{"id":13674,"date":"2012-07-16T23:59:59","date_gmt":"2012-07-16T21:59:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/?p=13674"},"modified":"2012-08-05T14:56:28","modified_gmt":"2012-08-05T12:56:28","slug":"der-ewige-junggeselle-peter-altmaier-und-die-selbstzensur-der-taz","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/13674\/der-ewige-junggeselle-peter-altmaier-und-die-selbstzensur-der-taz\/","title":{"rendered":"Der ewige Junggeselle Peter Altmaier und die Selbstzensur der &#8222;taz&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.bild.de\/politik\/inland\/peter-altmaier\/umweltminister-im-interview-teil-1-25158712.bild.html\"><img src='http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/wp-content\/altmaier.gif' alt='' \/><\/a><\/p>\n<p>Ich wei\u00df nicht, ob Peter Altmaier schwul ist. Aber ich finde es &#8212; anders als die Chefredakteurin der &#8222;taz&#8220; &#8212; legitim, dar\u00fcber zu spekulieren.<\/p>\n<p>Der neue Umweltminister hat die &#8222;Bild am Sonntag&#8220; wie zuvor schon anderen Medien zu sich nach Hause eingeladen. Er hat sich &#8222;am heimischen Herd&#8220; mit einer Pfanne Bratkartoffeln <a href=\"http:\/\/www.bild.de\/politik\/inland\/peter-altmaier\/umweltminister-im-interview-teil-1-25158712.bild.html\">fotografieren lassen<\/a>. Und er hat die Frage der &#8222;Bild am Sonntag&#8220;-Leute beantwortet, warum man &#8222;in den Archiven nichts von einer Partnerin findet&#8220;:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Ich bin ein sehr geselliger und kommunikativer Mensch. Doch der liebe Gott hat es so gef\u00fcgt, dass ich unverheiratet und allein durchs Leben gehe. Deshalb kann in den Archiven auch nichts \u00fcber eine Beziehung stehen. Ich hadere nicht mit meinem Schicksal. Wenn es anders w\u00e4re, w\u00e4re ich l\u00e4ngst verheiratet oder in einer festen Beziehung. Aber ich hatte und habe immer eine kleine Zahl guter Freunde, mit denen ich \u00fcber alles reden kann.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Das sind bemerkenswert apodiktische Formulierungen: &#8222;Der liebe Gott hat es so gef\u00fcgt&#8220; und &#8222;mein Schicksal&#8220;. Formuliert so jemand, der blo\u00df noch keine Partnerin gefunden hat? Oder spricht hier jemand verschl\u00fcsselt \u00fcber seine Homosexualit\u00e4t?<!--more--><\/p>\n<p>Das schwule Online-Portal queer.de entschied sich f\u00fcr letzteres und <a href=\"http:\/\/www.queer.de\/detail.php?article_id=16945\">gewann daraus eine sch\u00f6ne Pointe<\/a>: <\/p>\n<blockquote><p>Nicht der &#8222;liebe Gott&#8220;, sondern er selbst hat es schlie\u00dflich (mit) so gef\u00fcgt, dass er unverheiratet durchs Leben gehen muss &#8212; n\u00e4mlich als er Ende Juni im Bundestag gegen die \u00d6ffnung der Ehe f\u00fcr gleichgeschlechtliche Paare stimmte.<\/p><\/blockquote>\n<p>&#8222;taz&#8220;-Redakteur und Geschwurbel-Spezialist Jan Feddersen stie\u00df sich ebenfalls an Altmaiers Coming-Out als &#8222;Dauersingle&#8220;. Er forderte ihn auf, Klartext zu reden, schaffte es aber dabei nicht, Klartext zu reden, und formulierte stattdessen: <\/p>\n<blockquote><p>Das klingt alles so uneigentlich, so vage: untypisch Altmaier. Also beginnen wir hier mit der Dechiffrierung, die sich notgedrungen mit Fragen behelfen muss: Spricht Altmaier so, weil in der CDU gute Laune und Nichtverehelichung nicht zusammengehen d\u00fcrfen? Stellt er sich moralisch f\u00fcr den Bundestagswahlkampf auf, um das Thema des Nichtverheiratetseins nicht angeheftet zu bekommen &#8211; vor allem nicht durch krass konservative W\u00e4hler? Oder meidet er eventuell das Thema H &#8230; und das schlimme Sch &#8230;-Wort, weil er keine Lust haben k\u00f6nnte, der erste offene H &#8230; seiner Partei im Bundesministerrang zu sein?