Autor: Stefan Niggemeier

Können wir jetzt bitte mal über die Fünf-Prozent-Hürde reden?

6,86 Millionen Menschen haben gestern bei der Bundestagswahl gültige Stimmen abgegeben, die nicht zählen.

In den Wochen zuvor waren wir ununterbrochen angeschrien worden, wir müssten wählen gehen. Nichtwählen bedrohe die Demokratie, wurde uns eingeredet. Prominente führten im Radio und auf YouTube erbärmliche Schwänke auf, um uns daran zu erinnern, wann der Wahltermin ist, und dass jede Wahl in Frage komme, nur nicht die Nichtwahl.

Der „Spiegel“, dessen Deutschland-Teil sonst daraus besteht, nacheinander jeder einzelnen Partei zu jedem einzelnen Thema zu attestieren, dass sie es nicht kann und womöglich nicht einmal will, behauptete nun, dass man diese Leute aber unbedingt wählen müsse. Er diffamierte Nichtwähler in einer hysterischen Titelgeschichte als „träge, frustriert und arrogant“ und bekam sich gar nicht wieder ein vor Fassungslosigkeit darüber, dass das Nichtwählen nicht einmal mehr ein Tabu sei und es sogar Leute gibt, die sich öffentlich dazu bekennen.

Im Namen des Kampfes gegen eine niedrige Wahlbeteiligung ließ sich noch der größte Unsinn als staatstragender Akt verbrämen. Edmund Stoiber schenkte ProSieben unter diesem Banner eine komplette Imagekampagne. Das ZDF machte mit Spitzenpolitikern Kinderspiele. RTL ließ seine Zuschauer von Daily-Soap-Darsteller ansingen: „Bewegt Euren Arsch“ („Und dann wählt, was ihr wollt, nur die Braunen bitte nicht, sowas hatten wir vor 80 Jahren schon einmal. Also bewegt euren Arsch ins nächste Wahllokal“). Und natürlich kamen auch die 41 Millionen Gratis-Ausgaben, mit denen die „Bild“-Zeitung die Republik zwangsbeglückte, als selbstloser Akt daher, „Lust auf Wählen“ zu machen. „Prost Wahlzeit“, stand auf der Titelseite, „Je mehr Prozent, desto besser!“, „Auf einem Kreuz kann man nicht stehen!“ und „Wer nicht wählt, wird Wirt.“ Das war in seiner Schlichtheit und Idiotie nicht untypisch für die Medienkampagne insgesamt.

Es schien in weiten Teilen nicht darum zu gehen, die Menschen für Politik zu interessieren, sondern bloß an die Wahlurne zu treiben. Demokratie wurde auf diesen einen Akt reduziert: alle vier Jahre sein Kreuz zu machen, egal auf welcher Grundlage, irgendwo (nur bei den Braunen bitte nicht). Dass Demokratie davon lebt, dass Bürger sich informieren und einmischen, spielte ebensowenig eine Rolle wie die Frage, ob die Menschen nicht die Möglichkeit haben sollten, über dieses Ritual hinaus über die Politik des Landes abstimmen zu können. Nein, zwei Kreuze alle vier Jahre, mehr muss nicht sein, aber das muss sein — weil sonst angeblich dem System die Legitimation fehlt.

Wie erklären wir jetzt den vielen Leuten, die das geglaubt haben, dass ihre Stimme trotzdem nicht zählt? 15 Prozent der gültigen Stimmen gestern wurden für Parteien abgegeben, die es nicht in den Bundestag geschafft haben. Fast eine Million Menschen haben die Piraten gewählt, die sich aber vom Außenminister der Axel-Springer-AG als irrelevante „Splitterpartei“ verhöhnen lassen mussten, denn die 2,2 Prozent werden von unserem parlamentarischen System automatisch genullt.

Es ist mir eine große Genugtuung, dass es die FDP nicht in den Bundestag geschafft hat, aber es geht hier ja nicht um persönliche Vorlieben, sondern um die Frage, ob es gerecht ist, dass ihre 2,1 Millionen Stimmen einfach verfallen, weil sie nicht dazu reichen, die Fünf-Prozent-Hürde zu überspringen. (Im übrigen würde der Wegfall der Sperrklausel dazu führen, dass nur Menschen die FDP wählen, die die FDP wählen wollen, was ihre Rolle eher relativiert hätte. Mit der Hürde wäre ein wesentliches Argument, die FDP zu wählen, weggefallen.)

Die Euro-Kritik und der Rechtspopulismus der AfD, wie immer man zu ihr stehen mag — hätten sie es angesichts von ebenfalls über zwei Millionen Wählern nicht verdient, im Parlament repräsentiert zu werden, und sei es nur mit einem kleinen Häufchen Abgeordneten?

Es braucht eine sehr gute Begründung, den Wählerwillen zu verzerren und mit einer Sperrklausel kleinere Parteien aus dem Parlament fernzuhalten. Nach dem zweiten Weltkrieg ließ sie sich leicht mit den Erfahrungen des zersplitterten Parlaments der Weimarer Republik rechtfertigen. Aber was ist die Legitimation heute? Ist unsere Demokratie wirklich davon bedroht, dass zuviele kleine Parteien im Bundestag sitzen und das Regieren schwer machen? Oder ist die größere Bedrohung aktuell nicht vielmehr, dass eine erhebliche Zahl von Menschen das Gefühl haben muss, dass ihre Interessen im Parlament gar nicht vertreten sind?

