{"id":15940,"date":"2013-07-30T17:33:27","date_gmt":"2013-07-30T15:33:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/?p=15940"},"modified":"2013-09-26T13:44:49","modified_gmt":"2013-09-26T11:44:49","slug":"wo-die-lokalzeitung-gar-nicht-mehr-sterben-kann","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/15940\/wo-die-lokalzeitung-gar-nicht-mehr-sterben-kann\/","title":{"rendered":"Wo die Lokalzeitung gar nicht mehr sterben kann"},"content":{"rendered":"<p>Einer der erstaunlichsten S\u00e4tze zum Quasi-Abschied der Axel Springer AG aus dem Zeitungs- und Zeitschriftengesch\u00e4ft steht auf den Seiten des unaussprechlichen &#8222;Think Tanks zur Medienkritik&#8220; namens <a href=\"http:\/\/www.vocer.org\/de\/artikel\/do\/detail\/id\/513\/der-verkauf-wird-sich-raechen.html\">&#8222;Vocer&#8220;<\/a>. Janko Tietz schreibt dort, der Verkauf der diversen Print-Produkte werde sich f\u00fcr Springer r\u00e4chen. Es sei n\u00e4mlich ein Irrglaube, dass das Gesch\u00e4ft mit gedruckten Medien tot sei. Dann folgt der Satz: <\/p>\n<blockquote><p>Auch in zwanzig Jahren werden die Menschen noch Zeitung lesen, werden sich in ihren Regionalausgaben informieren, welcher Eckladen schlie\u00dft, wie die \u00d6ffnungszeiten des Freibades sind, welcher K\u00fcnstler in der Stadt auftritt.<\/p><\/blockquote>\n<p>Wer behauptet zu wissen, wie die Menschen in zwanzig Jahren Medien nutzen werden, muss ziemlich bekloppt oder gr\u00f6\u00dfenwahnsinnig sein. Aber ich halte den Satz nicht nur als Prognose f\u00fcr die Zukunft gewagt, sondern auch als Beschreibung der Gegenwart. <\/p>\n<p>Ich lebe in Friedrichshain, einem Berliner Ortsteil mit 120.000 Einwohnern. Es gibt f\u00fcr diese Menschen de facto keinen Lokaljournalismus. <\/p>\n<p>&#8222;Berliner Morgenpost&#8220;, &#8222;Berliner Zeitung&#8220;, &#8222;Tagesspiegel&#8220; und &#8222;taz&#8220;, &#8222;B.Z.&#8220; und &#8222;Berliner Kurier&#8220;, sie alle haben zwar den Anspruch, \u00fcber das zu berichten, was in Berlin passiert. Aber das ist in aller Regel Regionalberichterstattung: Es geht politisch um den Regierenden B\u00fcrgermeister, den Senat und das Abgeordnetenhaus, inhaltlich um Themen wie den Schloss-Neubau, den neuen Flughafen, die BVG. Was in den einzelnen Bezirken passiert, Gebieten mit mehr Einwohnern als die meisten Gro\u00dfst\u00e4dte, kommt hier nur in kurzen Notizen oder zuf\u00e4lligen Schlaglichtern vor. Von meinem pers\u00f6nlichen Kiez mit den gef\u00fchlt st\u00fcndlich wechselnden Eckl\u00e4den ganz zu schweigen.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.stefan-niggemeier.de\/blog\/wp-content\/freudenberg.jpg\" alt=\"\" \/><\/p>\n<p>Reden wir nicht von Eckl\u00e4den und Freib\u00e4dern. Reden wir von einer gewaltigen Brachfl\u00e4che, deren Bebauung den zuk\u00fcnftigen Charakter der Gegend, in der ich lebe, entscheidend beeinflussen wird. Es handelt sich um den Block 74, das sogenannte Freudenberg-Areal, benannt nach der Firma, die hier bis vor wenigen Jahren angesiedelt war. Das Gel\u00e4nde ist 26.000 Quadratmeter gro\u00df, nun sollen hier 550 Wohnungen entstehen. So will es der Investor; <a href=\"http:\/\/block74.traveplatz-berlin.de\/\">einer Gruppe von Anwohnern<\/a> ist das viel zu viel.<\/p>\n<p>Es gibt heftige Diskussionen, lautstarke B\u00fcrgerversammlungen, \u00fcberzeugende und weniger \u00fcberzeugende Versuche, die Anwohner in die Planungen einzubeziehen, Kompromissvorschl\u00e4ge.<\/p>\n<p>Was es nicht gibt: eine kontinuierliche Berichterstattung \u00fcber all das in der Zeitung.<\/p>\n<p>Im Januar war ich bei einer Versammlung in der Aula der Grundschule. Die \u00fcber 200 Anwohner fanden kaum alle Platz. Sie stritten mit dem Investor und dem Bezirksb\u00fcrgermeister, forderten gr\u00f6\u00dfere Gr\u00fcnfl\u00e4chen und mehr erschwingliche Wohnungen, lie\u00dfen sich die aktuellen Pl\u00e4ne und die echten oder vermeintlichen Zugest\u00e4ndnisse erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.taz.de\/!109646\/\">Nur die &#8222;taz&#8220;<\/a> berichtete zwei Tage sp\u00e4ter \u00fcber die Veranstaltung, in einem ausf\u00fchrlichen und grunds\u00e4tzlichen Bericht. Im Mai gab es, <a href=\"http:\/\/www.taz.de\/1\/archiv\/digitaz\/artikel\/?ressort=ba&#038;dig=2013%2F05%2F14%2Fa0128&#038;cHash=b6461f931909686de7e77c33345a15e9\">ebenfalls in der &#8222;taz&#8220;<\/a>, einen Artikel \u00fcber die weiteren Entwicklungen. Die anderen Tageszeitungen haben in diesem Jahr noch nicht \u00fcber dieses f\u00fcr Friedrichshain entscheidende Bauprojekt und die Diskussionen darum berichtet.