Autor: Stefan Niggemeier

Einen links, einen rechts, das ZDF fallenlassen

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Markus Söder kämpft für die CSU gegen die Sozis im Sender und für einen konservativen Programmdirektor – uns zuliebe natürlich.

Am Freitag entscheidet der ZDF-Verwaltungsrat, wer neuer Programmdirektor werden soll. Alles spricht für Fernsehspielchef Hans Janke – außer, daß er nach der schlichten Farbenlehre als „Roter“ gilt und Intendant Markus Schächter der einzige „Schwarze“ in der vierköpfigen ZDF-Spitze wäre. In der CDU gibt es inzwischen Stimmen, die sich trotzdem für Janke aussprechen. Wortführer der Gegner ist Markus Söder, Chef der CSU-Medienkommission und Mitglied im ZDF-Fernsehrat.

Herr Söder, Sie haben das ZDF öffentlich kritisiert: Im Wahlkampf sei „in den Redaktionsstuben linke Politik gemacht“ worden. Sie haben das Thema in den Fernsehrat gebracht. Gab es Beschlüsse dazu?

Wir haben gemeinsam festgestellt, die Debatte künftig in den zuständigen Ausschüssen zu führen.

Das heißt, Sie äußern sich in Zukunft weniger und anders?

Das hängt von Fall zu Fall ab. Die Situation ist nach der Wahl mehr als schwierig. Es gibt schon sehr viele Kritikpunkte an der Berichterstattung. Ob es um die „Endspurt“-Reportage ging, die Themenauswahl in „Frontal 21“ und das dortige „Kanzlerduell“ zweier Puppen, die Zusammensetzung des Publikums bei Sendungen wie „Nachtduell“, die Auswahl der Gäste von „Berlin Mitte“, bei der es meistens ein Verhältnis von drei zu zwei für Rot-Grün gab. Diese Fälle wollen wir jetzt intern aufarbeiten. Dann sehen wir, ob sich das bessert oder sich der Trend fortsetzt.

Dem ZDF ist schon vieles vorgeworfen worden, aber selten, ein linker Sender zu sein.

Ich würde nicht pauschal sagen, das ZDF ist links. Das ist viel zu einfach und würde dem Gesamthaus nicht gerecht. Aber es gibt aus unserer Sicht eindeutige Tendenzen bei der Themensetzung in der Aktualität und bei Magazinen.

Ein Trend, daß die meisten ZDF-Journalisten links sind?

Einige schon. Das sind natürlich alles professionelle Journalisten – aber die Art, wie die Themen aufbereitet wurden, war sehr oft an die Regierungssicht angelehnt.

Deshalb drohen Sie, man müsse „an die Rundfunkgebühren ran“.

Diese Debatte ist sehr ernst und wichtig. Das ZDF ist eine Länderanstalt, da müssen sich die Menschen auch wiederfinden. Die Bayern sind treue und unglaublich viele Gebührenzahler – und bei uns hat die CSU über 58 Prozent erreicht. Diese Bürger wollen sich auch im Programm wiederfinden. Sonst stellt sich schnell die Frage: Gebühren zahlen für etwas, bei dem man sich nicht repräsentiert fühlt? Oder diese noch erhöhen?

Kann es sein, daß Sie Ihr Interesse und das Parteiinteresse mit dem Zuschauerinteresse verwechseln?

Ich verstehe mich als Anwalt der Gebührenzahler und als Kontrolleur einer öffentlich-rechtlichen Anstalt. Ein Fernsehrat ist kein Lobbyist des ZDF. Meine Aufgabe besteht darin, darauf zu achten, für was Gebühren verwendet werden.

Der Gebührenzahler hat also ein Interesse, daß der neue ZDF-Programmdirektor konservativ ist?

Das ZDF ist zur Ausgewogenheit verpflichtet. Alle gesellschaftlich relevanten Gruppen müssen sich entsprechend ihrer Stärke wiederfinden; im Programm und letztlich in der personellen Mannschaft.

Sie kämpfen nicht für die Union, sondern für die Zuschauer gegen einen Programmdirektor Hans Janke? Ist das Ihr Ernst?

Ich nehme an, Sie wollen darauf hinaus, daß es dem Zuschauer letztlich egal sein kann, wer da sitzt.

Nein, aber welcher Partei er angeblich nahesteht.

Natürlich wäre es zu kurz gegriffen, allein aufs Parteibuch zu schauen. Daß die Leute Kompetenz haben müssen, ist keine Frage. Kompetenz steht an erster Stelle, aber an zweiter, aus welchem gesellschaftlich-politischen Milieu er kommt und ob sich damit die gesellschaftlich relevanten Gruppierungen repräsentiert fühlen. Es geht nicht darum, ob die CSU glücklich ist. Es geht darum, ob das ganze komplizierte Geflecht der gesellschaftlich-relevanten Kräfte repräsentiert wird im ZDF.

Und Thomas Reitze oder Thomas Bellut wären eine gute Wahl, weil sie als konservativ gelten?

Weil sie es können und weil es im Rahmen der Intendantenwahl bezüglich des Programmdirektors eine klare Vereinbarung gab. Ich denke, es wäre sinnvoll, diese Strukturen zu erhalten.

Hatten Sie den Eindruck, daß die Art, wie die Intendantenwahl auf der Grundlage dieser Strukturen stattfand, gut war fürs ZDF?

Nicht unbedingt. Ich würde manches ändern. Ich halte es für falsch, daß nicht nach zwei Wahlgängen eine einfache statt einer Dreifünftel-Mehrheit genügt. Das hat ja zu dieser Problemlage geführt.

Das? Oder eher, daß es immer allein darum geht: Welcher Partei steht jemand nahe? Sie sprechen von „gesellschaftlich relevanten Gruppen“, aber was zählt, ist nur, daß Janke als SPD-Mann gilt, Bellut als CDU-Mann.

Völlig unbedeutend ist es nicht.

Ist das gut fürs Fernsehen? Ist das im Interesse der Gebührenzahler?

Wir haben eine repräsentative Demokratie in unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung, und die definiert sich über diesen pluralistischen Ansatz. Das hat sich 50 Jahre in vielen Bereichen von Gesellschaft und Politik bewährt. Das ZDF unterliegt den gleichen Prinzipien. Ich finde nicht, daß man das in Frage stellen sollte, bloß weil man mal bei einer Personalentscheidung nicht gleich die augenscheinlich „schnellste“ Lösung hat.

Viele, die sich auskennen, sagen öffentlich, sie halten Janke für die beste Wahl. Beeindruckt Sie das?

Natürlich nimmt man diese Stimmen ernst. Ich weiß allerdings nicht, ob zum Beispiel das massive Werben von Gottschalk dem Kandidaten nützt. Entscheiden müssen andere. Ich bin fest überzeugt, daß der Intendant am Freitag dem Verwaltungsrat einen Vorschlag macht, der mehrheitsfähig ist.

Sind Sie selbst mehrheitsfähig? Der Fernsehratsvorsitzende Polenz, CDU, sagt, der Einfluß der Parteien solle nicht zu groß werden, man dürfe nicht jeden Personalvorschlag politisch diskutieren.

Ich habe das so verstanden – und da stimme ich ihm auch zu -, daß man nicht jede Personalie öffentlich dauerhaft diskutieren soll.

Genau das tun Sie.

Nein, das tue ich nicht mehr.

Haben Sie aber getan.

Ich habe einen Diskussionsbeitrag zu dem Thema gegeben. Ich denke, das war wichtig und richtig. Aber ich habe Herrn Polenz so verstanden, daß wir das nicht dauerhaft fortsetzen wollen. Vor allem nicht bei jeder kleinen Personalie.

