüringen nahmen weitere Themen wie IS-Urteil, Taifun und Opel den Raum ein. (…) Ein ‚heute journal‘ gab es leider auch nicht.
Die grundsätzliche Haltung, die im Appell zum Ausdruck kommt, haben wir in unseren Sendungen mehrfach reflektiert, beispielsweise in einem Interview mit Matthias Platzeck im heute-journal und in der Berichterstattung über Seehofers Äußerungen zur Außenpolitik Steinmeiers.
Wir bleiben daran, möglichst auch mit einem Beitrag zur Diskussion um den Appell, sofern wir die unterschiedlichen Ansichten auch per Kamera einfangen können.
Nun gut, auch für eine Berichterstattung über den Start der Raumsonde Orion fand die „heute“-Sendung am Freitag Platz und für einen ausführlichen Sportblock. Tatsächlich gab es kein „heute journal“, weil das ZDF an diesem Tag seinen stundenlangen Jahresrückblick mit Markus Lanz ausstrahlte, dafür aber nicht eine Folge von „Der Alte“ ausfallen lassen wollte, sondern eben: das „heute journal“.
Die Erklärung von ARD-aktuell ist ganz ähnlich. „Dass verschiedene Qualitätsmedien erst mit etwas Abstand auf den Appell eingegangen sind, mag daran liegen, dass der Freitag bundespolitisch dominiert war von der Wahl von Bodo Ramelow zum Ministerpräsidenten“, teilt mir Christian Nitsche mit, der zweite Chefredakteur von ARD-aktuell. „Auch ansonsten war der Tag nachrichtenstark. Den Aufruf an diesem besonderen Tag relativ spät zu veröffentlichen, haben die Initiatoren sicher im Nachhinein selbst als weniger gelungen empfunden.“
Die „Tagesschau“ war schon so gut wie voll mit Ramelow, und die „Tagesthemen“ waren es auch: Ein Bericht über Ramelow, ein Interview mit Ramelow, ein Kommentar zu Ramelow – danach blieb nur noch Zeit für einen Meldungsblock und Opel, weil die „Tagesthemen“ keine halbe Stunde lang waren, sondern nur gut 15 Minuten. Das ist freitags immer so, aus Gründen, die einem vermutlich der ARD-Programmdirektor erklären kann, am einfachsten mit dem Verweis auf die Quote der dadurch regulär schon um 22 Uhr startenden „Tatort“-Wiederholung.
Der Freitagnachmittag ist tatsächlich ungefähr der schlechteste Termin, um die Aufmerksamkeit der medialen Öffentlichkeit zu gewinnen. Die Medienleute sind dann schon halb im Feierabend und im Wochenende. Und an diesem Freitag war ja auch viel los, und die „Tagesthemen“ sind da eh immer so kurz, und aus unglücklichen Umständen gab es auch kein „heute journal“, und bei heute.de und tagesschau.de waren sie anscheinend auch mit irgendwas anderem beschäftigt, dieser Appell kam auch nur einmal von dpa über den Ticker, also, mei, dumm gelaufen.
Ich halte das nicht einmal für abwegig, dass es genau so war. Fast wünscht man sich, wenn man diese traurigen Erklärungen hört, dass es stattdessen wenigstens brutales Kalkül war, wie die hyperventilierenden Wutschnauber von der „Propagandaschau“ meinen, die in ARD und ZDF eh „US-Propagandisten und Treiber des neuen Kalten Krieges“ sehen sowie „von einer transatlantischen 5. Kolonne unterwanderte Staatssender, die seit Monaten eine Lügen-und Desinformationskampagne gegen Russland, gegen das deutsche Volk und gegen den Frieden in Europa betreiben“.
Ich halte das, wie gesagt, für Unsinn. Aber ich merke, dass beim Wahrscheinlichkeitstest meine Trauriger-Redaktionsalltag-in-nichtsmerkenden-Senderbehörden-Theorie zunehmend an Boden verliert gegenüber jeder Verschwörungstheorie.
Es geht ja hier — wie auch bei den Symbolbildern von Putin neulich — nicht um eine einzelne Meldung. Es geht um eine Gesamtsituation, in der ARD und ZDF seit Monaten in außerordentlichem Maße vorgeworfen wird, dass ihre Berichterstattung über den Krieg in der Ukraine einseitig und gefährlich sei. (In welchem Maße diese Vorwürfe berechtigt sind, sei ganz dahingestellt.) Und nun gibt es einen Appell, der eben diese Vorwürfe wiederholt, unterzeichnet nicht von unbekannten Ins-Internet-Schreibern oder möglicherweise vom Kreml bezahlten anonymen Trollen, sondern von 60 teils prominentesten Persönlichkeiten.
Und bei ARD und ZDF denkt man nicht: Okay, da sollten wir uns jetzt aber nicht noch zusätzlich angreifbar machen, sondern das sauber berichten, erstens weil es eh eine Nachricht ist, und zweitens weil der Vorwurf sich womöglich auch irgendwie gegen uns richtet, schon als vertrauensbildende Maßnahme?
Sondern bei ARD und ZDF denkt man: Oh, puh, aber, naja, blöd, heute am Freitag, schon so viel los, gibt ja auch Wichtigeres?
Sie merken nichts. Sie lernen nichts.
