Autor: Stefan Niggemeier

Klaubbläser

Ob sie sich nicht als Blutsaugerin der traditionellen Medien sehe, wurde [„Huffington Post“-]Gründerin Huffington kürzlich gefragt. „Das ist, als würde man sich darüber beschweren, dass ein Auto schneller ist als ein Pferd“, antwortete sie. „Schon immer haben neue Technologien die alten überrollt.“

Der Vergleich stimmt nicht ganz. Die „Huffington Post“ überrollt andere Medien nicht. Sie beutet sie systematisch aus. Einen Großteil ihrer Nachrichtenschlagzeilen klaubt Huffingtons Crew einfach aus anderen Medien zusammen – viele davon sind die Online-Ausgaben traditioneller Tageszeitungen.

„Focus“, 11. Mai 2009.

„FOCUS Online“ — stolzer Partner der Huffington Post in Deutschland.

„Focus Online“, 29. April 2013.

Minus mal Minus ergibt EinsPlus: Das Digitalkanalelend von ARD und ZDF

Heute lernen wir, wie die ARD sich vorstellt, in Zukunft junge Zuschauer für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk begeistern zu können. Keine Sorge: Um Inhalte geht es dabei nicht.

Zur Einstimmung hilft eine Übung: Wir versuchen, die Digitalkanäle der ARD voneinander zu unterscheiden.

Lassen wir tagesschau24 mal weg, das ist zu leicht, da laufen den ganzen Tag Nachrichten und abends Wiederholungen aktueller Magazine, Talkshows und Dokumentationen.

Aber es gibt ja noch Einsfestival und EinsPlus.

Laut „Programmkonzept Digitale Fernsehprogramme der ARD“ ist Einsfestival ein „innovatives, kulturell orientiertes Angebot mit jüngerer Ausrichtung“. EinsPlus hingegen sei zu einem „öffentlich-rechtlichen Service-, Ratgeber- und Wissensangebot weiterentwickelt“ worden, „das schnell Akzeptanz bei den Fernsehzuschauern gefunden hat“.

Marktanteile I/2013
ZDFneo 0,8 Prozent
ZDFinfo 0,6 Prozent
ZDFkultur 0,2 Prozent
Einsfestival 0,3 Prozent
EinsPlus 0,1 Prozent
tagesschau24 0,1 Prozent
Zuschauer ab 3 Jahren. Quelle: ARD

EinsPlus brachte es im ersten Quartal 2013 auf einen Marktanteil von 0,1 Prozent. Das ist ungefähr das Maß an Zuschauer-„Akzeptanz“, das entsteht, wenn mehrere Leute beim Durchzappen versehentlich drei Sekunden bei einem Sender hängen bleiben.

Die Definitionen sind also offenbar nicht hilfreich. Die Namen schon gar nicht. Aber vielleicht hilft ein Blick ins Programm:

Auf EinsPlus läuft die „LateLine mit Jan Böhmermann“. Auf Einsfestival läuft der „1Live Talk“ mit Sabine Heinrich.

EinsPlus zeigt aktuelle Musikvideos in der Sendung „EinsPlus Charts“. Einsfestival zeigt aktuelle Musikvideos in der Sendung „Clipster“.

EinsPlus bringt „Es geht um mein Leben“ mit Pierre M. Krause. Einsfestival bringt die „SWR3 latenight“ mit Pierre M. Krause.

Gut, andererseits zeigt EinsPlus „Die allerbeste Sebastian Winkler Show“ am Dienstagabend und Einfestival am Donnerstagabend. Und der aktuelle „Tatort“ läuft auf Einsfestival am jeweiligen Sonntag nochmal um 21:45 und 23:45 Uhr und auf EinsPlus gar nicht.

Es hilft, das zu wissen, um zu verstehen, warum die Intendanten der ARD dem ZDF am Montag öffentlich vorgeschlagen haben, die jeweils drei Digitalkanäle der beiden zu fusionieren. Die ARD ist mit dem, was man euphemistisch eine Digital-„Strategie“ nennen könnte, umfassend gescheitert. Sie veranstaltet zwei Sender mit irreführenden Namen und unklarem Profil, die niemand auseinanderhalten kann und keiner guckt, sowie eine Nachrichtendauerschleife. Es gelingt ihr nicht, ein klares unterscheidbares Profil für die beiden Kanäle EinsPlus und Einsfestival zu entwickeln, weil das Konzept in Wahrheit darin besteht, dass das eine Programm vom SWR gemacht wird und das andere vom WDR.

Deshalb ist es für die ARD auch unmöglich, das zu tun, was naheliegend wäre: einen ihrer beiden Möchtegernjugendkanäle zu schließen. Denn dann müssten ja der WDR oder der SWR etwas aufgeben. Und wenn ARD-Anstalten so etwas könnten, gäbe es keine fünf wöchentlichen Talkshows und das ARD-Wirtschaftsmagazin „Plusminus“ würde nicht im Wechsel von fünf verschiedenen Moderatoren präsentiert.

Doch nun hat die ARD doch noch eine sinnvolle Verwendung für ihre vermurksten Digitalkanäle gefunden: Sie bietet an, sie zu opfern, und nutzt sie gleichzeitig als Pfand, um das ZDF in eine Senderehe zu zwingen.

Die ARD hat angesichts der dokumentierten Erfolglosigkeit ungefähr nichts zu verlieren, aber einiges zu gewinnen: Gemeinsam mit dem ZDF würde ein Neustart möglich, der nicht nur gesichtswahrend ist, sondern sogar imageträchtig: Es wirkt ungemein einsichtig und sparsam und politisch vorauseilend, mit dem Vorschlag, drei Sender einzusparen, nach vorne zu preschen. Gemeinsam könnten die Kanäle mehr Geld haben. Und auf eine bizarre Art ist es aus ARD-Sicht womöglich sogar tatsächlich einfacher, die Rivalitäten zwischen den eigenen Anstalten zu lösen, wenn man Gemeinschaftssender mit dem ZDF bildet.

Alles würde besser werden. Durch „intensivere Kooperationen“ wäre es möglich, die Digitalkanäle „weiter und besser zu profilieren“ — sagt der Senderverbund, dem es nicht einmal im Ansatz gelungen ist, zwei eigenen Kanälen ein eigenes Profil zu geben.

Wenn die sechs Digitalsender zu dreien zusammengelegt würden, biete das „die Chance zu einer weiteren Profilschärfung der schon bestehenden Gemeinschaftsprogramme Phoenix und 3sat“, träumt die ARD. Als ob es da bislang an „Chancen“ gemangelt hätte und nicht am Willen! Was die ARD und das ZDF bisher daran hindert, das Profil von Phoenix und 3sat zu schärfen, verrät die Pressemitteilung der ARD nicht.

Der Plan der ARD sieht vor, EinsPlus und ZDFkultur zu einem neuen Kanal für 14- bis 29-Jährige zu vereinen und Einsfestival und ZDFneo zu einem für 30- bis 49-Jährige. (Dass die ARD letztere als „jüngere Erwachsene“ bezeichnet, spricht Bände.)

Das öffentlich vorzuschlagen und das ZDF so unter Druck zu setzen, ist frech. Aber schon das Konzept auf der Grundlage einer solchen Altersaufteilung an sich ist Unsinn. Ist „Mad Men“ eine Sendung für 30- bis 49-Jährige? Wie groß ist die Übereinstimmung zwischen dem, was ein frisch Pubertierender und ein Familienvater mitten im Berufsleben sehen will? Angesichts der gründlich dokumentierten Schwierigkeit der Öffentlich-Rechtlichen, überhaupt Zuschauer unterhalb von 50 Jahren anzusprechen, wäre „ambitioniert“ ein schillernder Euphemismus für den Versuch, diese dann auch noch nach zwei Altersgruppen zu differenzieren.

Aber genau so scheint sich die ARD die zukünftige öffentlich-rechtliche Lebensbegleitung der Menschen vorzustellen. Erst gucken sie den gemeinsamen Kika, mit einsetzender Pubertät schalten sie zum gemeinsamen Jugendkanal um, mit 30 wechseln sie dann zum gemeinsamen jüngeren Älterenkanal.

Deshalb sei es auch keine Lösung, dass die ARD einfach einen ihrer Digitalkanäle abschalte und sich mit dem anderen auf ein junges Publikum konzentriert, sagte Lutz Marmor, der NDR-Intendant und amtierende ARD-Vorsitzende, heute Vormittag bei der Pressekonferenz nach der Frühjahrstagung der Intendanten: Wie soll das gehen? „Die ARD hat die ganz Jungen, und dann wechseln sie zu ZDFneo?“

Mit keinem Wort wurde bei der weit über einstündigen Pressekonferenz angesprochen, was jüngere Leute überhaupt sehen wollen, welche Formen der Ansprache richtig wären, welche Inhalte fehlen. „Die Zielgruppen fächern sich auf, deshalb brauchen wir Zusatzangebote für diese Zielgruppen“, sagte Marmor — als ließen sich diese Zielgruppen formal-technisch aufgrund ihres Alters unterscheiden.

Das ZDF hatte mit seinen Digitalkanälen ZDFkultur und ZDFneo ein besseres Konzept: ZDFkultur ist elitär, ZDFneo populär. Auf ZDFkultur liefen Konzerte, auf ZDFneo Serien wie „Mad Men“ und „30 Rock“. Gleich drei Sendungen von ZDFkultur sind in diesem Jahr für einen Grimme-Preis nominiert worden. Kein Wunder.

Dass das ZDF mit seinen Kanälen ungleich erfolgreicher ist als die ARD, liegt aber auch daran, dass es besonders schamlos ist, was das besinnungslose Wiederholen von zuschauerträchtigen Programmen angeht. Auf ZDFkultur läuft pro Woche 12-mal „Unser Charly“, 13-mal „Ein Heim für Tiere“, 15-mal „Tierarzt Dr. Engel“ und 39-mal die „Hitparade“. ZDFneo macht seine Quoten nicht zuletzt mit Wiederholungen von irgendeiner „Soko“, „Inspector Barnaby“, „Raumschiff Enterprise“ und der schon von RTL endlos wiederholten „Nanny“. Und ZDFinfo punktet mit Hitler.

