Autor: Stefan Niggemeier

Matthias Matussek scheitert an Fragebogen für Siebtklässler

Okay, ich bin dann doch nicht so wahnsinnig gut darin, Matthias Matussek zu ignorieren. Aber ich habe einen winzigen Rest Hoffnung, dass es gelingen könnte, ihm eine Sache zu erklären, nur diesen einen Punkt, den er an dieser Homosexualitätssache so grotesk missverstanden hat und der einen furchtbaren und furchtbar unnötigen Schnappatmungsanfall bei ihm ausgelöst hat.

Es ist die Sache mit der Handreichung der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) „Lesbische und schwule Lebensweisen – ein Thema für die Schule“. Darin hat Matussek etwas gefunden, was er für „das Dümmste und Seichteste an versuchter Gehirnwäsche und Erziehung zum ‚Neuen Menschen'“ hält, das er „seit Jahren“ gelesen hat. Und was er für den zentralen Punkt hält, um den es in Baden-Württemberg („und auch in den Millionenmärschen in Paris“) geht.

Ich zitiere mal ausführlich und am Stück aus dem, was er im „European“ schreibt, damit man eine Ahnung davon bekommt, wie sehr die Pferde mit ihm durchgegangen sind:

In einem „heterosexuellen Fragebogen“ für Siebtklässler, also pubertierende 13- bis 14-Jährige wird diese Gewissenserforschung betrieben:

  • Woher glaubst du, kommt deine Heterosexualität?
  • Wann und warum hast Du dich entschlossen, heterosexuell zu sein?
  • Ist es möglich, dass deine Heterosexualität nur eine Phase ist und dass du diese Phase überwinden wirst?
  • Ist es möglich, dass deine Heterosexualität von einer neurotischen Angst vor Menschen gleichen Geschlechts kommt?

Und ist es möglich, dass da ein paar schlechtgelaunte bärtige Sandalenträger in selbstgestrickten Pullovern ebenso selbstgestrickte Kulturstrategien ausknobeln, die zwischen Unverschämtheit und Klippschusterwissen hin und herpendeln, um den „neuen Menschen“ zu erziehen?

Was soll ein 13-Jähriger auf die Frage antworten, woher seine Heterosexualität kommt? Und was, ob diese eine Phase ist? Ganz nebenbei wird hier übrigens insinuiert, dass Homosexualität kein genetisches Schicksal ist, sondern eine frei zu entscheidende Wahl. Ihr müsst euch mal langsam entscheiden, Leute! Um die pubertierenden 14-Jährigen völlig verrückt zu machen, wird ihnen die beliebte Vermutung, dass die Normalen, die man „Heterosexuelle“ nennt, eine „neurotische Angst vor Menschen gleichen Geschlechts“ hätten, in eine Frage gegossen — sind die noch zu retten?

Doch damit nicht genug. Während Homosexualität offenbar als genetisch bedingt angesehen wird, wird nun die Heterosexualität zu einer Variablen; zu einer Wahl, die sich ändern lässt.

Denn Frage 11 — und jetzt kommt’s — lautet: „Es scheint sehr wenige glückliche Heterosexelle zu geben; aber es wurden Verfahren entwickelt, die es dir möglich machen könnten, dich zu ändern, falls du es wirklich willst. Hast du schon einmal in Betracht gezogen, eine Elektroschock-Therapie zu machen?“

Das steht da tatsächlich! Das haben sich diese Frankensteins tatsächlich aus ihren wirren Schädeln qualmen lassen.

Vielleicht kann mir ein Deutschlehrer unter den Lesern sagen, ab welcher Klasse man ein Leseverständnis bei den Schülern voraussetzen würde, das zur richtigen Interpretation dieses Fragebogens befähigt.

Ich versuche es, für Matussek, mit einfachen Worten zu erklären. Das Ziel dieses Fragebogens ist nicht, die Schüler an ihrer Heterosexualität zweifeln zu lassen. Das Ziel dieses Fragebogens ist es, die Schüler am Sinn dieser Fragen zweifeln zu lassen.

Es handelt sich um Fragen, mit denen sich klassischerweise Lesben und Schwule konfrontiert sehen. Dadurch, dass die Fragen, Mythen und Stereotypen (Homosexualität ist nur eine Phase / Homosexualität ist eine Neurose / Homosexuelle haben besonders häufig Geschlechtskrankheiten und sind besonders häufig Päderasten / Homosexuelle sind unglücklich, aber Homosexualität lässt sich mit der richtigen Therapie wieder aberziehen) umgekehrt und auf Heterosexualität angewandt werden, sollen die Schüler erkennen, wie sinnlos diese Fragen sind, wie merkwürdig die Annahmen sind, die ihnen zugrunde liegen, wie groß die Zumutung ist, ihnen ausgesetzt zu sein.

Lesen Sie sich den Fragebogen durch (hier, Seite 20/21), das kann man doch gar nicht missverstehen, wenn man nicht komplett verbohrt ist? (Birgit Kelle und viele ihrer Mitstreiter haben es auch nicht verstanden oder nicht verstehen wollen.)