PS: „Tagesthemen“-Moderator Thomas Roth hat den Appell heute, gut drei Tage nach seiner Veröffentlichung, in einem Interview mit Angela Merkel angesprochen. ARD-aktuell-Mann Nitsche sagt, die Redaktion habe dem Aufruf „damit hohes Gewicht beigemessen“ und mit dem Merkel-Interview „einen guten Anlass gefunden, den Aufruf prominent aufzugreifen“.
Hat jeder Hund eine von sieben angeborenen Positionen im Rudel? Und bestimmt diese Position sein Verhalten und seine Bedürfnisse mehr als Rasse und individueller Charakter? Die Theorie von den „angeborenen Rudelstellungen“ sorgt für heftige Kontroversen unter Hundehaltern.

„Doppelbesatz“ ist das Schlimmste. Wer bei seinen Hunden einen „Doppelbesatz“ hat, kann alle Hoffnung fahren lassen. Die Tiere werden nicht glücklich werden. Wenn sie noch glücklich sind, werden sie es nicht bleiben. Und wenn sie doch glücklich scheinen, machen sie uns nur was vor.
Es gibt nur eine Möglichkeit herauszufinden, ob man bei seinen Hunden einen solch fatalen „Doppelbesatz“ hat. Man muss sie von Barbara Ertel einschätzen lassen.
Barbara Ertel glaubt, dass jeder Hund mit einer von sieben fest vererbten Positionen im Rudel auf die Welt kommt. Die verschiedenen Stellungen haben unterschiedliche Aufgaben und die Hunde entsprechend unterschiedliche Bedürfnisse und Fähigkeiten. Hat man zwei Hunde mit derselben Stellung, ist das ein „Doppelbesatz“ – und, naja, wie gesagt. Die müssen getrennt werden. Sofort. Und für immer. Wenn einem seine Hunde am Herzen liegen.
Dass es „vererbte Rudelstellungen“ gibt und diese das Verhalten von Hunden entscheidend prägen, hat Barbara Ertel nach eigenen Angaben Ende der sechziger Jahre als junge Frau bei einem Züchter von Eurasier-Hunden in Hessen gelernt. 45 Jahre danach macht diese Theorie Furore in Deutschland – und sorgt für heftige Kontroversen. Wissenschaftler halten sie für abwegig oder gar gefährlich; Kritiker erinnert die „Rudelstellung“-Szene an eine Sekte. Aber der radikal andere Blick auf unsere Hunde scheint eine erhebliche Anziehungskraft zu haben – und sogar das ZDF hat seinen Teil dazu beigetragen, die Theorie populär zu machen.

Eine weite, leere Landschaft bei Zossen in Brandenburg, südlich von Berlin. Auf einer Wiese ist ein Feld mit einem Drahtzaun abgesperrt. Es ist ein trüber Tag Anfang Herbst, zwei Dutzend Menschen stehen unter einem Zelt und ein paar Regenschirmen. Auf dem Feld steht in Gummistiefeln die Frau, wegen der alle hier sind: Barbara Ertel. Sie redet viel. Häufiger verpasst sie bei ihren Vorträgen den Moment, wenn hinter ihr ein neuer Hund auf das Feld geführt wird, um von ihr „eingeschätzt“ zu werden, obwohl das ein ganz entscheidender Augenblick sein soll. Eine ihrer vielen Helferinnen versucht dann, ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen. Das gelingt nicht immer sofort.
In der einen Hand hält Barbara Ertel eine Zigarette, in der anderen einen großen Becher Kaffee. Sie beobachtet, wie der Hund, den es „einzuschätzen“ gilt, über die Wiese stromert, wie er läuft und schnüffelt, wie er auf sie und die anderen Menschen reagiert. Manchmal hockt sie sich hin und redet mit den Tieren. Danach erzählt sie auch den Menschen, welche Stellung sie in einem Hund erkennt.
Um das zu überprüfen, werden nun andere Hunde aufs Feld geführt, deren Position schon früher bestimmt wurde. Angeblich erkennen die Hunde die Stellung der anderen – und verhalten sich entsprechend, woraus Barbara Ertel dann schließt, ob ihre Vermutung richtig war. „Ich bestätige Einschätzung“, ruft sie dann, fürs Protokoll und für die Videoaufnahme – alles wird gefilmt und später im Internet-Forum des Rudelstellungen-Vereins veröffentlicht. Schließlich bekommt der Hundebesitzer ein buntes Stück laminiertes Papier, auf dem die so ermittelte Stellung steht.
100 Euro kostet die Teilnahme an so einem Workshop pro Mensch; 50 Euro pro Hund. Der Tag beginnt mit einer Theorie-Stunde. Barbara Ertel steht in einem Zelt und hält einen Vortrag, ein Beamer wirft Folien an eine Leinwand. Groß an der Wand hängt so etwas wie das Glaubensbekenntnis der Szene. Das allgegenwärtige Schema zeigt die sieben Positionen, aus denen ein perfektes Hunderudel bestehen soll, die beiden Teilrudel. Pfeile deuten die Beziehungen untereinander an. Es gibt einen „Vorrang-Leithund“ ganz vorne, einen „Nachrang- Leithund“ am Ende, in der Mitte einen „Mittleren Bindehund“, dazwischen jeweils zwei „Bindehunde“.