<\/p>\n<p>Wom\u00f6glich werden sie das irgendwann wieder tun. Der &#8222;Tagesspiegel&#8220; zum Beispiel hatte <a href=\"http:\/\/www.tagesspiegel.de\/berlin\/friedrichshain-planungen-fuer-ein-neues-stueck-berlin\/7466372.html\">Ende vergangenen Jahres<\/a> einen gr\u00f6\u00dferen Artikel. Aber ist das die Idee einer Lokalzeitung, dass ich sie Tag f\u00fcr Tag kaufen soll, in der Hoffnung, dass irgendwann, vielleicht nach Wochen, etwas Relevantes aus meiner Umgebung darin steht?<\/p>\n<p>Ich wei\u00df nicht, wie typisch Berlin ist. Aber ich m\u00f6chte behaupten, dass in dieser Stadt auch heute schon die Menschen nicht Zeitung lesen, um sich zu informieren, welcher Eckladen schlie\u00dft, schon deshalb, weil ihre Zeitung sie nicht dar\u00fcber informiert, welcher Eckladen schlie\u00dft.<\/p>\n<p>Zu einem gewissen Anteil haben diese Aufgabe immerhin noch die Anzeigenbl\u00e4tter  &#8222;Berliner Woche&#8220; (Springer) und &#8222;Berliner Abendblatt&#8220; (Dumont Schauberg) \u00fcbernommen. Aber die Redaktion des &#8222;Berliner Abendblattes&#8220; wurde im vergangenen Jahr <a href=\"http:\/\/www.horizont.net\/aktuell\/medien\/pages\/protected\/Sparmassnahme-Berliner-Abendblatt-entlaesst-Redaktion_110211.html\">komplett entlassen<\/a>, und ich bin mir nicht sicher, ob Janko Tietz mit seinem Postulat vom dauerhaften Bestand des gedruckten Lokaljournalismus ausgerechnet auf das berufen wollte, was kostenlose Anzeigenbl\u00e4tter darunter verstehen.<\/p>\n<p>Und sollte die Zukunft der Tageszeitung wirklich davon abh\u00e4ngen, dass es auf Dauer genug Menschen gibt, die die \u00d6ffnungszeiten des Freibades oder die Auftrittsdaten von K\u00fcnstlern zuhause auf Papier nachlesen wollen? &#8212; Informationen, f\u00fcr die es, egal ob sie nun umst\u00e4ndlich gedruckt und durchs Land gekarrt werden oder nicht, jedenfalls keine Journalisten braucht, um sie zusammenzutragen. <\/p>\n<p>Den beiden Berliner Stadtmagazinen &#8222;Tip&#8220; und &#8222;Zitty&#8220; geht es \u00fcbrigens miserabel. Der Berliner Verlag hat den &#8222;Tip&#8220; gerade <a href=\"http:\/\/www.morgenpost.de\/kultur\/berlin-kultur\/article118221054\/Neuer-Eigentuemer-des-Tip-verspricht-Ende-des-Sparkurses.html\">an eine kleine Servicejournalismus-Agentur verkauft<\/a>. <\/p>\n<p>Ich w\u00fcnschte mir, es g\u00e4be dort, wo ich lebe, einen Lokaljournalismus, der diesen Namen verdient. Vielleicht wird irgendwann jemand kommen, der es versucht. Mein Tipp w\u00e4re aber eher, dass es ein Online-Projekt wird, \u00e4hnlich wie es die <a href=\"http:\/\/www.prenzlauerberg-nachrichten.de\/\">&#8222;Prenzlauer Berg Nachrichten&#8220;<\/a> versuchen.<\/p>\n<p>Der Gedanke, dass Zeitungen schon deshalb nicht sterben werden, weil in ihnen steht, was mich angeht, weil es in meiner Nachbarschaft passiert, erscheint jedenfalls aus der Perspektive eines Bewohners von Berlin-Friedrichshain doppelt weltfremd.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/meedia.de\/print\/zeitungsmarkt-berlin-bz-grosser-verlierer\/2012\/06\/28.html\">In Berlin<\/a> wurden 2010 pro 100 Einwohner 26 Zeitungen verkauft. Zwei Jahre sp\u00e4ter waren es noch 23,3. Wenn es eine Hoffnung f\u00fcr lokale Tageszeitungen gibt &#8212; hier lebt sie nicht.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" style=\"border:none;\" src=\"http:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/b43010e7cad34ee293a835cdd3802dd6\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einer der erstaunlichsten S\u00e4tze zum Quasi-Abschied der Axel Springer AG aus dem Zeitungs- und Zeitschriftengesch\u00e4ft steht auf den Seiten des unaussprechlichen &#8222;Think Tanks zur Medienkritik&#8220; namens &#8222;Vocer&#8220;. Janko Tietz schreibt dort, der Verkauf der diversen Print-Produkte werde sich f\u00fcr Springer r\u00e4chen. Es sei n\u00e4mlich ein Irrglaube, dass das Gesch\u00e4ft mit gedruckten Medien tot sei. 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