Polenz sagt: „Ich halte es nicht für sachgerecht, wenn öffentlich über Personen debattiert wird.“

Der Fernsehratsvorsitzende hat im übrigen eine andere Aufgabe als ich. Ich bin der Meinung: Ein bißchen Transparenz schadet nie. Es muß doch Kritik möglich sein, ohne daß gleich gesagt wird, „da wird jemand beschädigt“. Es nützt doch dem ZDF nur, wenn manche Sachen kritisch hinterfragt werden. Ich bin schließlich einer der jüngsten im Fernsehrat, vielleicht formuliere ich manches auch plakativer als ein Etablierter.

Etablierter als Sie kann man kaum sein: Sie halten jeden Unions-Mann für qualifiziert, jeden SPD-Mann für unqualifiziert.

Das habe ich nicht gesagt.

Darauf läuft es hinaus.

Ich habe gesagt, Qualifikation ist das erste. Aber stellen Sie sich vor, es gibt zwei Gleichqualifizierte.

Sie wollen einen Konservativen.

Halte ich insgesamt für die ausgewogenere Lösung. Aber entscheiden müssen es andere.

Sie sitzen als Vertreter der CSU im Fernsehrat. Es gibt Vertreter von CDU und SPD. Ich frage mich, ob da irgend jemand als Vertreter des Publikums oder der Interessen des ZDF sitzt.

Aber das ZDF-Programm ist doch ganz gut. Oder haben Sie den Eindruck, das ist alles schlecht?

Nein.

Dann haben wir doch gute Arbeit gemacht!

Wenn das Programm gut ist, dann trotz des Einflusses der Parteien, nicht wegen.

Das sehe ich nicht so.

Wie sehen Sie jetzt die Chancen für Janke oder für Bellut?

Ich bin optimistisch.

Inwiefern?

Ich bin optimistisch, daß wir eine gute Lösung finden.

Und Sie haben gesagt, daß Sie Reitze und Bellut für gute Lösungen halten und Janke nicht.

Ja, das habe ich gesagt.

Wäre Janke schlecht fürs ZDF oder schlecht für die Union?

Ich glaube, es würde eine schwierige Situation auslösen, die das Gesamtvertrauen zwischen ZDF und Kontrollgremien betreffen könnte.

Haben Sie überhaupt Indizien, daß Leute wie Janke oder Schächter Entscheidungen aufgrund ihrer Parteipräferenzen fällen?

Es sind ja Leitungspositionen bei der größten Fernsehanstalt in Europa. Da hat jede Aufgabe eine politische Dimension.

Die einzigen Zeugen

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

„9/11“: Jules und Gédéon Naudet filmten die Feuerwehrleute beim Einsturz des World Trade Center.

Der Körper eines Menschen, der aus dem 90. Stockwerk eines Hochhauses springt, macht beim Aufprall kein dumpfes „Fump“. Es ist ein lautes, krachendes Scheppern, als würde ein Auto aus großer Höhe auf dem Asphalt zerschellen. Es ist ein Geräusch, das einen mit entsetzlicher Klarheit begreifen läßt, warum ein Feuerwehrmann, der am 11. September von einem Menschen getroffen wurde, der aus dem World Trade Center sprang, sofort tot war.

Alle dreißig bis vierzig Sekunden hört Jules Naudet dieses Geräusch, eine Stunde lang, während er in der fensterscheibenlosen Lobby des brennenden Nordturmes steht. Er filmt keinen der Aufschläge. Er filmt nur die Gesichter der Feuerwehrleute, wie sie jedesmal innehalten und ruckartig für eine Sekunde aufschauen – aber: Das „nur“ in diesem Satz ist falsch.

Er hat auch die brennende Frau nicht gefilmt, an der er vorbeigegangen ist. Das war keine bewußte Entscheidung. Es war das Gefühl, daß schon, was er aus dem Augenwinkel gesehen hatte, mehr war, als ein Mensch sehen sollte. „Das Bild war so furchtbar, daß ich bereute, es mit meinen eigenen Augen gesehen zu haben. Ich wußte, daß es nichts Gutes bringen könnte, so ein Bild zu sehen.“ Die Kamera darauf zu richten war keine Option.

Aber Jules Naudet filmt. Er filmt, während die Leiter der Brigaden in der Lobby ihre Befehlszentrale aufbauen und immer neue ankommende Trupps in die Treppenhäuser schicken. Er filmt, als eine Welle von Staub und Lärm und Dunkelheit alles überrollt genau in dem Moment – wie er später erfahren wird -, in dem der andere Turm zusammenbricht. Er filmt, wie Chief Joseph Pfeiffer alle Kollegen per Funkgerät auffordert, den Nordturm sofort zu evakuieren, während er durch eine graue Wand eine stillstehende Rolltreppe hoch rennt.

Er leuchtet mit der Lampe seiner Kamera in das Chaos, bis die Feuerwehrleute ihren Geistlichen gefunden und geborgen haben, den sie später auf einen Altar legen und mit der Opfernummer 00001 registrieren werden. Er hält die Kamera in der Hand, als der zweite Turm einstürzt und er wieder um sein Leben rennt und wieder denkt, daß er jetzt stirbt.

Jules Naudet hat am 11. September die einzigen Aufnahmen aus dem Inneren des World Trade Centers gemacht und vorher die einzigen vom ersten Flugzeug, wie es in den Turm rast. Aber das weiß er in diesem Moment nicht. Was er weiß, ist, daß er wahnsinnig würde, wenn er die Kamera jetzt nicht laufen ließe. Wenn er nicht durch den Sucher oder das kleine LCD-Display blicken könnte, mit dem Rahmen, der Distanz, die sie dem Unvorstellbaren geben, das um ihn geschieht. „Ohne etwas, auf das du dich konzentrieren kannst, brichst du zusammen.“

Es ist eine Kette unglaublicher Zufälle, die dazu führt, daß Jules Naudet, 28, hier mit seiner Kamera steht und sein Bruder Gédéon, 31, einen Block weiter das Inferno auf der Straße filmt. Aber Jules spricht nicht von Zufall. Er sagt: „Geschichte sucht sich einen Zeugen, der alles aufzeichnet, und das waren wir.“ Er sagt das ohne Pathos. Es klingt zwangsläufig. Anders ließe sich ihre Geschichte auch kaum erklären.

Sie waren Ende der achtziger Jahre aus ihrer Heimat Paris nach New York gekommen, wo man an der Universität Filmemachen dadurch lernt, daß man einfach eine Kamera in die Hand bekommt und filmt. Sie haben mehrere, später preisgekrönte Dokumentarfilme gedreht, immer über Menschen, in deren Welten sie sich über Monate eingearbeitet, eingelebt haben. Weil ein Freund von ihnen, der Schauspieler James Hanlon, seit acht Jahren bei der New Yorker Feuerwehr arbeitet und ihnen immer wieder davon vorschwärmt, nehmen sie sich dieses Thema vor.

Ein Jahr dauern die Vorbereitungen. Feuerwehrleute sind verschlossene, skeptische Menschen, zum letzten Mal ließen sie sich in New York von der BBC bei der Arbeit zugucken. Das war vor 27 Jahren. Es soll ein Film über „Helden“ werden, über „gewöhnliche Menschen, die Außergewöhnliches tun“, wie sie sagen.

Ohne die Hollywood-Klischees vom Feuerwehrmann, der stolz als letzter aus dem brennenden Haus kommt, das Baby im Arm. Sie wollen einen jungen Auszubildenden während der neun Monate Probezeit begleiten, sehen, wann und wie ein Junge zum Mann wird – diese kitschige amerikanische Formulierung.

