Autor: Stefan Niggemeier

Abschied von 9live

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Vielleicht wäre eine humane Lösung, die Moderatoren glauben zu machen, dass 9live den Betrieb seiner Anrufspiele gar nicht einstellt. Man könnte den Studiotrakt, in dem sie arbeiten, abriegeln und sie einfach weiter arbeiten lassen. Gelegentlich müsste mal jemand anrufen und durchgestellt werden und eine falsche Lösung sagen, aber das wäre kein großer Aufwand, auch finanziell nicht.

Sie scheinen dort schließlich, wenn schon nicht glücklich zu sein, so doch wenigstens ein Zuhause gefunden zu haben. Am Freitagabend konnte man Tina Kaiser zusehen, die sich die endlose Zeit, bis der „Hot Button“ zuschlug, damit vertrieb, ihren Lieblingssong „Spending My Time“ (!) von Roxette leise vor sich hin zu summen. Ihr Kollege Dirk Löbling, der die nächste Schicht übernahm, beschimpfte leidenschaftlich die Kollegen in der Regie, wobei unklar blieb, ob die Stimmen, mit denen er sich unterhält, tatsächlich in seinem Ohr oder nur in seinem Kopf sind. Später kam Max Schradin und begann seine Sendung damit, minutenlang zu tanzen, wie ein Achtjähriger im Kinderzimmer vor dem Spiegel.

9Live hat längst mehr mit betreutem Wohnen zu tun gehabt als mit Fernsehen. Warum soll man diesen Menschen das nehmen? Nur weil sich der Countdown bis zum Zuschlag des Hot Button ab Ende Mai von ewig auf unendlich verlängert?

Ein angenehmer Nebeneffekt dieser Lösung wäre natürlich, dass Menschen, die rund um die Uhr bei einer Fernsehsender-Attrappe moderieren, nicht woanders moderieren können. Denn obwohl die Call-TV-Animateure sich, seit das Aus des Programms bekannt ist, in bitteren schwarzen Humor flüchten, muss man fürchten, dass sie mit ihrem Talent zum Füllen von Zeit durch Nichts auch in anderen Sendern eine öffentliche Aufgabe finden werden. Vermutlich reicht es schon, sie auf eine schlammfarbene Couch zu setzen, und sie könnten als Moderatoren der Nachmittagsfüllungen in den Dritten Programmen durchgehen.

Die am Dienstag gesuchten männlichen Vornamen mit einem L waren übrigens Kalani, Naphtali, Neacel, Sheldon, Sobieslaw, Udalfried, Walo, Zabdiel und Zsolt.

Teletext: Elton

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Es wäre falsch zu sagen, dass Elton aus dem Fernsehen nicht mehr wegzudenken ist. Er ist ganz einfach wegzudenken; man wüsste nicht einmal, was einem fehlen würde. Er ist nur immer da.

Fast zehn Jahre ist es her, dass Stefan Raab ihn aus dem Lokalfernsehgetto holte und als „Showpraktikant“ bei „TV Total“ verspottete und aufbaute. Im selben Jahr noch bekam Elton seine eigene Show, in der er über Sachen im Internet lachte, „Elton.tv“, selig vergessen wie so vieles danach. Aber so kurzlebig viele der Shows waren, so flüchtig die Auftritte, so egal die Gags – Elton blieb. Man kann das als Zeichen dafür nehmen, wie anspruchslos das Fernsehen und sein Publikum geworden ist, dass dieser Running Gag nun schon so lange läuft und jemand zu einer Art Star wurde, der richtig gut eigentlich nur darin ist, stoffelig durch die Gegend zu stolpern und auszusehen, als ob er hier gar nicht hin gehört. Man kann Elton aber auch als Indiz dafür sehen, dass es selbst im deutschen Privatfernsehen so etwas wie Nachhaltigkeit gibt. (Jedenfalls im Dunstkreis Raabs, für dessen Projekte Elton fast immer gebucht ist – allein die endlose Reihe jährlich ausgetragener Quatschweltmeisterschaften sichert ihm eine beachtliche Bildschirmpräsenz, von der außer Franz Beckenbauer und Renate Künast alle nur träumen können.)

Sein Talent ist die Talentlosigkeit – nicht im Sinne einer alles falsch machenden Witzfigur, sondern als jemand, der nicht anders ist als sein Publikum. Man muss es gesehen haben, wie ihm die Sympathien zufliegen, wenn er vor dem Bundesvision Song Contest die Zuschauer anheizt und wie ein Kind sagt, sie sollen bei ihm ganz besonders jubeln, weil das den Raab immer ärgere. Es ist vermutlich eine Kunst, diesen Job so lange zu machen und immer noch zu wirken, als sei man gerade versehentlich von der Straße auf die Bühne geschlappt. Die Distanz, die mit diesem demonstrativ fehlenden Überengagement verbunden ist, ist hilfreich. So können selbst Sendungsunglücke wie die ProSieben-Show „Die Alm“, die er moderiert hat, der Karriere kaum schaden.

Wo Elton ist, gibt es keine Fallhöhe. Es ist der personifizierte Kindergeburtstag (oder besser: die personifizierte Ferienlager-Party pubertierender Jugendlicher, wenn die Erzieher schlafen). Alles was er will, ist ein bisschen Spaß haben. Das ist nicht viel. Aber wenn es im deutschen Fernsehen nur noch Sendungen gäbe, an denen wenigstens ihre Macher Vergnügen haben, wäre viel gewonnen.

Von kommenden Samstag an moderiert er im ZDF das traditionsreiche und etwas heruntergekommene Kinderquiz „1, 2 oder 3“. Sobald man die Überraschung darüber überwunden hat, erscheint das fast zwingend.

Angela Merkel findet keine Worte mehr

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Man müsste die Menschen inzwischen davon abhalten, versehentlich Sender wie Phoenix einzuschalten. Nicht auszudenken, welchen Einfluss es auf die Politikverdrossenheit im Land hat, wenn eine größere Zahl von Bürgern häufiger die Bundeskanzlerin im ungekürzten Original reden hören würde – wie neulich nach der Sparklausur der Bundesregierung vor der Bundespressekonferenz: „Wir haben ganz klar gesagt, wir müssen jetzt zeigen, 2011, 2012, 2013, 2014, die gesamte mittelfristige Finanzplanung muss überschaubar sein, und damit kommt Stabilität und Verlässlichkeit auch in diese Dinge hinein. Trotz aller schwieriger Entscheidungen sage ich: Dieses ist notwendig. Notwendig für die Zukunft unseres Landes. Auch wenn, das will ich ganz deutlich sagen, es ernste Stunden waren und ich es auch für eine durchaus ernste Situation für unser Land halte, aber ich bin optimistisch, dass wir das schaffen können, wenn wir das jetzt auch so umsetzen, und das ist uns in harter Arbeit gelungen.“

Man sehnt sich fast nach abgegriffenen Bildern wie einem enger zu schnallenden Gürtel, nach irgendeinem Appell, nach etwas Scheinkonkretem, einem Substantiv, an dem man sich festhalten könnte anstelle der ganzen dürren „das“ und „dieses“ und „diese Dinge“. Selbst ihr vermeintliches „Machtwort“, das sie Tage später sprechen wird, mündet in die hilflose Formulierung, es gehe jetzt darum, „dass wir das jetzt Realität werden lassen“.

Das einzig Konkrete, auf das sich Merkel einlässt, ist die Dauer der Verhandlungen. Die siebzehn Stunden müssen den Ernst der Lage symbolisieren und die Ernsthaftigkeit des Lösungsversuches beweisen. Sie dienen als Scheinbeleg dafür, dass es unvernünftig wäre, jetzt noch über den Inhalt des beschlossenen Paketes zu streiten.

Merkel sagt: „Wir haben uns vorgenommen, Deutschland zu einer Bildungsrepublik zu entwickeln. Wir wissen, dass wir auf einem guten Niveau aufbauen können. Aber wir wissen auch, dass noch eine lange Strecke zurückzulegen ist, bevor wir unser Ziel erreichen können.“ Merkel sagt: „Wir wollen das Zeitalter der erneuerbaren Energien erreichen.“ Merkel sagt: „Wir haben im Rahmen der Neujustierung von Sozialgesetzen vor allem darauf geachtet, wie wir die Arbeitsmarktpolitik auch effizienter gestalten.“ Merkel will „die Arbeitsvermittlung zielgerichteter ausrichten können, und wir veranschlagen auch durch diese zielgerichtetere Arbeitsmarktpolitik ausgerichtet auf bestimmte Gruppen dann, dass wir in den Jahren 2013 und 2014 dann auch sichtbare Erfolge sehen in Form von geringeren Leistungen für Hartz-IV-Empfänger“. Merkel will „nach der Bewältigung der Krise in die Exit-Strategie einsteigen“. Und Merkel will „die Bundeswehr zukunftsfähig machen. (. . .) Hier werden wir natürlich auch in den nächsten Monaten sehr intensiv darüber sprechen müssen, was das bedeutet und welche notwendigen Strukturänderungen hier vorgesehen sind.“

Das ist das Äußerste, das man von dieser Bundeskanzlerin erwarten kann: dass man „sehr intensiv“ über etwas spricht. Es ist auch ihr Trick, wenn sie selbst zu ahnen scheint, dass ihre Sätze so abgemagert und blutleer sind, dass womöglich selbst die abgestumpftesten professionellen Beobachter sie nicht mehr als berichtenswert oder nachrichtentauglich akzeptieren würden: Sie streut Wörter wie „wirklich“ oder „konkret“ oder gar „sehr praktisch“ über ihre Sätze. Dann schaffen es selbst ihre Sprachhülsen wie die über ihre Gespräche mit Russlands Präsident Dmitrij Medwedjew in die „Tagesschau“: „Deshalb ist die Zeit gekommen, hier wirklich in eine Phase einzutreten, wo wir sehr konkret sagen, was müsste gemacht werden . . .“ Oder: „Ich hoffe, dass wir auf einem sehr praktischen Pfad dazu kämen, unsere Zusammenarbeit auf eine neue Stufe zu heben.“

Als die Regierungsparteien im Reichstag ihren Präsidentenkandidaten Christian Wulff vorstellten, erklärte die Bundeskanzlerin der Nation diese Wahl damit, dass er „in einer Zeit, in der es um die Zukunft Europas geht, Verantwortung für unser Land übernimmt und bereit ist, auch mit den Menschen einen Weg zu gehen, der sicherlich nicht immer auch in den nächsten Jahren einfach ist, aber auch ein Land zu repräsentieren, das ein wunderbares Land ist, und in dem wir natürlich auch eine gute Zukunft gestalten wollen“.