Eigentlich hat der feine „Elektrische Reporter“ seine Heimat auf ZDFinfo. Sein origineller regulärer Sendetermin scheint inzwischen der Sonntagvormittag um 11:30 Uhr zu sein. ZDFinfo wiederholt die Sendung aber auch montags gegen 4:40 Uhr, mittwochs gegen 4:35 Uhr, donnerstags gegen 0:20 Uhr, samstags gegen 4:30 Uhr und sonntags gegen 4:45 Uhr. Es scheint eine interne Vorschrift zu geben, die Sendung nicht zu einer Zeit ins Programm zu nehmen, in der mehr als zwei Dutzend Menschen sie zufällig entdecken und schätzen lernen könnten.*

Was aus dem einstigen Anspruch (oder wenigstens: Versprechen) von ZDFneo („Wenn ich mich nur berieseln lassen will, geh ich unter die Dusche“) geworden ist, hat Peer Schader neulich anschaulich dokumentiert. Zwischen den ganzen Wiederholungen und dem „Hollywood-Freitag“ fand er in einer Woche exakt 45 Minuten neues eigenproduziertes Programm. Sein Fazit über den Kanal:

Bloß ein auf Quotenoptimierung getrimmter Programmplanersender, der sein Publikum ausschließlich als Zahl hinter der Kommastelle bei der Marktanteilsauswertung kennt.

Und ZDFkultur ist praktisch schon Geschichte: Der Sender, der mit seiner Spezialisierung insbesondere auf Musik immerhin eine klare Identität hatte, eine höchst öffentlich-rechtliche noch dazu, soll „so rasch wie möglich“ auf ein „Wiederholungs- und Schleifenmodell umgestellt werden“, wobei eh längst schon nicht mehr klar ist, woran man erkennen können sollte, wann damit begonnen wird.

Ausgerechnet diesen — von Intendant Thomas Bellut ungeliebten — Sender glaubt sich das ZDF nicht mehr leisten zu können. Und hat dadurch, dass es ihn quasi schon als eingestellt betrachtet, den Trumpf in der Hand, dass der Etat, den es nach den Träumen der ARD mit in eine Jugendkanalehe einbringen soll, gar nicht mehr vorhanden ist.

„Wir haben ein Manko“, sagte Marmor. „Wir haben kein klar definiertes Angebot für die ganz jungen, die 14- bis 29-Jährigen.“
Und ich dachte, dass EinsPlus genau so ein Angebot sein wollte und sich bloß mangels Ausstattung, Kreativität und Kompetenz dabei nicht gut anstelle.

Was hätte das ZDF davon, mit der ARD zu kooperieren? Marmor sagte, man könne sich heute schon vorstellen, wie attraktiv ein Sender wäre, der die Stärken, die ZDFneo und Einsfestival haben, kombiniert. Worin die „Stärken“ von Einsfestival aktuell bestehen, sagte er nicht. Andererseits deutete er an, dass sich, wenn man Einsfestival und ZDFneo zusammenlegte, vielleicht Geld sparen könnte, das man dann wiederum in den Jugendkanal stecken könnte.

Wie sich tagesschau24 und ZDFinfo sinnvoll zusammenlegen ließen, weiß die ARD auch noch nicht. Aber das klingt natürlich erstmal gut, und der Privatsenderverband VPRT klatschte prompt Beifall.

Die Diskussion um die Zahl der Digitalkanäle ist ohnehin irreführend. Es kommt nicht darauf an, ob es sechs sind, fünf oder drei, sondern darauf, wie die Sender sie nutzen und ob sie einen klaren Mehrwert darstellen, und sei es auch nur für eine kleine Gruppe. ZDFkultur hat das im Ansatz gezeigt. Aber ZDFkultur wird gerade abgewickelt.

*) Nachtrag, 16:30 Uhr. ZDFinfo weist mich darauf hin, dass der „Elektrische Reporter“ um 0:20 Uhr nicht versteckt wird, sondern dort erwiesenermaßen mehr Zuschauer finde, auch in absoluten Zahlen, als wenn er nicht so spät in der Nacht liefe.

Einer gegen die VG Wort: Martin Vogel und die zweifelhaften Ansprüche der Verlage

Medium Magazin

Es ist ein ungleicher Kampf. Auf der einen Seite die deutschen Verlage, die großen Journalistenverbände und -gewerkschaften, die Verwertungsgesellschaften sowie womöglich sogar zigtausend Journalisten, die in diesem Sommer keinen Scheck von der VG Wort bekamen. Und auf der anderen Seite Martin Vogel, 65 Jahre alt, Urheberrechtsexperte und Patentrichter in München.

Die einen warnen davor, das bestehende System der Verwertungsgesellschaften zu gefährden, verweisen auf Tradition und Gewohnheit und darauf, dass doch alle irgendwie ganz gut damit fahren, so wie es ist. Und der andere sagt: So wie es ist, widerspricht es aber dem Gesetz.

Es geht um das Geld, das die VG Wort von Kopiergeräteherstellern und Copy-Shops einsammelt, um die Vervielfältigung urheberrechtlich geschützter Werken zu vergüten: die Reprographieabgabe. Diese Einnahmen schüttet sie nämlich nicht nur an die Urheber aus, sondern beteiligt daran mit 30 bis 50 Prozent auch die Verlage. Die Verlage haben die VG Wort mit begründet; die Gemeinsamkeit sollte sie auch stark machen.

Doch sie haben nach Ansicht von Vogel gar keinen Anspruch, der eine Beteiligung rechtfertigen würde. Das Geld, zig Millionen Euro jährlich, stünde allein den Urhebern zu.

Die Materie ist kompliziert, und es macht die Sache nicht leichter, dass viele Beteiligte schon seit vielen Jahren an dem Streit beteiligt sind. Die juristischen Meinungsverschiedenheiten und Auseinandersetzungen verschiedener Interessen werden überlagert von persönlichen Verletzungen. Vogel ist in der Rolle eines einsamen Querulanten — oder wird, je nach Standpunkt, in sie gedrängt. Aber er gehört zu den renommiertesten deutschen Urheberrechtlern, und seine Positionen und Interpretationen sind keineswegs die exotischen Minderheitenmeinungen, als die seine Gegner sie darstellen.

Es ist ein bisschen anstrengend, mit ihm zu reden. Fast jede Frage, die auf die Gegenwart zielt, beantwortet er mit einem Exkurs in die Vergangenheit. Für ihn ist es so etwas wie seine Lebensaufgabe geworden. „Ich habe einen Großteil meiner Freizeit in diese Arbeit gesteckt, um für die rechtliche Besserstellung der Urheber zu kämpfen.“

Er hat für die damalige Justizministerin Herta Däubler-Gmelin am sogenannten „Stärkungsgesetz“ mitgewirkt, mit dem die rot-grüne Koalition 2002 die Position der Kreativen gegenüber den Verwertern verbessern wollte. In einem neuen Paragraph 63a wurde darin festgehalten, dass Urheber auf ihre Ansprüche aus der Reprographie-Vergütung nicht verzichten und sie nur an eine Verwertungsgesellschaft abtreten können. Damit konnten Verlage sich diese Rechte nicht mehr von den Autoren übertragen lassen und bei der VG Wort geltend machen. Als Folge wurde in einem Kompromiss — ebenfalls erst nach Druck von Martin Vogel — beschlossen, den Verlegeranteil an den Ausschüttungen zögernd und schrittweise zu reduzieren.

Doch die Verlagsvertreter erreichten es, dass der Paragraph 63a revidiert wurde. In einer Neufassung, die 2008 in Kraft trat, wurde ausdrücklich erlaubt, dass Urheber ihre Verwertungsrechte an Verleger abtreten können, wenn diese wiederum sie in die VG Wort einbringen. Dadurch sollte die langjährige Praxis der VG Wort, die Verlage nach vorgegebenen Pauschalanteilen an den Erlösen zu beteiligen, wieder legitimiert werden.

Martin Vogel kritisiert die Neufassung als Schwächung der Position der Urheber — meint aber, dass diese Neufassung es der VG Wort trotzdem nicht erlaubt, einfach zu ihrer alten Praxis zurückzukehren. Viele Urheber hätten einen Wahrnehmungsvertrag mit der VG Wort geschlossen, was die spätere Abtretung ihrer Vergütungsansprüche an einen Verlag ausschließe. Deshalb könne die VG Wort nicht einen Teil der Zahlungen, die den Autoren zustehen, einfach an die Verlage weiterreichen.

Nach mehreren Versuchen, eine außergerichtliche Regelung zu finden, klagte er. Der DJV, bei dem er Mitglied ist, lehnte es ab, ihm Rechtsschutz zu gewähren, aber Vogel fand einen Weg, den Streitwert und damit seine Kosten gering zu halten: Er klagte nur wegen acht Artikeln, die er selbst verfasst hatte, gegen die VG Wort. Im Mai gab ihm Landgericht München I in erster Instanz recht.

Die VG Wort scheint das Urteil völlig unerwartet getroffen zu haben — „obwohl ihr die Klage seit Dezember vorlag“, wie Vogel sagt. Die Entscheidung stellt ihre Praxis — obwohl es sich nicht um einen Musterprozess handelt — fundamental in Frage. Die VG Wort kündigte daraufhin an, bis nach einer genauen Prüfung zunächst gar kein Geld auszuschütten, was den Nebeneffekt hatte, dass Martin Vogel nun für viele Autoren nicht derjenige war, der für ihre Rechte stritt, sondern derjenige, der Schuld war, dass sie erst einmal kein Geld bekamen.

Interessensvertreter wie Gerhard Pfennig, bis Ende 2011 Vorsitzender der VG Bild-Kunst, versuchten, Stimmung gegen Vogel zu machen: „Dass die von vielen nicht beamteten, sondern freiberuflichen Urhebern dringend benötigten Zahlungen der VG Wort und der VG Bild-Kunst jetzt erst einmal auf längere Zeit ausbleiben werden, muss einen Patentrichter, für den die Zahlungen bestenfalls die Weihnachtsgans finanzieren, nicht weiter stören, sofern es nur der Wahrheitsfindung dient“, schrieb Pfennig im Mai in einem Leserbrief an die „Süddeutsche Zeitung“. Er versuchte darin, Vogels Kampf gegen die Verteilungspraxis der VG Wort als einen persönlichen Rachefeldzug darzustellen, weil ihm der „gewünschte Aufstieg in die Verwaltungsgremien versagt blieb“.

