Autor: Stefan Niggemeier

Gerhard Zeiler

Max

Der Stratege. Vor neun Monaten übernahm er das Ruder bei RTL. Seither hat
Gerhard Zeiler viele unpopuläre Entscheidungen getroffen. Notfalls gegen
die eigene Mannschaft. Gibt der Erfolg ihm recht?

Notfalls reicht ihm eine Tischdecke, um seine Qualifikation nachzuweisen. Er räumt das Geschirr ganz an den Rand, greift sich einen Löffel und malt damit ein Diagramm seiner Erfahrungen auf das weiße Linnen. Oben steht ein Kasten für den Aufsichtsratsposten beim ORF. Darunter zwei weitere – einer für die Zeit, als er rechte Hand des Intendanten war, und einer für die Zeit als Chef selbst. Und dann noch je ein Kasten für die komplette Umwandlung von Tele 5 und den Aufbau von RTL 2.

Das, sagt Gerhard Zeiler und umkastet seinen unsichtbaren Karriereturm, das sei das Know-how, das er sich erarbeitet habe.

Fast beiläufig beweist er mit dem Teelöffel, daß er für seinen neuen Job als Geschäftsführer von RTL geeignet ist wie kein zweiter. Mit der Ausstrahlung von einem, der meint, daß die Fakten für sich sprechen. Was ist das Geheimnis seines Erfolgs? Zeiler fällt sofort eine Antwort ein. Aber er ziert sich. Er weiß, diesen Satz würde ihm die Presse ewig anhängen. Schließlich sagt er ihn, aber er sagt ihn nur in der Vergangenheitsform. Früher, da hätte er geantwortet: „Ich bin einfach gut.“ Heute klingt das so: „Eine Mischung aus Erfahrung, Instinkt und Managerial Abilities.“

Von seinen Manager-Qualitäten sind nicht alle so überzeugt wie er. Im November vergangenen Jahres wurde Zeiler, 44, RTL-Chef. Seit dem Frühjahr weht ihm der Wind voll ins Gesicht. Mitarbeiter erzählen genüßlich, daß ihnen ein paar Fehler nie passiert wären. Zum Beispiel „Veronas Welt“ auf den Samstag legen? Ha! Das hätte man wissen müssen, daß die gegen die „Wochenshow“ nicht ankommen kann! Dann ist da noch sein Vorgänger Helmut Thoma. Eine Legende, bei RTL und im deutschen Fernsehen überhaupt. Wurde aber mit sanfter Gewalt von seinem Stuhl entfernt. Den Verlust kompensiert er mit regelmäßigen Interviews, in denen ergebetsmühlenartig wiederholt, daß sein Nachfolger sich überschätze: „ein Abteilungsleiter“.

Hat Zeiler mit soviel Gegenwind gerechnet? Ja, sagt er. Ärgert es ihn? Ja. Trotzdem.

Gesprächstermin im „Peninsula“, einem noblen Hotel an der Fifth Avenue in New York. Zeiler kommt gerade aus Hollywood, wo er auf einer großen TV-Messe, den May Screenings, nach neuen Programmen Ausschau gehalten hat. Auf dem Rückweg macht er in New York Halt für ein paar Geschäftstreffen. Jetzt sitzt er vor seinem Bircher-Müesli (testweise, um zu sehen, ob die Amis das hinkriegen), malt mit einem Teelöffel auf der Tischdecke herum und versucht, trotz Rückflugtermins im Nacken, den Eindruck zu vermeiden, er sei einer dieser Menschen, die ihre Zeit nicht in den Griff bekommen. So viel wie jetzt wolle er nur im ersten RTL-Jahr arbeiten. „So ein Pensum jahrelang zu leisten scheint mir etwas übertrieben zu sein“, formuliert er vorsichtig. Zwei Abende in der Woche und einen Tag am Wochenende, das hat er seiner Frau versprochen, will er für die Familie reservieren. Meist klappt das, sagt er. Muß auch. „Wenn einer keine Zeit für sich und seine Familie aufbringt, organisiert er sich falsch und ist nicht geeignet für seinen Job.“

Aber das erste Jahr ist hart. Er muß den Laden und seine Leute kennenlernen. „Wenn man sich in kürzester Zeit ein perfektes Gesamtbild des Unternehmens machen will, muß man sehr tief rein“, sagt Zeiler. Deshalb beschäftigt er sich nicht nur mit den großen Strategien, sondern auch mit dem Tagesgeschäft. Das bringt Detailkenntnisse. Und die spielen eine große Rolle im System Zeiler. Sie helfen ihm, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Aber sie helfen vor allem auch, sie durchzusetzen. Detailkenntnisse bedeuten Macht.

Das wußte er schon mit 30, als er Generalsekretär des ORF wurde – engster Mitarbeiter des Generalintendanten, zuständig für Personal, Organisation, Marketing, innere Revision und vieles mehr. Drei Wochen nahm sich Zeiler, um Aktenberge aus acht Jahren durchzuarbeiten, die sein Vorgänger hinterlassen hatte. „Danach wußte ich mehr als der größte Teil des Managements. Das war eine notwendige Voraussetzung, um Dinge umzusetzen.“ Zeiler verläßt sich gern auf sich selbst.

So erledigt er, bis das erste RTL-Jahr rum ist, auch den zweitwichtigsten Job im Haus: den des Programmdirektors. Das ist gewagt. Seine Vorgänger Thoma und Mark Conrad waren ausgelastet. Und ausgerechnet Programmkenntnisse gelten als Zeilers schwacher Punkt. Doch seine Möglichkeiten, selbst zu gestalten, sind zur Zeit ohnehin begrenzt: Die Puzzlestücke, aus denen er das RTL-Programm baut, hat Thoma noch angeschafft. Zeiler kann sie höchstens neu zusammensetzen. Bis die eigenen Stücke fertig sind, vergehen bis zu eineinhalb Jahre. Im Herbst gibt es eine andere Verpackung für das Puzzle: neue Werbeagentur, neue Kampagnen.

Vor Mitte 2000 könne eigentlich niemand beurteilen, was Zeiler bringe, sagt sein Gegenüber von Sat. 1, Fred Kogel. Fernsehen ist ein langfristiges Geschäft. Zeiler erzählt, was ihm ein guter Freund sagte: „Den Titel hast du am ersten Tag. Daß die Außenwelt weiß, daß du ihn hast, kannst du in einem halben Jahr schaffen. Daß jeder Mitarbeiter dich als Geschäftsführer akzeptiert, dauert mindestens ein Jahr. Bis du selber weißt, du hast alles unter Kontrolle, vergehen vielleicht eineinhalb.“

Zur Zeit ist der Neue in der Phase, in der er im Haus noch um Vertrauen buhlen muß. Auf der oberen und mittleren Ebene ist die Stimmung nicht besonders. Teils, weil die Mitarbeiter gerne genauer wüßten, wohin die Reise geht. Teils, weil sie nicht sicher sind, ob sie mitreisen dürfen.

Zeiler erzählt gerne, er habe nur einen Mitarbeiter zu RTL mitgebracht und sei nicht „mit einer ganzen Truppe einmarschiert“. Er habe jedem einzelnen eine Chance geben wollen, seine Kreativität unter Beweis zu stellen. Ein hehrer Anspruch. Aber die Realität? Praktisch hat er die komplette obere Führungsebene ausgetauscht, darunter die Verantwortlichen für Marketing, Kommunikation, Einkauf und strategische Entwicklung. Der Chef eines anderen Privatsenders gibt ihm recht: Ohne solche Entlassungen ginge es gar nicht – sonst wären alte Loyalitäten zu mächtig. Aber im Haus sorgen sie für Unruhe.

Besser ist die Stimmung beim Fußvolk. Bei einer Betriebsversammlung Ende April stellte sich Zeiler erstmals den Mitarbeitern – und machte eine gute Figur. Die Leute waren zwar distanziert und skeptisch. Aber viele wollten Zeiler nicht vorverurteilen, sondern ihm eine Chance geben. Zeiler, der Psychologie studiert hat und einmal Therapeut werden wollte (heute würde er Jura und BWL belegen, sagt er), steht im Formel-l-Studio von RTL auf der Bühne. Er referiert, hört zu, sieht den Leuten in die Augen und wirkt verblüffend gelassen. Bei der offenen Fragerunde umkreist sein Zeigefinger unablässig das Kinn – ein Zeichen dafür, daß jemand unbewußt seine Sinne schärft, sich wappnet für unangenehme Fragen. Zum Beispiel die, wann er nun endlich, wie versprochen, alle Redaktionen besucht haben wird.

