{"id":14508,"date":"2012-11-22T14:42:30","date_gmt":"2012-11-22T13:42:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/?p=14508"},"modified":"2012-11-22T18:57:30","modified_gmt":"2012-11-22T17:57:30","slug":"auf-den-hund-gekommen-der-waermestuben-journalismus-der-zeit","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/14508\/auf-den-hund-gekommen-der-waermestuben-journalismus-der-zeit\/","title":{"rendered":"Auf den Hund gekommen: Der W\u00e4rmestuben-Journalismus der &#8222;Zeit&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Die Welt ist nicht gerecht. Die &#8222;Financial Times Deutschland&#8220; muss sterben, und Kuschelmagazinen wie &#8222;Landlust&#8220; und &#8222;Zeit&#8220; geht es bestens.<\/p>\n<p>Die von Giovanni di Lorenzo geleitete Wochenzeitung ist so heimelig und gef\u00fchlig geworden, dass sie sich auch als Heizdecke f\u00fcrs Innere vermarkten lie\u00dfe. Jan Fleischhauer hat sie neulich als &#8222;F\u00fchrungsblatt des feminisierten Journalismus in Deutschland&#8220; <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/jan-fleischhauer-ueber-die-frauenquote-a-858319.html\">bezeichnet<\/a>, wobei ich mir gar nicht sicher bin, ob Frauenmagazine \u00fcberhaupt noch so emotionalisiert und betroffen und flauschigweich daherkommen wie die &#8222;Zeit&#8220; heute.<\/p>\n<p>In dieser Woche macht &#8222;Die Zeit&#8220; mit der Frage auf, wie guter Journalismus \u00fcberleben kann, und das illustriert sie nat\u00fcrlich, wie sonst, mit einem s\u00fc\u00dfen Hund. <\/p>\n<p><img src='http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/wp-content\/zeithund.jpeg' alt='' \/><\/p>\n<p>(Die Frage, ob der Hund die Gefahr oder der Heilsbringer f\u00fcr den Journalismus ist, ist nat\u00fcrlich reine Ketzerei.)<\/p>\n<p>Nun ist es das eine, seinen Lesern ein warmes Gef\u00fchl im Bauch zu machen. Was die &#8222;Zeit&#8220; aber auch wie kaum eine zweite kann: sich selbst \u00f6ffentlich ein warmes Gef\u00fchl im Bauch machen.<\/p>\n<p>Beides gleichzeitig versucht Giovanni di Lorenzo <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2012\/48\/01-Medien-Zeitung-Selbstdemontage\">in seinem Leitartikel<\/a>, dessen \u00dcberschrift schon alles sagt:<\/p>\n<blockquote><p><b>Das Blatt wendet sich<\/b><\/p>\n<p>Hierzulande gibt es die wohl besten Zeitungen der Welt. Aber keine Branche betreibt so viel Selbstdemontage.<\/p><\/blockquote>\n<p>Er schreibt dann erst, wor\u00fcber er alles nicht klagen will, weil klagen eh nicht hilft, und scheint dann zur &#8222;ungem\u00fctlichen Pr\u00fcfung&#8220; \u00fcberzuleiten, ob ein Teil der Probleme von Zeitungen nicht &#8222;hausgemacht&#8220; sei. An dieser Stelle, schreibt di Lorenzo, sei &#8222;allerdings ein Wutausbruch f\u00e4llig&#8220;.<\/p>\n<p>Es stellt sich heraus, dass er das zentrale, hausgemachte Problem der Zeitungen darin sieht, dass die sich selbst nicht gut genug finden. Er beschwert sich unter anderem, dass &#8222;Journalisten der Printmedien&#8220; zu &#8222;manisch&#8220; das Internet lobgepriesen und ihren treuen und teuren Print-Lesern damit suggeriert h\u00e4tten, dass sie von gestern sind.<\/p>\n<p>Vielleicht bin ich da als Medienjournalist \u00fcbersensibel, aber ich lese darin, ein bisschen verschleiert, einen Aufruf, dass Print-Journalisten Print-Marketing betreiben sollen. Es setzt den wenigen verbliebenen professionellen Medienredakteuren bei Print-Medien weiter zu, die sich seit \u00fcber zehn Jahren daf\u00fcr rechtfertigen m\u00fcssen, dass sie \u00fcber die Probleme ihrer Branche so kritisch schreiben wie es ihre Kollegen bei anderen Branchen tun. Journalismus, der Probleme schonungslos benennt, ist offenbar nur dann eine gute Sache und ein fruchtbarer Prozess, wenn er nicht den Journalismus selbst betrifft. <\/p>\n<p>Abgesehen davon w\u00fcsste ich gerne, wo di Lorenzo heute einen \u00fcberkritischen Umgang der Printmedien mit sich selbst ausmacht. Umgekehrt k\u00f6nnte ich ihm Berge von Artikeln schicken, die sich lesen, als seien die Kollegen l\u00e4ngst der verl\u00e4ngerte Arm der Marketing-, Lobby- und PR-Abteilungen ihrer H\u00e4user und ihrer Branche.