Das Ziel des Fragebogens ist in der Handreichung selbst angegeben: „Vorurteile und Stereotype“ sollen „deutlich gemacht“ werden.

Und die Vorlage für diesen Fragebogen ist auch angegeben: Es ist das „Heterosexual Questionnaire“ von Dr. Martin Rochlin, dem Gründer der Society for the Psychological Study of Lesbian and Gay Issues, einem Teil der Psychologen-Vereinigung in den USA.

Rochlins Fragebogen ist von 1972. Er ist über vierzig Jahre alt. Und mit einer schlichten Google-Suche hätte Matussek nicht nur das Original gefunden, sondern sogar eine Interpretationshilfe:

The heterosexual questionnaire was created back in 1972 to put heterosexual people in the shoes of a gay person for just a moment. Questions and assumptions made of gays and lesbians that are unfair, are reversed and this time asked to straight people to demonstrate their absurdity.

Ja: Die Fragen, über die sich der homophobe Publizist so echauffiert, sind schlimm, falsch und grotesk. Genau das ist der Witz. Das zu erkennen und auf die Fragen zu übertragen, mit denen sonst Homosexuelle konfrontiert werden, ist das Lernziel dieses Fragebogens.

Dieses Fragebogens für Siebtklässler.

Und der Mann, dessen Leseverständnis nicht ausreicht, um das richtig zu interpretieren, und der sich stattdessen in einen Empörungsrausch über die „Frankensteins“ schreibt, die so etwas „tatsächlich aus ihren wirren Schädeln qualmen lassen“, war eine Weile Kulturchef beim „Spiegel“.

Das wär jetzt wirklich mal ein Punkt zum Hände-über-dem-Kopf-Zusammenschlagen.

Zünglein an der Gage

Vielleicht hat Marco Angelini, der aus dem RTL-Dschungelcamp unbekannte österreichische Sänger, neulich hinter den Kulissen einer Wiedersehensshow seine Garderobe verwüstet. Vermutlich nicht.

Ist auch egal, werden Sie jetzt sagen. Egal.

Am Dienstag meldete „Bild“, dass Angelini „komplett“ ausgerastet sei. Mit „komplett“ ist gemeint:

DER ÖSI SOLL SEINE GARDEROBE VERWÜSTET HABEN!

Jaha, soll, Verzeihung: SOLL!

Für ein Blatt, dem es sonst wirklich nicht drauf ankommt, ob etwas stimmt, formuliert „Bild“ erstaunlich vorsichtig:

Dann stürmte ANGRYlini in seine Garderobe und soll seinem Frust freien Lauf gelassen haben — wie ein echter Rockstar. Tische und Stühle sollen geflogen sein, das Fenster der Garderobe ging wohl zu Bruch. Man spricht von 1000 bis 3500 Euro Schaden.

Es klingt nicht so, als ob „Bild“-Reporter Daniel Cremer selbst überzeugt wäre, dass das Fenster der Garderobe zu Bruch ging, oder jemanden gefunden hätte, der wüsste, was für ein Schaden dabei entstand. („Tja, keine Ahnung, was so ein Garderobenfenster kostet. Tausend Euro? Vielleicht auch das dreieinhalbfache, wasweißich.“)

Nun beschäftigt die „Bild“-Zeitung für solche Fälle jemanden, der sich vorstellen kann, wie etwas passiert ist, von dem man nicht einmal weiß, ob es passiert ist: Die Zeichnerin Silke Bachmann.

Wenn Sie einmal schauen mögen.

Das ist also offensichtlich ein Ikea-„Lack“-Tischchen, das da, öh, hm. (Nach meiner persönlichen Erfahrung wäre es in dieser Konstellation nicht das Fenster, das kaputt geht, aber gut.)

Soweit, so „Bild“.

Nun sagt RTL aber: „An der Verwüstungs-Geschichte ist nichts dran: Weder RTL, der Produktion, noch dem Studiobetreiber ist die angebliche Demolierung bekannt, die Garderobe ist völlig in Ordnung.“

Und verweist unter anderem auf einen Artikel der österreichischen Seite news.at, wo Angelini mit den Worten zitiert wird: „Das ist alles erstunken und erlogen, dafür habe ich Zeugen.“ Er kündigt an, rechtlich gegen „Bild“ vorzugehen, bzw. auf österreichisch: „Ich bin stinksauer. Das ist das erste Mal, dass ich ein Medium klagen werde.“

Nun dachten wir bei BILDblog (genauer: der Mats), fragen wir doch einfach mal direkt beim Management von Angelini nach, was denn da passiert ist und wie genau die rechtlichen Schritte sein sollen. Es handelt sich um die Berliner Firma 2DayRecords GmbH von Alexander J. Benz („Label Owner / Manager / Producer / Songwriter“).

Erst bekamen wir keine Antwort.