Das ist eine häufige Kritik am neuen Chef: mangelnde Kommunikation. Zeiler empfindet es allerdings schon als Zumutung, darüber öffentlich diskutieren zu sollen – und nährt damit den Vorwurf noch. Nach einigen Monaten macht er den murrenden Mitarbeitern einen Vorschlag: Sie könnten ihre Anliegen ja perE-Mail an ihn richten; er werde dann in der Mitarbeiterzeitschrift antworten. Das war nicht gerade das, was die Leute wollten. Nicht das, was sie von Thoma gewohnt waren. Und auch nicht das, was Zeiler ihnen bei seinem Amtsantritt versprochen hatte, als er versicherte: „Ich bin ein Teamplayer.“

An vielen Punkten tun sich erstaunliche Widersprüche zwischen der Selbstdarstellung Zeilers und der Wahrnehmung durch andere auf. Er selbst sagt: „Ich liebe es zu kommunizieren.“ Doch dann fällt ihm auf die Beschwerde von Kollegen, man treffe ihn nie in der Kantine, nur ein, daß er halt mittags nie warm esse – und verkennt, daß die Kantine nur ein Symbol ist. Zeiler ist niemand, der schulterklopfend und small-talkend durchs Haus geht. Muß er auch nicht. Aber auch von seinem Referenten sagen Mitarbeiter, nicht einmal grüßen täte der. Wenn Zeilers engster Mitarbeiter sein Draht zur Außenwelt ist, läßt sich nachvollziehen, daß die Außenwelt einen Draht zu Zeiler vermißt.

Im Gespräch ist er dann aber angenehm direkt, schnörkellos, verbindlich. Denkpausen füllt er mit sehr österreichischen, stimmhaften Ohms, die seine Sätze unendlich weich klingen lassen. Doch der altmodische Charme des Wieners ist ihm fremd. Das heißt: Dem Geschäftsmann Zeiler ist er fremd. Der Privatmann soll ganz anders sein. Doch die beiden leben völlig getrennt voneinander. In seinem Büro lebt ausschließlich der Geschäftsmann Zeiler: Es ist so unpersönlich, daß jedes Zimmer bei Ikea individueller und bewohnter wirkt. Das einzige Bild an der Wand ist ein RTL-Werbeposter. Helmut Thomas Büro war voll von Andenken, Spielzeug, Preisen – buntem Gedöns aller Art.

Immer wieder der ungeliebte Vergleich. Thoma verpackte seine Schmähungen anderer in charmanten Anekdoten. Zeiler ist auch in der Kritik direkt. Als eine seiner Tugenden nennt er, anderen ehrlich ins Gesicht nein sagen zu können. Wenn er sich ärgert, spricht er mit purem, humorlosen Zynismus. Der Neue hat mit dem Alten nichts gemein. Das war Einstellungsvoraussetzung. Der Bertelsmann-Konzern, der hinter RTL steht, meint, daß einer wie Thoma nicht der richtige Typ ist für die harten Zeiten, die der Branche bevorstehen. Statt mit zweistelligen Wachstumsraten wie in den vergangenen Jahren rechnen die großen Privatsender künftig mit einem geringeren jährlichen Einnahmenplus. Als Werbeträger verliert das Fernsehen an Bedeutung.

In solchen Zeiten braucht es – nicht nur nach Ansicht der gewinnfixierten Bertelsmänner – andere Manager. Thoma entschied aus dem Bauch. Er hätte die Champions League gekauft, um sie zu haben. Er führte RTL, wie er selbst sagte, „als ob der Sender mir gehört“. Zeiler entscheidet rational, läßt die Champions League sausen, wenn die Zahlen gegen den Kauf sprechen. Er stellt sich und RTL in den Dienst des Gesamtkonzerns. 15 Prozent Rendite hat er ihm versprochen, in diesem Jahr sollen es noch weit mehr werden.

Auch unter Thoma hat RTL guten Gewinn gemacht, aber im Zweifel war das nicht das Wichtigste. Und weil manchmal im Leben einfach alles zusammenpaßt, mußte Zeiler in den ersten Monaten seiner Amtszeit in ein Nachbargebäude umziehen, das RTL übernommen hat, eine ehemalige Bank. Alte Mitarbeiter lästern öffentlich, dies sei genau der Ort, wo einer wie Zeiler hingehöre: in eine Sparkasse.

Zeiler hat den Ruf eines kaltherzigen Erbsenzählers. Er hält das für ein Produkt von Journalisten, die ihn nicht kennen. Und einige seiner Ziele sind tatsächlich ganz und gar nicht buchhalterischer Natur: „Ich hoffe, daß ich in vier Jahren sagen kann, RTL ist meine zweite Familie.“ Und daß auch die Mitarbeiter dieses so empfänden – eine „gewisse Geborgenheit“, die man brauche, um motiviert arbeiten zu können. Das klingt ehrlich und kein bißchen nach vorbereiteten Image-Phrasen.

Dazu ist zumindest dem Geschäftsmann Zeiler sein Image zu egal. Wie könnte er es auch ändern, ohne Gefühle und Persönliches öffentlich zu machen. Und das will er nicht. Als Zeilers Abschied beim ORF vergleichsweise emotional ausfällt, entdeckt eine Zeitung überrascht, er habe ja eine „zarte Seele“. Zeiler sagt, selbstverständlich habe er die: „Sie war immer da und wird immer da sein. Aber das muß man mit sich selbst ausmachen.“

Beim Abschied von Tele 5 hatte er Tränen in den Augen. Heute zeigt Zeiler als einer, der unbeirrt Widerstände überwindet, keine Verletzungen mehr. „Das kann und soll man nicht. Da braucht man Familie und gute Freunde, denen man sich öffnen kann.“ Brauchte er die im vergangenen halben Jahr besonders oft? Zeilers erste Reaktion – ein Abwehrreflex: „Warum fragen Sie?“ Erst nach ein paar Sekunden entspannt er sich und sagt: „Ja, klar.“

Überhaupt hat Zeiler oft zwei Antworten parat: eine offizielle, manchmal pampige; und eine, die ahnen läßt, daß sich dahinter ein sensibler Mensch versteckt. Warum übernimmt jemand eine Aufgabe wie die Gewinnmaximierung von RTL, bei der er sich nur unbeliebt machen kann? „Meine Existenz ist nicht auf das Wohlwollen der Journalisten angewiesen“, antwortet er barsch. Erst dann sagt er, daß die jetzigen Verrisse ja kein Dauerzustand sein werden. „Fred Kogel wurde ganz anders vorgeführt. Er hat’s überlebt, und plötzlich hat man Respekt vor ihm. Glauben Sie mir: Ich werde diese Phase auch überleben.“

Zeilers Laufbahn ist bemerkenswert. Immer war er entweder „Kofferträger“, die rechte Hand der Chefs, oder selbst Chef. Er erklomm nicht die Karriere-, sondern die Unternehmensleiter: Die Firmen wurden wichtiger, nicht die Positionen, die er bekleidete. 24 Jahre war er, als er Pressesprecher von Fred Sinowatz wurde – der erst Unterrichtsminister, später Bundeskanzler war. 24! „In einem kleinen Land wie Österreich sind die Möglichkeiten leichter“, sagt Zeiler. Als erklärte das irgendwas.

Eine andere mögliche Erklärung wischt er vom Tisch, noch bevor sie geäußert wurde: daß sein Aufstieg irgend etwas mit der Mitgliedschaft in der Sozialdemokratischen Partei zu tun haben könnte. Glück habe er gehabt. Etwa, daß ihm sein Chef als ORF-Generalsekretär viele seiner Aufgaben übertrug. ORF- Übervater Gerd Bacher sagt, Zeiler habe sich nie als „Durchführungsorgan“ verstanden, sondern als „autonomer Machthaber“.

Eines haben alle seine Stationen gemeinsam: Wenn er ging, war das Unternehmen nicht wiederzuerkennen. Tele 5 wandelte er vom Musik- in ein Vollprogramm um, RTL 2 schuf er gleich ganz aus dem Nichts. Den ORF machte er fit für die Zukunft, aber er orientierte ihn an einem einzigen Maßstab: der Quote. Österreichische Kommentatoren sagten damals das gleiche wie heute die Leute bei RTL: „Ein Kulturschock“.