Man muss davon ausgehen, dass sie das genau so meint, in aller Formelhaftigkeit, die man trotz des Bildes vom gemeinsamen Wandern des Volkes mit dem Bundespräsidenten nicht einmal mehr blumig nennen mag.

Die Sprache der Angela Merkel wirkt längst nicht mehr so, als würde die Kanzlerin bloß, wie es Politiker immer schon getan haben, vage formulieren, um keine Angriffsflächen zu bieten. Es scheint, als habe sich diese hohle, technokratische, abstrakte, phantasielose Sprache, umgekehrt, längst des Denkens bemächtigt. Als sei sie kein Mittel zum Zweck mehr, sondern Ausdruck einer tatsächlichen Beschränktheit. Ohnehin sind die Zeiten vorbei, in denen die alten Verschleierungs- und Beschönigungstaktiken sinnvoll erscheinen könnten – und, wie Merkel, nicht vom Senken von Ausgaben zu sprechen, sondern vom „Verstetigen von Ansätzen“ und vom „Austarieren von Lücken“.

Das Beschreiten von Wegen und das Gestalten von Zukunft sind die beiden Metaphern, die Merkels Sprache dominieren. Vor allem letztere korrespondiert dabei mit einer echten Sorge der Menschen: Ob Politik heute und morgen überhaupt noch die Möglichkeit hat, die Lebensverhältnisse entscheidend zu bestimmen. Umso verheerender ist es, dass Merkel ausgerechnet daraus ihre Lieblingsleerformel geschnitzt hat – es aber natürlich dabei belässt, zu fordern, dass die Zukunft gestaltet können werden muss, ohne zu sagen, welche Gestalt sie denn nach ihren Vorstellungen haben soll.

Tragisch ist es allerdings, wenn der interessierte Bürger nicht einmal mehr in den Journalisten Verbündete hat im Kampf gegen die erschütternde Sprachlosigkeit der Mächtigen. Nach der traurigen Präsentation von Wulff als Präsidentenkandidaten, die weniger als vier Minuten dauerte, an deren Ende die routiniert vorgetragenen Leerformeln schon wieder vergessen waren, zeigte sich die Hauptstadtbüroleiterin des ZDF sehr angetan. „Dieses war, wie es sein sollte“, kommentierte Bettina Schausten direkt im Anschluss, „nämlich eine würdige Präsentation. Alle haben dies kurz und knapp, aber durchaus mit Freude im Gesicht absolviert.“ Als „würdig“ müsste man demnach ungefähr jeden öffentlichen Auftritt bewerten, der ohne Einsatz von Furzkissen auskommt.

Kundschafter des Bürgers

Frankfurter Allgemeine Zeitung

„Aktenzeichen XV“: Gemütliche Expeditionen in die fremde Welt des Verbrechens.

„Der nächste Fall führt uns eine Welt, die für die meisten unserer Zuschauer fremd und sicher auch etwas unverständlich sein wird: in die Welt der sogenannten SM-Typen. Die Buchstaben ‚SM stehen in diesem Fall für Sadomasochismus. Diese Szene ist in Deutschland, wie wir mit einiger Überraschung festgestellt haben, größer als man sich als Normalbürger vorstellt.“ So klang das, wenn Eduard Zimmermann sein staunendes Normalbürger-Publikum mitnahm in die fremde Welt jenseits ihres Lebens. „Unvorstellbar“ war ein Wort, mit dem er häufig die Verbrechen beschrieb, für deren Aufklärung er die Zuschauer von „Aktenzeichen XY“ „um Ihre Aufmerksamkeit“ bat. Aber immer wieder waren auch die Milieus unvorstellbar, die er seinen Zuschauer zeigte und aus denen die Gefahr in ihre Wohn- und Esszimmer zu sickern drohte.

Der Fernsehfahnder war in seinen Sendungen so etwas wie der Kundschafter und Warner der Normalbürger, an dessen eigener Normalität kein Zweifel bestand, der sich aber von berufswegen auskennen musste mit den Bedrohungen von außerhalb. Wenn er schon überrascht war von der Größe der Szene der „SM-Typen“ in Deutschland, dann musste sie wirklich unglaublich groß sein.

Aber Eduard Zimmermann ist alles Voyeuristische, das das Fernsehen heute so sehr bestimmt, fremd. Er wollte nicht wissen, was die „SM-Typen“ genau miteinander treiben. Seine Sendungen konzentrierten sich darauf, die vermeintliche Normalität in Szene zu setzen, am liebsten am Esstisch und mit Suppe. Nüchtern setzte er seine Anmoderation fort: „Zur Klarstellung vielleicht noch der Hinweis, SM-Praktiken sind im Prinzip nicht verboten. Für die Polizei werden sie erst bedeutsam, wenn jemand dabei zu Schaden kommt. Denn dann liegt die Frage auf dem Tisch: Betriebsunfall oder Verbrechen?“ Das „im Prinzip“ sprach er mit spitzen Fingern aus, mit der Distanz eines Berichterstatters, der korrekt referieren, aber bloß niemanden ermuntern will. Und näher als mit der Wahl des Wortes „Betriebsunfall“ ist er vermutlich nie an etwas gekommen, was man Humor oder Lockerheit nennen könnte.

30 Jahre lang hat er die ZDF-Fahndungssendung geleitet und moderiert, und dass er dabei zu einer deutschen Institution wurde, hat viel damit zu tun, dass er so offensichtlich kein Fernsehstar war. Seine spröde, beamtenhafte, hölzerne Art gab ihm nicht nur eine Glaubwürdigkeit, sondern auch eine Immunität gegen die massiven Vorwürfe von Kritikern. Der „Spiegel“ warf ihm vor, „private Denunzierlust“ zu reizen, sprach von „Massenregie“, „einer Art Treibjagd mit moralischem Alibi“ und einem „Fangspiel“. Für das normalbürgerliche Publikum aber war er einer von ihnen und dazu gehörte, dass er nichts von neumodischen Veränderungen hielt. Erst ab 1975 wurde „XY“ als eine der letzten Fernsehsendungen in Farbe ausgestrahlt, wurde aber mit der muffig-braunen Studiodekoration kaum weniger monochrom. Zimmermann saß im Fernsehen in einer Welt, die aussah, wie die engen Wohnzimmer der Zuschauer mit ihren Anrichten und Schrankwänden. Von dort aus lehrte er sie das Fürchten, warnte sie vor dem Trampen und zeigte ihnen, wie bedroht ihre Idylle jederzeit war.

40 Prozent der „XY“-Fälle konnten nach Angaben des ZDF nach der Ausstrahlung gelöst werden; das Sendungskonzept wurde in viele Länder exportiert. Zimmermann ist für seine Arbeit unter anderem mit dem Bundesverdienstkreuz 1. Klasse ausgezeichnet worden. Am kommenden Mittwoch wird er achtzig Jahre alt.

Erde an Sender

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

War Reich-Ranickis Fernsehkritik zu pauschal? Es geht auch konkreter: 50 Fragen an das deutsche Fernsehen

Die Debatte, ob das deutsche Fernsehen ein Qualitätsproblem hat, hat ein Qualitätsproblem. Geführt wird sie so, als ginge es darum, sich darüber zu verständigen, ob die Frage mit Ja oder Nein zu beantworten ist – als ob damit irgendetwas ausgesagt wäre. Das liegt nicht zuletzt daran, von wem diese Scheindebatte besonders engagiert geführt wird. Einerseits von Leuten, die nach eigenen Angaben gar kein Fernsehen mehr gucken. Die nicht mehr zu hören brauchen als einen Titel wie „Bauer sucht Frau“, um schon ein Urteil gefällt zu haben. Und andererseits von Programmverantwortlichen, die mit erstaunlicher Offenheit ihre Arroganz demonstrieren: das Qualitätsproblem, das sind die anderen.

Dabei gäbe es genug zu diskutieren. „Voraussetzung eines jeden Qualitätsurteils ist die gründliche Kenntnis seines Gegenstandes“, hat die Jury des Fernsehpreises festgestellt. Und hinzugefügt, sie sei sich sicher, dass die einzelnen Leistungen „in allen in diesem Jahr prämierten Originalbeiträgen leicht erkennbar sind“. Damit könnte man anfangen: die Juroren die preiswürdigen Leistungen im Rahmen der ausgezeichneten Show „Deutschland sucht den Superstar“ erklären zu lassen.

Und für die weitere Debatte hätten wir noch ein paar Fragen:

1 Warum muss Anne Will die Talkshow von Sabine Christiansen auftragen, anstatt das zu tun, was sie so gut kann: Ein Gegenüber in einem konzentrierten Gespräch interviewen?

2 Warum gibt es überhaupt neben den ganzen Talkshows kaum noch Interviewsendungen?

3 Warum ist der Ort, an dem sich Politiker wie Andrea Ypsilanti im Ersten Programm Fragen stellen, Reinhold Beckmanns Küchenpsychologiestudio?

4 Wie konnte aus dem ZDF-„Länderspiegel“, der jahrzehntelang über große und kleine Geschichten aus der Landespolitik berichtete, ein seichtes Magazin mit Boulevardeskem aus der Provinz werden, das alte Beiträge des Magazins für Kontrollfetischisten, „ZDF-Reporter“, recycelt?

5 Ist es nicht erstaunlich, dass das ZDF anstelle eines Nachmittagsmagazins unter dem Titel „Hallo Deutschland“ täglich einen blutrünstigen, voyeuristischen Polizeireport sendet?

6 Warum haben wir sieben Dritte Programme, die alle mit Quiz- und Zoo-Sendungen und Wiederholungen von Seifenopern im Wettrennen um die beste Quote mitmachen, anstatt frei von diesem Druck innovative, ungewöhnliche Nischenprogramme zu entwickeln?

7 Wie konnte es passieren, dass der größte Privatsender Deutschlands, RTL, kein einziges eigenes journalistisches, meinungsbildendes Format in der Primetime hat?

8 Wer käme darauf, dass es sich beim „Aktuellen Sportstudio“ mit dauerjohlendem Publikum und hyperventilierenden Moderatoren um eine Sendung im ZDF und nicht im Privatfernsehen handelt?

9 Nimmt das Verbot von Schleichwerbung im Fernsehen ausdrücklich Thomas Gottschalk aus, der in „Wetten dass?“ gefühlte minutenlang ein Schild hoch hält, auf dem der Name eines Sponsors steht?