Dann doch:

Hallo Herr Schönauer,

dazu können wir uns nur gegen eine Gagenzahlung äußern.

Beste Grüße
Alexander

Ah. Tja, blöd.

Auf dem Fahrrad zu Al-Qaida: Freie Journalisten werben wie die „Zeit“

Die „Zeit“ hat vor ein paar Tagen eine etwas merkwürdige Werbekampagne gestartet, in der man einigen ihrer Autoren beim Laufen, Fahren und Gefahrenwerden zusehen und beim Reden zuhören, aber nicht beim Reden zusehen kann. Das hat bestimmt irgendetwas zu bedeuten, soll aber hier gar nicht das Thema sein.

Die „Freischreiber“, der Verband der freien Journalisten (bei dem ich Mitglied bin), fanden das jedenfalls eine wunderbare Vorlage für eine Parodie. Für eigene Filme („ebenfalls hochemotionale, sehr persönliche Erzählstücke“), die nicht das Autorensein poetisch illustrieren, sondern sich mit den Bedingungen beschäftigen, unter denen freie Autoren arbeiten.

Anstelle von Wolfgang Bauer, der auf dem Fahrrad fährt und dabei über Al Qaida redet („Ich glaub, die Welt wird zusammengehalten von Emotionen und gesteuert durch Emotionen“) …

… sehen wir zum Beispiel Jakob Vicari, der auf dem Fahrrad zu Al-Qaida fährt („Ich habe dann lange versucht, ein richtiges Gefährt zu bekommen. Ich wollte einen Panzerwagen, wenigstens einen Jeep. ‚Das Fahrrad reicht‘, hat die Redaktion gesagt“):

Auf der „Freischreiber“-Seite kann man sich alle fünf Originale und Parodien ansehen. „Wir begrüßen das Ansinnen, die Menschen und Bedingungen zu zeigen, die Qualitätsjournalismus schaffen“, erklärt der Verband. Der Vorsitzende Benno Stieber sagt: „Gerne nehmen wir diese Einladung an. Lassen Sie uns gemeinsam für Autoren und faire Produktionsbedingungen im Journalismus werben.“

Das Ende der Toleranz

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Ist das wirklich das Jahr 2014? Ist es wirklich wahr, dass Homosexualität zwar geduldet wird – aber nur dann, wenn Lesben und Schwule möglichst unsichtbar bleiben? Ein paar notwendige Worte zum Kulturkampf.

Johann Wolfgang Goethe hätte der Diskussion gutgetan. Gleich am Anfang der Talkshow von Sandra Maischberger in dieser Woche, als sich die Runde hoffnungslos in der Frage verhedderte, ob man von den Menschen verlangen dürfe, dass sie Homosexualität akzeptieren, oder nur, dass sie sie tolerieren.

Die konservative Journalistin Birgit Kelle hatte auf dieser Unterscheidung bestanden und bot Toleranz, aber keine Akzeptanz. Sie müsse bestimmte Dinge hinnehmen, sagte sie, aber sie müsse sie nicht gut finden. Akzeptanz aber würde bedeuten, „dass ich meinen Standpunkt ändern muss“.

Aber dann sollte sie sagen, ob sie die Travestiekünstlerin Olivia Jones „akzeptiert“ oder „toleriert“, und Maischberger stolperte darüber, dass sie nicht wusste, ob sie den als Frau auftretenden Mann nun als „er“ oder „sie“ bezeichnen sollte, und Frau Kelle verwirrte mit dem Satz, sie müsse ja auch andere politische Meinungen innerhalb des demokratischen Spektrums nicht „akzeptieren“, und die kleine Chance, an einem entscheidenden Punkt der Debatte für Klarheit zu sorgen, verpuffte im allgemeinen Durcheinander.

Goethe hätte geholfen. In seinen „Maximen und Reflexionen“ findet sich der Spruch: „Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein: Sie muss zur Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen.“

Was er meint, hat der Philosoph und Politikwissenschaftler Rainer Forst anhand von Beispielen aus der Geschichte erläutert. Dem Edikt von Nantes etwa, mit dem Heinrich IV. den protestantischen Hugenotten im katholischen Frankreich 1598 religiöse Toleranz gewährte. Das erlaubte ihnen innerhalb enger Grenzen die Ausübung der Religion, machte aber die Ausbreitung des Protestantismus gleichzeitig faktisch unmöglich. Es erkannte die Hugenotten als Staatsbürger an, fixierte aber ihren Status als Staatsbürger zweiter Klasse.

Oder die „Toleranzpatente“ des deutschen Kaisers Joseph II. von 1781, die es drei christlichen Minderheitskonfessionen in den Habsburger Erbländern erlaubten, ihre Religion auszuüben – im Privaten. Ihre Kirchen durften keine Glocken haben und keinen Eingang von der Straße.

Diese „Toleranz“ war für die betroffenen Minderheiten ein großer Fortschritt. Sie bedeutete das Ende der Verfolgung. Aber sie zementierte zugleich die Ungleichheit. Rainer Forst spricht von „Inklusion bei gleichzeitiger Exklusion“.