Zwei Eigenschaften attestieren Zeiler Freunde wie Feinde. Erstens: Zuverlässigkeit – selbst Konkurrenten loben ihn als direkt und ehrlich; und zweitens: Konsequenz. Zeiler steckt sich große Ziele – und setzt sie gegen alle Widerstände durch. „Ich bin jemand, der, wenn er eine Aufgabe übernimmt, sie zu Ende bringt. Mit jedem Einsatz.“ Wie das geht, zeigte er als Generalintendant des ORF: Er wußte, daß sich gegen seine Radikalkur Widerstand regen würde. Deshalb setzte er sie in Rekordzeit um. Nach sechs Monaten war er bereits mit dem Austausch von Personal und Sendungen fertig. Bevor seine Kritiker überhaupt zur Besinnung gekommen waren.

Soviel Durchsetzungsvermögen und Berechnung mag bewunderswert sein. Zeiler sagt allerdings sogar selbst, ihm sei erst rückblickend der Gedanke gekommen, daß er eigentlich Zweifel hätte haben müssen. Er hatte sie nicht. „Es war mir immer klar, daß wir das jetzt machen müssen“, sagt er. Diskussionen über das Ziel hält Zeiler für unnötig. Das Zielgibt er vor. Allenfalls über den Weg dahin redet er, in kleinen Gruppen.

In der Zeit als ORF-General muß Zeiler seinen Führungsstil verändert haben. Ulrich Krenn, unter Zeiler Nachrichtenchef bei Tele 5, sagt, damals sei er noch „sehr umgänglich“ gewesen. „Genau das Gegenteil von dem, wie ihn heute seine Kritiker bei RTL beschreiben: Er hat sich nicht abgeschottet. Man konnte in sein Büro kommen, und in fünf Minuten hatte man eine Entscheidung.“

Einer, der ihn seit Jahren kennt, sagt, Zeiler sei „im zwischenmenschlichen Bereich absolut okay“. Aber: „Er ist auch ein Karrierist, ein knallharter Geschäftsmann. Er ist in der Lage, Leute gegeneinander auszuspielen, wenn es ihm hilft, seine Interessen durchzusetzen.“ Der das sagt, bezeichnet sich übrigens als Freund Zeilers.

RTL geht es gut. Gerade das ist ein Problem für den Reformer. Beim ORF traf er auf eine Mannschaft, die nach Veränderungen dürstete. Anders bei RTL. Hier fehlt der Leidensdruck. Zeiler sagt, es gehe darum zu vermitteln“, daß wir dennoch eine Kurskorrektur vornehmen müssen“. Es sei der Versuch, ein Unternehmen zu übernehmen, bevor es in den Sinkflug gehe. Weil RTL praktisch nur für 14bis 49jährige Zuschauer Werbegeld bekommt, wird er das Programm weiter verjüngen. Kaltgestellte „Alte“.“ wie Ilona Christen und Geert Müller-Gerbes haben sich schon lautstark beschwert. Aber Zeiler hat ein dickes Fell. Zu ORF-Zeiten ließ er sich die heftigen Schlagzeilen über sich gar nicht erst zeigen.

RTL wird unter ihm wieder provokanter werden. Für den Samstagabend ist eine Stuntshow mit Amateuren geplant, die selbst hausintern als im Wortsinn mörderisch gilt. Allerdings gibt es Grenzen: Eine Prügel-Talkshow wie „Jerry Springer“ in den USA wird es nicht geben. „Da ist unter uns noch eine Qualitätsstufe, die wir nicht mehr bedienen.“

Zeiler akzeptiert dennoch keine anderen Qualitätsmaßstäbe als die Quote. Mit Boulevard, Trash und billigen US-Importen hat er kein Problem. Ein Problem hat er mit Leuten, die darin ein Problem sehen. Um so erstaunlicher, daß er im Fragebogen des FAZ-Magazins auf die Frage nach seiner Heldin in der Literatur Heinrich Bölls Katharina Blum angegeben hat: eine Frau, deren Leben durch Sensationsreporter einer Boulevardzeitung zerstört wird. „An ihr hat mich der Kampf fasziniert“, sagt Zeiler. „Daß es auch noch um eine gerechte Sache ging, ist schön, aber das stand für mich nicht im Vordergrund.“ Die Blum hat ihren Gegner am Ende erschossen. Zeilers Gegnern sei es eine Warnung.

Anders, wie alle anderen

Süddeutsche Zeitung

MTV will mit neuen Shows wieder schräg werden.

MTV hat jetzt eine richtige Musiksendung. Doch, das ist eine Nachricht! In den vergangenen Jahren wurde der Platz zwischen den Videos wie bei Viva vorzugsweise mit Informationen darüber gefüllt, welche Haarfarbe der Künstler gerade ausprobiert und mit wem er vorletzte Woche im Restaurant gesehen wurde. Bei Brand:neu erfährt man tatsächlich, welche Leute an der Platte mitgewirkt haben und warum die Single nur in den USA rauskam. Kein Meilenstein des Journalismus – aber den erwartet auch niemand. Eine Offenbarung ist immerhin der Moderator: Gerd Bischoff, der erste Video-Jockey, der nicht ausgewählt wurde, weil er aussieht wie Holger Speckhahn oder Kristiane Backer, sondern weil er 15 000 Platten, Erfahrung als Journalist und Ahnung von Musik hat. Der erste über 40 ist er außerdem.

Brand:neu ist eine von vier neuen deutschsprachigen Sendungen auf MTV – und die einzige, die hausintern nicht umstritten ist. Klar: In unsicheren Zeiten funktioniert die Rückbesinnung auf den Kern am besten. MTV ist trotz steigender Quoten in einer Identitätskrise. Das liegt zum einen daran, daß es schwerer denn je zu sein scheint, zu wissen, was die Jugend will – im allgemeinen und vom Musikfernsehen im besonderen. Aufmüpfigkeit, Rebellion? Och nö. Kooperationen mit Greenpeace? I bäh!

Sterni steht und sächselt

Ein weiterer Grund ist Christiane zu Salm, seit 15 Monaten Deutschlandchefin von MTV. Als sie antrat, gab sie die Devise aus, um jeden Preis Quote zu machen. Das Ergebnis war die Show Live aus Berlin, die den Begriff „Infotainment“ als kombinierte Abwesenheit von Sinn und Witz definierte und auch nach Salms Ansicht ein Fehler war. Jetzt sollen die Sendungen wieder schräg sein, ironisch, respektlos – anders. Das ist nicht leicht, da die Fernsehwelt heute bevölkert ist von Harald Schmidts und Stefan Raabs und die MTV-Welt nicht mehr von Ray Cokes und Christian Ulmen.

Die neue Show emtevau mit deutscher Musik moderiert Sterni, ein netter 24jähriger Koch, den Salm in Leipzig getroffen hat. Sie war begeistert von seinen „Nüs“ und „Geleschenheiten“, gab ihm ein altes Mikrophon im handlichen Riesensalamiformat, stellte ihn vor eine Panoramatapete und bat ihn, sich seine Unbeholfenheit und seinen Dialekt nie abzugewöhnen. Da steht er nun und sächselt. Das ist zwar innovativer als bei Viva, wo sich die Moderatorinnen nur durch ihre Gesichtspiercings unterscheiden – aber seit Stefan Raab die „Öla Palöma Boys“ groß rausgebracht hat, ist Sterni so originell wie Toastbrot in Scheiben.

Salms Vorgänger machte den Fehler, nur die Hitparaden-Top-40 zu spielen; Salm steuerte um und schuf mit den neuen Shows gezielt Nischen. Dennoch erbleichten ihre Musikredakteure, als sie Kitchen sahen. Erstes Video: Nancy Sinatra. Manchmal gibt es zwischen Smashing Pumpkins und Blur auch Ray Charles. Schöne Idee, nur: Wer will das sehen, mittags um eins? Fünftkläßler, die von der Schule kommen? Kitchen ist eine der Sendungen, die dem Prinzip folgen, es reiche, jeden Tag einen anderen Gast „Schnapp die Wurst“ spielen zu lassen. David Copperfield war da. Unsichtbar allerdings, „sein neuester Trick“. Netter Gag. Aber eine Stunde lang? Kitchen krankt am fehlenden Mut, wirklich radikal zu sein. Salms MTV ist schräg, aber harmlos. Der Kitchen-Moderator Max von Thun ist kein Anarcho; er spielt einen. Einmal hatte er das sprechende Spielzeug Furby in seiner Sendung und taufte es – sein Kollege Niels Ruf hatte auf Viva 2 zuvor zwei Furbies. Er probierte mit ihnen Stellungen des Geschlechtsverkehrs.