In ihrem Buch schreibt Barbara Ertel:
„Das Wissen um die Geburtsstellung ist die zum Verständnis des Seelenlebens des Hundes notwendige Basis, auf der seine Gemeinschaftsfähigkeit beruht.“
„Sieben Teile sind ein perfekter Hund“, sagt Barbara Ertel. „Hunde sind Beamte: Alles ist geregelt und in Ritualen festgelegt.“ Für ihre Anhänger ist diese Position in der „Staatsstruktur“ entscheidend, um das Verhalten von Hunden zu erklären. Sie betrachten und interpretieren jedes Verhalten durch diese Brille.
In Gesprächen am Rande des Workshops und in den Diskussionen auf der Internetseite von Ertels Verein wird über Hunde manchmal kaum noch anhand ihrer Namen gesprochen, sondern bloß mit den Kürzeln ihrer angeblichen Stellung: Der Vorrang-Leithund ist der VLH, es folgen V2 und V3, der Mittlere Bindehund MBH, N2 und N3 und schließlich der Nachrang-Leithund NLH. „Einen schönen N2, den du dir da geholt hast“, ruft Ertel etwa einer Frau zu oder fragt: „Kennt Heikes MBH deinen V3?“
Barbara Ertel sagt: „Hier geht es nicht um Hokuspokus.“ Die Stellung eines Hundes zu kennen, sei nicht wie das Sternzeichen für sein Horoskop zu wissen. Mit Esoterik will sie nichts zu tun haben. Aber sie sagt auch den Satz: „Realität braucht keinen wissenschaftlichen Nachweis.“
Dass die Theorie stimmt, könne man einfach sehen, meinen ihre Anhänger. Ertel erzählt von „Spontanheilungen“ zum Beispiel bei Hunden mit Epilepsie, nachdem sie aus der „unpassenden“ Kombination von Stellungen befreit wurden.

Der Workshop verläuft an diesem Tag nicht ganz harmonisch. Eine Frau ist mit ihrem American Akita und ihrem Basset gekommen. Es handelt sich, wie sich herausstellt, um einen Vorrang-Leithund und einen Nachrang-Leithund, die laut Barbara Ertel unbedingt zu trennen wären. Die Besitzerin zeigt einen gewissen Widerwillen, das als unumstößliche Tatsache zu akzeptieren. Während die Hundehalterin noch auf der Wiese steht, hat Ertel sie längst abgeschrieben. Ein paar Meter von ihr entfernt erzählt sie den anderen Workshop-Teilnehmern achselzuckend, dass es immer solche Leute gebe, die es nie verstehen würden.
Ein Ehepaar, das schon ein paar Tage zuvor gekommen war und erfuhr, dass es sich bei seinem Labrador um einen Nachrang-Leithund handelt, ist noch einmal wiedergekommen. Sie zweifeln, ob die Diagnose wirklich stimmen kann, und vor allem sind sie unsicher, was sie jetzt für ihr Leben mit dem Hund bedeutet. Frau Ertel meint, sie sollten nicht sie fragen, sondern den Hund.

Zu den Besonderheiten der Kommunikation in dieser Welt gehört die Art, wie die Halter mit ihren Hunden reden – nicht mit Kommandos, sondern in ganzen Sätzen. „Einfach immer die Realitäten eins zu eins ganz klar mit dem Hund besprechen“, empfiehlt Barbara Ertel. Einer schwangeren Frau sagt sie, sie solle ihrem Hund erklären: „Ich bin schwanger, kann sein, dass ich manchmal in anderen Stimmungen bin als früher, aber das geht dich nichts an, ich bin ein Mensch.“
Einem kleinen Mischling, der sie wild ankläfft, sagt sie ruhig, sie fände das albern und er könne das lassen, sie habe ihn durchschaut. Dann lässt sie Tyson kommen, einen NLH, der dem mutmaßlichen N3 erklären soll, was Sache ist. „Tyson, hilfst du mir mal?“, ruft Ertel. „Kannst du das bitte mal abstellen? Und der soll auch nicht die Menschen anbellen, sag ihm das auch mal. Das geht überhaupt nicht. Komm, Tyson, mach das mal.“ Tyson hat nicht so richtig Lust.
Einen Teil der Zeit, in der sie die Hunde „einschätzt“, verbringt Ertel in einer Art Gespräch mit den Tieren: „Ich bin übrigens Barbara. Und wer bist du? Darf ich in deine Nähe kommen, ja? Das ist aber nett, dass du dich zu mir wendest. Die Menschen gucken dich immer an hier. Dann erklär ich den Menschen irgendwas über ihre Hunde, was ich sehe. Manchmal sehe ich’s richtig. Manchmal hab ich mich auch schon getäuscht.“
Für eine Theorie, der jeder wissenschaftliche Beweis fehlt und die ausschließlich darauf zurückgeht, was Ertel als sehr junge Frau vor 45 Jahren von einem einzelnen Züchter namens Karl Werner mündlich überliefert bekommen haben will, trifft die „Rudelstellung“ erstaunlich konkrete und kategorische Aussagen. „Hunde sollten prinzipiell nur dann Kontakt zueinander bekommen, wenn ihre Stellungen zueinander passen“, schreibt Barbara Ertel in dem Buch, in dem sie die Grundlagen ihrer Theorie erläutert, und führt dann detailliert aus, welche Kombinationen problematisch sind, je nachdem, ob der Hund „in Struktur lebt“ – also nach eben jenen Regeln gehalten wird. Schon Welpen sollten weder bewusst noch zufällig „mit Hunden in Kontakt kommen, deren Stellungen nicht passen“.