Toleranz in diesem Sinne bedeutet, etwas, das man ablehnt, aus pragmatischen Gründen hinzunehmen. Es bedeutet ausdrücklich nicht, es als gleichwertig zu akzeptieren.

Die Begriffe „Toleranz“ und „Akzeptanz“ werden im Alltag so unscharf und austauschbar verwendet, dass der Versuch aussichtslos ist, den Unterschied anhand der Wörter zu erklären. Aber die verschiedenen Konzepte lassen sich sehr klar beschreiben. Konservative wie Birgit Kelle sind bereit, Homosexualität als Tatsache hinzunehmen, und sie sind sogar dafür, dass Homosexuelle nicht mehr verfolgt werden. Aber sie lehnen es scharf ab, Lesben und Schwule und deren Partnerschaften als gleichberechtigt anzuerkennen. Und sie gehen auf die Barrikaden, wenn der Staat den Kindern in den Schulen vermitteln will, dass es „sexuelle Vielfalt“ gibt und dass andere Identitäten als die heterosexuelle nicht minderwertig sind.

Sie lehnen es ab, mehr zu sein als tolerant. Und vor allem lehnen sie es ab, dass der Staat es ist oder wird.

Das ist im Kern der Kulturkampf, der da tobt. Die Menschen, die in Baden-Württemberg und anderswo auf die Barrikaden gehen, kämpfen für das Recht, Homosexualität und Homosexuelle „nicht gut“ finden zu müssen (als ergäbe das irgendeinen Sinn). Sie sind oder geben sich insoweit tolerant, als sie Lesben und Schwule nicht mehr verfolgt wissen wollen. Aber sie sagen: Das muss jetzt gefälligst reichen!

Und die Lesben und Schwulen und ihre liberalen Verbündeten sehen, dass diese Art von Duldung eine Beleidigung ist, und sind nicht mehr bereit, das zu akzeptieren. Es geht um das Ende der Toleranz, auf beiden Seiten.

Ironischerweise können die Leute auf beiden Seiten gerade nicht fassen, was für eine Debatte da gerade stattfindet. Auf der einen Seite die, für die der Umgang mit sexueller Vielfalt längst selbstverständlich ist und die nicht glauben können, dass das in öffentlich-rechtlichen Talkshows im Jahr 2014 noch ein umstrittenes Thema sein könnte. Und auf der anderen Seite die, die eigentlich der Meinung sind, dass dem Thema ohnehin zu viel Aufmerksamkeit zuteil wird, und die doch eigentlich dafür kämpfen, dass sie (und ihre Kinder!) nicht dauernd damit behelligt werden.

Die aufgeklärten Homosexuellen-Gegner von heute haben nichts dagegen, wenn Lesben und Schwule ihre Veranlagungen im Privaten ausleben, solange sie dabei keine Glocken läuten. Aber es ist schon zu viel, wenn ein Unternehmen wie Facebook seinen Nutzern die Möglichkeit bietet, sich auf der Seite nicht mehr als „Mann“ oder „Frau“ identifizieren zu müssen, sondern aus Dutzenden teils sehr spezifischen Geschlechtskategorien diejenigen zu wählen, die sie am besten beschreiben. Angeboten werden etwa: „Gender Fluid“, „Trans Person“ und „Neutrois“.

Jeder Facebook-Nutzer darf weiter einfach „Mann“ oder „Frau“ bleiben, und trotzdem fühlen sich die, denen das als Beschreibung völlig ausreicht, und die finden, dass das gefälligst auch für alle anderen ausreichen sollte, von der neuen Wahlmöglichkeit unterdrückt. „Ich will mich gar nicht erst zu sehr darüber auskotzen“, schreibt sofort ein Kommentator auf „Zeit Online“ unter die Meldung von dem neuen Auswahlfeld: „ich finde es nur unsäglich bis unerträglich, wie penetrante, laut schreiende, winzige Minderheiten die große Mehrheit tyrannisieren.“

Das ist keine Einzelmeinung. Eine vernehmlich große Gruppe von Menschen fühlt sich tyrannisiert und als Opfer.

Sie können es nicht fassen, welche öffentliche Aufmerksamkeit der Fußballspieler Thomas Hitzlsperger für sein Coming-out erfahren hat: dass er so viel Anerkennung dafür bekam, dass er sichtbar machte, was nach ihrer Ansicht vielleicht zu tolerieren ist, aber nicht in die Öffentlichkeit gehört.

Dahinter steckt oft auch ein Missverständnis darüber, worüber wir reden, wenn wir über Homosexualität reden. Es geht nicht um Sexualität im Sinne irgendwelcher Praktiken, nicht um Einblicke in das Intimleben eines Menschen. Es geht um einen elementaren Teil seiner Identität, um Aspekte seines Lebens, die bei Heterosexuellen völlig selbstverständlich Teil des öffentlichen Lebens sind.