Dann ist da noch Enjoy MTV, eine Kooperation mit der Frauenzeitschrift Joy. Paarungswillige Menschen erzählen, was sie toll an sich finden, was nicht und wie das war, als sie beim Sex im Englischen Garten erwischt wurden. Alles komplett in Schwarz-Weiß; das ist fast so cool wie Joy und die Kandidaten. Steve, 26, sucht eine Frau, die gebaut ist wie ein Porsche: „Melde dich, mein Sportwagen, dann fahre ich dich. “ Und Mehmet, 33, bewirbt sich mit dem Satz: „Es ist immer wieder peinlich, wenn ich im Bett zu schnell komme. “ In der Tat.

Große Freiheit für Viva

Süddeutsche Zeitung

Dieter Gorny sitzt in seiner Suite in einem Hamburger Hotel und ist zufrieden mit sich und der Welt. Am Tag zuvor hat der Musiksender MTV seinen Abschied aus der Stadt bekanntgegeben. Aus der Routinereise des Viva-Chefs zu Musikproduzenten und Agenturen ist plötzlich ein kleiner Staatsbesuch geworden. Hamburger Politiker rufen an und bitten dringend um ein Gespräch. Journalisten geben sich die Klinke in die Hand. Die Sonne scheint.

Im Gegensatz zu Gorny hält MTV-Chefin Christiane zu Salm nicht Hof. Deshalb läßt sich nur vermuten, daß auch sie strahlt. Hat sie es doch nach monatelangen Verhandlungen geschafft, der Bayerischen Staatsregierung Geld für den Umzug nach München aus der Tasche zu leiern – vier Millionen sollen es sein. Doch da eine Entscheidung selten zwei Konkurrenten gleichermaßen dauerhaft beglückt, stellt sich die Frage, wer zuletzt lachen wird.

Christiane zu Salm kennt das TV-Geschäft. Sie hat dank des absurden Wettlaufs der Medienstandorte geschafft, was in kaum einer anderen Branche denkbar wäre: Für ein Unternehmen Subventionen zu bekommen, das 1998 mit 26 Millionen Mark Gewinn rechnete. Nun sind vier Millionen Mark für einen Sender wie MTV eine Menge Geld – nicht viel höher ist etwa der Jahresetat für die deutschen Sendungen. Aber auf Dauer sind solche Einmalzahlungen ohne Bedeutung, es sei denn, ein Fernsehsender wechselte jährlich seinen Standort. In Hamburg hat zu Salm dagegen mehr verlassen als nur eine Stadt, die ihr keine Millionen zahlen konnte und wollte.

Vom Musik-TV-Geschäft versteht zu Salm nicht viel. Das wäre nicht so tragisch, hätte sie ihre Führungsriege nicht mit Leuten bestückt, denen es genauso geht. Für Musiksender gelten eigene Regeln. Das fängt damit an, daß A und O des Geschäftes nicht Quoten sind, sondern Glaubwürdigkeit. In der Reichweite werden Viva und MTV nie mit RTL 2 oder Pro Sieben mithalten können. Aber sie können eine viel größere emotionale Nähe und Überzeugungskraft zu Teenagern aufbauen – nur das macht sie interessant für Werbekunden. Dazu muß ein Sender dicht an der Szene und den Trends von morgen sein. Über die zukünftige MTV-Heimat München läßt sich einiges Positives sagen. Daß von ihr die angesagtesten Mode-, Musik- und Jugendkulturtrends ausgehen, gehört eher nicht dazu.

Musiksender sind in der kuriosen Situation, daß die Plattenfirmen gleichzeitig Produzenten und Kunden sind: Sie liefern die Videos und werben für die Musik. Die Musikbranche aber sitzt in Hamburg. Die Werbebranche auch. Die kurzen Wege waren ein Vorteil, um den Viva MTV bislang beneidet hatte. Auf seinen Reisen zu Produzenten und Kunden verbringt Gorny regelmäßig vier Tage in Hamburg. München schafft er in einem.

Und dann ist da noch Viva 2: Ambitioniert, laut und billig, für Leute, die weder DJ Bobo noch Rolling Stones, sondern Guano Apes hören wollen; von Gorny mit viel PR als Alternative für die Leute verkauft, die das alte, schräge MTV vermissen. Solange MTV fest in Hamburg saß, verhinderte die Landesmedienanstalt HAM, daß Viva 2 ins Kabel kam. Das tat Gorny weh. Weil Viva 2 naturgemäß eher was für Großstadtmenschen ist als für die Bewohner Mittelhessens. Und weil ausgerechnet die Masse der Werbe-, Musik- und Medienleute sein verlustmachendes Prestigeobjekt nicht sehen konnte – und deshalb nicht buchte oder drüber schrieb.

Das ändert sich jetzt. Vermutlich noch im Sommer wird die HAM bekanntgeben, daß Viva 2 ins Hamburger Kabel kommt. Im Gegenzug wird Viva bekanntgeben, die örtliche Musikszene mit ein paar Hunderttausend Mark zu fördern. Ähnliche Geschäfte hat Gorny schon in Niedersachsen und Berlin abgeschlossen. Gespräche in Hamburg gab es schon länger, aber die Verhandlungssituation hat sich geändert: Bislang brauchte Gorny Hamburg dringender als Hamburg Gorny. Seit dieser Woche ist das umgekehrt.

Christiane zu Salm kommt – wie der Großteil des neuen MTV-Managements – aus München und ist mit der Münchener Medienszene eng verbandelt. Wenn zu Salm in den vergangenen Monaten die Abwanderungspläne dementierte, tat sie das gerne entrüstet: „Sie glauben doch nicht im Ernst, daß wir umziehen werden, weil es mir persönlich in München besser gefällt?“ Eigentlich nicht. Aber nicht nur Dieter Gorny fällt kein anderer Grund ein.

Nackter Wahnsinn

Süddeutsche Zeitung

Premierenkritik zu „TV Total“ (Pro Sieben).

Über Rudi Carrell ist einmal gesagt worden, sein Erfolgsgeheimnis liege darin, daß seine Mundwinkel in einer Form festgefroren seien, die den (meist falschen) Eindruck erwecke, er lächle. Das stimmt nur fast. In Wahrheit – und schon für diese Erkenntnis muß man TV Total dankbar sein – gibt es bedeutsame Nuancen im Carrell’schen Mundwinkelkrümmungsgrad. Als Moderator Stefan Raab ihn in seinem Büro mit Ukulele überrascht und anfängt, ihm ein Ständchen zu singen, ziehen sich Carrells Mundwinkel nach oben und scheinen zu sagen: „Netter, junger Mann, hab‘ ich irgendwo schon mal gesehen, ist ja niedlich, komm‘ ich mal in eine andere Show als meine eigene.“ Raab singt Carrells alten Schlager „Wann wird’s mal wieder richtig Sommer“, allerdings mit dem Text: „Wann wirst Du wieder richtig witzig . . .“ – die Mundwinkel senken sich – „. . . so witzig, wie Du früher schon nie warst.“ Und spätestens an dieser Stelle bilden Carrells Falten nur noch formal ein Grinsen, anscheinend denkt er sich: „Sei froh, daß ich Profi bin und diesen Mist mitmache, aber wag‘ bloß nicht, eine zweite Strophe zu singen!“

Sowas kann Raab. Nicht nur Ukulele spielen, sondern dem Feind direkt ins Gesicht singen. Viel mehr muß er für seine neue Show nicht können, die die Fortsetzung von Kalkofes Mattscheibe mit anderen Mitteln ist und davon lebt, daß der Wahnsinn, der täglich auf den Kanälen tobt, die Vorstellungskraft immer noch um ein Vielfaches übersteigt. Im Regionalsender Südwest macht Dr. Carlo Bussi (!) Hüftübungen: „Schieben, und wieder rausziehen.“ Andreas Türck steht in seiner Talkshow mit „landminengroßen Schweißflecken“ unter den Achseln da. Und Moderator Adi Furler ist halbnackt und erschreckt uns, so Raab, mit seinen „Titten“. Gut, die mußten wir nicht unbedingt sehen. Aber in glücklichen Momenten baut TV Total aus den Schnipseln eine eigene Dramaturgie, und Raab nimmt ab und zu sogar den Blick vom Monitor, auf dem er sich selbst sieht.

Jetzt könnten wir noch ein wenig lamentieren über die Selbstreferentialität des Mediums. Andererseits sind die Müllberge, die es täglich produziert, so gewaltig, daß die ein oder andere Wiederaufbereitungsanlage, die sie recycelt, verbrennt oder schlicht öffentlich ausstellt, nicht schaden kann. Vor allem, da die Alternative aller Wahrscheinlichkeit nach nur die Produktion neuen Mülls wäre.