Es ist nicht so, daß die Welt auf so einen Film gewartet hätte. Alle Fernsehsender sagen dankend ab, die Naudets nehmen Kredite auf, um die Ausrüstung zu kaufen, und hoffen, daß sie mehr Glück haben, wenn sie erst einmal Bilder zeigen können, wie der Neuling seinen ersten Einsatz hat; James Hanlon soll mit einer speziellen Kamera hinter ihm ins Feuer gehen, so etwas hatte es noch nicht gegeben. Sie finden den perfekten Protagonisten: Tony, 21 Jahre alt, klug, völlig unerfahren. Einer mit der schlichten Mission: „Ich will Menschen helfen. Ich wollte etwas tun, womit ich leben kann. Hiermit kann ich leben.“

Im Nachhinein paßt alles zusammen, in fast beängstigendem Maße: Daß Tony in der Feuerwache Ladder 1 in der Douane Street arbeitet, nur ein paar Blocks vom World Trade Center entfernt, wo die beiden Türme den natürlichen Hintergrund bei den Aufnahmen vor dem 11. September bilden. Daß Tony monatelang auf sein erstes richtiges Feuer warten muß. Daß der Anschlag sein erster Einsatz überhaupt wird, er aber zunächst allein die Wache hüten muß, zurückgelassen, voller Unruhe, Wut, Frust und vor allem dem Drang, dahin zu gehen, wo die anderen sind.

Daß alle Mitglieder von Ladder 1 überleben und heil zurückkehren, nur Tony nicht. Daß er erst Stunden nach dem letzten Kollegen eintrudelt – er hat brav bis zum traditionellen Schichtwechsel ausgehalten. Im Hintergrund die Tragödie, davor das lang herausgezögerte Happy-End – „Wenn Hollywood sich das ausgedacht hätte, würde man ihnen vorwerfen, die Geschichte wäre völlig unglaubwürdig“, sagt Gédéon Naudet. Kein Zweifel.

Die Dramaturgie ist perfekt, nur die Helden sind anders als die aus Hollywood. Diese hier gehen niedergeschlagen nach Hause, am Tag nach dem Desaster, als sie nur einen Menschen lebend aus den Trümmern bergen konnten, und können nicht glauben, daß halb New York an den Straßen steht und ihnen zujubelt.

Gédéon und Jules Naudet hätten reich werden können mit ihren Aufnahmen. Sie haben nur einen Sekunden-Schnipsel von dem ersten Flugzeugangriff verkauft, um sich von dem Geld neue Videokassetten zu kaufen. Sie haben die besten Angebote abgelehnt, weil sie das Gefühl hatten, daß es den meisten nur auf das Sensationelle ankam, nicht auf „Respekt“. Sie wollten die Geschichten der Feuerwehrleute erzählen und nicht nur die Schlüsselszenen zeigen, in Zeitlupe, mit kitschiger Musik, immer und immer wieder.

Vorher stand die Aufgabe, alle Feuerwehrleute, die Jules in der Lobby gefilmt hat, die vielleicht nur für eine Sekunde halb verdeckt zu sehen sind, zu identifizieren und die Aufnahmen den Angehörigen zu zeigen. 74 der 343 Feuerwehrmänner, die an diesem Tag starben, waren auf seinem Film.

„9/11“, wie der Film im Original heißt, wird am 11. September noch einmal auf CBS gezeigt – und auf 142 Sendern der Welt, darunter Al-Dschazira. Der Großteil der Einnahmen geht an eine Stiftung, die den Kindern von getöteten Feuerwehrleuten eine Zukunft ermöglichen will.

In Deutschland zeigt das Erste den Film. Der NDR hat den Brüdern angeboten, ihre nächsten beiden Projekte mitzufinanzieren – nicht nur das nächste, weil das nach der besonderen Aufmerksamkeit von „9/11“ schwierigem Druck ausgesetzt sei, sagt NDR-Kulturchef Thomas Schreiber.

„Alle werden vom nächsten Film enttäuscht sein“, sagt Gédéon Naudet. „Wir können es nicht erwarten, damit anzufangen. Und dann geraten wir langsam wieder in Vergessenheit.“ Es ist ihm unangenehm, seit Wochen durch die Welt zu reisen und im Mittelpunkt zu stehen.

Alles hat sich für sie am 11. September 2001 geändert. „Man überdenkt die Prioritäten im Leben“, sagt Jules Naudet. „Es sind nicht Geld, Ruhm, Macht. Es sind Familie, Freunde und etwas im Leben zu tun, worauf man stolz ist.“ Er hat kurz danach geheiratet, in der Feuerwache, seine Frau ist schwanger. Jules und Gédéon sind immer wieder bei Ladder 1. „Es fühlt sich wie ein sicherer Ort an“, sagt Jules. So wie die Anwesenheit und organisierte Routine der Feuerwehrleute ihm das Gefühl von Sicherheit gegeben haben, als er mit ihnen in der Lobby des Nordturms stand. Was eine Illusion war und doch die Wahrheit.

Sie geben den beiden am Tag danach Feuerwehruniformen und nehmen sie heimlich mit zum „Ground Zero“. Drei Wochen lang graben sie mit den anderen, mit bloßen Händen, Schaufeln und Plastikeimern, in Schutt, in dem das größte zusammenhängende Einzelteil, das einer herausfischt, eine halbe Telefontastatur ist. Zwischendurch filmen sie, vor allem, weil die Feuerwehrmänner darauf bestehen.

Dann treibt sie das Adrenalin, ihre Bänder noch einmal durchzusehen und mit der Arbeit am Film zu beginnen. Sie durchleben noch einmal die Todesangst oder bekommen die Wut, weil es so unfaßbar ist, in dieser Situation, auf der Straße, im Staub, hinter einem Auto, einen Feuerwehrmann auf und einen verschwindenden Wolkenkratzer neben sich, eine Kamera weiterlaufen zu lassen.

Es kostet alle Kraft, dann auch noch eine Version für DVD zu produzieren und die französische Synchronisation zu beaufsichtigen. Aber auch Therapie ist das, die Dämonen vertreiben, dadurch, daß man das Geschehene wieder und wieder erlebt. Inzwischen sind sie soweit, daß sie ihren Film nicht mehr sehen wollen und können. Aber „die Angst hat uns nie verlassen“, sagt Gédéon Naudet. Die schlaflosen Nächte, die Anspannung, die Schuldgefühle. Wann wurde ihnen klar, daß sie nicht nur riesiges Pech hatten, in diesem Moment an diesem Ort gewesen zu sein, sondern auch eine Art Glück, das Elend, den Einsatz, den Mut für die Nachwelt festhalten zu können? „Gar nicht. Ich wünschte bis heute, ich wäre nicht dabeigewesen.“ Am 11. September 2002 werden Gédéon und Jules Naudet in New York im Feuerwehrhaus sitzen, mit allen Brüdern aus der Wache.

Bist du elf

Frankfurter Allgemeine Zeitung

Skandal am Rande: Was hatte Kerner in Erfurt zu suchen?

Den 26. April 2002 wird der elfjährige Mike sein Leben lang nicht vergessen. Es war der Tag, an dem er morgens sah, wie ein Amokläufer durch seine Schule lief und Menschen erschoß. Und es war der Tag, an dem er abends eine Stunde lang frierend unter einem Zeltdach in der Nähe stand, um sich von Johannes B. Kerner fragen zu lassen: „Nun bist du elf Jahre alt, und wir wollen von einem Elfjährigen nicht verlangen, daß man sich sozusagen große Gedanken in einem großen Zusammenhang macht, aber wenn du sagst, du hast dir Gedanken gemacht, welche waren das?“