Überhaupt, die Welpen! Die müssen bereits in den ersten Lebenstagen entsprechend ihrer angeborenen Stellung hart arbeiten. Alle Welpen müssen zum Beispiel gemeinsam dafür sorgen, dass sich der Vorrang-Leithund VLH zum Schlafen nicht zwischen sie legt, sondern sich absondert. Hat er den Mut dazu aufgebracht, wird er nach einem Tag vom MBH abgeholt und von den Hundebabys wieder im Rudel aufgenommen. Meint Barbara Ertel.
Der britische Biologe John Bradshaw, der seit über 25 Jahren das Verhalten von Hunden und Katzen erforscht und Autor des Buches „Hundeverstand“ ist, hat eine klare Meinung zur vererbten Rudelstellung: „Mir fällt keine wissenschaftliche Erkenntnis ein, die eine solche These unterstützen würde.“ Er nennt sie einen „Kult“ und zählt einige der offenkundigen Haken auf:
„Es ist nachgewiesen worden, dass das Verhalten von Welpen in ihren ersten acht Lebenswochen (und ganz sicher in ihrer ersten Woche) keinerlei Aufschluss darüber gibt, wie sich jedes Individuum als ausgewachsener Hund verhält. Es hängt so sehr von den Erfahrungen ab, die der Hund in seinem neuen Zuhause macht.“
„Es gibt keine vorbestimmten ‘Rudelpositionen’, nicht sieben und auch keine andere Zahl. Hunde erarbeiten sich ihre Beziehungen zueinander, und diese können (und sollten) durch Training beeinflusst werden, um einen harmonischen Haushalt herzustellen.“
„Es konnte kein Zusammenhang festgestellt werden zwischen der DNA und der Wahrscheinlichkeit, dass ein Hund (oder irgendein anderes Tier) sich mit einem anderen versteht.“

Die Ablehnung der „Rudelstellung“-Theorie durch die Wissenschaft und bekannte Hunde- oder Wolfsforscher ist einhellig. Auf „Rudelstellungen klargestellt“, einer Seite von Kritikern, sagt Günther Bloch: Keiner der Genetiker, Zoologen, Ethologen oder Biologen, die er kenne, sei von der These der vererbten Stellung überzeugt, „weil bislang weder die Stammesgeschichte von Kaniden noch deren Verhaltensbiologie irgendwelche Hinweise erbracht hat, die diese Behauptung auch nur ansatzweise glaubhaft macht“. Stattdessen gebe es „jede Menge handfeste Belege, die das Gegenteil beweisen“.
Auch die Verhaltensforscherin und Tierschützerin Dorit Feddersen- Petersen lehnt die „Hundeeinschätzung“, wie sie Barbara Ertel betreibt, entschieden ab. Die Kernannahmen der „Rudelstellung“- Theorie hält sie für abwegig: „Es gibt unter Haushunden keine Eck- oder Leithunde oder Bindehunde mit immer wieder ganz speziellen Fähigkeiten / Aufgaben im Rudel.“ Auch der Gedanke, dass Hunde mit bestimmten Positionen die Funktion hätten, menschliche Anweisungen an andere Hunde im Rudel weiterzugeben oder zu übersetzen, sei abwegig: „Das ist Menschenwerk, erdacht, um die Hundeszene zu verblüffen, freundlich ausgedrückt.“
Doch je einhelliger und massiver die Ablehnung ausfällt, umso größer scheint der Glaube bei den Anhängern an die Richtigkeit ihrer Theorie. Einzelne vergleichen die Reaktionen der Wissenschaft mit dem Widerstand gegen Galileo Galilei.
Auch Ertel sieht sich als Opfer eines korrupten wissenschaftlichen Systems, das sich dagegen wehrt, neue Gedanken zu akzeptieren. Auch aus wirtschaftlichen Motiven werde sie ausgegrenzt, weil inzwischen ganze Geschäftsmodelle rund um das Training mit Hunden florieren: „Trainerpersönlichkeiten, die sind ja heute in der Rangordnung wie Schauspieler“, sagt sie. „Das ist krank.“ Einen Teil der Anfeindungen führt sie zurück auf persönliche Auseinandersetzungen und Kränkungen.
Als sie vor ein paar Jahren merkte, dass fast niemand ihr Wissen, das sie Ende der sechziger Jahren erworben habe, teilt, habe sie den Kontakt zu Wissenschaftlern gesucht, um das gemeinsam zu erforschen. Sie habe nie Antwort bekommen. Heute fühlen sich die „Rudelstellung“-Anhänger geradezu verfolgt von Kritikern. Unterstützer im wissenschaftlichen Bereich würden angefeindet und jeder Versuch, Forschung zu betreiben, attackiert.
„Mein Ziel ist es nicht, wissenschaftliche Anerkennung zu finden“, sagt Barbara Ertel, „ich brauche das nicht.“ Aber sie möchte, dass das, was sie als ihr Wissen um die Rudelstellung ansieht, nicht mit ihr stirbt. „Wenn ich gehe, möchte ich, dass jeder, der wirklich an Hunden Interesse hat, mithilfe einer Speichelprobe überprüfen kann, welche Stellung ein Hund hat.“
Deshalb werden von allen Hunden, die zu den Workshops kommen, DNA-Proben genommen. In denen suchten Genetiker dann nach Korrelationen mit der angeblichen Stellung der Hunde, wie sie Barbara Ertel eingeschätzt hat. Angeblich sollen erste, grobe Übereinstimmungen entdeckt worden sein.