Auch Vertreter des Deutschen Journalistenverbandes schürten öffentlich die Wut auf Vogel. Michael Hirschler, Referent für Freie Journalisten, nannte das Urteil eine „Katastrophe für die freien Journalisten“ und spielte deren angenommene chronische Geldknappheit gegen das vermutete Auskommen des Patentrichters Vogel aus. „Wohlbestallter Richter kippt die Autorenzahlungen der VG Wort“, polterte Hirschler in einem DJV-Blogeintrag, nannte Vogel „mutmaßlich wohlversorgt“ und schimpfte, er dürfe „wohl weniger finanzielle Sorgen haben“ als die Urheber, die er um ihr Geld bringe — „und spielt zugleich den Unschuldigen“.

Es ist erstaunlich, in welchem Maß die Gewerkschaften für die Interessen der Verleger zu kämpfen scheinen. DJV-Justiziar Benno H. Pöppelmann aber bestreitet das und sagt, der Verband kämpfe bloß für den Erhalt der VG Wort in der jetzigen Form. „Es geht uns dabei um die Interessen der Autoren. Wenn dieses Urteil rechtskräftig wird, könnte die VG Wort so nicht weiter existieren.“ Bis ein Ersatz etabliert sei, könnte es Jahre dauern „und die ganze Ausschüttung zum Stillstand kommen.“

Zunächst läuft sie wieder. Ende August hat die VG Wort schließlich doch das Geld an Urheber (und Verlage) ausgezahlt — unter Vorbehalt und „unter Hinweis auf mögliche Rückforderungen“, falls die Entscheidung des Gerichtes Bestand hat. Tatsächlich kann es sein, dass in diesem Fall nicht nur die Verlage, sondern auch die Autoren Geld zurückzahlen müssen. Dann nämlich, wenn sie die ihnen eigentlich zustehenden Wahrnehmungsrechte schon an die Verlage abgetreten haben — was aber nach Meinung Vogels auch gegen geltendes Recht verstoßen kann.

Das Urteil, das Martin Vogel erstritten hat, kann also dafür sorgen, dass einige Urheber nicht mehr Geld von der VG Wort bekommen, sondern gar keins. Auch dafür wird er von Gewerkschaftsvertretern verantwortlich gemacht, dabei wäre das eine Folge der Neufassung des Paragraphen 63a, an der sie mitgearbeitet haben. „Ich bin der Sündenbock dafür, dass die diesen Mist gemacht haben und ich das aufgedeckt habe“, sagt Vogel.

Von „zivil- und urheberrechtlichem Formalismus“ spricht ver.di-Justiziar Wolfgang Schimmel. Martin Vogel sagt: „Die VG Wort muss ihre Strukturen dem Gesetz anpassen, nicht umgekehrt.“

Bestätigt sieht Vogel seine Position auch durch das sogenannte „Luksan“-Urteil des Europäischen Gerichtshofes, wonach die Zahlungen aus gesetzlichen Vergütungsansprüchen originär dem Urheber zustehen. Die Praxis der VG Wort, die Verleger daran pauschal zu beteiligen, wäre nach Vogels Ansicht demnach auch nach europäischem Urheberrecht unzulässig.

Gegenwind bekommen die Verwertungsgesellschaften auch aus Brüssel: Die EU-Kommission hat einen Richtlinienentwurf vorgelegt, der von ihnen viel größere Transparenz fordert.

Die VG Wort hat gegen das Münchner Urteil Berufung eingelegt. Für „zigtausend Euro“ habe sie dafür Gutachten eingeholt, sagt Vogel — Geld, das wiederum eigentlich den Urhebern zustehe. „Warum sollten die Urheber das mitfinanzieren“, fragt er, „wenn es doch nach der Lukas-Entscheidung und nach nationalem Urheberrecht allein um die vermeintlichen Rechte der Verleger geht.“

Bild. Macht. Politik.

Spiegel Online

Der schönste und zugleich furchterregendste Satz fällt noch vor dem Vorspann. Edmund Stoiber formuliert ihn auf seine unnachahmliche Art: „Die ‚Bild‘-Zeitung ist schon ein Stück, wenn ich das mal so sagen darf, eine Art direkte Demokratie.“

Das würde der „Bild“ gefallen, das umreißt auch ihren unausgesprochenen Machtanspruch gut: Dass sie für das Volk spricht und in dieser Rolle direkten und massiven Einfluss auf die Politik ausüben darf. Stoibers Satz erklärt auch gut, warum die „Bild“ tatsächlich eine so große Macht hat: Nicht weil sie tatsächlich für das Volk spräche. Nicht einmal weil sie das Volk mit ihren Schlagzeilen und ihrer Parteilichkeit beeinflüsse. Sondern weil Politiker dem Blatt diese Macht zusprechen.

Im Juni wird die „Bild“-Zeitung sechzig Jahre alt. Zum Geburtstag hat die ARD ihr eine Dokumentation geschenkt. Sie läuft am kommenden Montag um 22.45 Uhr im Ersten und heißt etwas verquast: „Bild. Macht. Politik“.

Man könnte das Schlimmste erwarten: Das Verhältnis zwischen „Bild“ und der ARD ist zerrüttet. Im vergangenen Jahr arbeitete „Bild“ an einer großen Kampagne gegen die ARD, im Gegenzug rüstete sich die ARD, mit ähnlichen propagandistischen Mitteln zurückzuschießen.

Doch die Dokumentation von Christiane Meier und Sascha Adamek ist im besten Sinne unaufregt. Sie kommt ohne empörten Off-Kommentar aus, ordnet ihre Fundstücke nicht einer zentralen These unter, wahrt Distanz zu allen Beteiligten und setzt aus kleinen Steinen das Mosaik einer zutiefst widersprüchlichen Zeitung zusammen, die zugleich seriöses Leitmedium und skrupelloses Krawallblatt sein will und deren Wirken einem mindestens unheimlich sein sollte.

Die Dokumentation konzentriert sich fast ausschließlich auf die Rolle von „Bild“ im Politikbetrieb. Sie zeigt, wie sehr Politiker das Blatt fürchten – was für sich genommen natürlich für „Bild“ sprechen könnte: Eine Zeitung, die den Mächtigen unbequem ist, scheint ihrer journalistischen Aufgabe besonders gerecht zu werden.

Doch die Geschichten, die Politiker wie Claudia Roth und Gregor Gysi erzählen, sind keine Geschichten von kritischen Recherchen, sondern von Diffamierungen und Lügen. Man muss den stolzen Blick der Grünen-Chefin gesehen haben, wie sie die riesige Gegendarstellung zeigt, die sie 2005 durchgesetzt hat und von der die „Bild“ trotzdem versucht hat, mit einem Artikel über „Ekel-Kunst“ darüber abzulenken. „Das war der Sieg über die Unwahrheit“, sagt Roth und lässt keinen Zweifel daran, dass der schon psychologisch wichtig war.

„Bild“ hätte ihr, um diese Gegendarstellung zu verhindern, angeboten eine nette Homestory über sie zu bringen. Oder ein Exklusiv-Interview mit ihr. Auch andere berichten im Film von solchen „dreckigen Deals“, wie Claudia Roth das Angebot nennt. Der Bildhauer und „Bild“-Kritiker Peter Lenk sagt, er hätte ein ähnliches Angebot als Wiedergutmachung für eine Falschmeldung schon deshalb abgelehnt, weil ihm eine positive „Bild“-Geschichte „wie Scheiße am Bein“ hängen würde.

Solche Angebote zeigen, dass die „Bild“-Zeitung bereit ist, ihre Berichterstattung ganz anderen als journalistischen Erwägungen unterzuordnen. Und es gibt viele Indizien dafür. Der Film zählt die Interessenskonflikte nüchtern auf: Der Verzicht auf große kritische Schlagzeilen über den AWD-Gründer Carsten Maschmeyer und seine umstrittenen Methoden – Maschmeyer ist unter anderem ein großer Förderer der „Bild“-Aktion „Ein Herz für Kinder“. Die wohlwollende Berichterstattung über Michael Mronz, den Lebenspartner von Guido Westerwelle – Mronz ist Vorstandsmitglied der „Bild“-Hilfsorganisation.

Und umgekehrt die Frage, ob „Bild“ den damaligen Bundespräsidenten Christian Wulff deshalb plötzlich so nachhaltig und unnachgiebig angriff, weil er „vielleicht ein ‚Bild‘-Aussteiger“ war. Gregor Gysi sagt über Wulff: „Ich glaube, sein Fehler bestand darin, dass er die ‚Bild‘-Zeitung nicht mehr wollte, nachdem er vorher mit ihr gut zusammengearbeitet hat. Weil er dachte, dass er wirklich Bundespräsident ist – das heißt, dass er ganz oben steht und sich das leisten kann. Und die „Bild“-Zeitung wollte ihm beweisen, dass er sich irrt. In diesen Kampf sind wir hineingeraten.“

Es ist ein roter Faden, dass „Bild“ letztlich unter dem Mantel des Journalismus immer wieder in eigener Sache kämpft: Für einen Politiker wie Karl-Theodort zu Guttenberg zum Beispiel, der möglicherweise gezielt zum neuen Kanzler aufgebaut werden sollte. Der frühere „Bild“-Freund Hans-Olaf Henkel, der das erzählt und sich bitter über „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann und dessen Machtmissbrauch beklagt, wurde von dem Blatt kürzlich ohne ersichtlichen äußeren Anlass publizistisch vernichtet.

Es geht in diesem Film über die politische Macht von „Bild“ fast gar nicht um politische Inhalte, und das ist sehr treffend. Viel wichtiger als der Kampf um eine politische Ideologie scheint „Bild“ heute der Kampf um die Macht zu sein. Für Karl-Theodor zu Guttenberg sprach aus „Bild“-Sicht weniger ein konkretes politisches Programm des Politikers, als seine Popularität und die Nähe, die er ihr gewährte.

