{"id":14193,"date":"2009-01-08T18:01:12","date_gmt":"2009-01-08T17:01:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/?p=14193"},"modified":"2012-10-14T18:03:24","modified_gmt":"2012-10-14T16:03:24","slug":"die-winterkatastrophe-der-ard","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/14193\/die-winterkatastrophe-der-ard\/","title":{"rendered":"Die Winterkatastrophe der ARD"},"content":{"rendered":"<p>Es gibt Tage, da ist die Nachrichtenlage so krass, dass nur eine Organisation wie die ARD mit ihrer f\u00f6deralen Struktur und ihrer Informationskompetenz ihr angemessen Herr werden kann.<\/p>\n<p>Gestern war so ein Tag, wo einiges zusammen kam. Gestern war es n\u00e4mlich ganz sch\u00f6n kalt in Deutschland, weshalb das Erste sein Programm \u00e4nderte und um 20.15 Uhr, nach der &#8222;Tagesschau&#8220;, einen &#8222;Brennpunkt&#8220; sendete. Es war aber auch in Hessen ganz sch\u00f6n kalt, weshalb das Hessen-Fernsehen sein Programm \u00e4nderte und um 20.15 Uhr, nach der &#8222;Tagesschau&#8220;, ein &#8222;Hessen-Extra&#8220; sendete. Und zu allem \u00dcberfluss war es auch in Nordrhein-Westfalen ganz sch\u00f6n kalt, weshalb der WDR sein Programm \u00e4nderte und um 20.15 Uhr, nach der &#8222;Tagesschau&#8220;, ein &#8222;WDR-Extra&#8220; sendete. (In Berlin und Brandenburg war es zwar auch ganz sch\u00f6n kalt, aber der RBB lie\u00df sich aus irgendwelchen Gr\u00fcnden Zeit bis 21 Uhr, bis er sein Programm \u00e4nderte und ein &#8222;RBB-Spezial&#8220; sendete.)<\/p>\n<p><img src='http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/wp-content\/schnee_ard.jpeg' alt='' \/><\/p>\n<p>Der &#8222;Brennpunkt&#8220; im Ersten kam vom MDR. Wahrscheinlich weil in seinem Sendegebiet der Ort Oderwitz liegt, in dem es noch k\u00e4lter war als an all den anderen schon ganz sch\u00f6n kalten Orten. Eventuell aber auch nur, weil der ehemalige ZDF- und Sat.1-Nachrichtenmann Thomas Kausch endlich auch mal einen &#8222;Brennpunkt&#8220; moderieren wollte. (Wom\u00f6glich gab es sogar einen ARD-internen Losentscheid oder eine Kampfabstimmung und der WDR und der HR haben einfach bockig ihre eigenen Sendungen ausgestrahlt, obwohl sie unterlegen waren.)<\/p>\n<p>Eigentlich m\u00fcsste Radio Bremen noch gute Karten gehabt haben m\u00fcssen, den &#8222;Brennpunkt&#8220; veranstalten zu d\u00fcrfen, denn die dortige M\u00fcllabfuhr meldete, dass der M\u00fcll in den Tonnen festfriere, was sich als die dramatischste Nachricht dieser Sondersendung herausstellte.<\/p>\n<p>Aus Dippoldiswalde, wo es auch ganz sch\u00f6n kalt war, vermeldete ein Reporter: &#8222;Auch der B\u00fcrgermeister war \u00fcberrascht, dass ausgerechnet seine Stadt vergangene Nacht zu den k\u00e4ltesten geh\u00f6rte.&#8220; Es gebe aber, erkl\u00e4rte besagter B\u00fcrgermeister, keine Probleme mit irgendwelchen Leitungen. In einem Ort namens Langewiesen fiel das Gas aus, weshalb es keine Br\u00f6tchen gab, was einige seiner Kunden, wie der B\u00e4cker berichtete, nicht so gut fanden.