Überprüfen lässt sich das nicht. Das, was man weiß, widerspricht nach Ansicht von Verhaltensforschern guter wissenschaftlicher Praxis.
Die Forschung soll von einem Genetiker der Universität Kiel durchgeführt werden, allerdings in seiner Freizeit – und nach Druck auf die Universität eher im Verborgenen. Anders als die Tierforscher, die alle abgewunken hätten, habe eine andere Gruppe von Wissenschaftlern großes Interesse an diesen Untersuchungen, sagt Barbara Ertel: Gerichtspathologen. Die würden sich von der Erforschung auch Rückschlüsse auf den Menschen versprechen. „Wenn es Struktur bei Hunden gibt und Aggression an einer bestimmten Stelle in der DNA liegt und der An- und Ausschalter an einer anderen, ist es vielleicht auch angelegt bei Kriminellen, die nicht resozialisierungsfähig sind und in richtigen Gewaltverbrechen ausarten.“
Sie sagt über die Pathologen: „Das sind verrückte Leute. Aber jetzt positiv.“ Man möchte sich nicht ausmalen, was sich diese Leute ausmalen, was aus dieser Forschung alles erwachsen könnte.
Wie kontrovers die Sache ist, ahnt man nicht, wenn man das ZDF sieht. Dort behandelt Maike Maja Nowak als „Hundeflüsterin“ Problemfälle. Darin propagiert sie auch die Lehren der Rudelstellung – die Hunde aus den Sendungen wurden teilweise, ohne dass es erwähnt wurde, von Barbara Ertel „eingeschätzt“.
Auf der Homepage zur Sendung heißt es, „Rudelstellungen“ spielten „in der Arbeit unserer Hundeflüsterin Maja Nowak eine zentrale Rolle“. Ein interaktives Schaubild und ein Erklärtext verbreiten unreflektiert die Thesen und deklarieren zum Beispiel: „Die Geburtsstellung überlagert alle anderen Merkmale wie Rasse, Geschlecht, Begabungen und Charakter.“
Auch auf kritische Nachfrage von Zuschauern blieb das ZDF bei seiner Darstellung. Die Zuschauerredaktion antwortete einer aufgebrachten Journalistin und Zuschauerin unbeirrt:
„So wie jeder Mensch eine andere Rolle und Funktion in unserer Gesellschaft einnimmt, kann das auch bei einem Hund sein. Die Funktion, die ein Hund im Rudel übernimmt, prägt seinen Charakter meist entscheidend. Daher ist die Rudelstellung ein wichtiger Faktor, der bei der Hundeerziehung berücksichtigt werden sollte.“
Auf eine andere Nachfrage erklärte das ZDF:
„Wir haben zu keinem Zeitpunkt den Anspruch vertreten, wissenschaftliche Erkenntnisse zu präsentieren, weder im Internet, noch in unserer TV-Reihe.“
ZDF-„Hundeflüsterin“ Maike Maja Nowak selbst hat sich inzwischen weitgehend von den Vorgaben und Lehren der „Rudelstellung“-Szene rund um Barbara Ertel distanziert. Im Oktober veröffentlichte sie auf ihrer Homepage ein „Resümee“, in dem es hieß:
„Zusammenfassend kann ich sagen, dass ich die Einschränkungen die Barbara Ertel mit den Rudelstellungen für die Hunde und Halter in die Welt bringt, nicht teile. (…)
Ich vertrete weder die Art mit Menschen umzugehen, noch die Interpretationen, die in diesem Vereinsraum getroffen und diktatorisch aufrecht erhalten werden. Ich bin weder der Meinung, dass jeder Hund mit einem Hund vergesellschaftet werden sollte, noch dass Menschen keine guten Beziehungen zu ihrem Hund haben können, oder Hunde getrennt werden sollen, die sich tatsächlich gut verstehen.“
(Inzwischen hat Nowak dieses „Resümee“ wieder überarbeitet.)
Es ist nicht das erste Mal, dass sich Weggefährten von Barbara Ertel von ihr abwenden. Sie selbst sieht sich dadurch eher noch bestärkt, dogmatisch zu bleiben – die anderen seien überfordert gewesen oder hätten versucht, ihre Erkenntnisse zu missbrauchen, um ein eigenes Geschäftsmodell darauf aufzubauen oder die Hunde am Ende doch wieder durch Konditionierung zu brechen. „Bei mir gibt’s nicht ein bisschen Rudelstellung“, sagt sie. „Ich bin das Original.“
Sie setzt darauf, dass ihre Anhängerinnen selbst ihr Werk fortsetzen und durch gemeinsames Üben auch die Kunst der „Einschätzung“ von Hunden erlernen. Zu dem Verein, den sie gegründet hat, soll noch eine Stiftung hinzukommen.
Gemeinsam tauschen sie sich im Forum über das aus, was sie auf den Videos von den Einschätzungen sehen, führen Tagebücher über das Leben „in Struktur“, suchen gegenseitig Stellungspartner für ihre Hunde, planen die Verpartnerung der passenden Positionen, um das perfekte Rudel aufzubauen.
Die Hamburger Fachtierärztin für Verhaltenskunde und Tierschutz Barbara Schöning sagt, sie habe vor zwei Jahren zum ersten Mal von der Rudelstellungs-Theorie gehört – und es zunächst als bloße Spinnerei abgetan: Die Leute würden klug genug sein, nicht darauf reinzufallen. Im vergangenen Jahr habe die Zahl der Menschen, die sie darauf ansprechen, aber „extrem zugenommen“.