Das ZDF hatte seine Berichterstattung am späten Freitagabend in die Hände von Kerner gegeben, der angereist war und von dort live, „in Sichtweise des Gutenberg-Gymnasiums“, ein „JBK Spezial“ veranstaltete. Die ganze Sendung lang standen die Gesprächspartner unter einem Zeltdach, traten von einem Bein aufs andere, warteten, daß Kerner sie fragte: Ministerpräsident Vogel, ein Psychologe, ein Seelsorger, ein Beamter aus dem Innenministerium und eben Mike, den Kerner vorstellte als „ein Schüler, der heute dramatische Bilder hat sehen müssen und lange daran arbeiten muß, etwas zu verarbeiten – Mike, wir werden mit aller Vorsicht mit dir sprechen.“ Mit aller Vorsicht fragte Kerner den Jungen dann, wann Schulanfang war, was auf dem Stundenplan stand, in welchem Gebäudeteil er war, als die Schüsse fielen, welche Erinnerungen er an den Moment habe, da sie alle merkten, daß etwas passiert sei, ob er den Täter habe anschauen können, wie der ausgesehen und ob er eine tote Lehrerin gesehen habe. Dann sagte Kerner: „Mike, ich danke dir erstmal ganz herzlich für die Berichterstattung“, und fügte hinzu: „Ich habe nachher noch zwei, drei Fragen an dich. Danke, daß du bei uns bist.“

Selten hat man Johannes B. Kerner so angespannt gesehen. Er starrte, mechanisch nickend, seine Gesprächspartner an, die Konzentration war ihm an den Wangenknochen abzulesen. Es war eine Sendung wie aus der Steinzeit des Privatfernsehens. Tonprobleme machten Passagen des Gesprächs unverständlich, was möglicherweise ein Segen war. Nachdem Bernhard Vogel flehte, die Diskussion über Ursachen nicht gleich heute zu beginnen, erwiderte Kerner: „Es wird viel gesprochen über Gewalt an Schulen, auch über die andere Seite, von möglicherweise zu großem Druck. Offensichtlich sind die Hintergründe der Tat ja die, daß der Attentäter zweimal nicht zum Abitur zugelassen war, den Leistungsanforderungen nicht entsprechen konnte und für sich keine Zukunft sah.“

Den Psychologen fragte er: „Können Sie ohne persönliche Kenntnis eine Art Profil dieses Täters, dieses jungen Mannes abgeben, warum er eine solche Tat beging?“ Und als der, sehr spekulativ, wie er betonte, eine Reihe möglicher Auslöser aufgezählt hatte, beharrte Kerner: „Also Rache als Beweggrund für die Tat.“ Sichtlich erschöpft verneinte der Psychologe, doch Kerner war schon das Sprachrohr für eine Gesellschaft geworden, die, acht Stunden nach Bekanntwerden des Massakers, endlich, endlich abschließende Antworten wollte.

Kerner war überfordert, die Szenerie absurd, die Pannen nervig, und das ZDF hat sich durch seine Entscheidung, das Thema live um 23 Uhr mit einem elfjährigen Augenzeugen zu diskutieren, auf Jahre hinaus für jede Diskussion über journalistische Standards disqualifiziert. Darum war auch die Entscheidung des Senders, sich viermal die Woche mit „JBK“ zu profilieren, so verheerend: Nicht weil dadurch die Verona Feldbuschs dieser Welt mit ihren Boulevardthemen Einzug ins Programm halten. Sondern weil dadurch alle Themen systematisch boulevardisiert werden. Das Problem ist nicht Kerner und seine Unfähigkeit, Gespräche zu führen. Das Problem ist, daß das ZDF Teile seines Informationsauftrages aus der Hand gegeben hat, an die „Spiegel“-Tochter a + i, an eine Redaktion mit Boulevard-Ethik, an einen gelernten Betriebswirt und Daily-Talker. Das ist das Problem. Und ein Skandal.

Die Schönschreibregeln

Von Kometen, chinesischer Tröpfchenfolter und kollektiver Amnesie: Ein Streifzug durch die bunte PR-Welt der Medien.

Glaubt man Katastrophenfilmen, lautet die Regel so: Wenn du einen riesigen Kometen auf dich zurasen siehst und nur eine kleine Rakete hast, mit der du ihn nie ganz zerstören kannst, schieße trotzdem. Wenn du Glück hast, zerbröselt es den Kometen zu mehreren kleineren Meteoriten, die mit Verzögerung auf dich abregnen. Die tun zwar weh, aber sie vernichten dich nicht.

Zur Zeit regnet es Meteoriten auf Viva. Der Sender hat sich entschieden, seinen Sender Viva 2 einzustellen, weil der partout keine Gewinne abwerfen will und sich für die wertvollen Satellitenplätze bestimmt eine profitablere Verwendung findet. Das ist wirtschaftlich möglicherweise vernünftig. Aus PR-Sicht ist es eine Katastrophe. Dieter Gorny hat Viva 2 über Jahre als Vorzeigeprojekt gepflegt: Es war Der Gute Musiksender, der Talenten jenseits des Mainstream eine Chance gab, die Plattenindustrie glücklich machte und die Musikliebhaber auch. Er öffnete Türen zu Kulturämtern und Landesmedienanstalten. Er war ein Alibi, auf das Gorny verweisen konnte, wenn Viva wieder in die Kritik kam, weil es so gnadenlos auf Mainstream setzte.

Mit der Bekanntgabe, Viva 2 einzustellen, hätte Viva einen Kometen in Bewegung gesetzt. Zeitungen hätten vom „Scheitern“ gesprochen und über die reine Gewinnmaximierung geschrieben, der sich der Musikpädagoge und Schröder- Berater Gorny als Chef eines nun börsennotierten Unternehmens verschrieben habe. Einmal etabliert, hätte sich der Trend verschärft: Journalisten hätten versucht, sich gegenseitig an Horrormeldungen zu überbieten. Journalisten sind so.

Also zündete Viva eine kleine PR-Rakete. Der Sender sprach nicht von einer Einstellung, sondern einer „neuen Programmstruktur“. Er behauptete, Viva 1 und 2 ließen sich fusionieren, weil das Viva-1-Publikum fast nur tagsüber und das Viva-2-Publikum fast nie tagsüber vor dem Schirm sitze. Er verkaufte es als moderne Idee, einen Musiksender zu machen, der je nach Uhrzeit andere Leute anspreche: „ein von gedanklichen Scheren befreites Musikprogramm“, zitierte eine Unternehmensmeldung den neuen Programmchef Stefan Kauertz. Als Sprengstoff füllte Viva in seine Rakete den Satz, Viva 2 sei nur ein „strategisches Tool“ gewesen, das sich erledigt habe, weil der Kampf gegen MTV gewonnen sei: „Die Marktführerschaft ist entschieden.“

Nun kann man zu dem Schluss kommen, dass das ungefähr so viel Sinn macht, als würde McDonald`s in Zukunft keine Chicken McNuggets mehr anbieten, weil man ohnehin im Moment mehr Kunden habe als Burger King. Man könnte sich erinnern, dass Gorny jahrelang erklärt hat, dass es ein Nachteil von MTV sei, mit einem Programm zwei Zielgruppen bedienen zu müssen. Andererseits ist der Gedanke, der Kampf sei irgendwie entschieden, spontan eingängig und überzeugend bei Journalisten, die sich im Musiksender-Gewimmel nicht so auskennen oder gleich Redaktionsschluss haben. Und so wurde die Vivaversion der Ereignisse zwar nicht vollständig übernommen, blieb aber der Rahmen, an dem sich die Berichterstattung entlang hangelte. „Viva wieder vereint – MTV zittert“, schrieb eine Kölner Zeitung.

Jetzt aber sind die Brocken angekommen und regnen auf den Sender herab. In Max und jetzt erschienen kritische Artikel über das Ende von Viva 2, in denen sich nur noch Reste der Beschönigungsversuche wiederfinden. Trotzdem: Kein Vergleich mit dem, was auf den Sender sonst herabgeprasselt wäre.

Pressemitteilungen erzählen nicht nur viel über PR, sondern auch über die Journalisten, an die sie adressiert ist. Denn der Gedächtnisverlust, der die Pressestelle befällt, wenn es in die Strategie passt, trifft oft auf ebenso vollständige Amnesie bei den Empfängern. Dass Gorny gestern noch das Gegenteil von dem gesagt hat, was er heute sagt – wer erinnert sich?