<\/p>\n<p>ARD-Reporter berichteten vom Hamburger Flughafen, dass hier routinem\u00e4\u00dfig Flugzeuge enteist w\u00fcrden, und vom Frankfurter Flughafen, dass es kaum Versp\u00e4tungen gebe. Der Kapit\u00e4n eines Eisbrechers auf der Elbe murmelte unbeeindruckt an der Kamera vorbei: &#8222;Ja, es ist schon mehr Eis als in den letzten Jahren.&#8220; Moderator Thomas Kausch selbst konnte immerhin beisteuern, dass sein Zug von Berlin nach Leipzig auf freier Stecke stehen geblieben sei, weil der Lokf\u00fchrer die Scheibe freikratzen musste.<\/p>\n<p>Die ARD schaltete schlie\u00dflich live an die Rastst\u00e4tte Osterfeld an der A9 f\u00fcr einen Lagebericht. &#8222;Die Situation ist relativ gut&#8220;, meldete der Reporter. &#8222;Der Verkehr rollt.&#8220; Die Brummi-Fahrer h\u00e4tten ihm erz\u00e4hlt, dass er sich keine Sorgen um sie machen m\u00fcsse (&#8222;Standheizung!&#8220;), und ein Polizist, den der Reporter noch ins Bild zog, vermutlich in der Hoffnung, dass er von einem schlimmen Chaos wusste, das ihm bislang entgangen war, erkl\u00e4rte punktum, es habe &#8222;recht wenig&#8220; Unf\u00e4lle gegeben und es w\u00fcrden auch nicht mehr werden, wenn es k\u00e4lter w\u00e4re.<\/p>\n<p><img src='http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/wp-content\/schnee_wdr.jpeg' alt='' \/><\/p>\n<p>Der WDR hingegen hatte &#8211; wie sich herausstellte &#8211; sein Programm offenbar deshalb kurzfristig ge\u00e4ndert, um seine Zuschauer \u00fcber die M\u00f6glichkeiten zu informieren, dass man auf diesem Eis, das man jetzt \u00fcberall findet, Dinge tun kann. Schlittschuhlaufen zum Beispiel. Die Au\u00dfenreporterin machte das auf einer sogenannten Eisbahn einmal vor und lie\u00df sich dabei gr\u00fcndlich von einem Mann beraten, der diese Bet\u00e4tigung offenbar schon mehrmals erfolgreich durchgef\u00fchrt hatte: Leicht vorn\u00fcber beugen m\u00fcsse man sich, war sein Tipp, weil: Man f\u00e4llt besser nach vorne, auf alle Viere, als nach hinten. Als Alternative bietet sich offenbar sogenanntes Eisstockschie\u00dfen an. Aber &#8222;die K\u00f6nigsdiziplin&#8220;, meldeten die Nachrichtenleute des Westdeutschen Rundfunks, &#8222;bleibt das Schlittenfahren.&#8220; Es handelt sich, wie man vielen Aufnahmen entnehmen konnte, um einen Spa\u00df f\u00fcr Jung und Alt, vor allem aber f\u00fcr Jung, was der Reporter mit den Worten kommentierte: &#8222;Wenn sie gro\u00df sind, k\u00f6nnen diese Kinder sagen: Damals, da gab es noch richtige Winter.&#8220;<\/p>\n<p><img src='http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/wp-content\/schnee_hr.jpeg' alt='' \/><\/p>\n<p>Die Kollegen aus Hessen hatten richtige Opfer der kalten Witterung gefunden. Einen Mann zum Beispiel, der nur dachte, dass seine Autobatterie leer w\u00e4re, in Wahrheit aber vergessen hatte, beim Anlassen, wie durch die Automatik vorgeschrieben, das Bremspedal zu treten! Eine Art Grinsekater moderierte die Sondersendung, auf die der HR schon w\u00e4hrend der &#8222;Tagesschau&#8220; mit einer Laufschrift hingewiesen hatte &#8211; vermutlich, damit niemand auf die Idee kam, sich diesen bl\u00f6den &#8222;Brennpunkt&#8220; im Ersten \u00fcber das kalte Wetter anzusehe. Jedenfalls begann der Grinsekater die Sendung mit den Worten: &#8222;Was ist das kalt drau\u00dfen! Und selbst im Haus muss man die Heizung voll aufdrehen, wenn man es kuschlig warm haben will.