Aber was ist so attraktiv an dieser Lehre? Vielleicht liegt es daran, dass sie eine Art ganzheitlichen Ansatz verspricht, der größtmögliche Gegensatz zu dem, was etwa der bekannte Fernseh-Hundecoach Martin Rütter propagiert, der stark auf Konditionierung setzt und die meisten Probleme dadurch zu lösen scheint, dass er die Hunde durch das Werfen von Bällen und Futterbeuteln ablenkt und trainiert. Die Rudelstellung verspricht im Gegensatz dazu, das Innerste des Hundes zu erkennen und ihm gerecht zu werden.
Barbara Schöning sieht aber noch andere, sehr elementare Anziehungskräfte: „Es ist eine sehr einfache Theorie, und die Menschen lieben einfache Dinge. Sie lieben Rituale, die machen das Leben leichter.“ Die „Rudelstellung“ verlagere die Frage, wer Schuld ist, wenn etwas schiefläuft im Zusammenleben mit dem Hund, vom Menschen und seinem Verhalten auf das Tier, das einfach aufgrund einer angeblichen genetischen Veranlagung nicht passt.
In all den Forschungen über wild lebende Hunde in der Welt sei „nichts von angeborenen Positionen in einem Rudel zu finden“, sagt Schöning. „Keine der Arbeiten hat gezeigt, dass es genetisch fixierte Positionen gibt.“ Die Annahmen, die der Rudelstellungslehre zugrunde liegen, seien nicht nur nicht bewiesen, „sondern was wir wissen, geht auch noch in eine ganz andere Richtung. Deshalb lautet die Prognose: Sie wird auch nie bewiesen werden.“
Die Gesellschaft für Tierverhaltensmedizin und -therapie GTVMT, deren Vorsitzende sie ist, hat im September eine Stellungnahme veröffentlicht. Darin betont sie die dubiose Entstehungsgeschichte der Theorie:
„Das Konzept soll von einem Gärtnermeister (und Hundezüchter) bzw. in seiner Familie entwickelt und seit dem 19. Jahrhundert tradiert worden sein. Dieser Gärtnermeister soll sein Wissen dann an die eine Person weitergegeben haben, die es heute in Deutschland propagiert und dazu Einschätzungsseminare anbietet.“
Der Vorstand der GTVMT warne davor,
„die Lebensbedingungen und den Umgang mit einem Hund (z.B. auch die Entscheidung über Trainingsmethoden) pauschal von einer derartigen Einschätzung abhängig zu machen. Informationen aus dem Internet, wonach es Tauschbörsen für „nicht passende“ Hunde gibt, stimmen bedenklich. Die Verunsicherung von Besitzern, denen suggeriert wird, dass sie einen „falschen“ Hund haben, kann zu negativen bis hin zu tierschutzrelevanten Folgekonsequenzen für Hunde führen.“

Barbara Ertel ist keine Hundetrainerin. Sie hatte einen Hof mit Pferdezucht und ist mit einer eigenen Kollektion von Strickmode durchs Land gefahren. Später war sie viel in Andalusien, wo die Frauen in Dorfkooperativen zu Hause ihre Mode strickten. Ihre Hunde, sagt sie, waren einfach immer dabei, aber sie standen nicht im Mittelpunkt. Das Wissen, das sie von Karl Werner bekommen habe, habe sie begleitet und im Alltag immer wieder angewendet; mehr aber auch nicht.
Sie habe nie mit einem Hund etwas „geübt“, sagt Barbara Ertel, und habe noch heute das größte Problem mit der „Eingrenzung“ von Hunden. Durch Konditionierung würden Hunde „funktionabel“ gemacht, aber im Inneren gebrochen. „Die tun niemandem was, aber das sind für mich psychische Krüppel.“ Wo sie hinsieht, sieht sie nicht mehr „Struktur“, sondern „kaputte“ Hunde.
Erst vor wenigen Jahren, im Hundeforum „Polarchat“, hat sie bemerkt, wie außergewöhnlich ihr Blick auf die Hunde war – und wie irreführend und falsch, aus ihrer Sicht, die Empfehlungen waren, die die versammelten Experten für Probleme gaben. Ertel veröffentlichte ihren Widerspruch, es gab Krach. „Ich habe nicht auf die Kritiker gehört“, sagt sie. „Ich bin wie eine Bulldogge durch den Busch gegangen und habe mich dann umgesehen und festgestellt, dass einige Leute hängen geblieben.“
Mit denen arbeitet sie seitdem daran, ihr Wissen in der Welt zu behalten. Zwei- bis dreitausend Hunde hat sie inzwischen eingeschätzt, vermutet sie. „Es ist überhaupt nicht meine Intention, Menschen zu beglücken oder zufriedener zu machen“, sagt sie. „Ich mag Hunde und ich sag einfach nur: Seid anständig zu ihnen, und wenn ihr es nicht könnt, kann ich euch nicht verändern, aber dann wisst ihr wenigstens, was für eine Schweinerei ihr begeht.“
Mit dieser Haltung begegnet sie auch den Menschen beim Workshop. Sie sagt ihnen nicht, dass sie ihre vermeintlich unpassenden Hunde abgeben müssen. Sie lässt sie nur spüren, was sie ihren Hunden angeblich antun, wenn sie es nicht tun.