Wochenlang haben die Medien uns bis weit über die Schmerzgrenze hinaus eingetrichtert, dass unser Wahlrecht eine Wahlpflicht sei und dass jede Stimme zählt. Sollten wir nicht das Wahlergebnis von gestern zum Anlass für eine Diskussion darüber nehmen, ob es sich nicht lohnen könnte, dafür zu sorgen, dass das sogar stimmt?

Merkel vor Steinbrück, Tierschutz vor Piraten: Die Quoten der Wahlwerbespots

Angela Merkel liegt deutlich vorne: 35 Millionen Menschen haben, zusammengerechnet, den 90-sekündigen CDU-Wahlwerbespot bei ARD und ZDF gesehen. Die 16 Ausstrahlungen hatten deutlich mehr Zuschauer als das SPD-Gegenstück, das es nur auf 30 Millionen schaffte.

Die deutschen Fernsehsender dürfen eigentlich keine politische Werbung zeigen. Außer vor Wahlen: Dann müssen sie.

ARD und ZDF verteilen die Sendeplätze nach folgendem Schema: Die großen Parteien im Bundestag bekommen je acht Ausstrahlungen pro Sender, die kleinen vier. Jede Partei, die zur Bundestagswahl zugelassen ist und mit mindestens einer Landesliste antritt, hat Anspruch auf zwei.

Der Spielraum, einzelne Spots aufgrund ihrer Inhalte abzulehnen, ist für die Sender extrem gering. Es muss schon „ein evidenter und nicht leicht wiegender Verstoß gegen die allgemeinen Gesetze, insbesondere Normen des Strafrechts“ vorliegen. So konnte in diesem Jahr die Partei „Die Rechte“ im öffentlich-rechtlichen Fernsehen Neonazis und Kriegsverbrecher als Opfer des System darstellen; die „Partei“ aus dem „Titanic“-Umfeld bekam Raum für eine mutmaßlich lustig gemeinte Parodie auf RAF-Entführungsfilme.

Die einzelnen Sendeplätze bekommen die Parteien nach einem komplexen System zugelost, das ungefähre Chancengleichheit herstellen (und Klagen von Parteien verhinden) soll. Das ist, an den Zuschauerzahlen gemessen, in diesem Jahr immerhin halbwegs gelungen.

Die Union profitiert dabei davon, dass die CSU als eigene Partei behandelt wird und bundesweit Sendezeit bekommt (obwohl der Spot, in dem Horst Seehofer davon redet, was er in den nächsten fünf Jahren tun will, zweifellos auf die bayerische Landtagswahl zielte).

Die kleineren Bundestagsparteien erreichten mit ihren ARD/ZDF-Spots zwischen 11,5 Millionen (FDP) und 14,3 Millionen (Grüne) Zuschauern. Bei den anderen Parteien reichte die Spanne von 6,6 Millionen (Die Partei, Bayernpartei) bis 9,8 Millionen (BIG).

Natürlich hängt die Quote nicht nur vom Glück des Sendeplatzes ab, sondern auch vom Spot selbst, also davon, wieviele Zuschauer sofort umschalten oder, und sei es aus Fassungslosigkeit, bis zum Schluss dranbleiben.

Frauen-, Rentner- und Familienpartei verzichteten auf die Möglichkeit, Fernsehspots zu zeigen.