<\/p>\n<p>Am Ende seines Leitartikels schreibt di Lorenzo, was das gedruckte Medium alles brauche: <\/p>\n<blockquote><p>Vor allem aber braucht es die Leserinnen und Leser, die in aller Regel wissen, was sie gutem Journalismus verdanken. Allerdings m\u00fcssen sich die Bl\u00e4tter und ihre Macher diese Zuwendung im buchst\u00e4blichen Sinne auch verdienen. Wer f\u00fcr sich selbst keine Wertsch\u00e4tzung empfindet, kann sie auch nicht von anderen erwarten.<\/p><\/blockquote>\n<p>Das ist allen Ernstes sein zentraler Punkt. Er endet nicht damit, dass Zeitungen besser werden m\u00fcssen, sondern dass sie sich selbst besser finden m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Entsprechend versteht sich die Qualit\u00e4tsjournalismus-Ausgabe der &#8222;Zeit&#8220; als W\u00e4rmestube f\u00fcr die fr\u00f6stelnden Kollegen.<\/p>\n<p>G\u00f6tz Hamann schreibt dort: <\/p>\n<blockquote><p>Das geschriebene Wort steht am Anfang jeder gesellschaftlichen Debatte, doch nun sp\u00fcrt es die volle Wucht der Digitalisierung. Es geht nicht um jedes Wort, sondern um jene, f\u00fcr die auch die ZEIT steht. <\/p><\/blockquote>\n<p>Dass das so ungelenk und grammatikalisch heikel formuliert ist, ist vermutlich die Folge davon, dass die &#8222;Zeit&#8220; unbedingt ausdr\u00fccklich sagen wollte, dass sie nicht sterben darf. Dass das, was sie sagt, Gewicht hat, Relevanz. Auf <em>beinahe<\/em> elegante Art definiert sie Qualit\u00e4tsjournalismus als das, was in der &#8222;Zeit&#8220; steht. <\/p>\n<p>Das kann man nat\u00fcrlich machen, und wom\u00f6glich funktioniert es sogar im Sinne der Auto-Suggestion von &#8222;Zeit&#8220;-Machern und &#8222;Zeit&#8220;-Lesern. (Auch wenn es nat\u00fcrlich nicht wahnsinnig hilfreich ist, wenn gleich auf der n\u00e4chsten Seite der &#8222;Bild&#8220;-Chefredakteur Kai Diekmann falsch geschrieben ist und ein falsches Alter hat.) <\/p>\n<p>Zusammen mit Bernd Ulrich hat G\u00f6tz Hamann dann noch &#8222;sieben Thesen zum Journalismus&#8220; verfasst, von denen man wiederum eigentlich nur die \u00dcberschrift lesen muss: <\/p>\n<blockquote><p><b>Die Zukunft ist noch lang<\/b><\/p><\/blockquote>\n<p>Ich m\u00f6chte trotzdem die letzte, siebte These vollst\u00e4ndig zitieren:<\/p>\n<blockquote><p>Wird es in zwanzig oder drei\u00dfig Jahren noch Autos geben? Facebook? iPhones? Wir wissen es nicht. Wird es in zwanzig oder drei\u00dfig Jahren noch Zeitungen geben? Das wissen wir auch nicht. Was wir wissen, ist: Auch in Zukunft wollen die Menschen von A nach B, irgendetwas Autoartiges wird ihnen dabei helfen. Auch in Zukunft kann sich nicht jeder \u00fcber alles selbst informieren, vermag nicht jeder alles einzusortieren, folglich wird es Menschen geben, deren Beruf es ist, dabei zu helfen, vermutlich werden diese Menschen Journalisten hei\u00dfen. Solange es Worte gibt, wird es schreibenden Journalismus geben. Und so lange wird dieser Beruf einer der sch\u00f6nsten der Welt bleiben.<\/p><\/blockquote>\n<p>Mich hat diese hilflos-verzweifelt-verkl\u00e4rende Flucht ins Pathos unter dem Sinnbild des s\u00fc\u00dfen gephotoshoppten Hundes heute depressiver gemacht als alle aktuellen Untergangs-Nachrichten von Print-Medien.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Welt ist nicht gerecht. 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