Ich habe Glück gehabt. Mein Hund Bambam, ein fünfjähriger Husky- Schnauzer-Mischling, ist laut Einschätzung von Barbara Ertel ein Vorrang-Leithund, und einen VLH kann man auch nach ihrer Lehre alleine, ohne andere Hunde halten.

Die „Gegenschätzung“ mit mehreren V2 gestaltete sich allerdings schwierig, weil Bambam feststellen musste, dass sich außer ihm niemand mit der gebotenen Gründlichkeit um die Mauselöcher auf dem Platz gekümmert hatte. Und das ging, wie üblich bei ihm, einfach vor.
Am Montag bin ich einer der Redner bei der traditionellen Veranstaltung der Frankfurter Aids-Hilfe in der Paulskirche zum Welt-Aids-Tag.
Eine alte Journalistenregel besagt, dass „Hund beißt Mann“ keine Nachricht ist, „Mann beißt Hund“ mangels Alltäglichkeit aber schon.
In diesem Sinne sind wir jetzt also so weit, dass „Jugendlicher liest Zeitschrift“ eine Nachricht ist. Mehr noch: Es könnte ein ganzes journalistisches Genre werden.
„Spiegel Online“ brachte Anfang vergangener Woche ein Stück, das die Überschrift trug: „Moritz, 16, kauft eine Zeitschrift.“ Darin schildert der 16-jährige Moritz, wie er sich vor einer Bahnfahrt eine Zeitschrift kaufte: eine Ausgabe von „Geo Epoche“. Es war angeblich seine erste Zeitschrift, und die Geschichte hat kein Happy-End: Er schenkte sie seinen Eltern. „Im Internet gibt’s mehr Für und Wider.“
Heute Vormittag brachte der Radiosender WDR 2 einen Beitrag, der davon handelt, dass sich die 15-jährige Marie eine Zeitschrift kaufte.
Moderator: Die klassischen Magazin-Zeitschriften stecken derzeit ziemlich tief drin in einer Krise, und das sieht man an jedem Kiosk. Die, die vor dem Regal mit „Spiegel“, „Stern“, „Focus“ und Co. stehen, haben meistens ziemlich viel graue Haare auf dem Kopf. Es fehlt einfach — der Lesernachwuchs. Aber da helfen wir gerne aus. Wir haben nämlich Marie aus Münster harte Kost vorgesetzt. Sie soll Deutschlands wichtigstes Polit-Magazin lesen, einfach mal so. Wir haben sie dabei beobachtet. Denn: Marie ist noch minderjährig.
Sprecher: Marie ist mutig. Denn beim Zeitschriftenhändler greift sie zum „Spiegel“. Von der Wochenzeitschrift hat die 15-Jährige schon viel gehört. Die soll ja ganz gut sein.
Marie: Ich weiß nur, dass sich der „Spiegel“ halt viel mit Politik beschäftigt. Und ich dachte, dann kann man sich den ja mal angucken.
Sprecher: Also schnell drin rumblättern.
Marie: Ich hab‘ eigentlich mal so Seite für Seite durchgeguckt. (…) Aber da war viel dabei, was mich gar nicht interessiert hat.
Sprecher: Eigentlich das meiste, wenn sie ehrlich ist. So richtig hängen bleibt Marie nur bei Geschichten, in denen es um Schicksale von Menschen und nicht um Politik geht. Das Interview mit einer Mini-Jobberin zum Beispiel, die entlassen wurde, das ist interessant. (…) Aber für viel mehr reicht es nicht im Heft. Das Interesse erlahmt schnell.
Marie: Ich hab auch ganz viel übersprungen. Da war mir viel zu viel Text zu lesen. Und viel zu viel, was mich nicht interessiert und mich nicht angesprochen hat.
Sprecher: Medien konsumiert die 15-Jährige, wen wundert’s, nur über Smartphone und Internet. Wie eigentlich fast alle in ihrem Freundeskreis. (…) Beim Zeitschriftenlesen (…) ist sie auf das angewiesen, was da steht. Nachprüfen geht dann nicht so schnell wie im Internet.
Marie: Weil ich das in der Zeitschrift hab‘, würd‘ ich jetzt nicht denken: Ah, ok, da kann ich ja nochmal drauf zurückgreifen oder so. Im Internet hat man’s dann mit einem Klick.
Sprecher: Bleibt das Fazit: Marie und Zeitschriften, das wird wohl nichts. Zumindest nicht in nächster Zeit.
Marie: Ich bleib‘ beim Handy. Und beim Internet.
Moderator: Jugend forscht am Kiosk. Ergebnis: Die klassischen Magazine verlieren eine junge Leserin, noch bevor sie ein zweites Mal zum „Spiegel“ greift.
Nächste Woche dann im Programm: Nadja, 17, probiert zum ersten Mal dieses Radiohören aus. Und ca. 2016: Jakob, 16, sucht den Jugendkanal von ARD und ZDF.
(Der „Spiegel“ hat übrigens laut „Media Analyse“ 6 Millionen Leser, davon sind 1,11 Millionen, also jeder Fünfte, zwischen 14 und 29 Jahre alt. WDR 2 hat laut „Media Analyse“ werktäglich eine Reichweite von 3,7 Millionen Hörern, davon sind 412.000, also jeder Neunte, zwischen 14 und 29 Jahre alt.)
In diesen Tagen ist viel von einer „Hassgesellschaft“ die Rede und von einer „verrohten Kommentarkultur“. Komischerweise ist damit fast immer nur das gemeint, was Leute im Netz unter Artikel schreiben. Nicht das, was zum Beispiel der Deutschlandfunk so ausstrahlt.