Den Eindruck, dass es um Inhalte irgendeiner Art am allerwenigsten geht, verstärken die Äußerungen von Kai Diekmann. Er versucht vor allem den Eindruck von Harmlosigkeit zu erzeugen und wirkt dabei gelegentlich wie ein niedliches Haustier. Einer ernsten Auseinandersetzung entzieht er sich, etwa wenn er auf die Frage nach der „Macht“ ausweicht: „Es geht auch nicht um Macht oder keine Macht, ich weiß auf jeden Fall, dass ich nicht der beliebteste Chefredakteur Deutschlands bin.“

Das treffende Fazit der ARD-Autoren lautet: „Ihre Millionenauflage macht ‚Bild‘ stark. Aber sie hat nur soviel Macht, wie Politiker ihr einräumen.“

Und damit könnte der Film eigentlich zuende sein, aber dann kommt noch ein Nachklapp. Es geht um die belgischen Kinder, die bei einem furchtbaren Busunglück in der Schweiz ums Leben gekommen sind und deren Gesichter „Bild“ auf der Titelseite gezeigt hat. Kai Diekmann erzählt mit seinem treuherzigen Gesicht von der „sehr würdevollen Darstellung“ und dass man natürlich über den Bürgermeister des Heimatortes die Genehmigung der Eltern gehabt hätte. Der Bürgermeister dementiert das schriftlich, seine Sprecherin vor der Kamera.

Es sind Szenen, die eigentlich vom Thema Politik wegführen, und die doch eine gute Aufforderung an den Zuschauer darstellen, sich an dieser Stelle und überhaupt zu fragen, ob er diesem Chefredakteur und seiner Zeitung trauen will.

Laudatio auf Thomas Gottschalk

… als „Journalist des Jahres 2011“ in der Kategorie „Unterhaltung“, gekürt vom „Medium Magazin“:

Sehr geehrte Damen und Herren,

Sie haben es vermutlich schon mitbekommen: Es ist etwas furchtbar schiefgelaufen. Keiner der diesjährigen Gewinner in der Kategorie „Unterhaltungsjournalist des Jahres“ ist Journalist. Gut, es hätte schlimmer kommen können. Es hätte keiner der Gewinner unterhaltsam sein können. Das ist zum Glück nicht der Fall. Sie sind alle unterhaltsam. Nur Journalisten sind sie nicht.

Die Drittplatzierten heißen Joachim Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf, „Joko & Klaas“. Bei denen durfte ich neulich in ihrer lustigen Show „Neo Paradise“ zu Gast sein. Ich wurde wie ein exotisches Wesen behandelt. Mehrere Verantwortliche nannten mich mit einer Mischung aus Faszination, Ehrfurcht und Abscheu einen „richtigen Journalisten“ und betonten, so einer wäre noch nie in der Sendung gewesen. Joko war immerhin schwer verkatert, aber ich fürchte, das allein macht ihn noch nicht zum Journalisten.

Auf den zweiten Platz wurde die wunderbare Silke Burmester gewählt. Die bezeichnet sich zwar selbst gelegentlich als Journalistin. Aber jeder, der ihre bösen Kolumnen in der „taz“ oder bei „Spiegel Online“ kennt, weiß, dass sie dafür viel zu lustig ist.

Und dann, der Sieger, der Unterhaltungsjournalist des Jahres: Thomas Gottschalk, ein Mann, der von sich sagt: „Ich habe mich nie als Journalist betrachtet.“

Ich könnte jetzt aus dieser Laudatio ein Proseminar II im Aufbaumodul „Kernkonstituenten eines Journalisten“ machen und mit Ihnen durchdiskutieren, welche Kriterien Thomas Gottschalk trotzdem erfüllt – und sei es widerwillig. Ich glaube aber, das wäre gar nicht interessant.Viel interessanter ist die Frage, warum die Journalisten in der Jury sich dafür entschieden haben, Gottschalk zu einer Art Ehren-Journalisten zu küren.

Es gab, wenn wir ehrlich sind, nur ein winziges Zeitfenster, in dem diese Wahl möglich war: Die kurze Zeit, in der die Journalisten nicht mehr damit beschäftigt waren, schlechtgelaunt jede Sendung „Wetten dass“ zu verreißen, und noch nicht damit beschäftigt waren, schlechtgelaunt jede Sendung „Gottschalk live“ zu verreißen.

Es brauchte diesen Moment des Innehaltens, um zu erkennen, dass es an diesem Mann nicht nur viel auszusetzen gibt, sondern auch unendlich viel zu rühmen: Sein Gespür in heiklen Situationen; seinen spontanen Witz; seine Abgrenzung von einem Wettlauf um das niedrigste Niveau; seine Bildung, auf die er zurückgreifen konnte, wenn er geistreich sein wollte; seinen Mut, nicht auf Nummer Sicher zu gehen, sondern mit einer täglichen Live-Show noch einmal ganz neu anzufangen; seine Größe als Entertainer.

Ich verstehe die Auszeichnung für Thomas Gottschalk als einen Dank der Journalisten an einen Mann, dem sie nicht nur beste Unterhaltung, sondern auch unendlich viel Stoff für ihre Geschichten verdanken. Und der etwas mitbringt, was rar geworden ist: Fallhöhe. Vielleicht ist es auch ein Dank dafür, dass Gottschalk einer der letzten ist, die Journalisten noch ernst nehmen. All die Kritik des Feuilletons, die er gut ignorieren könnte, all die fehlende alltägliche Wertschätzung nagt an ihm.

Ich weiß nicht, warum das so ist. Aber ich hoffe, dass das jetzt besser wird. Nun, da er nicht nur einen Grimme-Preis hat, sondern auch als „Unterhaltungsjournalist des Jahres“ ausgezeichnet wurde. Herzlichen Glückwunsch!

Im Namen des Volkes?

Der Spiegel

Den Ansprüchen, die viele Journalisten an den Bundespräsidenten haben, werden sie selbst oft nicht gerecht. Kein Wunder, dass das Publikum nun zwischen Politik- und Medienverdrossenheit schwankt.

Es ist noch nicht soweit, dass in den Online-Medien jetzt täglich Meldungen erschienen, wie sehr das Ansehen der Presse in der Bevölkerung gesunken sei. Wie dramatisch der Absturz gegenüber derselben Umfrage vom Vortag und vom Vorvortag sei, wie hoch der Anteil derjenigen, die sagen, sie seien enttäuscht von der Berichterstattung, und wie niedrig die Zahl derer, die den Medien noch ihr Vertrauen aussprechen. Es gibt noch nicht stündlich Folgemeldungen mit Überschriften wie: „Glaubwürdigkeitskrise der Medien hält an“,“Druck auf Medien wächst“, „Politiker enttäuscht über Reaktion der Medien auf Kritik“. Es gibt aber natürlich auch niemanden, dessen Rücktritt man konkret herbeischreiben könnte.

Jörg Schönenborn, der Chefredakteur des WDR-Fernsehens, hat die Medien schon am Freitag vorvergangener Woche gewarnt, sich als Gewinner der Affäre um Bundespräsidenten Christian Wulff zu sehen. Die Mehrheit der Deutschen nehme die Berichterstattung inzwischen als unfaire Hetzjagd wahr, sagte er.

Tatsächlich scheint es, als begleiteten inzwischne zwei skandierende Gruppen von Menschen die Diskussion. Eine, die dem Bundespräsident „Zurücktreten!“ zuruft, und eine, die in Richtung der Medien „Aufhören!“ schreit. Es lässt sich in diesen Tagen nicht nur eine Verdrossenheit mit der Politik feststellen, sondern auch eine mit den Medien.

Wenn die zu einem Mitleids- und Solidarisierungseffekt mit dem Bundespräsidenten führt, wie ihn Schönenborn festgestellt hat, ist das noch die harmloseste Folge: Man mag das bedauern angesichts der berechtigten Vorwürfe gegen Wulff. Aber es ist ein alltäglicher, natürlicher und womöglich letztlich gesunder Reflex: auf das Gefühl übertriebener Angriffe mit einem Widerwillen zu reagieren.

Nur geht es längt nicht mehr „nur“ um Wulff. Es geht um die Medien selbst und die Akzeptanz ihrer Rolle. Es geht letztlich darum, wie sie ihre Aufgabe als Kontrolleure der Mächtigen erfüllen können, wenn größere Teile des Publikum diese Aufgabe als Anmaßung wahrnehmen. So sehr sich die Fälle im Detail unterscheiden, Wulff steht da in einer Reihe mit den Debatten um Sarrazin und Guttenberg, bei denen ebenfalls ein größerer Unmut spürbar wurde über die jeweils als Kampagne wahrgenomme mediale Kritik.

Nun ist das Publikum kein zuverlässiger Indikator für die Qualität und Angemessenheit einer Berichterstattung. Das liegt nicht nur daran, dass ein Teil natürlich parteiisch ist und es blind ablehnt, wenn ein Politiker, dessen Anhäger sie sind, hartnäckig mit kritischen Fragen konfrontiert wird. Es ist auch so, dass die Ermüdung des Publikums kein Argument dagegen sein kann, einer Sache auf den Grund zu gehen, auch wenn das länger dauert. Es zeichnet guten Journalismus aus, weiterzurecherchieren, auch wenn die Aufmerksamkeitspanne der Schaulustigen längst überschritten ist.

Die entscheidende Frage ist: Für wen machen wir Journalisten das? Letztlich im Interesse des Volkes – auch wenn es das womöglich nicht zu jedem Zeitpunkt so empfindet? Oder doch nur für uns?

Es lässt sich dabei eine Verschärfung des üblichen Verdachtes gegen die Medien feststellen, von dem Wunsch nach kurzfristige Auflagen- und Quotensteigerungen angetrieben zu sein. Diese Motive deuten ja wenigstens darauf hin, dass es eine Interessiertheit der Öffentlichkeit gibt, wenn auch vielleicht kein hehres öffentliches Interesse. Die Verschärfung ist die Vermutung, dass Journalisten in ihrem ganz eigenen Interesse handeln. Dass es um ihre Eitelkeit geht und letztlich: um ihre Macht.

Es ist aber auch frustrierend. Christian Wulff steht seit Wochen am Abgrund. Es fehlen höchstens noch ein paar Millimeter, bis er stürzt, vielleicht schwebt er auch schon, wie der Kojote aus den Roadrunner-Cartoons, in der Luft und fällt nur nicht, weil er noch nicht gemerkt hat, dass er keinen Boden mehr unter den Füßen hat.

Dass er am Abgrund steht, ist das Verdienst von Journalisten und es ist die Schuld von Christian Wulff. Aber dort steht er nun und weigert sich zu fallen. Und nun? Die große Mehrheit der Medien ist überzeugt, dass er zurücktreten müsste und hat das in vielen Kommentaren deutlich gesagt. „Es ist nicht die Aufgabe der Medien, einen Rücktritt zu erzwingen“, hat Heribert Prantl in der „Süddeutschen Zeitung“ geschrieben. „Ein Rücktritt ist nicht die den Medien zustehende Bestätigung und Belohnung für die Aufdeckung einer Affäre.“ Theoretisch sehen die Medien das auch so. Selbst die „Bild“-Zeitung behauptet, nur die Fakten zusammenzutragen – das Urteil, ob Wulff im Amt bleiben solle, falle letztlich das Volk.