Alarm!

Süddeutsche Zeitung

Nach dem Abschied von Christian Ulmen wird MTV in Deutschland zu einem normalen und ironiefreien Musiksender.

So schnell wird aus einem Kompliment die Prophezeiung eines Todes: Die Zeitschrift TV Today hat Moderatoren getestet und bei den Neuen von MTV viel Elend entdeckt. Fazit: „Nur der schlagfertige Christian Ulmen kann MTV vor dem Aus retten. “ Als das Heft am Freitag erschien, hatte Ulmen schon gekündigt: „Das Know-How, die Coolness und der Hochglanz von MTV- Live aus Berlin lassen mich beschließen: Wenn`s am Schönsten ist, soll man aufhören. “ Die Pressemitteilung trieft vor Ironie. Live aus Berlin ist so cool wie der Tigerenten-Club, hat den Hochglanz einer verpatzten Generalprobe und das Know-How eines von Praktikanten gefilmten Moderatorenwettbewerbs in der Fußgängerzone.

Nur weil sein größter Star kündigt, geht kein Musiksender zugrunde. Doch der 23jährige war das letzte Überbleibsel einer Zeit, als MTV nicht im Strom mitschwamm, sondern ihn formte. Ulmens erste Sendung Hot fand vor einem starren Fischauge statt, das ihn in einem fast leeren weißen Raum filmte. Bei Alarm war das Herzstück eine häßliche braune Schrankwand. Live aus Berlin beschreibt Ulmen dagegen als eine „typische Teenie-Nachmittags-Show“.

Dazwischen liegt der Antritt der Geschäftsführerin Christiane zu Salm – und ein Kulturschock. Sie ließ von Alarm nicht eine, sondern bis zu fünf Shows täglich aufzeichnen. In Live aus Berlin verbannte sie Ulmens schrägen Humor in kleine Biotope, was nicht funktionierte, weil ihn im sonst ironiefreien Programm niemand verstand. „Früher wurde bei MTV aus Leidenschaft fürs Programm gearbeitet und experimentiert“, erzählt Ulmen. „Heute heißt es, Fernsehen funktioniere nur nach bestimmten Regeln und alles Schräge von damals wird mit dem Argument abgebügelt: Hat keiner geguckt. “ Zum Glück hat er seine Hamburger Wohnung nicht gekündigt. Jetzt wird ausschlafen und die Angebote anderer Sender prüfen.

Süßes statt Spinat

Salm gibt ihren Kritikern erst einmal recht: „Christian hat MTV das Profil verliehen, das ich gerne hätte. “ Sie sagt, daß ihr bei Live aus Berlin „Substanz und Kanten“ fehlen. Im Konflikt zwischen Kanten und Quoten habe sie sich aber entschieden, mit Telephonspielen erst einmal die Massen zu gewinnen, um ihnen dann irgendwann auch Schräges zuzumuten. „Das ist“, meint Ulmen, „als wollte ich ein Kind dazu bringen, Spinat zu essen, indem ich ihm erstmal ganz viel Süßigkeiten gebe“. Doch die Berlin-Sendung war nicht nur als Zucker für die breite Masse, sondern auch für die Medienanstalt Berlin-Brandenburg entwickelt worden. Die bedankte sich und gab MTV den Vorzug vor Viva bei der Vergabe eines guten Kabelplatzes.

Christiane zu Salm, 32, ist seit einem Jahr Geschäftsführerin von MTV-Central Europe. Sie hat gründlich aufgeräumt. Heute ist kaum ein Mitarbeiter von damals mehr in leitenden Positionen. Komplette Abteilungen sind ausgewechselt; nach Ulmens Kündigung wollen weitere langjährige MTV-Mitarbeiter gehen. Jegliche Spuren ihrer Vorgänger beseitigte Salm, kündigte vorzeitig der Werbeagentur, beendete die Zusammenarbeit mit der Produktionsfirma MME, ließ Eigenproduktionen und Design außer Haus entwickeln.

Salm sagt, all das sei nötig gewesen: „Kreativität ist nichts ohne Strukturen, und bei uns war alles immer ein Chaos. “ Alte MTVler nennen dieses Chaos den „Spirit“, der MTV ausgemacht habe. Eine von denen, die frustriert gegangen sind, trägt den schönen Namen Silke Super, bunte Haaren und schräge Klamotten. Sie war für die Kontakte zu Künstlern und der Musikindustrie verantwortlich und wird es in Zukunft für Viva sein: „Musik hat viel mit Gefühl und Identifikation zu tun“, sagt sie. „Man muß als Geschäftsführer nicht unbedingt selbst dieses Gefühl haben. Aber man muß die Leute holen, die es haben. “ Christiane zu Salm holte stattdessen Experten des Mainstream wie Programmchef Christofer Sebald – Ex-Vera-am-Mittag. „Mir fehlt bei MTV heute Liebhaberei“, sagt Super: „Man kann Lifestyle nicht vom grünen Tisch verkaufen. “ Ehemalige Verantwortliche sagen, kein anderer Sender müsse so sehr aus dem Bauch gemacht werden wie MTV. Es sind zwei Welten: Punks, die sich Silke Super nennen und auch so aussehen, und Anzugträger, die die Regeln des Privatfernsehens kennen und für die „Bauchgefühl“ ein anderes Wort für Dilettantismus ist. Salm verabreicht ihre Kulturschocks nicht mit Fingerspitzengefühl.

Die Mannschaft, die sie bei ihrem Amtsantritt vorfand, nennt sie „Hiwis“. Dem Vorwurf, sie habe viele Leute telephonisch aus ihrem Urlaub gefeuert, in den sie gleich nach ihrem Amtsantritt gefahren ist, widerspricht sie: „Die wurden alle vorher entlassen. “ Und bei der Telemesse steht sie vor ihren Moderatoren und erzählt, daß gerade die Moderatoren noch ein Schwachpunkt seien.

Anfang vergangener Woche verkündete MTV nur zwei Monate nach der Programmreform den Erfolg: Viva, bislang weit in Führung, sei überholt worden. Die Zahl der MTV-Zuschauer habe sich nach einer Umfrage des Instituts Phone Research gegenüber 1998 fast verdoppelt. Phone Research sitzt im gleichen Gebäudekomplex wie MTV und ermittelt seit Jahren auch in schlechten Zeiten gute Zahlen für den Sender. Intern arbeiten MTV und Viva mit handfesten GfK-Zahlen. Die gibt es, die Sender müßten aber Millionen bezahlen, um sie veröffentlichen zu dürfen. Laut GfK hat MTV in den ersten beiden Monaten seinen Marktanteil in der Zielgruppe tatsächlich fast verdoppelt, bleibt aber deutlich hinter Viva zurück. Experten führen das darauf zurück, daß MTV seit Januar unverschlüsselt über Satellit zu empfangen ist und doppelt so viele Haushalte erreicht.

Bitte nicht edgy

Dabei sind Quoten nur ein Nebenkriegsschauplatz. MTV und Viva erreichen beide nur Marktanteile im Promillebereich, in der Zielgruppe zwischen ein und zwei Prozent. Niemand wirbt bei einem Musiksender wegen der Zuschauermassen, sondern wegen der engen Verzahnung von Programm und Werbung und der Glaubwürdigkeit der Marke. „Schnell Quoten zu schaffen, wäre kein Problem“, sagt Viva-Chef Dieter Gorny: Man spiele einfach nur Top 20. Doch eine Marke, die Teil der Lebenswelt der Jugendlichen wird und Trends setzt, erzeuge man damit nicht. Salms Vorgänger Michael Oplesch hatte dennoch die Musikauswahl auf Top-40 umgestellt. „Wir mußten gegenüber der Plattenindustrie einen Schlingerkurs verkaufen, bei dem alle drei Monate die Richtung geändert wurde“, sagt Silke Super. Christiane zu Salm gab zwar offiziell die Devise „Back to the roots“ aus. Aber, sagt Super: „Das wurde nur ein Weilchen durchgezogen. Dann hieß es wieder: Bitte nicht zu edgy, verkaufen muß es sich auch.“

Was also wird aus MTV? „Wenn es das Ziel ist, Quote zu machen, werden sie das auch schaffen“, sagt Christian Ulmen, „wenn auch auf Kosten der Identität des Senders“. Den Erfolg von MTV garantiert eine solche Hinwendung zum Seichten in der Tat nicht. „Alarm war von Künstlern, die dort auftreten wollten und das Ambiente liebten, Monate vorher ausgebucht“, sagt Silke Super. Bei Live aus Berlin ist das, Quote hin oder her, offenbar anders. Einige prominente Stars sollen sich weigern, dort überhaupt aufzutreten.