10 Welche Strategie bewegt Sat.1 dazu, als Sendeplatz für die Erstausstrahlung der letzten Staffel der sehr anständigen amerikanischen Sitcom „Will & Grace“ samstags um halb fünf zu wählen? (Ja, 4.30 Uhr, nicht 16.30 Uhr.)

11 Inwiefern trägt es zur Zuschauerbindung bei, dass RTL teure amerikanische Serien wie „Dr. House“ kunstvoll in eine solche Reihenfolge bringt, dass Cliffhanger garantiert nicht in der folgenden Woche aufgelöst werden?

12 Von wegen Globalisierung: Warum tauchen im deutschen Fernsehen nie Ausländer auf, außer auf Gottschalks Couch?

13 Und warum warnt keiner die internationalen Stars vor einem Auftritt bei Thomas Gottschalk?

14 Warum ist die Live-Sendung mit ihrer Möglichkeit, dass etwas Unerwartetes passiert, von dem man nicht am Tag zuvor schon in den Zeitungen gelesen hat, so gut wie ausgestorben?

15 Ist die einzige Möglichkeit, in Sendungen wie „Deutschland sucht den Superstar“ Spannung zu erzeugen, das Ausdehnen des Satzes „Und der Gewinner ist X.“ auf eine halbe Stunde?

16 Warum darf in Deutschland nur ein einziger Mensch (Florian Wieder) die Bühnenbilder von Fernsehsendungen designen? (Es kann doch nicht an seinem Nachnamen liegen.)

17 Wann gibt jemand den dahinsiechenden „Fun-Freitagen“ den Gnadenschuss?

18 Was würde passieren, wenn man Marco Schreyl seine Moderationskarten wegnähme?

19 Warum muss die ARD, um eine junge moderne Serie im Programm zu haben, sie bei RTL einkaufen – wie gerade mit den „Anwälten“ geschehen?

20 Wie dringend hat die Welt auf eine wöchentliche Quiz-Show mit Markus Lanz im ZDF-Hauptabendprogramm gewartet?

21 Warum braucht die ARD einen eigenen Digitalkanal, um ihre Zuschauer nachmittags jenseits der „Tagesschau“ über das Leben außerhalb der deutschen Zoos zu informieren?

22 Wie klug ist es von ARD und ZDF, sich einen Wettstreit um die meisten Box-Übertragungen zu liefern und jeden Kirmes-Boxkampf zum Großereignis hochzujubeln?

23 Das ZDF hat Johannes B. Kerner wirklich aus China einfliegen lassen, um ein Fußball-Testspiel anzusagen? Nicht zu kommentieren: anzusagen?

24 Wäre es nicht schön, wenn ARD und ZDF wenigstens einen Sendeplatz in der Hauptsendezeit hätten, an dem sie gute Spielfilme zeigten? (Das Erste zeigt George Clooneys „Good Night, and Good Luck“ als Premiere an einem Montagmorgen um 0.05 Uhr.)

25 Warum ist es eine so seltene Ausnahme, dass ein Sender wie Pro Sieben an imagefördernden, aber nur mittelerfolgreichen Sendungen wie „Stromberg“ oder „Dr. Psycho“ festhält?

26 Durch welches Missverständnis lässt sich erklären, dass Inka Bause die neue Allesmoderiererin von RTL geworden ist?

27 Wäre es nicht möglich, die Zahl der von den Dritten Programmen zeitgleich ausgestrahlten Talkshows am Freitagabend auf drei zu beschränken?

28 Wird es in absehbarer Zeit wieder Tage geben, an denen Johann Lafer nicht im ZDF zu sehen ist?

29 Wie lässt sich erklären, dass das, was in anderen Ländern „Late-Night-Show“ heißt, bei uns nur „Schmidt & Pocher“ und „TV Total“ bedeutet?

30 Und warum ist alles, was bei Jon Stewart ironisch ist, bei Harald Schmidt gleich zynisch?

31 Wann ist aus dem Genre der Filmkritik im Fernsehen das Versenden von Werbetrailern geworden?

32 Sind N24 und n-tv Nachrichtensender?

33 Und wenn es schon keine Nachrichtensender in Deutschland gibt, die diesen Namen verdienen, könnte es nicht wenigstens Musiksender geben?

34 Wäre der Gedanke völlig abwegig, dass die öffentlich-rechtlichen Boulevardmagazine wenigstens auf den Gebrauch von Paparazzi-Aufnahmen verzichteten?

35 Warum bestehen die „Abenteuer“ des „Alltags“ und des „Lebens“, von denen Kabel 1 täglich berichtet, ausschließlich aus Auswandern, Autotuning und, um es mit dem Titel einer dieser „Reportagen“ auszudrücken, aus „Kochen bis der Arzt kommt“?

36 Könnte nicht wenigstens Roland Heilmann aus der Sachsenklinik mal vorbeischauen?

37 Warum sind alle Fragen, die Fußballspielern nach dem Spiel gestellt werden, noch immer von Heribert Faßbender?

38 Wie kommt das ZDF aus dem Knebelvertrag mit Rosamunde Pilcher wieder raus? Und wie lange wird es der Titelgenerator noch schaffen, sich nicht zu wiederholen („Sieg der Liebe“, „Sommer der Liebe“, „Liebe im Herbst“ etc.)?

39 Warum werden nach Filmen keine Abspänne mehr gezeigt? Gelten dem Fernsehen Schauspieler und Regisseure wirklich so wenig?

40 Warum muss das Wetter von morgen aufgeblasen werden wie der Domino Day? Reicht nicht eine sachliche Ansage, müssen Leute, die nicht wissen, wohin mit ihren Händen, wirklich vor animierten Bildern herumflanieren?

41 Warum sehen die meisten Comedians nur lustig aus?

42 Glaubt wirklich jemand, dass sich hinter dem Pseudonym Atze Schröder ein echter Mensch verbirgt?

43 Wann hören die Call-TV-Moderatorinnen vom DSF auf, sich selbst zu erniedrigen, und ziehen sich bei der Arbeit was über?

44 Warum hat die blonde Moderatorin von „Spiegel TV“ immer schlechte Laune?

45 Warum wird auf Comedy Central jeder Witz todsynchronisiert? Schon mal über Untertitel nachgedacht? Lange genug?

46 Wie sehr schämt sich Günther Jauch heimlich für „Stern-TV“?

47 Will wirklich jemand einen Schwiegersohn wie Florian Silbereisen?

48 Warum dürfen nur fiktionale Figuren im Fernsehen richtig böse sein?

49 Wie ist Sibylle Weischenberg ins Fernsehen gekommen? Und vor allem: Wie kommt sie wieder raus?

50 Veronica Ferres?

Wahrheit hilft

Ivy

John Sweeney war ein angesehener Journalist in Großbritannien. Einmal hatte er sich in Zimbabwe im Kofferraum eines Autos versteckt, um den Oppositionsführer treffen zu können; er war ausgezeichnet für Berichte über Menschenrechtsverletzungen in Algerien, im Kosovo, in Tschetschenien. Und nun gab es diese Filmaufnahmen: Wie er einen Pressemenschen von Scientology anschreit. Wie er die Kontrolle über sich in einem Maße verliert, das alles in Nachmittagstalkshows gesehene übersteigt, und mit hochrotem Kopf und sich überschlagender Stimme brüllt und brüllt und brüllt.

Scientology selbst hatte das Video gemacht, als Sweeney für die BBC eine Dokumentation über die Organisation drehte, und brachte es nun in die Öffentlichkeit. Der Auftritt des Journalisten wirkt auf den Bildern so abstoßend, dass die BBC eigentlich mit allen Mitteln dafür sorgen müssen, dass so wenige ihrer Zuschauer wie möglich sie sehen. Stattdessen zeigte sie sie selbst.

Sie brachte sie in der Dokumentation, verlinkte von ihren Internetseiten auf den Scientology-Ausschnitt, diskutierte den Vorfall ausführlich. Sweeney versuchte, sich zu erklären und zu entschuldigen, und sein Redakteur erklärte: „Ich bin sehr enttäuscht von Sweeney.“ Dadurch, dass der Sender selbst über den Fall berichtete, konnte er ihn im Kontext darstellen und seine eigene Sicht der Dinge hinzufügen. Vor allem aber hatte die BBC erkannt, dass das Schlimmste für sie nicht wäre, wenn viele Zuschauer die Aufnahmen ihres ausrastenden Journalisten sehen würden. Das Schlimmste wäre es, wenn die Zuschauer das Gefühl hätten, die BBC würde versuchen, diese Aufnahmen vor ihnen zu verstecken und den Fall kleinzureden.

Diese Logik gilt nicht nur im Verhältnis von Medien zu ihrem Publikum. Sie gilt generell. Es geht um Vertrauen. Die meisten Menschen werden akzeptieren, dass Fehler passieren. Die wenigsten werden akzeptieren, dass diese Fehler vertuscht werden.

Das klingt so banal, dass man es kaum hinschreiben mag. Und bestimmt doch so wenig das Handeln von Unternehmen.

Wie aus einem relativ überschaubaren Problem eine unkontrollierbare Krise wird, weil die Reaktion als Versuch gesehen wird, unangenehme Wahrheiten zu verbergen, dafür gibt es viele Beispiele – jüngst die Störfälle in den Atomkraftwerken von Vattenfall. Dass in deren Folge der Deutschlandchef gehen mussten lag nicht an den technischen, sondern an den kommunikativen Pannen. Die fehlende Transparenz war eine einzige misstrauensbildende Maßnahme. Inzwischen stellt Vattenfall nach eigenen Angaben alle Informationen über die Störfälle umgehend ins Internet. Das ist ein bisschen spät.

Die meisten Experten für Krisenkommunikation sind sich einig, was ein Unternehmen tun sollte, wenn etwas schief läuft: schnell, umfassend und transparent informieren. Doch bei den Verantwortlichen scheint die Sorge um den Vertrauensverlust durch mangelnde Offenheit immer noch kleiner als die, schlafende Hunde zu wecken und Kunden durch die eigene Kommunikation überhaupt erst darauf aufmerksam zu machen, dass etwas schief gegangen ist.