Partei Sendetermin Zuschauer
(in Mio.)
Summe
(in Mio.)
CDU ZDF Mo 18:00 2,1 35,0
ARD Di 21:45 3,5
ZDF Do 17:10 1,2
ARD Fr 18:00 2,4
ZDF Di 19:20 2,8
ARD Di 22:50 1,6
ARD Do 17:35 1,0
ZDF Sa 23:00 1,9
ZDF Mi 22:10 3,2
ZDF Fr 18:00 1,7
ARD Do 21:45 3,2
ARD Fr 23:30 1,8
ARD Mo 22:15 3,0
ZDF Di 22:15 2,7
ZDF Fr 17:00 1,8
ARD Fr 18:00 1,1
SPD ZDF Mo 22:15 3,3 30,0
ARD Mo 18:00 0,9
ARD Sa 21:45 3,1
ZDF Sa 23:00 2,5
ZDF Di 17:10 1,5
ARD Mi 23:30 0,9
ZDF Do 19:20 2,3
ARD Fr 22:00 2,0
ZDF Mo 18:00 2,7
ZDF Mi 17:10 1,7
ARD Do 22:45 1,6
ARD Mo 18:00 1,5
ARD Di 17:50 1,4
ZDF Mo 22:15 3,6
ZDF Fr 18:00 2,6
ARD Fr 22:00 2,0
FDP ZDF Mi 18:00 2,0 11,5
ARD Do 18:00 0,8
ZDF Do 19:20 2,0
ARD Do 22:45 1,6
ZDF Di 23:10 1,4
ZDF Do 17:10 1,7
ARD Sa 23:00 2,2
ARD Mi 21:45 2,0
Die Linke ZDF Mi 17:10 1,4 13,0
ARD Fr 23:30 1,5
ZDF Mo 19:20 2,1
ARD Do 21:45 2,4
ARD Sa 17:45 1,5
ZDF Sa 23:00 2,7
ZDF Di 18:00 2,4
ARD Do 22:45 1,4
Grüne ZDF Do 19:22 2,3 14,3
ARD Fr 22:00 2,4
ARD Mo 23:50 0,9
ZDF Fr 17:10 1,1
ZDF Mi 23:30 1,2
ARD Do 22:15 2,7
ZDF Mo 18:00 2,6
ARD Mi 18:00 1,1
CSU ZDF Di 18:00 2,1 13,6
ARD Sa 23:40 1,2
ZDF Mo 23:40 1,4
ARD Mi 23:00 1,4
ZDF Fr 17:10 1,3
ARD Mi 18:00 1,3
ZDF Do 19:20 3,0
ARD Do 22:15 1,9
Piraten ZDF Mi 19:23 2,4 6,6
ARD Do 22:45 1,7
ZDF Mo 17:10 1,6
ARD Sa 17:00 0,9
NPD ZDF Fr 19:23 2,0 6,8
ARD Di 22:15 2,2
ZDF Di 17:10 1,4
ARD Di 18:00 1,2
Tierschutzpartei ZDF Sa 22:40 2,5 8,8
ARD Sa 17:45 1,5
ARD Di 22:50 2,1
ZDF Di 18:00 2,7
REP ZDF Di 18:00 2,2 8,2
ARD Sa 23:55 0,6
ARD Fr 21:45 2,5
ZDF Fr 19:20 2,7
ÖDP ARD Mo 22:00 2,1 6,9
ZDF Mi 19:20 2,3
ZDF Mo 17:10 1,7
ARD Sa 0:00 0,8
Bayernpartei ARD Do. 22:15 2,0 6,6
ZDF Di 23:30 1,1
ARD Fr 23:35 1,4
ZDF Sa 19:20 2,1
PBC ARD Do 21:45 2,6 7,8
ZDF Mi 17:10 1,2
ARD Sa 23:05 1,5
ZDF Mo 19:35 2,5
BüSo ARD Di 22:15 2,5 7,6
ZDF Mo 22:10 2,9
ARD Mo 17:35 1,0
ZDF Sa 17:55 1,2
Die Violetten ARD Mi 18:00 1,0 7,1
ARD Do 22:15 2,1
ZDF Sa 19:20 2,1
ZDF Mi 17:10 1,9
MLPD ZDF Mo 17:10 1,4 6,7
ARD Mi 22:45 1,5
ZDF Mi 19:20 2,8
ARD Do 18:00 1,0
Volksabstimmung ARD Sa 23:45 1,2 8,7
ZDF Mi 18:00 2,3
ZDF Di 19:30 2,8
ARD Fr 21:45 2,4
PSG ZDF Sa 18:00 0,8 8,1
ARD Sa 23:15 1,9
ZDF Di 18:00 2,7
ARD Fr 22:00 2,9
AfD ZDF Sa 19:20 2,1 7,8
ARD Mi 21:45 2,6
ZDF Do 18:00 2,2
ARD Do 17:55 0,9
Bündnis 21/RRP ZDF Do 18:00 1,8 7,8
ARD Mo 23:00 2,1
ZDF Mo 22:10 2,8
ARD Fr 18:00 1,1
BIG ARD Di 18:00 1,0 9,8
ZDF Do 18:00 1,9
ARD Di 21:45 3,9
ZDF Mi 19:20 3,0
Pro Deutschland ZDF Di 17:10 1,4 8,1
ARD Sa 17:00 0,7
ZDF Do 19:20 3,2
ARD Di 22:20 2,8
Die Rechte ARD Mi 22:15 2,3 9,2
ZDF Mo 18:00 2,7
ARD Fr 18:00 0,9
ZDF Sa 22:40 3,3
Freie Wähler ARD Mo 18:00 1,0 7,8
ZDF Do 17:10 1,2
ARD Mi 22:50 2,3
ZDF Di 19:20 3,3
Partei der Nichtwähler ARD Di 22:55 1,9 6,7
ZDF Fr 17:10 1,2
ARD Sa 17:50 0,9
ZDF Mo 19:20 2,7
Partei der Vernunft ARD Sa 17:00 0,7 7,5
ZDF Mo 17:10 1,6
ARD Mo 22:30 2,8
ZDF Fr 19:20 2,4
Die Partei ZDF Fr 18:00 2,0 6,6
ARD Mi 18:00 0,9
ZDF Di 23:35 1,9
ARD Sa 23:05 1,8

Die Realität lässt sich die Zukunft nicht vom „Stern“ vorschreiben

Beim „Stern“ hatten sie diese Woche eine originelle Idee. Die Titelgeschichte beschreibt, was in den 48 Stunden vor der Schließung der Wahllokale passieren wird.

Wobei, das trifft’s nicht. Genau genommen beschreibt die Titelgeschichte, was in den 48 Stunden vor der Schließung der Wahllokale passiert ist. Der am Donnerstag erschienene Text ist nämlich nicht als Vorschau formuliert, sondern als Reportage. Er schildert nicht Pläne, Absichten und Möglichkeiten, sondern Tatsachen. „Vorabprotokoll“ nennt die Redaktion das.