Operation Phoenix

Süddeutsche Zeitung

Das Übersinnliche lauert überall. Die erste deutsche Mystery-Serie: „Operation Phoenix“.

Wenn die Außerirdischen klug sind, wovon auszugehen ist, werden sie die Amerikaner enttäuschen und die Erde von Deutschland aus erobern. Wir wären ihnen schutzlos ausgeliefert. Genau wie der Wahrheit, sollte sie je genug davon haben, „irgendwo da draußen“ zu sein, und in die Nachbarschaft einziehen wollen. RTL hat zwar immerhin als erster Sender eine eigene Spezialeinheit installiert, die sich um Kriminalfälle im Zusammenhang mit paranormalen Phänomenen kümmert. Aber im Ernstfall würde sie, wie viele große Ideen, am kleinen Detail scheitern. „Sie können hier nicht rein“, ruft eine Krankenschwester den Spezialisten zu, als die in die Intensivstation eindringen. „Wir können“, widerspricht ihr ein Ermittler, und seine Kollegin wirft ihr im Vorbeirennen ein erklärendes „BMI!“ zu. Beeindruckt gibt die Krankenschwester jeden Widerstand auf.

BMI? Das Kürzel steht für „Bundesministerium des Inneren“, wo die Einheit angesiedelt ist. Nur daß es sich im Alltag noch nicht ganz so durchgesetzt hat wie das „F.B.I.“, mit dem sich die amerikanischen Kollegen in Sekunden Respekt verschaffen. In Wirklichkeit hätte die Krankenschwester mit dem Hinweis „ABM“ vermutlich mehr anfangen können. Wie soll man unter solchen Umständen erfolgreich übernatürliche Straftäter fangen können?

Argumente, die mit „In Wirklichkeit…“ anfangen, sind müßig im Mystery-Genre – das Beispiel „BMI“ zeigt nur, wie originalgetreu RTL bei der ersten deutschen Serie dieser Art Originale wie „Akte X“ oder „Millennium“ übersetzt hat. Die deutsche Truppe heißt „Operation Phoenix“. Sie besteht aus drei Mitgliedern, mit klar verteilten Rollen: Mark Pohl (Dirk Martens) ist der vermeintliche Spinner, die treibende Kraft. Wenn es so aussieht, als sei Seelenwanderung im Spiel, ist seine Erklärung, daß Seelenwanderung im Spiel ist. Er weiß, daß das Fachwort dafür „Palingenese“ lautet und sucht solange in der Bibliothek, bis er ein Photo davon gefunden hat. Kris Mertens (Alana Bock) ist die Psychologin. Das Unerklärliche schließt sie nicht aus – siedelt es aber erstmal im Kopf des Betroffenen an. Palingenese? Vielleicht doch eher ein Virus, das Aggressionen hervorruft. Richard Lorentz (Robert Jarczyk) schließlich ist der Kluge, der im Mystery-Genre klassischerweise der Dumme ist. Lorentz ist so rational, daß er selbst an Bord des UFOs noch einen Trick mit Spiegeln vermuten würde. Seelenwanderung? Humbug! Höchstens Hypnose.

Mystery sprengt die Grenzen des klassischen Krimis. Es geht nicht darum, das scheinbar Unerklärliche zu erklären – sondern eine Möglichkeit zu finden, mit dem Unerklärlichen zu leben. Wenn der Täter den Körper wechseln kann, ist es nicht mehr damit getan, ihn zu ermitteln und dingfest zu machen. „Mystery bietet mehr erzählerische Freiheiten“, sagt Drehbuchautor Marco Rossi. Durch die Kombination von Kriminalfällen mit paranormalen Phänomenen könne eine Spannung kreiert werden, die jenseits konventioneller Erzählformen liegt.

Daß die grünen Leuchtbänder, mit denen die Seele von Mund zu Mund wandert, am Ende nicht als Taschenspielertricks entlarvt werden, ist für deutsche Serien eine echte Innovation. Es bedeutet auch, daß die Phoenix am Ende machtlos ist – und das Übersinnliche überall lauert. Solche Paranoia ist in den USA weit verbreitet. Ob sich der Deutsche, und sei es nur für den Nervenkitzel vor dem Fernseher, davon massenhaft anstecken läßt, ist eine spannende Frage. Die Privatsender werden sie klären: Im nächsten Jahr zieht „Akte-X“-Sender Pro Sieben mit einer eigenen Mystery-Serie nach. RTL jedenfalls mußte sich schon gewaltig anstrengen und einen echten Parapsychologen aufbieten, um das Übersinnliche in den Deutschen halbwegs nachweisen zu können: Nur an Nahtodeserfahrungen oder Genmanipulationen glaubt die große Masse. Von der Existenz von UFOs oder Reinkarnation ist nicht mehr als ein Drittel der Deutschen überzeugt.

Vorsicht, Wissen!

Süddeutsche Zeitung

Das Magazin „Galileo“ soll intelligent sein, aber nur ein bißchen.

Was kommt dabei heraus, wenn man „Die Sendung mit der Maus“ mit Barbara Eligmann kreuzt? Ein Satz wie dieser: „Wissen ist Macht, und mein Name ist Aiman Abdallah.“ Von heute an präsentiert er täglich eine Sendung, die wie ein Boulevardmagazin daherkommt, sich aber nicht mit Sex und Gewalt, sondern Magenknurren und Regenbogen beschäftigt. „Galileo“ heißt sie und will beweisen, daß sich die Erde doch um die Sonne dreht und daß um kurz vor acht im Fernsehen doch nicht nur Peinliches funktioniert.

Sichtlich stolz ist das Team auf sein neues Wissensmagazin, das nicht nur schön sein soll, sondern auch lehrreich und intelligent. Gleichzeitig ist seine größte Sorge, daß die Sendung als lehrreich und intelligent gelten könnte – was die Zuschauer möglicherweise vom Einschalten abhielte. „Wir wollen nicht altmeisterlich erklären, sondern unterhalten“, sagt Rainer Laux, bei Pro Sieben für Information und Dokumentation verantwortlich. „Galileo ist kein Intelligenz-Fernsehen und darf nicht viel Allgemeinwissen voraussetzen.“ Manchmal sind die Wissensfragen auch nur Vorwand, um einfach schöne Bilder zu zeigen. Zur Frage „Wie kommt die Farbe ins Fernsehen“ sehen wir ausführlich große, bunte Naturaufnahmen und denken uns: Egal, wie die Farbe reinkommt – aber schön, daß sie drin ist.

Theoretisch ist Galileo genau das richtige Programm zu dieser Zeit auf diesem Sender: Das Magazin fängt den Zuschauer mit dessen Interesse ein, zu einer aktuellen Meldung mehr erfahren zu wollen. Der Nachrichtenmoderator weist auf Galileo hin, und Galileo soll, so oft es geht, direkt mit einem aktuellen Stück andocken. Wüten auf der Welt gerade Hurricanes, soll es sich etwa der Frage widmen: „Warum gibt es in Deutschland keine Wirbelstürme?“ Das alles verpackt in die Pro-Sieben-Hochglanz-Optik, die der Sender im Lauf der Jahre perfektioniert hat und die den Übergang zu den internationalen Serien und Spielfilmen fließend macht, bei denen der „Galileo“-Zuschauer nach knapp 30 Minuten abgeliefert wird.

Soweit die Idee. In der Praxis weiß Pro Sieben, wie gewagt es ist, ein teures tägliches Wissensmagazin in der Hauptsendezeit etablieren zu wollen. „Wir wollen fünf bis sieben Prozent Marktanteil, das ist unsere große Hoffnung“, sagt Pro Sieben-Programmchef Borris Brandt. „Von diesem Niveau aus wollen wir uns dann Schritt für Schritt hocharbeiten.“

Pro Sieben hat sich nicht gerade den Ruf erworben, bei neuen Formaten sehr geduldig zu warten, bis sich der Erfolg einstellt. Die entscheidende Frage, die das Wissensmagazin beantworten muß, lautet daher: Wie lang ist der Atem bei „Galileo“? Die Pro Sieben-Leute antworten mit Indizien: daß man extra ein Team mit der beachtliche Zahl von rund 25 Redakteuren aufgebaut und sechs Monate lang hart gearbeitet habe. Und daß „Galileo“ nicht, wie sonst bei Pro Sieben üblich, von einer fremden Produktionsfirma, sondern im eigenen Haus hergestellt werde. „Wir wollen langfristig eine Marke aufbauen“, sagt Brandt. Und wer gutes Geld verdiene, solle auch gutes Geld ausgeben.

