{"id":13735,"date":"2012-07-26T18:02:05","date_gmt":"2012-07-26T16:02:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/?p=13735"},"modified":"2012-08-05T14:54:41","modified_gmt":"2012-08-05T12:54:41","slug":"sinn-und-besinnungslosigkeit","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/13735\/sinn-und-besinnungslosigkeit\/","title":{"rendered":"Sinn- und Besinnungslosigkeit"},"content":{"rendered":"<p>Erinnern Sie sich an Christian Wulff? Warum musste der eigentlich nochmal zur\u00fccktreten? Ach ja, richtig:<\/p>\n<blockquote><p>Sein voreiliges Postulat: &#8222;Der Islam geh\u00f6rt zu Deutschland&#8220; wurde ihm zum Verh\u00e4ngnis.<\/p><\/blockquote>\n<p>Man kann eine Einladung zu einer Diskussionveranstaltung \u00fcber kritischen Journalismus, die das behauptet, nat\u00fcrlich einfach wegwerfen. Wenn diese Veranstaltung aber von der Staatskanzlei Rheinland Pfalz, der rheinland-pf\u00e4lzischen Landesmedienanstalt und der Friedrich-Ebert-Stiftung veranstaltet wird und als &#8222;Medienpartner&#8220; das ZDF und den SWR hat, kann man sich vorher vielleicht noch einen Moment lang dar\u00fcber emp\u00f6ren.<\/p>\n<p>Es geht um den <a href=\"http:\/\/www.mediendisput.de\/\">&#8222;MainzerMedienDisput&#8220;<\/a> (sic), der im Oktober zum 17. Mal stattfindet und von einer unabh\u00e4ngigen Projektgruppe vorbereitet wird. Ihr geh\u00f6rt unter anderem Thomas Leif an, der Chefreporter des SWR, der im vergangenen Jahr als Vorsitzender des Netzwerkes Recherche geschasst wurde. <\/p>\n<p>Die Einladung ist in seinem typischen apokalyptischen Adjektiv- und Wortspielrausch verfasst und k\u00f6nnte in kleinen Dosen vermutlich auch als Mittel gegen niedrigen Blutdruck verschrieben werden. Sie beginnt mit dem stimmungsvollen Satz:<\/p>\n<blockquote><p>Auf dem 17. MainzerMedienDisput wird dar\u00fcber gestritten, ob sich die Meinungsmacher im Schatten besinnungsloser Shitstorms und perfider Sozialpornos dem Sog der Unterhaltung in allen Spielarten und Mischformen \u00fcberhaupt noch entziehen k\u00f6nnen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Vermutlich w\u00fcrden die Autoren selbst das Wort &#8222;Holocaust&#8220; nicht benutzen, ohne ihm sicherheitshalber noch ein negatives Adjektiv beizustellen.<!--more--><\/p>\n<p>Nun bin ich relativ unverd\u00e4chtig, mit einem rosa-verkl\u00e4rten Blick auf die Medienwelt zu schauen, aber nach dem Lesen dieser Einladung habe ich das dringende Bed\u00fcrfnis, sie in Schutz zu nehmen vor diesen Untergangsbeschw\u00f6rern (sowie ein Apfelb\u00e4umchen zu pflanzen).<\/p>\n<p>In dem Text hei\u00dft es etwa:<\/p>\n<blockquote><p>Welche wichtigen Themen fallen durch das Komplexit\u00e4ts-Raster oder werden weggefiltert, weil sie sich nicht vereinfachen und personalisieren lassen? &#8222;Erst vereinfachen und dann \u00fcbertreiben&#8220; &#8212; hei\u00dft es sinngem\u00e4\u00df in einer Dienstanweisung des britischen Magazins &#8222;The Economist&#8220;. Die in (geheimen) Strategiepapieren formulierte Maxime, echte Nachrichten mit seichter Unterhaltung zu verquirlen, gilt l\u00e4ngst nicht nur f\u00fcr die &#8222;news&#8220; von RTL 2 und RTL Aktuell.<\/p><\/blockquote>\n<p>Hoho, &#8222;(geheime) Strategiepapiere&#8220;! Aus denen investigative Reporter wie Thomas Leif erfahren, was jeder wei\u00df, der in den vergangenen Jahrzehnten irgendwann mal eine Nachrichtensendung eingeschaltet hat.<\/p>\n<p>Die &#8222;Dienstanweisung&#8220; des &#8222;Economist&#8220;, die als mahnendes Beispiel f\u00fcr den aktuellen Verfall der Sitten von den MainzerMedienDisputanten herbeizitiert wird, ist \u00fcbrigens ein Ratschlag von <a href=\"http:\/\/www.economist.com\/node\/18584204\">Geoffrey Crowther<\/a>. Er war von 1938 bis 1956 Chefredakteur des Magazins. <\/p>\n<p>Weiter im Einladungstext:<\/p>\n<blockquote><p>Wolf von Lojewski, \u00f6ffentlich-rechtliches Urgestein, durfte anl\u00e4sslich seines 75. Geburtstages noch davor warnen, dass Journalisten im Internet verbreitete Meinungen unhinterfragt \u00fcbernehmen.<\/p><\/blockquote>\n<p>Das &#8222;durfte&#8220; in dem Satz soll wohl hei\u00dfen: Sp\u00e4testens wenn Lojewski 76 wird, werden solche kritischen Stimmen  verboten sein.