Die Methode eröffnet dem Journalismus ganz neue Möglichkeiten. Lesen Sie schon am Donnerstag, was am folgenden Freitag passiert ist!

Im Fall der aktuellen „Stern“-Ausgabe liest sich das so:

FREITAG.
18.00 Uhr, München, Odeonsplatz.
Der Anfang vom Ende beginnt mit ohrenbetäubenden Beats, die wie Faustschläge in der Magengrube landen. Mit Taataa, das von ihrer Ankunft kündet. Die Kanzlerin erscheint. Heute an ihrer Seite: Franz Josef II., Horst Seehofer, der Triumphator der Bayernwahl. Es ist Merkels 52. Großkundgebung. 5000 und mehr Leute hören zu. Sie schreitet durch eine Gasse von Menschen, die mit „Angie“-Schildern winken. Die Kanzlerin lächelt, nickt und schüttelt Hände.

(„Beats, die wie Faustschläge in der Magengrube landen“ — auch „Stern“-Reportagen aus der Zukunft beginnen mit den abgegriffensten Sprachbildern aus der Vergangenheit.)

Das kann man natürlich so machen. Allerdings nur um den Preis der Seriösität. Denn es ist ja nicht mangelnder Ehrgeiz, der sonst dazu führt, dass Reportagen von Dingen handeln, die tatsächlich schon passiert sind, sondern der Gedanke, dass es einen Unterschied gibt zwischen Journalismus und Fiktion. Und dass es vielleicht keine gute Idee ist, beide zu mischen, wenn man in Zukunft noch darauf angewiesen sein könnte, dass die Menschen einem vertrauen.

Aber das Konzept des „Stern“ wirft nicht nur medienethische Fragen auf, die man womöglich als akademisch abtun kann. Es ist vor allem kontraproduktiv. Der „Stern“ will beschreiben, wie spannend die letzten Tage des Wahlkampfes werden, und tut das dadurch, dass er zeigt, wie sehr es sich bis ins Detail vorhersagen lässt?

Er weiß und beschreibt, wie Merkel auftreten wird (wie immer), wie Steinbrück auftreten wird (wie immer), wie die Abschlusskundgebung der CDU wird (wie erwartet) und wie die der SPD (wie erwartet).

Das Unerwartete kann in der „Stern“-Reportage nicht passieren, weil es noch nicht passiert ist und weil es unerwartet ist.

18.30 Uhr, München, Odeonsplatz.
Wie immer hat ihr der Moderator zum Aufwärmen ein paar nette Fragen gestellt. Übers Kochen: ja, Rouladen. Übers Autofahren: nur noch auf Waldwegen. (…)

18.45 Uhr, Kassel, Rainer-Dierichs-Platz.

“Noch zwei Tage, und es gibt einen Regierungswechsel. Noch zwei Tage, und Sie sind die los“, sagt Peer Steinbrück. Das sagt er immer.

Gegen die Langeweile helfen ein paar behauptete Details, mit denen die vorher bekannten Termine ausgeschmückt werden:

SAMSTAG
16.45 Uhr, Haan, Neuer Markt.
Steinbrück läuft über die Kirmes, vorbei am Riesenrad Jupiter und dem Skooter Drive In.

(Ich wär so gern dabei gewesen, als sie in der Redaktionskonferenz beim „Stern“ delegierten, wer die Fahrgeschäfte der Kirmes in Haan recherchiert und wer den genauen Fußweg ermittelt, den Steinbrück dort aller Wahrscheinlichkeit nach zurücklegen wird.)

Vorher aber noch an diesem Samstag hat Jürgen Trittin einen besonderen Auftritt in der „Stern“-Zukunfts-Reportage:

14.50 Uhr, Berlin, Flughafen Tegel.
Jürgen Trittin besteigt die Air-Berlin-Maschine AB 6501 nach Köln/Bonn. Am Abend sitzt er bei Stefan Raab. Trittin fühlt sich nicht wohl in seiner Haut, seit Tagen schon. Seit bekannt ist, dass die Göttinger Grünen 1981 im Programm zur Kommunalwahl für straffreien Sex zwischen Erwachsenen und Kindern geworben haben. Er hat das Programm presserechtlich verantwortet. Er weiß, das wird an ihm hängen bleiben. Vier Jahre lang hat er sich akribisch vorbereitet: noch einmal Rot-Grün, mit ihm als Vizekanzler und Finanzminister, das war sein Traum. Sogar Schwarz-Grün, der letzte Ausweg zur Macht, bliebe ihm jetzt versperrt. Das könnte sich Merkel schon aus Anstandsgründen nicht mehr leisten. Nicht mit ihm. Aber niemand sonst könnte die ungeliebte Koalition in seiner Partei durchsetzen. Trittin ist seit über 30 Jahren Vollblutpolitiker. Jetzt kann auch er nur ohnmächtig zuschauen, wie ihm alles entgleitet.

Das ist nun der Gipfel der Anmaßung: Der „Stern“ schaut nicht nur in die Zukunft, sondern auch in einen Menschen hinein. Er behauptet zu wissen, was in Trittin vorgehen wird. (Und stellt nebenbei noch ein paar weitergehende Behauptungen über die Zukunft aus.)