Der Zufall muss genau geplant sein

Süddeutsche Zeitung

Warum es so schwierig ist, eine Lottoshow zu entwickeln, für die sich auch die Zuschauer interessieren.

Auf 18 Seiten erklärten die Juristen der West-Lotto-Gesellschaft, was geht, was nicht geht, und auf welcher Seite des Ziehungsgerätes der Notar stehen muß. Spätestens da zweifelten die Fernsehleute von der Produktionsfirma GAT, ob die Lotto-Geschichte wirklich eine so gute Idee war. Fast alles, was Bestandteil einer klassischen Samstagabendshow wäre, fiel in die Kategorie Geht nicht: Geschicklichkeit und Wissen, um den Sieger zu küren, oder Spiele, bei denen einer wie Gottschalk unter Beifall des Publikums sagt: Ok, das lassen wir noch gelten.

Spätestens, als sie die Zufallsmaschinen sahen, zweifelten die Lotto-Leute, ob die Fernseh-Geschichte wirklich eine so gute Idee war. Die Kreativen von der GAT hatten einen Aufruf in einer Fachzeitschrift für Erfinder gestartet. Gesucht war eine witzige Konstruktion, mit deren Hilfe und Glück ein Gewinner gefunden werden sollte. Allein, daß die Fernsehleute sich vorstellen konnten, einen Millionär aufgrund einer von einem obskuren Menschen entworfenen obskuren Maschine zu bestimmen, ließ die Lotto-Leute frösteln.

Die Regularien von Lotto und die Regeln für eine gute Show gehen eigentlich überhaupt nicht zusammen, sagt WDR-Unterhaltungschef Hugo Göke. Deshalb ist es den Beteiligten nicht peinlich, daß die Lotto-Show schon vor Monaten hätte auf Sendung gehen sollen. Statt dessen überwiegt die Überraschung, daß es überhaupt geklappt hat. Für beide Seiten geht es um viel: Für die ARD ist die zweimonatliche Sendung einer der wichtigsten Bausteine in der proklamierten „Offensive“, die künftig an jedem Samstagabend eine Show vorsieht. Der Deutsche Lottoblock will neue Zielgruppen erschließen, weg vom Image der „anonymen Gelderzeugungsmaschine“, wie Winfried Wortmann, Geschäftsführer der federführenden Westdeutschen Lotterie in Münster, sagt. Das makellose Image darf darunter nicht leiden. Die Regeln, nach denen Lotto Millionäre macht, sind so ausgefeilt, daß die übliche Preisausschreibenfloskel fehlt, daß Mitarbeiter ausgeschlossen sind. Selbst der Lottochef darf Lotto spielen.

Der Lottoblock hat für die Show viel Geld freigeschlagen: eine Hälfte des Topfes, der für Sonderauslosungen bestimmt ist; das Geld stammt aus nicht abgeholten Lottogewinnen. Vor zwei Jahren beauftragte die Gesellschaft zehn Agenturen damit, Konzepte zu entwickeln, wie das Geld unter die Leute gebracht werden kann. Am Ende bekam die Münchner GAT, eine 49-Prozent-Tochter des Unterhaltungsriesen Endemol, den Zuschlag.

Als erstes mußte sie ein Grundproblem lösen: Über den Gewinn von Lottogeld darf nur der Zufall entscheiden. Das fängt beim Finden der Kandidaten an. Sie wurden aus dem Kreis der Spiel-77-Teilnehmer gelost. Weiter: Ob jemand sieben Tabletts balancieren kann oder die Hauptstadt von Marokko weiß, darf keine Rolle spielen. Ein reines Glücksspiel aber würde die Leute nicht 90 Minuten am Fernseher halten: „Es war schnell klar, daß wir aus dramaturgischer Sicht ein Problem kriegen“, sagt GAT-Producerin Nina Glattfelder. „Roulette ist nur spannend, wenn ich selbst 100 Mark auf Rot setze, nicht, wenn ich jemandem dabei zuschaue.“ Hunderttausendmal hätten die Showexperten in ihrem Konferenzraum neue Versionen an die Tafel gemalt, wie man aus 49 Kandidaten, die selber nichts tun dürfen, einen Gewinner zieht.

Die Lösung ist ein Umweg. Den potentiellen Millionären werden Kandidaten zugelost, die gut in ihrem Beruf sind. Stellvertretend spielen die in sechs ‚TopJob‘-Spielen gegeneinander. Ihre Partner kommen ins Finale und spielen um die Million. Im Grunde waren alle Beteiligten damit glücklich, und das war schon eine Menge. Schließlich steht hinter der Produktion nicht eine Lotto-Show-Firma, sondern elf ARD-Anstalten und 16 Landes-Lottogesellschaften.

Eine richtige „Abstimmungsmaschine“ sei entstanden, sagt GAT-Chefredakteur Andreas Lebert, wöchentlich der neueste Stand der Entwicklung protokolliert und durch die Republik gefaxt worden, mit Durchschlag für Moderatorin Ulla Kock am Brink auf Mallorca. Jede Spielidee, die die GAT-Leute im 5. Stock eines Bürogebäudes im Münchner Vorort Unterföhring entwickelten, wurde von den Lotto-Revisoren überprüft. Das sind Menschen, die sonst ihr Geld damit verdienen, Teilnahmebedingungen zu schreiben, und zwar so klein und engmaschig, daß nichts durchrutscht. „Ich werde nie die Blicke der Kreativen vergessen, als sie unseren Entwurf für eine Ziehungsordnung für die Sendung gesehen haben“, sagt West-Lotto-Prokurist Hans-Joachim Rotermund. Dabei war das als Hilfe gemeint: Wenn man wisse, wie eng das Korsett sei, könne man sich schließlich viel freier darin bewegen.

Kellner, die durch Massen tanzender Menschen balancieren sollen? Oh nein, sagten die Juristen, da könnten sich die Paare ja vor einem einzelnen Kellner ballen — abgelehnt. Ein Wissensquiz für Geographielehrer? Nette Idee, aber was, wenn alle auf keine Frage eine Antwort wissen? Und überhaupt: Wer gibt das Startkommando? Von wo? Hören das alle gleich gut? Im übrigen stehen in der Ziehungsordnung klassische Lotto-Sätze: „Vor Beginn der Lotto-Show vergewissern sich Ziehungsleiter und Notar/Aufsichtsbeamter von der Funktionstüchtigkeit und Vollständigkeit aller Ziehungsmittel.“ Dazu: Vorschriften, was zu tun ist, wenn der Strom ausfällt, wenn ein Kandidat ausfällt, wenn ein Vertreter eines Kandidaten ausfällt…

Heute heißt es aus München und Münster, daß alle Einsprüche und Was-wärewenn-Fragen die Spiele erst richtig gut gemacht hätten. Doch vieles spricht dafür, daß in München zwischenzeitlich Mordpläne geschmiedet wurden. Einmal beschlossen die Kreativen, in den einzelnen Top-Job-Spielen unterschiedlich viele Kandidaten gegeneinander antreten zu lassen. Geht nicht, sagten die LottoLeute, da sind die Gewinnchancen der zugelosten Lotto-Gewinner unterschiedlich. Geht wohl, sagten die Fernsehleute und ließen sich von einem Gutachten der Technischen Universität München bestätigen, daß mathematisch die Chancen gleich sind. Moment mal, sagten wieder die Lotto-Leute und machten eine eigene Umfrage, ob die Zuschauer das akzeptieren, bevor sie zustimmten. „Es reicht nicht, daß mathematisch alles genau ist“, sagt Rotermund. „Es muß auch vom Empfinden der Leute her gerecht sein.“

Immerhin seien die Lotto-Leute bis an ihre Grenzen gegangen, sagt Producerin Glattfelder. Geld, das Nicht-Lottospieler heute abend gewinnen können, stammt aus dem Werbe-Etat von Lotto. Da ließen sich die Beamten auch auf ein Telephonspiel ein, bei dem sie sich letztlich auf die Aussage der Telekom verlassen müssen, daß alles mit rechten Dingen zugeht. Bei den Preisen, die aus Lotto-Einzahlungen stammen, gab es dagegen nichts zu rütteln. Die Kugeln etwa, mit denen ganz am Schluß der Millionär bestimmt wird, bekommt kein Requisiteur in die Hände. Die legt ein Ziehungsbeamter ins Gerät.