Dabei spricht vieles dafür, dass sich durch Transparenz und die Demonstration des eigenen Verantwortungsbewusstseins die negativen Wirkungen von Pannen nicht nur ausgleichen, sondern mehr als wettmachen lässt. Am eindrucksvollsten zeigte das der Pharmariese Johnson & Johnson, als im Herbst 1982 in Chicago mehrere Menschen starben, die vergiftete Schmerztabletten der Marke Tylenol eingenommen hatten. Obwohl es sich um eine kriminelle Manipulation und nicht um einen eigenen Fehler handelte, sah sich der Hersteller in der Verantwortung, warnte in Anzeigen vor dem Konsum jeglicher Tylenol-Produkte und tauschte in einer gewaltigen Rückrufaktion landesweit Tabletten im Wert von 100 Millionen Dollar aus. Rechtlich bestand dazu keine Notwendigkeit, und viele Beobachter glaubten, dass danach die Marke Tylenol tot sein würde. Doch als Johnson & Johnson das Produkt einige Monate später in neuer, sichererer Form auf den Markt brachte, zahlte sich die offensive Offenheit aus: Die drastischen Maßnahmen hatten das Vertrauen der Kunden in die Marke gestärkt: Sie machten Tylenol wieder zum Marktführer.

Das ist jetzt 25 Jahre her, und scheint die Manager in Deutschland wenig beeindruckt zu haben. Freimütig Fehler einzuräumen, das ist für die meisten immer noch undenkbar. Der Reflex lautet: Das stimmt gar nicht, das ist gar nicht so schlimm, das war nicht unsere Schuld.

Und natürlich ist es schwer, eine umfassende Rechnung aufzumachen, wann sich die Transparenz für ein Unternehmen lohnt. Wann es nicht nur ethisch gut ist, eigenes Fehlverhalten offenzulegen, sondern nützlich. Die Folgen gescheiterter Vertuschungsstrategien sind dramatisch, aber wie oft hat sich die Vertuschung ausgezahlt, weil sie erfolgreich war und die breite Öffentlichkeit nicht von einem Skandal oder seinen wahren Ausmaßen erfuhr? Und wie groß ist die Gefahr, dass das Publikum die eigene Offenheit nicht würdigt, sondern nur den Fehler sieht im Vergleich zu Konkurrenten, bei denen es keinen Fehler sieht?

Dennoch spricht im digitalen Zeitalter immer mehr für eine aufrichtige Kommunikation mit den Menschen. Weil unliebsame Informationen plötzlich – ohne Filter durch die Medien – aus allen Richtungen kommen können und sich immer weniger unterdrücken lassen. Und weil das Internet jedem die Möglichkeit bietet, direkt mit seiner „Zielgruppe“ zu kommunizieren. Schon 1999 forderte das von Internet-Vordenkern verfasste „Cluetrain Manifest“, mit Menschen wie mit Menschen zu reden. Doch auch acht Jahre später ist es immer noch eine kleine Sensation, wenn Kirstin Walther, Geschäftsführerin der gleichnamigen Kelterei, in ihrem Saftblog offenherzig von den Pannen erzählt, wie der, als ein Kunde auf der Tüte in seinem Getränkekarton einen handgeschriebenen Aufkleber fand: „Ich bin der 475. Beutel! Ist der Rotz bald mal alle!“

Andererseits: Solange Transparenz noch so rar ist, müsste sie sich für jedes Unternehmen doppelt lohnen.

Die Dschungelkönigin

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Die Moderatorin Sonja Zietlow hat gezeigt, wie lustig sie sein kann. Sie will das aber nicht immer zeigen müssen.

Frau Zietlow, wir müssen über diese dicke weiße Made sprechen, die sich von Willi Herren erst noch mehrmals stupsen und quetschen lassen mußte, bevor er ihr dann endlich den Kopf abgebissen hat.

Ja, der Dirk Bach stand auch sehr betrübt daneben. Ich habe hinterher zu ihm gesagt: Ich finde das zwar auch nicht toll, aber letztlich kennen wir Willi, der Willi war immer nur so. Ich habe hinterher zu Dirk gesagt: Du mußt dir doch im klaren darüber sein, wenn wir diese Sendung machen, gehört auch dazu, einer Made den Kopf abzubeißen. Sie tat mir dann letztendlich auch leid, als dann die zweite Made allein auf dem Teller war, und das abgebissene Köpfchen von der ersten lag noch da, und die Made robbte sich zu diesem Köpfchen – aber dann denke ich mir, meine Güte, es ist ’ne Made, Herrgottnochmal!

Dirk Bach hatte sich in den Vertrag schreiben lassen, daß die Tiere nicht gequält werden.

Ach, wir haben schon immer aufgepaßt. In der ersten Staffel sollte der Sarg, in den sich Daniel Küblböck dann legte, eigentlich mit Ratten gefüllt sein. Und dann würde der mit Wasser gefüllt, so daß die Ratten sich auf den Menschen als Insel retten. Aber dann haben wir diese ganzen Ratten gesehen, und die taten mir wirklich leid: Die haben einen so angeguckt und mit ihren Füßchen an den Glaskasten gekratzt, und dann haben wir gesagt: Nein, das geht nicht. Das war dann meine Idee zu sagen: Laßt uns doch statt dessen ganz viele Kakerlaken nehmen!

Daniel Küblböck kann sich bei Ihnen also persönlich bedanken für die Kakerlaken.

Die Ratten können sich bei mir bedanken!

Diese Neuigkeit ist natürlich prima für Ihr Image als RTL-Domina.

Ich glaube, bei Ratten kann man sich theoretisch noch mehr Infektionen holen. Die können ganz schön heftig beißen. Man könnte also auch sagen: Ich hab‘ ihn gerettet vor den Ratten.

Kriegen Sie jetzt gezielte Angebote?

Als Domina?

Ja, in der Werbung und so was.

Ach, die ganze zweite Staffel war ich eigentlich schon nicht mehr die „Domina“, bis hinterher „Bild“ das noch mal geschrieben hat. Aber die anderen haben es, glaube ich, begriffen, von daher hab‘ ich in der Medienlandschaft nicht dieses Image. Das ist schon mal ganz gut.

Die „Bild“-Zeitung fragt: „Was hat diese Frau so hart gemacht?“

Ja, Dirk Bach ist das lustige Gummibärchen, und ich bin die Harte. Da denke ich auch manchmal: Wo haben die das her? Sicherlich, ich habe nicht soviel Furcht vor Dingen. Wenn der Tiertrainer mit einer Schlange ankommt und sie mir gibt, dann denke ich: Das wird schon nichts sein. Und wenn sie mich jetzt doch beißt, was soll denn dann passieren? Ich bin sicherlich auf manchen Gebieten tougher. Ich weiß ziemlich genau, was ich will. Ich vergleiche das immer mit einem Fußballtrainer. Wenn der seine Jungs anschreit, ist das ein Fußballtrainer, und jetzt stellen Sie sich mal vor, wenn das eine Frau machen würde! Bei den Dschungelprüfungen mit Willi zum Beispiel habe ich mir gedacht: Ich weiß, wenn er das jetzt macht, dann ist er hinterher stolz auf sich. Wenn ich ihn anschreie: „Mach es!“ Eine Domina erniedrigt Menschen, so was würde ich nie tun.

Wann wird Sonja Zietlow weich?

Gestern habe ich die Wiederholung von „The Swan“ geguckt, und als sich dann die Kandidatinnen nach den Schönheitsoperationen das erste Mal im Spiegel gesehen haben, dachte ich: Gib dir nicht die Blöße und wein!

Aber das ist doch eine schreckliche Sendung.

Also, ich bin da völlig der Otto Normalzuschauer, ich mag das sehen. Die meisten sind hinterher glücklich oder auch nicht. Aber ich denke mir, die wissen schon, was sie machen. Die machen das freiwillig. Ich verstehe nicht, wenn die Kritiker sagen: Muß man nicht die Leute vor sich selbst schützen? Die Leute leben ja auch sonst und wählen unseren Bundeskanzler und arbeiten und so weiter. Warum soll ich denn einen erwachsenen Menschen vor sich selbst schützen, das wäre ja anmaßend! Und wer schützt mich vor den Menschen, die meinen Bundeskanzler wählen? Das wäre doch das gleiche, zu sagen: Du gehst jetzt mal lieber nicht wählen, denn du weißt nicht, was du da tust.

Das Besondere an der Dschungelshow war, daß man den beiden Moderatoren anmerkte, wieviel Spaß sie dabei hatten.

Ja, wir hatten Riesenspaß, zumal die Pointen von Autoren geschrieben wurden, die einen sehr feinen Sinn für Humor haben. Manchmal waren die Witze so gut, daß ich die Pointen erst in der Sendung verstanden habe, obwohl ich sie vorher schon zweimal in den Proben gelesen hatte.

Das würde allerdings die gute Laune in der Sendung erklären.

Genau, nach dem Motto: Ha ha ha, was hab‘ ich gerade gesagt!

Sie konnten auch ganz neue Seiten von sich zeigen.

Ja, jetzt heißt es, bei mir wären neue Talente entdeckt worden, ich könnte Leute und Stimmen nachmachen. Dabei konnte ich das schon immer.

Haben Sie aber nie gezeigt.

Doch, in der Talkshow habe ich häufiger gesächselt oder so. Da kann sich nur keiner mehr dran erinnern, weil ich zwischendurch einfach nur eine seriöse Quizshowmoderatorin war, weil es das Konzept so verlangt hat. Als ich „Deutschlands klügste Kinder“ gemacht habe, hieß es zwischendurch: Ich peitsche die Kinder da durch. Da denke ich auch: Puh. Ich muß denen halt Fragen stellen, was soll ich denn machen? Soll ich sie dabei in den Arm nehmen?

Na, Sie müßten ja so eine merkwürdige Show gar nicht machen.

Aber es war toll!

Jedenfalls zwingt Sie keiner, solche Rollen zu übernehmen.

Natürlich nicht. Aber mir machen unterschiedliche Sachen Spaß. Ich möchte jetzt auch nicht immer nur das Dschungelcamp moderieren. Ich bin halt jemand, der ein Breitbandinteresse hat. Und jetzt gibt’s Angebote, etwas zu machen, was ein bißchen ins Komödiantischere geht. Aber das ist noch nicht spruchreif.

In der ersten Staffel waren Sie noch nicht so mit Parodien und Dialekten aufgefallen. Sie sind jetzt mehr aus sich herausgegangen?

Ja, ich bin niemand, der sich – das hört sich jetzt komisch an – unbedingt so in den Vordergrund spielen will.

Hört sich wirklich komisch an.