Und so rührig es ist, dass die „Stern“-Leute extra vorab recherchiert hatten, wann Trittin mit welcher Maschine nach Köln fliegt, um bei Stefan Raab zu sitzen, damit es sich so richtig anschaulich liest, so sinnlos ist es. Vor allem …

… weil Trittin gar nicht bei Stefan Raab saß. An seiner Stelle war Katrin Göring-Eckardt da. (Die brisante Frage, ob sie dafür sein Ticket benutzten konnte und die gleiche Maschine nahm, könnten viellicht die Investigativprofis vom „Stern“ recherchieren. Wenn sie aus der Zukunft zurück sind.)

Die Realität fühlt sich nicht an das „Vorabprotokoll“ des „Stern“ gebunden. Ich halte das für eine gute Nachricht.

Die spannende Reportage endet übrigens am Sonntagabend:

17.59 Uhr, Berlin-Mitte, Wilhelmstraße.

Jörg Schönenborn wischt jetzt auf seinem Touchscreen zwei Grafiken ins Bild. Er hat die Digitaluhr im Blick, auf der die letzten Sekunden bis 18 Uhr leuchten. Schönenborn holt noch mal Luft und beginnt: „Jetzt in der Prognose von infratest dimap für die ARD: CDU/CSU …“

Einen Lanz für die FDP brechen

Falls die FDP es nicht in den nächsten Bundestag schafft, hat es jedenfalls nicht an Markus Lanz gelegen. In einer Talkrunde des Grauens (Til Schweiger! Hellmuth Karasek! Markus Lanz! Til Schweiger! Til Schweiger!) verteidigte er gestern tapfer die kleine Partei gegen die Kritik seiner Gäste, nahm rührend Sabine Leutheusser-Schnarrenberger vor persönlichen Angriffen in Schutz und rühmte die Arbeit von Philipp Rösler.

Üblicherweise muss er das nicht, das machen die FDP-Leute schon selbst, die sich in seiner Sendung die Klinke in die Hand geben. (Lanz macht’s ihnen aber auch kuschelig. Dem Entwicklungshilfeminister Dirk Niebel attestierte er im Juli, vermutlich auch zu dessen eigener Überraschung: „Sie haben definitiv gute Arbeit geleistet, das bescheinigen Ihnen ja viele.“) Aber jetzt, unmittelbar vor der Wahl, scheint es bei „Markus Lanz“ eine Karenzzeit für Politiker zu geben.

Ich nehme das einfach mal als Vorwand, die Statistik ins Blog zu stellen, die ich hier noch rumliegen hatte. Sie zeigt, welche Parteien die Politiker vertreten, die die Redaktion der ZDF-Talkshow in diesem Jahr eingeladen hat. Und obwohl ich nicht der Meinung bin, dass eine solche Sendung irgendeinem Proporz folgen oder ausgewogen sein muss, ist die politische Neigung von „Markus Lanz“ schon erstaunlich:

28 Prozent für die FDP.

(CDU: Peter Harry Carstensen, Wolfgang Bosbach (2x), Rita Süßmuth, Peter Altmaier, Julia Klöckner. CSU: Michael Glos, Norbert Geis, Ilse Aigner, Markus Söder (2x), Alexander Dobrindt (2x), Edmund Stoiber. SPD: Karl Lauterbach, Matthias Machnig, Malu Dreyer, Heidemarie Wieczorek-Zeul, Hans Eichel, Andrea Nahles, Kurt Beck, Heinz Buschkowsky, Martin Schulz, Heide Simonis. FDP: Dirk Niebel (2x), Daniel Bahr (2x), Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (2x), Wolfgang Kubicki (4x), Hans-Dietrich Genscher, Christian Lindner, Martin Lindner, Katja Suding. Grüne: Renate Künast, Claudia Roth, Jürgen Trittin, Christian Ströbele. Linke: Gregor Gysi, Sahra Wagenknecht, Katja Kipping. Piraten: Katharina Nocun, Johannes Ponader, Marina Weisband, Christopher Lauer.)

Gottschalk und Jauch wiederholen komplette Hängepartie

Es war der unbestrittene Höhepunkt der neuen RTL-Show „Die 2 – Gottschalk und Jauch gegen alle“: Wie Günther Jauch eine gefühlte Ewigkeit an stilisierten Hubschrauberkufen hing, während Thomas Gottschalk Quizfragen beantwortete. Jauch machte einen großen Bohei darum, wie wenig ihm diese Aufgabe liege und dass er sowas seit 30 Jahren, seit der legendären Show „Rätselflug“, nicht mehr gemacht habe.

Tatsächlich ist es erst drei Jahre her. Seine Produktionsfirma i&u wiederholte für das neue vermeintliche Show-Event einfach nochmal das Spiel, mit dem sie Jauch 2010 bei der „Großen Geburtstagsshow“ zum 60. Geburtstag der ARD schon einmal, öh, überrascht hatte.

Jaja, das habe ich am Dienstag schon aufgeschrieben.

Aber man muss es gesehen haben, in welchem Maß sich die Szenen von damals und heute gleichen: die Musik und die Soundeffekte, die vermeintlich spontanen Kommentare von Gottschalk, das ganze Geplänkel zwischen den beiden — und der behauptete Widerwille von Jauch, sich einer Übung auszusetzen, die ihm angeblich gar nicht liegt.