Der Sozialpsychologe Ulrich Klocke hat auf „Zeit Online“ in diesen Tagen in einem lesenswerten Beitrag erklärt, woher Homophobie kommt und wie sie zu heilen wäre, und dabei erst einmal aufgezählt, wie penetrant Heterosexualität im Alltag zur Schau gestellt wird: „Paare, die händchenhaltend flanieren; Kolleginnen, die auf der Arbeit von ihrem Freund erzählen; Politiker, die auf Wahlplakaten mit Frau und Kindern posieren; Tanten, die ihren Neffen fragen, ob er schon eine Freundin hat.“ Geht es um Homosexualität, ist all das gleich eine Zumutung, ein öffentliches Zurschaustellen von eigentlich höchst Privatem, eine Diskussion über Sex, vor der zum Beispiel Kinder geschützt werden sollen.

Diejenigen, die Homosexualität „tolerieren“, fühlen sich genervt, wenn ein Prominenter öffentlich sagt, dass er schwul ist, obwohl er damit weniger über sein Privatleben sagt, als wenn er sich mit seiner Freundin auf dem roten Teppich zeigen würde. Klaus Wowereit musste sich von Guido Westerwelle vor dessen Coming-out noch öffentlich als eine Art Exhibitionist darstellen lassen, der sein „Schlafzimmer“ ausstellt.

Natürlich ist die Aufmerksamkeit, die Hitzlspergers Coming-out bekommen hat, übertrieben. Natürlich wird der dritte, fünfte oder neunte prominente Fußballspieler, der vielleicht irgendwann mal sein Schwulsein öffentlich macht, keine große Nachricht mehr sein, sondern nur noch eine kleine. Aber Normalität wird auch dann nicht bedeuten, seine Homosexualität gar nicht mehr öffentlich zu machen.

Dabei war das die paradoxe Hoffnung, die sich für Konservative mit der Toleranz gegenüber Homosexuellen verband: dass Schwule und Lesben, wenn sie nicht mehr verfolgt werden, wieder unsichtbar würden.

Der leitende „Weltwoche“-Redakteur Philipp Gut hat das in einem Aufsatz, den die „Welt“ nachdruckte, schon vor fünf Jahren in besonders entlarvender Weise formuliert. Er beschwerte sich, dass es alle möglichen Interessenvertretungen gibt, „von den Schwulen Eisenbahnfreunden in Deutschland über die Schwulen Väter und den LesBiSchwulen Jugendverband bis zu schwulen Offizieren und Polizisten“. Er beschwerte sich über den Lehrer, der seiner Klasse schon am ersten Schultag erzählte, dass er schwul sei, und über die Christopher-Street-Day-Paraden. Er schrieb: „Nach der erfolgreichen Emanzipation der Schwulen dürfte man eigentlich erwarten, dass die Homosexuellenbewegung etwas lockerer wird. Welche Bedeutung hat die penetrante, ja das öffentliche Leben bedrängende ,Sichtbarkeit‘ noch?“

Er wollte nicht verstehen, dass die „Sichtbarkeit“ von Lesben, Schwulen, Trans- und Intersexuellen nicht nur Mittel zum Zweck der Emanzipation ist, sondern ihr Ziel.

Diese Sichtbarkeit empfinden die toleranten Homo-Gegner als Belästigung und als Bedrohung; und die Versuche, Kindern und Jugendlichen sexuelle Vielfalt gleich als Selbstverständlichkeit zu vermitteln, als einen Angriff auf ihr gottgegebenes Recht, Homosexuelle und deren Liebe weiter als unnormal und defizitär abzuwerten. Sie fühlen sich in ihrer Toleranz verraten: So wie für die tolerierten religiösen Minderheiten vor zweihundert oder vierhundert Jahren die Pflicht galt, keine neuen Anhänger zu werben, sollten auch Lesben und Schwule ihren vermeintlichen „Lebensstil“ nicht als „erstrebenswert“ anpreisen dürfen – als ließe sich homosexueller Nachwuchs anwerben.

Vorgestern sprach die 26-jährige kanadische Schauspielerin Ellen Page auf einer Veranstaltung der LGBT-Bürgerrechts- und Lobby-Organisation Human Rights Watch, und man hörte ihrer Stimme an, wie aufgeregt sie war. „Ich will mich nicht mehr verstecken und lügen“, sagte sie. „Ich bin homosexuell.“ Die Zuhörer im Saal sprangen auf und jubelten ihr zu.

Es wird Leute geben, die das wieder missverstehen und glauben, dass da jemand dafür gefeiert wird, dass sie lesbisch ist, und die sich in ihrem Wahn bestätigt sehen, dass es so weit kommen werde, dass man sich dafür entschuldigen müsse, Hetero zu sein. Und die nicht sehen, dass Ellen Page dafür gefeiert wird, dass sie endlich einfach das tut, was für Heterosexuelle völlig alltäglich und selbstverständlich ist, aber anscheinend selbst für kanadische Schauspielerinnen immer noch Mut erfordert.