<\/p>\n<p>Auch Bild am Sonntag hat sich nicht getraut, die direkte Frage zu formulieren: &#8222;Herr Minister, bei aller Liebe zu Gorleben und zur Endlagerfrage, aber: Sind Sie sch &#8230;?&#8220; Da die taz weder outet noch dementiert, gleichwohl den Sprechton verstopfter Fl\u00f6ten nicht sch\u00e4tzt, h\u00e4tten wir gern Erl\u00e4uterung. Denn irgendwie passt dieses pseudobarocke Schwurbeln nicht zu diesem Minister: Er, die einzige gute Idee, die Merkel noch hatte, hat es n\u00f6tig, so zu h\u00fcsteln und zu br\u00fcsteln? Kaum zu glauben.<\/p><\/blockquote>\n<p>Dass &#8222;wir&#8220; gern &#8222;Erl\u00e4uterung&#8220; h\u00e4tten, ob Altmaier nun schwul (oder wie Feddersen sagen oder nicht sagen w\u00fcrde: sch&#8230;) ist, stellte sich im Nachhinein als gr\u00f6\u00dferer Irrtum heraus. Die &#8222;taz&#8220;-Chefredakteurin Ines Pohl lie\u00df den Text auf taz.de nicht nur entfernen. Sie entschuldigte sich sogar f\u00fcr Feddersens Artikel. <a href=\"http:\/\/www.taz.de\/taz-intern\/!97392\/\">Sie schrieb:<\/a> <\/p>\n<blockquote><p>politisch wie moralisch ist die sexuelle Orientierung eines Menschen irrelevant. Sie ist Privatsache. Entsprechend sollte sich die taz weder an Zwangsoutings noch an Ger\u00fcchten \u00fcber die sexuelle Orientierung beteiligen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Die &#8222;taz&#8220; soll nicht fragen d\u00fcrfen, was der Umweltminister meinte, als er es als sein von Gott gewolltes Schicksal bezeichnete, unverheiratet bleiben zu m\u00fcssen? Das halte ich f\u00fcr falsch. Ebenso wie die Behauptung, die sexuelle Orientierung eines Menschen sei Privatsache.<\/p>\n<p>2001 ver\u00f6ffentlichte der &#8222;Bund lesbischer &#038; schwuler Journalisten&#8220; (BLSJ) einen <a href=\"http:\/\/www.blsj.de\/projekte\/outing\/koelner-appell\/\">&#8222;K\u00f6lner Appell&#8220;<\/a>, in dem er zu einem &#8222;neuen Umgang der Medien mit sexueller Orientierung und Privatleben von Personen des \u00f6ffentlichen Lebens&#8220; aufrief. Darin hei\u00dft es unter anderem:<\/p>\n<blockquote><p>Der BLSJ fordert JournalistInnen und Medien auf, die sexuelle Orientierung von lesbischen, schwulen und bisexuellen Personen des \u00f6ffentlichen Lebens nicht l\u00e4nger zu tabuisieren. Die Erw\u00e4hnung der sexuellen Orientierung ist insbesondere dann wichtig, wenn sie f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis einer Nachricht oder Geschichte bzw. zur Beurteilung der Glaubw\u00fcrdigkeit einer Person erforderlich ist.<\/p>\n<p>Der BLSJ appelliert an JournalistInnen und Medien, in der Berichterstattung \u00fcber Personen des \u00f6ffentlichen Lebens zwischen sexueller Orientierung und Privatleben zu unterscheiden und dabei alle Menschen gleich zu behandeln.<\/p><\/blockquote>\n<p>Denn die &#8222;sexuelle Orientierung&#8220; von Menschen gilt in den Medien nur dann als &#8222;Privatsache&#8220;, wenn die betreffenden Menschen schwul oder lesbisch sind. Die Information, dass ein Mann mit einer Frau zusammen oder verheiratet ist, gilt hingegen keineswegs als sch\u00fctzenswerte &#8222;Privatsache&#8220;. <\/p>\n<p>Dadurch, dass man Homosexualit\u00e4t &#8212; anders als Heterosexualit\u00e4t &#8212; als etwas besonders Intimes, Privates, Verheimlichensw\u00fcrdiges darstellt, tr\u00e4gt man zur Diskriminierung von Schwulen und Lesben bei. Dadurch, dass sie eine legitime Diskussion \u00fcber die m\u00f6gliche Homosexualit\u00e4t des Umweltministers unterdr\u00fcckt, tr\u00e4gt die Chefredakteurin der &#8222;taz&#8220; zur Diskriminierung von Schwulen und Lesben bei.