Sehen und staunen Sie:

Wie es klingt, wenn ein Politiker einen ARD-Intendanten um etwas „bittet“

Der niedersächsische CDU-Bundestagsabgeordnete Reinhard Grindel sagt, er habe den NDR-Intendanten Lutz Marmor „gebeten“, einen Ausgleich für die Dokumentation zu schaffen, die das NDR-Fernsehen über seinen SPD-Gegenkandidaten gezeigt hat. (Der NDR-Programmdirektor Frank Beckmann ließ die Sendung daraufhin, wie berichtet, aus der Mediathek und von Videoplattformen entfernen.) Mit einer „Bitte“ ist das Fax, das Grindel an Marmor schickte, aber unzureichend beschrieben. Er „erwarte“ einen schnellstmöglichen Ausgleich, schrieb Grindel und stellte fest: „Dass ich Anspruch auf einen solchen Ausgleich habe, kann zwischen uns nicht strittig sein.“

Grindel protestierte nicht nur gegen die mangelnde „Ausgewogenheit“ kurz vor der Wahl, sondern kritisierte den Film auch inhaltlich. Dass die Reportage inhaltliche Mängel habe, könne er „als langjähriger ZDF-Fernsehjournalist nun wirklich beurteilen“. Unverständlich scheint ihm auch zu sein, wie man auf die Idee kommen könnte, Klingbeil zu porträtieren, wenn er, Grindel, doch ein viel besserer Abgeordneter ist.

Das Schreiben vom 2. September im Wortlaut:

Sehr geehrter Herr Marmor,

als direkt gewählter Bundestagsabgeordneter des Wahlkreises Rotenburg I/Heidekreis habe ich mit großer Empörung den Beitrag im Rahmen Ihrer Reportagereihe „7 Tage“ gesehen, in dem der über die Landesliste in den Deutschen Bundestag gerückte Abgeordnete Lars Klingbeil porträtiert wurde, der sich in meinem Wahlkreis um das Direktmandat bemüht. Eine solche Reportage drei Wochen vor einer Bundestagswahl ist ein massiver Eingriff in die Chancengleichheit von Wahlkreiskandidaten und stellt einen Verstoß gegen fundamentale Grundsätze einer ausgewogenen Berichterstattung dar. Es ist nicht ersichtlich, weshalb sich dieses Reportageformat nicht auch mit zwei Abgeordneten und deren parlamentarischen Alltag hätte beschäftigen können, zumal der halbstündige Beitrag selbst in keiner Weise geeignet ist, die tatsächliche Arbeit eines Bundestagsabgeordneten widerzuspiegeln. Diese Reportage zeichnet ein Zerrbild des Abgeordnetenalltags, ergeht sich in Belanglosigkeiten und hat erhebliche handwerkliche Mängel, was ich als langjähriger ZDF-Fernsehjournalist nun wirklich beurteilen kann.

Der Höhepunkt eines Abgeordnetenlebens ist nicht die Vier-Minuten-Rede zu später Stunde, bei der das ganze Büro — die wahren Autoren des Redetextes — mit Herzklopfen vor dem Bildschirm des Parlamentsfernsehers sitzen. Der wahre Alltag eines Bundestagsabgeordneten wird geprägt von der Arbeit an den Gesetzen und dem Einsatz für Projekte aus dem Wahlkreis. Es gibt auch Abgeordnete, die ihre Reden und Pressemitteilungen selbst schreiben. Ich gehöre dazu. Die Darstellung der Arbeit zweier Abgeordneter hätte sich auch deswegen aufgedrängt, weil es Ihnen doch wohl sehr nachvollziehbar sein muss, dass sich der Alltag der Arbeit eines Abgeordneten einer Regierungsfraktion fundamental von der eines Abgeordneten der Opposition unterscheidet.

Aus dem Film wird nicht ersichtlich, weshalb die Auswahl der Autoren, wen man begleitet, gerade auf den Abgeordneten Klingbeil fiel. Ich will nur hoffen, dass dafür nicht sehr persönliche Motive und Verbindungen eine Rolle gespielt haben.

Insgesamt bleibt es aber dabei, dass das NDR Fernsehen mich mit diesem Beitrag in meinem [sic] Rechten grob pflichtwidrig verletzt und auf den Ausgang der Wahl in meinem Wahlkreis in erheblichem Umfang Einfluss genommen hat.

Ich erwarte deshalb von Ihnen, dass das NDR Fernsehen sehr zeitnah in geeigneter Weise für einen Ausgleich sorgt, der die Chancengleichheit in meinem Wahlkreis zumindest ansatzweise wiederherstellt. Dass ich Anspruch auf einen solchen Ausgleich habe, kann zwischen uns nicht strittig sein. Ich überlasse es Ihrer journalistischen Entscheidung, in welcher Weise Sie die Sache zumindest einigermaßen wieder in Ordnung bringen. Dazu bitte ich noch heute um Ihre Rücksprache.

Mit freundlichen Grüßen

(Vor- bzw. Nach-Geschichte hier.)