&#8220; Ja.<\/p>\n<p>Die Nachrichtenlage war auch hier un\u00fcberschaubar. Ein Mann ist irgendwo gest\u00fcrzt und hat sich den Oberschenkel gebrochen. Irgendwo anders sind Wasserrohre eingefroren. &#8222;Zahlreiche Pendler kamen heute zu sp\u00e4t zur Arbeit.&#8220; Bei Autounf\u00e4llen kam es zu &#8222;Blechsch\u00e4den&#8220;. Der HR fragte bei einem KFZ-Mechaniker nach, was eigentlich die Ursache f\u00fcr solche Unf\u00e4lle ist. Er antwortete: &#8222;Meist, weil die Leute nicht vorsichtig fahren.&#8220; Ein Meteorologe des HR sagte versehentlich, dass es gestern teilweise bis minus 23 Grad kalt war und der historische Rekord bei minus 27 Grad liege (die Sendung hie\u00df: &#8222;K\u00e4lterekord in Hessen&#8220;). Und dann schaltete das HR-Fernsehen live in die Rhein-Main-Therme, wo ein Au\u00dfenreporter berichtete, dass es auch dort ganz sch\u00f6n kalt sei, aber warmes Wasser gebe. F\u00fcr eine zweite Schaltung war er sogar in die Sauna gegangen (die ganze Sendung verz\u00f6gerte sich, bis er endlich angekommen war), um von dort zwischen halbnackten K\u00f6rpern den Zuschauern zu sagen: &#8222;Schauen Sie sich das mal an, was Sie machen k\u00f6nnen, in den n\u00e4chsten Tagen, wenn Ihnen warm werden soll.&#8220;<\/p>\n<p>Vorteil dieser Live-Aufnahmen war immerhin, dass sie nicht gerade vorher schon zu sehen waren, in der &#8222;Hessenschau&#8220;, wie Teile der Stra\u00dfenumfrage, die der HR durchgef\u00fchrt hatte und zum Ergebnis kam, dass es die Menschen ganz sch\u00f6n kalt fanden.<\/p>\n<p><img src='http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/wp-content\/schnee_rbb.jpeg' alt='' \/><\/p>\n<p>Der RBB recylete daf\u00fcr in seinem &#8222;RBB-Spezial&#8220; die Reportage von dem &#8222;K\u00e4ltebus&#8220;, der durch Berlin f\u00e4hrt und Obdachlosen hilft und im &#8222;Brennpunkt&#8220; schon gew\u00fcrdigt worden war. &#8222;Eiskalt erwischt &#8211; Berlin und Brandenburg im Dauerfrost&#8220;, hie\u00df die Sendung hier, die mit der Standardklage aller Neurodermitis-Geplagten aufwartete: &#8222;Ohne Kratzen ging heute gar nichts.&#8220; Die Nachrichtenlage sonst: Die Zahl der Unf\u00e4lle ging deutlich zur\u00fcck, der Braunkohletagebau verl\u00e4uft &#8222;noch&#8220; &#8222;problemlos&#8220;. Eine Stra\u00dfenumfrage ergab, dass ein Mann fast ausgerutscht w\u00e4re und ein anderer sicherheitshalber das Auto hat stehen lassen.<\/p>\n<p>Ein Au\u00dfenreporter und eine Meteorologin berichteten live von der Lage an der Friedrichstra\u00dfe, wo die Temperatur innerhalb der letzten Stunde von minus drei auf minus vier Grad gefallen sei. Die Moderatorin sagte, man werde sp\u00e4ter, in der regul\u00e4ren Nachrichtensendung, noch einmal zu den beiden schalten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gibt Tage, da ist die Nachrichtenlage so krass, dass nur eine Organisation wie die ARD mit ihrer f\u00f6deralen Struktur und ihrer Informationskompetenz ihr angemessen Herr werden kann. Gestern war so ein Tag, wo einiges zusammen kam. 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