Das mit den Parodien war eigentlich auch nicht vorgesehen für mich. Ich kann ja nicht sagen: Ich kann das aber toll, und nachher ist das gar nicht toll. Man weiß das ja selber nicht, ob man Leute nachmachen kann oder nicht. Das fing eigentlich mit dem Dustin Semmelrogge an, der Kandidat in der ersten Staffel war. Die Autoren hatten in der zweiten Staffel als Regieanweisung einmal geschrieben: „Dirk gibt uns den Semmelrogge.“ Und Dirk sagte: Ich kann das überhaupt nicht. Und dann habe ich das mal vorgemacht, wie Dustin immer war, so: „Hey“ und „Voll cool“. Dann hieß es: Ja, dann mach du das doch. Und dann hab‘ ick det irgendwann auch mal mit der Désirée so gemacht, das ergab sich einfach so, als ich erzählt habe, was passiert ist, und alle haben sich kaputtgelacht.

Und vorher wußte keiner, daß Sie dieses Talent haben?

Ich habe mit der Kindersendung „Bim Bam Bino“ angefangen. Da habe ich schon ein paar Stories geschrieben, und wenn man die mal rauskramen würde, würde man sehen: Da habe ich schon verschiedene Dialekte gesprochen, mich verkleidet, habe eine Türkin gespielt mit Kopftuch und „Muß isch putzen, war isch türkische Putzfrau“ . . .

Aber irgendwie hat es keinen interessiert.

Nein.

Aber jetzt, und jetzt machen Sie was draus.

Weiß ich nicht. Weiß ich wirklich nicht!

Aber wäre Ihnen das egal?

Ob man was draus macht oder nicht? Ja. Ich glaube, daß ich lustig sein kann. Ich glaube nicht, daß ich immer lustig bin auf Abruf. Und ich hätte Angst davor, immer lustig sein zu müssen.

Also werden Sie jetzt wieder langweilige Standard-Shows wegmoderieren? Mein Arbeitstitel für diesen Artikel lautete: „Warum ist sie sonst nicht so toll?“

Eine Anke Engelke war sehr lange relativ unkomisch im Fernsehbusineß, bevor sie in der „Wochenshow“ entdeckt wurde. Da wächst man ja auch erst mal rein. Und jetzt ist sie „die Komikerin“. Stellen Sie sich mal vor, die Leute würden sagen: Die Sonja ist immer so lustig, und dann moderiere ich demnächst eine Sendung, die einfach kein komödiantisches Talent fordert, und dann sagen alle: Och, jetzt war sie aber nicht lustig. Ich fände das schon bedrückend, immer komisch sein zu müssen.

Was für Shows würden Sie gerne moderieren?

Ich habe einen Exklusiv-Vertrag mit RTL. Ich bin schon immer RTL-Gucker und -Fan gewesen. Ich kann mir unheimlich viele unterschiedliche Sachen vorstellen. Nächstes Jahr kommt eine Sendung, da kann ich noch mal ein anderes Talent zeigen, wo alle nur gestaunt haben, was ich mich alles traue, was ich aushalte und mitmache. Das war auch toll.

Ihre Texte in der Dschungelshow schrieb Ihr Mann Jens Oliver Haas. Muß man mit der Moderatorin verheiratet sein, um so gute Texte zu schreiben? Muß man mit dem Autor verheiratet sein, um so flockig moderieren zu können?

Nee, muß man nicht. Mein Mann war schon, bevor er mich geheiratet hat, ein wunderbarer Autor. Ich habe ihn bei „Der Schwächste fliegt“ kennengelernt. Er war aber selber nie auf die Idee gekommen, mir lustige Texte zu schreiben. Weil er sagt, Comedy ist sehr schwierig, da gehört viel Timing dazu. Eigentlich war für die Dschungelshow auch geplant, daß Dirk Bach der Lustige ist und ich die Seriöse, die das Heft in der Hand hält. Ich moderiere, und er hat die Pointen. So war das in der ersten Staffel ja auch eher. Diesmal habe ich gesagt: Ich fänd’s ganz schön, wenn auch mal ein Lacher bei mir wäre . . . Und so haben wir uns das getraut und haben gesehen, hey, das geht ja auch.

Und jetzt schreibt Ihnen Ihr Mann eine Sitcom.

Neee. Aber so was wie improvisierte Comedy wollte ich schon immer mal machen. Ich würde gern wissen, ob ich so was auch könnte. Ich glaube, ich habe eine relativ gute Einschätzung von mir, was ich kann und was nicht. Wobei mein Mann sagte: Oh, das ist aber ganz schwer, nach dem Motto: Übernimm dich da mal nicht. Und vielleicht hat er recht.

Ein bißchen auf den Geschmack gekommen sind Sie also.

Ich habe schon vor zwei Jahren gesagt, RTL soll mich mal für Comedy-Sendungen casten, aber es kam halt noch keine. Was soll man machen.

Aber jetzt.

Weiß man nicht.

Doch, wenn die Leute diesen Artikel gelesen haben.

Hm. Mit der Überschrift „Warum ist sie sonst nicht toll“!?

Ist es nicht schwer, nach der Dschungelshow wieder eine ganz normale Show zu moderieren? Der Unterschied muß doch riesengroß sein.

Der ist auch riesengroß. Es gibt eigentlich keine Produktion, wo wir soviel ausprobieren konnten. Ab und zu haben wir uns auch über die Merchandising-Produkte lustig gemacht. Die CD zur Sendung haben wir beim ersten Mal ins Tischaquarium geworfen. Dann kam natürlich sofort von irgendwo ein Anruf: Das könnt ihr doch nicht machen! Und wir so: Na gut, machen wir nicht.

Das nächste Mal haben Sie die CD als Bumerang benutzt.

Und beim dritten Mal haben wir sie sogar in den Kuchen gesteckt. Zum Glück hatten wir einen entspannten Redakteur von RTL, der auch mal ein Auge zugedrückt hat. Es half sehr, daß die Sendung live war. Daß es keine Zeit gab, alles mit allen bis ins letzte Detail abzustimmen. Die Beschwerden kamen dann hinterher.

Als Sie die Leute aufriefen, Carsten Spengemann in die Dschungelprüfungen zu wählen.

Genau. Den haben wir da ja eigentlich reingetextet – auch um für mehr Abwechslung bei den Prüfungen zu sorgen. Das fanden nicht alle Verantwortlichen toll. „Das darf man nicht machen“, hieß es. Da haben wir gesagt: Okay . . .

Und statt dessen eine freundliche Empfehlung für Willi abgegeben.

Stimmt.

Das war fast ein Experiment: Stimmen die Zuschauer wirklich für jemanden, wenn zwei lustige Moderatoren ihnen das ans Herz legen?

Ja, in diesem Fall hat es sogar geklappt — das hat mir fast Angst gemacht. Aber die Zuschauer wissen eben auch, was gut ist.

Angst essen Quote auf

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Orientierungslos dilettiert das Privatfernsehen vor sich hin – auf der Suche
nach den Zuschauern und sich selbst.

Als ob noch irgendwer die alte Leier hören wollte vom Fernsehen, das immer schlechter wird. Braucht kein Mensch.

Dies ist nicht so ein Text. Auf den nächsten knapp 300 Zeilen kommt Adorno nicht vor, wird Harald Schmidt nicht nachgeweint, werden weder die Dschungelshow noch „Big Brother 5“ als endgültiger Untergang des Abendlandes gegeißelt. Es ist nur so, daß einem gerade so wahnsinnig wenig gute Gründe zum Einschalten einfallen. Es muß ja keine mehrteilige Literaturverfilmung mit komplexer Verwebung verschiedener Zeitebenen sein, nicht einmal eine kontroverse Spielserie zu Fragen unserer Zeit. Gut gemachtes Alltagsfernsehen würde schon reichen, „gepflegte Unterhaltung“, wie man das früher nannte. Man muß nicht mit dem kulturpessimistischen Blick des Intellektuellen auf das Fernsehen hersehen, um festzustellen: Im Moment ist es besonders trostlos, und die Fehler, die gemacht werden, sind besonders unfaßbar.

Wie war das wohl bei der Sitzung, auf der RTL entschied, wer in der Jury von „Star Duell“ über die karaokesingenden Soapdarsteller urteilen soll? Nachdem die Namen „Caroline Beil“, „Daniel Küblböck“, „Nina Hagen“ und „Mike Krüger“ auf der Tafel standen, fragte vielleicht ein Teilnehmer: „Fehlt da nicht ein bißchen Kontrast?“, ein anderer fügte wortlos „Roberto Blanco“ hinzu, und die Runde nickte erleichtert. „Wir setzen die auf ein Ufo, das die ganze Zeit durch die Halle schwebt“, erläuterte ein Insider. Ah ja. Komisch, daß die Leute das nicht sehen wollten.

Ein denkwürdiges Ereignis war sicher auch die Konferenz, auf der es der Produktionsfirma Constantin Entertainment gelang, Sat.1 ein erfolgversprechendes Konzept für sechs Super-Samstagabendshows zu verkaufen: Zwölf Semiprominente buchstabieren Wörter um die Wette. B-U-C-H-S-T-. . .? Genau. Nein, sonst nichts. Gekauft. (Kandidaten, die früh ausscheiden, bleiben trotzdem auf der Bühne und also dreißig Minuten gelangweilt im Bild, und im Gegensatz zu der anderen Sendung, wo das so ist, nicht mal zwischen Robbie Williams und einem Saalkandidaten.)

Dutzendfach ließen sich Beispiele aufzählen, von unerklärlichen Sendeplatzentscheidungen, der Inflationierung ohnehin schwächelnder Formate, fahrlässigem Vergraulen treuer Serienfans bis hin zu Details wie dem, daß bei Kabel 1 offenbar jemand angeordnet hat, den Titel des laufenden Programms immer in einer Ecke einzublenden, damit der Zapper weiß, was läuft. Was mag sich der Zapper denken, wenn dort „Shooter“ steht? – Alles falsch. „Shooter“ ist kurz für „Troubleshooter“, eine 08/15-Dokureihe über Sozialarbeiter und andere Helfer und Kontrolleure. Darauf muß man erst einmal kommen.

Was dem Fernsehen im Moment fehlt, hat weniger mit Kultur und Anspruch zu tun als mit Kreativität und Handwerk. Lassen wir ARD und ZDF einmal außer acht, die nur den kommerziellen Trends hinterherhecheln; für das gegenwärtige Versagen der Privaten gibt es handfeste Gründe, und der wichtigste davon ist die Angst.