<\/p>\n<p>Ganz abgesehen davon, dass sie offenbar ihr eigenes Blatt nicht liest. Als schwul benannt wurde Peter Altmaier n\u00e4mlich schon mindestens zweimal in ihrem Blatt, in Elmar Kraushaars Kolumne &#8222;Der homosexuelle Mann&#8220;. <a href=\"http:\/\/www.taz.de\/!95116\/\">Darin hie\u00df es im Juni<\/a> \u00fcber eine Diskussion der &#8222;Lesben und Schwulen in der Union&#8220; (LSU):<\/p>\n<blockquote><p>Der angek\u00fcndigte Dritte im Bunde, Umweltminister Peter Altmaier, fehlte entschuldigt, seine N\u00e4he zum Thema wurde gekonnt verklemmt umschrieben: Er habe &#8222;f\u00fcr uns als Lesben und Schwule in der Union stets ein offenes Ohr f\u00fcr den Kulturwandel in unserer Mutterpartei&#8220; und &#8212; so kann man es auch sagen &#8212; &#8222;ist gern und regelm\u00e4\u00dfig unser Gast.&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>In der <a href=\"http:\/\/www.taz.de\/DIE-WAHRHEIT\/!96992\/\">n\u00e4chsten Ausgabe der Kolumne<\/a> benannte Kraushaar vor nicht einmal einer Woche Altmaier als Teil der &#8222;lesbisch-schwulen Prominenz der Regierungskoalition&#8220;. Wenn Ines Pohl tats\u00e4chlich der Meinung ist, dass die sexuelle Orientierung eines Menschen &#8222;politisch irrelevant&#8220; und seine &#8222;Privatsache&#8220; sei, sollte sie diese Artikel <a href=\"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/der-homosexuelle-mann-und-die-grenze-der-toleranz-bei-der-taz\/\">wieder einmal<\/a> schnell l\u00f6schen lassen &#8212; und am besten die schwule Kolumne nach 17 Jahren ganz abschaffen.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich ist es politisch relevant, ob Peter Altmaier schwul ist, wenn Peter Altmaier im Parlament gegen die Gleichstellung von Schwulen stimmt. Und nat\u00fcrlich muss es erlaubt sein, die merkw\u00fcrdigen Formulierungen des Umweltministers zu hinterfragen, den sicher niemand gezwungen hat, sich die &#8222;Bild am Sonntag&#8220; f\u00fcr eine Homestory in die Wohnung zu holen und mit ihr \u00fcber sein Privatleben zu reden. <\/p>\n<p>Es ist selbstverst\u00e4ndlich eminent politisch, ob und wie schwule Politiker und Prominente zu ihrem Schwulsein stehen. Guido Westerwelle hat in all den Jahren, als er sich weigerte, \u00f6ffentlich zu seiner Homosexualit\u00e4t zu stehen, ein verheerendes Zeichen gesetzt. Er hat der Welt demonstriert, dass Schwulsein etwas ist, das man am besten verheimlicht, etwas Privates, Peinliches, Schmuddeliges, Gef\u00e4hrliches. Noch 2003 hat er der &#8222;Bunten&#8220; ein Interview mit folgender Passage gegeben:  <\/p>\n<blockquote><p>BUNTE: Nach dem Schill-Eklat in Hamburg fordern immer mehr Ihrer Kollegen, homosexuelle Politiker sollten dem Beispiel von Klaus Wowereit in Berlin folgen und sich \u00f6ffentlich zu ihrer sexuellen Neigung bekennen &#8230;<\/p>\n<p>Westerwelle: In der FDP ist das Schlafzimmer unserer Spitzenpolitiker noch nie ein Thema gewesen und wird es auch nicht werden! Vielleicht, weil wir die einzige liberale Partei sind. Aber bitte: Jeder soll das machen, wie er es will. Ich pers\u00f6nlich habe Hans-Dietrich Genscher und Otto Graf Lambsdorff als Vorbilder. Es ist unvorstellbar, dass einer der beiden seine Privatsph\u00e4re zum politischen Nutzen umfunktioniert. Meiner Meinung nach ist das der bessere Weg. Das Schlafzimmer eines Politikers ist kein Auswahlkriterium in der Demokratie. Das Arbeitszimmer z\u00e4hlt! Ich pers\u00f6nlich interessiere mich nicht f\u00fcr das Intimleben anderer. Als Liberaler lebe ich nach der Devise: Erlaubt ist, was gef\u00e4llt und keinem anderen schadet. Jeder, der sich so nach