Am Sonntag war dort ein Kommentar von Burkhard Müller-Ullrich zu hören. Er hatte einen der Spots gesehen, mit denen das Bundesumweltministerium vor allem junge, internetaffine Menschen erreichen will, um sie für Klimaschutz zu interessieren und zum Mitmachen zu gewinnen. Die Kampagne heißt „Zusammen ist es Klimaschutz“.
Ein Clip zeigt, wie ein Mädchen im Teenageralter mutmaßlich spät abends nach Hause kommt, die Eltern beim Sex überrascht und dann lieber das Licht ausschaltet — was ja, höhö, eh gut für die Umwelt ist.
Über 1,7 Millionen Mal ist der Film auf YouTube angesehen worden, womit das erste Ziel der Kampagne, Aufmerksamkeit, sicher mehr als erfüllt ist. Ob der Witz und die Verbindung mit dem Thema Klimaschutz gelungen ist, darüber gibt es unterschiedliche Meinungen.
Die von Burkhard Müller-Ullrich ist eine ganz besondere. Er sieht in dem Film eine Darstellung und Beschönigung von Kindesmissbrauch.
Dass Kinder ihre Eltern beim Geschlechtsverkehr überraschen, ist eher eine Standardsituation in Film und Fernsehen — und vermutlich auch eine Standardangst von Eltern und Jugendlichen. Müller-Ullrich kommt das abartig vor. Ausführlich fragt er sich anfangs, ob die Bundesumweltministerin oder einer ihrer Mitarbeiter so etwas wohl als Teenager erlebt und dadurch ein „Kindheitstrauma“ erlitten habe, das sie nun durch den Film „psychotherapeutisch zu bearbeiten“ versuche — als sei die Situation und ihre Verwendung in einem Werbefilm so abwegig.
Detailliert beschreibt er den Film und dass der Vater „a tergo“ in die Frau „eindringt“ bzw., sicherheitshalber noch einmal mit umgekehrter Deutsch-Latein-Verteilung formuliert, sie „von hinten penetriert“. Dass die „geschlechtsreife Tochter“ ihrem Vater, der sie „geil und gestört“ anblickt, „aufmunternd zunickt“, das ist für den Deutschlandfunk-Kommentator Ausdruck „einer der übelsten Männerphantasien“.
Wirklich? Welche üble Männerphantasie genau? Der Tochter im Teenageralter zusehen zu können, wie sie ihren Eltern beim Geschlechtsakt zusieht und … nickt? Bevor sie das Licht ausmacht? Weil sie es nicht sehen will?
Es gehört schon eine ziemlich üble Männerphantasie dazu, hier eine üble Männerphantasie am Werk zu sehen. Aber Müller-Ullrich setzt noch einen drunter. Er sieht in der schlichten Aufforderung, Strom zu sparen, nicht nur „Agitprop im Gewand von Volksaufklärung“. Er fügt noch hinzu:
Es ist verständlich, dass eine Ministerin, deren Namen niemand kennt, alles daransetzt, um Aufmerksamkeit zu erregen. Aber die Mixtur aus Umwelterregtheit und Kindesmissbrauch hätte man eher einer Grünen als einer SPD-Frau zugetraut.
Das sagt er wirklich.
Die Mixtur aus Umwelterregtheit und Kindesmissbrauch hätte man eher einer Grünen als einer SPD-Frau zugetraut.
Einen solchen doppelten Tiefschlag muss man erst einmal hinbekommen. In einem Satz nicht nur aus einer peinlichen Situation einen „Kindesmissbrauch“ zu machen. Sondern auch noch vage anzudeuten, dass grüne Frauen bekanntermaßen Kindesmissbrauch propagieren.
Er lebt danach noch ein paar Müller-Ullrich-Phantasien aus:
Das Motto dieser Kampagne lautet: „Zusammen ist es Klimaschutz“. Doch ab wie vielen ist „zusammen“? Empfiehlt die Ministerin auch Gangbangs im Dunklen? Deutschland als Darkroom? Und was ist mit der Heizung? Sollen wir gegen den Triebhauseffekt nicht besser im Kalten kopulieren?
Hahaha, Triebhauseffekt, hahaha.
Er belässt es nicht bei lustigen Wortspielen:
Bekanntlich beruht die ganze Klimapolitik auf einer Portion Wahnsinn. Doch jetzt gibt es einen Bildbeweis, dass im Umweltministerium richtige Psychopathen zugange sind. Einer Regierung, die solche Filmphantasien bestellt, bezahlt, freigibt und als unterhaltsam bezeichnet, die es überhaupt für ihre hoheitliche Aufgabe hält, solchen Quatsch zu produzieren, solch einer Regierung ist natürlich alles zuzutrauen. Wahrscheinlich hört sie auch Stimmen.
Der Film als Beweis, dass im Umweltministerium „Psychopathen“ arbeiten, die ihre „übelsten Männerphantasien“ ausleben und „Kindesmissbrauch“ zeigen oder betreiben, obwohl das doch eigentlich Sache der Grünen ist? Im Deutschlandfunk ist das ein sendefähiger Kommentar und akzeptabler Beitrag zur Meinungsbildung. Ausdruck der „verrohten Kommentarkultur“ einer „Hassgesellschaft“ würde es wohl erst, wenn es ein Leser oder Hörer unqualifiziert irgendwohin kommentierte.