Ein weites, ein besonderes Feld

PR von Medienunternehmen ist ein weites Feld: Über 1500 Pressemitteilungen hat allein Pro Sieben mit seinen Töchtern im ersten Quartal verschickt. Ein besonderes Feld ist es auch: In dieser Branche haben sich die Grenzen von der Unternehmens-Information hin zum Werbetext weiter verschoben als in jeder anderen. Das liegt daran, dass die Inhalte meist nicht auf die Verbraucher zielen, sondern auf die Branche, die Konkurrenz, die Werbekunden. Wenn bei einem Automodell immer ein Reifen abfällt, wird der Hersteller kaum versuchen, Dreiradfahren als neue Mode zu verkaufen. Die Medien versuchen Ähnliches täglich. Nur wenn der Zuschauer sich betrogen fühlen kann, wie bei den Heiratsmillionärsshows Anfang des Jahres, packen die Sender die Wahrheit schnell ungeschönt auf den Tisch. Sonst sind sie erfinderisch.

RTL 2 zeigt mittags mehrere Stunden Kinderprogramm. Um diese Zeit ist der Sender bei Kindern sehr erfolgreich; insgesamt kann er mit der Sparten- Konkurrenz nicht mithalten. Das klingt natürlich nicht sehr griffig. Hübscher klingt es, die Stunden, in denen RTL 2 Kinderprogramm sendet, zur „Kinder- Prime-Time“ zu erklären und sich selbst zum „Marktführer in der Kinder-Prime- Time“. Die meisten Kinder sitzen zwar nicht nachmittags, sondern abends vor dem Fernseher. Aber wer weiß das? Außerdem setzen spätestens nach der vierten Kinder-Prime-Time-Pressemitteilung die zermürbenden Effekte einer chinesischen Tröpfchenfolter ein. Und möglicherweise denkt der Redakteur, der am nächsten Tag eine widersprechende Pressemitteilung des tatsächlichen Marktführers bekommt, dass einfach beide ihn verladen wollen.

Weil der Chef tobte

Schwieriger wird die PR-Arbeit, wenn der Komet längst eingeschlagen ist. Sich dann hinstellen, auf den Krater zeigen und sagen: „Eigentlich ist der gar nicht so groß“ ist selten ein würdevoller Akt. Wenn man sie nicht zitiert, sagen einem Pressesprecher schon mal, dass sie dies gelegentlich nur tun, weil ein Vorgesetzter getobt hat. Jedenfalls flattern einem dann Pressemitteilungen wie diese von Pro Sieben auf den Tisch: „Entgegen der Meldungen einiger Agenturen und Branchendienste ist Pro Sieben sehr zufrieden mit der Quotenentwicklung der Comedy-Show TV total – sie entspricht voll den Erwartungen.“ Ach?

Der Branchendienst kress hatte unbestrittene Quoten der Sendung abgedruckt, kritisch kommentiert und darauf hingewiesen, dass Pro Sieben die Werbepreise senkt – was ungefähr nie für „voll erfüllte Erwartungen“ spricht. Was also erreicht die ProSieben-Mitteilung? Sie macht nur noch mehr Journalisten darauf aufmerksam, dass manche an der Entwicklung von TV Total zweifeln. Andererseits sehen PR-Experten gelegentlich einen positiven Effekt: Manchmal verhindere eine kurze, selbst hanebüchene Reaktion, dass Journalisten in einer Spirale nach unten immer böser voneinander abschreiben. So bleibe die Berichterstattung wenigstens konstant auf negativem Niveau.

Wenn alles nichts hilft, der Krater da ist und sich nicht wegreden lässt, müssen Formulierungskünstler ran, die sich vorher in Seminaren „Schöner Sterben“ qualifiziert haben. So erklärte die Milchstraße, als sie mitteilen musste, dass ihre Zeitung Net-Business wegen Auflagen- und Anzeigenflaute nur noch halb so oft erscheint, nicht nur, dass so in Zukunft mehr Zeit zur Recherche bleibe. Sie fügte auch zwei der schönsten PR-Sätze des Jahres hinzu: „Die Verlagsgruppe Milchstraße richtet Net-Business unternehmerisch und publizistisch konsequent an der aktuellen Marktsituation aus. Hintergrund … ist die starke Veränderung des Neuen Marktes.“ Der Neue Markt ist tot, es lebe Net-Business!

Ein erheblicher Teil der Pressemitteilungen, die die Medien produzieren, ist Desinformation. Kein Wunder. In einer Maschinerie, in der Journalisten die Aussagen jedes PR-Textes routinemäßig um ein paar Grad abkühlen, hat die nüchterne, realitätsnahe Mitteilung keine Chance. Ein PR- Mensch, der einmal eine Meldung nicht aufbläst zum großen Jubel und dann feststellt, dass die Journalisten die mangelnde Begeisterung als Zeichen für eine tatsächliche Katastrophe deuten, dieser PR-Mensch wird seine nächste Meldung anders formulieren. So entsteht ein Kreislauf, bei dem die PR-Leute auf ihre Meldungen immer mehr draufpacken und die Journalisten von den Meldungen immer mehr abziehen, und wo das hinführt, weiß niemand.

Außer vielleicht zu einer plötzlichen, unerwarteten Wertschätzung der Art Pressearbeit, wie sie die Sprecher – besser: Schweiger – von Springer oder Kirch pflegen: Während um sie herum das Chaos tobt, geben sie routinemäßig, zur Not schriftlich, „zu Spekulationen keine Stellungnahme ab“. Und wenn sich der Nebel gelichtet hat, kommt ein Fax mit einem einzigen Satz: Herr X. hat das Haus im gegenseitigen Einvernehmen verlassen.

Da weiß man, was man hat.

Die rohe Botschaft

Viva – Gorny geht in die Breite und Ruf bleibt (ein Witzbold).

Das Blöde an einem Börsengang ist, dass man vor lauter An-die-Börse-gehen manchmal kaum dazu kommt, sich ums eigentliche Geschäft zu kümmern. Während Dieter Gorny damit beschäftigt war, Viva an den Neuen Markt zu bringen, landete MTV im Dauerclinch der Musiksender Punkte: Geschäfsführerin Christiane zu Salm verkündete nicht nur, ihren Sender endlich wieder zum Marktführer gemacht zu haben, sondern auch einen prominenten Überläufer wie Niels Ruf, auf Viva Kamikaze-Moderator und Moderator von Kamikaze.

Doch in Sachen PR lässt sich Dieter Gorny von niemandem die Butter vom Brot nehmen: Bei der Popkomm in Köln rief er dem Publikum zu: „Wir sind aus dem Urlaub zurück!“ Er verkündete, dass Viva von Oktober an und Viva 2 von Februar an über den Astra-Satelliten zu empfangen sind und, ökonomisch ungleich unbedeutender, aber als PR-Bonbon zuckersüß: dass Niels Ruf doch nicht geht.

Er moderiert von Oktober an nicht nur auf Viva 2, sondern auch auf Viva – ob als Wiederholung, gleichzeitig oder mit einer Zwei-Stunden-Show, die nach einer Stunde den Kanal wechselt, steht noch nicht fest. Ruf darf seine Show (und sich) selbst produzieren. „Als Mann muss man sich fragen, ob man wirklich eine Frau als Chef haben will“, sagte er – der mit Freundin Anke Engelke mutmaßlich schon eine Chefin daheim hat – zeigte auf den bärigen Viva-Chef und fuhr fort: „Außerdem hat Gorny die größeren Brüste. “

Mit MTV, dessen Programmchef Elmar Giglinger von Viva 2 kommt, habe es zwar Gespräche gegeben: „Aber bei MTV ist der Mut zur Innovation nur ein stetes Versprechen auf die Zukunft. “ Gorny räumte ein, Programmfragen in letzter Zeit vernachlässigt zu haben. PR kann Viva 2 gebrauchen. Dessen Verdienste als Nische für ambitionierte Musik und schräges Fernsehen sehen viele von den ökonomischen Zwängen einer AG bedroht. Die Verluste von Viva 2 ließen sich in den vergangenen Jahren nur durch stetig sinkende Programmausgaben reduzieren. Jetzt kündigte Programmchef Stefan Kauertz neue Sendungen an, darunter das Börsenmagazin Crash.