au\u00dfen \u00f6ffnet, wird wissen, warum er das tut. Vielleicht muss er auf diese Weise das eine oder andere selbst verarbeiten &#8230;<\/p><\/blockquote>\n<p>Er hat seine eigene Homosexualit\u00e4t verschwiegen und den politischen Gegner Wowereit als jemanden dargestellt, der einen psychischen Defekt hat, jedenfalls eine Art Exhibitionist ist, der andere mit seinem &#8222;Intimleben&#8220; behelligt, &#8222;seine Privatsph\u00e4re zum politischen Nutzen umfunktioniert&#8220;. Wann hat Westerwelle vorher aufgeschrieen, wenn Politiker sich mit ihren Ehefrauen gezeigt haben? Westerwelle versteckt aus Feigheit und politischem Kalk\u00fcl sein Leben vor der \u00d6ffentlichkeit und wirft anderen, die irgendwann aus der Selbstverst\u00e4ndlichkeit eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit machen, politisches Kalk\u00fcl vor?<\/p>\n<p>Und noch knapp zehn Jahre sp\u00e4ter gibt ihm die &#8222;taz&#8220;-Chefredakteurin indirekt Recht?<\/p>\n<p>Die &#8222;Bunte&#8220; hat sich damals schon f\u00fcr die Heuchelei Westerwelles ger\u00e4cht und ihr Interview so \u00fcberschrieben:<\/p>\n<blockquote><p>Der Junggeselle und das Meer<\/p><\/blockquote>\n<p>Auch die &#8222;Bild&#8220;-Zeitung spielte das offene Versteckspiel nat\u00fcrlich mit. Ihr Redakteur Einar Koch nannte Westerwelle zum Beispiel 2002 unter einem Interview zusammenhangslos einen &#8222;Junggesellen&#8220;. Fast m\u00f6chte man da im Vergleich einen Mann wie den &#8222;Bild&#8220;-Kolumnisten Claus Jacobi vorziehen, <a href=\"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/claus-jacobi-guenter-kiessling-die-schwulen\/\">der seine Homophobie wenigstens kaum verbr\u00e4mt auslebt<\/a>. Er begann noch 2009 eine Schm\u00e4hung des Au\u00dfenministers in &#8222;Bild&#8220; mit dem bedeutungsvollen Satz:<\/p>\n<blockquote><p>Junggeselle Westerwelle, 47, macht es gern anders als die anderen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Vermutlich empfinden die heutigen Verantwortlichen der &#8222;Bild&#8220;-Zeitung nicht mehr soviel Ekel beim Gedanken an schwule M\u00e4nner wie der greise Claus Jacobi. Aber wenn sie Peter Altmaier \u00fcber sein Privatleben ausfragen und sich dabei nicht trauen, die naheliegende Frage zu stellen, tragen sie weiter zur Tabuisierung von Homosexualit\u00e4t und damit zur Diskriminierung von Schwulen bei. <\/p>\n<p>Und die &#8222;taz&#8220;-Chefredakteurin Ines Pohl auch. <\/p>\n<p>Peter Altmaier ist entweder jemand, der glaubt, dass seine Homosexualit\u00e4t etwas ist, das er verschweigen muss. Oder er wird f\u00fcr schwul gehalten, obwohl er es gar nicht ist. Wenn er selbst nicht bereit ist, f\u00fcr Aufkl\u00e4rung zu sorgen, muss man wenigstens dar\u00fcber diskutieren d\u00fcrfen. <\/p>\n<div class=\"kenkel\">\n<ul>\n<li><b><a href=\"http:\/\/www.queer.de\/detail.php?article_id=16951\">queer.de: &#8222;taz&#8220; entschuldigt sich f\u00fcr Altmaier-Outing &#8211; zu Unrecht!<\/a><\/b><\/li>\n<\/ul>\n<\/div>\n<p>Hier im Blog ebenfalls irgendwie zum Thema:<\/p>\n<div class=\"kenkel\">\n<ul>\n<li><b><a href=\"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/schwuler-schmuddel\/\">Schwuler Schmuddel<\/a><\/b><\/li>\n<li><b><a href=\"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/die-schwulen-sollen-wieder-verschwinden\/\">Die Schwulen sollen wieder verschwinden<\/a><\/b><\/li>\n<\/ul>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich wei\u00df nicht, ob Peter Altmaier schwul ist. Aber ich finde es &#8212; anders als die Chefredakteurin der &#8222;taz&#8220; &#8212; legitim, dar\u00fcber zu spekulieren. 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