Jauchs Produktionsfirma lässt ihn wieder hängen

Blicken wir noch einmal zurück, auf dieses große Show-Event mit Günther Jauch und Thomas Gottschalk, und lassen uns von sueddeutsche.de einen der Höhepunkte schildern:

Deutlich größeres Kino war dagegen eine Stunt-Einlage in bester Schlag den Raab-Manier. Nur dass hier Jauch gegen sich selbst antreten musste: In Erinnerung an eine im Rückblick haarsträubende Himmelfahrtsmission aus seiner früherem SDR-Sendung Rätselflug musste sich der heute 55-Jährige wie seinerzeit an die Kufen eines Helikopters hängen. In der Abenteuer-Gameshow galt es für Jauch damals, mit Hubschrauber-Hilfe einen „Schatz“ hoch oben auf dem Loreley-Felsen zu bergen. Der tollkühne Twen verhinderte dabei 14 Sekunden lang mit bloßen Händen den eigenen Absturz. Diesmal bekam Jauch einen Sicherheitsgurt umgeschnallt („Ich habe zuhause versprochen, dass ich so etwas nicht mehr mache“) und wiederholte die Klammerübung verbissen. Fazit: Jauch hielt heute 69 Sekunden durch — die ARD ist ihm jede Kraftanstrengung wert.

Kollege Gottschalk war jedenfalls sehr angetan und zelebrierte den Moment, in dem er Jauch den von ihm während des Turn-Kunststücks verwahrten Ehering zurückgab: „Nimm diesen Ring zum Zeichen meiner Hochachtung“, scherzte der ZDF-Mann.

Hm? Die ARD? Der ZDF-Mann?

Ach so, das ist gar nicht die Kritik der RTL-Sendung „Die 2 — Gottschalk & Jauch gegen alle“ von gestern Abend. Das ist die Kritik der Sendung „60 Jahre ARD — Die Geburtstagsshow“ vom April 2010.

Die ganze Nummer mit dem Rätselflug-Remake gestern in der Sendung war eine Wiederholung. Das Getue Jauchs, mit dem er sich gegen die Übung sträubte, wie er einen Absturz nach zehn Sekunden prognostizierte und jammerte, sowas seit über 30 Jahren nicht mehr gemacht zu haben — alles Show.

Seine Produktionsfirma i&u, die die Sendung produziert, hat ihm sicherheitshalber einfach noch einmal das Spiel geschenkt, in dem er schon vor dreieinhalb Jahren gut aussah. Auch die Show damals war eine i&u-Produktion.

Ideen sind eher nicht deren Stärke. Recyceln, das können sie.

Die FDP-Wahlhelfer von der „Bild“-Zeitung

Der „Spiegel“ hat seine Dokumentare und Datenjournalisten zehntausend Ausgaben der Rubrik auswerten lassen, in der die „Bild“-Zeitung jeden Tag einen „Gewinner“ und einen „Verlierer“ des Tages kürt.

Politiker der Linken tauchen fast nur als Verlierer auf. Nur bei Vertretern von CDU/CSU und FDP ist das Verhältnis einigermaßen ausgewogen. „Je weiter links die Partei eines Politikers steht“, analysiert der „Spiegel“, „desto geringer die Chance als ‚Gewinner‘ dargestellt zu werden“.

Das ist eine schöne Fleißübung, und das Ergebnis ist auch nicht uninteressant. Aber aufgrund des extrem langen Beobachtungszeitraums von 16 Jahren — damals war Kai Diekmann noch Quark im Schaufenster nicht einmal „Bild“-Chefredakteur — verpasst der „Spiegel“, wie groß die politische Schieflage dieser Rubrik in entscheidenden Jahren wirklich sein kann.

Betrachtet man nur das Wahljahr 2013, ist das einzigartige Ausmaß der öffentlichen Huldigung, die die FDP durch die „Bild“-Zeitung erfährt, unübersehbar. Als einzige Partei überhaupt kommt sie auf mehr Gewinner- als Verlierer-Meldungen, und das gleich in einem erstaunlichen Übermaß:

Bei der Union halten sich positive und negative Erwähnungen die Waage; Parteien des linken Spektrums produzieren bei „Bild“ systematisch Verlierer-Meldungen.

Betrachtet man Gewinner- und Verlierer-Zahlen getrennt, wird die Sonderstellung der FDP für „Bild“ besonders deutlich: Die Fünf-Prozent-Partei generiert fast so viele positive Erwähnungen wie die CDU, muss sich aber fast nie als Verlierer beschimpfen lassen.

Bei SPD und Grünen gleicht die „Bild“-Redaktion einzelne positive Erwähnungen durch ein Mehrfaches an Negativmeldungen aus. Für Politiker der Linken gilt womöglich ein internes Verbot, sie als „Gewinner“ einzusortieren.

Natürlich ist die „Gewinner/Verlierer“-Rubrik nur ein kleiner Teil der „Bild“-Berichterstattung und vermutlich nicht einmal der, dem das Publikum die größte Aufmerksamkeit schenkt. Gerade an diesen winzigen Meldungen und klaren Einsortierungen lässt sich aber der Wille der Verantwortlichen erkennen, jemanden — sogar weitgehend unabhängig von der Nachrichtenlage — hoch- oder runterzuschreiben.