Öffentlichkeitswirksam auf der Bühne unterzeichnete Gorny mit Astra-Vertreter Yves Elsen den Vertrag, der die technische Reichweite um über ein Drittel steigert. Damit soll es gelingen, die Marktführerschaft von MTV zurückzuerobern: Obwohl zur Zeit viel mehr Zuschauer MTV als Viva empfangen können, tun dies nur knapp mehr. Bei gleichen technischen Voraussetzungen verliere MTV dagegen Zuschauer. Vom 6. September an wird in der Schweiz das deutsche Viva-Programm durch Viva Swiss ersetzt, ein eigenes, auf schweizerdeutsch moderiertes Programm, an dem sich die Viva-AG beteiligt hat. Am 1. Januar 2001 soll in Wien das Werbefenster Viva Austria folgen.

Und wenn Viva dann endlich einen ordentlichen Internet-Auftritt hat, der in der kommenden Woche der Öffentlichkeit vorgestellt werden wird, dann hat Viva nicht einfach nur einen ordentlichen Internet-Auftritt, sondern wird im Gorny-PR-Sprech gleich „der erste deutsche vollkonvergente digital-analoge Sender“. Frau Salm, übernehmen Sie!

Vergesst Harald Schmidt!

Süddeutsche Zeitung

MTV-Ulmen und Viva-Schlegl scheitern an neuen Sendungen.

Jean Pütz behandelte in 25 Jahren Hobbythek nicht nur das Thema „Darm & Po – gesunde Pflege von innen und außen“, sondern auch: „Schabernack – selbst gemacht“, denn Lachen schützt vor Kreislaufstörungen. Eines seiner Rezepte lautete: Man nimmt Schokopudding, wickelt ihn in Papier, zündet das Papier an, legt es nebenan vor die Tür, klingelt und versteckt sich. Wenn der Nachbar das Feuer austritt, hat er die Schuhe voll braunem Glibber. Buhahaha!

Knapp 15 Jahre später besucht MTV-Rückkehrer Christian Ulmen den Pittiplatschweg in einer Berliner Siedlung. Er leiht sich von Herrn Kirsten ein Feuerzeug, lässt sich von der kleinen Jessica Altpapier bringen, sammelt frischen Kot von Hund Tobby auf, rollt ihn in die Zeitung, zündet sie an, legt sie vor eine Haustür, klingelt, rennt ins Auto, wartet, der Mann kommt raus, schimpft, tritt aber nicht aufs Papier. Ulmens Fahrer gibt Gas. „Experiment missglückt“, sagt Ulmen.

Sendung auch. Viele neue schräge Ideen hat er sich für die neue Show MTV unter Ulmen einfallen lassen: Drei Zuschauer als Randgruppe im Studio. Eine lebensgroße Puppe als Assistentin, der Kopf ein Monitor, auf dem der echte Kopf zu sehen ist. Ein prominenter und ein nicht-prominenter Gast und Ulmen, der tut, als unterhalte er sich mit ihnen. Wer den deutschen Fernsehnachwuchs fördern will, müsste als erstes den Jungmoderatoren verbieten, Harald Schmidt zu sehen. Alles an Ulmen und seinem Viva-Gegenüber Tobi Schlegl, dessen neue Vorabendshow Schlegl, übernehmen Sie! ebenfalls seit dieser Woche läuft, ist Schmidt – nur längst nicht so gut: Wie sie mit der flachen Hand auf den Tisch hauen. Mahnend den Zeigefinger heben. Wie sie die großen Fernseh-Gesten parodieren und gleichzeitig sich selbst. Die Möchtegerne-Schmidts sind weder radikal noch originell. Wenn sie mit „Hallo Publikum, ich liebe Euch alle“ auf die Bühne kommen, ist das keine Parodie mehr auf Gottschalk, sondern nur noch Masche. Sie tun, als würden sie die Gesetze des Fernsehens brechen, dabei sind sie damit längst zum vorhersehbaren, langweiligen Mainstream geworden.

Bei Ulmen entstehen dank seiner Schlagfertigkeit und seines Humors wenigstens noch einzelne große Momente des Schwachsinns. Etwa wenn er seinen Gast aufzählen lässt, aus welchen Filmen er sich seinen persönlichen Best-of-Porno zusammengeschnitten hat, die Redaktion das mit einem Piepston überdeckt und dazu einblendet: „Bitte Ruhe bewahren!“

Schlegl hat zwar die größere Bühne, Live-Musiker und einen so hohen Etat, dass er nicht – wie anscheinend Ulmen – die ausgemusterten Kameras vom Offenen Kanal auftragen muss. Das ist aber auch alles, was man zu Gunsten Schlegls sagen kann.

Das Thema Kiffen war übrigens ein roter Faden in beiden Sendungen. Ist das eine Erklärung?

Ernsthaft schräg

Süddeutsche Zeitung

Mit Christian Ulmen kehrt die Satire zu MTV zurück.

Christian Ulmen kehrt zu MTV zurück. Er produziert für den Musiksender in Berlin die Sendung MTV unter Ulmen, die voraussichtlich von Mai an montags und mittwochs um 19 Uhr ausgestrahlt wird. Über den Moderator wollen sich weder Ulmen noch der Sender äußern – seine Identität soll im Rahmen eines Gewinnspiels nach und nach gelüftet werden. Nach SZ-Informationen handelt es sich um einen jungen, schlagfertigen Mann mit Moderationserfahrung und schrägem Humor.

Ulmen, 24 Jahre jung, hat bereits mit 12 Jahren zum ersten Mal im Offenen Kanal Hamburg moderiert; mit seiner Schlagfertigkeit und seinem schrägem Humor gilt er als eines der deutschen Moderationstalente. Bis er vor einem Jahr kündigte, war Ulmen der heimliche Star von MTV und ein Symbol für den Anarchismus, für den der Sender einmal stand. Von April 1998 an moderierte er Alarm, eine Sendung, in der er so intelligent wie sinnfrei mit Prominenten vor einer Schrankwand plauderte. Sie war ein Geheimtipp in der Medienbranche, brachte MTV viel Aufmerksamkeit und Lob ein – aber wenig Zuschauer. MTV-Chefin Christiane zu Salm sagte, Alarm habe praktisch „unter Ausschluss der Öffentlichkeit” stattgefunden; sie warf die Sendung aus dem Programm. In der kreuzbraven Nachmittags-Teenie-Show Live aus Berlin, in der Ulmen dann auftauchte, war er unglücklich. Er verließ den offensichtlich auf Mainstream getrimmten Sender mit einer ironietriefenden Pressemitteilung.

Jetzt, sagt er, habe sich der Kurs geändert. Der neue Programmchef Elmar Giglinger „personifiziert für mich, dass es wieder aufwärts geht und MTV es wirklich ernst meint, wieder schräger zu werden”. Giglinger war vorher Programmchef des kleinen Konkurrenten Viva 2 und hatte mit Ulmen schon damals über eine Sendung verhandelt. In MTV unter Ulmen wird der – noch anonyme – Moderator in einer Art Schaltzentrale sitzen und mit Kameras bekannten und unbekannten Menschen in ihren Wohnungen zusehen. „Voyeurismus halt”, sagt Ulmen.

Satirisch und ironisch sollen das Leben von Stars beleuchtet und das Pop-Geschehen der Woche auf- und abgearbeitet werden. Dafür wird Ulmen die Moderation der Nachmittagssendung Fritzbee des Jugendradios Fritz! aufgeben; stattdessen soll er eine Abendsendung oder die Morningshow moderieren. Weitere Fernsehprojekte auf anderen Sendern sind in Planung – im vergangenen Jahr hat Ulmen mit der Produktionsfirma von Harald Schmidt, Bonito, eine Pilotsendung für eine halbstündige Comedyserie gedreht.