Das scheint diesen Eindruck nicht unbedingt zu haben, und es hat guten Grund zur Vermutung, dass größere Teile Medienwelt sich nicht mehr damit zufrieden geben, Ermittler zu sein. Und auch nicht damit, Urteile fällen. Sie wollen, dass diese Urteile vollstreckt werden.

Eine ganze Armada von Journalisten ist in diesen Wochen damit beschäftigt, jedes Detail in der politischen Biographie von Christian Wulff unter die Lupe zu nehmen. Es ist eine Recherche, die natürlich eine Richtung hat. Diese Richtung bekommt sie nicht – oder jedenfalls nicht nur – daher, dass gerade Jagdsaison auf den Bundespräsidenten ist. Diese Richtung beruht auf der Annahme, dass sich die problematische Eigenschaft eines Politikers, die in mehreren Fällen zu fatalen Entscheidungen geführt hat, mit großer Wahrscheinlichkeit auch in weiteren Fällen ausgewirkt hat, die noch nicht öffentlich geworden sind.

Journalisten suchen, ob nicht weitere Kiesel zu finden sind, die in die Waagschale gegen Christian Wulff zu werfen wären. Diese Suche ist nicht nur legitim; sie ist auch notwendig. Doch es scheint, als sei selbst das für eine wachsende Zahl von Menschen nicht mehr selbstverständlich. Schon die bloße Recherche hat etwas Anrüchiges bekommen.

Das ist kein Wunder. Vor dem Hintergrund der Affäre um Christian Wulff gelten plötzlich andere Maßstäbe, was nachrichtenwürdig ist. Kleinste Verfehlungen oder harmloseste Anekdoten, die normalerweise nicht publiziert oder jedenfalls nicht skandalisiert worden wären, werden plötzlich zu großen Geschichten. Das sonstige Auswahlkriterium, etwas Neues zu erzählen, weicht plötzlich dem, das Bekannte zu bestätigen.

Oft sind nicht einmal irgendwelche neuen Fakten notwendig, um das Hamsterrad am Laufen zu halten. Agenturen und Medien haben in den vergangenen Wochen längst bekannte Vorwürfe immer wieder recycelt und als neu behandelt; vor allem Online-Medien schienen sich selbst dazu verpflichtet zu haben, unabhängig von der Frage, ob es tatsächlich Berichtenswertes gibt, am Thema zu bleiben. Als wollten sie die Zeit überbrücken zu wollen, bis – womöglich – jemand einen echten neuen Skandal recherchiert hat. Oder eben: Als wollten sie eine Nachricht und ein Ergebnis zu erzwingen. Sie warfen keine neuen Kiesel in die Waagschale, sondern immer wieder dieselben, aus anderen Richtungen, mit verändertem Schwung.

Es mag sein, dass sie damit am Ende Erfolg haben werden, wenn sie nach dem „ersten CDU-Abgeordneten“, der Wulffs Rücktritt fordert, und dem zweiten auch einen dritten, vierten und fünften gefunden haben, vielleicht. Sie untergraben in diesem Prozess nur ihre eigene Autorität, und die wird eigentlich in dieser Demokratie noch gebraucht.

Journalisten sind die natürlichen Gegenspieler von Politikern, aber nicht in eigener Sache, sondern stellvertretend für die Öffentlichkeit. Je mehr das Volk das Gefühl bekommt, dass die Journalisten nicht auf ihrer Seite stehen, sondern nur Partei für sich selbst sind, in einer Welt mit den Politikern, die gar nicht die des Volkes ist, umso leichter werden es Mächtige haben, sich berechtigten Nachfragen zu entziehen und damit durchzukommen.

Natürlich ist es ein Machtspiel, das dort stattfindet. Die Frage, ob Christian Wulff geeignet ist, Bundespräsident zu sein, lässt sich nicht mehr trennen von der Frage, ob Christian Wulff Bundespräsident bleiben kann, wenn die Medien das für ausgeschlossen halten. Der spielerische Charakter ist in den vergangenen Tagen besonders offenkundig geworden, als die Medien Wulffs angebliches Versprechen, sämtliche Hunderten von Presse-Anfragen und die Antworten darauf, öffentlich zu machen, als neue Trümpfe nutzten.

Wulffs Anwalt hatte behauptet, eine Veröffentlichung verletze die Rechte der fragenden Medien. Die spielten eine Karte nach der anderen aus: Sie prangerten erst das „gebrochene Versprechen“ an. Dann erklärten viele von ihnen öffentlichkeitswirksam (und unter pathetisch-irreführenden Überschriften wie: „Zeitungen entbinden Wulffs Anwalt von Schweigepflicht“), sie verzichteten auf ihre Rechte. Schließlich veröffentlichte etwa die „Welt“ ihre eigenen Fragen und die Antworten, die sie bekommen hatten, selbst.

Worum geht es hier? Um Aufklärung in der Sache längst nicht mehr: Die Ergebnisse ihrer Anfragen beim Präsidenten haben die Journalisten ohnehin nutzen können. Und wenn es ihnen tatsächlich um umfassende Transparenz gegangen wäre, hätte sie auch niemand daran gehindert, ihre eigenen Fragen und Antworten längst öffentlich gemacht zu haben.

Es ist schwer, in all dem mehr zu sehen, als den Versuch, den Präsidenten vorzuführen und bloßzustellen. Die Munition dafür hat Wulff, wieder einmal, selbst geliefert. Aber macht das die Berichterstattung relevant? Rechtfertigt das die Dominanz und endlose Fortschreibung des Themas?

Das Misstrauen des Publikums wird im konkreten Fall noch verstärkt durch die zentrale, aber zutiefst intransparente Rolle, die die Axel Springer AG und speziell die „Bild“-Zeitung darin spielt. Anstatt den Anruf Wulffs bei Chefredakteur Kai Diekmann selbst publik zu machen, ließ das Blatt ihn seinen Weg in die Öffentlichkeit über andere Medien finden – und lieh sich auf diese Weise deren Seriösität und wurde scheinbar vom Beteiligten zum Beobachter. Viele, die den etablierten Medien ohnehin kritisch gegenüberstehen, sahen hinter der Berichterstattung insgesamt den Springer-Verlag die Strippen ziehen – ganz abgesehen von der traurigen Ironie, dass ausgerechnet ein Medium, dem selbst Drohungen nicht fremd sind, plötzlich durch eine Drohung in die Rolle des Opfers eines vermeintlichen Angriffs auf die Pressefreiheit gelangte.

Tatsächlich half es Springer und „Bild“, dass zunächst nur einzelne Bruchstücke aus Wulffs Nachricht an die Öffentlichkeit kamen und Urteile gefällt wurden, ohne die ganze Wahrheit zu kennen. Geholfen hätte den Medien das, was auch Wulff geholfen hätte: Wahrhaftigkeit und Transparenz. Sie verlassen sich, wie der Bundespräsident, viel zu sehr darauf, dass das Publikum ihnen und ihrem Urteil schon vertraut, obwohl längst alles dagegen spricht, dass das der Fall ist.

Die Medien, ungerecht und pauschal verallgemeinert, werden den Ansprüchen, die sie an den Bundespräsidenten stellen, selbst nicht gerecht. Es ist legitim und richtig, an ein Staatsoberhaupt und an die Mächtigen und Verantwortlichen im Lande überhaupt besondere Ansprüche zu stellen. Aber die Pressefreiheit, die hier scheinbar gerade verteidigt wird, ist mehr als nur ein Selbstzweck, und wenn die Medien der mit ihr verbundenen Pflicht gerecht werden wollen, müssen sie besser werden, maßvoller, verantwortungsvoller.

57 Prozent der Befragten haben Anfang Januar in einer repräsentativen Umfrage für die ARD gesagt, sie hätten den Eindruck, „die Medien wollen Wulff fertig machen“. Selbst wenn dieser Eindruck täuschen sollte, wäre es an den Medien, ihn zu korrigieren.

„Breaking Bad“-Star Bryan Cranston: „Die Gier steckt in jedem von uns“

Spiegel Online

Das kann nur böse enden, oder? In der US-Serie „Breaking Bad“ wandelt sich ein langweiliger Chemielehrer zum skrupellosen Drogenboss. Zum Deutschland-Start der vierten Staffel erklärt Hauptdarsteller Bryan Cranston, warum man mit dem Bösen mitfiebert – und verrät, was er bereits vom Ende weiß.

Herr Cranston, werden Sie noch auf „Malcolm mittendrin“ angesprochen?

Bryan Cranston: Das ist eine Generationenfrage. Einige Leute kennen mich von „Malcolm mittendrin“, andere sogar noch von „Seinfeld“ oder älteren Sachen.

Es ist schwer, Sie da überhaupt wiederzuerkennen. Als Zuschauer kann man kaum begreifen, dass dieser lustig-überforderte Vater Hal in der überdrehten Sitcom „Malcolm mittendrin“ und Walter White, der todkranke Chemielehrer in „Breaking Bad“, der zum Drogenproduzenten wird, um für seine Familie zu sorgen, von derselben Person gespielt werden. Wie fühlt sich dieser Kontrast für Sie an?

Angenehm. Es fühlt sich nicht wie ein gewaltiger Wechsel an – ich schätze, einfach, weil ich ihn ja bewusst vollzogen habe. Es ist ein großer Luxus, beides gemacht zu haben, das ist selten. Normalerweise, wenn man für etwas bekannt geworden ist – was ja schon ein großes Glück ist – fällt es schwer, aus diesem Image auszubrechen. Aber ich war nach sieben Jahren „Malcolm mittendrin“ nie versucht, etwas ähnliches zu machen. Ich musste halt nur das richtige Mittel und Material finden.

Haben Sie gezweifelt, ob es Ihnen überhaupt gelingen würde, die Entwicklung des Walter White in all ihren Extremen zu spielen? Wussten Sie überhaupt am Anfang, wie weit es mit ihm bergab gehen würde?

Oh ja, ich wusste, wohin sich das entwickeln würde. Nicht den genauen Weg, aber das Ziel. Nein, die Entscheidung ist mir nicht schwer gefallen. Die meisten Schauspieler haben einen Sinn dafür, riskante Orte erkunden zu wollen. Ich wollte das auf jeden Fall und eine neue Herausforderung annehmen.

