{"id":14261,"date":"2011-06-14T15:01:29","date_gmt":"2011-06-14T13:01:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/?p=14261"},"modified":"2012-10-18T15:02:30","modified_gmt":"2012-10-18T13:02:30","slug":"die-bemuehtlaunigkeit-von-ndr-aktuell-nachrichten-so-lustig-wie-thomas-kausch","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/14261\/die-bemuehtlaunigkeit-von-ndr-aktuell-nachrichten-so-lustig-wie-thomas-kausch\/","title":{"rendered":"Die Bem\u00fchtlaunigkeit von &#8222;NDR-aktuell&#8220;: Nachrichten, so lustig wie Thomas Kausch"},"content":{"rendered":"<p>Es w\u00e4re irref\u00fchrend, die neue Nachrichtensendung im NDR-Fernsehen &#8222;lustig&#8220; zu nennen. Es scheint nur so, als h\u00e4tte jemand den Autoren ein Merkblatt geben, auf dem das Wort &#8222;locker&#8220; nicht nur gro\u00df und fett stand, sondern sicherheitshalber auch noch gelb markiert, rot eingekringelt und mit drei Ausrufezeichen versehen war. Entsprechend angestrengt wirkt das jetzt.<\/p>\n<p>Vergangene Woche war der tschechische Pr\u00e4sident V\u00e1clav Klaus zu Besuch in Hamburg. In &#8222;NDR-aktuell&#8220; klang das so:<\/p>\n<p>&#8222;Im Grunde war das heute in Hamburg ein Staatsbesuch ohne den eigentlichen Gastgeber. Tschechiens Pr\u00e4sident Klaus war da, aber eben der erste B\u00fcrgermeister nicht. Wo Olaf Scholz war, kann sp\u00e4ter erw\u00e4hnt werden. Erstmal schrieb sich Vaclaw Klaus ins Goldene Buch der Stadt ein und zeigte diesmal kein \u00fcbersteigertes Interesse am F\u00fcller. Bei einem Staatsbesuch in Chile hatte Klaus k\u00fcrzlich w\u00e4hrend  einer Pressekonferenz einen Kugelschreiber mitgehen lassen. Von Hamburgs zweiter B\u00fcrgermeisterin bekam er zumindest so etwas wie das passende Etui dazu. Zu beantworten ist dann noch die Frage, wo denn eigentlich Olaf Scholz, der urspr\u00fcnglich eingeplante Gastgeber, so herumlief. In Washington. Im Schlepptau der Bundeskanzlerin auf Staatsbesuch in den USA, hier in der zweiten Reihe. F\u00fcr so einen Termin versetzt man dann doch mal tschechische Pr\u00e4sidenten.&#8220;<\/p>\n<p>Soviel Bem\u00fchtlaunigkeit ist nat\u00fcrlich immer noch besser als die schablonenhaft staatstragend-lokalpatriotische Fassung, mit der das &#8222;Hamburg Journal&#8220; wenige Stunden zuvor dasselbe Ereignis aufbereitet hatte und in der der tschechische Pr\u00e4sident in Hamburg von den gl\u00e4nzenden Beziehungen seines Landes zur Hansestadt schw\u00e4rmt und der Erste B\u00fcrgermeister in Washington von den gl\u00e4nzenden Beziehungen seiner Stadt zu Amerika.<\/p>\n<p>Jedenfalls hat das dritte Programm des Norddeutschen Rundfunks seit einer Woche fast eine richtige Nachrichtensendung, was man prinzipiell begr\u00fc\u00dfen m\u00fcsste, w\u00e4re es nicht so peinlich, dass es das all die Jahre nicht gab: regelm\u00e4\u00dfige tagesaktuelle Informationen im Hauptabendprogramm. Unter dem fr\u00fcheren Chef Volker Herres, dem heutigen Programmdirektor des Ersten, war zwischen all den &#8222;Tatort&#8220;-Wiederholungen und siebzigtausend Quiz-Shows aber auch einfach kein Platz f\u00fcr sowas.<\/p>\n<p><img src='http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/wp-content\/ndr_aktuell.jpg' alt='' \/><\/p>\n<p>&#8222;NDR-aktuell&#8220; ist zehn bis f\u00fcnfzehn Minuten lang, l\u00e4uft werktags um 21.45 Uhr, wird im w\u00f6chentlichen Wechsel von Ellen Frauenknecht und Thomas Kausch moderiert und kommt aus Hannover. Das ist wohl ein Zugst\u00e4ndnis der Vier-L\u00e4nder-Anstalt an die nieders\u00e4chsische Landesregieunrg und einigerma\u00dfen absurd, weil die Infrastruktur f\u00fcr die aktuelle Berichterstattung (auch des NDR-Fernsehens) sonst in Hamburg ist. Andererseits ist &#8222;NDR-aktuell&#8220;, wie es im Abspann hei\u00dft, ohnehin eine Sendung der vier Landesfunkh\u00e4user. Die best\u00fccken &#8222;NDR-aktuell&#8220; mit umgestrickten und auf locker getrimmten Versionen von Beitr\u00e4gen ihrer Regionalmagazine.