Überhaupt, das Ziehungsgerät: Einerseits muß es durchsichtig sein, damit jeder Zuschauer sieht, daß bei den Kugeln nichts manipuliert ist. Andererseits muß es undurchsichtig sein, damit kein Verdacht entsteht, daß irgendjemand sehen kann, welche Kugel er zieht. Aktueller Stand: Die beschrifteten Kugeln stecken in unbeschrifteten Kugeln in durchsichtigem Gerät. Langsam ahnt man, wie es kommt, daß 3 Lotto-Angestellte und 20 GAT’ler sich seit Anfang des Jahres mit nichts als dieser Show beschäftigt haben.

Großes kleines Fernsehen

Süddeutsche Zeitung

Sendungskritik: „Gute Nacht, Gottschalk“

Angenommen, jemand kriegt kurz nach seinem 48. Geburtstag eine sentimentale Phase und beschließt, sich eine Freude zu machen. Er lädt ein paar Idole seiner Jugend ein, Rockgitarristen, Models, sowas. Er zeigt ihnen, daß er ihre alten Platten noch hat, legt sie auf, summt mit. Ein paar der Gäste haben neue Platten mitgebracht, gemeinsam lauscht man, klimpert auf der Gitarre, erzählt sich, was an den guten alten Zeiten so gut war und ißt ein paar Käsehäppchen, weil der Pizza-Service schon zu hat. Gelegentlich klingelt das Telephon, Bekannte sind dran und Wildfremde, die auch gerade 48 geworden sind oder erst 22 oder schon 63. Drei Stunden dauert das Ganze, die ersten Besucher verabschieden sich immer wieder, neue sagen Hallo, ein paar haben ihre Frauen mitgebracht. Käme irgendwer auf die Idee, das ungefiltert im Fernsehen zu zeigen? Ok, der sentimentale alternde Typ ist nicht irgendwer, sondern Thomas Gottschalk. Aber will das ein Schwein sehen? Drei Stunden lang? Ohne Publikum, TED und Gewinnspiel?

Möglich wär’s, schön wär’s auch. „Gute Nacht Gottschalk“ sei „kleines Fernsehen“, sagt der Moderator am Anfang: „Es passiert nix.“ Doch die 190 Minuten kleines Fernsehen sind spannender als die meisten 90 Minuten großes, da sie völlig ohne die Rituale der Fernsehunterhaltung auskommen. Ringo Starr sieht ein wenig irritiert auf den CD-Spieler, in dem sein neuestes Werk läuft, ohne daß er mitsingen müßte. Rick Partiff von Status Quo und Brian May von Queen sträuben sich, ihre Plätze für Paola und Kurt Felix zu räumen. Assistentin Anke Engelke macht sich über Gottschalks Fragetechnik lustig und macht muffelig den Tisch sauber, weil außer Paola und Kurt keiner sein Glas selbst weggeräumt hat. Und Gottschalk kann sich bis zum Schluß nicht merken, daß der Sender „WDR Fernsehen“ heißt. Es ist egal, daß es in Köln keine Pizza mehr zu bestellen gibt und daß unbekannte Menschen fröhlich durchs Bild wuseln, um technische Probleme zu lösen. Die einzige wirkliche Panne ist der Versuch, das englisch-deutsche Sprachchaos zu übersetzen — und Dieter Thomas Heck durchzustellen, der anruft, um den „lieben Kurti“ zu grüßen.

WDR-Redakteur Michael Au hat nach „Feuersteins längster Nacht“ ein weiteres Fernsehexperiment gewagt. Passiert ist nichts. Aber die Art, wie nichts passierte, war spannend.

Weniger Englisch

Jedem Land sein eigenes MTV – die Pläne des Musiksenders.

Brent Hansen ist in diesen Tagen auf großer Europa-Tournee. Allein am Donnerstag vergangener Woche reiste der MTV-Europa-Chef von London nach Hamburg, Mailand, Stockholm und wieder zurück, um seinen Mitarbeitern und der Presse überall die gleiche Botschaft zu verkünden: Der Musiksender wird vom kommenden Jahr an deutscher, italienischer, schwedischer – und weniger englisch. Aus der starken Londoner Zentrale mit ein paar Außenposten soll ein wahres Netzwerk von MTV-Sendern in den meisten europäischen Staaten werden, die Programme für sich und einander produzieren, verspricht Hansen.

Im SZ-Gespräch nennt er erstmals Zahlen: 35 Millionen Pfund (rund 100 Millionen Mark) will er bis zum Jahr 2000 investieren, vor allem in das Programm, aber auch in die Technik. Erst die digitale Verbreitung nämlich hat die Ausstrahlung von verschiedenen MTV-Versionen in verschiedenen Ländern möglich gemacht: ‚Früher hätte jeder neue Kanal die Kosten vervielfacht – das wäre nicht finanzierbar gewesen‘, sagt Hansen. Doch es waren nicht nur die Möglichkeiten der Technik, sondern auch die Notwendigkeiten des Wettbewerbs, die zu der Entscheidung führten. MTV ist immer noch einer der wenigen Sender, die Geld verdienen. Der Erfolg aber war nur so lange ungefährdet, als es keine nationalen Konkurrenten gab. In Deutschland eroberte Viva in kürzester Zeit die Herzen der Mehrheit der Teenager und damit einen Platz in den Werbeetats der Industrie.

‚Keine kleinen Schritte mehr‘

In den vergangenen zwei Jahren hatte MTV mit kleinen Schritten auf die Entwicklung reagiert, in Deutschland und anderswo eigene Werbefenster und Programme in der Landessprache eingeführt. Jetzt will Hansen keine ‚kleinen, defensiven Schritte‘ mehr gehen, sondern gibt wirkliche Entscheidungsmacht über Marketing, Personal und Produktion in die Hände derjenigen Leute, die ihren Markt am besten kennen. Vor allem in London regte sich daher offenbar Widerstand. Hier baut MTV 80 Stellen ab, dafür sollen 150 Mitarbeiter in den anderen Ländern neu eingestellt werden – vermutlich ein paar Dutzend am deutschen Standort Hamburg. In Skandinavien, Holland und Osteuropa will MTV noch im nächsten Jahr eigene Kanäle aufbauen.

Das Konzept, von London aus ein jugendverbindendes Musikprogramm für ganz Europa zu machen, sei lange ein Erfolgsgeheimnis von MTV gewesen – heute bezeichnet es Hansen aber auch als ’schwierigen Kompromiß‘, was die Auswahl der Musik, den Informationsfluß und die Beziehung zu den Zuschauern angeht. Geändert habe sich auch das Zuschauerverhalten: Lag vor ein paar Jahren noch alles im Trend, was international war, begeistern sich zum Beispiel Italiener und Deutsche heute zunehmend für ihre eigenen Pop-Kulturen. ‚Wir wußten seit geraumer Zeit, daß wir in Richtung Regionalisierung gehen mußten.‘ Den internationalen Charakter der Marke MTV will Hansen nicht aufgeben, aber Programme, die aus irgendeinem undefinierbaren europäischen ‚Cyberspace‘ stammen, soll es in Zukunft nicht mehr geben.

Technisch ist es dank der digitalen Übertragung möglich, Dutzende von Musikkanäle für wenig Geld zu verbreiten, wirtschaftlich sind wahrscheinlich schon die fünf zuviel, die es in Deutschland zur Zeit gibt. ‚Die Stärke einer Marke wird über den Erfolg bestimmen‘, meint Hansen. ‚Wir müssen daran arbeiten, daß MTV nicht als Marke der achtziger Jahre, sondern der neunziger wahrgenommen wird.‘ Dazu sei es nötig gewesen, klare Prioritäten zu setzen und jetzt Geld dort zu investieren, wo auch sofort Geld zu holen ist. Die Entscheidung, Millionen in die Marke MTV zu investieren, ging mit dem Beschluß einher, den Etat der Tochter VH-1 um Millionen zusammenzustreichen. VH-1 richtet sich an Zuschauer, die aus dem MTV-Alter herausgewachsen sind. Im Gegensatz zu dem älteren Musiksender sei MTV stärker ein Teil der Pop-Kultur, habe eine emotionalere Beziehung zu seinen Zuschauern, kurz: sei mittelfristig wettbewerbsfähiger, sagt Hansen. ‚Wir müssen die Größe der Sender der Größe des potentiellen Marktes anpassen.‘

Anstatt in Schönheit zu sterben, soll VH-1 lieber etwas weniger glanzvoll leben. ‚Ich werde kein Geld verschwenden, nur um anderen etwas zu beweisen.‘