Walter White ist ein gelangweilter, langweiliger Durchschnittstyp, der plötzlich entdeckt, wozu er in extremen Situationen fähig ist. All die Abgründe, die er und das Publikum dabei entdecken — müssen Sie die als Schauspieler auch in sich selbst finden?

Die Palette eines Schauspielers besteht aus persönlicher Erfahrung und Vorstellungsgabe. Was einem an persönlicher Erfahrung fehlt, muss man mit seiner Fantasie auffüllen, um es plausibel und nachvollziehbar zu machen. Ich glaube, jeder Mensch trägt das Potenzial zu einer einer Unzahl verschiedener Emotionen in sich. Viele davon schlummern und müssen erst erweckt werden. Im Fall von Walter White war es sicher so: Bevor er die Möglichkeit hatte, an so viel Geld zu kommen, hatte er nicht dieses Anspruchsdenken, diese Gier, die Skrupellosigkeit. Aber im Lauf der Serie entdecken wir, dass das alles in ihm steckt. Es steckt in jedem von uns. Es kommt nur nicht zum Vorschein, wenn es nicht gebraucht wird.

Walters brave, eigentlich grundspießige Frau Skyler macht eine ähnliche Wandlung durch. Als sie hinter das Geheimnis ihres Mannes kommt, entdeckt auch sie ihr Talent zum Lügen und ihre Bereitschaft, eine gute Kriminelle zu werden. Ist das eine Botschaft der Serie, dass wir das alle in uns haben?

Ja, ich glaube, das ist so, und das war tatsächlich eine gewollte Aussage. Walter White wollte Geld machen, um es seiner Familie nach seinem Tod zu hinterlassen. Der Gedanke war altruistisch, aber um sein Ziel zu erreichen, musste er seine Seele verkaufen und etwas werden, was er nicht war. Und in dem Moment verlor er das, was ihn bislang als Mensch ausgemacht hatte. Wann immer jemand das tut, wird er es nie wirklich zurückbekommen. Es ist eine Abwärtsspirale.

„Breaking Bad“ ist in diesem Sinne eine äußerst moralische Serie, weil sie in radikaler Konsequenz und Kompromisslosigkeit zeigt, wohin es führt, wenn man sich auf ein Geschäft wie das mit Drogen einlässt. Andererseits stürzt die Serie den Zuschauer in ein Dilemma: Wir sehen, dass Walter White das moralisch Falsche tut, aber wir drücken ihm die Daumen, dass er damit durchkommt.

Vince Gilligan, der Autor, hat es geschafft, einen inneren Konflikt und ein Drama nicht nur in den Figuren zu erzeugen, sondern auch im Zuschauer. Plötzlich ertappt man sich dabei, wie man hofft, dass ein Mann Erfolg hat, der Drogen verkauft. „Breaking Bad“ löst einen Zwiespalt bei den Zuschauern aus, und es ist fantastisch, wenn das gelingt. Normalerweise ist das Publikum nicht hin- und hergerissen, sondern weiß: Diese Person mag ich, diese nicht. Wir aber lassen diese Grenzen verschwimmen: Ist Walter White ein Guter oder ein Böser? Es gibt keine klare Antwort darauf. Er will seine Familie beschützen, aber es gab einige Entscheidungen, bei denen selbst Walter White selbst zugeben würde, dass er einen Punkt überschritten hat. Er hat lange an seinem Dogma festgehalten, dass er das alles für seine Familie tut, aber wir als Publikum wussten, dass er sich etwas vormacht. Er ist verführt worden: von Macht, Geld, Anerkennung, dem Gefühl, wichtig zu sein, den Risiken, die er eingegangen ist. Das ist wie ein Aphrodisiakum für einen Mann. Jetzt haben wir Walter White entblößt und ich bin bereit, all die dunklen Seiten, seine Hybris und sein Ego zu zeigen – all das, was nicht attraktiv ist, aber ehrlich.

Je weiter die Serie fortschreitet, desto düsterer wird sie. Und je häufiger Walter White über Leichen geht, desto schwerer wird es, ihn noch zu mögen.

Wenn ich ihn spiele, urteile ich nicht über ihn. Ich spiele ihn nur — so ehrlich, wie ich es kann, emotional, intellektuell. Aber wenn ich dann einen Schritt zurücktrete am Ende einer Staffel und mir das ansehe, dann sehe ich natürlich: Oh ja, das ist böse. Er ist auf einem Weg, der nicht gut enden kann. Aber das wusste ich von Anfang an. Vince Gilligan wollte eine Serie schaffen mit einer Hauptperson, die als guter Kerl anfängt und böse wird. Das ist die vorgezeichnete Bahn.

Die Serie wird im nächsten Jahr nach der fünften Staffel enden. Sie kann nicht gut enden, oder?

Das hängt davon ab, wie man „gut“ definiert. Vielleicht ist ein Happy End für Walter White sein Tod. Schauen Sie sich an, was seine Entscheidungen bewirkt haben: Er hat seine Familie in Gefahr gebracht, sein Schwiegerbruder ist zum Krüppel geschossen worden, um ihn herum sterben die Menschen. Man kann in ihm eine Art Krebsgeschwür sehen. Vielleicht ist das beste, was ihm passieren kann, dass er stirbt. Und ich sage das, ohne zu wissen, was Vince Gilligan wirklich vorhat. Ich habe ihn nicht gefragt, und er hat es mir nicht gesagt.

Aber Sie werden es wissen, bevor Sie die letzte Staffel drehen?

Nein. Walter White weiß nicht, was passiert, von Woche zu Woche, von Stunde zu Stunde, sogar von Minute zu Minute. Deshalb gehört es sich für mich nicht, zu weit im Voraus zu wissen, was geschehen wird. Sonst lasse ich beim Spielen vielleicht etwas durchscheinen, was Walter White noch gar nicht weiß.

Der Niedergang des Walter White ist auch ein körperlicher. Er sieht in der vierten Staffel unglaublich geschunden aus. Wie sehr müssen Sie sich tatsächlich ausmergeln lassen während der Dreharbeiten?

Naja, es ist natürlich Make-Up und ich versuche, mich zwischen den Szenen, in denen ich mitspiele, zu erholen. Aber emotional macht man als Schauspieler die Reise des Walter White schon mit. Ich sage jungen Schauspielern immer: Versucht nicht zu schauspielern, sonst könnte man euch beim Schauspielern ertappen. Denkt und fühlt und vertraut darauf, dass ihr das auch ausstrahlt.

„Breaking Bad“ läuft in den USA auf dem kleinen Kabelkanal AMC. Dadurch sind die Freiheiten größer, aber das Budget kleiner.

Ich sehe da nur Vorteile. AMC und andere Kabelknäle hier mussten eine Identität, eine Marke etablieren. Sie suchten deshalb nach Stoffen, die die großen Networks nicht zeigen könnten. Das eröffnete erfahrenen, wunderbaren Autoren die Chance, aufzuschreiben, wovon sie immer schon geträumt hatten. AMC hatte den Mut, das auf Sendung zu bringen. Und Sony Television, unser Produzent, hatte den Mut, das zu bezahlen – und bei jeder einzelnen Episode das Budget zu überschreiten, in der Hoffnung, dass es den Menschen gefallen würde. „Breaking Bad“ ist nichts für die Massen. Diese Serie ist nicht Vanille, sie hat einen scharfen, stechenden Geschmack. Aber genau darum mögen sie viele Leute – weil sie so anders ist. Das Publikum heute ist viel, viel anspruchsvoller als früher. Es verlangt immer höhere Qualität, speziellere und kompliziertere Geschichten und Figuren, keine Stangenware. Das ist das gute an der Explosion neuer Medien und all der Auswahl: Man muss etwas Besonderes machen, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Man kann nicht einfach irgendwas Beliebiges, Nettes machen. Es muss jenseits dessen sein, was wir vor 15 Jahren gesehen haben. Es wird keine Serien mehr geben, die sind wie „Mord ist ihr Hobby“ oder „Matlock“ oder „Magnum“. Das ist für immer vorbei. Die sind einfach zu irreal. Damit kann sich der Zuschauer nicht identifizieren.

Hat „Breaking Bad“ Ihnen neue Türen geöffnet?

Ja. Die Serie bekommt in der Branche viel Aufmerksamkeit; die Kollegen lieben sie. Das hat sehr geholfen.

Und die Rollen, die Sie jetzt annehmen, sind vermutlich ganz anders als Walter White.

Ja. Ich will auf keinen Fall wiederholen, was ich zuletzt gemacht habe. Und inzwischen, mit so viel Distanz zu „Malcolm mittendrin“, kann ich mir auch wieder vorstellen, Comedy zu machen.

Haben Sie den Erfolg von „Breaking Bad“ vorhergesehen?

Schauspieler können nur erkennen, ob das Material gut ist. Erfolg vorhersagen können wir nicht. Manchmal hat man alle richtigen Zutaten, aber das Ding will einfach aufgehen. Als ich das Drehbuch zum ersten Mal gesehen habe, war alles, was ich wusste, dass dies eine bemerkenswerte Serie werden würde, wenn sie lange genug auf Sendung bliebe. Und ich wusste: Welcher Schauspieler auch immer das Glück haben würde, Walter White zu sein – es würde sein Leben verändern.

So sieht die Welt ohne Will aus

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Wenn die Leute und die Talkshows im Urlaub sind, entspannt sich das Fernsehen. Dann schaffen es auch mal schwerere Stoffe ins Programm. Ein Lob der Sommerpause.

Es sind dann, trotz des Dramas in Norwegen, keine Forderungen laut geworden, dass Frank Plasberg oder Maybrit Illner ihre Sommerpausen unterbrechen und Sonderausgaben ihrer Talkshows einberufen. Dabei ist gerade so eine Rückrufaktion — jedenfalls in der Politik — ein sehr starkes Symbol, das gleichzeitig den Ernst der Lage und die Bereitschaft zum Handeln suggeriert. Aber ganz so groß scheint das Bedürfnis der deutschen Gesellschaft nicht gewesen zu sein, sich das Grauen in einer gemeinsamen Talkrunde von Arnulf Baring, Hajo Schumacher oder Wencke Myhre erklären zu lassen.