<\/p>\n<p>In der ersten Woche ging es, nat\u00fcrlich, immer wieder um EHEC, wobei sich die &#8222;NDR-aktuell&#8220;-Version eines Filmberichtes \u00fcber Bauern, die ihr Gem\u00fcse am Freitag in der Hamburger Fu\u00dfg\u00e4ngerzone an Pasasnten verschenkten, kaum wieder einkriegen konnte, wie ironisch das war, dass dann die Entwarnung f\u00fcr Gurken, Tomaten und Salat kam und die Landwirte ihr Zeugs pl\u00f6tzlich doch loswurden, aber wiederum nichts verdienten. Ein Bericht \u00fcber die \u00dcberschwemmungen fragte am Anfang, ob die Menschen denn alle nicht am Tag vorher die Warnungen vor den Unwettern geh\u00f6rt hatten, um am Ende zu merken, dass man auch nicht w\u00fcsste, wie man darauf reagieren k\u00f6nnte. Der Sprecher formulierte gespreizt: &#8222;Bleibt die berechtigte Frage &#8211; und sie bleibt ohne Antwort: Was tun gegen Land unter?&#8220;<\/p>\n<p>Weil auch ein Fitness-Studio \u00fcberschwemmt wurde, hie\u00df es aus dem Off: &#8222;Es wird eine ordentliche Kraftanstrengung werden, hier wieder alles fit zu machen.&#8220; Als am Mittwoch starke Sonnenst\u00fcrme entdeckt wurden, begann Moderator Kausch die Sendung mit dem Satz: &#8222;Heute morgen hatten wir schon Sorge, dass Sie uns heute abend nicht sehen k\u00f6nnen.&#8220; Und zu den Standard-Aufnahmen von einer Experten- und Politikerrunde zum Thema EHEC hie\u00df es mit erstaunlichem Zynismus: &#8222;Alle haben ein Wasser getrunken und einen Keks gegessen und sich dann selbst bescheinigt, so schlecht ist unser Krisenmanagement nicht. Sicher, es kann etwas verbessert werden, aber das kl\u00e4ren wir nach der Krise.&#8220;<\/p>\n<p>Fast alles ist auf eine thomaskauschhafte Art halb schnoddrig, halb wichtigtuerisch formuliert (er verabschiedet sich statt mit &#8222;Ciao&#8220; wie fr\u00fcher in &#8222;heute nacht&#8220; jetzt mit dem Satz: &#8222;Danke f\u00fcr Ihr Vertrauen&#8220;). Dieser Tonfall m\u00fcsste nicht das Schlechteste sein, wenn in der h\u00fcbschen Verpackung nicht regelm\u00e4\u00dfig der Sinn verloren ginge. So sch\u00f6n es ist, dass die Sendung Ambitionen hat und sich die Verantwortlichen offenbar bem\u00fchen, Inhalte in einer attraktiven und leicht zug\u00e4nglichen Form zu pr\u00e4sentieren &#8211; warum, zum Beispiel, eine Hauptschule in Niedersachsen vor den Problemen mit ihren Sch\u00fclern kapituliert und eine Gesamtschule am anderen Tag als Vorbild ausgezeichnet wird, vermag &#8222;NDR-aktuell&#8220; nicht einmal im Ansatz zu erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p>Die Sendung l\u00e4sst es lieber menscheln und begleitet am Tag des Atomausstiegs eine Selbsthilfegruppe krebskranker Frauen in Kr\u00fcmmel. &#8220; Nicht nur \u00dcberblick, sondern Durchblick, das wollen wir Ihnen bieten&#8220;, hatte Thomas Kausch am Beginn der Premierenausgabe gesagt, realit\u00e4tsn\u00e4her war seine \u00dcberleitung wenige Minuten sp\u00e4ter: &#8222;Soweit die Fakten. Aber es ist auch ein Tag der Emotionen, heute, nirgendwo gibt es wohl so viel Erleichterung und zugleich auch Verbitterung wie in Kr\u00fcmmel. Nirgendwo sind nach ihren Beobachtungen so geballt Leuk\u00e4mief\u00e4lle aufgetreten, Krankheit und Tod.&#8220; Fakten liefert der folgende Beitrag tats\u00e4chlich keine, nur ebenso verst\u00e4ndliche wie blinde Wut der Betroffenen, die mit dem Ausstiegsbeschluss fast nichts zu tun hat. Immerhin hat &#8222;NDR-aktuell&#8220; aus der &#8222;Hallo Niedersachsen&#8220;-Version des Berichtes den unertr\u00e4glich kitschig-propagandistischen Teil herausgeschnitten, in dem ein kleiner Junge ein Gedicht vorliest, das er seinem vor einigen Jahren an Leuk\u00e4mie verstorbenen Freund geschrieben hat.<\/p>\n<p>&#8222;NDR-aktuell&#8220; informiert seine Zuschauer nicht so sehr mit Berichten, sondern erz\u00e4hlt ihnen vor allem Geschichten. Die Quote ist gut: Die Premierensendung hatte sogar deutlich mehr Zuschauer als der unmittelbar davor laufende Leipziger Zoo-Serienkitsch &#8222;Tier\u00e4rztin Dr. Mertens&#8220;, f\u00fcr dessen Wiederholung im NDR-Fernsehen es sicher auch einen Grund gibt, wenn auch keinen guten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es w\u00e4re irref\u00fchrend, die neue Nachrichtensendung im NDR-Fernsehen &#8222;lustig&#8220; zu nennen. Es scheint nur so, als h\u00e4tte jemand den Autoren ein Merkblatt geben, auf dem das Wort &#8222;locker&#8220; nicht nur gro\u00df und fett stand, sondern sicherheitshalber auch noch gelb markiert, rot eingekringelt und mit drei Ausrufezeichen versehen war. Entsprechend angestrengt wirkt das jetzt. 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