Kann Spannung Sünde sein?

Süddeutsche Zeitung

„Wer wird Millionär?“ ist ein Erfolg und hat es verdient.

Die gute Nachricht zuerst: Wegen Wer wird Millionär? muss kein Mensch in der Hölle schmoren. Günther Jauch nicht, die Kandidaten nicht und die Zuschauer auch nicht. Denn das Erfolgsgeheimnis der Sendung ist nicht, wie der Spiegel vermutet, Gier. Es ist die Spannung. Und Spannung ist keine Todsünde. Glück gehabt.

Ein Kandidat bekommt 15 Fragen mit je vier Antwortmöglichkeiten. Jede richtige Antwort verdoppelt seinen Gewinn. Bei einer falschen verliert er fast alles. Er kann jederzeit aussteigen. Simples Konzept. Wollte kein Sender haben. Deshalb packte Paul Smith, Chef der britischen Produktionsfirma Celador, die es sich ausgedacht hatte, zum x-ten Termin bei einem Senderchef vier Briefumschläge ein. Mit 250, 500, 1000 und 2000 Pfund und je einer Frage. Die erste: Was machen Aborigines mit Wurleys? Essen? Damit jagen? Damit spielen? Darin leben? Der Senderchef stieg schon bei 500 Pfund aus: Gier trieb ihn nicht. Aber die Spannung hatte ihn sofort gepackt. Er nahm die Show.

In England ist sie der Renner. In den USA (wo sie schon zwei Millionäre schuf) schlägt sie die beliebteste Sitcom Frasier. Sie läuft in Südafrika, Russland und fast ganz Europa. Bei RTL haben am Montag über zwölf Millionen Menschen die bis zum Frühsommer letzte Folge gesehen. Das ist phänomenal.

Wer wird Millionär? funktioniert wie ein klassischer Filmthriller. Es geht um Dramaturgie, Suspense: Die meisten Zuschauer werden einen erhöhten Puls gehabt haben. Musik mit Herzschlag. Lichteffekte, aber im entscheidenden Moment ist alles dunkel bis auf die Gesichter der Protagonisten. Ein Held, mit dem man sich identifizieren kann. Wie beim Thriller wollen die Zuschauer ihm zurufen: Geh‘ nicht da lang! Weil sie wissen, dass am Ende des Gangs die Gefahr droht. Oder es auch nur vermuten. Der Gang aber hat eine Wendung mehr, als wir vermuten; vor der erlösenden Entscheidung liegt immer noch ein Umweg. Genauso zögert Jauch die Auflösung immer weiter hinaus.

Und natürlich geht es bei dem Helden im Thriller nicht um Zweimarkfuffzig oder eine Schürfwunde, sondern um Alles oder Nichts. Deshalb muss es auch bei dieser Show um ganz viel Geld gehen, also am besten gleich um eine ganze Million.

Es gibt wenige Erfolge, die man RTL uneingeschränkt gönnen kann. Dieser gehört dazu. Am Ende der vorläufig letzten Folge sagte Jauch, in den Gesichtern der Kandidaten habe man „menschliche Leidenschaften gesehen, Abgründe, die sich offenbaren, Hoffnung, Glück, Dramatik, Trauer, Zuversicht, alles, was das Leben zu bieten hat“. Das ist ein Werbesatz und doch wahr, denn natürlich geht es auch um Voyeurismus. Andere Shows bedienen ihn mit 100 Tagen in Quarantäne und lebensgefährlichen Stunts. Es funktioniert auch mit 15 Fragen. Allein für diesen Beweis muss man Wer wird Millionär? mögen.

Die schlechte Nachricht zum Schluss: Die Nachahmer, die jetzt kommen, werden sich nicht auf Spannung allein verlassen. In den USA gibt es schon den verschärften Nachfolger, der auch an die Instinkte des Menschen appelliert, aber vor allem an niedere. Der Nachfolger heißt Gier.

P.S.: Wurleys heißen die Hütten der Aborigines.

„Scheitern ist meine Welt“

Süddeutsche Zeitung

Herbert Feuerstein über sein „Morgengrauen“ an Silvester.

„Genug gefeiert, jetzt folgen tausend Jahre Kater“, sagt Herbert Feuerstein am Neujahrsmorgen. Von 0.30 bis 6 Uhr ernüchtert er die Menschheit: live im WDR-Fernsehen unter dem durchaus programmatisch zu verstehenden Titel „Feuersteins Morgengrauen“.

SZ: Herr Feuerstein, Sie haben keine Chance.

Feuerstein: Wieso?

Während Sie granteln und grübeln, läuft im MDR „Musik zum Tanzen“, auf N3 „Disco Inferno“ und auf Sat.1 „Jetzt geht die Party richtig los – das Beste aus Elmis witziger Oldie-Show“!

Ach, ich bin es gewohnt, für mich und ein paar Tiere zu senden. Andererseits glaube ich nicht, dass ich alleine bin mit meinem Mangel an Glücksgenen. Es ist ja nicht so, dass ich sauertöpfisch ins neue Jahrtausend gehen und Leute mit runterziehen will. Aber für mich ist das Normalität: Ich grüble jeden Morgen über Existenz und Sinn des Daseins nach. Andere offenbar auch: Massenhaft werden Millenniums-Reisen abgesagt, im Supermarkt sieht man mehr und mehr Leute, die Einkaufswagen voller Nudeln und Orangensäften schieben, weil sie mit dem Weltende rechnen. Die werden da sein, um halb zwölf nach Hause gehen und warten. Und dann werden sie erleichtert sein, wenn nichts passiert ist.

Und um halb eins, wenn Sie anfangen, liegen sie im Bett oder sind besoffen.

Nichts dagegen, solange sie nur zuschauen. Man macht und hofft, dass es einer guckt. Wenn niemand guckt, kann man auch nichts machen. Ich sehe mich ein bisschen als Hüter einer aussterbenden Gattung: der Live- Sendung. Ich finde es spannend, nicht zu wissen, wo es hingeht. Nach einer Stunde verlierst du den Boden — dann wird’s interessant.

Und der WDR war sofort begeistert von der Idee?

Sie glauben nicht, wie hart wir dafür gekämpft haben. Die wenigen Sachen, die mir Spaß machen, unterzubringen, war und ist immer eine Heidenarbeit. Als wir das Konzept Anfang des Jahres vorlegten, wurde es abgeschmettert. Ende des Jahres haben die dann gemerkt, dass in all der Feierei vielleicht eine Farbe fehlen könnte. Als ich mich dann vorsichtig wieder meldete, hieß es: Ja, toll, wir haben eh kein Geld, dann können wir so was ja machen. Deshalb sitze ich die ganze Sendung im Büro von Intendant Fritz Pleitgen. Jeder andere Ort hätte werweißwas gekostet, für Umbau und so. Und Pleitgen hat eben Vertrauen in mich — naja, in wen sonst? Das Einzige, was er gemacht hat: Er hat an der Wand ein ganz teures Bild — ich glaube, das ist die Grundlage, dass der WDR Kredite kriegt, — das wird abgehängt, aus Versicherungsgründen.

Und er ahnt nicht, dass Sie sein Büro verwüsten könnten?

Das mit dem Verwüsten dürfen Sie nicht mal andeuten, sonst rückt er den Schlüssel nicht raus … Ich werde das Büro pfleglich behandeln. Er wird es mir selbst übergeben. Um halb eins schließ ich mich da oben ein. Auf dem Dach ist ein klassischer Gitarrist. Ich stelle mir das einfach schön vor: wie er da oben steht. Vor dem Kölner Dom. Bei minus vier Grad. Und die Finger nicht bewegen kann. Das ist Kunst. Kunst kommt nicht von Können. Kunst ist Versuchen und Scheitern. Das ist meine Welt. Wir machen Verbindungen mit Bild-Telefon und gucken in fremde Fenster; die Leute können faxen, anrufen und mailen. Wir schalten zu Korrespondenten, Zukunftsforschern und Philosophen. Wir haben eine Feng-Shui-Frau, die uns sagt, wie wir das neue WDR-Gebäude umbauen müssen, damit das Programm besser wird.