Und, offen gestanden, haben ja die anderen Medien eine mögliche Unterversorgung mit reflexartigen Thesen und vorhersagbaren Grabenkämpfen ganz gut ausgeglichen. Aber ist es nicht erstaunlich, wie wenig diese Möbelstücke des deutschen Fernsehens fehlen, wenn sie nicht da sind?

Es ist Sommerpause, und selten war der Begriff irreführender als heute. Womöglich wird die „Bild“- Zeitung sogar die diesjährige Wiederholung ihres Evergreens „Im Fernsehen laufen nur noch Wiederholungen“ ausfallen lassen. Denn in Wahrheit ist der Sommer, wenn all die Talkshows pausieren, eine Zeit geworden, die eine Ahnung davon gibt, wie aufregend und relevant öffentlich-rechtliches Fernsehen sein könnte. Zu keiner anderen Jahreszeit kann es einem so leicht passieren, noch vor Mitternacht auf eine aktuelle, sehenswerte Dokumentation oder einen besonderen Film zu stoßen.

Am vergangenen Mittwoch zum Beispiel gaben Jo Goll und Matthias Deiß den Zuschauern einen Einblick in die Gedankenwelt, die den Berliner Kurden Ayhan Sürücü dazu brachte, seine Schwester Hatun umzubringen, weil sie durch ihren Lebenswandel die „Ehre“ seiner Familie verletzt habe.

Die Dokumentarfilmer von „Verlorene Ehre“ haben den Täter im Gefängnis getroffen, und es war schockierend, wie normal dieser junge Mann wirkte, wie wenig er von einer Bestie hatte, wie plausibel seine Beteuerung war, dass er ja niemanden außerhalb des Weltbildes seiner Familie hatte, an den er sich hätte wenden können, und wie tief trotzdem der Glaube in ihm verwurzelt scheint, dass es nicht ganz ungerecht war, was er da getan hat. Es ist ein Film, der viel erklärt, aber noch mehr ratlos macht, und es ist natürlich banal, hinzuzufügen, dass keine Talkshow zum Thema „Ehrenmord“ diese Nähe und Tiefe, Anschaulichkeit und Intensität erreichen könnte.

Außerhalb des Sommers sind solche Schätze in die Spartenprogramme oder in die Nacht verbannt. Dabei macht gerade am späteren Abend die Anfangszeit viel aus. Niemand weiß das besser als die ARD, die ihre „Tagesthemen“ vor einigen Jahren auch deshalb in einem eigentlich übertrieben wirkenden Kraftakt um eine Viertelstunde auf 22.15 Uhr vorgezogen hat. Die Fernsehnutzung steigt im Verlauf des Abends allmählich an, bis sie um kurz nach neun ihren Höhepunkt erreicht: Knapp 45 Prozent der Menschen schauen jetzt fern. Nach 22 Uhr fällt die Kurve steil ab: innerhalb einer Stunde von 40 Prozent auf 25; um Mitternacht sind es nur noch rund 15 Prozent.

Wer weiß, wie viel Zuschauer mehr man für die leise, unspektakuläre und dadurch sehr bewegende Reportage „Die letzte Loveparade“ vor zwei Wochen hätte gewinnen können, wenn sie nicht erst weit nach Mitternacht geendet hätte. So waren es nur 600 000. „Die verlorene Ehre der Hatun Sürücü“ begann immerhin um 23 Uhr und fand ein Publikum von 1,6 Millionen Zuschauern. Auch Filme, die sperriger sind, haben um diese Zeit die Chance, dass die Menschen vor den Fernsehern noch nicht ganz weggedöst sind. Lutz Hachmeisters anderthalbstündige Collage mit Einblicken in die SPD am Tag zuvor sahen 880 000 Menschen.

Im ZDF blockiert sonst „Markus Lanz“ regelmäßig die Sendeplätze, zu denen man Stoffe senden könnte, die sich vielleicht um 20.15 Uhr schwer täten, aber mehr Zuschauer verdient haben, als es in den Nischen und nachts gibt. Leider wiederholt der Sender stattdessen „Lanz kocht“, zeigt aber auch eine zweiteilige Dokumentation von Sandra Maischberger über den Nato-Doppelbeschluss vor dreißig Jahren: „Pershing statt Petting“.

Jetzt schafft es sogar die Reportagereihe „ARD-exklusiv“, die früher einen festen Platz am Hauptabend hatte, bis sie der Wiederholung des „Tatorts“ weichen musste, wieder ins Bewusstsein der Zuschauer. Sie ist der Lückenfüller, wenn „Hart aber fair“ pausiert, und beginnt am Mittwoch um 21.45 Uh r ihre „Sommerstaffel“ mit einem Bericht über „das Hermes-Prinzip“. Während Michael Otto, der Hauptbesitzer des Paketdienstes, sich öffentlich für sein soziales Engagement feiern lässt, bekommen die Fahrer am unteren Ende einer ausgeklügelten Unternehmenspyramide nur beschämende Cent-Beträge pro Paket, das sie ausliefern. In den Wochen daraufgeht es um alte Arbeitslose, um das lukrative Geflecht von Politik und Wirtschaft von Gerhard Schröder und Joschka Fischer und um die industrielle Hähnchenproduktion des „Systems Wiesenhof“, und vermutlich wird nicht jeder dieser Filme gleich gelungen sein. Aber ihre Relevanz und Brisanz ist offenkundig, und sie machen schmerzhaft deutlich, wie selten es die Lebenswirklichkeit sonst jenseits der Magazin-Häppchen ins Fernsehen schafft.

„Das ist bester Journalismus im Ersten“, sagt ARD-Chefredakteur Thomas Baumann. Nur warum kommt der sonst so selten so prominent ins Programm? Die vielen Shows, die sonst die Sendeplätze blockieren, pausieren nicht nur deshalb im Sommer, damit die Mitarbeiter schön mit ihren schulpflichtigen Kindern wegfahren können, sondern vor allem, weil dann am wenigsten Menschen fernsehen. Im Januar 2010 hatten die Deutschen im Schnitt 256 Minuten täglich den Fernseher eingeschaltet; im August war es fast eine Stunde weniger.

Das Programm als Wundertüte mit Relevanz, das wenigstens ansatzweise aus der berechenbaren vollständigen Formatierung ausbricht, leistet sich die ARD nur, wenn eh nicht so viel auf dem Spiel steht. Wenn die Menschen aus dem Alltag ausbrechen, macht sich auch das öffentlich-rechtliche Fernsehen ein bisschen locker, was paradoxerweise bedeutet, dass auch schwerere Stoffe ins Programm kommen können. Das beschränkt sich nicht auf Dokumentationen. Am Montagabend, wo sonst Reinhold Beckmann am Küchentisch in Gästeseelen bohrt, gibt es im Sommer plötzlich einen Sendeplatz für junge Spielfilme. Morgen läuft dort Junge Parasiten“ von Christian Becker und Oliver Schwabe. Und auch für ein cooles, cleveres, schnelles Fernsehkrimiformat wie die bisher dreiteilige BBC-Reihe „Sherlock“, die sehr gegenwärtige Versionen der Klassiker Holmes und Watson zeigt, hätte die ARD außerhalb der Urlaubszeit gar keinen Sendeplatz, ebenso wenig wie für moderne internationale Serien und Filme. Es ist halt alles vollgestellt.

Dabei können die Zuschauer anscheinend sogar mit dem Schock umgehen, dass sonntags nach dem „Tatort“ etwas anderes kommt als ein Stuhlkreis zum Thema „Ist Deutschland / Europa / die Regierung / der Sommer am Ende“. Viereinhalb Millionen Menschen sahen vergangenen Sonntag um 21.45 Uh r die erste Folge von „Sherlock“ – eineinhalb mal so viel, wie die letzte Folge von „Anne Will“ hatte. Die Sommerpause ist auch nicht mehr, was sie mal war.

Helena Fürst

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Man kann vieles gegen Helena Fürst sagen. Aber sie schafft es, dass man sie schon nach zwei Minuten schlagen möchte. Das muss man auch erstmal schaffen.

RTL hat Helena Fürst von der Straße geholt. Sie war selbstverschuldet in Not geraten, hatte sich beruflich in eine Sackgasse manövriert. Sie hatte als Sozialfahnderin für den Kreis Offenbach gearbeitet und eine kurze, steile Medienkarriere gemacht, indem sie das Fernsehen mitnahm in die Wohnungen von Hartz-IV-Empfängern, die alle unter Schmarotzerverdacht standen. Sie überprüfte für die Sat.1-Sendung „Gnadenlos gerecht“, ob das Elend wirklich schon groß genug war, dass der Staat helfen müsste. Helena Fürst inszenierte sich als Richterin mit dem Mitgefühl eines Hochdruckreinigers.

Anderen gefiel sie in dieser Rolle offenbar nicht so gut wie sie sich selbst. Sie sagt, sie sei von Betroffenen bedroht und von Kollegen gemobbt worden. Sie ließ sich krankschreiben und flüchtete nach Berlin. RTL schenkte ihr eine neue Identität: Als „Anwältin der Armen“ half sie nun Menschen im Kampf gegen Behördenwillkür; seit vergangener Woche regelmäßig in der Primetime (mittwochs, 21.15 Uhr).

Die Firma „Solis TV“, die auch schon „Gnadenlos gerecht“ produziert hatte, sagt, Fürst habe die Seiten gewechselt. Das stimmt natürlich nicht. Ihr Job ist der alte: Menschen in Not vor der Kamera bloßstellen. Die Mutter von drei kleinen Kindern, einem davon schwerkrank, denen die Behörden alle Leistungen gestrichen haben, fragt sie beim ersten Treffen: „Machen Sie sich Vorwürfe, dass Ihre Tochter nicht zum Arzt kann? Denken Sie, Sie sind daran Schuld?“ Sie bringt die Frau gezielt zum Weinen, um sich dann als Trösterin zu geben: „Nicht weinen!“

Geifernd sagt sie über den überforderten Vater in die Kamera: „Ich werde ihn richtig hart rannehmen.“ Sie schüchtert ihn ein, dass er nur noch sagt, was sie hören will, um ihm dann zu drohen, sie werde sofort gehen, wenn er nicht aufhöre, ihr nach dem Mund zu reden. Die Hartz-IV-Domina passt gut zu RTL. Sie ein fast so großer Menschenfreund wie Dieter Bohlen.