<\/p>\n<p>Und wer wei\u00df, ob die EU bis dahin nicht Obergrenzen f\u00fcr Wutschaumkonzentration erlassen hat, die dann auch solches Geschnaube untersagen w\u00fcrden:<\/p>\n<blockquote><p>Ersetzt die Twitter-Intrige die genaue Pr\u00fcfung der Fakten und Vorg\u00e4nge, wuchert social Media zu einem Sammelbecken assozialer Ressentiments, wo der Daumen &#8212; selbstverst\u00e4ndlich anonym &#8212; gesenkt wird, noch bevor man sich mit der Sache vertraut gemacht hat? In Zeiten &#8222;digitaler Demenz&#8220; fragen wir, welche Informationen und Orientierungen den maximal 15 Prozent politisch Interessierten k\u00fcnftig noch jenseits der geschickt inszenierten Emp\u00f6rungswellen geboten werden k\u00f6nnen?<\/p><\/blockquote>\n<p>Man m\u00f6chte aus diesem ganzen Erbrochenen gar keine einzelnen St\u00fcckchen herauspicken. Es lohnt auch nicht, denn es ist ja alles hoffnungslos: Niemand interessiert sich mehr f\u00fcr das, f\u00fcr das er sich interessieren sollte, und wenn doch, interessiert es keinen.<\/p>\n<p>Wobei&#8230; doch! Hier kommt die Hoffnung:<\/p>\n<blockquote><p>Nicht nur f\u00fcr die Finanzm\u00e4rkte \u2013 nein.<\/p><\/blockquote>\n<p>Hm? Ah, geht weiter.<\/p>\n<blockquote><p>Nicht nur f\u00fcr sie gilt Schumpeters&prime; Prinzip der sch\u00f6pferischen Zerst\u00f6rung.<\/p><\/blockquote>\n<p>(Wer auch immer dieser Schumpeters sein mag.)<\/p>\n<blockquote><p>Auch die Medienproduzenten stehen unter enormen Marktdruck der Quoten, Auflagen und der Werbeindustrie. Was kommt aus den Formatschmieden zumindest in die (Digital)-Kan\u00e4le? Wie kommt das Neue in die Welt? In einem eigenen &#8222;Innovations-lab&#8220; fragen wir, ob man das Glaubensbekenntnis der Programm-Macher &#8222;interessant v o r relevant&#8220; noch dementieren kann?<\/p><\/blockquote>\n<p>Es soll nicht das einzige &#8222;Glaubensbekenntnis&#8220; bleiben: <\/p>\n<blockquote><p>Kein Zweifel: Medienpolitik im Schattenreich der Hinterzimmer ist Machtpolitik. Aber Macht \u2013von wem auch immer genutzt- fordert nach den g\u00fcltigen Prinzipien der parlamentarischen Demokratie &#8212; Kontrolle, Gegenentw\u00fcrfe und Alternativen. Das Thatcher-Tina- Dogma &#8222;There is no alternative&#8220; ist zwar noch das Glaubensbekenntnis vieler Programm-Manager; aus der Sicht eines zunehmend kritischeren Publikums und vieler &#8222;Radioretter&#8220; aber l\u00e4ngst ein Muster ohne Wert.<\/p><\/blockquote>\n<p>Wenn man nur genug Wortger\u00f6ll aufsch\u00fcttet, so die Logik dieser S\u00e4tze, kann man davon ausgehen, dass irgendein Sinn darunter begraben liegt. &#8222;Muster ohne Wert&#8220; war \u00fcbrigens auch schon mal ein MainzerMedienDisputMotto. Genauer: &#8222;(Medien)-Muster ohne Wert? Medien in der Wertefalle.&#8220; Immerhin fehlt diesmal die Floskel von den &#8222;bestellten Wahrheiten&#8220;, ohne die sonst kaum eine Leif-Veranstaltung auskommt. <\/p>\n<p>Die Einladung endet mit den Worten:<\/p>\n<blockquote><p>Der Boulevard wird in allen Medien breiter, klitschiger und gef\u00e4hrlicher. Das hatte zur Jahreswende 2011\/12 nicht nur der junge (Ex)-Bundespr\u00e4sident Wulff zu sp\u00fcren bekommen. Sein voreiliges Postulat: &#8222;Der Islam geh\u00f6rt zu Deutschland&#8220; wurde ihm zum Verh\u00e4ngnis. Wie der Boulevard als durchg\u00e4ngiges journalistisches Prinzip heute funktioniert, ob (nur) BILD Monster oder populistischer Segen ist &#8212; und was aus der &#8222;Wulff-Affaire&#8220; zu lernen ist? Das spielt der MMD in einer bunten Revue (mit anschlie\u00dfender Diskussion) zum Auftakt des 17. MainzerMedienDisputs am 15. Oktober durch. Wir versprechen einen &#8222;Aufreger&#8220; mit &#8222;Gespr\u00e4chswert&#8220;. Erkenntnis-Spa\u00df mit Ecken und Kanten, der Sie hoffentlich zum Widerspruch und zur Eigenaktivit\u00e4t reizt. Wir &#8222;liefern&#8220; die Reizwerte und erwarten daf\u00fcr nichts: nur ihre Aufmerksamkeit.<\/p><\/blockquote>\n<p>Ich m\u00f6chte meine bitte zur\u00fcckhaben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erinnern Sie sich an Christian Wulff? Warum musste der eigentlich nochmal zur\u00fccktreten? Ach ja, richtig: Sein voreiliges Postulat: &#8222;Der Islam geh\u00f6rt zu Deutschland&#8220; wurde ihm zum Verh\u00e4ngnis. Man kann eine Einladung zu einer Diskussionveranstaltung \u00fcber kritischen Journalismus, die das behauptet, nat\u00fcrlich einfach wegwerfen. 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