„Hier ist der Text, und die Melodie bitte wie immer“

Vorbemerkung, sicherheitshalber: „Splash News“ ist eine ernst gemeinte Agentur für Klatsch und Boulevardquatsch. Es handelt sich nicht um eine Satire. Seriöse Fernsehsender… naja, okay, jedenfalls: Programme wie ProSieben zahlen der Agentur Geld für die Berichte und stellen deren Filme auf ihre Internetseiten. Filme wie diesen:

So. Und jetzt nehmen Sie sich einen Moment und stellen Sie sich vor, wie dieselbe Sprecherin einen grenzdebil betexteten Film derselben Agentur über den Tod von Philip Seymour Hoffman sprechen und unter anderem den Satz sagen würde: „Angeblich befand sich noch eine Nadel in seinem Arm.“

Fertig? Und los:

[via Magnus]

Ignoring Matussek

Wie umgehen mit Matussek?

Eigentlich ist es doch fein, dass er nun auf „Welt Online“ unter seinesgleichen ist und sich relativ gut ignorieren lässt. Irgendwelche Leute dort werden ihm schon die Aufmerksamkeit zuteil werden lassen, nach der er ruft, das muss dann ja niemand erledigen, der eigentlich seriösen Journalismus sucht oder den man persönlich kennt. Und jeden Angriff auf seines albernes Halb-Bekenntnis zur Homophobie würde er doch nur als Bestätigung seiner imaginierten Opferrolle nehmen.

Andererseits könnte es dann so wirken, als sei es völlig in Ordnung, aus den eigenen Ressentiments gegen irgendeine Minderheit ein Geschäfts- und Karriere- Ruhestandsmodell zu machen. Als sei es nicht wichtig und notwendig, Leuten wie ihm und Positionen wie den seinen zu widersprechen.

Bei jedem wütenden Kommentar, den ich als Reaktion auf Matussek heute in Blogs oder auf Facebook gelesen habe, schwankte ich zwischen Applaus und dem Bedürfnis, „Pschschscht!“ zu machen: Denn mit jedem empörten Klick auf den Link zahlt sich der Einkauf des irren Lautsprechers durch die „Welt“ ja mehr aus.

Mein Freund Michalis hat sich des Themas und des Mannes nun in angemessener Form angenommen. Er schreibt etwa:

Seine Gedankenfreiheit besteht hier darin, weiterhin Gedanken zu haben, die seit Jahrhunderten Männer vor ihm hatten. Insofern darf man sie hier nicht als „Die Freiheit der Gedanken“ missverstehen, sondern muss sie wahrnehmen als „Freiheit von Gedanken“.

Und er findet ein wunderbares Bild für mein eingangs beschriebenes Dilemma:

Wenn Opa vom Krieg erzählen will, dann tun wir eben so, als würden wir zuhören, wenn das macht, dass er sich besser fühlt.

Sollte er allerdings nochmal Stiefel anziehen und in den Krieg ziehen wollen, müsste man ihm schon klarmachen, dass er in der Welt heut nichts mehr zu sagen hat.

Klatschvieh (3): Sehen und gesehen werden

Nur die Liebe zählt, Köln, 1999.

„Als das Saalpublikum ins Fernsehen kam, war ein Stimmungsaufheller, eine belebte Kulisse von Menschen gefunden, die dem Bühnengeschehen Ereignischarakter geben und es durch Augenzeugenschaft beglaubigen sollten, Repräsentanten derer zu Hause, mit dem Unterschied, dass die im Saal erst abgefüllt und aufgepeitscht, dann der Realität eines Geschehens ausgesetzt wurden, das der Zuschauer daheim nur vermittelt erlebte. Am Saalpublikum sollte er sich entzünden, in dessen Freude sollte er die eigene wiederfinden, auch wenn zunächst keine Freude aufrichtiger schien als die der Lust, selbst im Fernsehen zu sein.“

Roger Willemsen in „Audience“.

Oliver Geissen, Köln, 2006.

Seit 1999 fotografiert Egbert Trogemann das Publikum in Fernsehstudios. Mit einer schweren Plattenkamera auf einem Stativ stellt er sich vor Beginn der Aufnahme in die Mitte und zeigt das Publikum aus einer Perspektive und in einer Situation, die die Zuschauer zuhause sonst nicht sehen: noch nicht animiert, aber unverkennbar Teil der Dekoration. „Audience“ heißt das Projekt, und Trogemann beschreibt seine Tiefe so:

Es begegnen sich Blicke, treten in ein Wechselspiel von Sehen und Gesehen werden — im Blick geschieht die Begegnung mit dem Anderen. Dieses Andere zeigt sich als Ambivalenz von Homogenität und Heterogenität, zwischen Individualität und Auflösung im Raum. So verweisen diese Arbeiten auch in Auseinandersetzung mit Gruppenportraits auf Diskurse um Subjekt und Masse.

Unbedingt groß klicken!

Hast Du Töne, Köln, 2000.