In München kursiert eine sehr knappe Erklärung dafür, warum Pro-Sieben-Geschäftsführer Nicolas Paalzow gefeuert wurde: Er habe einmal zu oft Einwände gegen von oben angeordnete Programmentscheidungen geäußert. Viele, denen ihr Job lieb ist, ziehen daraus die Lehre, Vorgaben am besten umzusetzen, ohne sie zu hinterfragen. So werden aus den „Vorschlägen“, die Haim Saban, der Besitzer von Pro-Sieben-Sat.1, aus Los Angeles macht, in München Anordnungen. Die Rede ist von der „Amerikanisierung“ der Fernsehfamilie. Dumm bloß, daß amerikanische Rezepte auf dem deutschen Markt ungefähr noch nie funktioniert haben.

Man muß schon sehr weit weg sein vom deutschen Fernsehalltag, um auf die Idee zu kommen, daß die Zukunft des braven Wiederholungs- und Plätscher-Senders Kabel 1 darin liegen könnte, so zu werden wie das junge Krawall- und Trash-Programm RTL 2, nur weil das viel mehr Gewinn abwirft. Aber auf solche Ideen kommt das neue Management von ProSieben-Sat.1, weshalb Kabel 1 so lustige Experimente machen durfte wie das „Judas-Game“ und „Opas letzter Wille“. Einmal dürfen Sie raten, wie erfolgreich das war.

Man könnte solche Entscheidungen mit Unerfahrenheit erklären. Oder damit, daß jemand nur den kurzfristigen Erfolg sucht. Oder damit, daß man nur aufs Geldverdienen achtet und nicht aufs Programm-Machen. All diese Punkte träfen ganz gut das Dilemma des Privatfernsehens. Pro Sieben hat seit Anfang Mai einen 31 Jahre alten Geschäftsführer namens Dejan Jocic, den die Pressestelle ein „außergewöhnliches Managementtalent“ nennt mit „mehr als zehn Jahren Erfahrung im Programm- und Produktionsbereich“. Böse Menschen sagen, damit sei sein Praktikum beim Deutschen Sportfernsehen gemeint. Zu seinen ersten Amtshandlungen gehörte es, alle Entscheidungen seines Vorgängers vorläufig auf Eis zu legen. Das macht man so als neuer Chef.

In einer zutiefst verunsicherten Branche, in der man weder von den Chefs noch von den Zuschauern mehr weiß, was sie wollen, flüchten sich die Sender ins Nicht-Entscheiden. Da kommt also eine Produktionsfirma und bietet ein neues Format an. Kaufen? Womöglich wird es ein Flop! Nicht kaufen? Herrje, womöglich läuft es dann bei der Konkurrenz und wird ein Hit! Also: erst mal reservieren, aber nicht zusagen, verzögern, hinhalten, wird schon. Hätte die Produktionsfirma nicht noch ein paar Ideen, wie man das umsetzen könnte? Wo man das ausstrahlen sollte? Das muß aber doch billiger zu produzieren sein! Können wir nicht die Zuschauer teuer anrufen lassen, um jemanden rauszuwählen? Ach, das geht nicht, weil es gar keine Live-Sendung ist? Hm. Soso.

Tempo kommt ins Spiel, wenn dann doch eine Entscheidung gefallen ist, womöglich bei einem Konkurrenten. Fast ein Jahr lang hatten die RTL-Leute einigermaßen überzeugend erklärt, der Erfolg von „Star Search“ im vergangenen Sommer beruhe nur auf einer Ausnahmesituation und werde sich nicht wiederholen, doch als Sat.1 dann mit der zweiten Staffel begann, schoß RTL dagegen, als müsse man die Entstehung eines zweiten „Wetten daß . . .?“ verhindern: Drei Folgen der Erfolgsserie „Alarm für Cobra 11“ liefen gegen die Premiere und auf dem Schwestersender Vox noch „Titanic“. Ein absurder Overkill, nur um ganz sicherzugehen, daß „Star Search“ auch garantiert nicht vom Start wegkommt.

In den USA lief erfolgreich die Show „Simple Life“, in der sich zwei Großstadtgören auf dem Land durchschlagen müssen, RTL kündigt für den Herbst eine deutsche Variante an, aber Pro Sieben schickt schon im Juli sieben „Prominente“ auf „Die Alm“. Man kann ja die RTL-Dschungelshow als Trash bezeichnen, aber sie war langfristig geplant, geschickt gecastet, liebevoll, aufwendig, teuer produziert. Nichts spricht dafür, daß der Schnellschuß von Pro Sieben ähnlichen Kriterien genügen wird, in der Kürze der Zeit überhaupt genügen kann. Er ist – wie viele andere – nur die Antwort auf die Frage des Vorgesetzten: „Und was machen wir in dieser Richtung?“

Dahinter steckt eine tiefe Sinn- und Identitätskrise. Die sogenannten Spartensender sind längst ein Witz, weil sich mit ihrer jeweiligen Spezialität kein Geld mehr verdienen läßt. Auf den Musiksendern laufen kaum noch Musiksendungen, auf den Nachrichtensendern immer seltener Nachrichten, im Sportfernsehen DSF nur noch zufällig mal Sport. Es ist noch nicht lange her, da lehnte Pro Sieben „Big Brother“ ab, weil die billige Optik der Überwachungskameras nicht zum „Premium“-Anspruch des Spielfilm- und Seriensenders paßte. Heute kann es gar nicht grobkörnig genug sein, jeder muß auf jeden Trend aufspringen, und am Ende wundern sich alle, daß der Zuschauer keine Lieblingssendungen und -sender mehr hat, denen er treu ist. Wer kann sie auch noch unterscheiden, die Laienschauspiele, die Schnipsel mit C-Klasse-Stars, die ein paar Sätze zu den Achtzigern / den Neunzigern / „Sex and the City“ sagen, die Sendungen, in denen Oliver Geissen mit drei Kollegen auf einem halbrunden Sofa sitzt?

Bislang wußte man wenigstens bei RTL immer noch, wer man ist (Marktführer), was für Sendungen man macht (die erfolgreichen). Plötzlich bröckeln die Quoten, sämtliche Erfolgsformate haben ihren Höhepunkt überschritten, in wenigen Wochen floppten drei Shows atemberaubend („Star Duell“, „Fear Factor“, „Goxx“). Bei Sat.1 haben die Leute Erfahrung mit Niederlagen, RTL aber ist zutiefst verunsichert. Und quasi führungslos, denn Chef Gerhard Zeiler ist überwiegend in Luxemburg, um die Geschäfte der europäischen RTL-Group zu leiten, was vielleicht in Zeiten, wo alles lief, unproblematisch war. Seinem Stellvertreter Frank Berners sagt man ein gutes Gespür fürs Programm nach, nicht aber Entscheidungsfreude. Gelinde gesagt.

Der einzige Privatsender, der in der vergangenen Saison nennenswert Zuschauer gewinnen konnte, ist RTL 2. Dessen Geschäftsführer Josef Andorfer ist auch der einzige mit einer klaren Vision von dem Programm, das er machen will. Man muß die nicht mögen. Aber man darf sich über den Erfolg nicht wundern.

Es kommt so einiges zusammen. Die Geschwindigkeit, mit der die Sender Talkshows aus dem Programm warfen und durch geschriebene Gerichts- und Pseudo-Doku-Formate ersetzten, bedeutete schlicht, daß aus erfahrenen Talkshow-Redakteuren unerfahrene Drehbuchautoren wurden, Laien, wie die Darsteller. Und am anderen Ende der Hierarchie, auf den verantwortlichen Positionen, sitzen immer mehr Menschen, die das Fernsehen nicht gucken, geschweige denn lieben.

In den neunziger Jahren hieß es, daß das Privatfernsehen die Branche professionalisiert habe. Heute sorgt es für eine rasante Amateurisierung. Sat.1-Geschäftsführer Roger Schawinski bekannte diese Woche in einem Interview: „Ich sage zu mir drei Mal am Tag, daß ich den geilsten, spannendsten Job der Welt machen darf.“

Das ist doch was.

Wie sie wurden, was sie nicht mehr sind

Frankfurter Allgemeine Zeitung

Der Musiksender Viva ist heute erst zehn Jahre alt, hat aber fast schon einen Nachruf verdient – Eine Geschichte in acht Gesichtern.

Ohne Viva wären DJ Bobo, Scooter und das Comeback von „Modern Talking“ nicht denkbar gewesen. Das mag ein zweifelhafter Erfolg sein, aber es ist ein Nachruhm, den dem Musiksender niemand nehmen kann, egal was kommt. Durch Viva, das Kind der Plattenindustrie mit Mindestanteil an Videos aus deutschen Landen, hat die deutsche Musikszene einen Schub bekommen, der kaum überschätzt werden kann. Welche Bedeutung der Sender heute, zehn Jahre nach dem Sendestart, noch hat, ist dagegen weniger gewiß.

Er ist gegenüber MTV in die Defensive geraten und leidet massiv unter der Werbeflaute. Musik ist im laufenden Programm von Viva nur noch ein Element unter vielen, die Beliebigkeit und die Austauschbarkeit des Senders wächst. Der Ableger Viva Plus betrachtet Musikfernsehen konsequent als Hintergrundmedium und Dudelfunk mit Grußmöglichkeit per teurer SMS. Er kommt ganz ohne Moderatoren aus, die bis vor kurzem noch als unentbehrlich galten, um einem Sender die nötige Unverwechselbarkeit zu verschaffen, und hat trotzdem schon fast so viele Zuschauer wie die große Schwester.

Vielleicht ist der zehnte Geburtstag von Viva die letzte Gelegenheit, eine Gattung zu würdigen, an die man sich bald nicht mehr erinnern wird: den Viva-Moderator. Er oder sie ist inzwischen verschwunden oder bei einem anderen Sender zu dem Typus mutiert, der dort gepflegt wir. Dies ist der Versuch einer kleinen Typologie der Gesichter eines Musiksenders.

Charlotte Roche.
Die Alibifrau.