FDP-Spitzenkandidat Rainer Brüderle zum Beispiel sollte neulich in der seltsamen ZDF-Politik-Game-Talk-Show „Wie geht’s Deutschland“ den Begriff „Wahlversprechen“ umschreibe. Er sagte: „Wenn man viel sagt, Erwartungen hat und nix rauskommt.“ Das Publikum rief: „FDP!“ Fast jeder Politiker hätte es für diese lustige öffentliche Demütigung in die „Verlierer“-Ecke gebracht. „Bild“ machte ihn zum „Gewinner“, weil er mitlachen musste. („BILD meint: Gesunde Portion Humor!“)

Sein Bundeswehr-Käppi machte den FDP-Entwicklungshilfeminister Dirk Niebel in diesem Jahr gleich zweimal zum Gewinner, zuletzt weil es „demnächst in einer Ausstellung des Militärhistorischen Museums in Dresden zu sehen sein“ soll. „BILD meint: Hut ab!“

Und der FDP-Vorsitzende Philipp Rösler, der die „Bild“-Zeitung nicht nur metaphorisch umarmt und sich von ihr umarmen lässt, wurde Ende Juni so zum Gewinner gelobhudelt:

Vizekanzler Philipp Rösler (40) und Ehefrau Wiebke (34) besuchten Samstagabend das Robbie-Williams-Konzert in Hannovers HDI-Arena. Cool: Der FDP-Chef verzichtete auf Logenplatz und VIP-Bespaßung, saß im knallengen Muskelshirt mitten auf dem Rang — und trank Bier aus dem Plastikbecher. BILD meint: Locker-Rocker!

Solche Ranwanzerei ist, wie gesagt, eher nicht der Kern der Kampagne, mit der die „Bild“-Zeitung seit Monaten versucht, die FDP zum Gewinner zu schreiben. Sie macht die Absicht nur in besonders plumper Weise sichtbar. Der Kern der Kampagne ist eine systematisch positive bis werbliche Berichterstattung über die FDP und ihre Protagonisten und zum Beispiel die kontinuierliche Komplizenschaft bei der Wahlkampfstrategie gegen den Erzfeind, die Grünen. Dazu gehört es, Philipp Rösler in heiklen Momenten zum „Mr. Cool“ gesund zu schreiben: „Cool, cooler, Rösler“. Und dazu gehört offenbar auch, Vermittler einer FDP-Zweitstimmenkampagne mit Helmut Kohl zu sein.

Denn gestern gab sich „Bild“ kaum noch den Anschein, etwas anderes zu sein als eine Wahlkampfzeitung. Das Blatt inszenierte groß, wie „Das Spitzen-Duo der Liberalen zu Gast beim Kanzler der Einheit“ war:

Es ist ein spröder Text, der die unbedingte Pflicht zur Parteilichkeit atmet; der sich liest, als hätten mehrere Zentralkomitees mühsam darum gerungen, ihn mit möglichst vielen hölzernen Werbeformulierungen zu vertäfeln. Oder wie Friedrich Küppersbusch gestern im „Tagesschaum“ formulierte:

Wenn das „Neue Deutschland“ so hart nachgesetzt hätte, würde Honecker heute noch regieren.

Dazu passt, dass kein Autor des Artikels angegeben ist — womöglich gelangte das Protokoll direkt aus der FDP-Parteizentrale unredigiert ins Blatt. Das liest sich dann so:

Schöne Unterstützung im Wahlkampf für Schwarz-Gelb — FDP-Spitzenkandidat Rainer Brüderle und Parteivorsitzender Philipp Rösler gestern Nachmittag bei Altkanzler Helmut Kohl in Ludwigshafen.

Bei spätsommerlichem Wetter und selbst gebackenem Pflaumen- und Blaubeerkuchen tauschten die drei Politiker im Garten des Ludwigshafener Bungalows von Helmut Kohl Erfahrungen aus, sprachen über künftige Notwendigkeiten und diskutierten über den Wahlkampf.

Helmut Kohl begrüßte den FDP-Spitzenkandidaten Brüderle mit den Worten: „Schön, dass es Ihnen wieder so gut geht. Ihre Auftritte im Wahlkampf gefallen mir sehr. Dies gerade auch deshalb, weil Sie immer wieder auch von den Werten reden, die unsere bürgerliche Politik immer ausgemacht haben und heute noch ausmachen.“

Rösler ergänzte: „Und es waren gerade diese Werte, die in den vergangenen vier Jahren dazu beigetragen haben, dass es Deutschland so gut geht. Und wir wollen, dass genau dies auch in Zukunft so weitergeht.“

Einig waren sich die drei darin, dass es am 22. September wichtig ist, dass die Menschen wählen gehen. Zugleich müssten die Wähler überzeugt werden, dass die bürgerliche Koalition aus CDU/CSU und FDP fortgesetzt werde.

Das geht noch viele Zeilen so weiter. Ich empfehle sehr, das Werk in seiner kompletten inhaltlosen Floskeligkeit nachzulesen. Es ist ein Artikel zum Aufheben und Abschrecken. (Und, Spoiler: „Was Helmut Kohl der FDP für den Wahlkampf rät“, steht natürlich nicht darin, außer natürlich indirekt so etwas wie: „Macht doch mit mir eine schöne Zweitstimmenkampagne; die ‚Bild‘-Zeitung ist da gern willenloser Werbepartner, wisst ihr ja.“)