Und Ihr Fernseh-Hund Billy?

Der kann wie viele Hunde die Knallerei nicht ab. Ich hab mich nach Ohrstöpseln erkundigt, aber das mögen die Hunde nicht so gern. Als Alternative hatte ich gefragt, ob Fritz Pleitgen seinen Hund hergibt, aber der will auch nicht. Ich werde also zu Billy eine Bildtelefonschaltung machen und ihm einen Geruchsbrief schicken.

Einen Geruchsbrief.

Ja. Man kann ein Papier einen Tag lang in die Unterwäsche schieben und dem Hund schicken. Der wird verrückt vor Freude und frisst den Brief.

Hm.

Sie brauchen da gar nicht zu muffeln, Sie kriegen den Brief ja nicht! Wenn Sie dem Hund regelmäßig so was schicken, wartet der schon am Briefschlitz. Frauen machen so was nicht.

Jedenfalls wird Feuersteins Morgengrauen ganz schön schräg, oder?

Ich habe noch nie was Schräges gemacht, sondern immer das, was mir ein Bedürfnis ist. Naja, meistens wenigstens. Ich möchte Sachen machen, die nicht langweilig sind, neu sind, Anstöße geben. Ich versuche, den kleinen Vorteil, den man als Älterer hat, zu nutzen, und bohre, dass man den Versuch nicht aufgibt, im Fernsehen ein paar neue Nischen zu öffnen. Das ist so selten geworden!

Was haben Sie in anderen Jahren an Silvester gemacht?

Ich habe mich eingeschlossen und die Steuern gemacht.

Ernsthaft?

Ja, ich bin ganz ungeeignet zum Feiern. Ich bin zu depressiv. Ich spüre den allgemeinen Freudendruck, der auf der Menschheit lastet. Dieser Freudenschleim dringt dann durch Tür und Schlüsselloch und erstickt mich und macht mich ganz traurig, weil ich merke: Ich bin ein Außenseiter, ich kann da nicht mitmachen. Nur das Steuernzahlen tröstet mich.

Und nun das Wetter

Süddeutsche Zeitung

Es wird wärmer und menschlicher zwischen Azorenhoch und Blumenkohlwolken: Wie die Vorhersage durch das Privatfernsehen erst verständlich und dann Show wurde.

Die Geschichte des Deutschen Fernsehens lässt sich einteilen in Zeiten mit und ohne Frontensysteme. Deshalb können junge Menschen heute mit so vielen Begriffen nichts mehr anfangen. Subpolare Luftmassen. Ausläufer eines Azorenhochs, die in den nächsten Tagen wetterbestimmend wirken. Nordflanken, auf denen der Zustrom milder Meeresluft nach Mitteleuropa anhält. Oder das Wort „örtlich“, dessen Rolle in der deutschen Sprache sich weitgehend darauf beschränkte, die „Nebelfelder“ zu begleiten, mit denen zu rechnen war. Bis in die 90-er Jahre hielt der Zustrom endloser Sätze mit Substantivmassen an und wirkte im öffentlich-rechtlichen Fernsehen wetterberichtsbestimmend. Dann kam das Privatfernsehen und machte aus Frontensystemen eine aussterbende Art.

Dabei taugte schon die öffentlich-rechtliche Wetter-Geschichte für Revolutionen. 1977 hörte die ARD auf, das Wetter für Deutschland in den Grenzen von 1937 vorauszusagen. Bereits 1969 durfte Dr. Karla Wege im ZDF zunächst vor Pappen auf einer Stafette und später drei drehbaren Tetraedern den Wetterbericht präsentieren – zwei Jahre vor der ersten Nachrichtensprecherin.

Die Vorhersagen entsprachen den Prototypen öffentlich-rechtlicher Informationsvermittlung: Als staatstragender, höchst korrekter, überaus unverständlicher Bericht im Ersten. Oder als didaktischer Vortrag im Zweiten. Dr. Karla Wege und Dr. Uwe Wesp standen noch mit Zeige-Stöcken vor den Karten. Dass sie Wolken und Luftdrucklinien nicht erst in der Sendung aufmalten wie ein Lehrer, lag nur daran, dass die Kreide zu sehr gequietscht hätte, sagt Wesp.

Auch bei den Privaten spiegelt sich im Wetterbericht ihr grundsätzliches Prinzip: Entweder ganz schnell und knapp. Oder ausführlich, aber dann als Show. Bei Sat 1 turnte zeitweise ein glatzköpfiger Komiker namens Manfred Erwe, der heute für Lockenwickler wirbt, auf einer dreidimensionalen Karte herum. Dass er schneller in Vergessenheit geriet als alle wetterbestimmend wirkenden Tiefausläufer in der ARD, lag nach Meinung von Jörg Kachelmann aber eher daran, dass die Prognose so selten stimmte.

Uwe Wesp ist heute Sprecher des Deutschen Wetterdienstes, der auch Privatsender mit maßgeschneiderten Vorhersagen beliefert. „Bei den Öffentlich-Rechtlichen wird der Wetterbericht immer noch meist als Nachricht verpackt“, sagt er, und dafür gebe es gute Gründe. Mit einer Show komme man schnell in Schwierigkeiten: Wenn nämlich die Wetterlage, über die der Präsentator am Vortag Faxen gemacht hat, zu bösen Schäden führt, vielleicht Menschenleben kostet. Wetter ist eine ernste Sache.

Dass der Wetterbericht heute verständlicher ist, liegt nach Ansicht von Wesp vor allem an der Technik: Satellitenfilme, bunte Temperaturverläufe, computeranimierte Regenfälle. Die private Konkurrenz, die das Wetter als attraktives Zugpferd entdeckte, habe die Sache nur beschleunigt. Auch wenn es den Wettermann schmerzt, der den Menschen gern etwas beibringen würde: „Ob Hoch oder Tief ist den Leuten völlig schnurz, die wollen wissen, wie das Wetter wird.“

Kollege Kachelmann, Martin Luther der Wetterkarte im Ersten, sieht seine Arbeit überhaupt nicht durch die Privaten angestoßen. Aber ohne sie hätte er es vor fünf Jahren nicht — gegen den Widerstand des Jahrzehnte langen Wetterverwalters Hessischer Rundfunk — bis vor die „Tagesschau“ geschafft mit seiner flapsigen Form. „Das war die Revolution, aber wir haben`s nicht gewusst“, sagt er. Kalkuliert war nichts. Er brachte einfach seine „gesunde Grundvulgarität“ mit. Wobei revolutionär weniger die vielzitierten „Blumenkohlwolken“ waren. Kachelmann sprach erstmals davon, dass es „kälter“ wird, und nicht von einem „Temperaturrückgang“. Und er schaffte die Niederschläge ab. Niederschläge! „Geregnet“ hat’s früher nie.

Heute wird sogar geflogen im Ersten. Mal von Erfurt nach Stuttgart, mal von Rostock nach Nürnberg führt ein Trickfilm unter Wolken oder Hagel hindurch. „Grotesk“ findet Kachelmann das, weil es nicht aussieht, wie ein Flug aussehen würde, und der Nutzen für den Zuschauer im Neblig-Trüben bleibt.

Aber es ist bunt und unterhaltsam und gelegentlich fliegt die Animation da vorbei, wo der Zuschauer zu Hause ist. Auch beim Wetter bedeutet „Quote“ nicht mehr nur die Trefferwahrscheinlichkeit bei der Vorhersage.