Seit kurzem sieht man sie wieder häufiger im Viva-Programm oder wenigstens ihren Namen oder wenigstens den ihrer Sendung. Denn seit kurzem blendet Viva tagsüber oben eine Zeile ein, in der auch Sendungen angekündigt werden, die erst nach Mitternacht laufen. Das hat sich insofern schon gelohnt, daß man sich nicht mehr fragen muß, ob Charlotte Roche da überhaupt noch ist. Doch, ist sie. Aber vorher müssen halt noch diverse Wiederholungen von traurigen alten Pro-Sieben-Sendungen gezeigt werden, die kann man ja schlecht tief in der Nacht versenden. Man müßte Charlotte Roche mit ihrer Rotzigkeit und ihrem Interesse an Musik die „Vorzeigefrau“ von Viva nennen, aber natürlich ist sie die „Versteckfrau“: Es reicht völlig, daß sie da ist, man muß sich mit ihrer kleinen Sendung „Fast Forward“ ja nicht auch noch die Quoten versauen. Das eigentlich Traurige ist, daß ihr etwas verunglückter Ausflug zu Pro Sieben zeigte, daß sie bei einem kleinen Sender richtig gut und viel besser aufgehoben ist. Wenn dieser nur wüßte, was er an ihr hat.

Mola Adebisi.
Der Übriggebliebene.

In einem Interview hat Mola Adebisi einmal gesagt: „Von all meinen Aktivitäten, die ich seit meiner Jugend betrieben habe, ist Moderator mehr oder weniger ein Abfallprodukt gewesen.“ Und: „Ich bin zum Moderieren gekommen wie die Jungfrau zum Kind.“ Dem ist wenig hinzuzufügen. Als Mola Adebisi zu Viva kam, war er zwanzig und moderierte Kinderquatsch, im Februar wird er 31 und moderiert immer noch Kinderquatsch. Jeder andere wäre vermutlich nicht nur längst gegangen (okay, Mola hat zwischendurch „Die dümmsten Urlauber der Welt“ bei RTL 2 moderiert, das zählt aber kaum als Karriereschritt), sondern hätte sich wenigstens ein neues, gar reiferes Format bei seinem Sender erkämpft. Nicht einmal die Jubiläumssendung durfte er moderieren, wahrscheinlich ist er aber für das Clip-Special „25 Jahre Viva“ im Jahr 2018 schon gebucht. Andererseits: Für wen ist es trauriger, sich nicht zu verändern, für Mola oder einen trendigen Musiksender? Womöglich ist Molas Erstarren in Wahrheit eine große Erfolgsgeschichte. Was macht eigentlich Kristiane Backer?

Heike Makatsch.
Der Star.

Dutzendfach ist er gelaufen, der Clip von den ersten Minuten im Leben von Viva, in denen sie sagt: „Wir sind mehr als nur ein Fernsehsender, denn wir sind euer Sprachrohr und euer Freund, und ab heute bleiben wir für immer zusammen, okay?“ und sich zur Kamera beugt und ungelenk mit den Händen ein Sprachrohr formt. Immer noch hat er eine schräge Magie, weil Heike Makatsch so entschieden unprofessionell dasteht und doch so anders unprofessionell als all die anderen, die dachten, es reicht, nichts zu können, um Viva-Moderator zu werden. Sie steht da wirklich als neue Freundin und ist die einzige, die diesen Satz sagen kann, ohne daß er peinlich ist. Natürlich war sie klug genug, nicht für immer mit uns und Viva zusammenzubleiben, sie hat die wohl erstaunlichste Karriere gemacht und dreht heute Weihnachtskomödien mit Hugh Grant. Sie wirkt dabei so wenig wie eine richtige Schauspielerin wie damals wie eine richtige Moderatorin, und trotzdem möchte man sagen, daß sich das ganze Projekt Viva schon gelohnt hat, nur um der Welt Heike Makatsch zu schenken.

Stefan Raab.
Der Nervige.

„Du weißt auch nie, wann Schluß ist“, wirft man Kindern vor, wenn sie einen „Scherz“ zu weit getrieben haben. Dabei ist das exakt das Erfolgsgeheimnis von Stefan Raab. Alle Viva-Moderatoren profilierten sich über Penetranz, die meisten beließen es dabei, sich dafür eine möglichst affige, immer gleiche Begrüßungs- und Abschiedsfloskel auszudenken. Raab war konsequenter: Er verfolgte seine Opfer mit Mikrofon und Dauergrinsen, bis sie ihm eine reinhauten. Schon „Vivasion“ funktionierte durch die Wiederholung der immer gleichen Witze, so wie er später bei „TV Total“ geschätzte drei Millionen Mal das Geländer herunterrutschte, um den „Weltrekord“ zu brechen, und vermutlich noch öfter mit den Worten „Wir haben doch keine Zeit“ auf seine Armbanduhr tippte. Jahrelang hatte er erzählt, das mit dem Fernsehen nicht ewig machen zu wollen, sondern nach ein paar Jahren aufzuhören, um die Welt zu umsegeln. Gerade hat er dieses Versprechen gebrochen. Stefan Raab weiß, wann Schluß ist, nämlich genau dann, wenn der Spaß aufhört: nie.

Enie van de Meiklokjes.
Das eigentliche Nichts.

Es ist schwer zu sagen, was Enie van de Meiklokjes richtig gut kann. Sie moderiert, aber man weiß eigentlich nicht, warum. Sie ist bekannt, aber man weiß eigentlich nicht, woher. Sie redet, aber man weiß eigentlich nicht, worüber. Sie hat sich irgendwann diesen lustigen Künstlernamen anstelle von Doreen Grochowski ausgedacht, das hilft, und darüber kann man in jeder Talkshow ein bißchen plaudern. Und sie hat sich irgendwann diese lustige rote Frisur ausgedacht, das hilft auch, und als die Telekom sie als Modell für die Werbung verpflichtete, wurden die Haare magentarosa, warum nicht, besser, als wenn die Hausfarbe des Unternehmens Schlammbraun oder Giftgrün gewesen wäre. Ihre offensichtliche Talentlosigkeit ist Teil ihres Erfolges, schließlich können die meisten Zuschauer zu Hause auch nicht besser Englisch, ist doch nett, daß man trotzdem ins Fernsehen kommt, nicht nur diese arroganten Alleskönner. Jetzt moderiert sie im ZDF eine Sendung über klassische Musik, die Menschen ansprechen soll, die nichts von klassischer Musik verstehen. Sie ist die perfekte Wahl.

Oliver Pocher.
Harald-Schmidt-Imitator.

Die selbstironische Brechung, die Harald Schmidt ins Fernsehen brachte, war eine erfrischende neue Haltung, bis jeder siebzehnjährige Nachwuchsmoderator dachte, es solle auch die seine sein. Bis eine ganze Generation entdeckte, daß es zwar geil ist, Viva-Moderator zu sein, aber cooler, nur einen Viva-Moderator zu spielen. Daß man jeden schlechten Auftritt dadurch auffangen kann, daß man so tut, als sei es ohnehin nicht ernst gemeint gewesen, zwinker, wir verstehen uns, hey. Wenn Schmidt es schafft, jedem PR-Auftritt irgendeines Viva-Sternchens einen doppelten Boden zu geben, der ihn glänzen läßt, kann man es als cleverer Bursche sicher auch überleben, auf dem Interaktiv-Sofa zu sitzen und peinliche Fanpost von Teenagern vorzulesen – so die Logik von Oliver Pocher. Immerhin brachte er es zu einer Art Late-Night-Show bei Pro Sieben namens „Rent a Pocher“, in der nicht einmal das Saalpublikum über die Witze lacht. Sein eigenes „Höhö“ ist das einzige, was man hört. Aber in irgendeiner postmodernen Fernsehlogik ist das sicher ein Qualitätsmerkmal.

Sarah Kuttner.
Die Distanzierte.

Was für ein Glücksfall. Vor zwei Jahren kam Sarah Kuttner zu Viva und rettete den Sender – soweit eine Moderatorin das kann – vor kompletter Bedeutungslosigkeit. In kürzester Zeit stieg sie zum neuen Star des Senders auf, brachte ihn in die Schlagzeilen (bevor sie sich für den „Playboy“ auszog) und bewies, daß es einen dritten Musikfernseh-Moderationsweg gibt zwischen zynischer Dauerironie und dem völligen Einssein mit dem Teenageruniversum. Sarah Kuttner wirkt, als sei sie nur zu Gast in dieser Viva-Welt, als hätte sich selbst nie ein Poster von Alexander oder Westlife ins Kinderzimmer gehängt, und wenn doch, wäre es nicht sehr wichtig gewesen. Aber zugleich schaut sie nicht herab auf die „Bravo“-Leser, die sich ihre Sendungen anschauen. Sie ist unangepaßt in ihrem merkwürdig konservativen Auftreten und wirkt viel älter als die vierundzwanzig Jahre, die sie ist, wohl weil sie so wunderbar gelassen ist bei dem, was sie tut und was passiert. Auf ihrer Homepage steht: „Und ich frage mich gelegentlich: Bin das ich, oder bin ich schon so wie die im Fernsehen?“ Keine Sorge.

Dieter Gorny.
Der Philosoph.

Er hat noch keine eigene Sendung, aber wenn es mal soweit ist, müßte sie „Solo“ heißen oder „Astro-TV“, ein Format, in dem Viva-Chef Dieter Gorny ohne große Unterbrechung erzählen könnte, was die Zukunft bringt. Das wäre eine Neunzig-Minuten-Show, darunter ist es kaum zu machen. Wenn Gorny in Fahrt ist, mäandert er fröhlich durch Musikwissenschaft, Trendforschung, PR-Analyse und eigene Erfahrungen als Vater. Es wäre eine unterhaltsame Sendung, bei der man am Ende kurzzeitig das Gefühl hätte, jetzt hätte einem endlich jemand erklärt, was die Zukunft bringt. Später würde einem auffallen, daß richtig viel Handfestes nicht dabei war und das wenige genau das Gegenteil dessen, was er in der vorigen Ausgabe gesagt hatte. Es kämen Sätze darin vor wie der, den Gorny gerade dem „Musikmarkt“ zur Zukunft der Branche sagte: „Musikfernsehen als Brücke zwischen digitaler Distribution, sprich Downloading, und normalem Fernsehkonsum“, und: „Wir stehen hier am Anfang der digitalen Revolution.“ Wer wollte dem widersprechen, was immer es bedeuten mag?

Und hat sich doch an nichts gewöhnt

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Anke Engelke könnte heute für „Ladykracher“ den „Emmy“ gewinnen, aber trotz ihres Erfolgs ist sie erstaunlich dünnhäutig geblieben.