5 gegen 5, Köln, 2006.

Berlin Mitte, Berlin, 2008.

Absolut Schlegel, Köln, 2002.

Dancing on Ice, Köln, 2006.

(Alle Abbildungen mit freundlicher Genehmigung des Fotografen.)

Ein Buch mit rund 60 Aufnahmen und mehreren philosophischen und mediengeschichtlichen Texten ist vor kurzem im Hatje Cantz Verlag erschienen.

Noch bis zum 27. April 2014 zeigen die Kunstsammlungen der Ruhr-Universität Bochum die Ausstellung „Audience“.

Gehirn-Gymnastik mit Hitler und Josef Joffe

Josef Joffe, der Herausgeber der „Zeit“, äußert sich in der aktuellen Ausgabe zu Kritik an seiner Arbeit:

Ein Wort in eigener Sache: Dieser Autor hat vor zwei Wochen (Zeitgeist 6/14) mit Blick auf die „Raus mit Lanz“-Petition geschrieben: „In analogen Zeiten hieß es: ‚Kauft nicht beim Juden!'“ Das geht gar nicht, echauffierten sich die Hohepriester des Digital-Tempels und deren Jünger.

(sic!)

„Die ZEIT sei ein ‚Scheißblatt‘, war einer der subtileren Kommentare. Und: ‚Mir fällt zu diesem Vergleich nichts mehr ein.‘ Dieser Spruch stammt übrigens von Karl Kraus, dem zu Hitler nichts mehr eingefallen war.“

Anscheinend habe ich Joffe also dadurch, dass ich geschrieben habe, dass mir zu seinem Vergleich nichts mehr einfällt, versehentlich mit Hitler verglichen.

Joffe hält den Nazi-Vergleich aber für zulässig, prinzipiell und konkret im Fall der Petition gegen Markus Lanz. Er kritisiert die „Sprachpolizei“ und schreibt:

Die Pauschalverdammung (…) verdeckt die eigentliche Frage: Wann ist der Vergleich legitim? Wieso ist die Kampagne gegen Markus Lanz anders als der Juden-Boykott? Beide kamen aus der Anonymität, beide wollten den Feind wirtschaftlich schädigen, beide mobilisierten das Ressentiment. Was war dann anders? Der Boykott dauerte einen Tag, am 1. April 1933; die Anti-Lanz-Kampagne steht noch heute im Netz. Natürlich ist das, was später für die Juden folgte, in nichts mit dem Fall Lanz zu vergleichen.

Maren Müller aus Leipzig, 54 Jahre alt, Betriebswirtin, alleinstehend, ehemalige SPD-Stadträtin in Borna, früher Mitglied bei Die Linke. Endlich weiß man mal, wie diese viel beschworene Anonymität im Netz aussieht.

Manche [Nazi-]Vergleiche (…) rangieren zwischen unzulässig und infam, manche sind legitim und richtig — zumindest regen sie das Gehirn zur Gymnastik an. Denken ohne Vergleichen ist nicht vorstellbar. Vergleichen ohne Denken ist unverzeihlich. Zum Schluss doch noch ein Rekurs auf Adolf H. Er hat offensichtlich Reflexe in den Hirnen hinterlassen, die selbst siebzig Jahre danach ihre Träger dazu animieren, auch den räsonierten Vergleich der Empörungslust zu opfern. Links wie rechts.

Wenn ich das richtig verstehe, ist der übermäßig Empörungslustige also laut Joffe nicht derjenige, der einen Vergleich mit den Nationalsozialisten anstellt, sondern derjenige, der einen solchen Vergleich als untauglich ablehnt. Letzterer sei ein spätes Opfer Adolf Hitlers.

PS: Joffes Irrtum, es gäbe eine Agentur, bei der man „kommerzielle ‚Shitstorm-Pakete'“ in unterschiedlichen Größen kaufen könne, korrigiert die „Zeit“ — nicht.

Der Unterschied zwischen Schwulen-Gegnern und Schwulen-Gegner-Gegnern

Gegen Ende ihrer Talkshow wollte Sandra Maischberger demonstrieren, wie hoch die Emotionen auf beiden Seiten der Debatte gehen.

Sie zitierte aus Kritik, die das Publikum gegenüber dem Deutschlandfunk einerseits und ihrer Redaktion andererseits äußerte. „Dem Deutschlandfunk wurde im Prinzip vorgeworfen, zu schwulenfreundlich zu sein“, sagte sie. „Uns wurde im Vorfeld der Sendung vorgeworfen, zu schwulenfeindlich zu sein. Und das Interessante ist dabei“ — sie zögerte und schaute betroffen in die Kamera — „die Wahl der Worte.“

Dann zeigte sie Beispiele. Einerseits:

„Homosexualität ist und bleibt pervers. In vielen Ländern ist sie bei Strafe verboten. Sie war es bei uns auch, als es noch keine falsch verstandene Liberalität gab.“