Der Preis für die Unterstützung durch das Fernsehen ist bei allen „Coaching“-Shows die Ausstellung in der Öffentlichkeit. Das muss, je nach Verantwortungsbewusstsein der Produzenten und Helfer, kein schlechter Deal sein für die Betroffenen. „Helena Fürst“ aber ist ganz auf die maximale Demütigung der Opfer ausgerichtet. An Inhalten oder Schicksalen ist die Show nicht interessiert, wenn sie nicht der Heroisierung von Frau Fürst dienen, die wie ein Panzer durch die Leben der Leute walzt, die es mit ihr zu tun kriegen. „Was glauben Sie, was ich erreicht habe“, lässt sie die „Armen“ mehrmals raten, um möglichst wirkungsvoll mit ihren Erfolgen zu prahlen.

So viele Arbeitslose in diesem Land, aber Helena Fürst hat einen Job. Die Welt ist nicht gerecht.

Keine große Leuchte

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Wie die LED das Fernsehen verändert hat und es aufregender und einfallsloser machte.

Manchmal ist Größe doch alles. Wenn in Düsseldorf in der kommenden Woche ein pausbäckiger Finne mit seiner Gitarre auf einer Bühne steht und sein Lied von dem kleinen Paul singt, der hinausging, die Welt zu retten, funkelt hinter ihm ein gewaltiger Sternhimmel. Und dann: geht die Erde auf.

Das ist die mit Abstand naheliegendste Idee, einen solchen Schlager zu illustrieren, doch so hat man das noch nie gesehen. Die Dimensionen dieses blauen Planeten, der sich da langsam von unten ins Bild schiebt, sind ungeheuerlich. Die Leinwand, auf der er erscheint, ist zehnmal so hoch wie der Mann, der vor ihr steht, und breit wie ein Fußballfeld. Fast provozierend detailgetreu drehen sich Wolken, Meere und Kontinente. Es wirkt so erhaben und monumental, als hätte jemand einen Weltraumspaziergang bei perfekten Bedingungen in hochauflösender Qualität gedreht.

Eine Unzahl kleiner Leuchtdioden, die aneinandergesteckt in einem Gerüst von der Decke des Studios hängen, das eigentlich ein Fußballstadion ist, bilden diesen über tausend Quadratmeter großen temporären Bildschirm. Wenn in der kommenden Woche der Eurovision Song Contest ausgetragen wird, werden darauf mit den Moldauern bunte irre Zeichentrickmännchen tanzen, zum griechischen Beitrag surreal große Vorhänge ionische Säulen umwehen und hinter den Sängern aus Mazedonien scheinbar ganze Räume rotieren.

Florian Wieder ist ungefähr der Einzige, der sich nicht überwältigt zeigt von den Dimensionen dieser Spielfläche. „Die Arena ist groß, deshalb musste die LED-Wand auch so groß werden“, sagt er achselzuckend. Er hat es leicht, sich unbeeindruckt zu geben, denn er ist als Designer nicht nur für die Bühne beim Grand Prix verantwortlich, sondern hat schon ungezählte Materialschlachten geschlagen, um Fernsehshows imposant aussehen zu lassen. Dass er heute mit seiner Firma weltweit gefragt ist, hängt nicht zuletzt mit dieser Technik zusammen, die in den vergangenen zehn Jahren das Fernsehen erobert und verändert hat: der LED.

Ihren Siegeszug begann die Light Emitting Diode unauffällig: als Beleuchtung von Kanten und Bühnenrändern. Wer früher eine Lichtleiste setzen wollte, musste Glühlampen nehmen, die groß waren, heiß wurden und nur jeweils eine Farbe haben konnten. Leuchtdioden waren viel handlicher und flexibler. Die Revolution begann damit, die Lichtpunkte zu ganzen Bildern zusammenzusetzen. Über Computer, sogenannte Mediaserver, erfahren die Dioden, wann sie wie zu leuchten haben. Jede LED wird zu einem Pixel, und im richtigen Abstand wird aus den Pixeln ein Bild. Am Anfang, als er die Technik im Bühnenbild der RTL-2-Show einsetzte, erzählt Rainer Otto von der Firma OM Design, sei dieses Bild so grobkörnig gewesen, dass es nur ganz hinten oben im Publikum gut aussah. Inzwischen ist die Auflösung so hoch, dass die Bilder erstaunlich realistisch wirken. Wenn da schwarze Riesendiamanten durch den Raum fliegen, fliegen da schwarze Riesendiamanten durch den Raum.

Die LED-Technik, aber auch moderne Projektionen mit Beamern, sind die Erfüllung des Traums, ohne große Umbauarbeiten beliebige Kulissen herbeizaubern zu können – ein Traum, der in psychedelisch bunten Farben schon in den frühen siebziger Jahren geträumt wurde. Damals war die Technik der Blue-Box neu, bei der die Akteure vor einem einfarbigen Hintergrund stehen, der herausgestanzt und durch andere Aufnahmen ersetzt wird. Die Begeisterung darüber war so groß, dass einige Jahre lang alles getan wurde, was möglich war, egal, ob es sinnvoll war.

Manchmal scheint es, als befinde sich das Fernsehen gerade in Bezug auf LED-Wände in einer ähnlichen Phase. Einerseits sind die kreativen Möglichkeiten, die sie bieten, schier grenzenlos. Andererseits verführen sie dazu, schon das Aufstellen einer technisch eindrucksvollen Wand mit einer kreativen Idee zu verwechseln. Berüchtigt sind Standard-Animationen von Wolken, die sich günstig einkaufen lassen und immer passen, also nie. „Es gibt schon einen Hang dazu, viel Geld für die Technik auszugeben und dann am Grafiker zu sparen, der gute, maßgeschneiderte Inhalte erstellt“, kritisiert Rainer Otto.

Die RTL-Castingsoap „Deutschland sucht den Superstar“ zeigt gut Chancen und Fluch des LED-Einsatzes. Das Studio ist voll von LED-Wänden, -Tonnen,

-Bändern, -Stegen und -Bühnen. Florian Wieder, der es gestaltet hat, machte sich damit international einen Namen – unter anderem mit der Idee, LEDs auch im Boden auszulegen und es aussehen zu lassen, als träten die Kandidaten auf ihren eigenen, animierten Konterfeis auf. Nichts an dieser Präsentation ist Understatement, „alles ist 150 Prozent, fast schon eine Parodie auf die Inszenierung von Weltstars“, räumt Wieder ein. Es ist eine faszinierende Flimmerwelt, die in Sekundenschnelle auf eine andere Stimmung umschalten kann, in der ununterbrochen Namen durchs Bild flackern und meterhohe Zeitlupenaufnahmen der Auftritte zu sehen sind; ein gewollter Overkill, eine Reizüberflutung für ein Publikum, dem man sicherheitshalber keine Sekunde zumuten möchte, nur einem vermeintlichen Nachwuchssänger zusehen zu müssen.

„Ich nutze dieses Zeug jetzt seit zehn Jahren“, sagt Florian Wieder, „und je länger ich das mache, umso weniger tue ich es eigentlich. LEDs sind ja nur ein Mittel zum Zweck. Die Idee besteht eher darin, über Video Inszenierungen zu kreieren. Wenn man das clever einsetzt, kann es sehr cool sein.“ Er gerät ins Schwärmen, vom aufregenden Spiel mit der Perspektive oder dem Auftritt von Taylor Swift bei den Video Music Awards von MTV im vergangenen Jahr, die sehr klein und sehr groß in einem riesigen schwarzen Raum stand, in dem Wörter auftauchten und wieder zerbröselten. Die Flächen sind faszinierende Leinwände für Videokünstler wie Falk Rosenthal, der für den Inhalt der LED-Wand beim Eurovision Song Contest verantwortlich ist.

Aber die Gefahr ist, dass die Technik mit all der Opulenz, die sie ermöglicht, nicht mehr der Inszenierung des Künstlers dient, sondern der Künstler nur noch Bestandteil einer Bühnen-Inszenierung ist. (Angesichts einiger Kandidaten beim Grand-Prix ist das natürlich nicht immer das Schlimmste, das passieren kann.)

Angesichts der Allgegenwart der mit „Content“ bespielten Flächen fällt es schwer, sich zu vergegenwärtigen, wie jung diese Technik ist. Beim Eurovision Song Contest 1983 in München steckte der künstlerische Ehrgeiz in Blumengestecken, die die Nationalflaggen nachbildeten; das Bühnenbild war ein Geflecht aus einer Art Heizdraht, das im Rhythmus der Musik aufglimmte. Erst seit 2000 erobert die LED-Wand den Bildschirm, dann aber mit Macht. Die Serben bauten aus Leuchtdioden die Mündung der Save in die Donau als Bühnenbild nach, die Russen verbauten vor zwei Jahren den größten Teil aller damals überhaupt verfügbaren LED-Flächen und ließen sie teilweise über der Bühne rotieren.

Mehr geht kaum, besser vermutlich schon. Auf der Düsseldorfer Eurovisions-Bühne kontrastieren Florian Wieder und der Licht-Designer Jerry Appelt die Videos auf der LED-Wand auffallend oft mit wärmer und greifbarer wirkenden Scheinwerferstrahlen, die durch feinen Dauernebel in der Halle sichtbar gemacht werden. Wenn es nach den Veranstaltern gegangen wäre, hätten auch mehr Länder mit realen Gegenständen auf der Bühne gestanden, um einen Kontrast zur Virtualität hinter ihnen zu bilden. Aber die meisten Delegationen wollten das nicht. Einige müssen ohnehin mit der Enttäuschung fertig werden, dass die Riesenleinwand, von der sie so viel gehört hatten, bei ihnen gar nicht genutzt wird – um eine Abwechslung in der Dramaturgie zu erzeugen.

Florian Wieder steht oben in den Rängen, schaut hinunter in die Arena, die vollgepackt ist mit Tausenden beweglichen Scheinwerfern aller Art, in der sich bespielbare LED-Flächen unter der Decke ausbreiten und am Boden von der Bühne bis weit in den Zuschauerraum, und erzählt, dass man eigentlich noch sehr viel mehr „Spielzeuge“ hätte gebrauchen können, um die 43 Titel abwechslungsreich in Szene zu setzen.

Und dann gab es noch die Idee, die Zuschauer in der Halle alle mit einem LED-Element auszustatten, jeder Mensch ein Pixel, und daraus lebende Bilder zu malen. Das war aber zu aufwendig. Für dieses Mal.