Wenn man Anke Engelke begleitet, ist das erste, das man lernt, daß es so etwas wie Routinetermine nicht gibt. Ein paar Minuten fürs Jugendradio, mit kaum mehr Inhalt, als daß sie da war: Was soll da schiefgehen? Nun, was das letzte Mal schiefging, war dies: Moderatorin und Interviewte waren so unterschiedlicher Meinung, was eine „witzige“ Idee mit einer „spontanen“ Anke wäre, daß das Gespräch nur in einer um alle Varianten des akustischen Sich-an-den-Haaren-Ziehens gekürzten Rumpfform ausgestrahlt werden konnte. Diesmal fragt ein Kollege: „Welche Figur aus ‚Ladykracher‘ ist dir am liebsten?“ Und Anke Engelke antwortet: „Natürlich habe ich keine Lieblingsfigur, klar. Aber das wäre eine langweilige Antwort, deshalb denke ich mir immer, wenn ich das gefragt werde, einfach eine aus. Dir also antworte ich heute …“

Was für eine Zicke. Es müßte ein Traum sein, jemanden wie Anke Engelke als Gast im Studio zu haben. Jemanden, der lustig ist, jung und lange selbst Radio gemacht hat, damals bei SWF 3. Häufiger ist es ein Albtraum. Weil sie weiß, wie es geht, hat sie genaue Vorstellungen, was geht, und nicht immer den Gleichmut, den anderen das durchgehen zu lassen, was nicht geht. Einer unbedarften jungen Boulevard-Häppchen-Sammlerin, die sie bei einer Veranstaltung anspricht, ohne sich vorzustellen, flötet sie entgegen: „Ich habe Ihren Namen nicht verstanden?“ Und fügt dann fies hinzu: „Ach Sie — ich habe schon viel von Ihnen gehört.“ Das ist erstaunlich viel Gefühlswallung (und sie kann sich über solche Situationen noch Tage später in Rage reden) für eine, die so lange im Geschäft ist und doch längst einen Weg gefunden haben müßte, auch dessen lästige Seiten zu ertragen. Anke Engelke ist dünnhäutig. Gerade weil sie so professionell ist, weil die lustige Frau ihren Job so ernst nimmt, sich in Sachen reinhängt, ärgert sie sich maßlos, wenn andere in ihren Augen weniger professionell sind.

Beim Deutschen Fernsehpreis, für den sie mit zwei Sendungen nominiert war, ist sie extra zweimal über den roten Teppich gelaufen: Einmal mit Olli Dittrich von „Blind Date“, einmal mit dem Ensemble von „Ladykracher“. Hat die Kolleginnen in den Arm genommen, immer wieder die strahlende Komödiantinnen-Pose eingenommen, für den Fotografen-Pulk auf dieser Seite, jaaaa!, für den Fotografen-Pulk auf der anderen Seite, jaaaa!, endlos. Das Bild stand dann zwar in den Zeitungen, aber den Redakteuren war entgangen, mit wem sie da posierte. „Anke Engelke kam allein“, schrieben sie, „hatte sich aber ein paar Freundinnen mitgebracht.“ Klasse.

Nur: Darf man sich als erfolgreicher Star noch über so was aufregen?

„Ich fühlte mich so gezerrt von den Fotografen“, sagt Anke Engelke, „wie ein Tier, das gezähmt werden sollte. Das war so entwürdigend. Wenn Günther Jauch vorbeigekommen wäre, das wäre meine Chance gewesen, durchzuatmen. Dann wären sie alle mit einem Schritt weg gewesen. Das wäre aber auch das Tragische gewesen: Ich hätte gemerkt, daß ich denen eigentlich völlig egal bin.“ Vielleicht macht diese Empfindsamkeit gegenüber Offensichtlichem einen Teil ihrer Beliebtheit aus. Aber es klingt sehr, sehr anstrengend.

Man muß dabeigewesen sein, bei einer dieser Veranstaltungen, wo ein Dutzend Journalisten mit einem Promi in einem Konferenzraum sitzen. Vorher wird die neue Serie gezeigt, dann sagt der Pressesprecher, jetzt sei Gelegenheit, Fragen zu stellen — nur nichts Privates, das sei tabu. Die meisten Journalisten interessieren sich nicht fürs Fernsehen. Sie wollen wissen, ob die Ehe der Prominenten wirklich kaputt ist, was sie an diesem jungen Komiker findet, wer sich nun um das Kind kümmert. Sie finden immer neue Varianten, scheinbar beruflich zu fragen („Findet Herr Ruf die Serie toll?“), ernten nur Schweigen und fragen immer weiter. Wer würde aus einer solchen Veranstaltung nicht herausgehen und sie alle verfluchen, pauschal und ungerecht, das ganze elende Pack?

Sie macht nicht mehr diese Presserunden. Notfalls, wenn eine Sendung PR braucht, gibt es Telefongespräche. Jeder zehn Minuten, nichts Privates, bitte, danke. Wer sie auf Fakten anspricht, die er aus alten Interviews kennt, läuft Gefahr, als Antwort zu bekommen: „Ach, das hab‘ ich doch nur so dahingesagt, das war nicht ernst gemeint.“ Das ist vielleicht ein naheliegender Reflex auf eine Medienwelt, die von ihren Protagonisten dauernd Kommentare verlangt, und doch wirkt es wie eine Verletzung der Spielregeln. Als die Journalisten vor zwei Jahren in ihrem Privatleben wühlten, auch ganz konkret in ihrer Mülltonne, hat sie Harald Schmidt gefragt. Der sagte: „Erzähl den Leuten nicht, was du zum Frühstück ißt, sondern behaupte irgendwas.“ Er selbst sage fröhlich, er trinke Orangensaft, obwohl er Orangensaft hasse. „Ich hab‘ gesagt: ‚Das kannst du doch nicht machen!‘ Und er: ‚Du mußt das machen.‘ Er hat mich richtig gewarnt: ‚Du bist viel zu ehrlich.'“ Hat er recht? Sie macht ein nachdenkliches Mmmh. Es gibt Hunderte Interviews mit Anke Engelke, aber man hat immer weniger das Gefühl, darin etwas von einer „echten“ Anke zu finden. Sagt sie den Leuten nur noch, was sie hören wollen? „Ja. Das ist nicht zynisch gemeint. Aber bestimmt bediene ich das. Ich kann ja nicht erwarten, daß die Leute mich freitags sehen und mögen und sich samstags nicht dafür interessieren sollen, was für Kleider ich einkaufe.“

Würde man eine Aufnahme vom Verlauf ihrer Karriere machen, hörte sie sich übersteuert an; als hätte jemand den Regler zu weit aufgedreht, so daß alle Höhen und Tiefen gleich in den roten Bereich ragen. Sie war nicht einfach ein frisches Talent in der „Wochenshow“, sie wurde zum Superstar geschrieben. Heute stellt sie selbst die Frage, für die sie Journalisten früher gehaßt hat, ob der Erfolg nicht vor allem daran lag, daß sie eine Frau ist und es so wenig Frauen gab, die Comedy machten. Ihre „Ricky“ jedenfalls, sagt sie, sei so gut nicht gewesen, die Aufregung zu rechtfertigen. Der Hype war ihre Chance und ein Fluch, als den Boulevardblättern ihre Privatgeschichten nicht gefielen und die wunderbare Serie „Anke“ über eine depressive Talkshow-Moderatorin beim Publikum durchfiel und sie weiter grell malten, nur in den anderen Farben.

„Zum Glück“, sagt sie, „habe ich immer, wenn ich etwas gemacht habe, was sehr im Fokus stand, etwas zum Ausgleich gehabt.“ Anfangs, neben der „Wochenshow“, das Radio: „Das war mir ganz wichtig: Daß ich etwas mache, was sich der Öffentlichkeit ein bißchen entzieht.“ Heute übernimmt auch „Blind Date“ diese Funktion, die Improvisation mit Olli Dittrich, bei der nichts vorgegeben ist, außer der Situation: Weihnachten zeigt das ZDF die dritte Ausgabe, eine Begegnung zweier Fremder im steckengebliebenen Fahrstuhl. Man hört ihr an, daß ihr „Blind Date“ nicht nur am Herzen liegt, weil es ein seltenes, spannendes, tolles Experiment ist. Sondern auch, weil es eine Sendung in der Nische ist, so klein, daß es sich für Leute, die ihr Übles wollen, nicht lohnt, sie kaputtzumachen.

Es ist nicht so, als würde sie sich die ganze Zeit beklagen. Man hat nur das Gefühl, sie würde mehr über die Dinge nachdenken, als ihr guttut. Andererseits hat ihre Karriere gerade eine sehr angenehme Reiseflughöhe eingenommen. „Ich spüre, anders als früher, keinen Druck“, sagt sie. „Heute ist die Situation entspannt, und ich bin es auch.“ „Ladykracher“ ist ein anhaltender Erfolg; selbst gewagte Sketche, etwa auf Kosten von Kindern, werden ihr nicht übelgenommen, obwohl die „Bild“-Zeitung, wenn ihr langweilig wäre, leicht einen Strick daraus drehen könnte: Wie kann sie so was tun, als Mutter? „Ich bin ein Glückskind“, sagt sie. „Ich weiß nicht, ob man das allen Kolleginnen so verzeihen würde.“

Heute sitzt sie in New York bei der Verleihung des Fernsehpreises Emmy, für den sie mit „Ladykracher“ nominiert ist. Seit sie die anderen Kandidaten gesehen hat, ist sie überzeugt, daß sie ihn nicht gewinnen wird. Auf die heikle Journalistenfrage, was sie als nächstes macht, kann sie lässig antworten: Wir drehen wieder „Ladykracher“. Sie überlegt sich, ob sie nicht Theater spielen soll, jetzt, da sich die Anfragen nicht mehr nur auf Boulevardtheater oder schlichte Komödien beschränken.

Und natürlich geht sie am 7. Dezember wieder zu „Wetten daß“, weil sie für ihre Weihnachtsshow „Danke Anke“ werben darf. Und weil es „schon toll“ sei, da auf dem Sofa zu sitzen — sie sagt das, als sei sie ein Mädchen, das eingeladen wurde, obwohl es eigentlich nicht dazugehört. Dabei hat sie sich letztes Mal so geärgert, daß sie am Ende nur noch Staffage war und Paul McCartney die Gitarre angeben durfte. Ihr Schimpfen darüber sei im Gegensatz zu so vielen Interviews sehr echt gewesen, sagt sie: „Dann verkauf‘ ich das ein bißchen humoresk, aber eigentlich war das ganz schön intim. Ich war da richtig gekränkt. Dabei finde ich das doof, das will ich nicht sein, schon gar nicht öffentlich. Aber da konnte ich nicht an mich halten.“

Der Witz ist, daß das keiner gemerkt hat.