„Homosex ist nicht die Norm der Schöpfung.“

„Mich würde interessieren, wie eine Gesellschaft, die einheitlich auf die gleichgeschlechtliche Ehe setzt, die späteren Renten finanzieren will.“

Andererseits:

„Keine Plattform für Homo– und Transhasser.“

„Von Lesben und Schwulen geht keine Gefahr aus! Hier wird keiner umerzogen! Es droht auch nicht der Niedergang des Abendlandes, nur weil man über sexuelle Vielfalt informiert.“

„Beim Thema Homosexualität darf jeder zu Wort kommen, egal welchen Hass er predigt.“

Sie las hinterher noch weitere Beispiele vor, von der „einen Seite“ und von der „anderen Seite“, und suggerierte, dass die Extreme auf beiden Seiten natürlich gleichermaßen zu verurteilen seien.

Und löschte damit die Resthoffnung aus, dass sie wenigstens im Ansatz verstanden haben könnte, was so kritikwürdig an der Konstellation der Sendung und ihrer Ankündigung war.

Die Deutschlandfunk-Kritiker verurteilen Menschen für das, was sie sind: homosexuell.

Die „Maischberger“-Kritiker verurteilen Menschen für das, was sie tun: Homosexuelle diskriminieren.

Das ist nicht dasselbe. Das hat nicht dieselbe Qualität. Objektiv nicht.

Wir können darüber streiten, was der richtige Umgang mit Menschen wie Birgit Kelle und Hartmut Steeb ist. Ob ihre Positionen richtig sind oder wenigstens satisfaktionsfähig oder nicht. Wir können darüber streiten, ob die Schmähungen, denen sie ausgesetzt waren, angemessen oder übertrieben waren. Aber Gegenstand der Diskussion ist, welche Positionen sie vertreten.

Wir können auch über darüber streiten, ob die Kritik an Maischberger berechtigt war. Sie entzündete sich vor allem an der Art, wie sich ihre Redaktion im Vorfeld die Thesen der Verfechter einer vermeintlich traditionellen Moral zu eigen machte.

Es sind Angriffe darauf, wie Menschen handeln und welche Positionen sie vertreten. Das ist die eine Seite.

Und die andere Seite sagt: Ihr seid weniger wert, weil ihr lesbisch oder schwul seid. Ihr seid krank. Eure Liebe müsste man verbieten (wie es in vielen Ländern geschieht). Es sind Angriffe auf die Identität von Menschen.

Das ist nicht dasselbe. Das sind nicht zwei gleichartige Extreme, hier die übertriebenen Schwulenhasser, da die übertriebenen Schwulenfreunde. Es sind zwei völlig unterschiedliche Arten von Angriffen.

Nicht für Sandra Maischberger. Sie präsentierte vermeintlich schlimme Zitate von beiden Seiten und war schockiert über die Wahl der Worte, auf beiden Seiten.

(Ich wüsste gern, was an dem zweiten Zitat der Maischberger-Kritiker überhaupt problematisch ist, aber um das zu verstehen, muss man vielleicht in einer Redaktion arbeiten, die es tatsächlich zunächst unproblematisch fand, der Sendung den Titel zu geben: „Homosexualität auf dem Lehrplan: Droht die moralische Umerziehung?“ Es gab da in der Sendung selbst nicht den Hauch einer Andeutung von Einsicht, warum das heikel sein könnte, oder gar Selbstkritik.)

Ich halte den „Waldschlösschen-Appell gegen die Verharmlosung homosexualitätsfeindlicher Diffamierungen“, wie gesagt, für problematisch. Weil man ihn so verstehen kann, als sollten bestimmte, missliebige Positionen aus der öffentlichen Debatte ausgeschlossen werden. Aber er hat das Ziel, genau das zu verhindern, was bei Maischberger nicht nur passierte, sondern von der Moderatorin auch noch aktiv gefördert wurde: Dass der Eindruck entsteht, Diskriminierung von Minderheiten und Nicht-Diskriminierung von Minderheiten seien zwei gleichwertige Positionen oder „Meinungen“, die man in einem Duell gegeneinander antreten lassen kann. Als sei „zu schwulenfreundlich“ ein natürlicher und sinnvoller Gegensatz zu „zu schwulenfeindlich“ und das gesunde Maß irgendwas in der Mitte. Und als sei nicht „schwulenfeindlich“ an sich schon eine Haltung, die im öffentlichen Diskurs so inakzeptabel sein sollte wie „ausländerfeindlich“, „frauenfeindlich“ oder „schwarzenfeindlich“, ohne dass man sie überhaupt steigern müsste.

Und so bleibt von dieser ARD-Talkshow dank Sandra Maischberger die Botschaft, dass wir es nicht übertreiben sollten: Nicht mit der Akzeptanz von Schwulen und Lesben und nicht mit ihrer Ablehnung.

Und wenn Sie diesen letzten Satz für sinnlos halten, dann haben Sie es schwer in der Redaktion von Sandra Maischberger, die jeden Dienstag im öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Deutschland eine Talkshow moderiert.